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Sherlock Holmes - Der Vampir von Sussex: Geschichten

Sherlock Holmes - Der Vampir von Sussex: Geschichten

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Sherlock Holmes - Der Vampir von Sussex: Geschichten

Länge:
395 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 5, 2016
ISBN:
9783960555599
Format:
Buch

Beschreibung

"In Sachen: Vampire.
Sehr geehrter Herr!
Unser Klient, Mr. Robert Ferguson, von der Firma Ferguson & Muirhead, Teegroßhändler, Mincing Lane, hat uns in einer heutigen Mitteilung um eine Auskunft über Vampire gebeten ..."
Ein seltsames Schreiben, das Meisterdetektiv Sherlock Holmes da erhalten hat. Eine scheinbar normale Frau im aufgeklärten England, die sich aufführt wie besagte Schreckfiguren aus Transsilvanien?
Diese und zehn weitere Geschichten um Superdetektiv Sherlock Holmes:
Sein bester Freund Dr Watson hat allerhand Erstaunliches zu berichten ...
Z. T. neu bearbeitete Übersetzungen der Krimi-Klassiker.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 5, 2016
ISBN:
9783960555599
Format:
Buch

Über den Autor

Sir Arthur Conan Doyle (1859–1930) was a Scottish writer and physician, most famous for his stories about the detective Sherlock Holmes and long-suffering sidekick Dr Watson. Conan Doyle was a prolific writer whose other works include fantasy and science fiction stories, plays, romances, poetry, non-fiction and historical novels.


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Buchvorschau

Sherlock Holmes - Der Vampir von Sussex - Arthur Conan Doyle

Sammlung  

Die Thor-Brücke

»The Problem of Thor Bridge«, 1922. Deutsch von Else Baronin von Werkmann und Dirk Müller

           Irgendwo in den Gewölben des Bankhauses Cox & Co. in Charing Cross befindet sich eine durch viele Reisen arg mitgenommene Stahlkassette, wie man sie in den Tropen zur Aufbewahrung von Papieren benützt. Auf dem Deckel steht mit Farbe aufgemalt: »John H. Watson, früher im militärärztlichen Dienste der Indischen Armee.« Das Behältnis ist mit Papieren vollgestopft, die fast alle Berichte über die Tätigkeit Mr. Sherlock Holmes’ enthalten und geeignet sind, die seltsamen Probleme zu beleuchten, mit denen sich der große Detektiv zu verschiedenen Zeiten zu befassen hatte. Einige seiner Unternehmungen, und nicht die uninteressantesten, waren zum Fehlschlagen verurteilt und eignen sich daher nicht zur Wiedergabe, weil ihnen die schließliche Aufklärung fehlt. Ein Problem ohne Lösung aber kann wohl einen Menschen interessieren, der sich mit solchen Dingen befaßt, wird jedoch den zufälligen Leser wahrscheinlich nur langweilen. Zu diesen Geschichten ohne Schluß gehört die des Mr. James Phillimore, der nach seinem eigenen Hause zurückging, um seinen vergessenen Schirm zu holen, und nie mehr auf dieser Welt gesehen wurde. Nicht weniger bemerkenswert ist auch die des Kutters ›Alicia‹, der an einem Frühlingsmorgen in einen Nebelstreifen hineinsegelte und nie wieder daraus zum Vorschein kam. Man hat weder vom Schiff noch von der Bemannung jemals wieder etwas vernommen.

           Ein dritter bemerkenswerter Fall war der des bekannten Journalisten und Duellanten Isador Persano, den man eines schönen Tages als vollendeten Narren wiederfand. Er starrte immerfort auf eine Streichholzschachtel, die er vor sich hatte, und in der sich ein seltsamer Wurm befand, der der Wissenschaft unbekannt gewesen sein soll. Abgesehen von diesen Fällen, denen man nicht auf den Grund zu kommen vermochte, gibt es eine Menge anderer, die so tief in die Geheimnisse verschiedener Familien eindringen, daß man in manchen Kreisen der höheren Gesellschaft wohl ganz außer sich geriete, wenn auch nur der Gedanke an die Möglichkeit ihrer Veröffentlichung aufkäme.

