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Familienlexikon

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Familienlexikon

Bewertungen:
3.5/5 (3 Bewertungen)
Länge:
276 Seiten
4 Stunden
Freigegeben:
27. Feb. 2020
ISBN:
9783803142108
Format:
Buch

Beschreibung

Das mit dem Premio Strega ausgezeichnete Hauptwerk Ginzburgs ist nicht nur das komische Portrait einer denkwürdigen Familie (voran der donnernde Vater, Freund entschiedener Urteile und Verächter von Simpeln, und die unverwüstliche Mutter, listenreiche Beschützerin ihrer Kinder und des eigenen Kleiderschranks), sondern zugleich ein großartiges Portrait Italiens.
Freigegeben:
27. Feb. 2020
ISBN:
9783803142108
Format:
Buch

Über den Autor


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Familienlexikon - Natalia Ginzburg

Die Originalausgabe erschien 1963 unter dem Titel Lessico famigliare bei Giulio Einaudi Editore in Turin.

E-Book

Ausgabe 2020

© 1963 Giulio Einaudi Editore, Torino

© 1993, 2007 für die durchgesehene und veränderte Ausgabe:

Verlag Klaus Wagenbach, Emserstr. 40/41, 10719 Berlin

Covergestaltung: Julie August unter Verwendung des Bildes Der Fremde oder Konversation von Felice Casorati © VG Bildkunst, Bonn 2016. Das Karnickel zeichnete Horst Rudolph. Alle Rechte vorbehalten

Datenkonvertierung bei Zeilenwert, Rudolstadt

Alle Rechte vorbehalten. Jede Vervielfältigung und Verwertung der Texte, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für das Herstellen und Verbreiten von Kopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet sowie Übersetzungen.

ISBN 978 3 8031 4210 8

Auch in gedruckter Form erhältlich: ISBN: 978 3 8031 2563 7

www.wagenbach.de

Wenn bei uns zu Hause, als ich noch ein Kind war, meine Geschwister oder ich bei Tisch ein Glas umstießen oder ein Messer fallen ließen, dann donnerte die Stimme meines Vaters: Benehmt euch nicht rüpelhaft!

Wenn wir die Sauce mit Brot auftunkten, rief er: Schleckt die Teller nicht aus! Macht kein Geschmier! Macht keine Sudeleien!

Geschmier und Sudeleien waren für meinen Vater auch die modernen Bilder, die er nicht leiden konnte.

Er sagte: Ihr wißt euch bei Tisch nicht zu benehmen! Mit euch kann man nicht ausgehen!

Er sagte: An einer Table d’hôte in England würde man euch sofort wegschicken.

Er hatte vor England die höchste Achtung. Es war für ihn von allen Ländern der Welt das beste Beispiel eines zivilisierten Landes.

Er pflegte bei Tisch die Leute, die er während des Tages gesehen hatte, zu kommentieren. Er war sehr streng in seinen Urteilen und bezeichnete fast alle als Dummköpfe. Ein Dummkopf war für ihn wie »ein Simpel«. Der scheint mir ein schöner Simpel, sagte er von einem neuen Bekannten. Neben den »Simpeln« gab es auch die »Neger«. Ein »Neger« war für meinen Vater, wer sich linkisch, ungeschickt und schüchtern benahm, wer sich unpassend kleidete, wer nicht bergsteigen konnte und wer keine Fremdsprachen kannte.

Jede Handlung oder Gebärde, die ihm unpassend erschien, bezeichnete er als »eine Negerei«. Seid keine Neger! Macht keine Negereien! rief er ständig. Die Stufenleiter der Negereien war groß: Bergsteigen mit Stadtschuhen, ein Gespräch anfangen mit einem Reisegefährten im Zug oder einem Passanten auf der Straße, vom Fenster aus mit den Nachbarn schwatzen, die Schuhe im Wohnzimmer ausziehen, um sich die Füße am Heizkörper zu wärmen, sich beim Bergsteigen über Durst, Müdigkeit oder Blasen an den Füßen beklagen, auf die Wanderungen gekochte und ölige Speisen mitnehmen oder Servietten, um die Hände abzuwischen.

