Erfreu Dich an Millionen von E-Books, Hörbüchern, Magazinen und mehr

Nur $11.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Doch der Tod wartet nicht: Kriminalroman aus dem Ruhrgebiet

Doch der Tod wartet nicht: Kriminalroman aus dem Ruhrgebiet

Vorschau lesen

Doch der Tod wartet nicht: Kriminalroman aus dem Ruhrgebiet

Länge:
232 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
5. Aug. 2016
ISBN:
9783954751396
Format:
Buch

Beschreibung

»Aber dat dieser junge Mann immer nur aufgetaucht ist, wenn Herr Schaneck nich zu Hause war, dat muss einem doch zu denken geben«, so kombiniert Annegret Wörtmann messerscharf. Sie kennt sich aus, sie guckt nicht nur in Nachbars Garten, sondern auch jeden Krimi im Fernsehen. Nun, da Schaneck tot ist, ermordet mitten auf der Beecker Kirmes, kann sie der Duisburger Kripo wertvolle Hinweise geben. Kommissar Pielkötter und sein Mitarbeiter Barnowski beginnen also, gegen die Witwe und ihren Liebhaber zu ermitteln. Beide können ein Alibi vorweisen. Die Kommissare gehen allerdings davon aus, dass Schaneck von einem bezahlten Killer erstochen wurde. Doch wer hat ihn engagiert?
Herausgeber:
Freigegeben:
5. Aug. 2016
ISBN:
9783954751396
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Doch der Tod wartet nicht

Buchvorschau

Doch der Tod wartet nicht - Irene Scharenberg

www.prolibris-verlag.de

Kapitel 1

Angespannt spähte Varujan zu dem Hauseingang auf der schräg gegenüberliegenden Straßenseite. Er führte die Zigarette in seiner rechten Hand mit einer fahrigen Bewegung zum Mund und zog gierig den Rauch ein. Nachdem er mehrmals hastig inhaliert hatte, warf er die Kippe auf den Boden und trat sie aus. Stoßweise blies er den Rauch aus, der wie eine Art Weichzeichner wirkte. Für einen kurzen Moment verschwanden die tiefen Furchen um seinen Mund und selbst die hässliche Narbe an seinem Kinn, die ihn stets an einen unrühmlichen Kampf erinnerte. Varujan starrte nach unten. Einem ersten Impuls folgend, wollte er die Kippe aufheben, ließ sie dann aber liegen. Niemand käme auf die Idee, diesen Bürgersteig abzusuchen.

Die Vorsicht, die er stets walten ließ, hatte ihm mindestens einmal das Leben gerettet und mehrfach vor dem unrühmlichen Ende seiner Karriere bewahrt, konnte jedoch zuweilen paranoide Züge annehmen. Unwillkürlich zog er den Schirm seiner gescheckten Armeekappe etwas tiefer in die Stirn. Er wollte gerade eine weitere Zigarette aus der kleinen Brusttasche seines karierten, nicht mehr ganz frischen Hemds fischen, da erregte etwas seine Aufmerksamkeit. Abrupt hielt er inne und richtete seinen Blick zu der Haustür schräg gegenüber. Als er sah, dass sie sich leicht geöffnet hatte, verengten sich unwillkürlich seine Augen. Die Muskeln spannten sich an.

Eine ältere Frau mit einer kleinen Handtasche trat aus dem Haus und schlich langsam, als bereite es ihr extreme Mühe, die zwei Stufen nach unten. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte sie den Gehsteig. Ärgerlich griff Varujan wieder in seine Brusttasche, fingerte eine neue Zigarette heraus. Während er sie anzündete, rotierten seine Gedanken. Hatte sich etwa eine Änderung ergeben, von der er nichts wusste? Er inhalierte und schaute auf seine Armbanduhr. Wenn die Zielperson nicht bald in Erscheinung trat, könnte es Probleme geben.

Er hatte die Konsequenzen einer möglicherweise veränderten Situation noch nicht durchgespielt, da öffnete sich die Tür ein zweites Mal. Wie gebannt fixierten seine Augen den Hauseingang. Als ein junger Mann mit kurzen blonden Haaren auftauchte, verzog sich sein Mund zu einem Grinsen. Nach dem Foto zu urteilen, auch wenn er dort nur in einer Gruppe abgebildet war, handelte es sich eindeutig um die Zielperson. Der Mann trug eine blaue Jeanshose und ein leuchtend gelbes T-Shirt, das man gut von Weitem erkennen konnte. Alles würde gut. Zumindest für Varujan. In spätestens zwei Tagen würde er bei Anamaria sein, mit genug Kleingeld, um eine Weile bei ihr zu bleiben.

