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Freibeuterschriften: Die Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Gesellschaft

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Freibeuterschriften: Die Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Gesellschaft

Bewertungen:
3/5 (27 Bewertungen)
Länge:
229 Seiten
1 Stunde
Freigegeben:
Jul 29, 2016
ISBN:
9783803142122
Format:
Buch

Beschreibung

Als die Freibeuterschriften Pasolinis zum ersten Mal erschienen, waren sie – mit über 70.000 Exemplaren im ersten Jahr – nicht nur sehr erfolgreich, sondern bewirkten auch eine Wende in der Diskussion über den >FortschrittMassenkultur einander bedingten, so machte Pasolini auf die Kehrseite aufmerksam: auf die Radikalität eines Konsumismus,
der sich als aufklärerisch tarnt, aber das Eigenartige nivelliert und das Einzelne zerstört.
»Pasolinis Aufsätze können auch heute noch anregen, verschrecken, polarisieren – ihre andauernde Zauberkraft wird bleiben.«
Henning Klüver, Süddeutsche Zeitung
Freigegeben:
Jul 29, 2016
ISBN:
9783803142122
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Freibeuterschriften - Pier Paolo Pasolini

Neu herausgegeben von Peter Kammerer

Aus dem Italienischen von Thomas Eisenhardt

Diese Ausgabe wurde zwanzig Jahre nach dem ersten Erscheinen der »Freibeuterschriften« auf deutsch (1978) von Peter Kammerer durchgesehen, korrigiert und mit Anmerkungen versehen. Hinzu kamen die »Einleitende Bemerkung« Pasolinis sowie drei Rezensionen.

Nicht aufgenommen wurden Texte, die Wiederholungen (Pasolini würde sagen »leidenschaftliche Anaphorä«) darstellen oder durch ihren Bezug auf spezifisch italienische Ereignisse in Deutschland nicht ohne weiteres verständlich sind. Die Datierungen, die Pasolini im italienischen Original vor die Titel gestellt hatte, um den »Tagebuchcharakter« der Aufsätze zu kennzeichnen, werden in dieser Ausgabe im Quellenverzeichnis (S. 173) genannt.

E-Book

Ausgabe 2016

© 1975 und 1990 Garzanti editore s.p.a., Milano

© für die deutsche Ausgabe 1978, 1988 und 1998

Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 10719 Berlin

Covergestaltung: Julie August unter Verwendung eines Fotos von Pasolini © Fondazione Pier Paolo Pasolini. Reihenkonzept: Rainer Groothuis. Die Karnickel zeichnete Horst Rudolph. Die Fotografie stammt von Régine Esser.

Datenkonvertierung bei Zeilenwert, Rudolstadt

Alle Rechte vorbehalten. Jede Vervielfältigung und Verwertung der Texte, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für das Herstellen und Verbreiten von Kopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet sowie Übersetzungen.

ISBN 978 3 8031 4212 2

Auch in gedruckter Form erhältlich: ISBN:  978 3 8031 2317 6

www.wagenbach.de

»Wer mich liebt, folge mir nach«,

Reklame vor dem Petersdom in Rom (siehe Seite 28).

Vorwort

1. Ein halbes Jahrhundert

Wie kein anderer italienischer Dichter hat Pier Paolo Pasolini (1922 – 1975) die italienische Geschichte und die Veränderungen der Gesellschaft, also das »Leben der Nation«, mit seinem Werk und seinem Tun begleitet. Kein Vers, kein Akt, in dem nicht der Anstoß von außen erkennbar wäre. Und umgekehrt. Kein Vers und kein Akt, der nicht das Leben erhellt: die großen Landschaften zwischen Friaul und dem »afrikanischen« Süden; die vielerlei Lebensweisen der italienischen Bevölkerung; die politischen Hoffnungen und Niederlagen.

Grundlage dieser Art von Reflexion war Pasolinis Anderssein, sein »anderes« sexuelles und soziales Verhalten und sein Widerspruch gegen den totalitären Charakter der Normalität. Er schreibt: »Die Vorstellung vom absoluten Vorrang des Normalen ist … geradezu kriminell.« ¹ Und an anderer Stelle: »Ich habe aufgrund meiner persönlichen Lebensweise, aufgrund meiner Entscheidung darüber, wie ich meine Tage verbringe und wie ich meine Vitalität und meine Gefühle einsetze, schon als Junge die bürgerliche Lebensweise (für die ich vorbestimmt war) verraten. Ich habe jede Norm und jede Grenze überschritten. Dadurch konnte ich – ganz konkret, real und dramatisch – jenes Universum erfahren, das sich, grenzenlos weit, unterhalb der Ebene der bürgerlichen Kultur erstreckt: das bäuerliche Universum (zu dem auch das städtische Subproletariat gehört); und auch die Welt der Arbeiter (in dem Sinne, daß auch ein Arbeiter, mit Leib und Seele, zur Volkskultur gehört).« ² Ich zitiere aus den »Freibeuterschriften«, doch Äußerungen dieser Art ziehen sich als Bekenntnisse durch das ganze Werk.