           Ich brauche wohl nicht erst zu sagen, daß wir an einen solchen Vertrauensbruch durchaus nicht denken, und daß die betreffenden Papiere, sobald mein Freund in der Lage ist, die Dokumente zu sichten, herausgesucht und vernichtet werden. Es bleibt aber immer noch eine erhebliche Menge von mehr oder weniger interessanten Fällen, die ich schon früher hätte veröffentlichen können, wenn ich nicht befürchtet hätte, das Publikum mit meinen Geschichten zu überfüttern und dadurch vielleicht dem Rufe des Mannes zu schaden, den ich über alles verehre. An einigen der Fälle habe ich selbst tätigen Anteil genommen, so daß ich sie als Augenzeuge schildern kann, während andere Unternehmungen sich wieder ganz ohne meine Mitwirkung vollzogen, oder mir in ihrem Verlaufe eine so unbedeutende Rolle zufiel, daß ich sie nur in der dritten Person erzählen könnte. Nachfolgende Geschichte betrifft einen Fall, den ich selbst mit erlebt habe.

           Es war an einem stürmischen Oktobermorgen. Während ich meine Morgentoilette beendete, konnte ich zusehen, wie der heftige Wind die letzten dürren Blätter von der einsamen Platane, die unsern Hof zierte, entführte und sie in der Luft umherwirbelte. Ich begab mich zum Frühstück hinab und war darauf vorbereitet, meinen Gefährten in niedergeschlagener Stimmung anzutreffen, da er – wie alle bedeutenden künstlerisch veranlagten Menschen – für alle ihm aus seiner Umgebung zuteilwerdenden Eindrücke in hohem Maße empfindlich war. Zu meiner Überraschung aber fand ich ihn, der seine Mahlzeit fast schon beendet hatte, besonders aufgeräumt, fast heiter. Es war jene etwas unheimliche Heiterkeit, die er an den Tag legte, wenn er in gehobener Stimmung war.

           »Du hast einen Fall, Holmes?«, bemerkte ich.

           »Beobachtungsgabe ist anscheinend etwas Ansteckendes, Watson«, antwortete er. »Sie hat dich befähigt, mein Geheimnis zu entdecken. Jawohl, ich habe wieder einen Fall. Nach einem ganzen Monat des Stillstandes oder der Beschäftigung mit Lappalien kommt das Räderwerk wieder einmal ordentlich in Gang.«

           »Werde ich daran mitwirken dürfen?«

           »Es wird für dich wenig dabei zu tun geben, aber wir können darüber sprechen, wenn du dir die beiden hartgesottenen Eier zu Gemüt geführt haben wirst, mit denen die neue Köchin uns heute bedacht hat. Ihr überlanges Kochen mag in einem gewissen Sinne dem Hefte des ›Family Herald‹ zuzuschreiben sein, das ich gestern auf dem Tisch in der Diele liegen sah. Selbst eine so geringfügige Verrichtung wie das Kochen eines Eies verlangt eine Aufmerksamkeit und ist deshalb unvereinbar mit dem Verschlingen der Liebesgeschichten, die in diesem vortrefflichen Blatte erscheinen.«

           Eine Viertelstunde später war der Tisch geräumt, und Holmes zog, während wir uns gegenüber saßen, einen Brief aus seiner Tasche.

           »Du hast doch schon von Neil Gibson, dem Goldkönig, gehört?«, fragte er mich.

           »Du meinst den amerikanischen Senator?«

           »Ja, er war einmal Senator für einen der Staaten des amerikanischen Westens. Viel bekannter ist er aber wohl als Geldmagnat und als der größte Goldbergwerksbesitzer der Welt.«

           »Gewiß, ich habe von ihm gehört. Er lebt seit einiger Zeit in England. Sein Name ist mir bekannt.«

           »Das ist richtig. Er hat vor etwa fünf Jahren einen großen Besitz in Hampshire angekauft. Vielleicht hast du auch schon von dem tragischen Ende seiner Frau gehört?«

           »Freilich, jetzt erinnere ich mich! Deshalb ist mir auch sein Name so bekannt vorgekommen. Aber ich weiß wirklich nichts mehr von den Einzelheiten der Geschichte.«