Behände sprang der Blondschopf die Stufen hinunter und hastete die Straße entlang. Offensichtlich hatte er es sehr eilig. Varujan hatte das vorausgesehen und setzte sich fast zeitgleich in Bewegung. Noch lief er auf der anderen Straßenseite, aber bei der nächsten günstigen Gelegenheit rannte er über die Fahrbahn. Das Risiko, als Verfolger erkannt zu werden, schätzte er wesentlich niedriger ein als das, den jungen Mann aus den Augen zu verlieren. Der kam verflixt schnell voran. Wahrscheinlich joggte er regelmäßig. Warum war davon keine Rede gewesen? Er selbst hatte andere Qualitäten. Automatisch fasste seine Rechte in die Hosentasche. Alles würde gut. Schließlich kannte er den Weg. Er wusste genau, wohin der Blondschopf wollte, der sich bisher nicht einmal die Mühe gemacht hatte, nach hinten zu sehen.

Varujan holte auf. Inzwischen betrug die Distanz nur noch wenige Meter, und er konnte die Aufschrift auf der Rückseite des T-Shirts entziffern. »Die Welt kann warten!« prangte neben einer Palme, deren Blätter sich wie ein Schirm über die Buchstaben spannten. Der Spruch entbehrte nicht einer gewissen Ironie. Die Welt würde bald für immer auf Blondie warten müssen. Nur der Tod wartete nicht. Unwillkürlich verzogen sich Varujans Lippen wieder zu einem Grinsen.

Die Zielperson stoppte auf Höhe des Theaters und führte die Hand zum Gesicht. Vielleicht putzte sie sich die Nase oder rieb sich den Schweiß von der Stirn. Das konnte Varujan nicht erkennen. Als er seinen Schritt gerade verlangsamt hatte, quoll aus dem Hoteleingang gegenüber dem imposanten Schauspielhaus eine Horde Touristen und versperrte ihm die Sicht. Mit mühsam unterdrückter Wut umrundete er die lärmende Truppe und hastete zur nächsten Kreuzung. Die Zielperson überquerte gerade die Straße und eilte dann an einem langen Gebäude mit einem italienischen Restaurant und Cafés entlang. Varujan riskierte einen sehnsüchtigen Blick zu den Besuchern, die hier draußen an einladenden Tischen in der Sonne saßen. Zu gerne hätte er mit ihnen getauscht, aber er hatte noch etwas Dringendes zu erledigen. Erst danach würde es ihm vergönnt sein, sich eine ganze Weile auszuruhen.

Der Blondschopf überquerte den Platz und wandte sich vor einem imposanten, altehrwürdigen Gebäude nach links. Keine hundert Meter und er verschwand über eine Treppe in Richtung der unterirdischen Haltestelle. Alles läuft nach Plan, dachte Varujan beruhigt und folgte ihm. Auf dem Bahnsteig herrschte kaum Betrieb, so dass er die Zielperson auf den ersten Blick ausmachen konnte. Laut Anzeigentafel kam die Linie 9 in zwei Minuten, und er wusste genau, dass der junge Mann damit fahren würde. Er wusste sogar bis zu welcher Haltestelle. Nachdem Blondie sich vorhin für die Bahn entschieden hatte und nicht aus Zeitmangel in seinen Wagen gestiegen war, was er kurz befürchtet hatte, waren seine nächsten Schritte nur zu vorhersehbar. Varujan beschloss, das als gutes Omen zu werten.

Als die Straßenbahn hielt, stiegen sie fast zeitgleich ein. Varujan setzte sich einige Reihen hinter die Zielperson. Jetzt konnte er sich für eine Weile entspannen. Nachdem die Bahn aus dem Untergrund aufgetaucht war, registrierte er auf der rechten Seite ein riesiges Speichergebäude aus rotem Stein ohne Fenster, im Hintergrund einen kleinen Yachthafen. Er vergewisserte sich mit einem schnellen Blick, ob Blondie noch vorne saß. Alles lief nach Plan.

