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Wir hätten Dich sonst sehr vermisst: Über Anton, unser schwer krankes Kind
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eBook264 Seiten3 Stunden

Wir hätten Dich sonst sehr vermisst: Über Anton, unser schwer krankes Kind

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Über dieses E-Book

Als Anton auf die Welt kommt, beschleicht die jungen Eltern schon nach wenigen Wochen das Gefühl, dass mit ihrem Sohn etwas nicht stimmt: Zunehmend plagen ihn heftige Bauchschmerzen, zudem verweigert er es immer öfter, Nahrung zu sich zu nehmen. So beginnt die Suche nach den Ursachen, bis die Diagnose das Leben der Familie erschüttert …
Ein schonungslos ehrliches Tagebuch über den Kampf auf Leben und Tod, über die Möglichkeiten und Grenzen der modernen Medizin und über die unermessliche Kraft der Liebe.
SpracheDeutsch
HerausgeberAdebor Verlag
Erscheinungsdatum30. Apr. 2015
ISBN9783944269269
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    Buchvorschau

    Wir hätten Dich sonst sehr vermisst - Jenny Apelt

    Jenny Apelt

    Wir hätten dich sonst

    sehr vermisst

    Über Anton, unser schwer krankes Kind

    Adebor Verlag

    Das erste Jahr

    5. Juli

    Mein Kind will leben! Das spüre ich ganz deutlich, als mir gestern am späten Abend die Fruchtblase mit lautem Knall platzt und die Wehen unverzüglich im Abstand von zwei Minuten heftig einsetzen. Nun wird unser langersehntes Baby also bald zur Welt kommen. Die lange Zeit des Wartens und der Vorfreude ist vorbei. Es geht los. Neun Monate vorher, an einem Sonntagmorgen, hatte ich meinen noch tief schlafenden Freund Michael ganz aufgeregt geweckt, um ihm zu berichten, dass es geklappt hatte. Der soeben gemachte Schwangerschaftstest zeigte zwei kleine rosa Linien an – ich war schwanger. Von jetzt an würde sich alles ändern, wir würden nun Eltern, dürften bald ein kleines Baby im Arm halten …

    Nachdem sich damals die erste Euphorie gelegt hatte, begann das Bangen um die ersten drei Monate, in denen Fehlgeburten häufig vorkommen. Als die ersten zwölf Schwangerschaftswochen überstanden waren, quälten wohl vor allem mich als werdende Mutter Gedanken an eventuelle Krankheiten unseres ungeborenen Kindes. Ich hatte eine wunderbare Schwangerschaft, fühlte mich nur anfangs schwach und müde, litt nur selten an Übelkeit. Mit jeder weiteren Schwangerschaftswoche blühte ich auf. Die Vorsorgeuntersuchungen waren unauffällig, es gab keine Anzeichen dafür, dass mit unserem Kind etwas nicht stimmte. Allerdings sah es bei der Feindiagnostik so aus, als würde unser Baby ein stattliches Geburtsgewicht auf die Waage legen. Daraufhin wurde ich auf Gestationsdiabetes untersucht: Der Glukosetoleranztest war zunächst auffällig, die Blutzuckerwerte, die ich die Wochen darauf kontrollieren sollte, stimmten aber, so dass ich wieder aus der Behandlung des Diabetologen entlassen wurde.