           Holmes wies mit der Hand nach einem Sessel, auf dem ein ganzer Stoß von Zeitungen lag. »Ich hatte keine Ahnung, daß mir dieser Fall in die Hand geraten würde, sonst hätte ich schon längst meine Auszüge gemacht«, sagte er. »Tatsächlich schien die Lösung des in Betracht kommenden Problems keine Schwierigkeiten zu bieten, obwohl es sich um einen ganz sensationellen Fall handelt. Wenigstens war es die Ansicht des Gerichtes bei der Leichenschau und auch bei der polizeilichen Voruntersuchung, daß die interessante Persönlichkeit der Beschuldigten die Klarheit der Umstände nicht zu trüben vermöge. Die Sache ist jetzt vor dem Schwurgericht in Winchester. Ich fürchte, es wird ein undankbares Geschäft sein, sich da einzumengen. Ich kann wohl Tatsachen aufdecken, Watson, aber ich kann sie nicht umändern oder aus dem Wege schaffen. Wenn nicht ganz neue, unerwartete Momente ans Licht kommen, sehe ich keine Hoffnung für meinen Klienten.«

           »Für deinen Klienten?«

           »Ach, ich habe ganz vergessen, dir davon zu erzählen. Ich verfalle in deine schöne Gewohnheit, die Geschichten mit dem Ende zu beginnen, lieber Watson. Es ist am gescheitesten, wenn du zuerst dies hier liest.«

           Der in einer kühnen, von herrischem Wesen zeugenden Handschrift geschriebene Brief lautete folgendermaßen:

Claridge’s Hotel, am 3. Oktober.

Lieber Mr. Sherlock Holmes!

Ich kann es nicht mit ansehen, daß die beste Frau, die Gott jemals geschaffen, zum Tode geführt wird, ohne meinerseits alles nur irgendwie mögliche zu tun, um sie zu retten. Ich kann nicht erklären, wieso – kann nicht einmal einen Versuch machen, es zu erklären – aber ich weiß ganz bestimmt, daß Miss Dunbar unschuldig ist. Sie kennen gewiß die Ereignisse – wer kennt sie nicht? Sie sind ja zum Tagesgespräch für die ganze Gegend geworden. Trotzdem hat sich niemals auch nur eine einzige Stimme zu ihren Gunsten erhoben! Die verdammte Ungerechtigkeit, die darin liegt, bringt mich dem Wahnsinn nahe. Bei dem Herz, das diese Frau besitzt, könnte sie keiner Fliege etwas zuleide tun. Aber ich will morgen um elf Uhr vormittags zu Ihnen kommen und sehen, ob Sie nicht vielleicht doch ein wenig Licht in das Dunkel zu bringen vermögen. Vielleicht habe ich einen Anhaltspunkt zur Lösung, ohne daß ich es selbst weiß. Jedenfalls aber steht alles, was ich weiß, alles, was ich habe, Ihnen vollkommen zu Diensten, wenn Sie nur eine Möglichkeit sehen sie zu retten. Sie haben schon sooft in Ihrem Leben Ihre fast übernatürlichen Fähigkeiten bewiesen, wenden Sie sie alle, wenden Sie alle Ihre Kräfte auf diesen Fall an.

Ihr sehr ergebener

J. Neil Gibson.

           »So, jetzt kennst du die Geschichte«, sagte Sherlock Holmes, indem er die Asche aus seiner Frühstückspfeife klopfte und diese umständlich neu zu stopfen begann. »Das ist der Herr, den ich erwarte. Was die Geschichte selbst anbelangt, so werde ich sie dir wohl in aller Kürze erzählen müssen, da du kaum mehr die Zeit hast, dich durch alle diese Zeitungen durchzufressen, und sonst den Vorgängen nicht mit Verständnis und Interesse zu folgen vermöchtest. Dieser Mann ist eine der bedeutendsten Finanzgrößen der Welt und, wie ich erfahren habe, ein sehr heftiger und rücksichtsloser Charakter. Er hatte eine Frau geheiratet, von der ich nur weiß, daß sie jetzt schon ein wenig im Verblühen war, was ein um so größeres Unglück bedeutete, als eine junge, sehr anziehende Gouvernante die Erziehung der beiden kleinen Kinder leitete. Das sind die drei handelnden Personen des Dramas, und der Schauplatz ist ein großes, altes Herrenhaus, der Mittelpunkt eines historischen englischen Landsitzes. Nun zu der Tragödie selbst. Die Frau wurde zu später Nachtstunde, etwa eine halbe Meile weit vom Hause entfernt, in ihrem Abendkleide mit einem Shawl um die Schultern und einer Revolverkugel im Kopfe tot aufgefunden. Eine Waffe wurde am Tatorte nicht gefunden und auch sonst keine Spur vom Mörder. Beachte das, Watson – es lag keine Waffe neben der Toten! Das Verbrechen scheint spät am Abend begangen worden zu sein. Der Leichnam wurde von einem Wildhüter gegen elf Uhr nachts entdeckt. Er wurde dann erst von der Polizei und von einem herbeigerufenen Arzte untersucht, ehe man ihn in das Haus brachte. Ist die Geschichte ausführlich genug wiedergegeben, um mir folgen zu können, oder soll ich mehr ins Einzelne gehen?«

