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Das zweite Mörder-Trio: Drei Krimis: Alfred Bekker, #14

Das zweite Mörder-Trio: Drei Krimis: Alfred Bekker, #14

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Das zweite Mörder-Trio: Drei Krimis: Alfred Bekker, #14

Länge:
665 Seiten
7 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 24, 2019
ISBN:
9781536532074
Format:
Buch

Beschreibung

Das zweite Mörder-Trio: Drei Krimis

von Alfred Bekker, Alfred Wallon & Karl Plepelits

Der Umfang dieses Buchs entspricht 509 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende drei Krimis:

Alfred Wallon: Eisiger Hass

Alfred Bekker: Der Killer wartet...

Karl Plepelits: Von Mord zu Mord

Der Geschäftsmann Jürgen Hansen eröffnet eine neue Filiale einer Baumarktkette in Bad Marienberg im Westerwald. Er flirtet mit Daniela Lange, der Sekretärin des Bürgermeisters, während der anschließenden Feier auf Schloss Friedewald. Die beiden wissen jedoch nicht, dass sie dabei beobachtet werden. Während in dieser verhängnisvollen Nacht der Wintereinbruch im Westerwald für ein Schneechaos sorgt, beginnt eine Kette von unglücklichen Umständen, die schließlich in einem heimtückischen Mord enden..

Der Frankfurter Hauptkommissar Paul Schumann will eigentlich nur einen ehemaligen Kollegen besuchen, der mittlerweile in Friedewald lebt. Aber dann wird er um Hilfe in diesem Mordfall gebeten. Schumanns Suche nach dem Mörder konfrontiert ihn mit menschlichen Abgründen und Verdächtigen, die nichts mehr zu verlieren haben. Während der eisige Winter die gesamte Region fest im Griff hält, ermittelt Schumann weiter. Denn er wird den Mörder überführen – auch wenn dieser sich jetzt noch unerkannt glaubt ...

Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 24, 2019
ISBN:
9781536532074
Format:
Buch

Über den Autor

Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. 1984 machte er Abitur, leistete danach Zivildienst auf der Pflegestation eines Altenheims und studierte an der Universität Osnabrück für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Insgesamt 13 Jahre war er danach im Schuldienst tätig, bevor er sich ausschließlich der Schriftstellerei widmete. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten. Er war Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen. Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', 'Da Vincis Fälle', 'Elbenkinder' und 'Die wilden Orks' entwickelte. Seine Fantasy-Romane um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' und die 'Gorian'-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt. Darüber hinaus schreibt er weiterhin Krimis und gemeinsam mit seiner Frau unter dem Pseudonym Conny Walden historische Romane. Einige Gruselromane für Teenager verfasste er unter dem Namen John Devlin. Für Krimis verwendete er auch das Pseudonym Neal Chadwick. Seine Romane erschienen u.a. bei Blanvalet, BVK, Goldmann, Lyx, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.


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Das zweite Mörder-Trio - Alfred Bekker

Das zweite Mörder-Trio: Drei Krimis

von Alfred Bekker, Alfred Wallon & Karl Plepelits

Der Umfang dieses Buchs entspricht 509 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende drei Krimis:

Alfred Wallon: Eisiger Hass

Alfred Bekker: Der Killer wartet...

Karl Plepelits: Von Mord zu Mord

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EISIGER HASS

Ein Westerwald-Krimi

von Alfred Wallon

Der Geschäftsmann Jürgen Hansen eröffnet eine neue Filiale einer Baumarktkette in Bad Marienberg im Westerwald. Er flirtet mit Daniela Lange, der Sekretärin des Bürgermeisters, während der anschließenden Feier auf Schloss Friedewald. Die beiden wissen jedoch nicht, dass sie dabei beobachtet werden. Während in dieser verhängnisvollen Nacht der Wintereinbruch im Westerwald für ein Schneechaos sorgt, beginnt eine Kette von unglücklichen Umständen, die schließlich in einem heimtückischen Mord enden..

Der Frankfurter Hauptkommissar Paul Schumann will eigentlich nur einen ehemaligen Kollegen besuchen, der mittlerweile in Friedewald lebt. Aber dann wird er um Hilfe in diesem Mordfall gebeten. Schumanns Suche nach dem Mörder konfrontiert ihn mit menschlichen Abgründen und Verdächtigen, die nichts mehr zu verlieren haben. Während der eisige Winter die gesamte Region fest im Griff hält, ermittelt Schumann weiter. Denn er wird den Mörder überführen – auch wenn dieser sich jetzt noch unerkannt glaubt ...

EISIGER HASS ist ein spannender Regionalkrimi aus dem Westerwald. Geschrieben von Alfred Wallon, der für diesen Roman auch vor Ort recherchiert hat.

Kapitel 1

Freitag 20.Dezember 2013

Siegerland-Flughafen, Burbach / Westerwald

Jürgen Hansen seufzte, als er einen Blick auf seine Armbanduhr warf und ungeduldig darauf wartete, dass die Propellermaschine endlich sicher auf der Landebahn aufsetzte. Sekunden später spürte er einen kurzen Ruck, als die Räder des Fahrgestells aufsetzten und das kleine Flugzeug in der Nähe der Ankunftshalle ausrollte. Wenige Minuten später drosselte der Charterpilot Horst Bergmann den Motor, und der Propeller verstummte.

„Herr Hansen, ich rate Ihnen wirklich dringend, dass Sie noch heute Abend zurück fliegen, sagte Bergmann zu seinem Fluggast. „Die Wettermeldungen versprechen nichts Gutes. Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit mit starkem Schneefall und orkanartigen Stürmen zu rechnen. Ich würde an Ihrer Stelle so früh wie möglich wieder zurück fliegen.

„Das überlassen Sie am besten mir", antwortete Hansen. Er mochte es nicht, wenn jemand meinte, ihm unbedingt im unpassendsten Moment gute Ratschläge erteilen zu müssen. Denn der Geschäftsmann aus Hannover, der eine Investorengruppe vertrat und in deren Namen heute die offizielle Einweihung des neuen PROFI-Baumarktes in Bad Marienberg vornehmen sollte, war in Gedanken schon längst bei den Feierlichkeiten und der Rede, die er dort zu halten hatte.

Das war aber nichts, was ihm großes Kopfzerbrechen bereitete. Es war nur ein weiterer Termin von vielen, die er in den letzten Wochen und Monaten für die Investorengruppe vorgenommen hatte, und meistens liefen sie immer nach demselben Schema ab. Den örtlichen Honoratioren aus Politik, Handel und Gewerbe die Hände schütteln, freundliche Floskeln austauschen, abends am Geschäftsessen einen guten Eindruck hinterlassen und am nächsten Morgen wieder zeitig die Rückreise antreten.

