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Demokratie und Nachhaltigkeit: Verbindungslinien, Potenziale und Reformansätze

Demokratie und Nachhaltigkeit: Verbindungslinien, Potenziale und Reformansätze

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Demokratie und Nachhaltigkeit: Verbindungslinien, Potenziale und Reformansätze

Länge:
392 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 8, 2016
ISBN:
9783706558501
Format:
Buch

Beschreibung

Demokratie und Nachhaltigkeit sind zwei wesentliche Themen moderner Gesellschaften. Dass diese Bereiche aber nicht nur einzeln wirken und bestehen, sondern eng miteinander verknüpft sind und sich wechselseitig beeinflussen, zeigt der vorliegende Sammelband. Die AutorInnen nähern sich den vielfältigen Verknüpfungen der Themenbereiche Demokratie und Nachhaltigkeit aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven, aus praktischer sowie aus theoretischer Sicht und stellen Fragen nach dem Zusammenhang demokratischer Systeme und der dort gelebten Nachhaltigkeit.

Die Beiträge des Sammelbandes kommen damit dem gesteigerten Interesse an nachhaltigem Leben in allen Bereichen sowie an der Weiterentwicklung demokratischer Mitbestimmung entgegen und verknüpfen aktuelle wissenschaftliche Debatten rund um Demokratie und Nachhaltigkeit. Die AutorInnen vergleichen beispielsweise verschiedene Reformansätze demokratischer Systeme, diskutieren Erkenntnisse der Non-Profit-Forschung im Hinblick auf Nachhaltigkeit und arbeiten Möglichkeiten einer nachhaltigen Stadtentwicklung sowie Herausforderungen für ein nachhaltiges Bildungssystem heraus. Aktuelle Ereignisse und wissenschaftliche Debatten werden zusammengeführt, wissenschaftlich eingebettet und aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet.
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 8, 2016
ISBN:
9783706558501
Format:
Buch

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Buchvorschau

Demokratie und Nachhaltigkeit - StudienVerlag

Reformansätze

Einleitung

Das Themengebiet Demokratie und Nachhaltigkeit ist ein sehr breites Feld mit unterschiedlichen Positionen und Zugängen. Einige davon werden im vorliegenden Sammelband aufgegriffen und diskutiert. Neben einer eingehenden Beschäftigung mit dem Begriff der Nachhaltigkeit an sich wird dessen Verhältnis zu demokratiepolitisch relevanten Forschungsfeldern herausgearbeitet: der Weiterentwicklung demokratischer Instrumente einerseits sowie neuen Konzepten von Staatsbürgerschaft und Citizenship und ihren Implikationen für Bildung andererseits.

Nachhaltigkeit kann als ein zentrales handlungsleitendes Prinzip für ein menschenwürdiges Leben verstanden werden. Als solches spielt das vieldiskutierte Konzept in verschiedenen Bereichen und auf verschiedenen Ebenen eine Rolle. Nachhaltigkeit ökologisch verstanden bezieht sich meist auf den ressourcenschonenden Umgang mit dem Lebensraum Erde. Nachhaltigkeit in einem ökonomischen Sinne bezieht sich auf das Verhältnis von Demokratie und Wirtschaft und fokussiert auf eine aus dem Blickfeld gerückte Kontrolle der Wirtschaft durch das demokratische System. Nachhaltigkeit kann aber auch sozial verstanden werden – hierbei rücken Begriffe wie Solidarität oder soziale Gerechtigkeit in den Vordergrund. Zusammengefasst geht es um die zukünftige Balance zwischen ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Zielen.

Nachhaltigkeit, verstanden als handlungsleitendes Prinzip in den verschiedenen Bereichen, funktioniert nur, wenn Bürger und Bürgerinnen in Entscheidungsprozesse eingebunden und dazu fähig und bereit sind, sich am Prozess der nachhaltigen Entwicklung zu beteiligen. Neben dem Wissen darüber, wie der/die einzelne BürgerIn zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen kann, beeinflussen aber auch andere Faktoren wie beispielsweise die Höhe des Einkommens und gesellschaftliche Stellung, Zeit und Muße sich zu engagieren, die Möglichkeiten und Bereitschaft der BürgerInnen, sich am Prozess einer nachhaltigen Entwicklung zu beteiligen. Welche Rolle aber spielt in diesem Zusammenhang ein demokratisches System? Kann Demokratie in Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung einen Beitrag leisten und wenn ja wie? Gerade in der Revitalisierung von Teilhabe und Mitsprache, also demokratischer Partizipation, Repräsentation und Legitimation, sehen manche Chancen sowohl für die Demokratie als politisches System als auch für eine nachhaltige Entwicklung.