Geboren im Jahr der faschistischen Machtergreifung und aufgewachsen in Bologna, entdeckt er in Friaul, in der Heimat seiner Mutter, die letzten Bilder von Menschen und Dörfern eines über fast tausend Jahre unveränderten »Naturzustands«. Er erlebt den Krieg, den antifaschistischen Widerstand, das kommunistische Engagement für eine neue Gesellschaft, die die Vergangenheit in sich aufheben würde, und das Scheitern dieser Hoffnungen. Zu Beginn der sechziger Jahre projiziert er seine Erfahrungen und Hoffnungen bewußt und als Mythos auf die erwachende Dritte Welt. In der Revolte von 1968 sieht er einen Modernisierungsschub in Richtung Konsumgesellschaft. Diese wird für ihn zur apokalyptischen Vision und ist das eigentliche Thema der »Freibeuterschriften«.

2. Irritation und Polemik

Am 7. Januar 1973 beginnt Pier Paolo Pasolini eine zunächst lose Mitarbeit bei der sonst konservativen Mailänder Tageszeitung Il Corriere della Sera. Der Artikel »Gegen die langen Haare« eröffnet mit seiner aus der Semiotik übernommenen Analyse der Körpersprache den Diskurs Pasolinis über die »anthropologische Mutation«. Aus der These, daß sich heute rechte und linke Jugendliche physisch nicht mehr unterscheiden, folgert Pasolini, daß die Jugendlichen allgemein, auf eine neue Art und Weise unglücklich sind, nur daß dieses Unglück von den neofaschistischen Bombenlegern auf eine besonders »erbitterte und monströse Art gelebt wird« ³ ; der Gegensatz von Faschisten und Antifaschisten ist sekundär geworden. Es gibt einen neuen, viel schlimmeren Faschismus, der mit seiner Diktatur des Konsums die Körper und Köpfe gleichschaltet.

Um die provozierende Wirkung dieser Thesen zu verstehen, muß man Sätze lesen wie den, mit dem eine Rezension der Erzählungen von Sandro Penna beginnt: »Was für ein wunderbares Land war Italien während des Faschismus und unmittelbar danach«; oder, etwa gleichzeitig geschrieben, den Beginn des Artikels »Die erste, wahre Revolution von rechts«: »In den Jahren 1971/1972 begann eine der gewaltsamsten und vielleicht auch endgültigsten Restaurationsperioden der Geschichte.« Beide Sätze kommentieren einander. Wenn vor uns die Apokalypse liegt, verklärt sich die Vergangenheit, und dies um so mehr, als gerade die Zerstörung der Vergangenheit das Ziel der neuen Reaktion ist. Hier thematisiert Pasolini erstmals das, was Enzensberger später die »Furie des Verschwindens« nannte, die auch einen Heiner Müller nicht mehr schlafen ließ. In der bisherigen Geschichte haben sich die Sieger die Vergangenheit der Besiegten angeeignet. Jetzt wird Vergangenheit überhaupt ausgelöscht. Eine Schule, die noch vom »Erbe der Väter« oder von einer »dichterischen Verinnerlichung der Welt« spricht, wirkt unehrlich oder antiquiert. Kein Erbe harrt mehr der Aneignung, keine Welt der Verinnerlichung. Dem »unerträglichen Siegerblick der Wirklichkeit«. (von heute) stellt Pasolini die von Penna erfahrene und beschriebene »Anmut der Wirklichkeit«. (von damals) gegenüber und formuliert eines seiner berühmten Paradoxe: »Es gibt nichts Antifaschistischeres als diese Begeisterung Pennas für das Italien unter dem Faschismus.«