Genau so hatte es Hansen auch dieses Mal geplant, und deshalb reagierte er sehr allergisch darauf, wenn ihm ausgerechnet jemand gute Ratschläge erteilen wollte, der keine Ahnung von geschäftlichen Dingen hatte. Deshalb öffnete er die Tür des kleinen Flugzeuges und stieg aus. Für den Piloten hatte er nur noch einen einzigen Satz übrig:

„Wir sehen uns hier dann morgen Mittag um 12.00 Uhr. Seien Sie pünktlich. Ich habe am späten Nachmittag in Hannover noch ein Meeting."

„Am Sonntag?", fragte der erstaunte Pilot.

„Ja, am Sonntag, entgegnete Hansen leicht gereizt. „Wenn andere Leute am Wochenende nicht wissen, wie sie die Zeit totschlagen sollen, bin ich mit wichtigeren Dingen zugange.

Bergmann ersparte sich eine Antwort. Hansen würde es sowieso nicht interessieren. In den Augen des Piloten wirkte der 50-jährige Geschäftsmann aus Hannover arrogant und überheblich. Wie eben einer dieser Herren aus den oberen Führungsebenen, der nichts anderes gelten ließ als die eigene Meinung.

Hansen ließ den Piloten einfach bestehen und begab sich zur Ankunftshalle. Das wenige Gepäck, das er bei sich hatte, passte in einen kleinen Koffer, den er hinter sich her zog. Als er das Terminal an der Flughafenstraße erreichte, war er froh, dem kalten Wind wenigstens für einen kurzen Moment entkommen zu sein. Das Klima im Westerwald war deutlich rauer und kälter als in Hannover.

„Bitte rufen Sie mir ein Taxi, bat er die Angestellte am Infoschalter. „Ich möchte nach Bad Marienberg. Wenn´s geht, bitte schnell.

Die Frau nickte und wählte eine Nummer.

„Nehmen Sie doch bitte einen Augenblick Platz, bat sie ihn. „Das Taxi wird in ungefähr zehn Minuten hier sein.

Hansen setzte sich auf einen der Stühle und blickte erneut auf seine Armbanduhr. In knapp einer Stunde begann die offizielle Eröffnungsfeier, und er war es gewohnt zu solch wichtigen Terminen immer pünktlich zu erscheinen. Schließlich musste er als Repräsentant des Firmenkonsortiums einen guten Eindruck hinterlassen – selbst wenn es sich in diesem Fall um einen Termin in der Provinz handelte. Aber er wusste auch, dass man sich von der Neueröffnung dieser Filiale der PROFI-Baumarktkette in der Region einiges versprach. Und wenn die Firmenleitung dieses Projekt als wichtig erachtete, dann würde es Jürgen Hansen natürlich ebenfalls tun.

Die zehn Minuten Wartezeit kamen ihm wie eine halbe Ewigkeit vor. Endlich fuhr das Taxi vor und stoppte vor dem Eingang der Ankunftshalle. Die Angestellte wünschte ihm noch einen angenehmen Tag und gute Geschäfte. Gut gekleidete Geschäftsleute waren für sie etwas ganz Normales. Denn der Siegerland-Flughafen wurde vor allem von diesem Klientel schon seit über 30 Jahren genutzt.und stellte somit in der Region einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar. Davon profitierten auch die Cargo- und Transportunternehmen, die sich im unmittelbaren Umfeld des Flughafens angesiedelt hatten, und diese Gewerbegebiete waren ebenfalls in den letzten Jahren deutlich gewachsen.

Der Taxifahrer nickte Hansen freundlich zu und verstaute dessen Gepäck im Kofferraum. Er hielt dem Geschäftsmann die hintere Tür auf und ließ ihn einsteigen.

„Nach Bad Marienberg, sagte Hansen. „Gewerbegebiet Jahnstraße.

„In 15 Minuten sind wir da", versprach der Taxifahrer, setzte sich schnell hinters Steuer und startete den Wagen. Von der Flughafenstraße bis zum Zubringer auf die B 414, die im Volksmund auch als Westerwaldstraße bekannt war, dauerte es noch nicht einmal fünf Minuten.

„Von woher kommen Sie denn?", fragte der Taxifahrer und versuchte mit seinem Fahrgast ein nettes Gespräch anzufangen. Er konnte natürlich nicht ahnen, dass Hansens Gedanken schon um ganz andere Dinge kreisten. Trotzdem versuchte er nicht ganz unhöflich zu erscheinen und sagte, dass er aus Hannover kam.

„Da war ich schon mal, sagte der Taxifahrer. „Auf der Hannover-Messe. War ganz schön viel los dort und ...

„Können Sie bitte etwas schneller fahren?, unterbrach ihn Hansen. „Ich habe einen wichtigen Termin und möchte nicht zu spät kommen.

„Die B 414 ist nicht der Nürburgring, murmelte der Taxifahrer angesichts des ungeduldigen Verhaltens seines Fahrgastes. „Wir sind doch gleich da. Da vorn der Ort ist die Gemeinde Hof. Und dann nur noch die Berg hinauf, und schon sind wir in Bad Marienberg. Haben Sie in Bad Marienberg geschäftlich zu tun?

„Ja, erwiderte Hansen, um nicht ganz abweisend zu wirken. „Heute ist die offizielle Eröffnung des neuen PROFI-Baumarktes. Ich bin sicher, Sie haben schon davon gehört, oder?

„Es stand in der Zeitung, bestätigte der Taxifahrer Hansens Vermutung. „Sind Sie der Chef des Marktes?

„Nein, ich vertrete das Firmenkonsortium, dem unter anderem auch die Baumarktkette gehört, klärte Hansen den Mann auf. „Zur Eröffnungsfeier muss ich natürlich anwesend sein – und die beginnt um 13.00 Uhr.

„Das schaffen wir mit links, beruhigte der Taxifahrer seinen ungeduldigen Fahrgast. „Sehen Sie – da kommt schon die Abfahrt. Gleich sind wir da.

Das Taxi bog nach links in die abschüssige Kirburger Straße ab und passierte wenige Sekunden später das neue Schulzentrum am linken Stadtrand. Bei der Stadthalle und der Verbandsgemeindeverwaltung, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft befand, führte der Weg nach links in die Jahnstraße durch ein kleines Wohngebiet, und am anderen Ende erstreckte sich das kleine Gewerbegebiet.

