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Sechs Schlüssel ins Jenseits: Ein Phoenix Krimi
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eBook191 Seiten2 Stunden

Sechs Schlüssel ins Jenseits: Ein Phoenix Krimi

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Über dieses E-Book

Der Melancholiker ist zurück

Ein moderner Robin Hood bricht in die Häuser der englischen Upperclass ein. Die anglikanische Kirche steht unter massivem Druck vonseiten der erzkatholischen »Bruderschaft der wahren Christen«. Ein vampirähnliches Monster und ein trauriges Gespenst treiben ihr Unwesen. Die Mitglieder der elitären Freitagabendgesellschaft um Lord Glennford werden einer nach dem anderen ermordet.
Gibt es eine Verbindung zwischen den seltsamen Vorfällen? Und was bedeuten die geheimnisvollen Schlüssel, die alle Mordopfer an einer goldenen Kette um den Hals getragen haben?
Die Spuren führen Chefinspektor Samuel Hutchingson alias der »Melancholiker« nach Glowchester City. Doch die friedvolle Fassade der Ortschaft täuscht …
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum30. Juni 2016
ISBN9783903083431
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    Buchvorschau

    Sechs Schlüssel ins Jenseits - Günther R. Leopold

    1

    Er, er hatte gerufen – und sie, sie waren alle pünktlich erschienen. Mit einer Ausnahme: Chefinspektor Samuel Hutchingson, den sie im Yard den »Melancholiker« nannten, trudelte leicht verspätet als Letzter ein. Sir Frumingway, seines Zeichens Superintendent von Scotland Yard (für die Allgemeinheit etwas wie ein Polizeipräsident), hatte seine besten Beamten zu einer dringlichen Konferenz gebeten. Alle waren gekommen: Simon Gregg, der Inspektor mit den zwei verschiedenen Augenfarben, oder Geoffrey Hoggins, der »Milchmann von Scotland Yard«, Inspektor Gordon mit seiner ihm erst kürzlich angetrauten Claire Milders* und und und … Chefinspektor Hutchingsons Verspätung veranlasste Sir Frumingway zu einem ärgerlichen Kopfschütteln. Hutchingson, in seinem viel zu weiten Anzug gleichsam versunken, quittierte es mit einem leisen, aber doch hörbaren »Oft werden die Letzten die Ersten sein«.

    Frumingway hatte es sich schon lange abgewöhnt, sich über den Melancholiker zu wundern. Der schrullige Chefinspektor war tatsächlich einer seiner besten Leute. Ohne auf dessen Unhöflichkeit weiter einzugehen, kam der Superintendent auf den Grund der ungewöhnlichen Zusammenkunft zu sprechen. »Wie Sie alle bestimmt wissen, ist das Vereinigte Königreich nicht nur für seine Schlösser mit schaurigen Gespenstergeschichten, sondern auch als Land mit den meisten Geheimbünden bekannt.« Er legte eine kleine Pause ein und sah fragend in die Runde, worauf ihm Namen wie »Freimaurer«, »Templer«, »Rosenkreuzer«, »Illuminaten«, »Skull and Bones« und andere mehr entgegengerufen wurden.

    Frumingway lächelte. »Da soll noch einer sagen, dass im Yard nicht auf Allgemeinbildung Wert gelegt wird. Doch Spaß beiseite: Wenn auch einige der erwähnten Namen nicht Old England, sondern ›God save America‹ zuzurechnen sind, im Innenministerium herrscht helle Aufregung, weil es einen neuen Geheimbund geben soll …« Der Superintendent holte tief Atem, worauf Chefinspektor Hutchingson melancholisch einwarf: »›Die Bruderschaft der wahren Christen‹. Wirklich sehr traurig für den Erzbischof von Canterbury, der wieder durch den römischen Papst ersetzt werden soll!«

    »Unglaublich, wie können Sie das wissen?« Frumingway war sichtlich überrascht.