Dieser Sammelband geht daher auch der Frage nach, inwieweit demokratische Strukturen in der Lage sind, eine nachhaltige Gesellschaftsform zu organisieren oder zu fördern, wie umgekehrt eine nachhaltige Entwicklung demokratische Strukturen stärken kann und welche Rolle dabei kommunale und regionale Initiativen und Konzepte spielen.

Nach einem einleitenden Beitrag von Susanne Reitmair-Juárez, in dem verschiedene Definitionen und Kontexte des vielfältig verwendeten Begriffs der Nachhaltigkeit vorgestellt und diskutiert werden, beschäftigt sich der Politologe Ulrich Brand kritisch mit global governance als möglichen Weg zu einer nachhaltigen Demokratie. Im Zuge einer immer stärker voranschreitenden Globalisierung auf allen Ebenen der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik entstehen neue wissenschaftliche Ideen und politische Ansätze, wie die Politik darauf reagieren kann oder soll. Als stärkstes Konzept – auch in der Praxis – hat sich bisher global governance erwiesen: „Regierungsarbeit" ist nicht mehr auf die nationalstaatliche Ebene beschränkt, sondern ist zunehmend auf internationale Zusammenarbeit im Mehrebenensystem angewiesen. Häufig wird damit auch die Hoffnung verbunden, dass universale Normen und Werte wie Menschenrechte oder Demokratie dabei stärker handlungsleitend seien. Das Potenzial des Konzeptes der global governance für eine Demokratisierung der internationalen Beziehungen wird vom Autor näher beschrieben und ausgeführt, der konkrete Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit, exemplifiziert am Beispiel der internationalen Klimapolitik, wird aber äußerst kritisch und bescheiden eingeschätzt.

Es folgen Beiträge und Analysen, die sich mit Demokratieentwicklung und nachhaltigen Beteiligungsformaten auseinandersetzen. In vielen Staaten wird immer wieder der Ruf nach Reformen des demokratischen Systems laut. Vielfach werden Krisenerscheinungen der repräsentativen Demokratie diagnostiziert, wie etwa sinkende Wahlbeteiligung oder „Politikverdrossenheit". Im Beitrag der Politikwissenschaftlerin Sigrid Baringhorst zur Nachhaltigkeit durch politischen Konsum und Internetaktivismus wird daher die Frage gestellt, vor welchen Herausforderungen die repräsentative Demokratie derzeit steht und welche Wünsche und Bedürfnisse die Gesellschaft heute an Partizipationsmöglichkeiten äußert. Der Beitrag zeigt mögliche alternative Partizipationsformen, wie bewussten Konsum oder Möglichkeiten des Web 2.0, auf und analysiert deren Stärken und Schwächen als nachhaltige Instrumente zur demokratischen Beteiligung. Dabei werden der Wunsch und die Notwendigkeit zu vermehrter politischer Beteiligung mit den gewandelten Möglichkeiten und Realitäten des 21. Jahrhunderts in Beziehung gesetzt. Häufig wird die Weiterentwicklung bzw. Stärkung von direktdemokratischen Instrumenten dabei als wichtiger Schritt zu einer „nachhaltigen Entwicklung" von Demokratie gesehen. Der Beitrag von Christoph Konrath zeigt verschiedene Ansätze zu Reformprojekten in verschiedenen Staaten auf, insbesondere in Österreich, ergänzt um Reformprojekte in Finnland und Irland, und zeigt Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den dahinterstehenden Überlegungen und Zielsetzungen.