Hansen erkannte einen Gebäudekomplex am Straßenrand, vor dem zahlreiche Autos parkten. Er hatte schon einmal einige Fotos der alten Lagerhalle und der heruntergekommenen Gebäude gesehen, die sich einst auf diesem Grundstück befunden hatten. Innerhalb von sieben Monaten hatte die Firmengruppe nicht nur die alten Gebäude abreißen lassen und das Gelände von den Altlasten saniert, sondern hatte einen modernen Markt gebaut, der alle Forderungen und Konsumwünsche erfüllte.

Entsprechend groß war die Zahl der geladenen Gäste und Besucher, die sich vor einem Absperrband postiert hatten und es kaum abwarten konnten, bis der PROFI-Baumarkt endlich seine Türen öffnete.

„Das macht acht Euro, sagte der Taxifahrer. „Brauchen Sie eine Quittung?

„Selbstverständlich", antwortete Hansen, gab dem Mann die abgezählte Summe und steckte anschließend den Quittungsbeleg in seine Jackentasche. Sekunden später stieg er aus und wartete geduldig, bis der Taxifahrer sein Gepäck aus dem Kofferraum geholt hatte und vor ihm abstellte.

Währenddessen ließ Hansen seine Blicke in die Runde schweifen. Wenn jetzt alles nach Plan verlief, würde man ihn gleich mit den verantwortlichen Vertretern der Verbandsgemeinde und natürlich mit dem Bürgermeister bekannt machen. Er musste nur abwarten. Seine Ankunft hatten einige der gut gekleideten Männer und Frauen auf der anderen Seite des Absperrbandes bemerkt. Irgend jemand würde sicher gleich zu ihm kommen.

Er musste noch nicht einmal eine Minute warten. Dann sah er eine schwarzhaarige schlanke Frau in einem raffiniert geschnittenen Kostüm, die ihm ein freundliches Lächeln schenkte.

„Herr Hansen?, fragte sie. Der Geschäftsmann aus Hannover nickte. „Willkommen in Bad Marienberg. Mein Name ist Daniela Lange. Ich bin die Assistentin unseres Bürgermeisters.

„Ah, Sie sind das also, schmunzelte Hansen. „Wenn ich gewusst hätte, mit welch attraktiver Dame ich schon seit einigen Wochen telefoniere, dann hätte ich diese Reise in den Westerwald schon viel früher angetreten.

Er bemerkte, dass Daniela Lange kurz errötete und seinem prüfenden Blick einen Moment auswich. Für Hansen bedeutete das, dass die Schwarzhaarige sich in seiner Gegenwart ein wenig unsicher fühlte. Trotzdem sprachen ihre Blicke eine eindeutige Sprache, und das sagte Hansen genug. Er kannte einige Frauen, die genau auf den Typ standen, den er repräsentierte. Groß, gut gekleidet, graue Schläfen und genügend Geld in der Tasche, um sich fast alles leisten zu können, ohne daran auch nur einen einzigen Gedanken zu verschwenden.

Die Sache fängt an, interessant zu werden, dachte Hansen im Stillen. Wenigstens ein Lichtblick in dieser Provinz. Mal sehen, wie sich die Dinge heute noch so entwickeln

ALS DER BÜRGERMEISTER ans Rednerpult trat und die Neueröffnung des PROFI-Baumarktes als wirtschaftlichen Aufschwung für die Verbandsgemeinde und die umliegenden Ortschaften pries, hörte Jürgen Hansen nur mit halbem Ohr zu. Weil sein Interesse weder dem Bürgermeister noch den örtlichen Kommunalpolitikern galt, die sich gegenseitig mit Lobreden zu übertrumpfen versuchten. Selbst als er an die Reihe kam, um für die Investorengruppe aus Hannover zu sprechen, war er nicht ganz mit Eifer bei der Sache. Aber zum Glück merkten die Zuhörer nichts davon, sondern applaudierten brav am Ende seiner zehnminütigen Rede. Anschließend war es seine Aufgabe, mit einer symbolischen Geste die Eröffnung zu vollziehen, und nur kurz darauf drängten bereits die ersten neugierigen Kunden hinein.

Hansen selbst nahm das nur beiläufig wahr, denn sein Interesse galt einzig und allein der attraktiven Schwarzhaarigen, die ihm ihm ab und zu einen verstohlenen Blick zugeworfen hatte. Vielleicht glaubte sie, dass ihm das nicht aufgefallen war. Aber solche Dinge bekam Hansen immer mit, und er freute sich schon insgeheim darauf, wie sich die Sache weiter entwickelte.

„Herr Hansen, wir haben einen kleinen Empfang für einige geladene Gäste auf Schloss Friedewald vorbereitet, wandte sich der Bürgermeister an ihn und riss ihn aus seinen Gedanken wieder in die Wirklichkeit zurück. „Ich bin sicher, es wird Ihnen gefallen. Sie bleiben doch über Nacht hier, oder?

„Ich denke schon, antwortete Hansen. „Wo ist dieses Schloss denn genau?

„Nur wenige Kilometer von hier entfernt. Meine Assistentin wird Sie gerne dorthin fahren, wenn Sie möchten."

„Aber nur wenn es keine Umstände macht. Ich kann mir auch ein Taxi nehmen."

„Auf keinen Fall. Sie sind unser Gast, Herr Hansen – und ich möchte, dass Sie diesen Aufenthalt in angenehmer Erinnerung behalten."

Dafür werde ich alles tun, dachte Hansen und sah, wie der Bürgermeister kurz zu Daniela Lange ging und mit ihr einige Worte wechselte. Als sie nickte, wusste Hansen, dass dies eine Chance war, die er nicht ungenutzt verstreichen lassen durfte.

„Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen, um mich zu diesem Schloss zu fahren, sagte Hansen. „Aber vielleicht sollte ich mich erst einmal um ein Hotel kümmern, Frau Lange.

„Das Schloss Friedewald ist ein Hotel, Herr Hansen, klärte ihn die Assistentin des Bürgermeisters auf. „Es liegt zwar ein Stück abseits, aber Sie werden dennoch sehr zufrieden sein. Im Schloss finden regelmäßig Tagungen statt, und die Verbandsgemeinde bringt dort auch besondere Gäste unter ...

Die Art und Weise, wie Daniela Lange die letzten Worte betonte, und der Blick, den sie ihm dabei zuwarf, ließ ihn spüren, dass diese Frau noch an ganz andere Dinge dachte. Ihre Blicke und ihr Verhalten waren eindeutig. Auch wenn sie das mit keinem einzigen Wort erwähnte und ansonsten distanziert blieb.