    Der Chefinspektor nickte. »Es soll tatsächlich ernsthafte Bestrebungen geben, die von Heinrich VIII. abgeschaffte katholische Religion wieder einzuführen.« Chefinspektor Hoggins hatte soeben sein obligates Milchglas leergetrunken. »Das sind doch Kindereien«, meinte er geringschätzig, »das kann man doch nicht ernst nehmen!«

    »Sagen Sie das nicht«, konterte Frumingway. »Die im Innenministerium haben sich das ja nicht aus den Fingern gesogen. Um nochmals auf Ihre Allgemeinbildung zurückzukommen: Weiß jemand, wo sich das berühmteste Gemälde von Heinrich VIII. befindet?«

    »Im Palazzo Barberini in Rom. Hans Holbein der Jüngere hat es gemalt.« Claire Milders sagte es in einem Ton, als ob es sich um eine ganz alltägliche, banale Frage gehandelt hätte; und ihr Mann, Inspektor Gordon, konnte wieder einmal über seine Frau staunen.

    »Stimmt genau«, bestätigte der Superintendent. »Es ist keine Woche her, dass ein Irrsinniger das Bild mit einem Messer zerschneiden wollte. Die Tat wurde im letzten Moment verhindert und der ganze Vorfall totgeschwiegen. Und wissen Sie warum?«

    »Weil der Irrsinnige kein Verrückter, sondern ein gut bezahlter, professioneller Attentäter war, was natürlich traurig, sogar sehr traurig ist!« Nur der Melancholiker konnte eine solche Antwort geben.

    »Hutchingson, nach meinem Geschmack wissen Sie viel zu viel«, ärgerte sich der Superintendent.

    »Wissen sollte doch bei einem Kriminalisten kein Nachteil sein.«

    »Vorausgesetzt, dass man seiner obersten Behörde, in diesem Fall mir, davon etwas zukommen lässt. Ich stand vor dem Staatssekretär wie das sprichwörtliche ›neugeborene Kind‹.«

    »Sorry, für einen Mann der alten Schule bedeuten Vermutungen noch keine beweisbaren Fakten. Aber dafür liefere ich Ihnen etwas, das den Staatssekretär des Inneren noch mehr aufregen wird.« Um die Spannung zu erhöhen, bediente sich der Melancholiker einer seiner bekannten kleinen Kunstpausen, ehe er weitersprach. »Ich darf wohl annehmen, dass jeder der hier Anwesenden die Bedeutung Oliver Cromwells für die englische Geschichte kennt. Wenn auch der Lordprotektor erst nach Heinrichs Tod geboren wurde, auf beide traf doch die gleiche unmenschliche Grausamkeit bei der Verfolgung ihrer Feinde, namentlich aller irischen und englischen Katholiken, zu. Die Historie fragt jedoch nicht danach, für die Geschichte zählen nur staatsmännische Erfolge.«

    »Darum steht auch sein Denkmal vor dem britischen Parlament«, warf Simon Gregg ein.

    »Eben! Grausamkeit ist zwar, rein menschlich gesehen, im höchsten Maße sehr traurig, aber gibt es einen besseren Platz, um ein Denkmal besonders publikumswirksam in die Luft gehen zu lassen?«

    »Verdammt!«, Frumingway war seine Erregung deutlich anzumerken, »Chefinspektor, wollen Sie damit sagen, dass auch hier, wie im Falle von Heinrichs Gemälde, ein Anschlag geplant war?«

    »Er stand kurz vor der Ausführung. Sie wissen ja, für den Yard gibt es immer gewisse Kanäle, über die man Informationen erhält, wann und wo etwas geschehen könnte. Ich bedaure ja, dass dies im letzten Moment nicht zur Ausführung gelangte. Wir waren auf alles vorbereitet!«

    »Sie und Ihre Methoden der alten Schule!«, entrüstete sich der Superintendent. »Das wird ein Nachspiel haben!«

    Hutchingson schien Frumingways Erregung nicht aus der Ruhe zu bringen. »Ich wollte nur diesen Fall, der auch mit den Diebstählen in allerhöchsten Kreisen zusammenhängt, zu Ende führen.«

    Der Superintendent wurde immer nervöser. »Aber diese Diebstähle haben doch aufgehört; die Opfer wurden sogar auf geheimnisvolle Weise für ihre Verluste entschädigt. Oder gibt es neue Fälle?«

    »Allerdings, die gibt es!«

    »Verdammt, ich wurde darüber nicht informiert! Warum, Hutchingson, warum?«

    »Weil Sie leider – oder Gott sei Dank – ebenfalls zu jenen ›besseren Kreisen‹ gehören! Aber Sir, ich glaube, wir sollten unsere differierenden Meinungen lieber in einem privaten Gespräch fortführen.« Der Melancholiker verwies auf die fassungslose Kollegenschaft, die ihre Kontroverse gespannt verfolgt hatte.

