Genießen Sie von Millionen von eBooks, Hörbüchern, Zeitschriften und mehr - mit einer kostenlosen Testversion

Nur $11.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Fama: Eine Geschichte des Gerüchts
Fama: Eine Geschichte des Gerüchts
Fama: Eine Geschichte des Gerüchts
eBook384 Seiten2 Stunden

Fama: Eine Geschichte des Gerüchts

Bewertung: 0 von 5 Sternen

()

Vorschau lesen

Über dieses E-Book

Von Odysseus bis Bin Laden: Gerüchte gab es immer, sie sind die geheimen Antriebskräfte des Weltgeschehens. »Fama« beschreibt die Funktionsweise von Gerüchten in Geschichte und Gegenwart.

Gerüchte: Bereits beim Kampf um Troja mischen sie mit, und auch die Römer fürchteten die Macht des wilden Geredes. »Fama« heißt ihre Göttin des Gerüchts; als Furcht erregendes Monster rast sie durch Rom und verbreitet Entsetzen unter Sklaven, Bürgern und Herrschern. Fama schreibt Geschichte, und Hans-Joachim Neubauer bleibt ihr auf der Spur. Er entdeckt sie im antiken Athen, im Theater Shakespeares' und im Paris der Revolution, er spürt sie auf in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, in den Experimenten amerikanischer Militär-Psychologen, in Romanen, philosophischen Essays und im Internet. Fama droht überall, als Mobbing im Arbeitsleben, in der Weltpolitik als das Raunen der Masse und als fatale Waffe im Kampf um die öffentliche Meinung. Fama ist das unheimliche Echo der offiziellen Geschichte, eine Provokation für alle, die glauben, die Stimme der Vielen kontrollieren zu können.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum1. Feb. 2009
ISBN9783882214864
Fama: Eine Geschichte des Gerüchts
Vorschau lesen

Ähnlich wie Fama

Ähnliche E-Books

Rezensionen für Fama

Bewertung: 0 von 5 Sternen
0 Bewertungen

0 Bewertungen0 Rezensionen

Wie hat es Ihnen gefallen?

Zum Bewerten, tippen

Die Rezension muss mindestens 10 Wörter umfassen

    Buchvorschau

    Fama - Hans Joachim-Neubauer

    Dank

    EINLEITUNG

    Als an einem klaren Dienstagmorgen im September 2001 die Türme des New Yorker World Trade Centers einstürzten, schlug die Stunde der Fama. Gerüchte, Mutmaßungen und Verschwörungstheorien geisterten durch das Internet, Horrorgeschichten und wilde Spekulationen. Seither hat sich verändert, was man sicher als falsch, zuverlässig als richtig einstufen kann, seither fällt es auch zunehmend schwer, im nicht abreißenden Strom der Daten und Informationen genau zu bestimmen, wer spricht. Mit »9/11« hat ein neues Kapitel in der langen Kulturgeschichte der Fama begonnen, der antiken Gottheit des Geredes. Schon immer schlagen Gerüchte die Menschen in ihren Bann, seit jeher kämpft man mit der Frage, ob wahr oder falsch ist, was »die Leute« sagen. Ob sie von der Peripherie aus ins Zentrum dringen oder umgekehrt – Gerüchte provozieren Panik und Pogrome, Kriegsangst oder Siegestaumel; das heißt, sie machen Geschichte. Dieses Buch zeigt, wie die Geschichte ihrerseits auf die Stimme des Gerüchts antwortet.

    Auf den folgenden Seiten stelle ich einige Bilder und Techniken vor, die man unter verschiedenen historischen und kulturellen Bedingungen im Umgang mit dem Gerücht entworfen hat. Denn Gerüchte sind nicht »einfach da«; als komplizierte Gebilde deuten sie die Geschichte aus, aus der sie hervorgehen und auf die sie einwirken. Wie ihre Geschwister »Nachricht« und »Klatsch« erscheinen sie in allen möglichen Medien: im gesprochenen Wort, in Zeitung, Radio, Fernsehen und Internet. Dabei zählt zunächst weniger, ob sie »wahr« oder »falsch« sind. Entscheidend ist, dass sie aktuell sind und dass sie sich als Gerüchte ausweisen, als Nachrichten ohne festen Autor; ihr eigentliches und primäres Medium ist das Hörensagen. Mit Formulierungen wie »man sagt«, »die Leute erzählen« oder »es geht das Gerücht« verschafft sich Fama Zutritt zu den Ohren und Herzen der Menschen.