           »Das ist nicht nötig, es ist mir alles ganz klar. Aber warum geriet die Erzieherin in Verdacht?«

           »In erster Linie spricht eine Art von direktem Beweis gegen sie. Ein Revolver, aus dem eine Patrone abgeschossen worden war, von einem Kaliber, das der mörderischen Kugel genau entspricht, wurde am Boden ihres Kleiderkastens gefunden.« Sein Blick wurde starr und er wiederholte, jedes Wort einzeln betonend: »Auf – dem – Boden – ihres – Kleiderkastens.« Dann versank er in Schweigen, und ich merkte, daß er irgendeinem Gedankengang folgte und daß ich mich hüten müßte, ihn zu unterbrechen. Da wurde er plötzlich mit einem Ruck wieder lebendig. Seine Augen funkelten. »Ja, Watson, die Waffe wurde gefunden. Sehr belastend, eh? Wenigstens haben die beiden Jurys so gedacht. Überdies hatte die ermordete Dame einen Zettel bei sich, der eine Verabredung an genau demselben Platze enthielt, an dem die Leiche gefunden wurde und der von der Gouvernante unterzeichnet war. Was hältst du davon? Schließlich ergäbe sich auch ein Motiv für die Tat. Senator Gibson ist eine anziehende Persönlichkeit. Wen sollte er nach dem etwaigen Tode seiner Gattin eher heiraten als die junge Erzieherin, die nach allen Darstellungen schon zum Gegenstand werbender Aufmerksamkeiten ihres Brotherrn geworden ist. Liebe, Glück, Macht – alles hing für sie von dem Leben einer Frau in mittleren Jahren ab. Eine sehr häßliche Geschichte, Watson eine sehr häßliche Geschichte!«

           »Tatsächlich, Holmes.«

           »Sie konnte auch kein Alibi beibringen, mußte im Gegenteil zugeben, daß sie sich um die verfängliche Zeit bei der Thor-Brücke – das war der Schauplatz der Tragödie – aufgehalten hat. Sie konnte es nicht ableugnen, weil irgendein vorbeigehender Dörfler sie dort gesehen hatte.«

           »Das sieht allerdings recht bedenklich aus.«

           »Und doch, Watson, – und doch! Diese Brücke – ein einziger, breiter Steinbogen mit seitlichen steinernem Geländer – bildet die Straßenüberführung über den engsten Teil eines langen, tiefen, schilfumstandenen Streifen Wassers. Man nennt dieses das Thor-Moor. Am Anfang der Brücke lag die tote Frau. Das sind die hauptsächlichen Momente des Falles. Aber, wenn ich mich nicht täusche, ist unser Klient schon da – lange vor der angegebenen Stunde.«

           Billy hatte die Tür geöffnet. Der Name aber, den er nannte, war eine Überraschung für uns. Keiner von uns beiden kannte einen Mr. Marlow Bates. Es war ein kleiner, nervöser Irrwisch von einem Mann von fahrigen, zögernden Bewegungen – ein Mann, der nach meinem ärztlichen Urteil am Rande eines völligen Nervenzusammenbruches stand.