Auf die Bergwanderungen durfte man zum Essen nur Fontinakäse, Marmelade, Birnen und hartgekochte Eier mitnehmen und nur Tee trinken, den mein Vater selber auf dem Spirituskocher zubereitete. Mit gerunzelter Stirn beugte er seinen langen Kopf mit den roten Haaren im Bürstenschnitt über den Kocher und schützte die Flamme mit den Schößen seiner Jacke vor dem Wind, einer rostfarbenen Wolljacke, die er während der Ferien im Gebirge immer trug und die um die Taschen ganz abgenützt und versengt war.

Auf die Bergwanderungen durfte man weder Cognac noch Würfelzucker mitnehmen: denn das war, sagte er, »Negerzeug«; man durfte auch nicht zum Imbiß in die Chalets gehen; denn auch das war eine Negerei. Eine Negerei war es, wenn man den Kopf mit einem Taschentuch oder einem Strohhut vor der Sonne schützte, Regenkapuzen trug oder Schals um den Hals schlang: alles Kleidungsstücke, die meiner Mutter lieb waren und die sie am Morgen vor dem Aufbruch für uns und sich in den Rucksack einzuschmuggeln versuchte, die mein Vater aber, wenn sie ihm in die Hände gerieten, zornig wegwarf.

Wenn wir auf den Wanderungen unsere harten, genagelten Bergschuhe, die so schwer wie Blei waren, unsere wollenen Socken, Mützen und Gletscherbrillen auf der Stirn trugen, wenn die Sonne senkrecht auf unsere schweißbedeckten Köpfe brannte, dann betrachteten wir neidisch »die Neger«, die in leichten Tennisschuhen aufstiegen oder an den Tischen des Chalets Schlagsahne verzehrten.

Meine Mutter nannte das Bergsteigen »das Vergnügen, das der Teufel seinen Kindern macht«, und versuchte immer, daheimzubleiben, vor allem, wenn man außer Haus essen ging: denn nach dem Essen las sie gern die Zeitung und schlief ein wenig auf dem Sofa.

Wir verbrachten jeden Sommer im Gebirge. Wir mieteten ein Haus für drei Monate, vom Juli bis zum September. Zumeist waren es Häuser weit weg vom Dorf, und mein Vater und meine Brüder gingen jeden Tag mit dem Rucksack Einkäufe machen. Es gab keine Unterhaltung, keine Vergnügungen. Wir, das heißt wir Geschwister und meine Mutter, verbrachten die Abende zu Hause, rund um den Tisch. Mein Vater las in einem weit entfernten Zimmer, und von Zeit zu Zeit erschien er in der Tür des Zimmers, in dem wir schwatzten und spielten. Er runzelte argwöhnisch die Stirn und beklagte sich bei der Mutter über unser Dienstmädchen Natalina, das ihm gewisse Bücher in Unordnung gebracht hatte. Deine liebe Natalina, sagte er, eine Schwachsinnige, ohne sich darum zu kümmern, daß Natalina in der Küche ihn hören konnte. Natalina war im übrigen daran gewöhnt, daß mein Vater sie als schwachsinnig bezeichnete, und war deswegen nicht beleidigt.

Manchmal war mein Vater abends mit den Vorbereitungen für seine Bergtouren beschäftigt. Er kniete auf dem Boden und schmierte seine Schuhe und diejenigen meiner Brüder mit Walfischfett ein; er glaubte, er allein könne das richtig machen. Dann war im ganzen Haus ein großes Geklirr von Eisenzeug zu hören: er suchte die Steigeisen, die Kletterhaken, die Pickel. Wo habt ihr meinen Pickel hingeräumt? donnerte er. Lidia! Lidia! Wo habt ihr meinen Pickel hingeräumt?

Für seine Bergtouren brach er morgens um vier Uhr auf, manchmal allein, manchmal mit befreundeten Bergführern, manchmal mit meinen Brüdern, und am folgenden Tag war er aus Müdigkeit sehr mürrisch, hatte von der Sonnenreflexion auf dem Gletscher ein rotes, aufgeschwollenes Gesicht, rissige und blutige Lippen, und seine Nase war mit einer gelben Pomade bestrichen, die wie Butter aussah. Er las mit finsterem Blick und gerunzelter Stirn die Zeitung, ohne ein Wort zu sprechen, und eine Kleinigkeit genügte, daß er in einen fürchterlichen Zorn ausbrach. Wenn er mit meinen Brüdern auf einer Bergtour gewesen war, sagte mein Vater, meine Brüder seien »Salami« und »Neger«, und keines von seinen Kindern habe seine Bergleidenschaft geerbt, ausgenommen Gino, der älteste von uns, der ein ausgezeichneter Bergsteiger war und zusammen mit einem Freund sehr schwierige Gipfel bestieg. Von Gino und diesem Freund sprach mein Vater mit einer Mischung aus Stolz und Neid und sagte, er selber werde älter und habe nicht mehr so viel Atem.