    Sieht man einmal ab von einzelnen, oft anregenden wissenschaftlichen Vorstößen in die Kulturgeschichte des Gerüchts, ist sie den meisten als Ganzes weitgehend unbekannt. Viele merkwürdige und rätselhafte Spuren durchziehen das »Königreich des Hörensagens«. Wer ihnen folgt, unternimmt eine Gratwanderung: Keine Epoche lässt sich erschöpfend untersuchen, andererseits weist auch keine Passepartouttheorie den Weg durchs Ganze. Denn wenn auch Gerüchte fast jederzeit und beinahe überall auftauchen können, kann es die eine universale Erzählung über sie nicht geben. Fama ist nur eine Kulturgeschichte des Gerüchts unter denkbaren anderen. »Jede Geschichte ist Wahl«, sagte Lucien Febvre1; auch wer nach der Bedeutung der Gerüchte sucht, muss sich für Fragen entscheiden. Einigen davon gibt dieses Buch Raum. Mancher Leser mag überrascht sein, hier statt auf Cagliostro, Aretino oder sonstige Virtuosen der Fama auf Gestalten wie den Sklaven Clemens, den Gerüchtetheoretiker Francis Bacon oder Matt Drudge, den Mann im Internet, zu treffen. Die Auswahl erklärt sich aus der, wie es der alte Stechlin einmal nennt, »Panoptikumsbildung« des Autors. Sie hängt aber auch mit der Anlage des Buches zusammen. An konkreten Beispielen zeigt es verschiedene Dimensionen einer bisher wenig beachteten Seite der Geschichte; und wie überall in der Historiografie, so lassen sich auch hier nur die Fragen, nicht aber die Antworten auf andere Gegenden und Zeiten übertragen.

    Wer Hörensagen und Gerücht deuten will, muss ihren geschichtlichen Zusammenhang kennen. Gerüchte sind Ereignisse, Beziehungen »zwischen einem bestimmten Geschehen und einem gegebenen symbolischen System«2. Sie lassen sich nicht verstehen, wenn man ignoriert, dass sie eine meist unsichtbare Literatur sind, die beständig ihre Gestalt verändert.3 Fama handelt von den Bildern, die sich verschiedene Epochen und Kulturen von diesem Phänomen gemacht haben, von den sozialen Praktiken, mit denen man es gebannt, bekämpft, untersucht oder produziert hat. Das klingt nach der viel beschworenen »Rhetorizität von Geschichte«, ist aber eher ein Beitrag zur Geschichte des Redens und des Geredes.

    Als flüchtige kollektive Ereignisse existieren Gerüchte nur im Moment ihrer Kommunikation. Eine Poetik und Kulturgeschichte des Gerüchts hat es deshalb mit einem Widerspruch zu tun: Das erkundete Mündliche steht immer im Modus der Aktualität, das heißt, es vergeht mit dem gesprochenen Wort. Wenn das wilde, ungeregelte Erzählen überdauert, dann in dem, was ihm unidentisch ist, in Texten, in schriftlichen oder anderen materiellen Zeugnissen unterschiedlichster Art. Darin liegt das besondere Verhältnis der Denkfigur »Gerücht« zu dem Hintergrund, vor dem sie erscheint.

    Gerüchte sind paradox; sie stellen Öffentlichkeit her und repräsentieren sie. Wer sie erwähnt, meint eine Nachricht und zugleich ihr Medium, die Botschaft und den Boten. Dem entspricht mein Begriff von Gerücht: Ich verstehe darunter zunächst das, was man als solches bezeichnet, also eine sich geschichtlich wandelnde Konvention, die ganz verschiedene Phänomene meinen kann. Zum anderen ist »Gerücht« eine aktuell in einer Gruppe kursierende Information im Medium des Hörensagens oder verwandter Formen der Kommunikation; was alle sagen, ist noch kein Gerücht, sondern das, von dem man sagt, dass es alle sagen. Gerüchte sind Zitate oder Variationen von Zitaten mit einer bedeutsamen Auslassung: Wen sie zitieren, bleibt unbestimmt; niemand weiß, wer in ihnen spricht.