           »Sie scheinen sehr aufgeregt zu sein, Mr. Bates«, sagte Holmes. »Bitte nehmen Sie Platz. Ich fürchte, ich kann Ihnen nur sehr wenig Zeit widmen, da ich für elf Uhr eine Verabredung habe.«

           »Das weiß ich«, keuchte unser Besucher. Er stieß kurze Sätze hervor, wie jemand, der ganz außer Atem ist. »Ich weiß, daß Mr. Gibson herkommt. Er ist mein Brotherr. Ich bin der Verwalter seines Gutes. Mr. Holmes – er ist ein Schurke, ein höllischer Schurke.«

           »Das ist ein harter Ausdruck, den Sie da gebrauchen, Mr. Bates.«

           »Ich muß mit allem Nachdruck sprechen, Mr. Holmes, da mir nur eine so kurze Zeit gegönnt ist. Ich möchte um alles in der Welt nicht, daß er mich hier fände. Er muß ja gleich kommen. Es war mir unmöglich früher zu kommen. Sein Sekretär, Mr. Ferguson, erzählte mir erst heute von seiner Verabredung mit Ihnen.«

           »Sie sind also sein Verwalter?«

           »Ich habe ihm gekündigt. In einigen Wochen werde ich sein verdammtes Sklavenjoch abgeschüttelt haben. Er ist ein harter Mann, Mr. Holmes, hart zu seiner ganzen Umgebung. Die öffentliche Wohltätigkeit, die er ausübt, ist nur ein Deckmantel für seine privaten Ungerechtigkeiten. Seine Frau aber war sein Hauptopfer. Er war brutal zu ihr – ja, Herr, brutal! Ich weiß nicht, wie sie ums Leben kam, aber, daß er dieses zu einer Qual für sie gestaltet hat, das weiß ich. Sie war ein Kind der Tropen, eine Brasilianerin von Geburt, wie Sie jedenfalls wissen werden.«

           »Nein, das war mir nicht bekannt.«

           »Tropischer Abkunft und tropischer Natur. Eine Mischung von Sonne und Leidenschaft. Sie hat ihn geliebt, wie nur ein solches Weib zu lieben versteht, doch als ihre körperlichen Reize verblaßten – ich hörte, daß sie einst bildschön war –, konnte sie ihn nicht mehr an sich fesseln. Wir alle hatten sie gerne, fühlten mit ihr und haßten ihn wegen der Art, in der er sie behandelte. Aber er ist von gewinnendem Wesen und sehr schlau. Das ist alles, was ich Ihnen über ihn zu sagen habe. Beurteilen Sie ihn nicht nach dem ersten Eindruck. Es steckt viel mehr in ihm, als er zeigt. Aber jetzt muß ich gehen. Nein, nein, halten Sie mich nicht mehr auf! Er muß ja gleich kommen.«

           Unser seltsamer Besuch hatte einen erschrockenen Blick auf die Wanduhr geworfen, rannte nun buchstäblich zur Tür und verschwand.

           »Na! Na! Mr. Gibson scheint einen netten, anhänglichen Haushalt um sich zu haben«, meinte Holmes nach kurzem Schweigen. »Aber die Warnung ist immerhin nicht in den Wind zu schlagen. Jetzt können wir jedenfalls nur warten, bis der Mann selbst erscheint.«

           Mit dem Glockenschlag der angegebenen Stunde hörten wir von der Treppe her einen schweren Schritt, und bald darauf wurde der berühmte Millionär zu uns ins Zimmer geführt. Als ich ihn betrachtete, begriff ich nicht nur die Angst und die Abneigung seines Verwalters, sondern auch die Flüche, die so viele geschäftliche Konkurrenten auf sein Haupt geladen hatten. Wenn ich ein Bildhauer und mir die Aufgabe gestellt wäre, den erfolgreichen Geschäftsmann, den Mann mit den eisernen Nerven und dem ledernen Gewissen, darzustellen, so würde ich mir Mr. Neil Gibson zum Modell nehmen. Seine hohe, hagere, eckige Gestalt kam mir wie eine Verkörperung unersättlichen Hungers und unstillbarer Raublust vor. Wenn man sich einen auf das Niedrige und nicht auf das Hohe eingestellten Abraham Lincoln auszudenken vermöchte, so würde das wohl die beste Vorstellung von dem Manne ergeben. Sein Gesicht war wie aus Granit gemeißelt: eckig, mit einem Ausdruck von Unbeugsamkeit und Gewissenlosigkeit, von tiefen Furchen – den Narben so mancher Krise – durchzogen. Ein Paar kalter, grauer Augen, die stechend unter buschigen Brauen hervorblickten, musterten erst den einen, dann den andern von uns. Er verneigte sich in nachlässiger Weise gegen mich, als Holmes mich vorstellte, zog sich mit der selbstbewußten Miene eines Mannes, der überall zu gebieten hat, einen Stuhl zu meinem Gefährten heran und setzte sich ganz nahe zu ihm, so daß seine knochigen Knie den andern fast berührten.

           »Ich will Ihnen zunächst sagen, Mr. Holmes«, begann er, »daß Geld in diesem Falle für mich gar keine Rolle spielt. Sie können meinetwegen Banknoten verbrennen, wenn Ihnen das vorteilhaft erscheint, um den Weg zur Wahrheit zu beleuchten. Dieses Weib ist unschuldig und muß von jedem Verdachte gereinigt werden. Dies zu tun, ist Ihre Aufgabe. Nennen Sie die Summe, die Sie dafür verlangen!«

           »Für meine beruflichen Leistungen habe ich einen genauen Tarif festgelegt«, sagte Holmes kühl. »Diesen ändere ich nur dann ab, wenn ich von einer Bezahlung meiner Dienste ganz absehe.«

           »Wie Sie wollen. Wenn der Dollar für Sie also keine Rolle spielt, so denken Sie an Ihren Ruf. Wenn Sie diese Sache zu einem glücklichen Ende führen, wird jede Zeitung in England und Amerika in breitester Aufmachung darüber schreiben. Sie werden für zwei Kontinente das Tagesgespräch werden.«

           »Ich danke sehr, Mr. Gibson. Ich glaube aber, daß ich keiner Reklame bedarf. Sie werden es vielleicht nicht wissen, aber ich sage Ihnen, daß ich es sogar vorziehe, anonym zu arbeiten. Es sind einzig die Probleme selbst, die mich interessieren. Aber wir vergeuden unsere Zeit. Lassen Sie uns zur Sache kommen.«

           »Ich denke, Sie werden die hauptsächlichen Umstände alle aus den Zeitungen entnommen haben. Ich wüßte nicht, was ich den Schilderungen beifügen könnte, um Ihnen bei Ihrer Aufgabe zu helfen. Wenn Sie aber über irgendeinen Punkt nähere Aufklärungen wünschen, so bin ich hier, um Ihnen diese zu geben bitte, verfügen Sie über mich.«

           »Es gibt einen einzigen solchen Punkt.«

           »Und der ist?«

           »In welchem Verhältnis standen Sie zu Miss Dunbar?«

           Der Goldkönig fuhr empor und erhob sich halb von seinem Sessel. Dann fand er seine gelassene Ruhe wieder.

           »Ich nehme an, daß Sie es als Ihr Recht, ja vielleicht sogar als Ihre Pflicht betrachten, eine solche Frage zu stellen, Mr. Holmes?«

           »Wir wollen das annehmen«, sagte Holmes.

           »Dann kann ich Ihnen versichern, daß die Beziehungen zwischen uns stets nur die eines Arbeitgebers zu einer jungen Angestellten waren, die er niemals sah und mit der er niemals sprach, außer in Gegenwart seiner Kinder.«

           Holmes erhob sich von seinem Sitze.

           »Ich bin ein sehr beschäftigter Mann, Mr. Gibson«, sagte er, »und habe weder Zeit noch Lust zu zwecklosen Gesprächen. Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen, mein Herr.«

           Auch unser Besucher war aufgestanden. Seine hohe Gestalt überragte Holmes um Beträchtliches. Unter den borstigen Augenbrauen blitzte ein Zornesfunke hervor, und seine bleichen Wangen wurden von einer leichten Röte überzogen.