Daniela Lange ging zu ihrem Wagen. Es war ein roter Golf 7, das neueste Modell. Als sie den Kofferraum öffnete, verstaute Hansen sein Gepäck dort. Sie stand jetzt so nahe bei ihm, dass er ihr Parfüm riechen konnte. Und sie wich auch nicht zurück, sondern schenkte ihm wieder dieses bezaubernde Lächeln, das ihn nervöser machte, als er jemals zugegeben hätte.

„Sind Sie auch heute Abend bei dem Empfang mit dabei?", wollte Hansen wissen, während Daniela Lange den Motor startete und vom Parkplatz fuhr.

„Ja, sagte sie. „Als Assistentin des Bürgermeisters muss ich oft solche Termine wahrnehmen. Auch am Wochenende. Aber das gehört eben mit zu meinem Job.

„Hoffentlich ist das kein Problem für Ihre Familie", konnte sich Hansen diese Bemerkung nicht verkneifen, als er einen kurzen Blick auf den goldenen Ring an ihrer Hand warf und sich dabei im Stillen fragte, warum ihre Blicke eine ganz andere Sprache sprachen.

„Gewisse Dinge muss man eben akzeptieren, Herr Hansen, erwiderte sie ausweichend. „Mein Beruf macht mir sehr viel Spaß, und dafür tue ich auch einiges. Bei Ihnen in Hannover ist das sicherlich anders – aber hier im Westerwald kann man froh sein, wenn man einen guten Job hat. Und um den auch zu behalten, muss man schon ein bisschen mehr tun als nur von acht bis fünf am Schreibtisch zu hocken und darauf zu warten, dass endlich Feierabend ist.

„Das könnte ich mir bei Ihnen auch nicht vorstellen", erwiderte Hansen, während Daniela Lange mit dem roten Golf wieder auf die Kirburger Straße einbog und schließlich die B 414 erreichte. Dort bog sie links in Richtung Kirburg ab, aber knapp 100 Meter später folgte sie rechts einer schmalen Landstraße.

Auf dem Hinweisschild standen zwei Ortsnamen, die Jürgen Hansen zum ersten Mal hörte: Lautzenbrücken und Nisterberg. Sein eigentliches Interesse galt jedoch den trüben Wolken, die mittlerweile aufgezogen waren. Es war erst 15.00 Uhr am Nachmittag, aber für ihn sah es so aus, als würde es gleich dunkel werden. Ausgerechnet jetzt musste er wieder an die Worte des Charterpiloten denken, der ihn vor einem Wetterumschwung gewarnt hatte. Waren das jetzt die ersten Hinweise darauf?

„Sie schauen so nachdenklich aus, brachten ihn die Worte der attraktiven schwarzhaarigen Frau wieder in die Wirklichkeit zurück. „Kann ich Ihnen vielleicht helfen?

„Es ist nichts", erwiderte er, während der Wagen das Ortsschild von Lautzenbrücken passierte. Ein kleines Dorf mit einem Bürgerhaus und zwei Geschäften. Kein Mensch hielt sich auf der Straße auf. Der Ort wirkte verloren. Genauso wie Nisterberg, das  sich zwei Kilometer weiter befand.

„Hier soll ein Schloss sein?", fragte er stattdessen.

„Darüber wundern sich die meisten Gäste, die zum ersten Mal nach Bad Marienberg kommen, antwortete Daniela Lange. „Man würde es nicht vermuten. Sie glauben vermutlich, dass Sie sich mit jedem weiteren Kilometer immer mehr von der Zivilisation entfernen, oder? Sie können es ruhig zugeben, Herr Hansen. Wie schon gesagt – ich kenne das. Ich wohne ja selbst hier.

„Wo? In diesem ...?"

In letzter Sekunde konnte Hansen das Wort Kaff noch zurückhalten, während der rote Golf durch Nisterberg fuhr. Aber sein Blick war für Daniela Lange eindeutig genug, um daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen.

„Sprechen Sie es ruhig aus, Herr Hansen, sagte sie kurz darauf. „Ich weiß selbst, dass es nicht einfach ist, gewisse gesellschaftliche Verhaltensstrukturen zu akzeptieren. Aber entweder fügt man sich in das dörfliche Leben ein, oder man wird gleich abgestempelt.

„Und das geschieht mit Ihnen?, wunderte sich Hansen, obwohl er längst ahnte, was ihm die attraktive Frau damit hatte sagen wollen. „Sie sind doch intelligent und aufgeschlossen, Frau Lange. Schon als wir telefonierten, wusste ich, dass Sie mehr wollen. Vielleicht sollten wir nach dem Empfang einmal darüber reden, welche Chancen sich für Sie in Hannover ergeben könnten.

„Wollen Sie mir einen Job anbieten?"

„Wir müssten darüber einmal reden, sagte Hansen. „Das setzt natürlich voraus, dass Sie mobil und flexibel sind. Würde Ihr Mann das denn verstehen, wenn Sie eine gute berufliche Chance nutzen wollen?

Die Antwort dauerte etwas zu lange, so dass Hansen ahnte, in welch innerem Konflikt sie sich jetzt befand. Aber das interessierte ihn nicht, denn sein Vorschlag mit dem Job in Hannover sollte lediglich dazu dienen, um sie ins Bett zu bekommen. Meistens funktionierte das, denn Frauen wie Daniela Lange sehnten sich nach Geld, Einfluss und einem besseren Leben. Jürgen Hansen wusste sehr gut, wie man dieses Spiel beherrschte. Vermutlich wäre seine Frau entsetzt darüber gewesen, wenn sie jemals erfahren hätte, welchen privaten Interessen er während seiner Geschäftsreisen nachging, wenn sich ihm solch eine Gelegenheit bot. Aber diese Eskapaden hatte er in all den Jahren immer geschickt vor ihr verborgen. Sie wusste und ahnte nichts, und das war auch gut so.

„Es kommt darauf an, welche Perspektiven mir geboten werden, meinte Daniela Lange. „Dazu müsste ich aber mehr wissen.

„Gut, dann reden wir nachher mal darüber. Dieser offizielle Teil wird ja nicht so lange dauern, oder?"

„Eine Stunde, vielleicht auch zwei – aber mehr nicht."