    Dieser doppelte Begriff von Gerücht erlaubt es, Gerüchte historisch »dicht« zu beschreiben: als soziale Rede und zugleich als deren Reflexionen in Texten und Bildern. Gerüchte spiegeln sich in psychologischen und sozialwissenschaftlichen Abhandlungen wider, in Anekdoten, Biografien, Dramen, Epen, Erzählungen, Filmen, Formeln, Forschungstagebüchern, Fragebögen, Gedichten, Geschichtsbüchern, Ikonologien, Internetseiten, Kriegserinnerungen, Pamphleten, Polizeiberichten, Propagandainstruktionen, Romanen, Statistiken, Statuten, Theaterkostümen, Wörterbüchern, Zeitungsartikeln und anderen Dokumenten der Kunst, der Medien, des Alltäglichen. Mit Gerüchten kann es jeder zu tun haben, sei es als ihr Gegenstand, sei es als ihr Adressat oder Weiterverbreiter.

    Foto-Fama im Medium des Internets: Der Wold Trade Center Tourist wurde zur berühmtesten Fälschung seiner Tage.

    Wie schwierig es sein kann, das Gerücht begrifflich zu bestimmen, zeigen einige verbreitete Missverständnisse. Zum ersten: Gerüchte sind nicht notwendig falsch, überhaupt sind sie nicht aussagelogisch definiert, obwohl man sie natürlich entsprechend in »wahre« und »falsche« einteilen kann. Auch bilden Gerüchte nicht einfach eine Großform des Klatsches. Klatsch ist formal und inhaltlich beschreibbar, er beruht auf der besonders austarierten, bisweilen scheinhaften Nähe von »Klatschenden« und »Beklatschten«, die im Prinzip ihre Rollen tauschen können. Er ist die »Sozialform der diskreten Indiskretion«.4 Dabei kann er freilich die Form des Gerüchts annehmen. Das gilt auch für die gezielt intrigante Angestelltenversion des Klatsches, das Mobbing.

    Ebenso sind Gerüchte keine Lügen; zwar lassen sie sich steuern, wenn das Wissen und die Umstände zusammenkommen. In der Regel aber spielt die Motivation der Beteiligten hier eine untergeordnete Rolle, denn das Hörensagen hat kein individuelles Subjekt.5 Wer ein Gerücht aufnimmt und weitergibt, reiht sich ein in die Sequenz der »Leute«, die das »man«, den Agenten der kollektiven Rede, ausmachen.

    Häufig verweist ein Gerücht auf ein Vorurteil, und oft dienen Gerüchteopfer als Sündenböcke. Aber das Vorurteil ist kein soziales Ereignis, sondern Teil des kognitiven Systems. Gerüchte hingegen sind wesentlich aktuell. Deshalb können sie ein latentes Vorurteilswissen zwar ausdrücken oder bestärken, identisch mit dem Vorurteil sind sie jedoch nicht.

    Auch ist das Gerücht kein Medium, wie oft behauptet wird.6 Im Unterschied zum Massenmedium im modernen Sinne beruht es ursprünglich auf der gleichzeitigen Anwesenheit zumindest zweier Teilnehmer, umgekehrt kann es sich aber auch der Massenmedien bedienen. Es erzählt vom Erfolg einer Erzählung und ist zugleich Faktor und Signal dieses Erfolgs. In der Struktur von einführender Wendung und abhängiger Aussage der indirekten Rede verweist es auf das, was »die Leute« sagen; es ist vermittelte, abhängige Rede, das Zitat von einem Zitat. Deswegen haben es Dementis schwer; den Hauptsatz des Gerüchts – »die Leute sagen« – können sie nicht widerlegen, und die Gerüchtebotschaft – »dass der Präsident der Vereinigten Staaten eine Affäre hat« – bleibt gegen das Dementi immun, weil die Aussagelogik des gesamten Satzes nicht von ihm berührt wird. Ein Gerücht lässt sich schwer dingfest machen, es ist die heiße Kartoffel, an der sich jeder die Hände wärmt, bevor er sie weiterreicht. Genaugenommen handelt jedes Gerücht von einem Gerücht; es ist wesentlich eine rhetorische Figur, eine Form der Aussage.