    Doch zurück in die Gegenwart: Wir fliegen fast in die Klinik, aus Angst, die Geburt könnte schneller stattfinden als erwünscht. Glücklich erreichen wir den Kreißsaal, ich bin hocherfreut, dass die Hebamme, die auch meinen Geburtsvorbereitungskurs geleitet hatte, im Dienst ist. Bald würde sich das Geheimnis um das Geschlecht unseres Babys lüften. Wir wollten uns überraschen lassen, nicht blau oder rosa kaufen. Es fiel uns zwar manches Mal schwer, doch letztlich vergrößerte die Unwissenheit auch die Vorfreude und die Spannung. Meine Wehen sind sehr stark und schmerzhaft, setzen im Minutentakt ein, der Muttermund ist bereits weit geöffnet, doch leider bleibt es dabei. Die Wehen sind nicht lang genug, um das Baby in den Geburtskanal zu drücken. Am frühen Morgen entscheiden die Ärzte, einen Kaiserschnitt vorzunehmen, da meine Gebärmutter durch die ständige uneffektive Belastung zu reißen droht. Und dann ist es soweit: Heute, am 5. Juli morgens um 7.37 Uhr wird unser Baby termingerecht geboren. Wir haben einen Sohn. Und was für einen: Noch mit dem Körper im Mutterleib brüllt er was das Zeug hält. Unser Sohn scheint ein kräftiger Bursche zu sein! Nach einem kurzen Blick auf unser später friedlich schlummerndes Kind steht für uns fest: er soll Anton heißen. Da ist er nun. Wir können unser Glück kaum in Worte fassen: 50 cm lang, 3.510 g schwer (eineinhalb Kilo leichter als in der Feindiagnostik vorhergesagt) und zuckersüß.

    Im Juli

    Wir dürfen nach vier Tagen endlich nach Hause. Freude und Angst darüber, wie sich unser neuer Alltag ohne die Hilfe der Hebammen und Schwestern aus dem Krankenhaus gestalten wird, überfallen mich. Die ersten Wochen sind in der Tat eine große Umstellung, schließlich stellt Anton unser Leben mächtig auf den Kopf. Aber schon bald meistern wir die neue Familiensituation. Anton entwickelt sich prächtig. Micha hat für die erste Zeit Urlaub genommen und versorgt uns liebevoll. Wir genießen die Dreisamkeit und kuscheln häufig. Am liebsten schläft Anton auf der Brust meines Freundes ein, während dieser ein Buch liest oder ein Liedchen trällert. Micha erklärt mir, dass Anton das am besten gefalle, weil er ja schließlich nach meinem Kaiserschnitt direkt zum Aufbau einer Bindung auf seinen, von den Anstrengungen der Geburt verschwitzten, Oberkörper gelegt wurde. Das prägt! Und in der Tat ist es mein Freund, der Anton am leichtesten beruhigen kann – ein eingespieltes Team sozusagen.

    Als er zwei Wochen alt ist, bekommt Anton am ganzen Körper kleine rote, nicht erhabene Punkte, sie schimmern durch die Haut hindurch. Die Kinderärztin ist aber keineswegs besorgt. Sie tippt auf ein Exanthem – das haben angeblich viele Neugeborene, meist steht es in Verbindungen mit Viren. Da aber Antons Allgemeinzustand keineswegs getrübt ist, verabschiedet sie sich mit den Worten: »Das geht so schnell, wie es gekommen ist.« Mit vorsichtiger Erleichterung und doch gebliebener Skepsis verlasse ich die Arztpraxis. Aber sie hat Recht. Schon ein paar Tage später sind nur noch kleine Stellen zu erkennen, die dann auch nach und nach verblassen. Ich bin beruhigt.

    Anton ist sehr pflegeleicht und wir haben viel Freude mit ihm, bis er dann im Alter von drei Wochen anfängt, schlecht zu schlafen und zu schreien. Er wimmert und weint, nichts kann ihn beruhigen. Weder ich noch meine Mutter, die ihn mir für ein, zwei Stunden abnehmen möchte, können ihn in den Schlaf wiegen oder singen. Nach der ersten durchgemachten Nacht denken wir zunächst an eine Ausnahme. Leider wiederholen sich solche Episoden aber immer häufiger, nur dass sie sich jetzt auch am Tag ereignen. Unsere erfahrene Hebamme weiß auch nicht so recht, was mit ihm nicht stimmt. Anton legt ordentlich an Gewicht zu, in vier Wochen stattliche 1200 Gramm! Er ist ein fröhliches Baby. Deshalb sieht sie keinen Grund zur Beunruhigung. Wir sollen ihm Tropfen geben, die die Blähungen auflösen – wahrscheinlich handele es sich um Dreimonatskoliken, die bei Babys häufig vorkommen und mit Schreien einhergehen.

    Kaum habe ich sie heraus begleitet und die Tür hinter ihr verschlossen, sitze ich vor dem Computer und befrage eifrig das Internet. Auf den ersten Blick passt Vieles zu besagten Wehwehchen von Neugeborenen und ich atme auf. Aber Antons Trinkverhalten ändert sich langsam. Er hat ordentlich Hunger und schreit zu meiner Freude pünktlich alle vier Stunden nach Milch. Mit großem Appetit, fast schon zu hastig, beginnt er zu trinken und fängt kurz darauf an, kräftig zu schreien. Dann ist er nicht mehr zum Trinken zu bewegen. Er jammert und versucht immer wieder noch ein wenig zu trinken, aber sobald er ein paar Schlucke zu sich genommen hat, hört er schreiend abrupt auf. Was ist da bloß los? Das ist doch nicht normal. Die Hebamme sieht mir und Anton beim Stillen zu und meint, dass er wahrscheinlich zu gierig trinkt und dadurch Bauchschmerzen bekommt. Da er immer noch an Gewicht zunimmt und offensichtlich ausreichend ernährt wird, besteht kein Grund zur Panik. Ich beginne, Muttermilch abzupumpen, wenn er nicht mehr trinken will und gebe sie ihm dann über die Flasche – das funktioniert besser.

    31. Juli

    Heute sind wir bei der Hüft- und Abdomensonographie im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen. Der Winkel der Hüfte ist in Ordnung, wir dürfen aufhören, ihn breit zu wickeln. Um Hüftschäden zu verhindern, werden Babys in den ersten Lebenswochen breit gewickelt. Das bedeutet, dass ihre Beinchen beispielsweise durch eine zusätzliche Mullwindel zwischen den Beinen auseinandergespreizt werden. Auffällig bei der Sonografie ist, dass die Leber sehr groß ist, nicht überdimensional groß, aber gerade noch so an der Grenze des Normbereichs. Daraus mache ich mir überhaupt nichts. Was heißt schon Norm? Die Ärztin meint auch, das sei noch in Ordnung.

    2. September

    Im Alter von zwei Monaten, bekommt Anton die erste Sechsfach-Schutzimpfung gegen Tetanus, Diphterie, Pertussis, Poliomyelitis, Haemophilus influenzae b und Hepatitis B sowie die Impfung gegen Pneumokokken. Diese Impfungen zählen zur aktiven Immunisierung. Das bedeutet, dass Anton mit der Impfung abgetötete Erreger der genannten Krankheiten erhält (»Totimpfstoff«) und sein Immunsystem aktiv Antikörper und Gedächtniszellen gegen die geimpften Erreger herstellt. Wir werden außerdem von der Ärztin darüber informiert, dass es auch eine Schluckimpfung gegen Rotaviren gibt, diese zählt ebenfalls zur aktiven Immunisierung, enthält aber abgeschwächte Rotaviren (»Lebendimpfstoff«). Wir werden gefragt, ob wir diese bei Anton durchführen möchten. Ich erbitte mir Bedenkzeit, wir wollen unser Kind schließlich nicht unnötig impfen lassen. Wir hören uns unter Freunden und Bekannten um und suchen nach Informationen im Internet. Letztlich kommen wir zu dem Schluss, dass wir Anton impfen lassen, um ihm die für Babys und Kleinkinder gefährlichen Durchfallerkrankungen, soweit es eben geht, zu ersparen.

    18. September

    Anton erhält also seine erste Schluckimpfung gegen Rotaviren. Ich bin nach meinem Referendariat nahtlos in die Elternzeit gegangen und möchte nach einem Jahr zu Hause wieder arbeiten. Als Anton ein paar Wochen alt ist, habe ich drei Bewerbungsgespräche für das kommende Schuljahr. Ich entscheide mich für eine Privatschule, an der mir sowohl die Arbeitsbedingungen, als auch das Schulkonzept optimal erscheinen. Im Moment konzentriere ich mich voll und ganz auf Anton, ich genieße die Zeit mit ihm, liebe es, ihm bei seiner Entwicklung zuzusehen, jeden noch so kleinen Schritt zu beobachten. In einem Jahr jedoch möchte ich mich auch wieder meinem Beruf widmen, der mir bisher viel Freude bereitet hat. Ich kann an der Schule mit einigen Stunden einsteigen, so dass ich neben der Arbeit noch viel Zeit für Anton haben werde. Optimistisch sehe ich in eine Zukunft, in der ich mich meiner Arbeit und meiner Familie widmen kann.

    Ende September

    Oft lacht unser Sonnenschein, ist freundlich und zufrieden. Doch Antons merkwürdiges Trinkverhalten und das Schreien bleiben bestehen. Ratlos stehen nicht nur wir als Eltern vor unserem Kind, sondern auch Antons Großeltern und Tanten. Das hat noch keiner erlebt. Er lässt sich einfach nicht beruhigen. Was fehlt ihm denn? Nichts hilft, nicht einmal mehr Papas Brust samt Trällern. Anton ist einfach nicht zu beruhigen, er wirkt oft mürrisch und unglücklich, sein Blick scheint angestrengt und er legt die Stirn in Falten. Das Trinken aus der Flasche wird auch zusehends schlechter, aber noch immer verliert Anton kein Gewicht. Die Ärztin sagt, dass es sich um Dreimonatskoliken handele und sich das Verhalten nach drei Monaten schlagartig ändern werde.

    Ich sehne das Ende der drei Monate herbei, wir haben es fast geschafft. Ich telefoniere häufig mit einer Bekannten aus dem Geburtsvorbereitungskurs, deren Sohn ebenfalls von Dreimonatskoliken geplagt wird. Bei ihrem Sohn kann man aber im Gegensatz zu Anton die Uhr danach stellen, wann er anfängt zu schreien. Komisch! Bei Anton setzen die Attacken zu jeder Tages- und Nachtzeit ein und eigentlich kann man auch gar nicht mehr von Attacken sprechen, denn sein Verhalten ist zu einem Dauerzustand geworden. Trotz allem erscheint es uns noch halbwegs normal. Wenn die Kinderärztin nicht beunruhigt ist, dann wird schon alles gut sein, schließlich ist sie die Expertin. »So ist das eben, wenn man ein Baby hat«, denken wir. »Man muss ständig füttern, windeln, schaukeln …«. Schließlich sind junge Eltern ja auch nicht umsonst chronisch übermüdet. In anderen Momenten lacht Anton sehr viel und brabbelt munter, so dass wir auch viel Freude an und mit ihm haben.

    Nicht nur Antons Trinkverhalten zeigt merkwürdige Züge. Eines Tages sind wir doch sehr überrascht, als sein Darminhalt beim Windeln vom Wickeltisch aus bis auf den Fußboden spritzt. Ich lache köstlich, als Micha mich hektisch schreiend zum Wickeltisch ruft und ich sein schmutziges T-Shirt sowie den Fußboden mustere. Ein ähnlicher Vorfall ereignet sich einige Zeit später noch einmal. Hebamme und Kinderärztin befinden seinen Stuhl aber als normalen Muttermilchstuhl, der manchmal diese Eigenschaften aufweist. Und das Gewicht stimme ja. Auch sonst entwickelt Anton sich altersgerecht weiter. Er beginnt zu greifen und bewusst zu lachen. Leider nimmt er nun nur noch die Flasche, aber dann soll es eben so sein und ich pumpe die Muttermilch weiterhin für ihn ab. Dennoch beschleicht mich ein ungutes Gefühl, ich mag mich mit den Erklärungen der Ärztin und Hebamme nicht mehr zufrieden geben. Langsam ahne ich, dass mit unserem Sohn etwas nicht stimmt. Es ist doch nicht normal, dass ein Baby spritzende Stühle hat, den ganzen Tag überwiegend schreit und sich nicht richtig ernähren lässt, obwohl es großen Hunger hat. Vielleicht ist es ja eine Milchallergie?

    20. Oktober

    Wir sind erneut zur Vorsorgeuntersuchung bei der Kinderärztin. Es sieht alles ganz gut aus. Anton hat weiter Gewicht zugenommen und ist ein paar Zentimeter gewachsen. Ich erzähle noch einmal von Antons Trinkverhalten und seinen Durchfällen, die teilweise bis zu zehnmal täglich auftreten. Die Kinderärztin meint, dass es schon mal sein könne, dass Muttermilchstuhl so häufig einsetzt, trotzdem macht sie vorsichtshalber einen Abstrich. Dennoch hindert sie Antons Durchfall nicht daran, ihn zum zweiten Mal zu impfen. Er bekommt sowohl die Sechsfachimpfung, als auch die zweite Dosis der Schluckimpfung gegen Rotaviren und die Pneumokokkenimpfung.

    22. Oktober

    Anton fiebert ein wenig in den gestrigen Nachmittagsstunden und wir vermuten eine Reaktion auf die Impfung, die ja häufiger vorkommen kann. Das Fieber verschwindet wieder, aber die Durchfälle nehmen zu. Anton trinkt jetzt fast gar nichts mehr. Als ich ihn heute morgen zum Füttern auf dem Schoß habe, läuft mir sein Durchfall durch Windel und Latzhose auf die Jeans. Ich lege ihn nach dem Windeln in sein Bettchen, wo er ganz ruhig liegen bleibt. Er kommt mir lethargisch vor. Panisch rufe ich bei der Kinderärztin an und berichte ihr von dem Durchfall und Antons Verhalten. Die Stuhlprobe war bereits eindeutig: Anton hat Rotaviren. »Das kann doch gar nicht sein, er ist doch schließlich geimpft«, entfährt es mir, doch die Ärztin weist mich darauf hin, dass die Impfung nur einen Teil der Rotavirusstämme abdeckt und auch noch keine vollständige Immunisierung vorhanden ist. Das leuchtet mir ein. Aber woher soll er denn die Rotaviren bekommen haben? Bei der Rückbildungsgymnastik liegt er immer nur auf seiner eigenen Decke und er hat sonst keinen Kontakt zu anderen Babys. Auch Micha und ich waren nicht krank gewesen und betreiben ausreichend Hygiene.

    Ich packe Anton ins Auto und stelle ihn der Ärztin vor. Schließlich hatte ich genug über die Gefahren von Durchfallerkrankungen bei Säuglingen gelesen und möchte sicherstellen, dass Anton nicht austrocknet. Die Ärztin kann glücklicherweise nichts Ungewöhnliches feststellen und schickt uns beide wieder nach Hause, mit dem Hinweis, darauf zu achten, dass Anton genug Flüssigkeit erhält. Doch das gestaltet sich äußerst schwierig. Er trinkt zwar ein wenig Tee, aber so gut wie keine Milch. Er ist noch unruhiger als sonst, weint viel und lässt sich nun erst Recht nicht mehr beruhigen. Seine kleinen Augen blicken uns traurig und hilfesuchend an, in diesem Moment wirkt Anton mit seinen drei Monaten so ernst und irgendwie erwachsen.

    25. Oktober

    Anton schreit abends plötzlich so schrill auf, dass wir in die Kinderklinik fahren. Dort wird uns gesagt, dass Rotaviren sehr tückisch sind und die Darmschleimhaut so sehr schädigen, dass deren Regeneration lange Zeit in Anspruch nimmt. Das tut den Babys eben sehr weh. Anton bekommt eine Elektrolytlösung in Granulatform, welche wir in seinen Tee mischen sollen. Zusätzlich gibt uns die junge Ärztin ein pflanzliches Beruhigungszäpfchen mit und sagt, dass das sicher helfen wird – das helfe eigentlich immer. Und wenn nicht, dann liegt eine schlimmere Ursache vor. Wir fahren erleichtert nach Hause, geben ihm das Zäpfchen in der Hoffnung auf eine ruhige Nacht seit langem und … es hilft nicht. Anton schreit weiterhin stark, mit kurzen Unterbrechungen.

    26. Oktober

    Da ich nachts so wenig Schlaf bekommen habe, beschließe ich, zu meinen Großeltern zu fahren, um ein wenig schlafen zu können, während meine Omi, eine gelernte Säuglingsschwester, auf Anton aufpasst. Daraus wird leider nichts. Wir probieren alles: Wir tragen ihn durch die Gegend, nehmen ihn in den Fliegergriff, schaukeln ihn und singen ihm etwas vor – Anton brüllt weiter. Als er endlich einnickt, nutze ich die Gelegenheit und lege mich selbst ins Bett. Ich habe gerade in den Schlaf gefunden, da werde ich von Antons kreischendem, lautem Brüllen wieder geweckt. Es fällt mir schwer, dies mit Worten zu beschreiben. Es ist einfach herzzerreißend und ich kann es nicht ertragen, ich werde panisch und weine. Sein Schreien und hilfloses Weinen geht mir durch Mark und Bein. Anton hat ganz offensichtlich enorme Schmerzen. Er schreit den ganzen Tag ohne Unterbrechung. Das kann doch nicht normal sein! Zumal die Ärztin in der Klinik ja auch gesagt hat, dass eine schlimmere Ursache vorliegt, wenn das Zäpfchen nichts hilft. Was ist bloß los? Ich fühle, dass etwas nicht stimmt, bin dem Ganzen aber so hilflos ausgeliefert.

    Anton schreit weiterhin und schlummert zwischendurch nur vor Erschöpfung ein paar Minuten ein. An Trinken ist gar nicht mehr zu denken, nach ein paar hastigen Schlucken ist Schluss. Ich setze Hoffnungen in meinen Freund, meine Mutter und meine Schwester, als sie nach der Arbeit nach Hause kommen. Ich denke, dass ihre Nerven noch einigermaßen geschont sind, sich ihre Anspannung nicht wie bei mir auf Anton übertragen wird und sie ihn vielleicht beruhigen können. Aber auch bei ihnen auf dem Arm verhält er sich genauso. Wir sind rat- und machtlos. Es muss doch möglich sein, unser Kind in den Schlaf zu bringen. Vielleicht ist sein Darm ja wirklich so geschädigt, dass es einfach noch ein wenig Zeit braucht, bis er sich erholt hat.

    27. Oktober

    Wir sehen uns diesen Zustand noch die Nacht über an, aber als sich nichts ändert, bringe ich Anton heute Morgen sofort zur Kinderärztin. Seit wir die Arztpraxis betreten haben, ist Anton plötzlich wie ausgewechselt. Ich schöpfe zwar Hoffnung, meine Sorgen sind aber dennoch nicht verschwunden. Irgendetwas muss es ja mit dem Schreien auf sich haben. Diesmal habe ich meine Mutter mitgenommen, denn ich habe das Gefühl, dass die Ärztin mich alleine nicht ernst nimmt und nur als gestresste Mutter abstempelt. Es wirkt – die Ärztin ist zugänglicher und umgänglicher. Als ich ihr Antons Verhalten schildere, mustert sie mich kurz, drückt auf seinem Bauch herum, wiegt ihn und tut es wieder mit Dreimonatskoliken ab. Sie veranlasst jedoch ein EEG, nur zur Kontrolle, um abzuklären, ob sein Schreien vielleicht neurologisch begründet ist. Ansonsten täte es ihr leid, sie kann nichts Auffälliges feststellen, er lächelt doch sogar. Das stimmt und darüber bin ich einerseits sehr glücklich – wird doch wieder alles gut? Andererseits stehe ich nun noch unglaubwürdiger da. Ich werde fast wahnsinnig. Mein Baby schreit mittlerweile 23 Stunden des Tages und schläft eine Stunde, wenn das überhaupt reicht. Das sind doch keine Dreimonatskoliken! Ich glaube nicht mehr an zerstörte Darmflora und fehlende Darmzotten. Es muss noch mehr dahinter stecken! Da stehe ich nun als hilflose und unglaublich verängstigte Mutter, nervös, mit dicken blauen Ringen unter den Augen und werde wahrscheinlich noch belächelt. Ich fühle mich elend. Wer kann mir denn helfen, wenn mir niemand glaubt? Und vor allem, wer kann Anton von seinem Leid befreien? Ich packe ihn wieder ein, setze ihn schlafend ins Auto, atme durch, vielleicht ist es jetzt vorbei. Ich lasse den Motor an und … Da fängt es wieder an, das Brüllen.

    28. Oktober

    Nach einer weiteren durchgemachten Nacht (irgendwann muss das Kind doch auch mal schlafen!) fahren wir besorgt zum kassenärztlichen Notdienst ins Heimatkrankenhaus. Uns war zudem aufgefallen, dass Antons Urin streng riecht. In der Klinik erwartet uns dasselbe Spiel. Der Arzt mustert nach unseren Schilderungen zuerst uns Eltern und dann Anton, tastet seinen Bauch ab, sieht in Ohren und Mund und findet nichts Verdächtiges. Wir können ja noch mal eine Urinprobe vorbeibringen. Und er bemerkt noch: »Also, wenn Sie ihn in seinem Kindersitz schaukeln, dann wirkt er doch ganz zufrieden. Fahren Sie doch Auto oder schieben Sie ihn im Kinderwagen.« Wie bitte? Das darf doch nicht wahr sein! Soll ich etwa 23 Stunden am Tag mit meinem Kind spazieren gehen oder fahren? Haben die Ärzte mal daran gedacht, dass Kinder in der Praxis ruhig sind, weil sie von den unterschiedlichsten Reizen beeindruckt sind? Warum glaubt uns denn keiner? Wir bringen Anton nach Hause, nehmen eine Urinprobe und ich bringe sie wieder in die Klinik. Die Probe ist unauffällig, zwischenzeitlich war der Arzt aber doch ins Grübeln geraten und erwähnt, dass es sich bei Antons Beschwerden vielleicht um einen Reflux, also das Rücklaufen von Magensaft in die Speiseröhre, handeln würde. Da Anton ja ruhiger war, wenn er in seinem Sitz saß, leuchtet mir diese Erklärung ein. Wir sollen ihn mit dem Oberkörper hochlagern, damit kein Magensaft die Speiseröhre hinauf steigt. Die ersten Stunden haben wir den Eindruck, dass sich sein Zustand ein wenig bessert. Aber schon nachts fängt alles wieder von vorne an. Wir halten es kaum noch aus. Wir können ihm einfach nicht helfen.

    3. November

    Nach Tagen Geschrei und Hilflosigkeit mutieren wir zu völlig gestressten und nun wirklich überforderten Eltern.

    Heute haben wir den Termin für das EEG im Heimatklinikum. Übernächtigt stellen wir uns vor. Ich weiß nicht wie, aber ich schaffte es, dass Anton während der

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