Auch angesichts der politischen Ereignisse müssen die Thesen Pasolinis provozieren. Im Italien der Jahre 1971/1972 erhalten die Neofaschisten »gegen die kommunistische Gefahr« erheblichen Zulauf und auch internationale Unterstützung. Dies, wie Pasolini es tut, als reine Oberflächenphänomene zu sehen, unter denen sich eine andere, epochale Umwälzung vollzieht, die »links« und »rechts« gleichermaßen erfaßt, war schwer zu akzeptieren von Menschen, die in der praktischen politischen Auseinandersetzung stehen. Eine reaktionäre Wende, wie sie wenige Jahre zuvor in Griechenland stattgefunden hatte und dann auch im Herbst 1973 in Chile stattfand, war für Italien nicht auszuschließen. Warum Pasolini trotzdem darauf insistiert, daß die Unterschiede zwischen »rechts« und »links« durch die »strukturelle Gewalt«. (Pasolini benutzt diesen von Johan Galtung geprägten Begriff nicht, sondern spricht verkürzt immer nur von »Macht«) der Konsumgesellschaft eingeebnet werden, erklärt er anläßlich des Referendums zur Scheidungsfrage.

Am 12. Mai 1974 siegen, bei einer Volksabstimmung über die Abschaffung des vor wenigen Jahren erst erlassenen Ehescheidungsgesetzes, die laizistisch-progressiven Neinstimmen, und am 28. Mai kommt es (als Antwort auf diese Niederlage?) zu einem Bombenanschlag auf eine Gewerkschaftskundgebung in Brescia mit 8 Toten und 94 Verletzten. Die Gewerkschaften rufen den Generalstreik aus, im ganzen Land kommt es zu Demonstrationen, in Turin und Genua mit 100 000, in Mailand und Rom mit 200 000 Menschen. Pasolini äußert sich dazu in einem Artikel vom 10. Juni. Für ihn hat das positive Abstimmungsergebnis recht wenig mit einem Kampf zwischen traditionellen, klerikal-faschistischen und progressiven, sozialistisch-laizistischen Werten zu tun, sondern ist das Ergebnis der Vernichtung aller Werte der Tradition und einer dadurch verursachten »kulturellen Mutation«, »die ebensoweit vom traditionellen Faschismus wie von sozialistischer Fortschrittlichkeit wegführt«. ⁵ Eine humanistische Revolte, sowohl in ihrer christlichen als auch in ihrer kommunistischen Motivation, ist im Zeitalter der Herrschaft des Konsums unmöglich geworden.

Wer damals an die Möglichkeit einer »humanistischen Revolte« glaubte und in der Arbeiterbewegung das entscheidende historische Subjekt sah (was Pasolini nie getan hat), mußte diese Position als »romantische Kapitalismuskritik« oder als »reaktionäre Ausweglosigkeit« empfinden. So ist die negative Reaktion von Maurizio Ferrara, Chefredakteur der kommunistischen L’Unità, zu verstehen. Gleichzeitig beschuldigt auch Italo Calvino, Schriftsteller und Freund Pasolinis, diesen der »klagenden Nostalgie«. Beiden antwortet Pasolini am 8. Juli mit einem seiner schönsten Artikel: »Enge der Geschichte und Weite der bäuerlichen Welt«. Überraschend an den ablehnenden Reaktionen ist nicht der Rückgriff auf den Nostalgievorwurf, der schon Mitte der sechziger Jahre in einem großen Essay von Alberto Asor Rosa ⁶ erhoben worden war und den auch, in ganz anderem Ton, ein so großer Freund Pasolinis wie Gianfranco Contini erheben wird (der von einer »rückwärtsgewandten Utopie« spricht); überraschend ist das völlige Desinteresse der Kritiker an der politisch wie literarisch durchaus relevanten existentiellen Erfahrung und Verzweiflung Pasolinis, die schon immer produktives Zentrum seines Werkes war. Hatte er nicht schon in »Gramscis Asche«. (1956) geschrieben: »Nicht der Herbst/sondern das Heimweh nach alten Zeiten, flößt Melancholie ein/Doch in dieser Melancholie liegt das Leben«? ⁷ Hatte er nicht in »Eine verzweifelte Vitalität«. (1964) bekannt: »Aus dem Drang zu bewahren/bin ich Kommunist«? ⁸ Nun sieht er sich gezwungen, erneut die »Bedeutung des Nachtrauerns« zu erklären, und schreibt in dem gleichnamigen Gedicht ⁹ (1974): »Ich beweine eine tote Welt. Aber nicht ich, der ich weine, bin tot. Wenn wir vorwärts gehen wollen, müssen wir die Zeit, die nicht mehr wiederkommen kann, beweinen und nein sagen zu dieser Realität, die uns in ihrem Gefängnis einschließt …«.