    Daher rührt auch das Unheimliche des Gerüchts: Seine Erzählung findet in sich selbst ihren Halt und berichtet zugleich von einem anderen. Gerüchte sind suggestiv und plausibel, und, darin ähneln sie dem Klatsch, sie haben Macht. Oft prägen sie die Einstellungen und das Verhalten von Menschen stärker, als es verlässliche Informationen vermögen.7 Wie das Lachen über den Dritten, so aktualisiert auch das Reden über die angeblichen Pläne, Mängel oder Untaten dieses anderen gesellschaftliche Spannungen. Insofern gleicht das Gerüchtekollektiv dem der gemeinsam Lachenden.8 Auch im Gerücht ist man nicht allein; das ist sein ambivalentes Versprechen. Immer hat es mit den Ängsten, Hoffnungen und Erwartungen der Leute zu tun, und die wollen geteilt sein. Wie und warum das in der Wirklichkeit vonstatten geht, lässt sich am besten in der Fiktion beobachten:

    »Außerdem wurde noch erzählt, dass Kinder gefangen, im Wald aufgehängt und mit Messern aufgeschlitzt wurden, und das Blut wurde in Kolben gesammelt.«

    »Wozu?«

    »Dazu, um es bei der Blutübertragungsstation abzuliefern und riesige Summen dafür zu kassieren.«

    »Was für ein Quatsch!«

    »Von wegen Quatsch! Du hörst doch, dass Kinder gefangen, im Wald aufgehängt und mit Messern aufgeschlitzt wurden, und das Blut wurde in Kolben gesammelt.«9

    So geht es, und so wird es wohl weitergehen, solange geredet wird. Der Alltag des Gerüchts ist oft unauffällig, es ertönt meist zuerst im Nebenraum der Geschichte, unbemerkt entsteht es aus einer Frage oder Vermutung. Gegen das »Du hörst doch, dass« gibt es kein Argument. Die lose chronologische Anlage dieses Buches bedeutet nicht, dass die Geschichte des Gerüchts linear von einem »Ursprung« hin auf ein festes Ziel verlaufe.10 Es geht mir vielmehr darum, einige geschichtliche Parallelen, Verteilungen und Horizonte erst zu erschließen; als »Material« dazu dienen mir jeweils ausgesuchte exemplarische Einzelfälle. Denn nicht alles, was vergangen ist, gehört notwendig auch zur Historie; Geschichte existiert, wie es Paul Veyne formuliert, »nur im Verhältnis zu den Fragen, die wir an sie richten.«11

    Mythos, Fama, Rumor, Krieg, Stigma, Kontrolle, Formel: Im folgenden möchte ich anhand einiger Denkfiguren »gewisse gemeinsame Grundzüge«12 des Gerüchts zeigen und ihre historischen Echos überprüfen. Soweit das mein Vorgehen erklären hilft, komme ich dabei von Fall zu Fall auch auf theo retische Fragen und Probleme dieser Denkfiguren zu sprechen; weitere Hinweise finden sich in den Anmerkungen.13 Die Reflexions-Modelle, die diese Figuren darstellen, erinnern an selbstgebastelte Schiffchen. Man lässt sie zu Wasser, beobachtet, ob sie schwimmen, und sieht sie »den Fluss der Zeit« hinab- oder hinauftreiben; dabei, so schrieb Fernand Braudel, ist der Augenblick des Schiffbruchs »immer der bedeutendste Moment«14. Weil die historische Gültigkeit meiner Modelle begrenzt ist, gelten sie jeweils anderen Seiten des Gerüchts:

    Zu Beginn zeige ich das Verhältnis der »göttlichen Stimme« zum griechischen Mythos und zur jungen Geschichtsschreibung; schon damals geht es, wie nicht nur das Beispiel eines Athener Friseurs lehrt, um das Problem der Zeugenschaft. Lange später erscheint das Gerücht den Römern als das Ungeheuer Fama; das zweite Kapitel zeigt diese Gottheit als eine rhetorische Strategie, der Vielfalt des politischen Geredes in Rom Herr zu werden durch ein poetisch verdichtetes Konzept.

