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Naturgeschichte und dialogisches Verhalten als Quellen der Sozialethik: Mit Einführung in das aktuelle naturgeschichtlich fundierte Weltbild

Naturgeschichte und dialogisches Verhalten als Quellen der Sozialethik: Mit Einführung in das aktuelle naturgeschichtlich fundierte Weltbild

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Naturgeschichte und dialogisches Verhalten als Quellen der Sozialethik: Mit Einführung in das aktuelle naturgeschichtlich fundierte Weltbild

Länge:
325 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 30, 2016
ISBN:
9783741270192
Format:
Buch

Beschreibung

Alle wissen, dass die Existenz der Menschheit gefährdet ist. Da ist die Sozialethik eine wichtige Methode der Existenzsicherung; aber wie schwer ist ihre Akzeptanz zu erreichen! Wichtige Gefährdungen der Menschheit waren der eher optimistischen „Aufklärung“ noch unbekannt, und dann gab es einen starken Zeitverzug beim Aufnehmen neuer Erkenntnisse ins herrschende Weltbild. Um selbst die „postmodernen“ Erkenntnisse zu berücksichtigen, wurde im Text die Entwicklung unseres heutigen Weltbildes vorangestellt.

Die Sozialethik stützt sich zunächst auf das Erbgut der Menschheit. Lange angespart, war dieses Erbe zu sichten und darzustellen. Der Text zeigt, wie im Zusammenhang mit der Menschwerdung das dialogische Verhalten aufkam, sich ins gesamte menschliche Verhalten einzufügen hatte und zu einer weiteren, unverzichtbaren Quelle der Sozialethik wurde. Die Präzisierung des Dialogischen Prinzips der Philosphen, wie es noch von Stephan (2007) verwendet wurde, zum dialogischen Verhalten machte genauere Untersuchungen und weitgreifende Anwendungen möglich. Enge Beziehungen hat das dialogische Verhalten zu praktischen Problemen von der „Frauenfrage“ über die Wirtschaftsordnung bis zur Religion. Für die private Lebensführung ist seine biochemische Kopplung an das vom Oxytozin gesteuerte „Belohnungssystem“ interessant.
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 30, 2016
ISBN:
9783741270192
Format:
Buch

Über den Autor

Siegfried Stephan wurde 1935 in Hohenleuben/Thüringen geboren. Nach dem Abitur in Zeulenroda machte er ab September 1953 ein Praktikum im Institut für Kulturpflanzenforschung Gatersleben, brach es aber im Januar 1955 ab, weil er in die Armee genötigt werden sollte. Er fand Aufnahme in der Bundesrepublik, studierte in Münster, Köln, Kiel und Bonn und promovierte 1967 in Bonn zum Dr.rer.nat. In Gelände und Labor untersuchte und lehrte er 33 Jahre lang am Institut für Bodenkunde der Uni Bonn Entwicklung und Mikromorphologie der Böden (Forschungsaufenthalte z.B. in Argentinien). Seit 2000 widmet er sich den Grundlagen der Evolution, der Bedeutung des dialogischen Verhaltens und schließlich den Quellen der Sozialethik. Der Autor und seine Frau leben in Rheinbach.


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Buchvorschau

Naturgeschichte und dialogisches Verhalten als Quellen der Sozialethik - Siegfried Stephan

bearbeitet.

1 Wir suchen ein praktikables Weltbild

Nicht jedes Weltbild ist für eine sich entwickelnde Welt geeignet. Welches in Frage kommt, wurde nach und nach klar, als die Wissenschaftler mit der Evolution und ihrer Dynamik konfrontiert wurden.