Die Regression als Ausweg, das Zurückgehen auf der »Stufenleiter des Seins«, um in der Umkehr die ganze Menschheitsgeschichte wieder aufzunehmen, war schon 1958 das Thema des Gedichtes »An die rote Fahne« ¹⁰ : »Du rühmst dich so vieler Siege für Bürger und Arbeiter –/werde wieder zum Fetzen, auf daß der Ärmste dich schwenke.« In ihrem »Vorwärts« vom Fetzen zur Fahne zur Flagge wurde die rote Fahne zur Gefangenen einer staatstragenden Funktion. In seinem Artikel »Roman von den Massakern«. (November 1974) nimmt Pasolini ganz konkret das Thema wieder auf. Die Kommunistische Partei, das Reservoir aller progressiven Kräfte (»ein sauberes Land in einem schmutzigen Land«), kann – aus Sorge um die Stabilität, also aus Verantwortungsbewußtsein – die Namen derer nicht nennen, die für die blutigen Bomben und Massaker verantwortlich sind. »Mut zur Wahrheit und praktische Politik sind in Italien zwei unvereinbare Gegensätze.« ¹¹ Aber wer es sich nicht leisten kann, die Wahrheit zu sagen, verliert das Interesse an ihr. Hier und nicht nur in alten Vorurteilen liegt der Grund für die Unfähigkeit der Kommunisten, sich auf die vom »Freibeuter« aufgebrachten Themen wirklich einzulassen. Nach den großen Wahlerfolgen haben sie die Regierungsbeteiligung im Auge. Das Leiden an einem Verlust der Vergangenheit, der die Unmöglichkeit einer »humanistischen Revolte« einschließt, wird ihnen unverständlich. Das erklärt die Leichtigkeit, mit der diese Partei sang- und klanglos zwei Jahrzehnte später zu einer normalen Regierungspartei werden kann.

Das gleiche gilt für die Kirche und für ihren Weg vom Konzil eines Johannes XXIII. zu den Enzykliken und Erklärungen eines Johannes Paul II. Pasolini sieht im »christlichen Humanismus« einen natürlichen Verbündeten gegen die Herrschaft der Konsumgesellschaft, da diese auch die Grundlagen der Kirche unterminiert. Sie wird von dieser Herrschaft nicht mehr gebraucht. Es scheint, daß Paul VI. diese Krise zumindest ahnt. Pasolini glaubt, dies einer Gelegenheitsrede des Papstes in Castelgandolfo entnehmen zu können, und nennt sie »von historischer Bedeutung«. Seinen Artikel dazu beschließt er mit explosiver Naivität: »Der Kirche bleibt heute nur eine Wahl: Entweder sie setzt sich die schockierende Maske eines folkloristischen Paul VI. auf, der mit der Tragödie ›spielt‹, oder sie macht sich die tragische Aufrichtigkeit eines Paul VI. zu eigen, der kühn das Ende der Kirche ankündigt.« ¹² Die wütende Antwort des Osservatore Romano ¹³ leidet an dem, woran alle offiziellen Antworten der Mächtigen (die Kirche, der PCI, Andreotti) leiden: an ihrer Reduktion der Vernunft auf Normalität.

Zu dieser gehören konstitutiv die Normen sexuellen Verhaltens. Auf diesem Gebiet ist Pasolini absolut antikonformistisch und ebenso verletzlich wie hellsichtig. Kern seiner Argumentation zur Scheidungsfrage, zur Abtreibung und zur Toleranz »sexueller Minderheiten« ist immer der Angriff auf die »Heterosexualität« als mehr oder weniger terroristische Norm. Der Weg zu einer Erneuerung der Sexualmoral führt nur über eine Befreiung vom »heterosexuellen Muß«, und von der dieses Muß begleitenden Art der Toleranz »abweichenden« Verhaltens.

Die »Freibeuterschriften« sind trotz des gelegentlich elegischen Tons (»Die Glühwürmchen«) alles andere als eine fruchtlose Klage über den Verlust von Vergangenheit. Es ist wahr: Pasolini sieht die Lage als »ausweglos«. Doch wenn die Vernunft keinen Ausweg sieht, muß sie zerspringen. Darin besteht die »Freude der Schiffbrüche«. (Ungaretti), und im Namen dieser Freude appelliert Pasolini an Paul VI., die Kirche aufzulösen, und an die Kommunisten, den »theologischen Glutkern der Revolution«. (der Ausdruck stammt von Benjamin, könnte aber von Pasolini sein) zu bewahren. Häresie und Blasphemie sind die »Techniken«, um die Fenster einer eng gewordenen Rationalität aufzustoßen, um Religion und Revolution aus dem Prokrustesbett von Kirche und Partei zu befreien. Im ganzen Schaffen Pasolinis leuchtet immer wieder diese Möglichkeit als letzte Hoffnung auf, die auch in den »Freibeuterschriften« spürbar ist, aber nur an einer Stelle, so scheint mir, explizit genannt wird. Bei der Analyse eines Werbeslogans bemerkt Pasolini, wie dessen technisch pragmatische Sprache durch die sexuell anzügliche, blasphemische Benutzung des Bibelworts »Wer mich liebt, folge mir nach« aufgeladen wird. »Der blasphemische Geist bewahrt im Slogan die ideologischen und ästhetischen Momente der Expressivität. Was bedeuten könnte, daß auch die Zukunft, die uns religiösen Humanisten als Stillstand und Tod erscheint, auf neue Art Geschichte sein wird.« ¹⁴ Gotteslästerung wird hier zur Notbremse vor der Apokalypse.

Der Corpus

Im November 1975 erscheinen die »Freibeuterschriften«, zugleich findet in Paris die Premiere des Films »Salò o le 120 giornate di Sodoma« statt. Der Autor ist am 2. November an einem Strand bei Ostia ermordet aufgefunden worden. Im Dezember erscheint ein noch von Pasolini vorbereiteter Band mit dem Titel »La Divina Mimesis«, eine an Dantes »Göttliche Komödie« erinnernde Reise in die Hölle. In einer Anmerkung des »Herausgebers«, d. h. Pasolinis, wird gesagt, daß der Autor tot sei, »letztes Jahr in Palermo gestorben – mit Stockschlägen getötet« ¹⁵ . Es ist bemerkenswert, daß auch der postum veröffentlichte Roman »Petrolio« von Anfang an als Nachlaß konzipiert war. In seiner Einleitung schreibt Pasolini (1973), daß das Ganze »sich als kritische Ausgabe eines unveröffentlichten Textes darstellen« soll: ein Konvolut von Manuskriptversionen, Dokumenten, Briefen an den Autor und von ihm, mündlichen Zeugnissen, Illustrationen, Entwürfen, Projekten, Zeitungsartikeln usw. ¹⁶ All das bedeutet, daß Pasolini sein Werk in der letzten Phase seines Lebens ästhetisch als einen riesigen, fragmentarischen Nachlaß sieht (aber nicht unbedingt, daß er seinen Tod inszeniert hat, wie Giuseppe Zigaina ¹⁷ meint), und daß dieses Werk seine Bedeutung durch den Tod des Autors erhält, oder wie Pasolini selbst es schon in den sechziger Jahren formuliert hat: »Der Tod macht eine fulminante Montage aus unserem Leben.« ¹⁸

Was die Einheit von Leben, Tod und Werk (in seinen vielfältigen Zeugnissen, Gattungen und Brechungen) für seine Auffassung von Literatur, Sprache und Kunst bedeutet ¹⁹ , hat Pasolini 1965/66 in dem autobiographischen Gedicht »Who is me. Dichter der Asche« ²⁰ dargelegt. Hier behauptet er den »Verfall seiner Achtung für die Poesie«: »… Sie also zählt nicht, nie./Jedenfalls nicht aufgefaßt als Poesie./Die Sprache der Tat, des Lebens, das sich darstellt,/ist so unendlich viel faszinierender!« Das Gedicht kommt einer Absage an die ästhetische Autonomie des Kunstwerks gleich; einer Absage an die Konvention, die das Objekt und die Form zum Kunstwerk macht.

»… Ist es wirklich nötig,/jene lebendige Sprache in eine konventionelle einzufügen,/damit sie sich dann befreit und wieder wird, was sie ist, lebendig im Leser?« In diesem Gedicht stehen auch die vielzitierten Verse: »Ich möchte mich durch Beispiele ausdrücken./Meinen Körper in den Kampf werfen.« In einem zu »Petrolio« gehörenden Brief an Moravia formuliert Pasolini dies so ²¹ : »Nun habe ich mich auf diesen

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