    In späterer Zeit entwickelt sich Fama zur Ikone des Ruhmes; verstärkt seit dem Mittelalter begegnet man deshalb dem Hörensagen, jener Technik aufrührerischer, anonymer Rede, mit anderen Mustern wie etwa der Figur des Rumor. Dass Gerüchte auch die Moderne beherrschen, erweist der Erste Weltkrieg, von dem im vierten Kapitel die Rede ist: Als man das Töten perfektioniert und die Nachrichtentechnik revolutioniert, finden sich europäische Soldaten und Historiker plötzlich in die beängstigenden Zeiten mythischer Mündlichkeit zurückversetzt.

    Fama schaut voraus, in die Gegenwart und ins Vergangene; diesen Blickrichtungen widmet sich ein Exkurs über Maria und andere Ufos. Antisemitische Pogrome bezeugen die erfinderische Macht des Gerüchts seit Jahrhunderten; im fünften, besonders auf literarische Funde gestützten Kapitel frage ich, ob die Fiktionen des Gerüchts tatsächlich immer soziales Stigma bedeuten müssen.

    In den amerikanischen »Gerüchtekliniken« entstehen dann seit den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts Mechanis men zur medialen Kontrolle der informellen Rede; sie spiegeln das bis in die digitale Gegenwart hinein spürbare Be dürfnis wider, das dahinschwindende gesellschaftliche Zen trum gegen das Wuchern der Peripherie zu verteidigen. Schließlich widme ich mich einigen Prakti ken und Modellen, mit denen Wissenschaftler seit Jahr zehn ten operieren, um das Gerücht in den Griff zu bekom men: Es erscheint ihnen als eine zwar irrationale, aber immer hin kalkulierbare Größe in den Randzonen der Gesellschaft. Gerade hier zeigt sich, dass die lange Geschichte des Gerüchts vor allem eine der Irrtümer ist.

    Kleine Leute, mächtige Politiker und große Künstler haben versucht, das Gerücht mit kulturellen Praktiken zu bannen. Auch wenn hier nur einige der Merkwürdigkeiten der Fama ausreichend gesehen und betrachtet werden können, bin ich doch sicher: Auch in Zeiten des Internet wird Fama bleiben, was sie war, eine oft fatale Begleiterin der Geschichte.

    Das Verlangen vorn, dem Trio aus Meinung, Streit und Zeugnis fol gen »Mein« und »Dein«. Hendrick Goltzius, Der Geiz ist die Wurzel allen Übels (o. J.).

    »GÖTTLICHE STIMME«, MYTHOS UND GESCHICHTE

    Ein Märtyrer des Gerüchts • »Es ist ja selbst eine Gottheit« • Die Spur der Stimme • Signalpost • Feuchter als Wasser

    Wer sagt, was die Leute sagen, riskiert Leib und Leben. Diese schmerzhafte Erfahrung macht im Oktober des Jahres 413 v. Chr. ein griechischer Barbier. In seinem Laden im Piräus, dem Hafen der Metropole Athen, schneidet er einem unbekannten Kunden Bart und Haar. Er ahnt nicht, dass in den nächsten Minuten die Weltgeschichte in sein Leben einbrechen wird, um ihm die tragische Hauptrolle in einem Lehrstück über Quellenkritik zuzuspielen. Denn was der Fremde aus der Ferne mitgebracht hat, wird das Leben des Friseurs verändern. Es ist bloß eine knappe, aber furchtbare Neuigkeit: Sie hat das Mittelmeer durchquert, ist von Hafen zu Hafen gesprungen. In einem Hafen kommt sie auch an ihr Ziel, als jetzt der fremde Reisende seinem Friseur erzählt, dass die athenische Flotte im Großen Hafen von Syrakus vernichtend geschlagen sei. Demosthenes und Nikias, die Athener strategoi und Oberbe fehlshaber vor Sizilien, seien ermordet, das griechische Heer gänzlich aufgerieben. Der Bote selbst, ein Sklave, sei mit seinem Herrn entkommen. Später, in seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges, wird Thukydides dies alles bestätigen und von 7.000 gefangenen Griechen in den sizilianischen Steinbrüchen berichten.