    »Verdammt!« Der Superintendent gebrauchte dieses Wort schon zum zweiten Male. »Wieso habe ich mich nur so hinreißen lassen? Ich wollte meine besten Leute doch nur bitten, Augen und Ohren offenzuhalten. Denn in nächster Zeit dürfte sich einiges ereignen, das versichere ich Ihnen!« Der Allgewaltige raffte seine Unterlagen zusammen und erhob sich. Nicht ohne mit einem langen Finger auf Hutchingson gedeutet zu haben. »Aber Sie, Chefinspektor, Sie kommen mit mir …«

    *Beamtin von Scotland Yard, siehe den 1. Fall des Melancholikers, Wachsgesicht

    2

    Glowchester City war keine Stadt, höchstens eine größere Ortschaft. Ihre Bewohner hatten sich das hochtrabende »City« nur zugelegt, um sich von dem nicht allzu weit entfernt liegenden Glowchester Court und Glowchester Castle deutlich zu unterscheiden. Inmitten von zur Frühlingszeit herrlich blühenden Obstgärten gelegen, bot der Ort ein Bild ruhevollen Friedens. Früher einmal hatte das schrille Pfeifen einer lokalen Eisenbahn gestört, mit der man London in zwei Stunden erreichen konnte. Aber das war Schnee von gestern. Ein führendes Busunternehmen hatte die Aufgaben der Bahn übernommen, und die Autohupen nahmen sich gegen das Bahngepfeife geradezu melodiös aus.

    Wenn man der staubigen Landstraße weiter nach Süden folgte, so gelangte man bald zu einer Kreuzung, die mit großen Verkehrsschildern den Weg nach Glowchester Castle anzeigte. Der Charakter der Landschaft veränderte sich bald grundlegend. Das Obstbäume-Ansichtskartenbild wurde zuerst zur typisch englischen Parklandschaft und bald darauf zu einem mehr und mehr verwilderten Wald, durch den sich die Landstraße nur mühsam hindurchschlängelte. An einigen Stellen, wo die Bäume weiter auseinanderstanden, konnte man in der Ferne die halbverfallenen Mauern von Glowchester Castle sehen, was die geheimnisvolle Stimmung der Gegend noch verstärkte. Erst lange Zeit nach der Zerstörung des alten Kastells entschloss sich ein Verwandter des früheren Burgherrn, ein Lord Glennford, sich wieder in der Gegend um Glowchester niederzulassen. Er ließ zu diesem Zweck nicht allzu weit von der Ruine entfernt ein kleineres Schloss, nämlich Glowchester Court, errichten, das noch heute den Glennfords als Stammsitz diente.

    Wie schon erwähnt war Glowchester City alles andere als eine Stadt, und seine Bürger waren alle durchaus friedliche und ehrsame britische Untertanen, die lieber abends im »Harry zur See« aufregende Geschichten hörten, als sie selbst zu erleben. Wenn sie ihr Bier oder ihren Grog getrunken hatten und spät den Heimweg antraten, hätten sie keine zehn Pferde in die Gegend von Glowchester Castle gebracht. Nicht nur, dass die Bäume im Mondlicht gespenstische Schatten warfen, stand es bei den Ortsbewohnern fest, dass es bei den Ruinen nicht ganz geheuer war.