Gino war auch sonst sein Liebling, der ihn in jeder Beziehung befriedigte; er interessierte sich für Naturgeschichte, sammelte Insekten, Kristalle und andere Minerale und war sehr fleißig. Er studierte später Ingenieurwesen, und wenn er nach einem Examen nach Hause kam und sagte, er habe dreißig Punkte gemacht, fragte mein Vater: Warum hast du dreißig gemacht? Warum nicht dreißig mit Auszeichnung?

Und wenn er dreißig mit Auszeichnung erhalten hatte, sagte mein Vater: Das war aber ein einfaches Examen.

Wenn mein Vater keine Hochtouren oder Wanderungen machte, die bis zum Abend dauerten, ging er dennoch jeden Tag »marschieren«; er ging frühmorgens weg, wie für eine Hochtour gekleidet, nur ohne Seil, Steigeisen und Pickel; er ging häufig allein, weil meine Mutter und wir, wie er sagte, »Faulenzer, Salami und Neger«, waren; er ging allein, die Hände auf dem Rücken, mit dem schweren Schritt seiner genagelten Schuhe, die Pfeife zwischen den Zähnen. Manchmal bestand er darauf, daß meine Mutter ihn begleitete. Lidia! Lidia! donnerte er morgens früh, wir gehen marschieren! Du wirst apathisch, wenn du immer auf der Wiese bleibst! Dann folgte ihm meine Mutter gehorsam, ein paar Schritte hinter ihm, mit ihrem Stöckchen, dem um die Hüften geschlungenen Wolljäckchen und den lockigen grauen Haaren, die sie immer kurz geschnitten trug, obwohl mein Vater die Mode der kurzen Haare nicht leiden konnte und an dem Tag, an dem sie sich die Haare hatte schneiden lassen, einen so heftigen Wutausbruch hatte, daß beinahe das Haus eingestürzt wäre. Jetzt hast du schon wieder die Haare geschnitten! Was du für eine Eselin bist! sagte mein Vater jedesmal, wenn sie vom Friseur nach Hause kam. »Esel« bezeichnete im Sprachgebrauch meines Vaters nicht einen Dummkopf, sondern jemanden, der sich ungeschickt oder unhöflich benahm; wir, seine Kinder, waren »Esel«, wenn wir wenig sprachen oder ungezogene Antworten gaben.

Du hast dich von der Frances anstecken lassen! sagte mein Vater, wenn er sah, daß sie sich die Haare wieder geschnitten hatte. Eigentlich wurde diese Frances, eine Freundin meiner Mutter, von meinem Vater sehr geschätzt und geliebt, unter anderem, weil sie die Gattin eines Jugendfreunds und Studienkollegen von ihm war; ihr einziger Fehler war in den Augen meines Vaters, daß sie meine Mutter zur Mode der kurzen Haare bekehrt hatte; denn Frances ging häufig nach Paris, weil sie dort Verwandte hatte, und in einem Winter war sie von Paris zurückgekehrt und hatte gesagt: In Paris trägt man die Haare kurz. In Paris ist die Mode sportlich. In Paris ist die Mode sportlich, hatten meine Schwester und meine Mutter den ganzen Winter hindurch wiederholt, indem sie das Kehlkopf-r von Frances nachahmten; sie machten sich alle Kleider kürzer, und meine Mutter ließ sich das Haar schneiden; meine Schwester nicht, weil sie sehr schönes blondes Haar hatte, das über den ganzen Rücken fiel, und auch weil sie zuviel Angst vor meinem Vater hatte.

Meistens kam auch meine Großmutter, die Mutter meines Vaters, mit uns in die Berge. Sie wohnte aber nicht bei uns, sondern in einem Hotel im Dorf.