    Ein Märtyrer des Gerüchts

    Soviel kann der Barbier nicht wissen. Ihm genügt, was er gehört hat, und rasch macht er sich auf den Weg in das sechs Kilometer entfernte Athen, um die Nachricht denen mitzuteilen, die sie angeht: dem Volk und der Obrigkeit der Polis. »Den Augenblick verließ er seine Werkstätte und lief eilends in die Stadt, dass ihm keiner käme zuvor, den Ruhm ihm entrisse, diese Nachricht in der Stadt verbreitet zu haben«, berichtet viel später Plutarch, der die Geschichte des Barbiers überliefert.1 Die bestürzten Athener versammeln sich, um der Sache auf den Grund zu gehen; schließlich handelt es sich bei dem Überbringer um den Vertreter eines nicht gerade für seine Zuverlässigkeit gerühmten Gewerbes. »Es ist gar kein Wunder, dass die ganze Zunft der Barbiere so geschwätzig ist«, räsonniert der Chronist. »Denn die ärgsten Schwätzer kommen bei ihnen zusammen und sind beständig in ihrer Gesellschaft, so dass sie sich endlich selbst auch dieses Laster angewöhnen müssen.«2 Das scheinen auch die Athener des Jahres 413 zu wissen.

    »Der Barbier wurde also vorgeführt und befragt«, berichtet Plutarch weiter. »Da er aber nicht einmal seinen Ge währsmann angeben konnte, sondern sich auf eine namenlose, unbekannte Person berief, geriet die ganze Versammlung in Zorn und rief: Fort mit dem Bösewicht! auf die Folter mit ihm! das ist erlogen und erdichtet! Wer hat was davon gehört? Wer kann so etwas glauben?« Was ist Lüge, was ist Dichtung? Die Suche nach der historischen Wahrheit setzt sich fort mit den damals üblichen derben Methoden der Quellenkritik; »martyros« lautet das griechische Wort für den, der dabei war und sich erinnert, für den Zeugen: »Es wurde ein Rad gebracht und der Unglückliche darauf gespannt« und »lange Zeit gefoltert«, solange, bis andere Quellen schließlich die Nachricht des »Windbeutels« absichern, bis aus dem Gerücht Gewissheit wird, bis nämlich Augenzeugen und Boten auftreten, »die aus der Schlacht selbst entflohen waren und jene schreckliche Nachricht bestätigten. Sogleich liefen alle auseinander, jeder sein eigenes Unglück zu beweinen, und ließen den Elenden gebunden auf dem Rade liegen«, berichtet der Chronist über Undank und Quellenpflege in Athen.3

    Eine deutliche Spur des Gerüchts zieht sich durch die griechische Antike. Biografien, Epen, Lieder, Dramen und andere Dokumente halten den tiefen Eindruck fest, den das Gerücht auf die Menschen der Zeit macht. Oft geht es, wenn von ihm die Rede ist, um den Krieg, und sehr oft auch um den Mythos und sein Verhältnis zur Geschichte. In einer weitgehend mündlichen Gesellschaft bergen solche Fragen naturgemäß Gefahren. Wie man sieht, besonders für unbedarfte Boten.

    Plutarch erzählt seine kleine Friseurgeschichte zweimal: einmal als abschreckendes Beispiel in seiner Abhandlung über die Schwatzhaftigkeit, also mit didaktischer Absicht. Zum anderen kommt sie in seiner Biografie des Feldherrn Nikias vor, also in einem historiografischen Kontext. Aus heutiger Sicht lässt sich nicht entscheiden, ob Plutarch mit seinem Barbier eine »tatsächliche« historische Realität wiedergibt, ob er einen Mythos aufgreift oder einen erfindet. Zwischen dem Geschehen und seiner Aufzeichnung liegt etwa ein halbes Jahrtausend. Wahrscheinlich schaltet Plutarch als guter Historiograf eine Nebenfigur ein, um seine Geschichte vom Untergang des Nikias anschaulicher zu gestalten.