Die Forderung nach mehr und intensiverer Beteiligung von BürgerInnen und zivilgesellschaftlichen Initiativen wirft die Frage nach notwendigen Rahmenbedingungen und Strukturen auf, die für eine nachhaltige Entwicklung solcher Prozesse notwendig sind. Evaluierungen von bereits abgehaltenen Beteiligungsformaten wie etwa BürgerInnenräte haben gezeigt, dass die Faktoren Bildung, Einkommen, und Geschlecht die Wahrscheinlichkeit beeinflussen, einer Einladung zur Beteiligung tatsächlich zu folgen. Der Beitrag von Eva More-Hollerweger analysiert, welche Rahmenbedingungen dazu beitragen, dass zivilgesellschaftliches Engagement von Individuen, Gruppen oder Organisationen im Dreieck der Interessen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gestärkt auftreten kann.

Ein konkretes Praxisbeispiel dazu liefert der Politikwissenschaftler und Aktivist Bruno Kaufmann mit der Beschreibung der Aktivitäten in der „Demokratiestadt" Falun. Die schwedische Stadt Falun möchte eine Democracy City werden und hat es sich zum Ziel gesetzt, ihre BürgerInnen zu aktivieren, für demokratische Prozesse auch und gerade auf der kommunalen Ebene zu interessieren und ihre Vorschläge und Wünsche bei der Konzeption von Projekten einzubeziehen. Aktive Bürger­beteiligung wird als die Software bezeichnet, welche die Hardware (die repräsentative Demokratie) ergänzen und ausgestalten müsse.

Ein anderes Praxisbeispiel liefert die Raumplanerin Barbara Saringer-Bory mit der Smart City Wien. Wachsende Städte wie Wien, stehen auch vor enormen Herausforderungen, wie etwa steigendem Ressourcenverbrauch und neue Anforderungen an eine nachhaltige Stadtentwicklung. Das Konzept der Smart Cities versucht, durch produktiven Einsatz von innovativen Technologien vorhandenes Wissen und Strukturen zu bündeln und weiterzuentwickeln, dabei ressourcenschonend vorzugehen und im Sinne der Nachhaltigkeit und der Steigerung der Lebensqualität eine ganzheitliche Sichtweise einzunehmen. Die Stadt Wien hat ebenfalls Smart City-Projekte entwickelt und sieht sich hier in einer Vorreiterrolle. Der Beitrag geht der Frage nach, inwiefern das Konzept der Smart Cities geeignet ist, Fragen der Nachhaltigkeit und der gesellschaftlichen Weiterentwicklung zu beantworten und welchen Mehrwert die verstärkte Einbindung von BürgerInnen in die Stadtentwicklung für deren Nachhaltigkeit bringt.

Zwei abschließende Beiträge befassen sich mit dem Aspekt der Bildung im Kontext von Demokratie und Nachhaltigkeit. Bildung vermittelt Menschen das notwendige Wissen und Kompetenzen, um die Gesellschaft künftig mit gestalten zu können. Bildung ist somit ein gesellschaftlicher Prozess und beeinflusst wesentlich mit, wohin eine Gesellschaft sich künftig entwickeln wird. Der Artikel von Franz Rauch beleuchtet die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft sowie zwischen Bildung und Gesellschaft. Welche Rolle Bildung bei der Gestaltung der künftigen Gesellschaft spielt, wird am Konzept „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung – BNE" dargestellt.

Der abschließende Beitrag von Gertraud Diendorfer und Susanne Reitmair-Juárez gibt einen Überblick über die Herausforderungen, welche an historisch gewachsene und nationalstaatlich strukturierte Konzepte von Staatsbürgerschaft gestellt werden und zeigt auf, dass auch auf staatlicher bzw. internationaler Ebene eine nachhaltige Weiterentwicklung von Strukturen und Prozessen im Gang ist. Das Konzept der Global Citizenship Education bietet einen möglichen Rahmen, um „Staatsbürgerschaft" global und in Mehrfachidentitäten zu begreifen und dieses breite Verständnis von Citizenship in das Bildungssystem zu integrieren und dergestalt auf nachhaltige Entwicklung hinwirken zu können. Damit wird das Verhältnis zwischen Bildung und Gesellschaft aus der Perspektive der Global Citizenship Education analysiert.

Gertraud Diendorfer, Manfried Welan

März 2016

Susanne Reitmair-Juárez

Nachhaltigkeit – ein vielseitiger Begriff

Mit dem Erstarken der Ökologie- und Grünbewegungen in den 1980er Jahren und der Durchsetzung der allgemeinen Erkenntnis, dass die Ressourcen auf unserer Erde nicht unendlich sind, erstarkte auch die Debatte um den Begriff der Nachhaltigkeit. In verschiedensten gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Debatten und Politikfeldern taucht das Adjektiv „nachhaltig" seitdem auf. Nachhaltigkeit ökologisch verstanden bezieht sich meist auf den ressourcenschonenden Umgang mit dem Lebensraum Erde. Nachhaltigkeit in einem ökonomischen Sinne bezieht sich auf die effiziente Nutzung von begrenzten Ressourcen. Nachhaltigkeit kann aber auch sozial verstanden werden – hierbei rücken Begriffe wie Solidarität oder soziale Gerechtigkeit bzw. Generationengerechtigkeit in den Vordergrund. Darüber hinaus wird Nachhaltigkeit oft als Teil des demokratischen Wertekanons oder als handlungsleitendes Prinzip für soziale Gerechtigkeit bezeichnet. Der Begriff der Nachhaltigkeit hat sich in wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Diskursen in den letzten Jahrzehnten etabliert und hat sich auch in den Medien und dem allgemeinen Sprachgebrauch weitgehend durchgesetzt. Häufig wird der Begriff aber verwendet, ohne ihn inhaltlich zu definieren oder einzugrenzen.

Dort setzen auch die Kritiken des Begriffs an: Nachhaltigkeit sei zu einem Modewort verkommen und inzwischen zu umfassend geworden. Für ein analytisches Konzept oder gar ein „handlungsleitendes Prinzip sei der Begriff daher zu breit. Dieser Text leistet Begriffsarbeit und versucht das Konzept der „Nachhaltigkeit in seinen verschiedenen Aspekten und Kontexten inhaltlich zu fassen. Dies soll zu einer definitorischen Basis für die folgenden Texte dieses Bandes beitragen.

Die Anfänge des Nachhaltigkeitsbegriffs

Etwa im Jahr 1713 verfasste Hans Carl von Carlowitz, Oberberghauptmann im damaligen Königreich Sachsen, eine Abhandlung über wirtschaftlichen Waldbau. Die Förderung von Bodenschätzen war im damaligen Sachsen die Grundlage des wachsenden Wohlstands, war aber an die ausreichende Verfügbarkeit von Brennholz, also genügend Wald, gebunden. Deshalb verfasste Carlowitz einen Text über „continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung (von Carlowitz/Hamberger 2013: 26) des Waldes als Grundlage dieses wichtigen Wirtschaftszweigs (Bauchmüller 2014: 3). Das Wort „nachhaltend wurde in dem Text wohl eher beiläufig verwendet und „erst durch retrospektive Konstruktion wurde aus der Formulierung die Geburtsstunde eines Fachbegriffs". Im Lauf der Zeit entwickelte sich Nachhaltigkeit vor allem in der Forstwirtschaft zu einem wichtigen Prinzip (Uekötter 2014: 10).

Im beginnenden 19. Jahrhundert gab es auch noch eine andere Bedeutung von „Nachhalt, nämlich im Sinne von „Reserve für den Notfall. Das bedeutete, dass nicht die forst- oder montanwirtschaftliche Nutzung des Waldes im Vordergrund stehen sollte, sondern ein möglichst vielfältiger Wald, in dem die Menschen im Notfall verschiedenste Tiere und Pflanzen vorfinden würden, um einige Zeit überleben zu können. Die Debatte darüber, in welcher Weise die vorhandenen Wälder vornehmlich genutzt werden sollen, wurde noch über Jahrzehnte geführt. Letztlich setzte sich die Ansicht durch, dass der Wald kein öffentlich verfügbares Allgemeingut (im Sinne von Nachhalt oder Allmende), sondern möglichst effizient (nachhaltend) für die (Montan-) Wirtschaft eingesetzt werden sollte (Uekötter 2014: 11). Gleichzeitig markierte der Beginn der planmäßigen, effizienten Waldnutzung zu wirtschaftlichen Zwecken auch den Beginn der Forstwissenschaft.

