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Traumzeitmonde
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eBook690 Seiten8 Stunden

Traumzeitmonde

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Über dieses E-Book

In der australischen Pilbara-Wüste stirbt auf unerklärliche Weise ein Aborigine-Stamm aus. Im Südpazifik werden hunderte Grindwale an den Strand einer winzigen Insel gespült. Eine Forschungsstation im Kaukasus misst rätselhafte kosmische Strahlung. Währenddessen tritt im äußeren Sonnensystem die Moon-Journey-Mission in ihre entscheidende Phase. Nichts von dem scheint im Zusammenhang zu stehen.Doch eine Gruppe von Wissenschaftlern beschließt, mehr herauszufinden. Bald wird das Schicksal der gesamten Menschheit in ihren Händen liegen … Sven Edmund Reiter inszeniert eine dramatische Reise an die Grenzen unseres Universums und darüber hinaus. Sein Wissenschaftsroman wird Ihre Vorstellung von der Welt und dem, was sie zusammenhält, verändern.
SpracheDeutsch
HerausgeberAdebor Verlag
Erscheinungsdatum12. Aug. 2013
ISBN9783944269092
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Autor

Sven Edmund Reiter

Dr. Sven Edmund Reiter wurde am 24. 6. 1962 in Saarbrücken geboren. Auf das Abitur mit Scheffelpreis am Institut Siegmund in Schriesheim 1982 folgte ein Studium der Geographie an der Universität des Saarlandes. Nach Diplom-Arbeit in Flensburg und Abschluss als Diplom-Geograph 1987 arbeitete er in bundesweit tätigen Umweltplanungsbüros. 1999 erfolgte der Wechsel in das Straßenbauamt Güstrow als Sachgebietsleiter Umweltschutz. 2004 promovierte er an der Agrar- und Umweltwissenschafltichen Fakultät der Universität Rostock. Seit 2014 ist er im Landesamt für Straßenbau und Verkehr M-V zuständig für ökologischen Umweltschutz, Immissionsschutz und Kompensationsmanagement. Vorträge und Veröffentlichung zahlreicher Fachartikel und Fachbücher aus dem Bereich Ökologie und Planung bestimmten bisher seine Publikationstätigkeit. In der Güstrower Schreibwerkstatt verfasste er Gedichte und Kurzprosa. Der erste Band seiner Traumzeit-Trilogie »Traumzeitmonde« erhielt eine Nominierung für den Deutschen Science-Fiction-Preis 2014. Sven Edmund Reiter lebt in Güstrow, ist verheiratet und hat drei Söhne.

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    Buchvorschau

    Traumzeitmonde - Sven Edmund Reiter

    Rink

    PROLOG – Die älteste Geschichte der Welt

    Vor langer Zeit war der Himmel dunkel und finster und die Erde lag flach und öde in tiefem Schlaf. Wie Samenkörner ruhten alle Wesen im Boden. Dann erwachte die Regenbogenschlange und schob sich durch die Erdkruste ins Freie. Viele Steine musste sie auf dem Weg nach oben entfernen. Sie schaute sich in der Öde der Erdoberfläche um und begann ihre Wanderung zu allen Punkten der Erde. Sie machte die Sonne, das Feuer, das Wasser und alle Farben. Es war ein langes und Kraft raubendes Unterfangen. Wenn sie müde war, ringelte sie sich zusammen und schlief. Sie hinterließ die Spuren ihres Weges auf dem Land und die tiefen Eindrücke ihres schlafenden Körpers im Erdreich.

    An manchen Stellen legte sie ein paar Eier. Daraus schlüpften neue Wesen, die Traumzeitwesen. Singend wanderten sie über das Land. Entlang der Wege, die sie gingen, formten sie die Landschaften, das Wasser, die Felsen und stellten die Berge auf. Auch die Tiere und Pflanzen wurden erschaffen. Zum Schluss schufen sie den Menschen. Jedes Lebewesen sollte an dem Platz bleiben, an dem es erschaffen wurde. Keines sollte sein Heimatland verlassen.

    Mit ihren Liedern benannten sie alles, was sie schufen. So wurde die Welt in der Traumzeit durch magischen Gesang erschaffen. Als die Traumzeitwesen ihr Werk getan hatten, sanken sie in die Erde zurück oder stiegen in den Himmel. Die Traumzeit ist unendlich und verbindet die Vergangenheit mit der Zukunft.

    Nachdem die Regenbogenschlange überall gewesen war, kehrte sie zurück an den Punkt, an dem sie aus der Erde gekrochen war. Sie rollte sich zusammen und wurde zu einem Berg. Dort ruht sie bis heute. Die Schlange ist die Beschützerin des Landes, seiner Lebewesen, seines Volkes und die Quelle allen Lebens.

    Wenn aber ihre Gesetze und Regeln missachtet werden, wird sie zu einer zerstörerischen Kraft, die die Verursacher zur Rechenschaft zieht und hart bestraft.

    The Rainbow Serpent Story – die Sage von der Regenbogenschlange. Freie Nacherzählung eines Traumzeitmythos der Aborigines, der indigenen Ureinwohner des australischen Kontinents.

    Australisches Outback – Montag, 26. Januar 2015

    Die Wellblechhütten sahen verlassen aus. Schon von Weitem verstärkten sie die Leere in der eintönigen Landschaft. Nach drei Stunden Fußmarsch unter der gnadenlos niederbrennenden Sonne hatte sie endlich diesen Ort erreicht, der auf sie eher den Eindruck einer verwahrlosten Lagerstätte als einer Behausung machte. Die Türen der meisten Hütten hingen schief in den Angeln und bewegten sich kaum merklich in der leichten Luftströmung. Vor herab gebrochenen Blechteilen hatten sich rote Sandwehen gebildet. Unsicher streifte sie um die Hütten. Die von der verlassenen Siedlung ausgehende, bedrückende Atmosphäre nahm sie mehr und mehr gefangen. Sie hatte eigentlich zur Begrüßung mit einer ausgelassen feiernden Menschenmenge gerechnet. Stattdessen stieß sie hier auf eine Geistersiedlung. Als wollte sie das Unbegreifliche dadurch überwinden, untersuchte sie hektisch eine Hütte nach der anderen auf irgendein Lebenszeichen. Aber sie fand nichts. Die letzten Aktivitäten der ehemaligen Bewohner mussten Jahre zurückliegen.

    Plötzlich sah sie in der Ferne eine Staubfahne, die sich über der Ebene gebildet hatte. Sie nahm den Feldstecher aus ihrem Rucksack und beobachtete den Horizont. Das immer griffbereite, sehr leistungsfähige Fernglas war ihr ganzer Stolz und sie führte es im Freiland immer mit sich. Als sie jetzt damit über die Halbwüstenlandschaft der Pilbara blickte, erinnerte sie sich daran, dass sie es für ihre erste Exkursion zu diesem Ort erworben hatte. Nach einiger Zeit schälte sich aus der Staubwolke ein überdimensionaler Range Rover heraus, der sich mit beachtlicher Geschwindigkeit aus Richtung der dahinter liegenden Hügelkette näherte.

    Sie schwenkte hinüber zu den Hügeln, wobei die in der Mittagshitze flimmernde Luft das Bild leicht verzerrte. Sorgfältig veränderte sie die Schärfeeinstellung, bis sie schließlich auf halber Höhe der Hanglage einen Sicherheitszaun entdeckte. Er umspannte eine Fläche, die nicht größer war als ein Fußballfeld. Im Gegensatz zu allem anderen an diesem Ort war diese Anlage offensichtlich neu.

    Mittlerweile hatte der Rover die Hüttensiedlung erreicht und stoppte mit einem hässlichen Quietschen inmitten einer mächtigen Kaskade aus Staub. Noch bevor sich die Sicht lichtete, schälte sich eine Gestalt aus dem Staubinferno.