    Der kleine Friseur fügt sich nur zu gut in das Gewebe der Erzählung. Die Figur erlaubt die Engführung eines abstrakten Vorgangs, sie konterkariert die Hauptaktion des Textes durch einen sozial tiefer gelegenen Nebenschauplatz und verdichtet das Geschehen zusätzlich dadurch, dass der Barbier stellvertretend erduldet, was die Athener erleiden: den Schmerz der schlechten Nachricht. Und was die Ethnografie des späten zwanzigsten Jahrhunderts als Entdeckung stilisiert, war für den Schriftsteller Plutarch sicher selbstverständlich, »dass nämlich das, was wir als unsere Daten bezeichnen, in Wirklichkeit unsere Auslegungen davon sind, wie andere Menschen ihr eigenes Tun und das ihrer Mitmenschen auslegen«4. Ob nun historische oder mythische Realität: Die Erzählung über das Schicksal des Friseurs erschließt einige für die Entstehung und Verbreitung von Gerüchten in der Antike bemerkenswerte Details. Sie charakterisiert das Milieu, in dem Gerüchte entstehen und wachsen, und sie gibt Hinweise auf den gesellschaftlichen Status der informellen Rede sowie auf den Charakter der übermittelten Gerüchtebotschaft.

    Das Gerücht vom Untergang der Flotte taucht zuerst an der Peripherie der Weltstadt Athen auf. Wie die Schuhmacher läden und besonders die Ateliers der Parfümeure5 gelten Friseurläden seit der Antike als Orte von Klatsch und Gerede. Ob Männer, Frauen oder Sklaven: In solchen Etablissements kann jeder am Gerücht teilhaben; wo das Öffentliche und das Private einander durchdringen, findet der logopoios, der Erfinder und Geschichtenspinner, eine ideale Bühne.6 Hier kommen sich Fremde nahe, und gerade diese von Ferne durchkreuzte und oft behagliche Nähe lädt ein zum Austausch von Geschichten und zum schmückenden Ornament. Dem Märtyrer des Gerüchts wäre einiges erspart geblieben, hätte er dies bedacht und seine Geschichte nur unter seinen Kunden verbreitet. Das Mikromilieu des Bartscherers liegt zudem in einem charakteristischen Umfeld. Häfen sind Umschlagplätze von Waren und Menschen ebenso wie von Nachrichten. Nicht nur, wer von einer Reise zurückkehrt, hat etwas zu erzählen, auch wer ein Schiff landen sieht, wer das Löschen der Ladung beobachtet und mit fremden Seeleuten redet, kann Geschichten in die Welt setzen, verbürgte, wahrscheinliche und erfundene. Jedes Schiff ist ein Kassiber.

    Während sich, wie man vermuten kann, die Nachricht des unbekannten Sklaven im Piräus weiter verbreitet, läuft der Bote, den Hafen hinter sich lassend, an den Langen Mauern entlang in die Stadt. Damit wählt er den Weg, den kurz nach dem Beginn des Peloponnesischen Krieges auch die große Seuche nahm. Massen von Flüchtlingen suchten damals zwischen den als uneinnehmbar gelten den Langen Mauern Zuflucht vor den Angriffen der Spartaner. Die entsprechenden hygienischen Bedingungen sorgten dafür, dass sich, vom Hafen ausgehend, der wohl aus Pocken, Typhus und Fleckfieber bestehende »seuchenhistorische Kentaur«7 in rasender Geschwindigkeit ausbreitete: zwischen den Langen Mauern, dann aber auch in der Stadt. Ein Drittel der Einwohner Attikas, unter ihnen auch Perikles, fiel der Epidemie zum Opfer. Das Gerücht folgt also der Seuche, und auch was die Athener mit dem Hafenfriseur anstellen, als er endlich aufgeregt die Stadt erreicht, erinnert an seuchenhygienische Maßnahmen: Man isoliert die Befallenen, um das Infektionsrisiko für die Gesunden zu reduzieren.

