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Mission Vergangenheit: Mörderische Zeitreisen

Mission Vergangenheit: Mörderische Zeitreisen

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Mission Vergangenheit: Mörderische Zeitreisen

Länge:
977 Seiten
11 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 12, 2019
ISBN:
9781536532128
Format:
Buch

Beschreibung

Mission Vergangenheit: Mörderische Zeitreisen

von Alfred Bekker, Horst Weymar Hübner, Hendrik M. Bekker & Karl Plepelits

Mörderische Begebenheiten und gefährliche Missionen in der Vergangenheit: Ob am Hof der ägyptischen Pharaonen, zur Zeit Karls des Großen oder im Chacogo der 20er Jahre.

Der Umfang dieses Buchs entspricht 737 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende acht Romane:

Alfred Bekker: Hinter dem Mond

Horst Weymar Hübner: Der Todeshauch des Pharao

Horst Weymar Hübner: Die Aller sah sie sterben

Alfred Bekker: Alternative 1453: Der Herr des schwarzen Todes

Hendrik M. Bekker: Die Akte Poe

Karl Plepelits: Der Mord und das Mädchen

Alfred Bekker: Im Schatten des Sonnengottes

Alfred Bekker: Bluternte 1929 – Umgelegt in Chicago

Cover: Steve Mayer

Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 12, 2019
ISBN:
9781536532128
Format:
Buch

Über den Autor

Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. 1984 machte er Abitur, leistete danach Zivildienst auf der Pflegestation eines Altenheims und studierte an der Universität Osnabrück für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Insgesamt 13 Jahre war er danach im Schuldienst tätig, bevor er sich ausschließlich der Schriftstellerei widmete. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten. Er war Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen. Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', 'Da Vincis Fälle', 'Elbenkinder' und 'Die wilden Orks' entwickelte. Seine Fantasy-Romane um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' und die 'Gorian'-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt. Darüber hinaus schreibt er weiterhin Krimis und gemeinsam mit seiner Frau unter dem Pseudonym Conny Walden historische Romane. Einige Gruselromane für Teenager verfasste er unter dem Namen John Devlin. Für Krimis verwendete er auch das Pseudonym Neal Chadwick. Seine Romane erschienen u.a. bei Blanvalet, BVK, Goldmann, Lyx, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.


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Mission Vergangenheit - Alfred Bekker

Mission Vergangenheit: Mörderische Zeitreisen

von Alfred Bekker, Horst Weymar Hübner, Hendrik M. Bekker & Karl Plepelits

Mörderische Begebenheiten und gefährliche Missionen in der Vergangenheit: Ob am Hof der ägyptischen Pharaonen, zur Zeit Karls des Großen oder im Chacogo der 20er Jahre.

Der Umfang dieses Buchs entspricht 737 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende acht Romane:

Alfred Bekker: Hinter dem Mond

Horst Weymar Hübner: Der Todeshauch des Pharao

Horst Weymar Hübner: Die Aller sah sie sterben

Alfred Bekker: Alternative 1453: Der Herr des schwarzen Todes

Hendrik M. Bekker: Die Akte Poe

Karl Plepelits: Der Mord und das Mädchen

Alfred Bekker: Im Schatten des Sonnengottes

Alfred Bekker: Bluternte 1929 – Umgelegt in Chicago

Cover: Steve Mayer

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Authors

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

HINTER DEM MOND

von Alfred Bekker

1

Eine laue Julinacht Anno 1969

Da ist ein Raumschiff.

Da ist ein blutiges Messer.

Und da ist ein Junge, der tot im Gras liegt.

Das alles ist in der Erinnerung untrennbar miteinander verbunden.

Aber alles der Reihe nach...

2

Im Jahr 1864 steht Friedrich Wilhelm Kötter aus Ladbergen im Münsterland an Deck eines Schiffs, das gerade in den New Yorker Hafen einläuft und blickt seinem neuen Leben entgegen.

Der Mond geht auf und Kötter kann in diesem Augenblick nicht ahnen, dass man ein Jahrhundert später den Mond vor lauter Lichtern in der Stadt, die niemals schläft, gar nicht mehr zu sehen vermag.

Für noch weniger wahrscheinlich hätte Kötter die Möglichkeit gehalten, dass 1969 ein Mensch den Mond betritt.

Dass es sein Urenkel sein wird, der diesen großen Schritt für die Menschheit vollbringt, hätte er sich wohl nicht einmal vorzustellen vermocht.

„Das ist Amerika!, ruft einer der anderen, zerlumpten Auswanderer Kötter zu und klopft ihm auf die Schulter. „Sieh es dir an! Hier ist alles möglich.

Aber Kötter macht eine wegwerfende Handbewegung.

„Bauer bleibt Bauer!, meinte er „Auch hier.

3

Ein Jahrhundert später ...

Am 21. Juli 1969 ist keine Nacht wie andere Nächte. Überall sitzen die Menschen an den Fernsehern, sehen auf ein paar verwackelte Schwarzweißbilder und auf die klugen Gesichter von Raumfahrtexperten, die erläutern, was dort gerade zu sehen ist und herumorakeln, wie lange es wohl noch dauern wird, bis der Adler gelandet und Neil Armstrongs Fuß seinen Abdruck in den Mondstaub geprägt hat.

Überall versuchen weltraumbegeisterte Kinder und Jugendliche, die ihren Eltern die Erlaubnis abgetrotzt haben, diesen größten Moment der Menschheitsgeschichte live mitzuerleben, verzweifelt ihr Gähnen zu unterdrücken und nicht einzuschlafen, bevor der große Moment gekommen ist.

Überall...

Aber da gibt es ein kleines Dorf im Münsterland, das diesem zwang zur kollektiven andachtsvollen Menschheitsverbrüderung widersteht. Ein Dorf, das zum Mantel der Geschichte sagt: Geh mir aus den Augen und streife mich ja nicht! Ein Dorf, dessen größter Sohn gerade die größte Tat der Menschheitsgeschichte vollendet und dabei der Versuchung widersteht hinzuschauen.

Denn als Neil Armstrong, der Urenkel eines gewissen Friedrich Wilhelm Kötter aus Ladbergen sich gerade bei seinem berühmten Satz verhaspelt, als er von einem kleinen Schritt für einen Menschen, aber einem Riesenschritt für die Menschheit spricht, ist in der Bauernschaft Ladbergen-Wester Schützenfest. Und wer käme schon auf die Idee, das wichtigste Ereignis des Jahres zu verschieben. Selbst das Ereignis des Jahrhunderts – ja, des Jahrtausends! - wird daran nichts ändern.

In Ladbergen-Wester sitzt niemand vor dem Fernseher.

Fast niemand.

Nur ein fünfjähriger Junge sieht fern. Er hat sich den Wecker gestellt, der ihn alle zehn Minuten aufschrecken lässt, damit er nicht einschläft. Er gähnt und sieht auf den Fernsehschirm, wo ein Mann im kobaltblauen Anzug und mit wichtiger Miene gerade sagt: „Wir bekommen jetzt gerade Neuigkeiten aus Houston..."

Er heißt Ralf und seine Eltern sind nicht zu Hause, sondern sitzen zusammen mit dem Rest der erwachsenen Dorfbevölkerung im Festzelt. Und die Kinder schlafen. Manche vor Erschöpfung, weil sie vorher soviel Unsinn gemacht haben und herumgetobt sind, weil niemand da war, um es zu verbieten.

Vielleicht hat auch von denen der eine oder andere davon geträumt, sich die Mondlandung anzusehen, wenn er schon nicht nicht ins Festzelt und Biertrinken darf. Aber Ralf ist wohl der einzige der es geschafft hat, dies auch in die Tat umzusetzen.

Er ist das Ganze sehr planvoll angegangen. Er hat sich darüber informiert, wann mit der Landung zu rechnen ist, hat vorher etwas geschlafen und sich dann den Wecker gestellt, damit er pünktlich aufwacht. Schließlich wollte er nicht das Risiko eingehen, alles zu verpassen.

Auf dem Boden verstreut liegt ein halbes Dutzend Bücher über die Raumfahrt, über die Planeten und über ferne Sterne. Da steht alles drin, was man bisher darüber weiß.

Aber das ist nicht sehr viel.

Ralf ist erst fünf, aber er kann besser lesen als manch einer aus dem vierten Schuljahr, von denen einige noch ziemlich herumstottern, wenn sie ein Stück vorlesen sollen, das sie vorher nicht geübt haben.

Die vier Tage Reise zum Mond, die Umkreisungen des Orbiters, das Ausklinken der Landefähre und schließlich das Aufsetzen auf der Mondoberfläche... Ralf kennt jeden einzelnen Schritt auf dem Weg dorthin. Er hat die Berichte über die vorhergehenden Apollo-Missionen verfolgt, die nur bis in die Umlaufbahn des Mondes gekommen sind und er hat keine Folge der Sendungen von Professor Heinz Haber verpasst, der einem all das erklärte.

Ralf hatte nicht alles verstanden, aber vieles. Und das, was er nicht verstanden hat, ließ sich begreifen, wenn man in Büchern nachschlug.

Er hatte sich das Lesen selbst beigebracht und war deshalb ein Jahr früher in die Schule gekommen.

Wäre doch gelacht gewesen, wenn es da etwas gegeben hätte, was er nicht hätte herausfinden können.

Seine Neugier war so grenzenlos wie das Universum selbst.

Ralf sieht auf die Uhr.

Eigentlich hat sein Freund Andreas angekündigt, in der Nacht zu ihm zu kommen, damit sie gemeinsam die Mondlandung erleben konnten.

Andreas wohnt ein Haus weiter – gut hundert Meter entfernt und seine Eltern hätten es nicht gemerkt, wenn er das Haus verlässt.

Schließlich sind sie bis zum frühen Morgen ebenso im Festzelt beschäftigt wie Ralfs Eltern.

Andreas ist ein Jahr älter aber Ralf hatte trotzdem immer schon den Eindruck, dass er nicht ganz so helle war. Man musste ihm manchmal die Dinge dreimal erklären, wenn man sicher sein wollte, dass er sie auch richtig begriffen hatte.

Und deshalb hatte sich Ralf auch große Mühe gegeben, ihm eindringlich klarzumachen, wie er den Wecker zu stellen hätte, damit er auch pünktlich aufwachte.

Offenbar vergeblich.

Andreas hätte längst hier sein müssen!, geht es Ralf ärgerlich durch den Kopf.

Dieser Dussel!

„Ey, bist du ein Lehrer oder was?, hatte ihn Andres noch angefahren, als Ralf seine Kontrollfragen gestellt hatte, um herauszufinden, in wie fern sein Freund tatsächlich begriffen hatte, was zu tun war. „Du brauchst nicht zu denken, dass ich doof bin, du Schlaumeier. Und nur, weil du vorzeitig eingeschult wurdest, brauchst du dir auch nichts einzubilden!

Auch wenn Andreas nicht der Hellste war – Ralf fand es doch angenehm, ihn um sich zu haben.

Dann hatte er jemanden, dem er von seinen Ideen erzählen konnte. Jemanden, der ihm fasziniert zuhörte, wenn er davon sprach, wie eine Mondfähre aufgebaut war, wie der Orbiter funktionierte, wie stark die Rakete sein musste, die all das aus der Anziehungskraft der Erde herauskatapultierte und so zielgenau in den Weltraum hineinschleuderte, dass es den Mond erreichte.

Über dreihunderttausend Kilometer.

Eine Zahl, die sich nicht mal Ralf vorstellen kann.

Andreas kann fehlerfrei bis 22 zählen. Ralf hat es immerhin schon mal geschafft einfach so und aus Spaß die Zahlen bis 1000 aufzuschreiben, ohne eine zu vergessen.

Aber 300 000 – das ist einfach nur ein magischer Begriff.

Einen Kilometer – das weiß er ziemlich genau, wie viel das ist. Einen Kilometer muss man laufen, um ins Dorf zu kommen und im Kiosk von Oma Oelrich ein Bessy-Heft zu kaufen.

Genau tausend Schritte. Ralf hat es abgezählt.

Und hundert Schritte sind es bis zum Haus von Andreas‘ Eltern. Wenn er den Wecker richtig gestellt hätte, wäre er aufgewacht und hergekommen!, denkt Ralf.

4

Er sieht die verwackelten Schwarzweißbilder der Landefähre > Eagle >, sieht die Umrisse von Neil Armstrong. Das ist er also. Der zweite große Moment. Der Adler ist gelandet und jetzt ist Armstrong ausgestiegen und der erste Mensch betritt den Mond. Mit so einer Fähre möchte ich mal fliegen, denkt Ralf. Wenigstens einmal.

Nach dieser Nacht wird er das nie wieder denken.

Einige Augenblicke lang versinkt er in seinem Traum von einer Zukunft als Astronaut. Den ersten Mann auf dem Mond gibt es ja nun schon, aber da draußen sind noch viele Planeten. Warum sollte er nicht der erste Mann auf dem Mars werden?

Dass Neil Armstrongs Vorfahren aus Ladbergen stammen, darüber haben sie in der Schule geredet. Was ein Ladberger geschafft hat, könnte doch auch einem zweiten gelingen, denkt Ralf.

Er hört einen Schrei und fährt zusammen.

Ein Schrei so hell und schrill wie eine Kinderstimme.

Ralf sitzt da und kann sich nicht bewegen, denn obwohl sie so verzerrt klang, hat er die Stimme sofort erkannt. Andres!

Ein Geräusch lässt ihn sich zum Fenster drehen. Auf dem Fernseher hat man jetzt gerade wieder zurück ins Studio geschaltet und ein Experte sagt ein paar kluge und salbungsvolle Worte über die Zukunft der Menschen und den Blick von einem anderem Himmelskörper auf die ferne Erde, der uns allen doch bewusst machen könnte, wie verwundbar wir doch sind. Die Erde als verletzliche Insel des Lebens im All. Ralf hört nicht zu. Er geht zum Fenster.

Ist Andreas vielleicht in einen Kuhfladen getreten? Hat er deshalb so geschrien? Memme!

Er nimmt seine Taschenlampe, die er letztes Weihnachten bekommen hat und die seitdem fast ständig seine Hosentasche ausbeult.

Ralf öffnet das Fenster.

Ein kühler Hauch kommt herein. Und zusammen mit diesem Hauch auch ein wimmernder Laut. Da ist irgend etwas geschehen. Irgend etwas Schlimmes.

Ralf sieht nochmal zum Fernseher. Immer noch Studio. Nicht Houston. Nicht der Mond. Kein Armstrong, keine EAGLE.

„Andreas?", ruft Ralf.

Aber da gibt es keine Antwort. Das Wimmern verstummt.

Ralf steigt nach draußen. Er läuft ein paar Schritte. Der aufkommende Wind biegt die Bäume und lässt sie rascheln.

„Wo bist du denn, du Blödmann?"

Er lässt den Strahl seiner Taschenlampe suchend herumfahren.

Und dann sieht er ihn. Andreas liegt im Gras.

Er sieht das Blut.

Viel Blut.

Und in den starren Augen spiegelt sich das Mondlicht. Der Mund steht offen – wie gefroren im Schrecken.

Da liegt auch ein Messer.

Die Klinge blitzt auf.

Zumindest dort, wo sie nicht mit Blut beschmiert ist.

Dann knackt ein Ast. Ralf lässt den Lichtkegel seiner Lampe herumfahren. Eine Gestalt schält sich aus der Dunkelheit heraus.

Ein Mann.

Er hebt den Arm vor das Gesicht, denn die Lampe blendet ihn. Ralf sieht nur die Hand und die Stirn und die hakenförmige Narbe.

Und das Blut an seinem Hemd und dem Ärmel.

Der Mann dreht sich um, stolpert davon. Er geht ganz seltsam. Mit seinem Bein stimmt was nicht.

Ralf hat schon mal jemanden gesehen, der sein Bein so bewegte. Das war im Urlaub am Strand.

Ralf hatte die ganze Zeit das Bein eines Mannes angestarrt, der vor ihm herlief, dann bei einer Sandburg stehenblieb, zum Schenkel griff, das Bein abschnallte und in den Sand steckte.

„Das kommt vom Krieg", hatte ihm sein Vater später gesagt.

Dieser Mann geht genauso. Er hat ein Holzbein.

Aber schon einen Moment später sieht Ralf ihn nicht mehr. Er ist einfach verschwunden, so als hätte es ihn nie gegeben – und Andreas liegt da, wie eine starre Puppe, so als hätte er nie gelebt.

5

Anno 2009...

Vierzig Jahre später.

Der Fernseher läuft. Die alten Bilder werden noch einmal gezeigt. Immer wieder aufs neue. Die Landung von Apollo 11 – in einigen Programme sogar die Originalübertragung in voller Länge.

Ralf sieht den Adler landen.

Und sitzt wie erstarrt da. Denkt plötzlich an das Blut, das Messer, den toten Andreas und den Mann in der Dunkelheit.

„Wolltest du nicht auch immer Astronaut werden?", fragt die demente Achtzigjährige im Rollstuhl, die ab und zu nochmal einen hellen Moment hat, ansonsten mit Ralfs Mutter aber nur den Name gemein zu haben scheint.

Ralf antwortet nicht.

„Komisch, du hast dich so sehr dafür interessiert, dass weiß ich noch genau. Aber das hatte sich dann plötzlich erledigt..."

„Ja, murmelt er. „Das hatte es.

„Schade, dass du so weit weg wohnst."

Nein, denkt er. Das ist gut so.

„Ich hoffe, man sorgt hier in diesem Altenheim gut für dich", sagt er.

Sie beugt sich vor. „Ich habe da einen Herrn kennengelernt. Der ist nett."

„Ah, ja..."

„Hat aber genauso wenig Haare wie dein Vater früher."

52 war Ralfs Vater nur geworden. Verkehrsunfall, Kreuzung Lengericher Straße/ Saerbecker Straße. So etwas nannte man wohl Schicksal.

6

Eine Dorfkneipe.

Ralf ist wegen eines Klassentreffens nach Ladbergen gekommen. Und jetzt sitzen sie beim Bier – alle die, die damals das Lesen lernten, als Neil Armstrong zum Mond flog.

„Aber der Ralf, der konnte dat schon!, sagt einer. „Obwohl er der Jüngste war.

„Hatte ich mir selbst beigebracht", sagt er.

„Du wolltest doch damals immer schon was besonderes werden. Astronaut, glaube ich, oder? So wie unser größter Ladberger, hier, wie heißt er noch – Nils Armstrong."

Neil – nicht Nils!, will Ralf ihn korrigieren, aber er behält die Worte für sich. Was soll‘s?

„Naja, aber Professor für Chemie ist ja auch nix Schlechtes oder? Nicht gerade sowas wie eine Reise zu den Sternen, aber ich schätze mal das liegt ja auch daran, dass die mit den Astronautenprogrammen damals erstmal eine Pause eingelegt hatten, wenn ich das richtig sehe..."

„Ist damals nicht der Andreas umgekommen?", fragt eine Frau. Jetzt ist sie dünn und hager wie ein Hering. Damals, hat Ralf noch gut in Erinnerung, konnte sie kaum aus den Augen sehen, wenn sie lachte, so dick waren ihre Wangen. Wie die meisten, die am Tisch sitzen, ist sie nie aus Ladbergen herausgekommen. Anders als Ralf.

Ilona heißt sie. Die dicke Ilona, denn es gab auch noch eine andere, die dünn war. Zu Ralfs Verwirrung ist allerdings in den letzten vierzig Jahren die dünne Ilona dick geworden und die dicke dünn.

„Ja, richtig der Andreas..., sagt jemand anderes. „Ralfi, dass war doch dein bester Freund, oder?

„Ja", murmelt Ralf. Er hört den Stimmen der anderen zu, ihrem Wortschwall aus Erinnerungen und Halbwahrheiten. Das gesammelte Dorfgerede eben, abgeschliffen und in seinem wahren Kern etwas verfälscht durch die Zeit.

„Ich meine die Polizei, die hat ja damals nicht so richtig herausfinden können, wer das nun eigentlich gewesen ist."

„Ja, aber es gab in den nächsten Jahren noch drei weitere Kinder, die hier in der Gegend umgebracht wurden."

„Ich meine, so'n Wort wie Kinderschänder, da hat man ja damals nur hinter vorgehaltener Hand von gesprochen."

„Ich weiß noch, dass wir einige Zeit kaum raus durften und unsere Eltern uns überall hingebracht hatten."

„Ja, das hat sich dann bald auch gelegt. Ich meine du kannst Kinder doch nicht rund um die Uhr überwachen!"

„Hat sich das nicht in der Nacht des Schützenfestes abgespielt?"

„Die Nacht des Schützenfestes! Das war doch die Nacht der Mondlandung, sagt jemand. „Allerdings muss ich zugeben, dass mir das auch jetzt erst aufgefallen ist, weil alle Leute über das Jubiläum von Nils Armstrong sprechen.

Wieder Nils!, denkt Ralf, weil ihn das etwas ablenkt. Eigentlich will er nichts mehr davon hören. Seit er Andreas gefunden hatte, war sein Interesse an Raumschiffen wie weggeblasen. Und wenn jemand das Wort Apollo aussprach oder Armstrong oder EAGLE oder Orbiter, dann konnte es sein, dass er Schweißperlen auf die Stirn bekam. Immer noch. Wahrscheinlich würde das auch nicht mehr aufhören. Nur ganz dunkel erinnert sich Ralf daran, wie er später vom Dorfpolizisten befragt wurde und noch später von einem Kriminalhauptkommissar und danach von einem Mann, von dem er bis heute nicht wusste, wer er war, aber der immer sehr verständnisvoll nickte, wenn er einen Satz beendete.

Die Zeit nach dieser Nacht erschien Ralf im Rückblick wie ein verworrener Alptraum. Und manchmal hatte er das Gefühl, bis heute nicht wirklich daraus aufgewacht zu sein.

„Echt, dat muss ein Auswärtiger damals gewesen sein", hört er jemanden sagen.

„Ja, und warum sind dann noch weitere Kinder umgekommen?", fragt jemand anderes und stört damit den lokalpatriotischen Grundkonsens am Tisch.

„Ja, aber kannst du dir denn vorstellen, das jemand, der mit unseren Eltern zusammen im Festzelt gesessen und Bier gesoffen hat, sowas tun würde? Jemand, hier aus der Gegend?"

„Vielleicht sogar jemand, der mit Neil Armstrong verwandt ist, sagt Ilona. Diesmal die dünne, die jetzt dick ist. Einen Augenblick herrscht Schweigen, diese Bemerkung findet jeder unpassend. „Ich mein‘ ja nur, sagt sie.

Ihre Namensvetterin erlöst die Runde aus ihrer bedrückenden Stille.

„Fährst du morgen nochmal deine Mutter besuchen, Ralf?"

„Ja."

„Meine ist auch im Haus Widum Lengerich. Wir sind zufrieden. Also – sie und ich."

„Verstehe."

„Wann fährst du?"

„Weiß noch nicht."

„Kannst du mich mitnehmen? Unser Wagen ist nämlich kaputt, aber wenn ich ihr zu erklären versuche, dass ich deswegen nicht zu ihr kommen kann, versteht sie das nicht."

„In Ordnung", sagt Ralf.

7

Ralf sitzt mit seiner Mutter im Tagesraum des Seniorenheims Haus Widum in Lengerich – zehn Kilometer von Ladbergen entfernt. Aber für Mutter ist das Ausland. Schon das Platt, das man hier spricht unterscheidet sich hörbar vom Ladberger Platt. Wie soll man sich da wohlfühlen? Darum hat sie sich lange gesträubt, hier her zu ziehen. Aber schließlich war es unumgänglich gewesen.

„Ich hatte ja immer gehofft, dass du mal unseren Hof übernimmst, sagt sie. „Aber das ist ja alles anders gekommen. Weißt du, was der Onkel Friedhelm gesagt hat: Selbst schuld, wenn du das Kind erst ein Jahr früher zur Schule lässt und dann auch noch aufs Gymnasium schickst. Selbst Schuld!

Ralf hat seit ein paar Jahren einen Lehrstuhl für Chemie in Zürich. Zuvor war er in New York, Sydney, Tokio und Delhi. Mal in der universitären Forschung und mal als Mitarbeiter an einem Forschungsprojekt in der Industrie. „Hauptsache weit weg, was?"

Das musste einer von Mutters hellen Momenten sein.

Sie sah ihn an.

„So kann man das nicht sagen", meinte er.

„Nee? Sie runzelt die Stirn. „Du bist doch der Ralf, oder?

„Ja, der bin ich."

8

Die Tür geht automatisch und Rollatorengerecht zur Seite, aber der Mann der jetzt hereingefahren wird, sitzt im Rollstuhl. Er blickt starr drein. Aber Mutters Blick hellt sich auf, als sie ihn sieht.

„Das ist der Herr, der so nett ist, sagt sie. „Er hört mir zu.

„Ah, ja...", murmelt Ralf.

Die Altenpflegerin fährt den Rollstuhl an den Tisch.

Der Mann lässt durch nichts erkennen, dass er Mutter überhaupt bemerkt hat. Er interessiert sich mehr für den Kuchen, der an seinem Platz steht, den er aber nicht ohne Hilfe essen kann.

Die Altenpflegerin will ihn etwas näher an den Tisch fahren, aber die Rollen des Stuhls treffen auf einen Widerstand. Der linke Fuß ist vom Tritt gerutscht.

„Oh tut mir leid", sagt die Altenpflegerin. Sie ist noch jung. Eine neue. Und wohl auch etwas ungeschickt.

„Das macht nichts, sagt Mutter. „Links ist alles aus Holz bei ihm!

Ralf erstarrt, als er die hakenförmige Narbe auf der Stirn des Mannes sieht.

Das ist er!, wird ihm klar und ein eisiger Schauder überläuft seinen Rücken. Wie oft hat er in die Gesichter gestarrt, immer wenn er Menschen begegnet war, die im passenden Alter waren, hinkten und eine Narbe am Kopf aufwiesen. Aber in diesem Moment gab es keinerlei Zweifel.

„Ist er nicht nett?, hört er Mutter sagen. „Ich weiß nur seinen Namen gerade nicht...

ENDE

Der Todeshauch des Pharao

TIMETRAVEL - Reisen mit der Zeitkugel

von HORST WEYMAR HÜBNER

Der Auftrag:

Seit Howard Carter im November 1922 das Grab des Pharaos Tutenchamun fand und öffnete, haben rätselhafte Todesfälle unter den beteiligten Forschern Anlass zu Spekulationen gegeben. Sind die Todesfälle lediglich eine Verkettung unglücklicher Umstände, oder steckt hinter der Bedeutung des Fluches des Pharaos ein tieferer Sinn, und wurden die Wissenschaftler die späten Opfer einer Vorsichtsmaßnahme altägyptischer Priester? Reisen Sie an den Nil und überprüfen Sie die Vorgänge bei der Öffnung des berühmten Grabes.

Das Konsortium der Sieben

Prolog

Am 5. Juli 1984 glückte Professor Robert Hallstrom das wahrhaft phantastische Experiment, winzige Substanzteile zu ent- und zu rematerialisieren. Und er errechnete, dass diese Substanzteile im Zustand der Körperlosigkeit mit ungeheurer Geschwindigkeit in der 4. Dimension zu reisen vermochten - also nicht nur durch den Raum, sondern auch in die Vergangenheit und in die Zukunft.

Mit seinem Assistent Frank Jaeger und dem Ingenieur Benjamin Crocker begann er, diese Entdeckung für die Praxis auszuwerten. Er wollte ein Fahrzeug bauen, das sich und seinen Inhalt entmaterialisieren, dann in ferne Räume und Zeiten reisen, sich dort wieder rematerialisieren und nach dem gleichen Verfahren wieder an den Ursprungsort und in die Ursprungszeit zurückkommen konnte. Doch nach vier Jahren musste der Professor seine Versuche aus Geldmangel einstellen.

Die superreichen Mitglieder vom „Konsortium der Sieben in London boten ihm aber die fehlenden Millionen unter der Bedingung an, dass sie über den Einsatz der Erfindung bestimmen könnten. Der Professor erklärte sich einverstanden, konnte weiterarbeiten und vollendete am 3. Mai 1992 sein Werk: Die Zeitkugel. Seit diesem Tag reisen der Professor, sein Assistent und der Ingenieur im Auftrag des „Konsortiums der Sieben durch die 4. Dimension.

Dieser Roman erzählt die Geschichte der Ausführung eines derartigen Auftrags.

Zeitkugel-Lexikon

Die Zeitkugel - ist ein aluminiumfarbener, fensterloser Ball mit einem Durchmesser von fünf Metern, der die Ent- und Rematerialisierungsapparatur, ein Panoramascope und Sitzgelegenheit für drei Passagiere enthält.

- Die Reise mit der Zeitkugel ist stets vorprogrammiert. Die Vorprogrammierung bestimmt das räumliche und zeitliche Ziel, die Dauer des dortigen Aufenthaltes und den Zeitpunkt der Rückkehr. Änderungen nach dem Start sind nicht möglich. Zum Schutz der Zeitkugel entmaterialisiert sie sich fünf Minuten nach der Ankunft am Zielort und rematerialisiert wieder eine Stunde vor der Abreise. Das Mitbringen von Gegenständen aus fernen Räumen und anderen Zeiten ist nicht möglich, da der Umwandlungsprozess nur Dinge erfasst, die beim Beginn der Reise an Bord waren. Die Ent- und Rematerialisierung sowie die Reise werden von den Passagieren nicht wahrgenommen, da sie während dieser Phasen bewusstlos sind.

- Der Radar-Timer wird von den Passagieren der Zeitkugel wie ein Armband getragen und ist eine Kompass-Uhr-Kombination, die stets die Richtung zur und die Entfernung von der Zeitkugel und zudem die verbleibende Zeit bis zur Rückreise zeigt.

- Die Kleidung der Zeitkugel-Passagiere besteht aus einer helmartigen Kapuze und einem silbrigen, hautengen Overall, der sowohl vor Hitze als auch vor Kälte schützt.

- Der Sprach-Transformer (auch Dolmetscher genannt) ist in der helmartigen Kapuze untergebracht und übersetzt jede Sprache ohne Verzögerung.

1

Vom nahen Wüstendorf herüber drang ein schauriger Schrei. Er kam so unverhofft und klang derart merkwürdig, dass Frank Jaeger und Ben Crocker zusammenfuhren.

Bald eine Minute lang geisterte das Echo durch die zerklüfteten Berge am Rande der Libyschen Wüste und verebbte schließlich in der trostlosen Felseneinöde.

„Eine lausige Nacht ist das vielleicht, sagte Ben Crocker und spuckte über den Felsabsturz in die Tiefe hinunter. Seiner Stimme war das Unbehagen anzumerken, das ihn erfüllte. „Direkt auf komische Gedanken kommt man da.

Frank Jaeger suchte sich einen bequemeren Sitzplatz und stieß versehentlich gegen einen Stein, der davonrollte und über die Felskante stürzte. Er riss weiter unten Geröll mit. Das Rauschen und Klackern der Steine musste in der Nacht kilometerweit zu hören sein.

„Mist!, brummte Frank und lehnte sich mit dem Rücken gegen eine verwitterte Felskanzel. „Hoffentlich haben sie uns nicht gehört. Er spähte zum Tal der Könige hinüber, das links von ihnen und der Bergspitze lag.

Die Nacht war mondlos, aber hell genug, um das geheimnisvolle Tal erkennen zu können, in dem viele Pharaonen in tiefen Felsengräbern beigesetzt worden waren. Die dunklen Schacht- und Grabeingänge wirkten wie samtene Löcher in einer kahlen Wüstenschlucht.

In der Nähe dreier großer Schuttberge - Abraum vorangegangener Ausgrabungen - brannte ein Feuer und beleuchtete eine Arbeitshütte und zwei Zelte. Und einen Mann, der zur Bergspitze herüberschaute.

Frank lachte verhalten. „Nicht einmal gegen den Nachthimmel könnte er uns sehen. Das müsste Richard Bethell sein, Carters Sekretär. Der Mann soll drei Wochen lang Nacht für Nacht dieses neu entdeckte Grab mit den unversehrten Siegeln bewacht haben. Hoffentlich hat ihn der Steinschlag nicht zu sehr erschreckt."

„Oder der Schrei, sagte Ben dumpf. „So was habe ich noch nie gehört, und ich bin weit herumgekommen. Mir ist richtig mulmig geworden.

Franks Kleidung raschelte, als er sich bewegte. „Das war ein Schakal, der ums Dorf herumgeschlichen ist und hoffte, etwas erbeuten zu können. Eine Ziege vielleicht."

„Das war kein Schakal, widersprach Ben. „Schon eher ein Mensch, dem der Teufel begegnet ist. Wir sollten nachsehen.

„Bist du verrückt? Wir brechen uns in diesem zerklüfteten Gelände das Genick und sämtliche Knochen! Die Steine sind derart verwittert und zermürbt, die zerbröckeln uns unter den Fingern. Wir bleiben hier, wie Hallstrom es wünscht, und beobachten das Ausgräberlager. - Da, jetzt kommt jemand aus dem Zelt!" Neben dem Mann, den sie für Richard Bethell hielten, trat ein Mann in heller Hose und hellem Hemd. Es war ein Weißer, vermutlich auch ein Engländer, der zu Carters Ausgrabungsteam gehörte.

Araber waren keine da unten am Feuer. Die Leute waren furchtsam und abergläubisch und mieden nach Sonnenuntergang dieses Tal des Todes, wie sie es nannten. In ihren Köpfen spukte jene Sage herum, die vom Fluch der Pharaonen handelte und der jeden traf, der die Grabesruhe der alten ägyptischen Könige störte.

Möglicherweise war das purer Unsinn. Andererseits war nicht von der Hand zu weisen, dass eine Reihe von Wissenschaftlern, die sich mit der Erforschung der alten Königsgräber befassten, unter recht geheimnisvollen Umständen gestorben waren - manche mitten in ihrer Arbeit.

Die beiden Engländer neben dem Feuer beobachteten noch eine ganze Weile die Bergspitze, bis sie sich schließlich ins Zelt begaben. Sehr undeutlich drang Lichtschein durch die Stoffbahnen. Als Lichtquelle schien eine Petroleumlampe zu dienen. Manchmal wurde der Schatten eines umhergehenden Mannes gegen die Zeltwand geworfen.

„Das ist noch einmal gut gegangen", sagte Ben schnaufend und schlug sich die Hände um die Oberarme, um die Blutzirkulation in Schwung zu bringen und für die Erwärmung seines Körpers zu sorgen.

Aus der Libyschen Wüste herüber pfiff ein ordinärer eiskalter Wind. Unten in den Felsenklüften und Schluchten war er nicht zu verspüren, dort hatte das Gestein die Tageshitze gespeichert. Hier oben auf der Bergspitze aber wurde es von Minute zu Minute kälter.

„Eine Lungenentzündung werde ich mir nicht holen, nur weil Hallstrom irgendeinen Verdacht hat, der durch nichts untermauert ist, schimpfte Ben. „Er sitzt sicher und warm im Hotel, aber wir zwei Idioten lassen uns überreden, eine nächtliche Bergtour zu unternehmen. He, hat er dir gesagt, worauf er eigentlich scharf ist?

„Er hat nur Andeutungen gemacht", erklärte Frank und zog sich den Burnus, den er sich von einem Hotelbediensteten ausgeborgt hatte, fester um die Gestalt. Der kalte Wind ging wirklich durch bis auf die Knochen.

„Und welcher Art waren diese Andeutungen?", fragte Ben begierig.

„Das hängt mit dem Pharaonengrab zusammen, das Carter in zwei Tagen da unten öffnen wird. Und mit den vielen mysteriösen Todesfällen unter den beteiligten Wissenschaftlern, die bald eintreten werden. Hallstrom ist der Meinung, dass sich die Leute eine überaus seltsame Vergiftung im Grab des Tutenchamun holen werden ..."

„Das, ist ein uralter Hut, unterbrach Ben ihn unwillig. „Und deswegen müssen wir hier oben erfrieren?

„Lass mich doch erst mal ausreden! Hallstrom hat sich so ausgedrückt, dass er nicht glaubt, dass dreitausend Jahre alte Gifte aus der Grabkammer und den Nebenkammern diese Todesfälle bewirkt haben. So lange könne sich kein Gift wirksam erhalten, vor allem nicht Gifte, wie sie den Ägyptern bekannt waren. Die hatten ja noch keine supermoderne Chemie." Frank verstummte und rieb sich die kalten Finger.

„Sondern?" Bens Stimme war ganz dunkel und vibrierte etwas.

„Dass diese grauenhaften Todesfälle eine sehr neuzeitliche Ursache haben. Er deutete die Möglichkeit an, dass die Grabräuber-Cliquen, die um ihre Existenz bangen müssen, vielleicht ein giftiges Pflanzenpulver in den Schutt praktizieren könnten, und dass der beim Forträumen aufgewirbelte Staub den Wissenschaftlern in die Atemwege gerät und seine Wirkung tut. Immerhin ist das auch eine Möglichkeit."

Einen Moment saß Ben wie erstarrt. Seine Gedanken schwirrten.

Dann brach es entrüstet aus ihn heraus: „Der hat einen ausgewachsenen Vogel, wenn du mich fragst. Die Abderrasuls sind eine erfolgreiche Grabräuber-Familie wie die anderen Cliquen aus El Kurna auch, und wahrscheinlich sind sie das schon seit Generationen. Für Massenmörder halte ich sie nicht."

„Du brauchst mich deswegen nicht anzufauchen, es ist ja nicht meine Idee, verwahrte sich Frank. „Bringe deine Zweifel Hallstrom zu Gehör.

„Darauf kannst du dich verlassen. - Ah, der schlaue Bursche hat gedacht, irgendein paar Grabräuber würden die letzte Gelegenheit nutzen, seit bekannt ist, dass Lord Carnarvon in zwei Tagen eintrifft, und noch schnell so ein vertracktes Giftpulver heimlich und bei Nacht in den Grabungsschutt mischen! Mein lieber Mann, da hat Hallstrom aber eine Theorie ausgebrütet! Ohne Saft und Kraft und Hirnschmalz. Welchen Nutzen könnten sich die Grabräuber ausrechnen, wenn sie zwei Dutzend Wissenschaftler vergiften? Dass die Leute plötzlich Angst bekommen und mit den Ausgrabungen aufhören und eventuell noch vorhandene Gräber den Arabersippen zur Ausplünderung überlassen?"

„Das wäre doch denkbar, oder nicht?"

„Dazu gehört aber schon eine sehr abartige Phantasie, das will ich dir sagen. Mensch, das hätte ich früher wissen müssen, dass wir auf einen derart dünnen Gedanken hin eine Wache in eiskalter Nacht schieben müssen, nur um nachzuprüfen, ob nicht heimlich ein paar Grabräuber, auftauchen und etwas da unten unter den Aushub rühren. Dem hätte ich was erzählt, darauf kannst du dich verlassen."

„Das kannst du immer noch nachholen."

„Vielleicht bin ich dann schon erfroren, nörgelte Ben. „Außerdem wette ich, dass keine Araber kommen werden - weder diese Nacht noch in einer der folgenden.

Da Frank nichts darauf erwiderte, brummte Ben noch eine Weile vor sich hin und blickte mehrmals sehnsüchtig nach Osten, wo ein paar spärliche Lichter das Vorhandensein der Stadt Luxor verkündeten.

Ben wäre viel lieber da drüben gewesen. In Luxor war es derzeit zwar auch noch langweilig, aber doch nicht so trostlos kalt und unfreundlich wie auf der Bergspitze.

Er überlegte, ob er nicht allein aufbrechen und auf Franks Begleitung verzichten sollte, wenn er nach dem Wüstendorf Biban el Moluk schlich, um die Ursache des seltsamen Schreies zu ergründen.

Als ob Frank Jaeger seine geheimsten Gedanken erraten hätte, sagte er plötzlich: „Es ist zu kalt, um einzuschlafen, und zu dunkel, um den Saumpfad zu finden. Du brauchst nicht darauf zu hoffen, unbemerkt davonschleichen zu können." Er lachte verhalten.

„Das hatte ich nicht vor", dementierte Ben ohne rechte Überzeugung.

„Du hast mit dem Gedanken gespielt, streite es nicht ab, hielt ihm Frank vor. „Ich kenne dich. Es passt dir nicht, sozusagen untätig hier herumzusitzen.

„Letzteres stimmt haargenau, bekannte Ben. „Ich ... Er verstummte und beugte sich lauschend vor.

Aus der Tiefe unterhalb des steilen Felsabsturzes drang ein schleifendes Geräusch.

Auch Frank vernahm es und rückte von der verwitterten Felskanzel ab, um mit den Ohren näher an die Kante heranzugelangen.

Doch das Geräusch kehrte nicht wieder.

Unten blieb es still.

„Vielleicht ein Tier, meinte Frank nach einer Weile. „Es soll hier eine ganze Menge Schakale geben.

Das war nicht zu leugnen. Am späten Nachmittag, als Ben und Frank aus Luxor herübergekommen waren, hatten sie in der Nähe des bekannten Grabräuber-Dorfes El Kurna einige dieser Tiere herumschleichen sehen, die jedoch bei ihrem Erscheinen sofort das Weite gesucht hatten und irgendwo zwischen diesen Bergen rings ums Tal der Könige verschwunden waren.

„Du glaubst nicht daran, was?", fragte Ben, als aus der Tiefe der Schlucht wirklich kein fremdartiges Geräusch mehr heraufdrang.

„Woran glaube ich nicht?" Franks Stimme verriet den Grad seines Erstaunens.

„An den Fluch der Pharaonen."

„Das ist ausgemachter Blödsinn, erklärte Frank sehr überzeugt. „Du kannst es daran schon ermessen, dass die arabischen Grabräuber keinerlei Respekt und Furcht vor den alten Königsgräbern an den Tag legen, die sie seit langer Zeit mit leider sehr großem Erfolg ausplündern. An den Pharaonenfluch glauben nur die ganz einfachen Leute - die Flussbauern, die Hirten und Arbeiter. Howard Carter rekrutierte seine Ausgrabungsmannschaften aus diesen einfachen Bevölkerungsschichten. Jeden Abend laufen diese Hilfsmannschaften davon, um ja nicht die Nacht in der Gräberschlucht verbringen zu müssen. Aberglaube, mehr ist das nicht.

„Die betuchten Grabräuber-Sippen glauben aber nicht an den Fluch, wenn ich dich richtig verstehe, was? Das ist sozusagen die aufgeklärte Schicht der Bevölkerung. Hallstrom kann ja denken, was er will - meinetwegen auch, dass die Grabräuber im Besitz eines geheimnisvollen und tödlich wirkenden Pulvers sind. Nehmen wir an, niemand von den Räuber-Cliquen versucht, sich Zugang zu diesem gerade entdeckten Grab oder überhaupt nur zum Ausgrabungsschutt zu verschaffen - dann ist seine Theorie aber fein geplatzt."

Diesem Argument konnte Frank sich nicht verschließen.

„Dann allerdings ja, stimmte er zu. „Und um das herauszufinden, sind wir ja hier.

Ben lauschte noch mal in die Tiefe und sagte dann: „Hat Hallstrom sich eigentlich mal mit dem Gedanken angefreundet, eine Untersuchung darüber anzustellen, wie viele Mitglieder der Grabräuber-Familien urplötzlich und unerwartet gestorben sind?"

„Wozu sollte er das?"

„Könnte doch sein, dass nicht nur Wissenschaftler vom Fluch der Pharaonen ereilt werden, sondern auch solche Leute. Immerhin sind in den vergangenen hundert Jahren schon eine Reihe namhafter Forscher ganz überraschend gestorben, die sich mit der Erkundung von Königsgräbern und Pyramiden befasst haben. Davon, dass auch Einheimische und besonders Grabräuber von diesem Fluch betroffen wurden, habe ich kaum etwas gehört. Es müsste sich herausfinden lassen."

„Du meinst ...?"

„Hat es auch unter den Grabräubern Tote gegeben, dann ist erwiesen, dass Hallstrom einem Hirngespinst nachjagt. Denn dann liegt das tödliche Geheimnis wirklich seit Jahrtausenden in den Grabkammern bewahrt und ist nicht einem ominösen Pulver zuzuschreiben, das jetzt erst ausgestreut wird."

Frank dachte eine Weile über die Worte nach.

„Hallstrom hält nicht viel von Geheimnissen. Er braucht für alles eine ganz natürliche und plausible Erklärung, sagte er schließlich. „Außerdem ist seine Vermutung hinsichtlich dieses Pulvers, oder was es auch immer sein mag, sehr ungenau und mehr der Versuch einer Theorie, wie er sich ausgedrückt hat.

„Im Reden war er schon immer unschlagbar", sagte Ben.

Er bewegte wieder die Arme, aber die heftigen Bewegungen nützten kaum etwas. Die Nacht wurde grimmig kalt.

„Dem Kerl gehört das Genick umgedreht, der behauptet hat, die Monate von Oktober bis April seien die angenehmsten für einen Aufenthalt in Oberägypten, schimpfte Frank. „Der muss wohl nur die Tagestemperaturen berücksichtigt haben.

Ben ließ nicht erkennen, ob er Franks Verlangen beipflichtete oder nicht.

Seine Aufmerksamkeit wurde durch ein schwaches Leuchten in Anspruch genommen, das er in Richtung des Wüstendorfes entdeckt hatte. Es war ein winziger Lichtpunkt, der sich bewegte.

Es sah aus, als ginge dort jemand mit einer Lampe, die er vor sich hertrug.

Der winzige Lichtpunkt schwankte in Richtung El Kurna und verschwand allmählich.

Verteufelt seltsam!, dachte Ben. Wenn die Leute hier tatsächlich so schreckhaft und ängstlich sind und sich vor den Geistern der längst dahingeschiedenen Pharaonen fürchten, dann muss das ein sehr mutiger Bursche sein, der mit einer Laterne durch die Nacht gepilgert ist!

Er konzentrierte sich auf das ferne Grabräuber-Nest, dessen Gebäude nicht erkennbar waren. Das schwankende Licht tauchte jedoch nicht wieder auf.

Einen Moment hatte Ben den verwegenen Gedanken, der seltsame Schrei und das Licht hätten etwas miteinander zu schaffen.

Dann wurde er abgelenkt.

Bethell und der andere Engländer waren nämlich wieder aus ihrem Zelt gekommen. Sie hatten eine Laterne bei sich und machten eine Kontrollrunde um das Ausgräberlager.

Dicht bei der bescheidenen Holzhütte verweilten sie längere Zeit und leuchteten einen frischen Geröllhaufen ab. Das war der Schutt, mit dem der neuentdeckte Grabeingang zu dem noch versiegelten Königsgrab wieder zugeschüttet worden war.

Der eine Engländer kam zurück.

Der andere mit der Lampe stieg auf einen alten Abfallberg und hob die Laterne derart auffällig über den Kopf, dass Ben sofort den Verdacht fasste, er würde ein Signal geben.

Ein Lichtsignal für jemanden, der dort draußen in der Dunkelheit wartete!

Unruhig begann Ben herumzurutschen. Teufel, die Nacht versprach doch noch interessant zu werden! Sollte Hallstrom mit seiner sehr vagen Vermutung etwa den Nagel auf den Kopf getroffen haben?

Dann würde das bedeuten, dass die engsten Mitarbeiter von Howard Carter mit den Grabräubern unter einer Decke steckten!

Verwirrt schüttelte Ben den Kopf, diese Vorstellung überstieg sein Begriffsvermögen.

Es war ausgeschlossen, dass sich die Engländer zu einem solchen abgefeimten Spiel hergaben. Und außerdem - Bethell war ja auch unter merkwürdigen Umständen gestorben.

Frank sagte gar nichts zu dem seltsamen Bild, das der Lampen haltende Mann da unten im Tal bot.

Als Ben dicht an ihn heranrutschte, sah er, warum Frank keinen Ton sprach. Er war trotz der erbärmlichen Kälte eingeschlafen.

Ben rüttelte ihn wach. Frank war sofort da.

„Schau dir mal den Knaben an!", forderte Ben ihn auf.

Frank brummte etwas und beobachtete.

Wohl eine halbe Stunde lang hielt es der Engländer auf dem Abfallberg aus. Dann kletterte er herunter und kehrte zum Zelt zurück.

„Sein Besucher, den er erwartet hat, ist nicht gekommen, meinte Ben. „Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.

„Sicher hat das überhaupt nichts zu bedeuten, sprach Frank. „Ich war froh, dass ich eingenickt war ...

„Ssst, da ist was!", zischte Ben und legte blitzschnell die Hand auf Franks Arm.

„Wo ist was?"

„Irgendwo unter uns, aber sehr nahe. Irgendein schleifendes Geräusch."

„Ich habe nichts gehört."

„Mein Gehör ist besser als deins, behauptete Ben. „Ich sehe mal nach. Er schob sich von der Felskante fort und kroch nach hinten zu dem kaum erkennbaren Saumpfad, über den sie heraufgekommen waren.

2

Das Hotel hieß Winter Palace und war ein greifbares Überbleibsel aus den Märchen aus Tausendundeine Nacht.

Das Haus bot jeglichen Komfort, der im Jahre 1922 denkbar war, besaß hervorragendes und geradezu lautlos wirkendes Personal und verfügte über luftgekühlte Räume. Diese Kühlung wurde durch gewaltige Propeller bewirkt, die sich in fast allen Räumlichkeiten unter den Zimmer- und Hallendecken bewegten.

Professor Robert Hallstrom und seine beiden Ingenieure hatten sich als betuchte Globetrotter eingemietet. Erst war man ihnen mit einem gewissen Misstrauen begegnet, als sie erklärten, weder Archäologen noch Zeitungsleute zu sein, sondern nur ein allgemeines Interesse an den alten Königsgräbern drüben in der Totenstadt zu haben.

Schließlich aber hatte man sich damit abgefunden, dass sie in Luxor waren. Es war nicht auszuschließen, dass sie auch etwas von dem gerade entdeckten Grab hatten läuten hören.

Fast jeden Tag trafen irgendwelche Forscher ein, die unverzüglich ihre Reisen unterbrochen hatten und hierher nach Luxor eilten.

Warum also nicht auch drei reiche Reisende, die sich die Welt ansahen, weil sie keine bessere Möglichkeit hatten, ihr Geld auszugeben?

Sogar Howard Carter, der Entdecker des versiegelten Grabes, der sich anfänglich sehr zugeknöpft gegeben hatte, wurde umgänglicher.

An diesem Abend des einundzwanzigsten November saß Hallstrom in der Hotelhalle, die von der schwülstigen Pracht der Kronleuchter beherrscht wurde. Hin und wieder flackerte zwar das Licht und verdeutlichte, dass mit der Einführung der Elektrizität auch Probleme verbunden waren, aber mit der unterkühlten Art des Engländers sah Hallstrom über solche Lappalien hinweg.

Er hatte sich einen anständigen Whisky bringen lassen. Es war beste englische Tradition, erst mit dem Alkohol zu beginnen, wenn die Sonne untergegangen war.

Daran hielten sich fast alle Hotelgäste, insbesondere aber die Mannschaft von Carter.

Für alle heißen Länder galt die Faustregel, erst einen ordentlichen Schluck zur Brust zu nehmen, wenn die Sonne fort war. Andernfalls man Gefahr lief, sich einen mörderischen Rausch einzufangen, der unter der Einwirkung der Sonne einen kerngesunden Mann sterbenskrank machen und für einen Tag glatt von den Beinen werfen konnte.

Hallstrom hatte plötzlich das Gefühl, angestarrt zu werden. Ein seltsames Ziehen war in seinem Nacken und in seinen Schläfen.

Er senkte sein Glas und blickte zum Eingang.

Zwei Bedienstete des Hotels setzten sich eben in Bewegung, um einen Araber am Betreten des Winter Palace zu hindern. Hallstrom kam es allerdings so vor, als habe der Mann gar nicht die Absicht, in die Halle zu treten. Vielleicht war er nur unter die Tür gekommen, um einen Blick auf die spiegelnde und glitzernde Pracht der Halle zu werfen.

Der Araber trug einen schneeweißen gerundeten Kinnbart, der einen auffallenden Kontrast zu seiner sehr dunklen, fast blauschwarzen Haut bildete.

Aus glühenden Augen blickte der Mann herein. Er schaute Hallstrom an.

Von diesen Augen ging eine Bedrohung aus, die der Professor fast körperlich spürte.

Im nächsten Moment hatten die zwei Bediensteten den Araber gepackt und schafften ihn nicht sehr rücksichtsvoll die breite Treppe hinunter.

Seltsam berührt stellte Hallstrom fest, dass das Ziehen in seinem Nacken und in den Schläfen verschwunden war.

Oder hatte er nur unter Einbildungen gelitten?

Er schüttelte den Kopf und nahm hastig einen Schluck von dem eisgekühlten Getränk.

Unvermittelt sagte hinter ihm eine Männerstimme in einem sehr mäßigen Englisch: „Hat er Sie erschreckt, Sir? Er ist ein dreister und sehr undurchsichtiger Mann."

Hallstrom wandte sich um. Hinter seinem Sessel stand im hellen Leinenanzug Rizgirgis, der vor dem Winter Palace in einem der Geschäfte unter den Kolonnaden mit Altertümern und Andenken handelte. Offiziell natürlich. Er bot feil, was die ägyptische Altertümerverwaltung zum Handel freigab.

Böse Zungen behaupteten allerdings, Rizgirgis handle auch mit alten Kostbarkeiten aus den Königsgräbern, die nie durch die Hand eines staatlichen Inspektors gegangen waren.

„Wen meinen Sie?", fragte Hallstrom etwas begriffsstutzig.

Rizgirgis lächelte schmal. „Rabul, den Nubier. Manchmal kommt er mit Antiquitäten und betrügt die Reisenden, indem er unverschämt viel Geld verlangt."

Bei Hallstrom fiel die Münze. Rizgirgis war auf Rabul sicher nicht gut zu sprechen, wenn er ihm derart ins Geschäft pfuschte.

„Ich dachte, er sei Araber, sagte Hallstrom. „Ein Nubier also. Daher seine blauschwarze Farbe. Sie sind nicht gut auf ihn zu sprechen?

„Seine Ware stammt aus sehr dunklen Quellen, versicherte Rizgirgis. „Und er hat den bösen Blick. Es ist nicht gut, ihm zu begegnen.

„Kann er Menschen behexen?"

„Bitte - was?" Rizgirgis blickte verständnislos und maß dann vorsichtig das Glas in Hallstroms Hand. Es war noch gut zur Hälfte gefüllt.

„Verzaubern! Anderen Menschen seine Macht und seinen Willen auf zwingen!", erklärte der Professor geduldig.

Verwirrt schüttelte Rizgirgis den Kopf. „Dann wäre er ganz sicher ein Teufel, sagte er und blickte unbehaglich. „Aber man sagt, er schaut den Leuten manchmal in den Kopf. Hallstrom nahm hastig einen Schluck, um sich die Überraschung nicht anmerken zu lassen.

Vorsichtshalber fragte er: „Sie meinen, er kann die Gedanken anderer Leute erraten?"

Ein verstehendes und wohlwollendes Lächeln breitete sich über das runde Gesicht des Altertümerhändlers. „So sagt man - ja."

Alle guten Geister!, dachte Hallstrom. Dann war das Ziehen in Nacken und Schläfen vorhin doch keine Täuschung! Aber das kann nicht gut sein! Fremde Gedanken lesen - Blödsinn!

Er genehmigte sich noch einen Schluck. Ein leises Unbehagen blieb. Zu allen Zeiten hatte es Unerklärliches gegeben. Aber dass ausgerechnet ihm ein nubischer Gedankenleser unterkommen sollte, das hielt er denn doch für einen bemerkenswerten Zufall.

„Nehmen Sie Platz!" Er machte eine Handbewegung und bot Rizgirgis einen Sessel an.

Der Händler verbeugte sich höflich, hob aber gleichzeitig abwehrend die Hände und legte sein rundes Gesicht mit einiger Mühe in freundliche Falten.

„Sehr liebenswürdig, Sir, sagte er. „Leider bin bin ich bereits mit dem sehr ehrenwerten Mister Carter verabredet. Ich danke höflich, Sir. Er zog sich zurück.

Nach zwei Schritten blieb er plötzlich stehen, als sei er mit dem Rücken gegen ein unsichtbares Hindernis geprallt, warf den Kopf herum zum Vordereingang des Hotels und sagte plötzlich beschwörend zu Hallstrom: „Hüten Sie sich vor ihm. Und kaufen Sie ihm nichts ab. Er ist kein guter Mann. Er lebt bei den Grabräubern in El Kurna."

Damit verschwand er endgültig.

Hallstrom blickte ihm nach und sah, wie in der Tat ein Mitarbeiter Carters zu ihm trat, ein paar Worte mit ihm wechselte und ihn dann begleitete. Sicher zu der Unterredung mit Howard Carter.

Hat der Sorgen, dass ein Geschäft laufen könnte, an dem er nichts verdient, dachte der Professor belustigt. Ich kann ihm aber auch nicht sagen, dass ich überhaupt nichts kaufen werde. Ich kann’s ja doch nicht mitnehmen. In der Zeitkugel würde es sich beim Rücksprung sofort auflösen!

Er widmete sich seinem Glas und ging später in den Spielsalon, in dem ein zahmes Bridgespiel im Gange war.

Eine ganze Menge Europäer pflegten die heimatlichen Wintermonate in Oberägypten zu verbringen, das zu dieser Jahreszeit mit erträglichen Temperaturen aufwartete und eine extrem trockene Luft hatte. Selten mehr als vierzig Prozent Luftfeuchtigkeit.

Besonders kränkelnde Herrschaften pflegten deshalb herzukommen.

Ihr zur Schau gestellter Reichtum stand in einem sichtbaren Verhältnis zu ihrem Alter. Einige hatten sogar eines ihrer Autos mitgebracht samt Chauffeur und anderem Personal.

Je älter die Leute waren, desto weniger unternehmungslustig waren sie aufgelegt. Sie verbrachten den Tag mit Exkursionen, Geschwätz, mit Teetrinken, Kartenspiel und den feierlichen Aufzügen in großer Garderobe zu den Mahlzeiten.

In einem Anflug von grimmigem Humor hatte Ben gestern Abend diese Leute Mumien auf Abruf genannt.

Diesem bösartigen Urteil mochte sich Hallstrom nicht anschließen. Es gelang ihm jedoch auch nicht, näheren Kontakt zu den Leuten zu bekommen. Sie bildeten eine Art verschworene Gemeinschaft. Manche kamen schon seit vielen Jahren - man traf sich zur Saison in Luxor. Es schien unmöglich, in diesen Zirkel einzubrechen.

Hallstrom genehmigte sich noch zwei Drinks und dachte an seine beiden Ingenieure, die er zur Bergspitze über dem Tal der Könige geschickt hatte, damit sie den Ausgrabungsort im Auge behielten. Sehr begeistert hatten sie beide nicht dreingesehen.

Nun ja, es war ja auch nicht jedermanns Sache, zur Nachtzeit auf einen zerklüfteten Berg geschickt zu werden, an dem man keinen Fußbreit Boden kannte.

Doch es war wichtig. Hallstrom hatte so seine eigenen Theorien über die Todesfälle, die bald den Jahrhundertfund des Tutenchamun Grabes überschatten würden.

Nach dem dritten Glas spürte Hallstrom die nötige Bettschwere. Er suchte sein vortrefflich eingerichtetes Zimmer auf.

Als er sich gerade auszukleiden begann, klopfte es an die Tür.

Verblüfft runzelte der Professor die Stirn. Ein Besucher für ihn? Das war höchst ungewöhnlich. Und noch ungewöhnlicher war die Zeit.

„Ja?", rief er und streifte den dunklen Rock wieder über.

Ein dunkelhäutiger Junge schlüpfte ins Zimmer. Er trug nicht den wallenden weißen Burnus der Hotelboys, sondern ein zerfranstes Tuch von schwer bestimmbarer Farbe.

Mochte der Teufel wissen, wie der Bursche ins Hotel gelangt war! Durch die Vordertüre bestimmt nicht.

„Sir, ein Geschenk von Mister Rizgirgis!", radebrechte er und hielt einen lieblos in Zeitungspapier eingewickelten Gegenstand dem Professor entgegen.

Hallstrom war ärgerlich und peinlich berührt. Und er war misstrauisch. Er konnte sich nicht erinnern, Rizgirgis irgendeinen Gefallen getan zu haben, der den Händler veranlasst haben könnte, sich mit einem Geschenk zu revanchieren.

„Leg es dahin", sagte Hallstrom und zeigte auf den geöffneten Sekretär.

Der Junge deponierte das ominöse Geschenk auf der Schreibplatte und nahm hocherfreut die Münzen entgegen, die Hallstrom ihm gab. Auf klatschenden nackten Fußsohlen verschwand der Bengel und zog die Tür lautlos hinter sich zu.

Argwöhnisch näherte sich Hallstrom dem eingewickelten Geschenk. Das Papier knisterte leise ´- ein Zeichen, dass es vor Kurzem erst geknickt und geknüllt worden war.

Sehr sorgsam war der Junge nicht mit der Gabe umgegangen. Möglicherweise wusste er überhaupt nicht, was in dem Papier verborgen war.

Hallstrom entdeckte, dass es sich um eine über ein halbes Jahr alte englische Zeitung handelte.

Sorgsam fasste er die Verpackung an den äußeren Enden und zog das Papier auseinander.

Der Inhalt kollerte auf der Schreibplatte, verriet jedoch nichts über seine Form und Beschaffenheit.

Also Eier sind es nicht!, dachte Hallstrom erheitert. Und eine Bombe ist es wohl genauso wenig! Was verspricht sich Rizgirgis davon? Soll ich bei jemandem gut Wetter für ihn machen? Ist ja eine viel geübte Sitte der Orientalen, jemand sich verpflichtet zu machen!

Gespannt packte Hallstrom weiter aus.

Und dann quollen ihm fast die Augen aus dem Kopf.

Er merkte, wie ihm schlecht wurde und wie ihm die Kniekehlen weich wurden.

Aus dem umhüllenden Zeitungspapier heraus glotzte ihn ein geschrumpfter, schwarz verbrannter Mumienschädel mit eingetrockneten Augen an.

Durch die rüde Behandlung des Einpackens hatte der Schädel seine letzten Haare verloren. Sie lagen im Papier. Die rissige schwarze Haut hatte sich schuppenartig gelöst. Die Zähne waren durch die geschrumpfte Haut bloßgelegt und erweckten den Eindruck, als grinste der Schädel. Die Nase war platt und so stark deformiert, dass auf Anhieb zu erkennen war, dass ein schwerer Gegenstand vor vielen tausend Jahren der wohl gerade einbalsamierten Mumie auf das Gesicht gelegt worden war.

Mumien pflegten kunstvoll bandagiert zu werden.

Mit angehaltenem Atem beugte sich Hallstrom vor. Und tatsächlich fand er unbedeutende Reste von mürben Leinenstreifen, die der Gesichtshaut angehaftet haben mochten und nun abgeblättert waren.

Das heißt - Hallstrom sah diese Fragmente.

Er hütete sich, sie zu berühren.

Zwar hatte er hinsichtlich der auffallenden Todesfälle speziell unter Ägyptenforschern eigene Theorien. Aber sie waren noch durch nichts erhärtet.

Es war ratsam, auch die herkömmliche Ansicht zu berücksichtigen, dass die Ursachen für die Todesfälle in den uralten Pharaonengräbern und bei den Mumien lagen. Alte, unbekannte Gifte, tödliche Strahlung, kosmische Kräfte und wer weiß, was sonst noch alles als Ursache bislang verdächtigt wurde.

Der Anblick des Mumienschädels war bizarr und beunruhigend, sodass Hallstrom bedächtig die Zeitung über dem seltsamen Geschenk wieder zusammenknüllte.

Was bezweckte Rizgirgis damit? Hallstrom konnte sich nicht erinnern, mit ihm über Mumien gesprochen zu haben, sodass der Händler sich bemüßigt gesehen hätte, wenigstens einen uralten Schädel ihm zum Geschenk zu machen.

Oder ein Verkaufstrick, um das Interesse zu wecken?

Hallstrom schloss die Gabe im Sekretär ein, kleidete sich aus und erfrischte sich im Marmorbad, bevor er sich zu Bett legte.

Leiernd drehte sich der Propeller des Ventilators unter der Decke und erzeugte einen angenehmen Luftzug.

Hallstrom schloss das Moskitonetz über dem Bett und angelte gerade unter der Gaze hervor nach dem Kabelzug mit dem Knopfschalter, um die Zimmerbeleuchtung zu löschen, als er wieder das Ziehen im Nacken und in den Schläfen spürte.

Sein Kopf flog herum, seine Augen starrten zum Fenster.

Blödsinn, das Zimmer lag im zweiten Stock. In dieser Höhe konnte niemand vor dem Fenster sein. Auch nicht auf dem Balkon, der keiner war und der nur durch ein Eisengitter angedeutet wurde. Bestenfalls konnte man sich vom Zimmer aus etwas über die Gitterbrüstung lehnen.

Und die Tür zum Flur war verschlossen.

Seltsam, dachte Hallstrom, fange ich nun an zu spinnen, wie es vielen Ägypten-Reisenden ergangen ist, die sich mit den alten Gräbern befasst haben?

Er wollte hoch, um sich einen Schluck Wasser zu holen, brachte aber die Beine nicht von der Stelle.

Er schob das noch dem Whisky zu.

Als er resignierend das Licht ausknipsen wollte, konnte er die Finger schon nicht mehr bewegen.

Panik und dumpfe, abgrundtiefe Furcht kamen in ihm hoch.

Namen rasten in seinem Gedächtnis herunter - Namen von berühmten Wissenschaftlern wie Bilharz, Belzoni, Dümichen, Brugsch. Die Männer waren teilweise in geistiger Umnachtung gestorben - aber alle hatten sie mit ägyptischen Altertümern, mit Gräbern und Mumien zu schaffen gehabt.

„Ich ... ich ...", ächzte Hallstrom unter qualvoller Anstrengung. Er brachte den Kopf nicht mehr herum.

Er lag und starrte zum Fenster, in dessen oberem Teil sich das Deckenlicht und der rotierende Propeller spiegelten.

Glühten da nicht dämonische Augen hinter dem Glas? War da nicht das blauschwarze Gesicht von Rabul, dem Nubier, mit dem gestutzten weißen Kinnbart?

Oder war es der grausig anzusehende Mumienschädel?

Die Sinne schwanden Hallstrom. Sein letzter Eindruck war, in ein unermesslich tiefes Schachtgrab zu stürzen. Er kam weich auf und wurde von ägyptischen Totenpriestern in Empfang genommen, die schon die weißen Leinenbinden bereithielten, um seinen Körper zu bandagieren und vollständig einzuhüllen.

3

Ben Crocker schwitzte Blut und Wasser trotz der Kälte, als er merkte, worauf er sich eingelassen hatte.

Es war schon ein Himmelfahrtsunternehmen gewesen, den Saumpfad heraufzuklimmen. Vielleicht hatten Ziegen diesen Pfad getreten auf der Suche nach ein paar vergessenen Pflanzen.

Der Abstieg in völliger Finsternis war einem wohldurchdachten und sorgfältig geplanten Selbstmord gleichzusetzen.

Wohin er auch griff, ständig löste sich morsches Gestein unter seinen Fingern, rutschte davon und schlug polternd in die Tiefe.

Ben empfand es als einen geradezu höhnisch anmutenden Glücksumstand, dass der Saumpfad vom Tal der Könige wegwies und der Steinschlag in die abgekehrte Richtung ging. Bethell und der andere Engländer konnten nichts hören. Nicht einmal, wenn sie Ohren wie Luchse besessen hätten.

Und Frank hörte auch nichts. Der schlief gesund in der eiskalten Nachtluft.

Ben verlor seinen Halt, rutschte ab und hing einen fürchterlich langen Moment über der Schlucht, bis seine verzweifelt rudernden Füße einen engen Felsspalt erwischten, in den er die Schuhe stemmen konnte.

Ein abgelöster Steinbrocken knallte unten in der Schlucht auf.

„Mann, das sind Augenblicke, da kann man wieder fromm und gottesfürchtig werden!", keuchte Ben und verschnaufte.

Er riskierte gar nicht erst, einen Blick in die Tiefe zu werfen. Vielleicht zog es ihn dann hinab.

Er spürte, dass seine Finger und die Handflächen zerschunden waren und wie Höllenfeuer brannten.

Platt lag Ben auf dem Pfad, bis er sich so weit gesammelt hatte, dass er wieder nach einem neuen Halt herumtasten konnte.

Sollte er sein Unternehmen abbrechen? Wenn da unten etwas war, dann war es wohl längst auf und davon. Er machte ja einen Lärm, der sogar einen toten Pharao aufwecken konnte.

Dann überlegte er, dass es hinauf zum Gipfel wohl schon weiter war als hinunter in die Schlucht.

„Sei’s drum!", brummte Ben und kroch rückwärts und auf dem Bauch weiter den Pfad hinab, der sich in steilen Spiralen um den Berg wand.

Zweimal bekam er auf diese Weise das Tal der Könige zu Gesicht. Die Lampe in Bethells Zelt brannte, aber keiner der Männer war draußen.

Nach der dritten Umrundung des Berges war Ben schon so tief, dass er nicht mehr ins Tal blicken konnte.

Er schaute nur noch auf nacktes, ausgeglühtes Gestein, das im Sternenlicht einen grotesken Anblick bot. Es erinnerte ihn an Krater auf Mond und Mars. Dort war es auch so tot und trostlos.

Für den riskanten Abstieg hatte Ben ziemlich genau eine halbe Stunde benötigt, als er unten ankam und auf den Radar-Timer blickte. Es war gerade nach Mitternacht.

Unten lag alles voller Geröll, und jetzt waren noch ein paar Brocken hinzugekommen, die Ben losgetreten hatte und die auf dem Pfad lagen und ihn kaum begehbar machten.

Er wollte sich gerade daranmachen, mit dem Fuß ein paar Steine wegzurollen, als er die knisternden Geräusche hörte. Sie waren hinter und vor ihm. Sie waren überall - und er steckte mittendrin!

Ben stand wie angewurzelt.

Tiere? Oder ...?

Das verdammte Gerede der Fellachen von den Geistern der toten Pharaonen fiel ihm ein. Er konnte nicht verhindern, dass ihm eine Gänsehaut am Körper wuchs.

Dann besann er sich darauf, dass er ein Mann aus der Zukunft war, aus dem Jahre 1996 und dass es seine und Franks und Hallstroms Aufgabe war, die geheimnisvollen Todesfälle anlässlich der Grabentdeckung zu enträtseln, aber nicht, an Geister und Hokuspokus und spukende Gottkönige zu glauben.

Mit einer energischen Bewegung schaltete er seine verborgene Lampe ein, die ihre Betriebsenergie aus seinen Körperströmen bezog. Es war an sich eine lachhaft geringe Kraftquelle, doch über ein raffiniertes Reflektorsystem brachte die Lampe einen mächtig hellen Lichtstrahl zustande.

Und den richtete Ben auf den Boden vor sich.

Im nächsten Augenblick machte er einen Luftsprung, als wollte er versuchen, aus dem Stand bis auf die Höhe des Berggipfels zu kommen.

Der Pfad wimmelte von Skorpionen!

Die Biester brachten sofort die Schwänze mit dem Giftstachel nach oben, als der Lichtschein auf sie fiel.

Einige Skorpione entzogen sich der Besichtigung durch rasche Flucht unter Stein und Geröllbrocken.

Andere aber, und das war die Mehrzahl,

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