    Doch zum Glück gab es mit dem »Harry zur See« ein Lokal, in dem man sich sowohl körperlich als auch seelisch aufwärmen konnte. Der Wirt war früher einmal Seemann gewesen, was den sonderbaren Namen der Gastwirtschaft erklärte. Er hatte schon vor etlichen Jahren die christliche Seefahrt aufgegeben, um an einem ruhigen Platz vor Anker zu gehen. Im Augenblick lümmelte er an der Theke herum – sein Hemd immer so weit offen, dass man den tätowierten Kopf seiner einstigen Liebe sehen konnte – und hörte gelangweilt dem schleppenden Gespräch seiner Gäste zu, das sich hauptsächlich um ein Thema drehte: Eben berichtete der Vikar, der ein weitgereister und zumindest für Glowchester hochgebildeter Mann war, von seinem Antrittsbesuch bei Lady Jane, der jetzigen Schlossherrin von Glowchester Court. Nichts hätte willkommeneren Gesprächsstoff bieten können als die neuerliche Verheiratung des 15. Lords von Glowchester. Sir Glennford hatte mit seiner ersten Gattin, einer Italienerin namens Lucia Ferroni, eine überaus glückliche Ehe geführt. Tragischerweise waren sie und Godwin, ihr erstgeborener Sohn, bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

    Es war ihr letzter Wunsch gewesen, dass Douglas, der Jüngere, in ein italienisches Jesuitenkloster kommen sollte. Dort wurde er von einem Padre Cruce betreut, der sich intensiv mit den religiösen Gegebenheiten Englands auseinandersetzte und seine Ansichten an seinen Schützling weitergab.

    Sir Glennford hatte inzwischen Frank Glennford, einen entfernten Verwandten, als Adoptivsohn angenommen. Frank sollte Douglas gleichsam den verunglückten Bruder ersetzen.

    Damit nicht genug, lernte Seine Lordschaft in Frankreich eine sehr attraktive Dame kennen, die er trotz des beträchtlichen Altersunterschiedes heiratete, wodurch sie als »Lady Jane« Douglas’ Stiefmutter wurde.

    »Sie ist eine überaus vornehme Dame«, setzte der Vikar seinen Bericht fort.

    »Aber sie würde besser zu Frank Glennford als zu seinem Vater passen«, ergänzte Mr. Humps bissig. Jonathan Humps war der Redakteur der Glowchester Post, die mit Mühe und Not zweimal im Monat erschien. Er war der anerkannte Zyniker der Stadt, und es gab nicht wenige, die auf ihn stolz waren.

    Dennoch stieß sein freimütiger Kommentar auf Widerstand. Vielleicht dachte sich zwar mancher dasselbe, doch man hütete sich, es so unverblümt auszusprechen.

    »Seine Lordschaft ist ein Mann in den besten Jahren!«, opponierte der alteingesessene Apotheker lautstark.

    »Das sagt er nur, weil er selbst in den besten Jahren ist«, spöttelte Mr. Humps leise seinem rechten Nachbarn gegenüber, aber immerhin so laut, dass es die anderen hören konnten.

    Man hätte zweifellos über dieses Thema noch weiter debattiert, wäre in diesem Augenblick nicht Mr. Tobias eingetreten. Es gab Leute, die den Butler von Glowchester Court seit über zwanzig Jahren kannten, doch sie konnten sich nicht erinnern, Mr. Tobias einmal anders als in seinem konventionellen schwarzen Gehrock gesehen zu haben. Es wäre unverzeihlich gewesen, in ihm nur einen gewöhnlichen Bediensteten zu sehen. Zwar galt er allgemein als Lord Glennfords Butler, aber er war auch dessen Chauffeur, Kammerdiener und Krankenpfleger, wenn es darauf ankam – kurz, ein von allen respektierter Vertrauter Seiner Lordschaft. Und die Honoratioren von Glowchester City fanden nichts daran, einen tiefen Bückling vor ihm zu machen.

    Dass eine so wichtige Persönlichkeit ein Lokal wie den »Harry zur See« mit ihrer Anwesenheit beehrte, hatte einen allseits bekannten Grund: Jeden zweiten Freitag im Monat traf sich in Glowchester Court eine in vielerlei Hinsicht sehr unterschiedliche Herrenrunde. Die Treffen dauerten manchmal bis in die Morgenstunden, und Mr. Tobias hatte dafür zu sorgen, dass der seltsamen Freundesrunde an leiblichen Genüssen

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