Plötzlich bremste die Straßenbahn, und sein Körper prallte gegen den Sitz des Vordermanns. Ein leichter Schmerz durchfuhr seinen Brustkorb, ließ aber sofort wieder nach. Mist, ein stärkerer Aufprall hätte seine Mission ernsthaft gefährden können. Automatisch fasste er nach dem nächsten Haltegriff, dann sah er zum Fenster hinaus. Im Kreisverkehr waren zwei Autos ineinander gefahren, eines stand der Bahn gefährlich nahe. Anscheinend hatte einer der beiden Fahrer die Vorfahrt missachtet. Ihm war egal, wer nicht aufgepasst hatte. Hauptsache, es hatte keinen Unfall gegeben, der ihn womöglich gezwungen hätte, die Aktion abzubrechen oder einen fatalen Fehler zu begehen.

Die Bahn fuhr weiter. Offensichtlich hatte sich auch keiner der anderen Fahrgäste ernstlich verletzt. Während die Räder über eine Brücke ratterten, tauchten im Osten mehrere Hafenbecken auf. Unzählige Container stapelten sich in der Nähe des Ufers. Er wünschte, es wäre alles schon vorbei. Als sie später an der König Pilsener Brauerei entlangfuhren, beschleunigte sich unwillkürlich sein Pulsschlag. Jetzt dauerte es nicht mehr lange, dann hatten sie die Kirmes erreicht.

Zu seinem Erstaunen erhob sich die Zielperson, obwohl die Haltestelle weder angekündigt noch in Sichtweite war. Das schien auf Eile hinzudeuten. Jetzt hieß es, wachsam sein. Der Blondschopf stand vor der Tür und drückte mehrmals auf den Halteknopf. Mit einem Mal sah er nach hinten. Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich ihre Augen, dann hielt die Straßenbahn. Der Mann wandte sich wieder nach vorne und stieg aus. Varujan nahm eine der hinteren Türen. Draußen drang der Lärm der nahen Kirmes an seine Ohren. Unauffällig folgte er Blondie von der Haltestelle aus über die Straße. Es war nicht schwierig. Die Zielperson drehte sich nicht mehr um. Und selbst wenn, hätte sie wohl nichts geahnt. Varujan wäre nur einer von vielen gewesen, die auf die Kirmes strömten.

Bald hatten sie die ersten Schaubuden erreicht. Die Musik wurde lauter, die Menschenmenge dichter, und es bereitete Varujan einige Mühe, den jungen Mann nicht aus den Augen zu verlieren. Zum Glück war er relativ groß, und das leuchtend gelbe T-Shirt war gut zu erkennen. Varujan lüftete kurz seine Armeekappe und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Jetzt kam es auf den richtigen Zeitpunkt an. Unwillkürlich fuhr seine Rechte in die Hosentasche, als müsse er sich vergewissern, dass alles vorbereitet war. Inzwischen tummelten sich so viele Besucher in seiner Nähe, dass er es langsam riskieren konnte.

Der Mann lief kaum einen Meter vor ihm. Mit ausgefahrenen Ellenbogen kämpfte Varujan sich langsam nach vorne. Als er mit der Zielperson auf einer Höhe war, lächelte er siegessicher. Der Griff in seine rechte Hosentasche verstärkte sich. Noch zwei oder drei Besucher zur Seite drängen, den Blondschopf überholen, dann würde er die Richtung wechseln und ihm direkt gegenüberstehen. Er zog die Hand wieder aus der Hosentasche und stieß seinem Nachbarn den Ellenbogen in die Seite. Dabei hatte er wohl zu viel Kraft eingesetzt, denn plötzlich spürte er einen schmerzhaften Griff an seinem Oberarm. Ein Mann mit einem weiß-blau gestreiften Fan-Schal starrte ihn wütend an. »Ey, Leute, hier ist son Typ, der mit uns Krach anfangen will. Ich glaub, der brauch wat auffe Zwölf.«

»Alles gut«, erwiderte Varujan mit einem deutlichen Akzent in der Stimme. »Tschuldigung!« Weitere Kerle mit Schals tauchten auf. »Das war ein Versehen.« Schweißtropfen rannen nun seinen behaarten Nacken hinunter. Das karierte Hemd klebte an seinem Körper. Normalerweise hätte er nicht so unterwürfig reagiert, aber er konnte es sich nicht leisten, Zeit zu vertrödeln.