„Manchmal muss man eben etwas Geduld haben und warten, wenn man ans Ziel kommen will", erwiderte er zweideutig. Dass Daniela Lange diese Anspielung verstanden hatte, ließ sie ihn mit einem kessen Augenaufschlag wissen. Für Hansen war das ein Zeichen, dass er aller Wahrscheinlichkeit heute Abend noch zum Ziel kommen würde. Er kannte solche Frauen. Sie gaben sich cool und flirteten dennoch auf Biegen und Brechen. In der Hoffnung, den tristen Alltag wenigstens für ein paar Stunden vergessen zu können.

Der Geschäftsmann aus Hannover wusste nichts über Daniela Langes Ehemann – und im Grunde genommen interessierte es ihn auch nicht. Auf jeden Fall schien seine Frau tun und lassen zu können, wonach ihr der Sinn stand. Ihm war das nur Recht.

Wieder fuhr der Wagen durch ein Waldstück. Dann fiel die Straße etwas ab, und danach tauchten die ersten Häuser des Ortes Friedewald auf. Es wirkte wie ein kleines unauffälliges Dorf, mit Bauernhöfen und vielen Einfamilienhäusern. Aber wo in aller Welt sollte denn hier ein Schloss sein?

„Da vorn, sehen Sie es?", sagte Daniela Lange und zeigte nach rechts. Hansens Blicke folgten ihrem Hinweis, und dann erblickte er das Schloss. Es befand sich tatsächlich so versteckt in der Ortsmitte, dass man es erst erkannte, wenn man sich in unmittelbarer Nähe befand. Als der Golf vor dem Torbogen stoppte, war der Blick frei auf den Innenhof des Schlosses – und auf das große, noch sehr gut erhaltene Gebäude auf der anderen Seite.

„Der Empfang ist nachher im Rittersaal, informierte ihn Daniela Lange. Aber am besten checken Sie erst einmal ein und machen Sie es sich in Ihrem Zimmer gemütlich. Es wird Ihnen an nichts fehlen.

„Das kann ich nur behaupten, wenn Sie mir noch ein wenig Gesellschaft leisten", startete Hansen einen weiteren Versuch, um festzustellen, wie weit er jetzt schon bei ihr gehen konnte. Aber ganz so leicht war es dann doch nicht, denn Daniela Lange winkte mit einem Lächeln ab.

„Ich muss noch einmal zurück ins Büro, erwiderte sie. „Aber wir sehen uns ja nachher. Um 18.00 Uhr werde ich da sein.

„Das hoffe ich doch sehr", sagte Hansen und stieg aus. Er nahm seinen Koffer und die Aktentasche und sah zu, wie Daniela Lange wieder die Schlossstraße hinauf fuhr. Sekunden später war sie seinen Blicken entschwunden.

Es wird ein sehr interessanter Abend werden – und hoffentlich gilt das auch für die Nacht, dachte er, während er mit seinem Gepäck zur Rezeption ging. Die kleinen Schneeflocken, die der Wind hin- und herwirbelte, registrierte er aber nicht. Weil seine Gedanken bei Daniela Lange weilten.

KURZ BEVOR DANIELA Lange den Gebäudekomplex der Verbandsgemeindeverwaltung in Bad Marienberg wieder erreicht hatte, klingelte ihr Handy. Es war ihr Mann Holger, und Daniela ahnte schon, warum er anrief. Sie seufzte. Konnte er sie denn nicht einfach mal in Ruhe lassen und sie nicht andauernd nerven? Sie hatte nun mal einen Job, der mehr von ihr verlangte als von 8 Uhr bis 5 Uhr im Büro Aktenordner von einer Seite des Schreibtisches auf die andere zu heben. Aber irgendwie hatte Holger das noch immer nicht begriffen.

„Ja?, meldete sie sich schließlich. „Holger, was ist denn? Ich habe noch zu tun.

„Ich wollte dir nur sagen, dass ich schon zuhause bin, erklärte er ihr dann. „Wann kommst du?

„Holger, hast du vergessen, dass ich gleich noch auf Schloss Friedewald zu einem Empfang muss?, erwiderte sie leicht gereizt. „Das habe ich dir letzte Woche schon gesagt. Aber du weißt es nicht mehr.

„Entschuldige bitte, hörte sie seinen leicht gekränkten Tonfall. „Aber die Nachtschicht war letzte Woche so anstrengend – da habe ich eben nicht daran gedacht, dass ...

„Schon gut, fiel sie ihm ins Wort. „Holger, ich muss jetzt Schluss machen. Ich habe im Büro noch einige Dinge zu erledigen, und dann muss ich auch schon rüber nach Friedewald fahren.

„Du kannst ja mal kurz anhalten."

„Ich habe keine Zeit, Holger, versuchte sie nochmals ihm fast schon gebetsmühlenartig klarzumachen, dass es eben nicht ging. „Es wird spät heute. Warte also nicht auf mich. Tschüss dann.

Bevor er noch etwas darauf erwidern konnte, hatte sie das Gespräch auch schon abgebrochen und schaltete Sekunden später das Handy aus. Jetzt und auch in den nächsten Stunden wollte sie einfach nicht gestört werden. Nicht wenn sich ihr eine Möglichkeit bot, einen besseren Job zu bekommen. Und wenn es erforderlich war, zu demjenigen besonders nett zu sein, der ihr zu dieser Chance verhalf, dann gab es für Daniela Lange nicht das geringste Problem damit. Sie wusste, wann sich ihr eine Möglichkeit bot und wie sie diese am besten und effektivsten nutzen konnte. Und im Gegensatz zu früheren One-Night-Stands würde diesmal für sie etwas dabei herauskommen.

Auf dem Weg zu ihrem Büro begegnete sie dem Bürgermeister und lächelte ihm freundlich zu.

„Es ist alles in Ordnung, sagte sie. Ich habe Herrn Hansen ins Schlosshotel gefahren. Ich glaube, es gefällt ihm dort. Zumindest war er sehr angenehm überrascht, als er vor dem Schloss stand.

„Sehr gut, Frau Lange, lobte sie ihr Chef. „Sie würden mir übrigens einen großen Gefallen tun, wenn Sie sich heute Abend ein wenig um unseren Gast kümmern. Sie sind doch eine gute und intelligente Gesprächspartnerin.

„Das tue ich gerne", versicherte sie dem Bürgermeister. Allerdings mit dem Hintergedanken, dass dabei ihre persönlichen und weiteren beruflichen Interessen im Vordergrund standen.

18.00 UHR

Im Rittersaal „Graf Heinrich" auf Schloss Friedewald

„Sehr verehrte Gäste, begrüßte der Bürgermeister die geladenen Honoratioren und Politiker aller Parteien. „Unser besonderer Dank gilt an dieser Stelle Herrn Jürgen Hansen, dem Repräsentanten der Investorengruppe BUSINESS CONSULTING, dass in den letzten Wochen und Monaten alles reibungslos verlaufen ist.