    »Hey, das is hier’n Sperrgebiet, Lady! Zutritt strengstens verboten! Haben Sie die Warnschilder nicht bemerkt?« Ein bulliger Mann mit Baseballmütze in blauer Montur kam Atem ringend auf sie zu. Sein riesiger Schnauzer bebte förmlich in seinem Gesicht.

    Erst jetzt fielen Brigitte einige verblichene, gelbe Schilder mit dem international gültigen Warnsymbol für Radioaktivität auf. »Wissen Sie, ich bin hier als Wissenschaftlerin unterwegs«, entgegnete sie schnell und fing an, in ihrem Rucksack nach ihrer Bescheinigung zu kramen.

    »Das interessiert mich nicht die Bohne, Lady! Sie können hier keine Minute länger bleiben! S’ist zwar das erste Mal, dass sich hier überhaupt jemand blicken lässt, abgesehen von so’n paar Eingeborenen. Aber die meiden die Gegend sowieso. Scheint so’n Platz zu sein, an dem die grünen Ameisen träumen.« Trotz seines schweren Atems gelangen ihm einige glucksende Geräusche, die mit etwas Phantasie als Gelächter interpretiert werden konnten. »Na ja, weiß der Himmel, warum die mich in dieser gottverlassenen Gegend stationiert haben.«

    »Wer sind denn ›die‹?« Sie musterte ihn mit schnellem Blick und erkannte auf seiner Jacke einen verblichenen Aufdruck mit »Narryer Security Service«.

    »Ich bin nicht die Auskunft, Lady. Ich gebe Ihnen den guten Rat, hier schnellstens zu verschwinden. Schönen Tag noch.« Er wandte sich zum Gehen.

    Sie blieb zunächst unentschlossen stehen und fragte sich, ob Radioaktivität auf ein so kleines Areal beschränkt sein konnte. Dann zerrte sie doch noch eilig ihre Digitalkamera heraus und schoss je ein Bild der Siedlung und der Hügelkette. Als der Bullige das sah, hielt er inne und kam noch einmal auf sie zu; aber ehe er noch etwas sagen konnte, drehte sie sich um und machte sich auf den Rückweg. Während sie durch den roten Sand stapfte, konnte sie kaum einen klaren Gedanken fassen. Wut kochte in ihr hoch. Wohin waren die Bewohner der Hütten verschwunden? Seit wann durfte eine Anlage wie diese in einem Gebiet der Aboriginal People errichtet werden? Wieso trug dieser ungehobelte Mensch keine Schutzkleidung?

    Sand wurde in dünnen Schleiern vom Wind hochgewirbelt und setzte sich auf die schweißnasse Haut. Wenn sie sich so leicht ins Bockshorn jagen ließe, wäre die ganze Reise von Europa hierher umsonst gewesen. Sie würde sich bei der Regierung des Territorys beschweren.

    Endlich kehrte sie zu der Tankstelle zurück, an der ihr in Perth ausgeliehener Mietwagen stand. Sie hatte sich in der Entfernung verschätzt und ihre Wasservorräte zu früh aufgebraucht. Jede Zelle ihres Körpers verlangte nach einer kühlen Erfrischung und so riss sie die Tür zum Gastraum der Tankstelle auf. Sie blickte unwillkürlich nach oben und starrte in ein aufgerissenes, mit zwei langen Zahnreihen bewaffnetes Maul. Quer durch den Raum hing ein riesiges, ausgestopftes, etwa sechs Meter langes australisches Meereskrokodil. Sie empfand diese Dekoration als höchst ungewöhnlich – vor allem mitten in der Halbwüste. Das nächste, was sie wahrnahm, war ein alter Ventilator, der träge die stickige Luft durchpflügte. Dann erst bemerkte sie die Person hinter dem Tresen.

    »Warum so stürmisch, Lady?«, begrüßte sie der Tankwart.

    »Erst mal ein großes Glas Wasser, Mister. Dann bin ich bereit, mit Ihnen weiterzureden.«

    Nachdem der Tankwart das Wasser schwungvoll in ein riesiges Glas gefüllt und sie gierig getrunken hatte, berichtete sie ihm von dem Vorfall mit dem Sicherheitsmitarbeiter im Outback.

    »Tja, ist ’ne üble Geschichte. Die ganzen Leute da draußen sind vor’n paar Jahren gestorben. Innerhalb von ein paar Monaten, ’ne Epidemie oder so was... – sozusagen wie die Fliegen. Die Regierung oder der Kuckuck wer hat dann die Warnschilder aufgestellt und seitdem hat sich niemand mehr dafür interessiert.«

    »Der ganze Stamm an einer Krankheit gestorben!« Der Gedanke bohrte sich förmlich in ihr Hirn. Das war ein Szenario, mit dem sie selbst bei pessimistischer Gemütslage nicht gerechnet hätte. Das bedeutete nicht nur das Aus für ihr Projekt, sondern ein Teil des Weltkulturerbes wäre unwiederbringlich verloren.

    »Sie sehen ja aus, als sei die ganze Welt untergegangen. Vielleicht tröstet es Sie, dass mindestens einer dieser Eingeborenen überlebt hat. War der Sohn von so’nem alten Kauz, so was wie’n Stammes-ältester. Der Junge hat sich dann verdrückt nach Sydney, …glaube ich jedenfalls. War kurz bevor das Gebiet da abgesperrt wurde.« Da sie nichts erwiderte, fuhr er fort. »Der Junge hat von dort ’n paar Postkarten an einen Mitarbeiter der Uranfirma geschickt. Die Tankstelle ist ja die einzige Postadresse in dieser gottverlassenen Gegend. Deshalb kamen die immer hier an. Die letzte Karte hat der Typ nicht mehr mitgenommen. Die hängt immer noch da an der Wand.«

    »Kann ich mir die mal anschauen?« Das Sprechen fiel ihr schwer. Sie merkte, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten und sie konnte nichts dagegen tun. Die gesamte Tragweite der Nachricht konnte sie in diesem Moment noch nicht erfassen, aber schon jetzt ergriff sie ein Gefühl grenzenloser Traurigkeit. Schniefend und mit feuchten Augen bewegte sie sich auf die Rückwand zu. Dabei musste sie mehreren Bierdosenpaletten, Kanistern und Autoreifenstapeln in der Raummitte ausweichen. Wie durch einen Schleier erkannte sie einen ausgestopften Emu, der davor aufgestellt war. Einige hämisch grinsende Fratzen hochaufgerichteter Holzfiguren starrten ihr entgegen. Diese Tankstelle glich einem Raritätenkabinett. Das ganze Zeug musste über Jahrzehnte angesammelt worden sein. An der Rückwand angekommen, brauchte sie einen Moment, bis sie die Karte inmitten eines kunterbunten Chaos aus Blechschildern mit Autokennzeichen, Werbeschildern, Wegweisern, ein paar präparierten Fischen, einem ausgestopften, undefinierbaren Beuteltier und dazwischen gequetschten Ansichtskarten gefunden hatte. Sie betrachtete die Karte angestrengt. Das Bild auf der Vorderseite zeigte die Oper von Sydney. Auf der Rückseite war das Bild eines Mannes mit einer Schlange gezeichnet. Darunter las sie in einer unsicheren Kinderschrift die Worte: »Lieber Brown King, ich lerne sehr schnell in meiner neuen Schule. Grüße Dad von mir.« In der linken oberen Ecke war ein Absender gekritzelt.

    »Darf ich die mitnehmen?«, hörte sie sich sagen.

    »Na ja, wissen Sie, ich krieg hier nicht oft Post, schon gar nicht aus Sydney, und daher würde ich die ganz gerne behalten.«

    »Kann ich mir den Absender abschreiben?«, brachte sie mühsam hervor.

    »Aber sicher, Lady«, dröhnte der Tankwart. Sie schrieb die Adresse ab und ging wie in Trance zur Ausgangstür.

    »Radioaktivität, dass ich nicht lache«, rief ihr der Tankwart noch nach. »Urankonzerne haben hier schon mal jeden Stein umgedreht. Da ist kein Krümel Uran im Boden!« Dann fiel die Tür ins Schloss.

    Pasadena, JPL, Kalifornien – Montag, 26. Januar 2015

    »Kosmischer Graffiti-Künstler in flagranti erwischt«. So lautete die ungewöhnliche Überschrift des Artikels der Arbeitsgruppe um die Astronomin Anne Verbiscer in der altehrwürdigen »Science«, den er für die Vorbereitung der heutigen Sitzung studiert hatte. Mit Hilfe des Hubble-Teleskopes war es kürzlich gelungen, als Sonne, Erde und Saturn in einer seltenen, nahezu perfekten Konstellation zueinander standen, die hohen Reflexionswerte einiger Saturnmonde zu begründen. Er aber hatte heute die Gelegenheit, die Szenerie aus nächster Nähe, praktisch aus der ersten Reihe, zu beobachten.

    Er schaltete den Beamer an und zoomte mitten in der Fontäne hinein. Das Bild zeigte eine schier unglaubliche Farbenpracht. Lichtspiele in allen Farben des Regenbogens überschütteten förmlich die Leinwand. Um sich vorzubereiten, hatte er vorher die verfügbaren Hubble-Aufnahmen studiert, aber die Bilder der Cassini-Mission übertrafen wirklich alle Vorstellungskraft. Er schaltete auf die dreidimensionale Hologramm-Darstellung. Die Mitte des Raumes verwandelte sich in ein Meer aus tausenden von Lichtfäden, zusammengesetzt aus Abermilliarden tropfenförmiger Eiskristalle. Und durch dieses Inferno war die Sonde geflogen. Das Ganze erinnerte ein wenig an die beleuchteten Fontänen der Las-Vegas-Kasinos. Die brachten es immerhin auf etwa 30 Meter Höhe. Aber dieses Gebilde im All war Hunderte von Kilometern mächtig. Ein kosmischer Aufzug für Eiskristalle, von der Mondoberfläche zu den am oberen Bildrand leuchtenden Ringen des Saturns. Das Bild war von einer majestätischen Schönheit. Ein grandioses Schauspiel, wie er noch keines gesehen hatte; und es existierte tatsächlich im eigenen Sonnensystem. Die meisten Astronomen gingen mittlerweile davon aus, dass es sich bei der Ringbildung um ein in astronomischen Maßstäben kurzlebiges Phänomen handelte. Er freute sich gerade über das Glück in dieser kosmischen Phase der Ringbildung der Gasriesen im äußeren Sonnensystem zu leben, als seine Sinne empfänglich wurden für das Schauspiel in seiner Umgebung. Er öffnete seine Gedanken und hörte tief in sich hinein. Während er das pulsierende Farbenmeer vor seinen Augen beobachtete, kamen Töne an seine Gedankenoberfläche. Wie ein mächtiges, vielstimmiges Orchester erhoben sich seine inneren Klänge und schwemmten ihn mit sich fort. Minutenlang verharrte er in diesem Zustand, bis er sich mit Gewalt in die Realität zurück riss. In dieser Form war ihm das schon lange nicht mehr passiert und er blickte sich hastig um, ob er wirklich noch alleine im Raum war. Nachdem er sich beruhigt hatte, versuchte er sich wieder auf seine Aufgabe zu konzentrieren.

    Er spulte die Aufnahme zu einem Zeitpunkt aus der Anflugphase auf den Mond zurück. Da war er, Enceladus, einer der Saturnmonde mit seiner von unregelmäßigen, grünen Tigerstreifen durchzogenen Eiskruste. Der Enceladus als das Objekt mit dem höchsten Reflexionsvermögen im gesamten Sonnensystem, weit über dem Rückstrahlvermögen einer weißen Scheibe, war somit vergleichbar mit einem kosmischen Spiegel, der das Licht zurückwirft. Die Durchschnittstemperatur über dem Eispanzer betrug circa – 200 °C, an dem viel wärmeren Südpol stieg die Temperatur jedoch bis auf 0 °C an. Unter der Eisoberfläche mussten geheimnisvolle Kräfte am Werk sein und eine Art Geysir bilden. Dort entstanden diese gewaltigen Eispartikel und Gaseruptionen, von der Fachwelt als eine Art Kryo- oder Eisvulkanismus bezeichnet, die mit großer Geschwindigkeit ins All rasten und dort den äußeren blau schimmernden E-Ring des Saturns mit Material speisten. Diese Eiskristalle überzogen auch die anderen Monde des Saturns und verursachten auf deren Oberfläche ebenfalls einen glitzernden Belag, der somit auch sie, als Mitbegleiter des Saturns, glänzen ließ. Der Vergleich im »Science«-Artikel war daher gar nicht so schlecht gewählt.

    Ungewöhnlich waren auch die mittlerweile tausendfach durchgecheckten Analyseergebnisse dieser Eiskristallformation. Darin konnten in enormem Umfang Eispartikel, Wasserdampf, Kohlendioxid, Kohlenmonoxid sowie organische Substanzen nachgewiesen werden, wie, Erdgas und andere, höhere Kohlenstoffverbindungen, unter anderem Vertreter der Tholine, organische Moleküle, die als Vorläufer für die Bausteine des Lebens angesehen werden. »Enceladus, der Lebensbringer« hatte er vor kurzem in einem Fachmagazin gelesen. Manche Autoren vermuteten sogar, es handele sich um Spuren und Ausdünstungen einer höheren Zivilisation, die unter dem Eispanzer des Enceladus-Südpols existiere. Er malte sich aus, dass vielleicht mit der Cassini-Mission ein solcher Nachweis gelänge, speicherte die Präsentation seiner neuesten Daten ab und fuhr dann den Rechner herunter. Er schaltete den Holographie-Beamer aus und verließ den Projektionsraum in der Gewissheit, am JPL, wie das »Jet Propulsion Laboratory« abgekürzt genannt wurde, an einem der interessantesten Arbeitsplätze der Welt zu arbeiten; selbst wenn er sich noch nicht so sehr mit der Moon-Journey-Mission befassen durfte, wie er sich das wünschte.

    Macquarie Island, Subantarktis – Montag, 26. Januar 2015

    Die »Antarktis Star« schlingerte und stampfte in der mörderischen Brandung, die Gischt spritzte in meterhohen Kaskaden über die Reling. Die starke Windströmung verwandelte den Schneeregen in einen Schwarm von Eiskristallgeschossen. Ein Fehltritt und die Reise konnte ein jähes Ende nehmen. Peter Vössler blickte durch die schmalen Schlitze der zusammengezogenen Kapuze seiner Regenjacke auf das vor ihm brandende Chaos. Nicht umsonst wurden die auf der Südhalbkugel südlich des Fünfzigsten liegenden Breitengrade die »Furious Fifties« genannt. Schon bei seinem letzten Besuch war das Anlegemanöver an die Macquarieinsel ein Wagnis gewesen. Wie in den Achtzigern hatte er vor, einige Wochen in der Forschungsstation zu verbringen. Er dachte zurück an diesen denkwürdigen Aufenthalt. Bezüglich seines damaligen Alters musste er nicht lange überlegen. Die 52 hatte sich fest in sein Gedächtnis eingebrannt.

    Trotz der Strapazen hatte er die lange Reise erneut auf sich genommen, um noch einmal an den Ort zu kommen, der seinem Leben diese unerwartete Wendung gegeben hatte. Es handelte sich um einen der einsamsten Flecken Erde, den man sich vorstellen konnte. Rund eintausendfünfhundert Kilometer südlich von Tasmanien, mitten in den subantarktischen Gewässern. All die Jahre hatte er sich danach gesehnt, die Insel noch einmal betreten zu dürfen. Jenen windumtosten, faszinierenden Felsen, umgeben von eiskalter Meeresströmung, ohne Hafen oder Landungseinrichtungen irgendeiner Art.

    »Professor Vössler, bitte steigen Sie in das Beiboot«, brüllte ihn ein Matrose an. Irgendwo in der nebligen, grauen Suppe vor ihm konnte er schemenhaft etwas Dunkleres wahrnehmen. Er versuchte die Entfernung zu diesem Schatten abzuschätzen. Mehr als 3.000 Meter konnten es eigentlich nicht sein, aber er war sich nicht sicher. Die Reise zurück nach Hobart, Tasmanien dauerte vier Tage. Es war illusorisch, hier auf besseres Wetter zu warten. Man musste die Sache einfach durchreißen; das wusste Vössler ganz genau. Trotzdem kostete es ihn einige Überwindung, in die kleine, in den Wellenbergen tanzende Nussschale einzusteigen, die ihn hinüber zur Insel bringen sollte. Peter Vössler klammerte seine Vorstellungen an die in den kommenden Wochen vor ihm liegenden, zahlreichen Naturbeobachtungen, während sein Magen fast verkrampfte, als das Beiboot von der »Antarktis Star« ablegte.

    Zwischen Perth und Sydney – Dienstag, 27. Januar 2015

    Der Greyhound-Bus fuhr in die Abendsonne hinein und die Landschaft um sie herum versank stärker und stärker in einem düsteren Rostbraun. Sie hatte gleich den erstbesten Bus genommen, der die Strecke von Perth bis Sydney über Nacht befuhr. Auf diese Weise konnte sie eine weitere Übernachtung einsparen und die ohnehin knappen Projektmittel ein wenig schonen. Eine Sitzreihe weiter, ihr gegenüber saß ein nicht unattraktiver Mann. Wettergegerbte Haut, Drei-Tage-Bart, dunkelblond, ein Robert-Redford-Typ, der auffällig oft zu ihr herüber sah. Die ersten Blicke hatten sie direkt ausgetauscht, danach erwiderte er ihren Blick in der spiegelnden Scheibe. Ihr wurde bewusst, dass ihre letzte Beziehung schon eine Weile her war. Dann sah sie am unteren Rand der Spiegelung, wie er langsam die Hand unter den Rock seiner Sitznachbarin schob. Hastig wandte sie den Blick ab, bemerkte aber wie eine gewisse Erregung in ihr hochstieg. Dennoch schaute sie kein einziges Mal mehr in die Augen des Fremden. Nachdem sie zur Ablenkung ihre feingliedrigen Hände aneinander gerieben und ihren Blick darauf konzentriert hatte, rutschte sie eine Weile unruhig auf dem Sitz herum. Sie versuchte eine bequeme Stellung einzunehmen, denn eigentlich hatte sie vorgehabt zu schlafen. Aber der Gedankenwirbel in ihrem Kopf kam nicht zur Ruhe. Schließlich setzte sie sich ruckartig auf, nahm eine konzentrierte Haltung an: Da war sie. Brigitte Langendorf, 2014 im Oktober 49 Jahre alt geworden und möglicherweise auf dem Weg in eine weitere Sackgasse ihres Lebens. Sie blickte in ihren Toilettenspiegel. Ihre langen dunkelblonden Locken befanden sich mal wieder in Unordnung. Im Halbdunkel zeichnete sich ihre kleine Narbe auf der Stirn ab und einige Grübchen und Muttermale traten besonders deutlich hervor. Ja, ja. Sie war halt eben so mittelhübsch. Sie legte Wert auf eine natürliche Ausstrahlung. Schminke, Parfüm und Gel waren ihr zuwider. Dennoch wusste sie, dass sie mit ihrer durchtrainierten, schlanken Figur auf Männer attraktiv wirkte. Durch ihre offene und unkomplizierte Art hatte sie nie Kontaktprobleme. Sie konnte denn auch auf eine Reihe von Beziehungen zurückblicken. Nie aber hatte sie den richtigen Mann fürs Leben gefunden. An Kinder war nicht zu denken gewesen.

    So wie ihre Beziehungen, hatte sich auch ihr beruflicher Lebenslauf entwickelt. Sie hatte mit einem Pädagogikstudium angefangen und eine Ausbildung als Grundschullehrerin absolviert, ohne jemals in diesem Beruf zu arbeiteten. Ihr fehlte das Referendariat, das sie zu Gunsten eines Aufbaustudiums in Soziologie, Anthropologie und Sprachwissenschaften an der Universität Heidelberg nicht mehr abgeschlossen hatte. Als sie mit über 30 endlich das Studium abschloss, trug sie in erster Linie das Prädikat »Langzeitstudentin«. Anschließend hatte sie sich durch diverse Gelegenheitsjobs und Praktika gehangelt und eine Karriere als freie Mitarbeiterin gestartet. Oft dauerte ihr Anstellungsverhältnis nur wenige Monate, nie verbrachte sie länger als zwei Jahre am Stück in einer Stadt. Kurzanstellungen in Planungsbüros und Meinungsforschungsinstituten wechselten in munterem Rhythmus. Sie konnte die Menge der soziologischen Studien und Meinungsumfragen, die sie konzipiert und ausgewertet hatte, schon nicht mehr zählen. Politische Konzepte zu sozialen und demographischen Fragen für diverse Parteien gehörten zu ihrem Tätigkeitsspektrum, ebenso wie linguistische Unterstützungen für IT-Firmen oder Sprachanalysen für Zeitungsverlage. Alles in allem vorzeigbar, aber ohne klare Linie, ohne den großen Wurf.

    Das Interessanteste, was sie jemals gemacht hatte, war die Magisterarbeit in der Pilbara gewesen. Während des Studiums verbrachte sie volle sechs Monate bei dem Stamm der Noogayarrah. Sechs Monate, die ihr Leben prägten. Ihre anthropologische Abhandlung über den Stamm rief in der Fachwelt großes Interesse hervor. Einige ihrer Fachartikel erhielten eine beachtliche Zahl von Zitationen. Sie arbeitete in der Magisterphase nicht nur ethnologisch, sondern auch sprachwissenschaftlich. Damals hatte sie zahlreiche Tonbandaufnahmen angefertigt und angefangen, ein Wörterbuch der Sprache der Noogayarrah zu erstellen. Schon damals spielte sie mit dem Gedanken, daraus eine Doktorarbeit zu stricken. Leider waren ihr bei der linguistischen Feldarbeit als Studentin Fehler unterlaufen, die eine vollständige, wissenschaftliche Auswertung unmöglich machten. Als sie vor einiger Zeit die Anfrage der »Stiftung zur Rettung bedrohter Sprachen« bekam, die Sprache der Noogayarrah als Projektarbeit zu erforschen und zu dokumentieren, war sie gleich Feuer und Flamme. Ohnehin befand sie sich zu dem Zeitpunkt gerade mal wieder auf Arbeitssuche. Dieses Mal hatte sie sich besser vorbereitet und wollte wesentlich systematischer an die Sache herangehen. Insbesondere die in den Kommunikationssystemen der australischen Ureinwohner weit verbreitete Form einer komplexen Zeichensprache, die als Ergänzung zur verbalen Ausdrucksform genutzt wurde, wenn das Sprechen wie bei der Jagd und bei bestimmten Ritualen verboten war, wollte sie erforschen. Das technische Equipment war heute auch wesentlich ausgereifter. So führte sie einen speziell für die sprachwissenschaftliche Feldforschung ausgerüsteten Laptop mit Ladestation, diversen Audio- und Auswertungsprogrammen, ein hochsensibles Richtmikrofon und einen Camcorder mit sich. Und nun diese Katastrophe. War diese Tragödie auch für sie eine Katastrophe? Hatte sie nicht doch auf die Weiterbearbeitung der Daten im Rahmen einer Dissertation gehofft? Sie hatte es verdrängt, aber jetzt musste sie sich eingestehen, dass sie insgeheim diesen Wunsch gehegt hatte.