»Hast Glück, dass wir heut so friedlich sind«, entgegnete der Fußballfan, der mindestens einen halben Kopf größer war als er. »Sind wir doch, oder?«

Varujan traf ein harter Schlag auf die linke Schulter, den man nicht mehr als kameradschaftlich bezeichnen konnte, danach wandte sich der Trupp ab, und der äußerst heikle Zwischenfall schien ausgestanden zu sein. Er wollte aufatmen, aber dann stellte er fest, dass er den Blondschopf aus den Augen verloren hatte. Hektisch suchte er ihn in der Menge, konnte ihn jedoch nicht entdecken. Er stieß eine Reihe Schimpfwörter in seiner Muttersprache aus und kämpfte sich weiter vorwärts. Immer wieder wischte seine Hand über die Stirn. Kleine Bäche von Schweiß rannen inzwischen ungehindert seinen Rücken hinunter.

Noch ist nichts verloren, versuchte er sich einzureden. Schließlich kannte er den Weg, den die Zielperson nehmen würde. Zweimal war er die Strecke abgegangen. Es war nur eine Frage der Zeit, wann er den Mann erneut eingeholt hätte. Trotz dieser Beruhigung konnte Varujan die aufsteigende Panik nicht vollständig unterdrücken. Im Gegensatz zu dem Rest seines Körpers, der nun aus allen Poren schwitzte, wurde sein Mund ganz trocken. Seine Gedanken rotierten, fuhren regelrecht Achterbahn. »Benimm dich endlich wie ein Profi«, zischte er leise. Während er erneut Schimpfwörter hinterherschickte, lief er weiter.

Plötzlich lichtete sich kurz die Menschenmenge, und er erkannte kaum fünf Meter weit entfernt, den blonden Haarschopf und das gelbe T-Shirt mit der Palme. Für einen kurzen Moment konnte Varujan sogar die ersten zwei Buchstaben der Aufschrift auf dem T-Shirt lesen. Er atmete auf. Mit seiner Rechten formte er ein Victoryzeichen, dann fasste er schnell in seine Hosentasche. Ein Schwall Adrenalin durchflutete ihn, half ihm, sich zielstrebig weiter nach vorne zu arbeiten. Der Abstand verringerte sich. Nach wenigen Sekunden waren sie fast auf gleicher Höhe, aber das reichte nicht.

Varujan kämpfte sich durch den Wust der Kirmesbesucher. Nachdem er die Zielperson längst überholt hatte, drängte er sich nach links, wo die Menschen in die Gegenrichtung strömten. Er passte einen günstigen Moment ab, um zu wenden, und lief dann am Rande des Stroms zurück. Wachsam registrierte sein Blick jede Person, die ihm entgegenkam. Plötzlich sah er einen Kopf mit blonden Haaren, darunter leuchtendes Gelb. Varujan fühlte sich wie ein Tiger vor dem Sprung. Er visierte sein Opfer an. Trotz der Anspannung wirkten seine Bewegungen routiniert. Ein letzter Griff in die Hosentasche, das Messer lag gut in seiner Hand, wohlüberlegte Schritte.

Er erreichte die Zielperson ohne Schwierigkeiten. Als er unmittelbar vor ihm stand, rempelte er ihn an. Ehe der junge Mann reagieren konnte, stieß Varujan ihm das Messer unterhalb des linken Rippenbogens schräg hoch zum Herzen. Für einen kurzen Moment starrte er seinem Opfer ins Gesicht, dann verdrehte der Sterbende die Augen. Bevor er in sich zusammensackte, zog Varujan das Messer heraus und hastete sofort nach rechts weiter. Er touchierte einige Personen, dann erreichte er wieder die Menschenmasse, die in die andere Richtung eilte. Schweiß tropfte von seiner Stirn, hinter der die Gedanken rotierten. Die großen braunen Augen des Opfers geisterten durch seinen Kopf. Er war verwirrt. Ihm blieb jedoch keine Zeit, sich noch einmal umzusehen oder unnützen Gedanken nachzuhängen. Er musste schnellstens von hier fort.