    Als Gegner der Epikuräer lehnt Plutarch das müßige Gerede ab. Deshalb auch breitet er die Geschichte des Barbiers in aller Länge aus, und genüsslich spricht er von anderen Fällen, in denen Schwätzer und Gerüchtemacher harte Strafen zu erleiden haben. Natürlich muss längst nicht jeder, der unbestätigte Nachrichten verbreitet, wie der Bartscherer vom Piräus enden, und viele entgehen auch den gerechten Folgen ihrer Tratschsucht. Aber manchen kostet sein Gerede sogar Kopf und Kragen. Der Tyrann Dionysius etwa ließ, wie Plutarch erwähnt, seinen Friseur ans Kreuz schlagen, nicht weil er zuviel wusste, sondern weil er zuviel sagte. Den Hintergrund von Plutarchs Kritik an Gerücht und Gerede aber bildet der besondere Status der informellen Rede. In Athen zumindest hat man ein feines Gespür für die Nuancen der diabole, der üblen Nachrede und Verunglimpfung, der Verleumdung und des Klatsches.

    Wie geschickte Redner es verstehen, Gerüchte vor Gericht als Zeugen gegen ihre Prozessgegner zu zitieren, das erfährt im Jahre 345, fast siebzig Jahre nach dem Tag des Barbiers, der athenische Finanzpolitiker Timarchos, ein anderes Opfer des unbestätigten Geredes. Sein Widersacher, der Redner Aeschines, hängt ihm eine Affäre wegen gewerblicher Prostitution an. In der Schamgesellschaft Athens droht der geschickt instrumentalisierte Skandal dem belasteten Politiker das Genick zu brechen. Um ihre Anschuldigung zu untermauern, wartet die Anklage allerdings nicht mit einer wirklichen Person auf, sondern mit einem unsichtbaren Zeugen. Aeschines muss nur auf das Hörensagen verweisen, um seinen Gegner politisch hinzurichten. Denn pheme, der göttlichen Stimme8, wagt niemand ernsthaft zu widersprechen. Dazu passt sie allzugut in das Kalkül des politischen Rhetors.

    So sehr diese Stimme auch Respekt einflößen mag, der Ruf derer, die sie verbreiten, ist doch fragwürdig. Lange vor Plutarch beschreibt Theophrast, ein weiterer erklärter Gegner des Geschwätzes, wie der Gerüchteschmied sein Eisen im Feuer hält. Mit seiner Skizze aus den »Charakteren« legt der Schüler des Aristoteles den Akzent auf die ethische Seite von Klatsch und Gerücht:

    Der Gerüchtemacher ist […] einer, der bei der Begegnung mit einem Freund gleich seine Zurückhaltung aufgibt und ihn lächelnd fragt: Woher kommst du? Was sagst du, was meinst du? Kannst du darüber Neues sagen?[…] Seine Berichte sind so, dass sich niemand daran halten kann. Er erzählt, Polyperchon und der König hätten eine Schlacht gewonnen, Kasandros sei gefangen. Wenn ihm aber einer sagt: Glaubst du das selber? wird er entgegnen, das Ereignis werde ja in der Stadt ausposaunt, die Geschichte mache die Runde, alle stimmten überein, denn sie berichteten dasselbe über die Schlacht, und es sei da eine schöne Suppe eingebrockt worden. […] Alle Ein zelheiten erwähnt er, und er klagt so, dass man ihm glaubt: Unseliger Kasandros, wie bist du von Unglück geplagt. Erkennst du nun das Walten des Schicksals? Umsonst warst du mächtig. – Und übrigens: Du darfst das nur ganz allein wissen! Doch er hat es schon überall in der Stadt herumerzählt.9

    Charakteristisch sind die drei Stufen in der Arbeit des Gerüchteschmieds: Er aquiriert die Nachricht, indem er fragt, was es »Neues« gebe. Er spricht den Empfänger der Botschaft persönlich und scheinbar exklusiv an und profitiert so von der sozialen Dynamik des Geheimnisses; und schließlich beherrscht er die Kunst des Zitats, der indirekten Rede, indem er statt auf

    Gefällt Ihnen die Vorschau?
    Seite 1 von 1