Ein kurzer Applaus erfüllte den großen Rittersaal, und Jürgen Hansen bedanke sich lächelnd für dieses Lob. Er genoss es, im Mittelpunkt zu stehen, weil seine Firmengruppe ein wichtiges Zeichen in dieser Region gesetzt hatte. Unter Umständen konnte dies weitere Bauprojekte nach sich ziehen.

„Es gab zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Verzögerungen, und jetzt sind wir sehr stolz darauf, dass der PROFI-Baumarkt heute pünktlich öffnen konnte. Und wie ich mit eigenen Augen sehen konnte, herrschte an diesem Nachmittag schon ein sehr großer Andrang."

Erneut klatschten die anwesenden Gäste Beifall, während draußen weitere Schneeflocken fielen. Der weiträumige Schlossinnenhof war von mehreren brennenden Fackeln illuminiert, die insbesondere den Aufgang zum Rittersaal in ein malerisches Licht tauchten und auf diese Weise die besondere Bedeutung dieses Empfangs hervorheben sollten.

Der Bürgermeister lobte noch einmal die gute Zusammenarbeit mit Hansens Firma und erwähnte erst ganz zum Schluss, dass die Verbandsgemeinde sich bemühen würde, auch für die Mitarbeiter der kürzlich in Insolvenz gegangenen Firma Thalmann eine berufliche Perspektive zu finden. Hansen wusste, um was es ging. Die Firma Thalmann war ein direkter Wettbewerber zur PROFI-Baumarktkette gewesen, allerdings in Familienbesitz und mit einem sehr eingeschränkten Artikelsortiment. Die Inhaber hatten einige Fehlinvestitionen getätigt und deshalb Mitarbeiter entlassen müssen. Nur 10 von den ehemaligen 14 Mitarbeitern hatten im neuen Baumarkt wieder eine Stelle finden können. Die anderen waren und blieben vermutlich arbeitslos aufgrund ihrer geringen Qualifikationen oder ihres fortgeschrittenen Alters.

Hansen wusste das alles, aber das interessierte ihn nicht. Wer ein gutes Konzept und den notwendigen finanziellen Rückhalt besaß, der saß immer am längeren Hebel. Es herrschte in dieser Branche ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb, dem das Familienunternehmen nicht mehr länger hatte standhalten können. Die Insolvenz war die logische Konsequenz gewesen.

Als der Bürgermeister seine Rede beendete, wurde das Buffet eröffnet. Mediterrane Spezialitäten, sowie zünftige Siegerländer und Westerwälder Rezepte waren die Stärken der Schlossküche. Davon konnte sich Hansen nur wenige Augenblicke später selbst überzeugen. Er ließ sich eine kleine Auswahl schmecken, trank dazu ein Glas Champagner und unterhielt sich mit verschiedenen Gästen zwanglos. Aber er behielt dabei immer wieder Daniela Lange im Blick, die zu diesem Zeitpunkt beim Bürgermeister und dem Landrat stand. Aber er wusste, dass sie immer dann in seine Richtung schaute,wenn sie glaubte, dass er es nicht bemerken würde.

Nur Geduld, dachte er. Der Apfel ist reif – und wann er gepflückt wird, das entscheide ich ganz allein ....

Er ließ sich nochmals ein Glas Champagner einschenken und ging kurz hinaus auf die Terrasse des Innenhofs, um eine Zigarette zu rauchen. Im Licht der Fackeln sah er die Schneeflocken im Wind tanzen. Die Sträucher besaßen schon eine weiße Krone, und auf dem Innenhof hatte sich eine kleine, aber unübersehbare weiße Schicht gebildet.

Hansen erinnerte sich kurz an die Warnung des Charterpiloten, die dieser kurz nach der Landung auf dem Siegerland-Flughafen ausgesprochen hatte. Aber so lange es nur so wenig schneite, musste man sich vermutlich keine Gedanken machen. Die trüben Wolken würden in der Nacht weiterziehen und der Schnee vermutlich nicht lange liegen bleiben. Dazu war es noch nicht kalt genug. Trotzdem spürte Hansen aber auch, dass die Temperaturen um einige Grad gesunken waren.

„Wenn der erste Schnee fällt, dann hat das Schloss immer etwas Behagliches an sich, hörte Hansen plötzlich eine helle Stimme und drehte sich um. In der Tür stand Daniela Lange, in der Hand ebenfalls ein Glas mit Champagner. „Ich hoffe, Sie sind mit Ihrem Zimmer zufrieden.

„Sie können es sich gerne anschauen, wenn Sie möchten, Frau Lange, schlug Hansen vor. „Ich würde ohnehin noch gerne etwas mit Ihnen besprechen. Und dabei sollten wir vielleicht etwas Ruhe haben. Das Wichtigste an offiziellen Dingen ist ja ohnehin gelaufen. Oder müssen Sie etwa schon gehen? Ich persönlich würde das sehr bedauern.

Für einen kurzen Moment zögerte Daniela Lange. Dann aber nickte sie schließlich.

„Gut, dann gehen wir am besten gleich, meinte Hansen. „Mein Zimmer ist dort oben im ersten Stock.

Daniela Lange folgte dem Geschäftsmann. Während die beiden über den Schlosshof gingen, wurde der Wind etwas stärker und trieb weitere Schneeflocken vor sich hin. Aber weder Hansen noch Daniela Lange achteten bewusst darauf. Um diese Zeit kurz vor Weihnachten war Schneefall im Westerwald nichts Außergewöhnliches.

Über eine steinerne Wendeltreppe führte der Weg nach oben in den ersten Stock. In der Mitte des Ganges blieb Hansen stehen, suchte in seiner Jackentasche nach dem Schlüssel und öffnete wenige Sekunden später die Tür. Das Zimmer war gemütlich, wenn auch nicht luxuriös eingerichtet.

„Setzen Sie sich doch, Frau Lange, sagte Hansen und deutete auf den Stuhl neben dem Bett. „Und dann sollten wir reden.

„Gerne", erwiderte sie und gab sich gelassen. Obwohl sie genau wusste, dass das Spiel zwischen ihr und dem Geschäftsmann aus Hannover jetzt eine entscheidende Phase erreicht hatte – und sie war bereit, diese Linie zu überschreiten, wenn das Resultat dadurch in greifbare Nähe rückte.