Kapitel 2

»Chef, haben Sie nach Feierabend schon was vor?«, fragte Barnowski. »Ich hätte Lust auf son kühles Blondes in der Innenstadt. Am besten draußen. Allerdings wäre der Biergarten vom Finkenkrug natürlich auch eine nette Alternative zur City.« Weil Pielkötter noch zu überlegen schien, redete Barnowski weiter. »Gaby ist mit ihrer Freundin für drei Tage nach Paris gefahren. Besucht mit einer Frau die Stadt der Liebe und lässt mich hier alleine sitzen. Eigentlich sollte ich mich darüber furchtbar aufregen, tolerant wie ich jedoch bin ...«

»Gaby lässt Sie hier nicht sitzen, sondern arbeiten. Zudem sind Sie nicht alleine«, meldete sich Pielkötter nun doch zu Wort. Barnowskis Miene schien auszudrücken, dass er inzwischen bereute, ihn gefragt zu haben, und Pielkötter ruderte zurück. »Was ich aber eigentlich sagen wollte: Gute Idee!«

Er hatte gerade nach seiner leichten Sommerjacke gegriffen und zufrieden bemerkt, wie Barnowski sich wieder entspannte, da klingelte das Telefon. Mit undurchsichtiger Miene nahm er ab.

»Und?«, fragte Barnowski, nachdem Pielkötter seufzend aufgelegt hatte.

»Aus unserem Bier wird vorerst wohl nichts. Auf der Beecker Kirmes gibt es einen Toten. Offensichtlich wurde ein Mann niedergestochen. Wir müssen sofort aufbrechen.«

»Da hatten Sie wohl mal wieder den richtigen Riecher.«

»Wieso das?«

»Sie haben doch gerade gesagt, dass Gaby mich zum Arbeiten und nicht zum Herumsitzen in Duisburg zurückgelassen hat.«

»Nur hatte ich es gar nicht so wörtlich gemeint«, brummte Pielkötter, als sie gemeinsam das Präsidium verließen. »Fahren Sie!«, bat er, nachdem sie den Dienstwagen erreicht hatten. Während Barnowski durch den immer dichter werdenden Verkehr kutschierte, hing jeder seinen eigenen Gedanken nach.

Schon weit bevor sie den Kirmesplatz erreichten, waren alle Parkplätze belegt. Zum Glück brauchten sie den Dienstwagen nicht vorschriftsmäßig abzustellen. Barnowski hielt direkt neben dem Zugang, der auf kürzestem Weg zum Tatort führte. Weiter hineinzufahren verbot sich angesichts der Menschenmenge. Sie kamen nur langsam voran. Der Besucherstrom wurde nach innen immer dichter.

»Warum haben die nicht einfach alles abgeriegelt?«, fragte Pielkötter ärgerlich. »Wahrscheinlich haben sie nur ein kleines Fleckchen rund um die Leiche abgesperrt, und die Leute müssen durch eine Art Nadelöhr daran vorbei.«

»Wenn sie denn nicht neugierig stehen bleiben und gaffen«, ergänzte sein Mitarbeiter. »Aber vielleicht sind die Kollegen einfach noch nicht so weit.«

»Trotzdem geht das nicht. Überlegen Sie mal, wie schwierig sich eine Bergung von mehreren Verletzten gestalten würde, wenn hier ein Unglück passiert wäre.« Unwillkürlich kratzte sich Pielkötter an der rechten Schläfe. Es gehört jetzt nicht zu deiner Aufgabe, dir darüber den Kopf zu zerbrechen, ermahnte er sich, während sie sich Seite an Seite weiter durch die Menge kämpften.

Kurz bevor sie das rot-weiße Absperrband erreichten, erkannte Pielkötter Jochen Drenck, den Leiter der Spurensicherung. Wie der das nur schaffte, mit seinem Team meistens als Erster vor Ort zu sein? Selbst der Rechtsmediziner Ernst August Kowalski war schon eingetroffen, stellte er zu seinem Erstaunen fest. Seine Stimmung sackte automatisch weiter ab. Nichts gegen Kowalski, aber im Moment hatte er das Gefühl, die Situation einfach besser mit dessen Kollegen Karl-Heinz Tiefenbach ertragen zu können. Der besaß diese Portion schwarzen Humor, der zu einem bitter nötigen inneren Abstand verhalf, wenn man einem unnatürlich zu Tode gekommenen Menschen begegnete. Dabei stellte er das Opfer niemals

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Doch der Tod wartet nicht denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen