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Manchmal kommt der Wind einfach nur von vorn: Meine Leukämie und ich
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eBook289 Seiten4 Stunden

Manchmal kommt der Wind einfach nur von vorn: Meine Leukämie und ich

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Über dieses E-Book

Manchmal verändert sich das Leben unmerklich und wir spüren die Scherben nicht, auf denen wir barfüßig weitergehen. Oder aber der Wind kommt einfach nur von vorn – ein stürmischer Angriff, dem wir nichts entgegenzusetzen wissen, der ratlos und verzweifelt macht. Eines ist sicher: Wir wissen nicht, ob wir dafür bereit sind.
Markus König steht mitten im Leben, als ihn die Diagnose trifft: Leukämie. Mit großer Aufmerksamkeit beobachtet er seitdem sich und seine Umwelt und berichtet mit entwaffnender Ehrlichkeit von seinem Kampf zurück ins Leben. Ein Buch zum Lachen und Weinen – und über die Kräfte, die uns retten können.
SpracheDeutsch
HerausgeberAdebor Verlag
Erscheinungsdatum16. März 2015
ISBN9783944269207
Manchmal kommt der Wind einfach nur von vorn: Meine Leukämie und ich
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    Buchvorschau

    Manchmal kommt der Wind einfach nur von vorn - Markus König

    Markus König

    Manchmal kommt

    der Wind

    einfach nur von vorn

    Meine Leukämie und ich

    Adebor Verlag

    Heftig schlägt mir der Wind ins Gesicht, peitscht mich aus. Ich stemme mich gegen ihn, darf nicht stehen bleiben, muss weiter. Die Berge um mich herum grollen bösartig, zittern, beben.

    Die Wolken hatten sich aufgetürmt, ignorierte Vorzeichen eines Unwetters, das schneller kam, als zu vermuten war. Was sind schon hundert Höhenmeter. Der Gipfel ist greifbar nahe, die Gelegenheit günstig, nicht wiederkehrend. Warum verstreichen lassen?

    Donnern. Beängstigend nah. Ich zähle die Sekunden. Ein Blitz. Die Dunkelheit, aufgezogen mit dem Gewitter wie ein Inferno aus Dantes tiefster Phantasie, wird schlagartig abgelöst von gleißender Helligkeit. Ich sehe den Weg für einen Augenblick vor mir, verliere ihn. Regen setzt ein. Unmengen ergießen sich aus den schwarzen öligen Wolken, die mittlerweile die Berge um mich verhüllen.

    Ein Lichthieb, ein brutaler Schlag wirft mich auf die Knie. Das schaffe ich nie. Ich rutsche aus, der Rucksack zwingt mich auf den Rücken. Ich atme panisch, schlittere im losen Geröll einige Meter talwärts. Nirgends ein Unterschlupf.

    Schlamm überall. Ich zwinge mich zu klarem Denken. Vorwärtskommen, nur vorwärts, auf die Beine. Bäche schießen hinab, vereinigen sich zu Flüssen, werden zu Wasserfällen, die fortreißen, ins Tal tragen, was sich ihnen in den Weg stellt. Steine, Erde, ganze Krüppelkiefern verschwinden tosend in der Tiefe.

    Grell blitzt es auf. Unmittelbar neben mir. Ein Geräusch, so laut, so drohend, dass es mir die Luft aus den Lungen presst. Der Sturm rast, treibt die Wolken vor sich her, nimmt mit sich, was wehrlos ist, Angriffsfläche bietet.

    Ich bleibe stehen, leicht gebückt, wage einen Blick zum Himmel, die Faszination des Schauspiels ist zu groß. Bemerke einen schwarzen Vogel, der sich mühelos den Böen entgegenstellt, sie seinem Flug nutzbar macht.

    Es kracht höllisch, holt mich zurück. Renne, renne. Ich ziehe den Kopf ein, als ob es mir Rettung brächte, bin durchnässt bis auf die Knochen. Renne, Renne. Atemlos …

    Die Blitze kommen jetzt pausenlos. Kanonenschläge, krachende Böller, die den Boden umpflügen. Steine stürzen mit mir ins Tal. Ich falle, raffe mich keuchend auf. Schneller, schneller. Eine irrsinnig dröhnende, heiße Faust erwischt mich ohne Deckung …

    I. Gegenwind

    1

    Ich wache schlagartig auf. Als hätte ich einen Faustschlag an die Stirn bekommen. Die Blutzufuhr unterbrechend, bringt der brutale Angriff undurchsichtige Orientierungslosigkeit mit sich. Ich versuche mich wie unter Wasser rudernd in die Wirklichkeit zu versetzen. Panik kündigt sich an. Ich spüre mein Herz gegen die Rippen trommeln. So unvermittelt herausgerissen aus einer tiefen, drückenden Dämmerung, erinnert der Weg in die reale Existenz an einen verschlungenen Irrgarten. Ein dumpfes Klopfen pumpt meinen Kopf auf. Latenter Druck beginnt sich zu manifestieren. Ich bemühe mich, gleichmäßig zu atmen.

    Schwärze. Ich taste nach meiner Brille. Ein im Augenblick absolut unnützes Utensil. Meine Augen müssen sich erst an die tintige Finsternis gewöhnen. Reichlich desorientiert fingere ich nach dem Wecker, fege ihn fast vom Nachttisch. Er kann es nicht sein, der mich gepackt und aus der vollkommenen Abschottung gezerrt hat. Es besteht kein Grund aufzustehen, ich habe mir vor Silvester frei genommen, will ausschlafen.

    Ich überlege, ob ich mich noch mal herumdrehe, um mein Vorhaben ohne längere Unterbrechung in die Tat umzusetzen. Oder gehe ich aufs Klo? Kurz aufstehen. Ich wanke ungelenk hinaus, es sind nur ein paar Schritte. Irgendwie, ich weiß nicht. Mir ist so …

    Ich schlage langsam die Augen auf, Annette über mir, mit einem nassen Tuch in der Hand. Ich liege, die Knie an der Brust, zusammengerollt auf den glatten Fliesen. Es ist eisig kalt, Schweiß läuft mir über die Stirn. Oder ist es Wasser?

    Sie ruft mir etwas zu, bläht sich unwirklich auf, ist kilometerweit weg, unerreichbar, versucht mich aufzurichten. Hat Schwierigkeiten mich zu bewegen. Mit letzter Kraft gelingt es ihr.

    Nun sitze ich schräg an die Wand gelehnt auf dem Boden. Will aufstehen. Chancenlos. Meine Beine gehorchen mir nicht, als wären sie amputiert und durch Prothesen ersetzt – meiner Gewalt entzogen. Annettes Worte kommen näher. Ein lautes Geräusch hat sie geweckt. Was meint sie? Ich muss ins Bett? Ohne sie geht das nicht.

    Mein Gott, ist mir schlecht. Immerhin schafft es mein Körper wieder, stückweise seine Bewegungen zu koordinieren, Verbindungen zwischen Gehirn und Gliedern herzustellen. Vorsichtig erhebe ich mich mit Annettes Hilfe, taumle. Lehne mich an die Wand. Ruhig. Die Fassung wiederfinden.

    Bevor es ins Bett geht, muss ich mich säubern. Ich bin widerlich verdreckt. Das ist mir mehr als peinlich. Annette lässt sich nichts anmerken, bleibt erstaunlich souverän. Ich befürchte, dass die Ohnmacht mich erneut einholt, obwohl die abhanden gekommenen Lebensgeister zurückkehren und sich bei mir mit rasendem Kopfweh melden.

    Mein Spiegelbild erschreckt mich zutiefst. Ich erkenne mich kaum wieder. Auf der Stirn hat sich eine riesige Beule gebildet, groß wie ein Apfel, dunkelrot. Ich taste sie schockiert ab. Unglaublich.

    Gemeinsam mit Annette schaffe ich es ins Schlafzimmer, lege mich hin. Nachdenken setzt ein. Ich versuche zu begreifen, was geschehen ist. Bin ich wirklich bewusstlos geworden? Eine ganz neue Erfahrung. An was erinnere ich mich? Mir fehlt einiges.

    Annette holt einen Kühlakku. Den halte ich vorsichtig an den Kopf. Ich befingere wie unter Zwang ständig mein verformtes Oberhaupt. Das Horn ist enorm. Sitzt wie angeklebt auf der linken Seite. Wenn es nur nicht so wehtun würde. Ich könnte eine Rolle als Quasimodo übernehmen. Beim Casting hätte Antony Quinn keine Chance gegen mich.

    Was soll nun werden? Zum Arzt? Bloß nicht. Ich bin ja im Bett und hier kann mir nichts mehr passieren. Außerdem geht es mir um einiges besser.

    Plötzlich zieht erneut Nebel auf. In mir kriecht eine schonungslose, bitterkalte Angst hoch. Schweiß strömt, mein Puls rast. Kapitulation. Ich bitte Annette, den Notarzt zu rufen, weiß mir sonst keinen Rat.

    Erstaunlich schnell klingelt es und zwei grüne Männchen fallen über mich her. Zum Glück keine Aliens, sondern der Notarzt und ein Sanitäter. Man befragt mich, beginnt nebenher mit der Untersuchung. Das Antworten überlasse ich Annette. Sie erklärt den Samaritern das Vorgefallene so genau wie möglich. Papiere rascheln, Instrumentarium wird in Stellung gebracht, der Blutdruck gemessen und die Beule auf der Stirn begutachtet. Sie scheint einigen Eindruck zu hinterlassen. Man berät sich, fällt ein Urteil. Ab ins Krankenhaus. 40 Jahre sind seit meinem letzten Aufenthalt in einer Klinik vergangen. Und nun das. Einen Tag vor Silvester. Ein Desaster, doch ich bin wehrlos, füge mich.

    Der Doktor und sein Helfer stützen mich links und rechts, geleiten mich zum Krankenwagen. Ich bemerke, dass sich inzwischen die halbe Nachbarschaft eingefunden hat, um das Spektakel zu beobachten. Sensationsgeiles Gelichter. Dann weiß es morgen das halbe Dorf. Mit letzter Kraft schaffe ich es über einen hohen Tritt in den Wagen, muss mich hinlegen, werde angeschnallt. Die Tür knallt zu und die Fahrt beginnt.

    Kaum fünf Minuten sind vergangen, als der Rettungswagen hält. Angekommen. Und ich dachte, das Jahr ist abgehakt. 30. Dezember. Ich befinde mich im Notfallzentrum.

    Bald liege ich auf einer Bahre und werde in einen Saal geschoben, der mit Vorhängen separiert ist und schonungslos seine Bestimmung offen legt. Ein Warteraum für die grob Angeschlagenen, angefüllt mit Hoffen und Bangen. Die Leichtgewichte sitzen verstreut in der Eingangshalle, kommen nicht in den Genuss einer Bevorzugung. Mir ist kalt. Ich friere, als befände ich mich am Polarkreis. Hätte gern eine Decke. Ich fühle mich gut, will mich aufsetzen. Mein Versuch wird bemerkt und ich werde brüsk gemaßregelt. Inzwischen stelle ich selbst fest, dass es besser ist, mich nicht zu verausgaben. Jede Bewegung fällt mir schwer. Blei hängt an mir wie ein Tauchergürtel.

    Ich hoffe, dass Annette bald eintrifft, ich brauche Unterstützung, bin seltsam entblößt und angreifbar. Sie ist nicht zu sehen, und ich halte fortwährend Ausschau nach ihr wie nach einem rettenden Hafen bei Sturmwarnung.

    Erstaunlich schnell nimmt sich ein Arzt meiner an. Er untersucht mich eingehend, stellt die üblichen Fragen. Vorerkrankungen, Allergien und Medikamentenunverträglichkeiten, routiniert arbeitet er seinen Anamnesebogen ab. Da die Schwellung an meinem Kopf mittlerweile gigantische Ausmaße angenommen hat, entscheidet er sich für ein CT. Noch einmal Blutdruck messen, Röntgen und EKG. Komplettes Labor. Ich ergebe mich der Vorsehung, die Hände lasse ich unten.

    Schließlich findet mich Annette im Labyrinth der Notaufnahme, weicht mir nicht mehr von der Seite. Ihre Nähe wirkt auf mich wie ein Ruhekissen. Inzwischen hat man mich in einen stark frequentierten Gang abgeschoben und ich werde nach jeder Untersuchung hier geparkt. Während ich warte, schnürt mich das ganze Elend, das sich hier ansammelt, massiv ein. Blut, Schmerz und Tränen, in Hektik verpackt.

    Nach reichlich zwei Stunden finde ich mich mit einigen anderen Patienten in einer Art Abstellraum wieder. Es herrscht eine Atmosphäre, deren Beschreibung scheitern muss. Die Wirklichkeit ist beklemmender als jedes Bild, das die Szenerie nur unscharf mit verstelltem Fokus abbilden kann. Stöhnen, Schluchzen, Wimmern, eine traurige Geräuschkulisse wahren, existentiellen Leids. Ich fühle sich erbärmlich in dieser bedrückenden Umgebung, Annette geht es nicht anders.

    Der Arzt, der mich anfänglich untersucht hat, taucht auf. Er kann sich keinen Reim auf das Geschehen machen, setzt auf Sicherheit, hundert offene Fragen sind zu beantworten. Das kostet einiges an diagnostischem Aufwand und lässt sich nur stationär bewerkstelligen. Auch das noch. Eine grausige Vorstellung, Silvester im Krankenhaus. Es poltert in mir. Meine Nerven spielen Bowling, ich fluche hemmungslos, ohne einen Ton von mir zu geben. Es dauert geraume Zeit, bis feststeht, wo man mich unterbringt. Innere Abteilung, Isolierstation. Gefällt Annette ganz und gar nicht. Ich warte erst mal ab.

    Sie macht sich auf, die notwendigsten Dinge zu organisieren. Währenddessen schafft man mich in einem quietschenden Rollstuhl auf Station. Eine verheißungsvolle Entwicklung. Statt liegen zu müssen, darf ich nun sitzen. Es geht aufwärts. Ein Pfleger nimmt mich in Empfang, schiebt mich kurzerhand in ein abgelegenes Zimmer. Der Fluchtweg ist ellenlang – ein 10.000-Meter-Lauf – viel zu weit für mich, kein Notausgang in Sicht.

    Ich verschaffe mir einen ersten Überblick. Ein Dreibettzimmer. Nummer Eins ist schon belegt. Der Pfleger weist mir das freie Bett am Fenster zu und verabschiedet sich.

    In der Ecke neben der Tür befindet sich eine Waschgelegenheit mit Waschbecken und Spiegel. Zwei Haken vervollständigen die sanitäre Einrichtung. Eine Abtrennung, die zumindest ein wenig Intimsphäre ermöglichen würde, fehlt. An einer Wand stehen neue Schränke für die Habseligkeiten der Patienten. Ein älterer Mann, der sich die Zeit mit dem Lesen der Bild-Zeitung vertreibt, legt seine Lektüre beiseite. Sieht gar nicht krank aus.

    Eine Schwester schaut herein, bringt ein Krankenhausnachthemd, übergibt mir eine Mappe mit Informationen. Ich entkleide mich, ziehe unter innerem Protest das Hemd an und lege mich hin, versuche es mir bequem zu machen. Ich drehe mich hin und her, malträtiere die Kissen, probiere, ob das Kopfteil in eine halbwegs angenehme Lage zu bringen ist. Unmöglich, dieses Bett ist gelebter Horror.

    Mein Zimmergenosse beobachtet meine fruchtlosen Experimente und ergreift die Gelegenheit, seine Langeweile zu bekämpfen. Er spricht mich an, stellt sich vor. Hansi. So hieß mein Wellensittich. Na denn.

    Man könne sich an die Betten gewöhnen, macht er mir Hoffnung. Ein dankenswerter Versuch. Ich leide nicht an Kontaktschwäche und nehme die Gelegenheit war, einige nützliche Hinweise zu erheischen. Mein Gegenüber erklärt mir den Tagesablauf und spart nicht mit guten Ratschlägen. Er ist nicht zum ersten Mal hier und ein alter Hase, lässt mich an seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz teilhaben.

    Die Visite ist in absehbarer Zeit zu erwarten, zwitschert mir Hansi zu. Hoffentlich kann man mir einen Grund für meinen Zusammenbruch nennen. Die grausame Vorstellung, dass jederzeit wieder ein derart umfassender Verlust an Kontrolle über mich kommen könnte, macht mir Angst.

    Die Toilette ist ein Stück längst des Ganges auf der rechten Seite, lasse ich mir von meinem Informanten stecken. Bloß gut, dass ich nicht allein im Zimmer bin. Sich in meinem Zustand auf die Suche zu begeben und Umwege zu riskieren, wäre ein gefährliches Unterfangen.

    Ich werfe die Decke zurück und bemühe mich aufzustehen. Das gelingt mir mehr schlecht als recht. Ob ich wieder umfalle? Nein, nichts dreht sich, keine Nebelschwaden ziehen auf. Ich bin ungewohnt schwach, stütze mich an der Wand und den spärlichen Einrichtungsgegenständen ab, schaffe es bis zur Tür. Werfe ein Blick hinaus, ob sich ein rettender Engel findet. Gähnende Leere.

    Ich schlurfe vorsichtig an der Wand entlang. Einen abgegriffenen Handlauf benutze ich als Gehhilfe. Er gibt mir die benötigte Sicherheit. Ich ertappe mich dabei, wie ich in mich hineinhöre, nach Anzeichen für den nächsten Anflug einer Kreislaufschwäche fahnde. Nur nicht hysterisch werden.

    Ich fühle mich um einiges entspannter, als ich aus der Toilette komme. Leider hält das nicht an, denn die mir schon bekannte Schwester fällt über mich her. Sie hätte mir klar gemacht, dass ich mein Bett nicht allein verlassen darf. Ich bin beleidigt, unterlasse es jedoch – von der Sinnlosigkeit eines solchen Aktes überzeugt – mich aufzulehnen. Zumindest werde ich ohne weitere Kritik ins Bett begleitet. Die Anstrengung meines Ausflugs führt dazu, dass sich in mir Müdigkeit breit macht und ich einnicke.

    Ich schlage die Augen auf. Eine Menschentraube in Weiß hat mich geweckt. Die Fleischbeschau. Ich rücke mich zurecht und warte gespannt auf das Kommende. Vorerst wenden sich die Damen und Herren Hansi zu. Ich bekomme mit, dass sich seine Speiseröhre nicht so dienstbeflissen zeigt, wie gewünscht.

    Es dauert nicht lange, dann ereilt mich die Aufmerksamkeit der versammelten Ärzteschaft. Der Chefarzt stellt sich mir per Handschlag vor. Es fühlt sich an, als gäbe ich einem mit Wasser gefülltem Gummihandschuh die Ehre. Man richtet einige Fragen zum Hergang der Ereignisse an mich. Keine neuen. Resignierend wiederhole ich mich. Eine niedere Charge übergibt seinem Herren devot meine Krankenakte, in die ein generöser Blick geworfen wird.

    Mit dem Inneren meines Kopfes ist laut CT alles in Ordnung. Äußerlich gebe ich eine gegenteilige, bizarre Figur ab. Die ausgeprägte Schwellung hat eine Verfärbung erzeugt, die von der Stirn über das Auge reicht und meinem Gesicht eine gewagte Aura verleiht.

    Viel wichtiger: Ich erfahre, dass meine Blutwerte nicht dem statistischen Mittel entsprechen. Der Begriff Panzytopenie fällt. Die Ursachen können vielfältig sein und erfordern einige Untersuchungen. Darum soll sich ein Stationsarzt kümmern, der sich nach der Visite zu mir gesellen wird, um alles Weitere zu besprechen. Es folgt eine kurze Verabschiedung und das Kollegium wünscht geschlossen gute Besserung. Kann ich gebrauchen.

    Mir ist ätzend langweilig und meine Gedanken bewegen sich in Richtung Silvester. Den Jahreswechsel auf dieser furchtbaren Streckbank ohne Annette zu verbringen, übersteigt meine Vorstellungskraft, obwohl meine Phantasie im Normalfall sprüht wie ein Sternchenfeuer.

    Es ist inzwischen Mittag geworden und ich warte sehnsüchtig auf das in Aussicht gestellte Arztgespräch. Zudem tyrannisiert mich der Hunger und dreht meinen Magen durch die Heißmangel.

    Von Annette habe ich dummerweise nichts gehört, die Ungeduld arbeitet in mir, lässt mich unstet rotieren. Da ich Vorschriften eher einhalte als Renitenz zu zeigen, getraue ich mir nicht, mit meinem Handy zu telefonieren. Ich habe einige Male damit geliebäugelt, Annette anzurufen, der Versuchung jedoch bis jetzt widerstanden.

    Nun es wird Zeit, Mut zu beweisen. Ich fingere nach meinem Telefon, lasse es gleich wieder verschwinden. Die Tür unseres Zimmers öffnet sich und ein Weißkittel tritt ein. Wenn ich mich nicht irre, stand der bei der Visite in der letzten Reihe und hat keinen Mucks verlauten lassen. Er schiebt einen Stuhl ans Bett heran und macht es sich gemütlich. Die mittlerweile angeschwollene Akte hat er zur Hand und blättert darin. Ich erfahre, dass mein Sturz eine leichte Gehirnerschütterung verursacht hat, deren Auswirkungen beobachtet werden müssen.

    Mysteriös bleibt der Kreislaufkollaps. Die Ursachen sind unklar. Das Herz ist es nicht, das schlägt gleichmäßiger im Takt als ein Pauker im Sinfonieorchester. Es gibt keinen organischen Grund für meinen Zusammenbruch. Einzig die Blutwerte sind alarmierend. Rote Blutkörperchen, Leukozyten und Thrombozyten sind massiv in der Unterzahl. Ob man davon ohnmächtig wird, bleibt offen. Zumindest stürzt sich der Herr Mediziner auf dieses Detail wie eine ausgehungerte Hyäne auf einen stinkenden Kadaver.

    Der Anamnesebogen benennt einige Medikamente, die ich seit Jahren regelmäßig nehmen muss. Hier könnte ein Zusammenhang bestehen und ich werde angewiesen, vorläufig auf die übliche Medikation zu verzichten. Er droht mir eine Knochenmarkbiopsie an. Ein Schnitt ins Sitzfleisch und aus dem Beckenknochen entnimmt man mit einer speziellen Stanze Knochenmark, bekomme ich erläutert. Davon habe ich schon gehört. Es soll ziemlich schmerzhaft sein.

    Natürlich gibt es einen großen Fleischerhaken bei dieser blutigen Sache. Vor kommenden Montag sei da nichts zu machen. Der 1. Januar ist ein Freitag, da hat die Notbesetzung für einen solchen Eingriff keine Zeit. Aber eine Kollegin möchte sich dieser Stichelei gern annehmen, um in Übung zu bleiben.

    Ich sperre den Mund auf, als wolle ich Fliegen fangen. Um mich zu beruhigen, fügt er hinzu, dass die Dame nicht ganz unbewandert sei. Leider wäre sie erst ab Montag im Dienst, so dass er sich etwas einfallen lässt wolle, um mich bis Montag zu bespaßen. Ich halte mir jetzt schon den Bauch vor Lachen.

    Ich bleibe einigermaßen verwirrt zurück, als der Assi sich meinen Bettnachbarn zuwendet. Ihm erklärt er den Ablauf der vorgesehenen OP. Ich darf teilhaben, von Datenschutz und Privatsphäre hält man hier nichts.

    Ungewollt erfahre ich, dass sein Schlund dem übermäßigen Alkoholgenuss nicht standhält. Er hat Weihnachten zugeschlagen und feuchtfröhlich gefeiert. Zudem kündigt seine Leber an, ihn bei seinen Eskapaden zukünftig nicht mehr wohlwollend zu unterstützen. Auch deshalb zeigt der Herr Doktor nur ein Mindestmaß an Mitgefühl und entschwindet.

    Hansi fragt, welchen Eindruck ich von unserem Assistenzler gewonnen habe. Mir ein Urteil bilden, ist schwierig. Was mich stört, kann ich nicht genau benennen. Eins jedoch ist offensichtlich. Ich brauche Rat.

    Ich versenke alle Bedenken, schnappe mir das Handy und rufe meinen Schwager an. Er ist mein Hausarzt und seine Meinung hat Gewicht. Tatsächlich grinst mich das Glück an und ich erreiche ihn beim ersten Versuch.

    Ich berichte vom Zusammenbruch, dem Klinikaufenthalt und von den Untersuchungen, die man mit mir anzustellen beabsichtigt. Meine bildgewaltige Erzählung von der geplanten Knochenmarkentnahme macht ihn hellhörig. Die Kollegen mögen andere Patienten zu Übungszwecken malträtieren, meint er.

    Sein Rat, 24 Stunden in der Klinik zu bleiben, um die Gehirnerschütterung überwachen zu lassen und danach aus der Klinik zu fliehen, flutet mein inneres Mühlrad und setzt es in rasende Bewegung. Es mache keinen Sinn, vier Tage untätig im Krankenhaus zu verbringen. Die eine Nacht zur Beobachtung des Kopfes reicht aus. Alles Weitere nähme er im neuen Jahr in die Hand und bei Bedarf könne ich ihn jederzeit anrufen.

    Kurz schleicht sich Erleichterung ein, die umgehend von Bedenken abgelöst wird. Finde ich genug Mut, gegen die Krankenhausärzte eine Meuterei anzuzetteln? Ein flaues Gefühl klebt an mir wie ein Fremdkörper.

    Das könnte aber auch von meinem inzwischen gewaltigen Appetit kommen. Seit gestern Abend habe ich nichts mehr gegessen. Beim alljährlichen Fasten verzichte ich tagelang auf Nahrungsfreuden. Hier sehe ich nicht die Notwendigkeit für einen eng geschnallten Gürtel. Klar, ich habe genug zum Zusetzen und werde ewige Zeiten von meinen Reserven leben können. Doch auf solche Weise meine Pfunde zu reduzieren, reizt meinen Magen und drängt mich in die Opposition. Da es bekanntlich Katja Ebsteins Wunder immer wieder gibt, schiebt eine Servicekraft just in diesem Augenblick einen Wagen ins Zimmer. Ich blicke zum imaginären Himmel.

    Und: Ein Wunder kommt selten allein. Tatsächlich ist bis zum Caterer durchgedrungen, dass auf der Station ein Verhungernder liegt, der kein Essen bestellt hat. Ein Plastebehälter wird mir gereicht. Der Fressnapf dient nicht zum Essen, wie ich erleichtert feststelle, sondern als Abdeckung.

    Reis und Hühnerfrikassee lächeln mich von einem Teller an. Kein Favorit auf meiner Wunschliste, aber ich bin nicht wählerisch. Als Nachtisch fungiert der übliche Apfel. Den verstaue ich als Notration in meinem Bettschränkchen. Die Mahlzeit überlebt nur wenige Minuten. Ich widerstehe unter Aufbietung letzter Kräfte dem Wunsch, den Teller abzulecken. Erstaunlich gut für ein Krankenhausessen.

    Schläfrigkeit stellt sich ein, meine Lider verweigern mir den Gehorsam. Zum vollkommenen Glück fehlt jetzt nur noch Annette. Die Hoffnung auf eine weitere wundersame Begebenheit erfüllt sich leider nicht. Dafür erlöst mich tiefer Schlaf.

    Na, wie geht’s? Ein Hauchen in mein Ohr öffnet mir die Augen. Ich drehe mich herum, bemühe mich, meine waidwunden Knochen zu richten. Das Wort »gerädert« bekommt eine neue Dimension. Ich versuche mich im Bett aufzurichten. Annette betätigt ein paar Schalter und das Rückenteil meines Folterwerkzeuges wird mir zur Stütze. Endlich ist Rettung eingetroffen. Wie spät ist es? Nach Drei?

    Annettes Wissensdurst ist riesig, muss gestillt werden. Ich erzähle von meinen Erlebnissen. Als sie Genaueres über die Zusammensetzung meines königlichen Blutes erfährt, stockt ihr der Atem.

    Es ist mir völlig entgangen, dass durch die starke Absenkung der Leukos meine Abwehrkräfte beeinträchtigt sind. Gut dass ich auf der Isolierstation bin, stelle ich triumphierend fest. Annette erklärt mir, dass auf der Isolierstation eigentlich die infektiösen Patienten liegen. Schlecht für mich.

    Ich gebe bezüglich meines Zimmergenossen Entwarnung. Ansteckend scheint er nicht zu sein. Hoffe ich. Mein Gefasel wirkt auf Annette so entspannend wie eine Darmspiegelung. Sie erinnert mich an die sogenannten multiresistenten Keime, die mir besonders gefährlich werden können. Ihre Unruhe schnappt nach mir, verbeißt sich in meinem Hirn. Bislang ärgerlich und deprimierend, bringt der Krankenhausaufenthalt mich nun arg ins Grübeln. Welche Türklinke habe ich angefasst, was habe ich berührt. Habe ich mir die Hände ordentlich gewaschen?

    Ich erzähle ihr von meinem Gespräch

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