„Machen Sie es sich ruhig bequem, sagte Hansen, zog sein Jackett aus, warf es auf das Bett und lockerte seine Jacke. „Im übrigen schlage ich vor, dass wir vielleicht etwas lockerer miteinander umgehen sollten. Was meinen Sie, Daniela?

Er sprach sie jetzt bewusst mit ihrem Vornamen an und achtete darauf, wie sie sich jetzt verhielt. Aber nichts an ihren Blicken ließ darauf schließen, dass ihr das unangenehm war.

„Das kommt darauf an, was wir miteinander zu besprechen haben, wich sie zunächst aus. „Vielleicht sollten wir lieber darüber reden, was Ihre Andeutung eines neuen Jobs genau heißt, Herr Hansen.

„Ich heiße Jürgen, sagte er. „Und wir sollten nicht länger um den heißen Brei herumreden. Auch wenn das – zugegebenermaßen – den Reiz ein wenig erhöht. Aber wir beide sind doch erwachsene Menschen, die ganz genau wissen, was sie wollen, oder?

„Ich will eine Chance, sagte sie. „Und ich bin bereit, einiges dafür zu tun.

„Dann fangen wir am besten gleich damit an", sagte Hansen und ging einen Schritt auf Daniela Lange zu. In seinen Augen zeichnete sich pures Verlangen ab. Daniela Lange wusste natürlich schon von Anfang an, worauf die Sache an diesem Abend hinauslief. Aber dass er so schnell vorpreschte, gefiel ihr nicht. Das war ein Charakterzug, den sie an ihm jetzt das erste Mal bemerkte.

„Einen Moment", sagte sie und wollte ihm ausweichen, als er schon dicht vor ihr stand. Aber Hansen bemerkte das und griff nun nach ihr. Er zog sie zu sich heran, und ihre Gegenwehr erlahmte in dem Augenblick als er sie hart und fordernd küsste. Gleichzeitig spürte sie, wie sich seine Finger am Verschluss ihres Kleides zu schaffen machten.

„Warte ..., murmelte sie aus Angst, dass er das Kleid womöglich in seiner Gier zerreißen und dadurch ihr Mann etwas bemerken würde. „Nicht so schnell ...

Sie schaffte es, Hansen davon zu überzeugen, dass das Spiel nach ihren Regeln besser ablaufen würde. Er setzte sich aufs Bett und sah zu, wie sich Daniela Lange mit lasziven Bewegungen vor ihm auszog. Dass sie einen perfekt geformten Körper besaß, hatte er schon geahnt – aber die Wirklichkeit war besser als er jemals angenommen hätte.

„Gefalle ich dir?, fragte sie. „Du kannst mich haben, Jürgen. Aber ich will von dir ein Versprechen, dass du mir hilfst, von hier wegzukommen. Ich kann diese Einöde schon seit langem nicht mehr ertragen.

„Und ich das Warten nicht mehr länger", sagte er mit rauer Stimme und zog sie zu sich aufs Bett.

Kapitel 2

Freitag 20.Dezember

Friedewald, Schlossstraße

Gegen 20.30 Uhr

„Lass Dein Auto lieber stehen, Peter, sagte Dirk Schuster, nachdem er einen kurzen Blick aus dem Fenster geworfen hatte. „Es schneit. Bleib doch einfach hier – du kannst gerne unser Gästezimmer haben. Schlaf dich lieber aus. Das ist besser als sich jetzt noch ans Steuer zu setzen.

„Nein, ich fahre", erwiderte der 50-jährige Peter Reusinger und erhob sich aus dem Sessel. Dabei wankte er kurz, hatte sich aber sofort wieder im Griff. Dirk Schuster und seine beiden Freunde Paul Liese und Werner Holtmann bemerkten das natürlich. Aber sie hüteten sich davor, Reusinger jetzt gute Ratschläge zu geben. Weil sie genau wussten, dass er in solchen Fällen oft sehr aggressiv reagierte.

„Es sind zwar nur drei Kilometer bis Nisterberg – aber du hast etwas getrunken. Vergiss das nicht, Peter", versuchte es Schuster dennoch, erntete aber nur ein entschiedenes Kopfschütteln von Reusinger.

„Ich mache das nicht zum ersten Mal, Dirk, winkte Reusinger ab und griff nach seiner Jacke. Hastig streifte er sie sich über und ging dann zur Wohnungstür. „Euch anderen noch einen schönen Abend. Und das nächste Treffen findet dann bei mir statt. Einverstanden?

„Klar doch", meinte Werner Holtmann, hob sein Bierglas und grinste Reusinger dabei an, während dieser die Wohnung seines ehemaligen Arbeitskollegen verließ und hinaus ins Freie ging. Sofort spürte er den kalten Wind, der ihm Schneeflocken ins Gesicht wehte,. Und er zog den Kragen seiner Jacke höher.

Sein Auto hatte er etwas weiter oberhalb abgestellt, weil es vor Schusters Haus an diesem Abend keine Parkmöglichkeit mehr gab. Der Nachbar gegenüber feierte Geburtstag und hatte Besuch von außerhalb bekommen. Also hatte er am Straßenrand vor dem Schlosspark seinen Wagen zurückgelassen und war die restlichen Schritte bis zu Schusters Haus zu Fuß gegangen. Das war kein Problem gewesen, als er gegen 17.00 Uhr in Friedewald eingetroffen war, aber jetzt lag Schnee, und er rutschte immer wieder auf der ansteigenden Straße aus.

Als er am Schlosshotel vorbeiging und durch den breiten Torbogen zum Innenhof blickte, blieb er einen kurzen Augenblick stehen, weil nur wenige Schritte entfernt ein roter Golf parkte, der auf einmal sein Interesse weckte. Dann sah er im Licht der brennenden Fackeln vor dem Eingang zum Rittersaal zwei Menschen stehen – einen Mann und eine Frau. Den Mann kannte er zuerst nicht, die Frau dagegen umso besser. Es war Daniela Lange, die Frau seines Vereinskollegen Holger.

Als er nun sah, wie Daniela zusammen mit dem Mann den Innenhof des Schlosses überquerte, schlugen seine Sinne Alarm. Denn jetzt wusste er, um wen es sich im Falle von Danielas Begleiter handelte. Das war doch der Mann, der heute den Baumarkt offiziell eingeweiht hatte – sein und Danielas Ziel war das Innere der Burg. Die beiden betraten den Seitenflügel des Schlosses. Peter Reusinger trat im letzten Moment zurück, weil Daniela gerade zum Torbogen schaute. Aber zum Glück hatte sie nichts bemerkt.

Reusinger wartete noch etwas und beobachtete die Fenster des Seitenflügels, die zur Schlossstraße führten. Eines dieser Fenster war jetzt hell erleuchtet, und Reusinger konnte die Konturen von zwei Menschen erkennen. Und diese beiden Konturen verschmolzen jetzt zu einem einzigen Schatten. Das Letzte, was Reusinger noch erkennen konnte, war ein nackter Arm, der die Vorhänge zuzog, und dann spürte er auf einmal eine Kälte in sich, die noch viel tiefer ging als die wirbelnden Schneeflocken und der eisige Wind.

„Das ... das gibt´s doch nicht", murmelte er kopfschüttelnd, weil er immer noch nicht glauben wollte, was er gerade gesehen hatte. Aber dann wurde ihm bewusst, dass er sich nicht geirrt hatte. Jetzt wollte er nur noch eins – weg von hier und zurück nach Nisterberg, bevor noch mehr Schnee fiel.

Die wenigen Schritte bis zu seinem Auto dauerten gerade mal zwei Minuten. Er öffnete die Tür, stieg ein und startete den Motor. Als er die Handbremse löste und am Berg anfahren wollte, drehten die Reifen seines Opel Astra durch. Reusinger fluchte, als der Wagen nach hinten wegrutschte und sich einem zweiten Fahrzeug zu nähern begann. Jetzt gab er noch einmal Gas, allerdings etwas behutsamer. Beim zweiten Versuch klappte es, und der Wagen fuhr jetzt die Schlossstraße hinauf bis zur nächsten Kreuzung. Reusinger spürte aber trotzdem, dass der Schnee diese enge Straße in eine gefährliche Rutschbahn verwandelt hatte.

Er atmete erst auf, als er nach links in Richtung Nisterberg abbog. Ausgerechnet jetzt setzte starker Schneefall ein, und die Räder drehten erneut durch, als Reusinger das Ortsende von Friedewald erreichte. Der Waldrand war noch knapp 100 Meter entfernt, und der Wind wehte weiteren Schnee von den Feldern in Richtung Straße.

Jetzt verfluchte er sich dafür, dass er die Einladung seines ehemaligen Arbeitskollegen Schuster nicht doch angenommen und sein Auto stehen gelassen hatte. Denn die Fahrbahn war gefährlich glatt und die Sicht sehr eingeschränkt. Er wusste zwar, dass es nicht mehr weit bis zum Waldrand war, aber sehen konnte er ihn trotz der voll aufgeblendeten Scheinwerfer nicht mehr. Da war nur noch Schnee, ganz viel Schnee, den ihm der Wind entgegen wehte.

Die Strecke nach Nisterberg waren die längsten 3 Kilometer seines Lebens. Kalter Schweiß stand Peter Reusinger auf der Stirn, als er seinen Wagen auf den Hof fuhr, den Motor abstellte und ausstieg.

Kein Mensch war auf der Straße zu sehen, in der er wohnte. In den beiden Häusern auf der gegenüber liegenden Straßenseite waren die Fenster hell erleuchtet, und er glaubte, hinter den Gardinen des unteren Stockwerkes eine huschende Bewegung gesehen zu haben. Vermutlich hatte der alte Fritz Kornmann seine Neugier wieder nicht zügeln können und ihn auf den Hof fahren sehen. Aber das war Reusinger gleichgültig – wie so vieles andere mittlerweile auch.

Der Schnee fiel jetzt so dicht, dass man das Ende der Straße in den wirbelnden weißen Schleiern gar nicht mehr erkennen konnte. Hauptsache, Reusinger war zuhause und hatte Glück gehabt, dass ihm unterwegs keine Streife begegnet war. Eine Polizeikontrolle hätte ihn ganz sicher den Führerschein gekostet.

Er schloss die Haustür auf und trat ein. Das Heulen des eisigen Windes ließ nach, als er die Tür hinter sich zuschlug und das Licht einschaltete. Auch wenn mittlerweile schon fast ein Jahr vergangen war, so spürte Reusinger in Momenten wie diesen ganz besonders die Einsamkeit, die seitdem sein ständiger Begleiter war. Nach Hause zu kommen und niemand anzutreffen war etwas, worüber er sich niemals zuvor Gedanken gemacht hatte. Aber was Einsamkeit wirklich bedeutete, hatte er erst gemerkt, als seine Frau Susanne gestorben war. Hinweggerafft von einer heimtückischen Krankheit, gegen die Susanne bis zuletzt tapfer angekämpft hatte. Erst als sie hatte begreifen müssen, dass es keine Chance auf eine Heilung geben würde, hatte sie für sich den einzig noch verbleibenden Weg aus dieser Situation gewählt.

Reusinger hatte seine Frau im Schlafzimmer gefunden, als er nach Feierabend nach Hause zurückgekommen war. Auf dem Nachttisch stand ein Glas Wasser mit dem Rest einer trüben Flüssigkeit, und direkt daneben Schachteln mit Tabletten, die ihr der Arzt gegen die Schmerzen verschrieben hatte. Susanne hatte alles auf einmal genommen, um ihr Leid auf diese Weise zu beenden – und das Schlimme daran war, dass sie es ihrem Mann noch nicht einmal gesagt hatte.

Susannes plötzlicher Tod hatte Reusinger in ein tiefes Loch stürzen lassen. Ein Vierteljahr später hatte die Firma Thalmann Insolvenz angemeldet, und er war unter denjenigen gewesen, denen man keine zweite Chance zugestanden hatte. Seitdem war er arbeitslos und hatte es mittlerweile auch aufgegeben, überhaupt noch Ausschau nach einem neuen Job zu halten. Mit 50 zählte er zum alten Eisen und war schwer vermittelbar, wie es im offiziellen Jargon der Agentur für Arbeit hieß. Seitdem lebte er zurückgezogen in seinem Haus am Ortsrand von Nisterberg und war zu einem Eigenbrötler geworden.

Reusingers Gedanken kehrten wieder in die Wirklichkeit zurück, als er einen Blick aus dem Fenster warf. Soviel Schnee, wie jetzt permanent vom Himmel fiel, hatte er zuletzt als kleines Kind erlebt. Damals waren sowohl Nisterberg als auch einige Nachbarorte für drei Tage von der Außenwelt abgeschnitten gewesen. Würde dies jetzt wieder geschehen? Ihm konnte es gleichgültig sein, denn er musste nicht mehr nach Bad Marienberg zur Arbeit fahren. Er würde es sich gemütlich im warmen Wohnzimmer machen und den Fernseher einschalten, während die anderen große Mühe haben würden, ihren Arbeitsplatz zu erreichen.

Reusinger

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