    Aber das war nichts gegen die menschliche Tragödie, die sich hier offensichtlich ereignet hatte. Sie erinnerte sich an die Zeit ihrer Magisterarbeit zurück. Wie sie das Vertrauen der Aborigines erlangte. Wie der ganze Stamm, allen voran ihr charismatischer Stammesältester, sie ins Herz geschlossen hatte. Der Djalu Djungary war einer der beeindruckendsten Menschen, den sie je in ihrem Leben kennengelernt hatte. Obwohl damals bei weitem nicht das älteste Mitglied des Stammes, hatte er aufgrund seines überragenden Wissens den Status des »Elders« erworben. Sie griff an ihre Brust und drehte das Amulett in ihren Händen. Seit er es ihr vor etwa 25 Jahren zum Abschied geschenkt hatte, trug sie es stets.

    Sie betrachtete nochmals den Zettel mit der abgeschriebenen Adresse und dachte daran, dass Djalu Djungary damals kein Kind hatte. Selbst wenn es kurz nach meiner Abreise auf die Welt gekommen wäre, konnte es heute höchstens um die 24 Jahre alt sein. Ein Strohhalm, mehr nicht, aber besser als nichts.

    Pasadena, JPL, Bürozimmer 1000, Kalifornien – Dienstag, 27. Januar 2015

    Die Sekretärin öffnete ihm die Tür und bat ihn einzutreten. Er betrat das Büro und stellte überrascht fest, dass sein Gesprächspartner noch gar nicht anwesend war. Etwas unschlüssig blieb er mitten im Raum stehen und seine Augen glitten die holzgetäfelten Wände entlang. Sein Blick fiel auf ein aufgeschnittenes Teil einer Raumsonde und er trat neugierig näher darauf zu. Halbseitig fehlten die Außenverkleidungen, was dem Betrachter einen Einblick in das komplizierte Innenleben des Raumfahrzeuges ermöglichte. Da er die Moon Passenger von Zeichnungen und 3-D-Visualisierungen mittlerweile recht gut kannte, sah er sofort, dass dieser Nachbau äußerlich eine absolut perfekte Nachbildung des Originals darstellte. Er beugte sich tiefer hinunter und stellte fest, dass der innere Aufbau, soweit er das auf die Schnelle beurteilen konnte, eine völlig andere Organisation aufwies als die zurzeit durchs Sonnensystem fliegende Sonde.

    »Erstaunlich, nicht wahr?«

    Er hatte gar nicht gemerkt, dass jemand den Raum betreten hatte, erwiderte aber ohne zu zögern: »Die Abweichungen sind frappierend. Da muss ja ein ungewöhnlicher Baumeister am Werk gewesen sein.«

    Er hörte das Schmunzeln aus der Stimme heraus, die nun verlautete: »Es war der Ungewöhnlichste, den wir kriegen konnten, aber nehmen Sie doch Platz.«

    Er trat an den Ledersessel heran und schob seine Brille zurecht, als er sich setzte. Der dicke schwarze Rahmen passte eigentlich nicht zu seinen ansonsten feingliedrigen Zügen und verlieh dem Gesicht eine gewisse Schwermut. Mit seinen 1,95 Meter, dem schlabbrigen T-Shirt und der weiten Hose erinnerte er jetzt an einen Basketballspieler der NBA in der Halbzeitpause.

    »Steven, Sie wissen, dass wir Sie langsam an Moon Journey heranführen möchten. Daher werden Sie zunächst vorwiegend mit anderen Aufgaben betraut, die aber für unsere Mission auch von zentraler Bedeutung sind. Ich benötige nun die aufbereiteten Ergebnisse des Enceladus-Vorbeifluges der Cassini-Mission bis morgen Nachmittag. PowerPoint-Präsentation, Hologrammvisualisierung und exoatmosphärische Sounds, das volle Programm für die große Politik, Sie wissen schon. Wenn Sie später die Io-Daten bearbeiten, sind die Verbesserungen der visuellen Effekte gegenüber der Cassini-Mission herauszuarbeiten. Ich brauche den Nachweis, was man mit unseren Daten in den neuen 3-D-Visualisierungs-Techniken alles machen kann.« Steven musterte sein Gegenüber hinter dem enormen Schreibtisch aus dunklem Ebenholz, der eher den Eindruck eines klinisch reinen Operationstisches als eines Büroarbeitsplatzes vermittelte. Er wunderte sich einmal mehr über das schwarze volle Haar, in dem keine einzige graue Strähne erkennbar war, obwohl der Mann bereits die Mitte Fünfzig hinter sich hatte.

    Ein blitzschnelles Lächeln schoss über Steven Winstones Gesicht, als er erwiderte: »Die Präsentation steht schon, Chef. Ist ein Audiokommentar erwünscht?«

    »Bitte nur einige Sound-Einspielungen der Enceladusgeysire. Den Rest übernehme ich dann schon selbst. Ich habe Sie übrigens in das Begleitteam für die Präsentation eingeteilt, damit Sie das Verhalten unserer Geldgeber einmal hautnah miterleben dürfen. Ein Haifischbecken ist dagegen das reinste Goldfischglas.«

    Steven lachte: »OK, Greg. Sie haben das Ganze heute um 16.00 Uhr.«

    »Na dann los, Sie Musterknabe! Schwirren Sie schon ab!«

    Greg Scott, der Leiter der Mission »Moon Journey«, schaute dem schlaksigen, jungen Mann lange hinterher. Ein außergewöhnlicher neuer Mitarbeiter im Team. Studium der Informationswissenschaften und Astronomie in Harvard. Diplomabschluss als Jahrgangsbester mit 1,0. Bereits mit 27 Promotion über »Exobiologische Untersuchungen auf den Monden des Sonnensystems« mit Summa cum laude und mehreren »Astronomy Awards« ausgezeichnet. Er würde sich habilitieren über die Ergebnisse der Mission; da war sich Scott ganz sicher. Durch sein Zweitstudium der Informationswissenschaften gleichzeitig für die Präsentation der Ergebnisse in der Öffentlichkeit mitverantwortlich, war er vor allem deshalb in das Projektteam aufgenommen worden. Doktor Steven Winstone besaß überragende Fähigkeiten bei der Visualisierung von Bewegungsabläufen und deren Umsetzung in computergestützte Animationen. Er gehörte weltweit zu den besten Spezialisten in diesem Fachbereich. Seine Visualisierungen hatten etwas Faszinierendes und sprachen fast jeden Betrachter an. Die Performance der Mission hatte sich zweifelsohne schon in der Anfangsphase seiner Tätigkeit verbessert.

    Und dennoch litt das Gesamtprojekt unter dem unerwarteten Tod von Dr. Will Johnson, einer der Gründerväter der Exobiologie. Bahnbrechende Publikationen in »Nature«, »Science« und den renommierten Fachzeitschriften der Astronomie, wie »Astrobiology« und »Astrophysics« sowie im Wissenschaftsmagazin »Spektrum der Wissenschaft«. Hatte im Jahr 2001 einen Ruf nach Yale abgelehnt, um sich ganz dem Projekt zu widmen. Für die Fachwelt damals völlig unverständlich, kannte Scott natürlich die Hintergründe der einmaligen Konstellation dieses Projektes und dessen Chance für die Wissenschaft, ja für die gesamte Menschheit. Die eigentliche Hauptlast der Mission lag nun auf Johnsons ehemaligem Assistenten, Dr. Eduardo Conti.

    Macquarie Island, Subantarktis – Dienstag, 27. Januar 2015

    Mit aller Kraft lehnte er sich gegen den anstürmenden Westwind, nachdem er die Felskante überwunden hatte. Er war für seine 73 Jahre zwar noch in hervorragender körperlicher Verfassung, doch heute zeigte ihm der Wind seine Grenzen auf. Er blickte zurück den Steilhang hinunter auf die Ansammlung von Containern und kleinen Hütten auf der Landenge Isthmus, der die Hauptinsel mit der nordöstlich angrenzenden Halbinsel verband. Der Aufstieg von der relativ windgeschützten Station der Australian National Antarctic Research Expeditions, kurz ANARE, auf das Hochplateau der Insel war schon beschwerlich gewesen. Dies war jedoch nichts gegen die Anstrengung, die man aufbringen musste, um ein Vorwärtskommen auf diesem Plateau zu ermöglichen. An Tagen wie diesem herrschte hier eine West-Windströmung, die ein Überqueren der Insel von Ost nach West nahezu verhinderte. Mit der körperlichen Wahrnehmung des Windes, der in jede Pore des Körpers kriechen konnte und jede noch so kleine Öffnung der Kleidung durchdrang, erschienen die Bilder vor seinem inneren Auge. Bilder, auf die er gewartet hatte. Bilder eines Hörsaals, in dem er den Vortrag hielt, der sein Leben verändern sollte.

    Er stand damals vor dem Scherbenhaufen seiner akademischen Karriere. Sein letzter Lehrauftrag an der Universität des Saarlandes war ausgelaufen. Er war 52 und hatte immer noch keine Professur. Das akademische System in Deutschland war in dieser Hinsicht gnadenlos. Wer es bis zur Altersgrenze von 53 nicht geschafft hatte, konnte froh sein, nicht von Sozialhilfe leben zu müssen. Der Absturz von einer hoffnungsvollen Karriere als hoch dekorierter, habilitierter Wissenschaftler ins berufliche Niemandsland hatte schon einige Fachkollegen ereilt. Man endete sozusagen als »lame duck«, die beruflich im Wissenschaftsbetrieb nichts mehr erreichen konnte, aber noch unbezahlte Vorlesungen absolvieren musste, um den Titel als Privatdozent behalten zu dürfen.

    Das ausgerechnet eine Studienreise in die Antarktis ihn vor diesem Schicksal bewahrte, hätte er sich nicht träumen lassen. Zuvor hatte er jahrelang in Australien gelebt und geforscht und mit Methoden der Satellitenbildauswertung Landschaftsstrukturen in ariden und semiariden Klimazonen analysiert. Die Wüstenzonen der Erde bildeten jahrzehntelang seinen Forschungsschwerpunkt und es gab wenige Spezialisten weltweit, die ihm fachlich ebenbürtig waren. Seine Bewerbungsunterlagen waren immer mit Perfektion ausgearbeitet, seine Vorträge makellos und doch hatte es nie für die ersehnte Professur gereicht. Die Entscheidungen von Berufungskommissionen blieben oft unergründlich und schwer nachvollziehbar.

    Durch die Krankheit eines Freundes erhielt er unverhofft die Möglichkeit, von Australien aus an einer Forschungsreise in den antarktischen Raum teilzunehmen. Ein Zwischenstopp der Reise führte auf die Macquarieinsel, wo er bei der ersten Wanderung über das Hochplateau auf das Phänomen der antarktischen Terrassenböden stieß. Man konnte noch so viel über solche Phänomene lesen, aber die eigene Anschauung übertraf alle Vorstellungen. Die Hänge der unbewohnten Macquarieinsel waren von natürlich geformten terrassenartigen Gebilden gegliedert, die starke Ähnlichkeit zu den Terrassen der Reisbauern in Thailand und China hatten. Diese Geländeform faszinierte ihn derart, dass er die Reise abbrach und sich in der Forschungsstation der ANARE einmietete. Allein und ungebunden, lebte er damals von seinen letzten Ersparnissen. Die Kinder befanden sich bereits im Studium und seine Frau hatte ihn in der Hektik zwischen Auslandsaufenthalten, Hoffen und Bangen auf den nächsten Lehrauftrag und Problemen mit den Kindern schon vor Jahren verlassen.

    Letztlich boten die Hangterrassen zwar durchaus ein interessantes wissenschaftliches Studienobjekt seines Fachbereichs, die Faszination der Insel beruhte jedoch auf der Vielfalt der einzigartigen geo- und bioökologischen Prozesse, die er mit jedem Tag auf der Insel mehr und mehr erfasste. So blieb er Woche um Woche, durchstöberte die Bibliothek der Forschungsstation nach Exkursionsberichten über die »Macca«, wie sie von Insidern genannt wurde, studierte zunächst alle geomorphologischen Berichte und beschäftigte sich schließlich mit allen Forschungsarbeiten, die dort getätigt wurden. Mit Akribie sammelte er jede verfügbare Information über die Insel, die er erhalten konnte. An den langen Abenden schrieb er diverse Manuskripte – insbesondere über die Geomorphologie und Geologie der Insel. Tagsüber erkundete er jedes Detail der Insellandschaft. Er verschoss einen Diafilm nach dem anderen, die er im Fotolabor der Station selbst entwickelte und anschließend sorgfältig archivierte. Er verfolgte dabei kein bestimmtes Ziel. Zeitweise machte er sich Hoffnungen, bei der Regierung von Tasmanien als wissenschaftlicher Betreuer der Insel angestellt zu werden. Erste Anfragen wurden aber negativ beschieden und so hatte es den Anschein, als sollte er sich in eine weitere Sackgasse hinein manövrieren.

    Er kämpfte sich Schritt um Schritt gegen den Wind voran, bis er wieder einen Blick auf die Hangterrassen werfen konnte. Dieser Anblick sollte ihm für heute genügen, da der Sturm ihm mittlerweile derart stark ins Gesicht blies, dass er beschloss umzukehren. Während des Abstiegs zur Forschungsstation begannen die Bilder wieder in seinem Kopf zu kreisen.

    Er dachte an den Tag im Jahr 1994, als das Telegramm für ihn auf der Insel eintraf. Ein Probevortrag am geographischen Institut der Universität Münster. Das Verfahren lief schon seit anderthalb Jahren. Er hatte die Rücksendung seiner Unterlagen nur noch als Formsache betrachtet. Und nun doch noch eine Einladung. Offensichtlich hatte man in den ersten Bewerberrunden keinen geeigneten Kandidaten gefunden, also noch einmal eine Chance für ihn. Aber zu welchem Zeitpunkt? Der Termin fand bereits in dreieinhalb Wochen statt. Er erinnerte sich an die hektischen Aktivitäten, um das Unmögliche doch noch zu schaffen. In einem aberwitzigen Wettlauf mit der Zeit musste er um den halben Globus jetten, um diesen Termin einzuhalten. Das nächste planmäßige Schiff traf erst zwei Wochen später ein. Er war dennoch nicht bereit, die Sache ad acta zu legen. Er machte die 4-tägige Schiffsreise zurück nach Tasmanien, flog mit einem Inland Carrier nach Sydney, erwischte dort im letzten Moment einen Interkontinentalflug, bei dem zufällig ein Platz frei wurde und landete am Abend vor seinem Termin in Frankfurt. Er checkte die Bahnverbindungen via Saarbrücken nach Münster und musste erkennen, dass er diesen Umweg nicht mehr schaffen würde. Dort lagen jedoch die Unterlagen für den in den Bewerbungsunterlagen angekündigten Vortrag über »Hangdynamik in ariden und semiariden Klimazonen der Südhalb-

    kugel«. Das Einzige, was er dabei hatte, waren seine Dias über die Macquarieinsel. Es blieb ihm nichts anderes übrig. Er musste sein Vortragsthema ändern. Noch abends im Bahnhofshotel in Münster sortierte er seine Dias für sein neues Vortragsthema »Hangterrassen der Macquarieinsel«, um am nächsten Morgen um neun Uhr bereit zu sein.

    Er erinnerte sich an die entnervte Sekretärin, die bis fünf Minuten vor dem Vortragsbeginn an der Technik werkelte, da er auf eine Doppelprojektion mit zwei Diaprojektoren und zwei Leinwänden bestand, weil er seine Dias so geordnet hatte. Das Unverständnis im restlos gefüllten Auditorium war wegen der Themenänderung groß gewesen. Er konnte aber mit einigen wenigen souveränen Einführungsworten darauf reagieren, so dass der Funke der Begeisterung allmählich auf seine Zuhörer übersprang und es ihm gelang, diese auf eine Reise in einen in vielerlei Hinsicht einzigartigen Lebensraum mitzunehmen:

    Auf ein lediglich 34 Kilometer langes, maximal 5 Kilometer breites, auf dem 54. Breitengrad gelegenes und nordnordöstlich ausgerichtetes Felsband, welches sozusagen aus hochgefaltetem Ozeanboden bestand, dessen Bildung circa 15 Millionen Jahre zurückdatierte und das sich erst seit etwa 600.000 Jahren über der Wasseroberfläche erhob. Solche als »Ophiolithe« bezeichneten Ozeankrusten an Land waren über den gesamten Erdball verbreitet. Jahrmillionenalte Zeugnisse dieser Auffaltungsvorgänge stellten beispielsweise die Inseln Kreta, Zypern und Neuguinea dar. Die Macquarieinsel als höchster Kamm des untermeerischen Macquarie-Rückens stellte jedoch den einzigen Ort auf dem ganzen Globus dar, an dem ein bestens erhaltener Meeresboden mit Gestein, das normalerweise tief unter der Erdoberfläche im Erdmantel verborgen war, über den Meeresspiegel ragte. Hier, wo die pazifische und die indisch-australische Platte zusammen stießen und flüssiges Magma aus der Erde drang und per »Seafloor Spreading« neuen Meeresboden hervorbrachte, der in beide Richtungen auseinanderdriftete. Ein einmaliges geologisches Zeugnis für die Plattentektonik mit den Bewegungen der Kontinente und submarinen Böden auf dem flüssigen Erdmantel. Er erntete die wissenden Blicke der versammelten Geographiedozenten bei der Beschreibung der Macquarieinsel als das in allen Klimaatlanten der Welt geführte Paradebeispiel für ozeanisches Klima mit extrem ausgeglichenem Temperaturgang, einer permanenten Luftfeuchtigkeit über 90 Prozent und fast immerwährender Westwindströmung ohne jahreszeitliche Schwankungen. Sein eigentliches Thema, die Theorien zur Entstehung der Hangterrassen, im Zusammenspiel von Hangrutschungen, Kammeisbildung, Frostwechsel, Polstervegetation und Winderosion nutzte er geschickt zur Gliederung des Vortrages, der jedoch von dem Feuerwerk der verschiedenen Aspekte lebte. Die Lebensgemeinschaften hob er sich für den Schluss des Vortrags auf. Dabei streifte er die vorwiegend aus Tussokgräsern, Rosettenstauden, Zwergsträuchern und Azorella-Polsterpflanzen bestehende Vegetation der Insel, auf der es keine Bäume, ja noch nicht einmal höhere Gebüsche gab, nur kurz und erwähnte, dass es auch dem Menschen nicht gelungen war, Gehölze anzusiedeln, was er anhand von Archivbildern fehlgeschlagener Ansiedlungsversuche in der Nähe der Forschungsstation nachweisen konnte.

    Er spürte noch einmal die sich ausbreitende traurige Stimmung, als er von der einzigartigen Tierwelt berichtete, die der Mensch einst so gnadenlos dezimierte. Robbenfänger hatten nach der Entdeckung der Insel im Jahr 1810 die weltweit nur auf dieser Insel vorhandene Pelzrobbenart innerhalb von zehn Jahren vernichtet. Dann begann eine Jagd auf Seeelefanten und Pinguine, die zu Hunderttausenden wegen ihres tierischen Öls getötet wurden und schließlich auch zur vollständigen Ausrottung der Königspinguine auf der Macquarieinsel führte. Noch einmal fühlte er die mit Händen greifbare Erleichterung im Saal bei seinen Ausführungen über die endlich im Jahr 1933 erfolgte Unterschutzstellung und die Erholung der Tierpopulationen, die schon in den 80er Jahren mit mehreren Millionen Pinguinen, 100.000 Seeelefanten und etwa 1.000 Pelzrobben zu verzeichnen war. Zum Schluss hatte er es sich nicht nehmen lassen, mehrere Bildfolgen der nun unumschränkten Herrscher der Insel, der Seeelefanten, zu zeigen. Wenn diese tonnenschweren Kolosse am Strand auftauchten, wichen die anderen Tiere zurück. Insbesondere wenn sie ihre Balzkämpfe durchführten, konnten sie alles über den Haufen walzen, was sich auf ihrem Weg befand. Selbst die eigenen Jungtiere kamen bei diesen Kämpfen des Öfteren zu Tode.

    Das Meer, die Landschaft und die Tiere vermischten sich in seinem Vortrag und in der Doppelprojektion der Bilder zu einer furiosen Beschreibung, die sowohl wissenschaftlich als auch ästhetisch das gesamte Auditorium fesselte.

    Als er schließlich nach einigen Stunden Fußmarsch die Hütten der Station am Hangfuß erreichte, schien es ihm, als erlebe er noch einmal die stehenden Ovationen, die den Abschluss seines Vortrags begleiteten.

    Sydney, Australien– Mittwoch, 28. Januar 2015

    Brigitte fühlte sich wie gerädert. Sie hatte während der Nachtfahrt im Greyhound nur minutenweise geschlafen. Nun blinzelte sie in die helle Morgensonne über dem Hyde Park in Sydney. Sie trank einen starken, schwarzen Kaffee in einem kleinen Stehcafé und suchte die Adresse im Stadtteil Newtown auf dem gerade gekauften Stadtplan. Mittlerweile beschlichen sie leise Zweifel, ob ihre Fahrt hierher wirklich sinnvoll gewesen war. Die Postkarte war immerhin 14 Jahre alt. Als sie geschrieben wurde, musste der Absender fast noch ein Kind gewesen sein. Und dieses Kind war allein, zumindest ohne nähere Angehörige, in eine Großstadt wie Sydney gezogen. Letztlich erschien es ihr immer unwahrscheinlicher, dass sie den Sohn von Djalu Djungary noch antreffen könnte. Aber was sollte sie sonst tun? Der Junge war ihr einziger Anhaltspunkt. Also machte sie sich auf und ging schnellen Schrittes, aber ohne große Hoffnung, durch die Straßenschluchten von Sydney. Nach über einer halben Stunde Fußmarsch erreichte sie Newtown. Sie wanderte eine Weile zwischen den Fassaden viktorianischer und moderner Häuser hindurch, bis sie schließlich die auf der Postkarte angegebene Adresse gefunden hatte.

    Es handelte sich um ein massiges Gebäude, in dessen mehrgeschossige, stufig abgeschrägte Vorderseite zahlreiche Balkone mit dahinter liegenden großen Fensterfronten eingelassen waren. Brigitte zählte insgesamt vier Stockwerke. Als sie zum Eingangsbereich herantrat, stellte sie fest, dass in diesem Komplex offensichtlich sehr viele Parteien wohnten. Ihr Herz klopfte, als sie die Tafel mit den Namensschildern durchging. Bei der ersten hektischen Übersicht, ließ sich der Name, den sie suchte, nicht entdecken. »Ganz langsam«, dachte sie bei sich und ging die Schilder noch einmal systematisch durch. So sorgsam sie auch prüfte, den gesuchten Namen fand sie einfach nicht. Enttäuschung machte sich breit. Sollte sie ihre Recherche an diesem Punkt einstellen und völlig ohne Ergebnis abbrechen? Hilflos blickte sie nochmals über die unübersichtliche Schilderflut. Eines der Schilder war offensichtlich handgeschrieben und über die Jahre bis zur Unkenntlichkeit verblichen. Die Wohnung musste im vierten Stock liegen. »Wenn du bis hierhin gekommen bist, kannst du diesen kleinen Schritt auch noch gehen«, entschied sie für sich. Gerade in diesem Moment öffnete sich die Eingangstür und eine Frau mit einem Kinderwagen wollte das Haus verlassen. Brigitte stürzte schnell nach vorne und hielt ihr die Tür auf. Nachdem sich die Frau einige Schritte entfernt hatte, schlüpfte Brigitte in den Hausflur. Sie stieg die Treppen hinauf bis in den vierten Stock und bewegte sich langsam durch den halbdunklen Flur. Auch hier entdeckte sie wieder so ein verblichenes Namensschild. Entschlossen drückte sie auf die Klingel. Sie hatte kaum die Hand zurückgezogen, als sich die Tür auch schon öffnete.

    Ein junger Aborigine erschien in der Türöffnung. Das erste, was an ihm ins Auge sprang, waren seine weißblond gefärbten Haare, die er offensichtlich mit Gel festigte und sorgfältig zurückgelegt hatte. Diese bildeten einen auffälligen Kontrast zu der typischen dunklen Hautfarbe. Seine Gesichtshaut aber war von so ebenmäßigem Teint, wie Brigitte es noch nie bei einem der Ureinwohner Australiens gesehen hatte. Er war modern gekleidet und trug Jeans und ein weißes Fliegerhemd. Er mochte Mitte 20 sein, war also genau im richtigen Alter. Sie war so überrascht von seiner Erscheinung, dass es ihr die Sprache verschlug.

    »Sie wünschen bitte?«, sprach sie der junge Mann mit einer Stimmlage an, die seinem angenehmen Äußeren in nichts nachstand.

    Hastig brachte sie hervor: »Mein Name ist Brigitte Langendorf. Ich bin auf der Suche nach Djalu Djungary und hoffe, dass Sie mir etwas über seinen momentanen Aufenthaltsort sagen können. Nach meinen Recherchen könnten Sie sein Sohn sein.«

    »Warum sollte ich ausgerechnet Ihnen eine Auskunft geben?«, entgegnete der Aborigine und machte Anstalten die Tür wieder zu schließen.

    »Er scheint tatsächlich sein Sohn zu sein«, dachte Brigitte und überlegte blitzschnell, wie sie das Gespräch fortführen könnte.

    »Sehen Sie, dies hat mir ihr Vater geschenkt, als ich ihn das letzte Mal besuchte«. Während sie dies aussprach, zog sie ein Amulett aus ihrem Ausschnitt.

    Ein plötzlicher Hauch von Interesse huschte über sein Gesicht: »Es gibt nicht viele ausserhalb unseres Volkes, die über so was verfügen.« Sein Kinn deutete in Richtung des Amuletts: »Sie müssen ihn wirklich gut gekannt haben.« Er zögerte und fuhr dann fort: »Sehr gut sogar …«, dabei griff er sich unwillkürlich an die Brust und umfasste unter seinem Hemd einen Gegenstand, der an einem Lederband um seinen Hals hing. Als er Brigittes aufmerksamen Blick bemerkte, ließ er sein Hemd los und strich sich mehrmals über die Brust.

    Brigitte hakte nach: »Ja, ich habe eine zeitlang bei Ihrem Stamm gelebt. Das war aber vor Ihrer Geburt. Ich habe von Ihrem Vater viel über Ihre Kultur gelernt. Ihr Vater hat mich immer Migaliyee genannt.«

    »An den Namen kann ich mich erinnern«, wunderte sich der Aborigine. »Es bedeutet ›weiße Freundin‹. Mein Vater hat diesen Namen in der Vergangenheit öfter erwähnt.«

    »Ja, Ihr Vater ist wirklich ein außergewöhnlicher ….«, setzte sie an.

    »Ich muss Sie enttäuschen«, fiel er ihr ins Wort, »mein Vater ist tot. Er ist vor einigen Jahren gestorben.« Dann murmelte er leise, fast unhörbar: »Er ist jedenfalls für diese Welt unerreichbar. Für Leute wie Sie ist er tot.«

    »Was ist mit Ihrem Stamm passiert? Wie konnte es zu diesen vielen Todesfällen kommen?«

    »Es war eine Epidemie, eine einfache Grippe. Das hätten die meisten Europäer oder Amerikaner locker weggesteckt. Das Immunsystem der meisten Aboriginal People ist aber nicht auf so etwas vorbereitet.«

    »Dann sind Sie der letzte Überlebende des Stammes!« Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Wissen Sie, ich bin von der Stiftung für die Rettung bedrohter Sprachen beauftragt, die Sprache Ihres Stammes zu dokumentieren. Da Sie offensichtlich der letzte Mensch auf der Welt sind, der diese Sprache spricht, wäre ich dringend auf Ihre Mithilfe angewiesen.«

    Der junge Mann antwortete barsch: »Ich spreche Englisch, Französisch und Spanisch. Ich gehe hier in Sydney auf ein College für Hochbegabte und muss mich dort auf meine Aufgaben konzentrieren. Die Sprache meines Stammes ist tot.« Brigitte fiel auf, dass der Junge tatsächlich ein fließendes Englisch ohne den geringsten Akzent sprach. Er machte keine Anstalten, sie hereinzubitten. Also musste sie versuchen, das Gespräch in dieser Tür- und Angelsituation fortzuführen.

    »Aber Sie sind doch noch da und Ihr Land ist noch da. Wissen Sie überhaupt, dass ein Sicherheitsdienst das Betreten Ihres Terrains verhindert?«

    Die sonore Stimme klang leicht brüchig und ein Anflug von Trauer umspielte seine Augen, als er tonlos hervorbrachte: »Die Traumpfade meines Stammes sind verloren. Die Traumzeitwesen haben uns verlassen. Nie mehr wird jemals wieder ein Mensch über unsere Traumpfade gehen. Mir liegt nichts mehr an dem Land. Ich gehe meinen Weg jetzt unabhängig von meinen Vorfahren. Ich werde niemals mehr an den Ort meines Stammes zurückkehren.«

    »Aber vielleicht wird dort bald Uran abgebaut.«

    »Davon weiß ich nichts und daran glaube ich auch nicht«, erwiderte der junge Aborigine mit einem seltsamen Anflug von Sicherheit in der Stimme. Sie standen immer noch so wie zu Beginn der Unterhaltung – er in der halboffenen Tür und sie im Halbdunkel des Flurs. Sie hatte zeitweise Probleme, im Gegenlicht sein Mienen-spiel zu erkennen.

    »Wieso wollen Sie das so genau wissen?«, fragte sie rasch: »Liegt es daran, dass Sie einen Mitarbeiter der Uranfirma kennen. Einen gewissen Brown King?«

    Aber anstatt auf ihre Frage einzugehen, erklärte er nur kurz angebunden: »Bitte gehen Sie! Ich habe keine Zeit mehr.« Er blickte ihr noch einmal flüchtig in die Augen und schloss ohne ein Wort des Abschieds die Tür.

    Pasadena, JPL, Kalifornien – Mittwoch, 28. Januar 2015

    Mei Ling kam wie immer mit einem Lächeln auf

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