Dieser kurze historische Exkurs zeigt einige Aspekte des Nachhaltigkeitsdiskurses, die bis heute wichtig sind: Erstens galt der ursprüngliche Gedanke der Wirtschaft (und nicht der Ökologie), zweitens kam die Aufforderung zur nachhaltigen Nutzung „von oben", von staatlicher Seite und drittens wurden technische Neuerungen und Lösungsansätze (Forstwissenschaft) als eine Notwendigkeit für nachhaltiges Wirtschaften angesehen. Nachhaltigkeit wird also von Beginn an vorwiegend als ressourcenökonomisches Prinzip verstanden (Pufé 2014: 16).

Nachhaltigkeit als Konzept des 20. Jahrhunderts

Im 20. Jahrhundert etablierte sich der Begriff der Nachhaltigkeit nur langsam in Wissenschaft und Politik und in weiterer Folge auch im öffentlichen Diskurs. Im Jahr 1972 veröffentlichten WissenschaftlerInnen des Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Auftrag des Club of Rome eine Studie unter dem Titel „Die Grenzen des Wachstums". Darin wiesen die ForscherInnen unter Leitung von Dennis Meadows erstmals darauf hin, dass das vorherrschende Wirtschaftsmodell, das auf stetigem Wachstum und Ressourcenausbeutung basiert, früher oder später an seine natürlichen Grenzen stoßen würde. Es sei auf einer Welt mit begrenzten Ressourcen schlicht unmöglich, dass Bevölkerung, Wirtschaft und Wohlstand unbegrenzt wachsen könnten. Der Bericht entwarf mehrere Zukunftsszenarien, die jeweils einen sehr starken Abfall im Lebensstandard der Menschen und in der Anzahl der Weltbevölkerung prognostizierten, sollten bisherige Prinzipien und Strukturen des Weltwirtschaftssystems beibehalten werden. Dies war ein wichtiger erster Schritt für die moderne Nachhaltigkeitsdebatte, die stark auf die bereits wahrnehmbaren Umweltschäden und erste negative Auswirkungen der Globalisierung auf verschiedene Regionen der Welt fokussierte (Bauchmüller 2014: 3).

Als nächster wichtiger Schritt in der modernen Nachhaltigkeitsdebatte wird der Bericht „Unsere gemeinsame Zukunft" der World Commission on Environment and Development (so genannte Brundtland-Kommission) gesehen. Diese wurde von der UN-Generalversammlung beauftragt, sich mit dem Thema der „nachhaltigen Entwicklung zu befassen und veröffentlichte 1987 ihren Bericht. Darin erarbeitete die Kommission eine bis heute gängige Definition: „Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne die Fähigkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre Bedürfnisse zu befriedigen (UN World Commission on Environment and Development 1987: 37). Damit werden Aspekte der Generationengerechtigkeit sowie die ökonomische Dimension deutlich angesprochen. Zudem lässt die Formulierung „Bedürfnisse befriedigen auch Platz für einen breiteren Zugang beispielsweise in Richtung globaler Solidarität und Ökologie (Pufé 2014: 16). Diese Definition verdeutlicht außerdem eine Unterscheidung zwischen Prozess und Zustand: Das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung „bezeichnet einen Prozess gesellschaftlicher Veränderung, während der Begriff der Nachhaltigkeit (…) einen Zustand beschreibt (Grunwald/Kopfmuller 2006: 7).

Der Bericht wurde zu einer „bewegten Zeit veröffentlicht: Einerseits hatten sich in den 1970er und 80er Jahren verschiedene Grünbewegungen in den (west-)europäischen Ländern formiert. 1983 zog die Grüne Partei in den deutschen Bundestag ein, 1986 in den österreichischen Nationalrat. Gesellschaftspolitisch wurden Fragen der Umwelt- und Energiepolitik verstärkt thematisiert. Besonders der so genannte „saure Regen und das Waldsterben waren (auch politisch) sehr wichtige Themen. Es wurden erstmals politische Maßnahmen gegen den Klimawandel ergriffen, die durchaus dazu beitrugen, dessen Auswirkungen abzuschwächen, wie etwa der verpflichtende Einbau von Katalysatoren in Kraftfahrzeugen. Andererseits machten große Umweltkatastrophen wie etwa der Reaktorunfall in Tschernobyl mögliche Gefahren von neuen Technologien sichtbar und verdeutlichten auf drastische Weise die globale Verbundenheit (und Abhängigkeit) aller Menschen und aller Länder – auch über Generationen hinweg. Es wurde deutlich, dass die Folgen der menschlichen Handlungen für die Umwelt und auch für die Menschen nicht an nationalstaatlichen Grenzen Halt machen. Der Begriff der Nachhaltigkeit wurde in dieser Zeit jedoch noch nicht vorrangig verwendet, man sprach hauptsächlich von „Umwelt und „Ökologie (Uekötter 2014: 14).

UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung

Der nächste große Entwicklungsschritt für ein Konzept der Nachhaltigkeit war die UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro. Eines der Ziele dieser Konferenz mit rund 10.000 Delegierten aus 178 Staaten war es, die Empfehlungen der Brundtland-Kommission hinsichtlich des Ziels einer „nachhaltigen Entwicklung" weiterzuentwickeln und zu politisch und rechtlich verbindlichen Handlungsvorgaben zu finden. Am Ende der Konferenz wurden fünf Dokumente verabschiedet, die teils wichtige Prinzipien und Regelungen festschrieben, die bis heute als wegweisend in den Bemühungen um Umweltschutz, weltweite soziale Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung gelten. Neben der Klimaschutzkonvention, die sich der Begrenzung der Klimaerwärmung widmet, der Biodiversitätskonvention, der Walddeklaration sowie der Vorbereitung für die Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung erlangten vor allem zwei Dokumente große internationale Bedeutung: Die Agenda 21 sowie die Deklaration über Umwelt und Entwicklung.

Die Deklaration über Umwelt und Entwicklung verankerte in 27 Grundsätzen erstmals das „Recht auf nachhaltige Entwicklung" (sustainable development) für alle Menschen und legte für die Umweltpolitik unter anderem das Vorsorge- und das Verursacherprinzip fest, worauf bis heute internationale Verfahren im Umweltbereich beruhen. In dieser Deklaration wurde festgehalten, dass die Staaten der Welt zwar in unterschiedlichem Ausmaß zur globalen Umweltverschmutzung beitragen, dass aber alle Staaten eine gemeinsame Verantwortung für den Schutz des Planeten haben. Die Staaten verpflichten sich unter anderem, „nicht nachhaltige Produktionsweisen und Konsumgewohnheiten ab[zu]bauen und [zu] beseitigen und eine geeignete Bevölkerungspolitik [zu] fördern (Rio Deklaration 1992, Grundsatz 8). Weiters wird der Beitrag der Wissenschaft und des Technologietransfers zwischen Staaten zur Stärkung der nachhaltigen Entwicklung und des Umweltschutzes betont. Es wird allerdings auch daran festgehalten, dass nachhaltige Entwicklung dazu beitragen solle, das Wirtschaftswachstum auf der ganzen Welt (möglichst gleichermaßen) zu fördern. Dieser grundsätzliche Zugang zu Nachhaltigkeit und Umweltschutz, nämlich dass diese beiden Ziele eher eine Funktion, ein „Nebenprodukt des vorherrschenden Wirtschaftssystems, nicht aber handlungsleitendes (und damit möglicherweise auch begrenzendes) Prinzip wirtschaftlichen Handelns seien, wird bis heute von GlobalisierungskritikerInnen vehement angeprangert (siehe unter anderem den Beitrag von Brand in diesem Band). Die Deklaration scheint die Erkenntnisse des Berichts „Die Grenzen des Wachstums" aus 1972 in dieser Hinsicht zu ignorieren, da nachhaltige und gerechte Nutzung der begrenzt vorhandenen Ressourcen nicht als vorrangiges Ziel oder Notwendigkeit formuliert wird, sondern nur als Mittel zu weiterem Wirtschaftswachstum verstanden wird.

Das zweite Dokument der UN-Konferenz aus 1992, das in Bezug auf Nachhaltigkeit langfristig einflussreich wurde, ist die so genannte Agenda 21. Sie stellt ein umfangreiches „Aktionsprogramm" mit Handlungsvorschlägen für den sozialen, ökologischen und ökonomischen Bereich dar und fordert entschlossenes Handeln der jeweiligen Regierungen ein, um gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen AkteurInnen effektiv gegen Armut, Ungerechtigkeit, Umweltprobleme etc. vorzugehen und eine nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen zu erreichen. Explizit wird die Verantwortung an die Nationalstaaten übertragen, die im Zusammenspiel mit AkteurInnen der verschiedenen politischen Ebenen (von der Gemeinde bis zur internationalen Ebene), der Zivilgesellschaft und wissenschaftlichen Institutionen geeignete Aktionspläne und Programme erarbeiten und umsetzen sollen (Agenda 21, 1992). Während in der Deklaration über Umwelt und Entwicklung also die nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung stark betont wurde, fokussiert die Agenda 21 auf die Beteiligung und Eigenverantwortung möglichst vieler AkteurInnen in diesem Prozess.

Die Erde als globale Allmende

Ab den 1970er Jahren beginnt also der Begriff der Nachhaltigkeit im internationalen Diskurs an Bedeutung zu gewinnen, wobei auf die Tatsache fokussiert wird, dass unser Planet und seine Ressourcen begrenzt sind und sich alle überlegen müssen, „wie sich eine wachsende Zahl von Menschen gemeinsam in der Welt einrichtet (Bauchmüller 2014: 5). Die Erde wurde als eine Art „globale Allmende verstanden. Eine nachhaltige und umweltschonende Nutzung der vorhandenen Ressourcen würde internationale Kooperation und Koordinierung von Politik und wirtschaftlichem Handeln erfordern, um eine gerechte Verteilung (zwischen den Menschen, aber auch zwischen Generationen) zu erreichen. Damit wären wiederum tiefgreifende Veränderungen der gegenwärtigen Wirtschaftsstrukturen und der ungerechten Verteilung von Wohlstand auf der Welt verknüpft. Stattdessen setzte sich bereits auf der UN-Konferenz von Rio de Janeiro 1992 ein ökonomisch-technologisches Verständnis von Nachhaltigkeit durch, das eher die Bewahrung von bekannten Strukturen und die Erhaltung von Wohlstand und bestimmten Lebensweisen (in einem Teil der Welt) durch „technischen Fortschritt" zum Ziel hat (ebd.). Es werden zwar auf internationalen Konferenzen der Klimawandel und seine künftigen Auswirkungen auf die Menschheit selten bestritten und von WissenschafterInnen wie von PolitikerInnen werden entschlossene Maßnahmen zur Bekämpfung der Umweltverschmutzung eingefordert. Diese Ankündigungen werden jedoch nur selten in konkrete, einschneidende politische Maßnahmen umgesetzt. Dies mag ein Grund sein, warum die Wissenschaft dazu übergegangen ist, die wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels zu beziffern, um sich in der Politik mehr Gehör zu verschaffen. Der ehemalige Weltbank-Ökonom Nicholas Stern publizierte beispielsweise im Auftrag der britischen Regierung 2006 die Studie Review on the Economics of Climate Change, in der er die wirtschaftlichen Folgen der globalen Erwärmung bis 2100 auf jährlich etwa 5,5 Billionen Euro schätzt (Stern 2006; Pufé 2014: 17). Damit verband sich die Hoffnung, dass konkrete Zahlen auch eher zu konkreten Maßnahmen führen würden.

Eine aus ökonomischer Perspektive häufig genannte Definition von Nachhaltigkeit, die den geforderten Paradigmenwechsel verdeutlicht, lautet: „Nachhaltigkeit bedeutet, nicht Gewinne zu erwirtschaften, die dann in Umwelt- und Sozialprojekte fließen, sondern die Gewinne bereits umwelt- und sozialverträglich zu erwirtschaften (Pufé 2014: 16). Die Umweltproblematik muss als Gesellschaftskrise und als politische Herausforderung verstanden werden, nicht als „Naturkatastrophe (Brunnengräber 2011: 95).

Nachhaltigkeit als handlungsleitendes Prinzip

Wenn man nun die verschiedenen historischen wie aktuellen Bedeutungen von Nachhaltigkeit zusammenfasst, wie sie in politischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Debatten verwendet werden, so zeigt sich ein sehr vielfältiges und breites Konzept. Der Idee

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