Wenn wir zu ihr gingen, saß sie meist auf dem kleinen Vorplatz des Hotels unter dem großen Sonnenschirm. Sie war klein und hatte winzige Füße, die in schwarzen Knopfstiefelchen steckten; sie war stolz auf diese kleinen Füße, die unter dem Rock ein bißchen hervorkamen, und war auch stolz auf ihr schneeweißes krauses Haar, das sie zu einem Helm aufwärtsgekämmt trug. Mein Vater ging jeden Tag »ein wenig marschieren« mit ihr. Sie gingen auf Hauptstraßen, weil sie alt war und mit diesen Stiefelchen, die kleine Absätze hatten, nicht auf Fußwegen gehen konnte; sie gingen, er mit seinen langen Schritten, die Pfeife im Mund, voraus, sie hinterher mit ihrem raschelnden Rock und ihren kleinen Stöckelschritten; sie wollte immer einen anderen Weg gehen als am Vortag, sie verlangte immer neue Wege; das ist derselbe Weg wie gestern, beklagte sie sich, und mein Vater antwortete zerstreut und ohne sich umzuwenden: Nein, es ist ein anderer; aber sie fuhr fort zu wiederholen: Das ist der Weg von gestern. Das ist der Weg von gestern. Mein Husten erwürgt mich fast, sagte sie nach einer Weile zu meinem Vater, der immer weiterging, ohne rückwärts zu schauen. Mein Husten erwürgt mich fast, wiederholte sie und preßte die Hände an den Hals: Sie wiederholte dieselben Dinge immer zwei- oder dreimal. Sie sagte: Diese infame Fantecchi hat mir ein braunes Kleid gemacht, und ich wollte doch ein blaues! Ein blaues wollte ich! Und wütend klopfte sie mit ihrem Sonnenschirmchen aufs Pflaster. Mein Vater machte sie auf den Sonnenuntergang aufmerksam; aber sie war zornig auf die Fantecchi, ihre Schneiderin, und fuhr fort, mit der Spitze ihres Sonnenschirmchens wütend auf das Pflaster zu klopfen. Sie kam übrigens nur in die Berge, um mit uns zusammenzusein, da sie während des Jahres in Florenz wohnte. Wir dagegen wohnten in Turin, so daß sie uns nur im Sommer sah. Sie konnte eigentlich das Gebirge nicht leiden, und ihr Traum wäre es gewesen, den Urlaub in Fiuggi oder Salsomaggiore zu verbringen: Orte wo sie in ihrer Jugend den Sommer verbracht hatte.

Meine Großmutter war einst sehr reich gewesen und hatte ihr Vermögen im Ersten Weltkrieg verloren: Weil sie nicht glaubte, daß Italien siegen würde, und ihr ganzes Vertrauen auf Franz Josef setzte, hatte sie ihre österreichischen Wertpapiere behalten und dadurch viel Geld verloren. Mein Vater, Irredentist, hatte erfolglos versucht, sie zum Verkauf dieser Papiere zu überreden. Meine Großmutter pflegte »mein Unglück« zu sagen, wenn sie auf diesen Geldverlust anspielte, und ging deswegen morgens im Zimmer oft verzweifelt auf und ab. Sie war aber gar nicht so arm. Sie hatte in Florenz eine schöne Wohnung mit indischen und chinesischen Möbeln und türkischen Teppichen; weil ein Großvater von ihr, der Großvater Parente, ein Sammler kostbarer Gegenstände gewesen war. An den Wänden hingen die Porträts ihrer verschiedenen Ahnen: der Großvater Parente und die Vendée, eine Tante, die so genannt wurde, weil sie einen Salon für Zopfträger und Reaktionäre führte; und viele Tanten und Basen, die alle Margherita oder Regina hießen: Namen, die früher in den jüdischen Familien sehr gebräuchlich waren. Unter all diesen Porträts fehlte jedoch dasjenige des Vaters meiner Großmutter, und von ihm durfte man auch nicht sprechen: Er hatte sich als Witwer einmal mit seinen beiden schon erwachsenen Töchtern gestritten und hierauf erklärt, er werde, um sie zu ärgern, die erste Frau, die ihm auf der Straße begegne, heiraten, und das tat er auch; oder mindestens erzählt man sich in der Familie, daß er das tat; ob es in Wahrheit die erste Frau war, die er auf der Straße traf, nachdem er aus der Haustüre getreten war, weiß ich nicht. Auf jeden Fall schenkte ihm diese zweite Frau noch eine Tochter, die meine Großmutter nie kennenlernen wollte und mit Verachtung »Papas Kind« nannte. »Papas Kind« war mittlerweile eine reife und würdige Dame von fünfzig Jahren geworden, der wir während unserer Ferien manchmal begegneten, und mein Vater pflegte dann zu meiner Mutter zu sagen: Hast du gesehen? Hast du gesehen? Das war Papas Kind!

Bei euch wird alles zum Bordell. In diesem Haus wird alles zum Bordell, sagte meine Großmutter immer und meinte damit, daß uns nichts heilig war. Der Satz war berühmt in unserer Familie und wurde immer zitiert, wenn wir über Tote oder über Begräbnisse lachen mußten. Meine Großmutter hatte eine tiefe Abscheu vor den Tieren und geriet in Verzweiflung, wenn sie uns mit einer Katze spielen sah; weil sie fürchtete, daß wir Krankheiten auflesen und sie damit anstecken würden. Diese infame Bestie, sagte sie, stampfte mit den Füßen und klopfte mit der Spitze ihres Sonnenschirmchens auf den Boden. Ihr ekelte vor allem, und sie hatte eine große Angst vor Krankheiten; sie war jedoch sehr gesund und starb mit mehr als achtzig Jahren, ohne je einen Arzt oder Zahnarzt konsultiert zu haben. Sie fürchtete immer, daß jemand von uns sie, um sie zu ärgern, taufen würde, weil einer meiner Brüder einmal zum Scherz so getan hatte, als wolle er sie taufen. Sie betete jeden Tag ihre jüdischen Gebete, ohne etwas zu verstehen, weil sie nicht hebräisch konnte. Gegenüber den Leuten, die nicht Juden waren wie sie, empfand sie dieselbe Abscheu wie vor Katzen. Von dieser Abscheu war nur meine Mutter ausgenommen, der einzige nichtjüdische Mensch, zu dem sie in ihrem Leben Zuneigung gefaßt hatte. Und auch meine Mutter liebte meine Großmutter und sagte, sie sei in ihrem Egoismus so unschuldig und naiv wie ein kleines Kind.

Meine Großmutter war in ihrer Jugend, wie sie erzählte, sehr schön, das zweitschönste Mädchen von Pisa; das schönste war eine gewisse Virginia Del Vecchio, ihre Freundin. Eines Tages kam ein gewisser Herr Segre nach Pisa und wollte das schönste Mädchen von Pisa kennenlernen, um es zu heiraten. Virginia wollte ihn aber nicht zum Mann nehmen. Hierauf wurde ihm meine Großmutter vorgestellt. Aber auch meine Großmutter wies ihn ab und sagte, sie begnüge sich nicht mit Virginias Abfällen.

Sie heiratete dann meinen Großvater Michele, einen Mann, der sehr sanft und freundlich gewesen sein muß. Sie war noch sehr jung, als er starb, und wir fragten sie einmal, warum sie nicht wieder geheiratet hatte. Sie antwortete mit einem schrillen Gelächter und einer Schärfe, die wir der alten Frau, die so gern klagte und jammerte, nie zugetraut hätten: Kuckuck! Um mir mein Vermögen durchbringen zu lassen?

Meine Geschwister und meine Mutter beklagten sich manchmal, daß sie sich während dieser Ferien im Gebirge langweilten und in dem einsamen Haus weder Gesellschaft noch Unterhaltung hatten. Ich war die Jüngste und vergnügte mich mit wenig und spürte in jenen Jahren noch nichts von der Langeweile der Sommerferien.

Ihr langweilt euch, weil ihr kein Innenleben habt, sagte mein Vater. In einem Sommer hatten wir besonders wenig Geld, und es schien, wir würden in der Stadt bleiben. Im letzten Augenblick wurde aber ein Haus gemietet, das wenig kostete und sich in der Nähe eines kleinen Dorfes befand, das Saint-Jacques-d’Ajas hieß; ein Haus ohne elektrisches Licht, mit Petroleumlampen. Ich glaube, es war ein sehr kleines und unbequemes Haus, denn meine Mutter sagte den ganzen Sommer: Verflixtes Haus! Scheußliches Saint-Jacques-d’Ajas! Unsere Zuflucht waren Bücher: acht oder zehn in Leder gebundene Bände irgendeiner Wochenzeitung mit Bilderrätseln und Gruselromanen. Ein Freund meines Bruders Alberto, ein gewisser Frinco, hatte sie uns geliehen. Den ganzen Sommer nährten wir uns von Frincos Büchern. Dann schloß meine Mutter Freundschaft mit einer Dame, die im Nachbarhaus wohnte. Sie begannen miteinander zu reden, als mein Vater nicht da war. Für ihn gehörte das Sprechen mit den Hausnachbarn zu den »Negereien«. Als man dann aber entdeckte, daß diese Dame, Frau Ghiran, in Turin im selben Haus wie Frances wohnte und sie vom Sehen kannte, war es auch möglich, sie meinem Vater vorzustellen, der nachher sehr nett zu ihr war. Mein Vater war fremden Leuten gegenüber immer sehr mißtrauisch, weil er fürchtete, es könnte sich um »zweideutige Leute« handeln; kaum aber entdeckte er irgendeine gemeinsame Bekanntschaft, war er beruhigt.

Meine Mutter sprach lange Zeit nur noch von der Frau Ghiran, und bei Tisch aßen wir Gerichte, deren Rezepte von Frau Ghiran stammten. Ein neuer Stern steigt auf, sagte mein Vater jedesmal, wenn von Frau Ghiran die Rede war. »Ein neuer Stern steigt auf« oder auch nur »ein neuer Stern« war stets sein ironischer Kommentar zu unseren neuen Freundschaften. Ich weiß nicht, was wir gemacht hätten ohne Frincos Bücher und ohne Frau Ghiran, sagte meine Mutter am Ende dieses Sommers. Unsere Rückkehr in die Stadt endete mit folgender Episode: Nach ein paar Stunden im Postauto erreichten wir die Eisenbahnstation, stiegen in den Zug und nahmen Platz. Plötzlich entdeckten wir, daß unser ganzes Gepäck noch draußen war. Der Stationsvorsteher hob die Kelle und rief: Abfahrt! Da donnerte mein Vater: Nichts da Abfahrt! und sein Ruf hallte im ganzen Wagen wider; und der Zug setzte sich erst in Bewegung, als unser letzter Koffer eingeladen war.

In der Stadt mußten wir uns zu unserem großen Leidwesen von Frincos Büchern trennen, weil Frinco sie zurückverlangte. Und Frau Ghiran sahen wir nie wieder. Wir müssen Frau Ghiran einladen. Das ist eine Unhöflichkeit! sagte mein Vater manchmal. Aber meine Mutter war sehr unbeständig in ihren Sympathien und Freundschaften: Entweder sah sie ihre Bekannten jeden Tag oder wollte sie nie sehen. Sie war unfähig, Bekanntschaften aus reiner Höflichkeit zu pflegen. Sie hatte schreckliche Angst, »genug zu bekommen«, und sie befürchtete auch, die Leute würden sie besuchen, wenn sie selber Lust hatte, auszugehen.

Meine Mutter verkehrte immer mit denselben Freundinnen. Mit Ausnahme von Frances und einigen anderen Gattinnen von Freunden meines Vaters waren die Freundinnen meiner Mutter jung, um einiges jünger als sie: junge, arme, erst seit kurzer Zeit verheiratete Frauen: ihnen konnte sie Ratschläge geben und billige Schneiderinnen empfehlen. Ihr graue vor den »alten Frauen«, sagte sie und meinte damit Frauen, die ungefähr ihr Alter hatten. Ihr graute auch vor den Besuchen. Wenn eine ihrer alten Bekannten ihren Besuch ankündigte, erfaßte sie die Panik, und sie sagte verzweifelt: Nun kann ich heute nicht ausgehen. Ihre jungen Freundinnen dagegen konnte sie zum Spazierengehen und ins Kino mitnehmen; sie waren nachgiebig, lenkbar und bereit zu einem von keinerlei Formalitäten belasteten Verhältnis, und wenn sie kleine Kinder hatten, so war es um so besser, denn meine Mutter liebte Kinder sehr. Manchmal kam es vor, daß am Nachmittag alle diese Freundinnen miteinander zu meiner Mutter kamen. Die Freundinnen meiner Mutter hießen im Sprachgebrauch meines Vaters »Schreckschrauben«. Wenn sich die Stunde des Abendessens näherte, dann rief mein Vater mit lauter Stimme aus seinem Studierzimmer: Lidia! Lidia! Sind all diese Schreckschrauben endlich gegangen? Etwas später sah man die letzte Schreckschraube erschrocken durch den Korridor eilen und aus der Türe schlüpfen; diese jungen Freundinnen meiner Mutter hatten alle große Angst vor meinem Vater. Beim Abendessen sagte mein Vater zu meiner Mutter: Hast du nun genug geschwatzt? Hast du genug geklatscht?

Manchmal kamen abends Freunde meines Vaters zu uns, die, wie er, Universitätsprofessoren, Biologen und Wissenschaftler waren. Beim Abendessen fragte mein Vater dann meine Mutter: Hast du eine Erfrischung bereitgestellt? Die Erfrischung bestand aus Tee und Biskuits. Liköre gab es in unserem Haus nicht. Manchmal hatte meine Mutter nicht an die Erfrischung gedacht, und mein Vater wurde zornig: Wie, es

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Rezensionen

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Leser-Rezensionen

  • (2/5)
    Autobiography presented as novel. Mostly tedious details of people whose characters are hardly developed. Interesting to learn about anti-fascists, but much information not interesting.
  • (4/5)
    An unusually structured autobiography, as author Ginzburg recalls her life in Turin through the medium of 'family sayings' - the often-repeated jokes, rhymes, anecdotes and expostulations by her irrascible father, plaintive mother and her siblings, friends and relatives. Against these personalities, brought so vividly to life through their comments and conversations, we experience the threat of life as Fascists rise to power - imprisonments of the decidedly Left-leaning family and the death of the author's first husband.Very very good read.' "What's Terni got to whisper about with Mario and Paola?" my father asked my mother. "They are always there whispering in a corner. What is all this rigmarole?"In my father's terms this meant secrets and he could not bear to see people absorbed in conversation and not know what it was all about."They are probably talking about Proust," my mother told him.She had read Proust, and she too, like Terni and Paola, liked his work very much. She told my father that this Proust was someone who was very fond of his mother and his grandmother, he had asthma, and could never sleep and as he could not stand noise he had had the walls of his room lined with cork."He must have been a cad," said my father."
  • (4/5)
    Family Sayings is Ginzburg’s memoir of growing up in a large, quirky family in the pre-WWII years and the family’s experiences during and after the war. Most of the time, the focus is not on her, the narrator, but her parents, siblings, their friends, and their partners. It’s very detailed, intimate, and amusing, with the inside jokes and references frequently popping up to provide a good characterization of all the friends and relatives who people the book. When the war starts, everything becomes more difficult, but even with some close calls, the family mainly stays the same – her father grumbles, the siblings fight and marry and complain. However, when serious things do happen, there’s a kind of distance in Ginzburg’s descriptions – she’ll matter-of-factly state that someone’s parents were transported off, never to return, and never elaborates on her husband’s death – the only in-depth descriptions are a couple of her experiences before and after. It’s very effective at bringing attention to these incidents with the contrast in narrative style, as well as showing how even large losses give way to the rhythm of daily life. Her father looms large over the first half of the book. He is amusing to read about, but would likely be difficult to live with – a constantly complaining, constantly criticizing man who is sure that there is only one right way to do things. He loves mountain climbing and makes everyone else participate, but it has to be done his way. He likes and dislikes people for random reasons, plays favorites with his children, and has various obsessions. The narrator’s mother is more conciliatory and, like everyone else, she has her sayings and memories that have become part of the family lore – the opera that she started when she was a girl, the few memories of a brother who committed suicide, how every previous house was better than the one they live in now. All the narrator’s siblings are introduced – Gino, the golden boy who is the favorite due to his intelligence and love of mountaineering, Paola and Mario, both romantic, emotional, and addicted to literature and poetry (and constantly engaging in a silent war with their father), and Alberto, the sports-obsessed son who also manages to incur the disapproval of his father and mother. While her father and mother differ in personality, both are committed to socialism and various leftist politicians visit during the narrator’s childhood. Friends and romantic partners are also described in detail.Even though all the sons get into trouble early on in the war years – arrests or exile – nothing seems serious at first. Natalia’s mother sighs when the excitement is over and her father still does the same complaining and laughing. But the situation gradually becomes worse as people they know are executed and the racial campaigns start. Still, the narrator continues with her depictions of the relationships and daily life of the family. Alberto becomes a serious married man and doctor, Mario loses his interest in art and romance, Paola marries and divorces. Natalia also marries, but even the descriptions about her early married life give way to stories about her friends. Even with the losses of the war, life goes on, new characters are introduced, her parents summer and mountain climb with the grandchildren now, and the family references and jokes continue on.