           »Was zum Teufel soll das heißen, Mr. Holmes? Lehnen Sie meinen Auftrag ab?«

           »Jawohl, Mr. Gibson, und auch Ihre Gegenwart. Ich glaube, meine Worte waren deutlich genug.«

           »Deutlich genug, aber was steckt dahinter? Wollen Sie das Honorar in die Höhe treiben? Oder fürchten Sie nichts ausrichten zu können? Ich habe ein Anrecht darauf, eine klare Antwort zu erhalten.«

           »Gut, vielleicht haben Sie ein Recht darauf«, sagte Holmes. »Ich will versuchen, Ihnen eine zu geben. Dieser Fall ist an und für sich schon verwickelt genug. Wenn ich ihn übernehmen soll, darf mir die Arbeit nicht noch durch falsche Informationen erschwert werden.«

           »Meinen Sie, daß ich lüge?«

           »Ich habe getrachtet, mich so höflich wie möglich auszudrücken, aber wenn Sie darauf bestehen, mir das Wort in den Mund zu legen, so werde ich nicht widersprechen.«

           Ich war aufgesprungen, denn der Gesichtsausdruck des Millionärs war teuflisch im höchsten Grade geworden, und er hatte seine großen, geballten Fäuste drohend erhoben. Holmes lächelte lässig dazu und streckte die Hand nach seiner Pfeife aus.

           »Beruhigen Sie sich, Mr. Gibson. Ich finde, daß nach dem Frühstück auch der kleinste Streit sehr unzuträglich ist. Ich rate Ihnen zu einem kleinen Bummel in der frischen Morgenluft. Ein solcher und ein wenig ruhiges Nachdenken würden Ihnen bestimmt sehr gut bekommen.«

           Mit einer gewaltigen Willensanstrengung war der Goldkönig Herr seiner Wut geworden. Ich konnte nicht umhin, ihn zu bewundern, denn dank einer ungeheueren Selbstbeherrschung hatte sich sein flammender Zorn in einer Minute in kühle, verachtungsvolle Gleichgültigkeit verwandelt.

           »Wie Sie wollen. Ich denke mir, Sie müssen selbst wissen, was das Beste für Sie ist. Ich kann Sie nicht zwingen, meine Sache gegen Ihren Willen aufzunehmen. Aber Sie haben sich damit sehr geschadet, Mr. Holmes, denn ich habe schon stärkere Männer ruiniert als Sie. Es ist noch keinem gut gegangen, der mir im Wege war.«

           »Das haben mir schon viele gesagt, und doch lebe ich noch ganz fröhlich«, sagte Holmes ruhig lächelnd. »Guten Morgen, Mr. Gibson. Sie haben noch sehr viel zu lernen.«

           Unser Besuch ging ziemlich geräuschvoll ab, während Holmes, nach der Decke starrend, mit unverwüstlicher Ruhe weiterrauchte.

           »Was ist deine Ansicht, Watson?«, fragte er schließlich.

           »Nun, Holmes, ich muß gestehen, daß mir bei Betrachtung dieses Mannes ganz eigene Gedanken gekommen sind. Er ist gewiß eine Kraftnatur, die jedes Hindernis wegfegt, das ihr in den Weg kommt. Und wenn ich bedenke, daß seine Frau, ein solches Hindernis und ein Gegenstand des Widerwillens für ihn gewesen sein mag, wie dieser Bates uns ganz unverhohlen gesagt hat, so scheint mir, daß…«     

           »Gewiß, mir auch.«

           »Aber in welchen Beziehungen stand er eigentlich zu, der Erzieherin und wie bist du dahinter gekommen?«

           »Bluff, lieber Watson, nichts als Bluff! Als ich den leidenschaftlichen, so gar nicht förmlichen und gar nicht geschäftsmäßigen Ton des Briefes mit der selbstbeherrschten Art des Auftretens sowie dem Äußeren seines Schreibers verglich, war es mir sofort ziemlich klar, daß die tiefe, in dem Schreiben zutage tretende Erregung mehr der Angeklagten als dem Opfer gilt. Wir aber müssen das gegenseitige Verhältnis der drei Personen zueinander genau kennen, wenn wir der Wahrheit auf die Spur kommen wollen. Du hast meinen Frontalangriff gesehen, und wie unerschütterlich er diesem standhielt. Dann habe ich ihn einfach geblufft, indem ich bei ihm den Eindruck erweckte, daß ich meiner Sache ganz sicher sei, während ich in Wirklichkeit nur einen, allerdings ziemlich starken Verdacht hege.«

           »Vielleicht kommt er noch einmal zurück?«

           »Ich bin ganz sicher, daß er zurückkommt. Er muß einfach. Er kann die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Nah! Hat es nicht eben geläutet? Freilich, das sind seine Schritte. – Sieh da, Mr. Gibson, gerade habe ich Dr. Watson gesagt, daß Sie bald wieder hier sein würden.«

           Der Goldkönig hatte das Zimmer viel ruhiger, als er es verlassen, wieder betreten. Sein verwundeter Stolz war noch aus seinen grollenden Blicken zu erkennen, doch hatte ihn die Vernunft zu der Erkenntnis gebracht, daß er sich fügen müsse, wenn er sein Ziel erreichen wolle.

           »Ich habe mir die ganze Sache nochmals überlegt, Mr. Holmes, und fühle, daß ich voreilig gehandelt habe, als ich Ihre Bemerkungen übelnahm. Sie haben recht, wenn Sie die Umstände kennenlernen wollen, welcher Art sie auch sein mögen, und ich schätze Sie um Ihrer Geradheit willen nur noch höher. Doch kann ich Ihnen versichern, daß die Beziehungen, zwischen Miss Dunbar und mir mit dem Falle wirklich gar nichts zu tun haben.«

           »Die Entscheidung darüber fällt wohl mir, aber nicht Ihnen zu, meinen Sie nicht?«

           »Hm! Möglich! Sie sind wie ein Arzt, der alle, aber auch alle Symptome kennen will, ehe er eine Diagnose stellt.«

           »Gewiß, so ist es. Sie haben das richtige Bild dafür gefunden. Aber nur ein Patient, der seinen Arzt täuschen will, würde diesem die näheren Umstände seines Falles verheimlichen.«

           »Das mag der Fall sein, aber Sie werden zugeben müssen, daß die meisten Männer sich scheuen würden, klipp und klar zu antworten, wenn man sie so kurzweg fragte, in welchem Verhältnis sie zu einer bestimmten Dame stehen, wenigstens wenn dabei ernste Gefühle mitspielen. Ich glaube, die meisten Menschen haben einen kleinen Winkel in ihrer Seele, den sie stets verschlossen halten. Außerdem sind Sie mit Ihrer Frage ganz unvermittelt gekommen. Der Zweck aber entschuldigt Ihr Vorgehen, denn Sie wollen ja versuchen, sie zu retten. Jetzt ist der Zaun umgelegt und auch dieses letzte Plätzchen meines Innern steht Ihrer Nachforschung offen. Was wollen Sie wissen?«

           »Die Wahrheit.«

           Der Goldkönig blieb einen Augenblick still, wie jemand, der seine Gedanken ordnet. Sein grimmiges, tiefgefurchtes Antlitz war noch düsterer und ernster geworden.

           »Die kann ich Ihnen in wenigen Worten sagen, Mr. Holmes«, erklärte er schließlich. »Sie birgt einige Dinge, über die zu reden mir schmerzlich ist und mir schwer fällt, weshalb ich nicht ausführlicher werden will, als unbedingt notwendig ist. Ich fand meine Frau, als ich in Brasilien nach Gold suchte. Maria Pinto war die Tochter eines Regierungsbeamten in Manaos. Sie war eine Schönheit. Ich war damals ein junger, leicht entflammbarer Mann, aber auch wenn ich heute als gereifter Mensch mit kälterem Blute und kritischerem Blick zurückdenke, muß ich sagen, daß sie von einer wundervollen, seltenen Schönheit war. Sie war überdies eine tiefe, reiche Natur, leidenschaftlich, edelmütig, aber unberechenbar und von tropischem Temperamente, so ganz anders als die amerikanischen Frauen, die ich gekannt hatte. Mit einem Worte, ich verliebte mich in sie und heiratete sie. Erst als der romantische Zauber sich verflüchtigte – und es währte Jahre, bis das geschah –, wurde ich gewahr, daß wir eigentlich gar nichts, nicht das geringste gemein hatten. Meine Liebe verblaßte. Wenn bei ihr das gleiche der Fall gewesen wäre, so hätte sich unser Leben leichter gestaltet. Aber sie kennen ja die seltsame Natur der Frauen! Ich konnte tun, was ich wollte, nichts vermochte, sie dazu zu bringen, sich von mir abzuwenden. Wenn ich sie rauh, oder sogar, wie manche behaupteten, brutal behandelte, so geschah dies nur, weil

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