1.1 Sinnesqualitäten aus dem Inneren Vorstellungsraum

Die Weltgeschichte ist die angemessene Szenerie, in der sich die Evolution abspielt. Aber wir sind es selbst, die aus Ererbtem, Erlerntem und Erdachtem mit den Eindrücken unserer Sinne ein Weltbild bauen. Die Sinneseindrücke sind also das, was wir von der Welt erkennen; aber sie sind selber nicht primär, sie entstehen im uns gegebenen inneren Vorstellungsraum aus den empfangenen Informationen. Das geschieht sogar zwischen den Tierarten auf unterschiedliche Weise. So haben Vögel einen „Farbkanal" mehr zur Verfügung als Menschen und empfangen damit sicher an Farben reichere Bilder, während die Kühe auf der Weide auf einen Teil der Farbenpracht ihrer Futterstellen verzichten müssen, die uns erfreuen. Bei uns Menschen entscheidet schon eine Genmutation darüber, ob wir die Farben Rot und Grün unterscheiden, und diese Rotgrünblindheit ist nicht einmal extrem selten. Andererseits dürfen wir annehmen, dass die meisten Sinnesqualitäten von den meisten Menschen ähnlich wahrgenommen werden; sonst hätten die Werke von Malern und Komponisten kein Publikum, alle Bauwerke teilten das Schicksal des legendären Turmes von Babel, man könnte sich nicht über die Schönheit von Blumen und Landschaften unterhalten und schon gar nicht gemeinsam arbeiten. Und es fehlte nicht nur eine gemeinsame Ästhetik, sondern selbst über die einfachsten Dinge des Alltags gäbe es keine Verständigung.

Die verschiedenen Qualitäten erkennen wir aber doch sehr unterschiedlich intensiv. Nehmen wir ein Beispiel aus dem Reich der Farben, das mir beruflich vertraut ist: Den Bodenkundler interessieren die Eigenschaften von Pflanzenstandorten. Auf einige kann er leicht schließen. Er erkennt an der Farbe von Eisen, ob der Boden oxidiert oder reduziert, vorwiegend nass oder trocken ist. Die Farben sind dabei Rot, Braun, Gelb bzw. Olivgrün, Bläulich bis Schwarz. Beim Vergleich verschiedener Bodentiefen ergeben sich Aussagen über Verwitterung, Wasserhaushalt (z. B. Staunässe) und anderes, die für den Landwirt wichtig sind. Aber über die viel häufigeren Stoffe Aluminium und Silizium oder die Versorgung mit Phosphor und Stickstoff gibt die Farbe keine Auskunft. Und das Braun des Oberbodens wird oft von der Farbe der Humusstoffe überdeckt. Schon dieses eine Beispiel zeigt also: Die zufällig wahrnehmbaren Sinnesqualitäten haben große praktische Bedeutung, sie entscheiden darüber, was uns erscheint und was das überhaupt nicht tut – was also unser Wissen von der Welt bestimmt. Es scheint sicher zu sein, dass die Umsetzung von Signalen in bestimmte Reize der Sinnesorgane den üblichen Abläufen der Stammesentwicklung gefolgt ist. Völlig unbekannt ist dagegen, worin die uns so geläufigen Sinnesqualitäten selber bestehen, ja selbst über die Bühne ihres Auftritts wissen wir nichts, über unseren inneren Präsentationsraum. Deutungsversuche zu diesen Erscheinungen finden sich erwartungsgemäß vor allem im Umkreis der Romantik. Aster (S. 336) schreibt, dass z. B. Fichte, Schelling, Hegel und Schopenhauer den Punkt, an dem sich uns der Weg über die „Erscheinung zum „An sich öffnet, im ICH suchen; Goethe würde sich da wohl anschließen.

Wenn nun unser „Realismus sowieso im Kopf stattfindet, kann man Expressionisten wie Franz Marc nicht gut vorwerfen, dass sie die Welt umgefärbt darstellen. Sie und wir alle sehen ja schon immer unsere eigenen und vielleicht ganz persönlichen Farben, für die wir je selber das „Urheberrecht haben. Nun leben wir fast alle in einer von Reizen überfluteten Umwelt, und das nötigt auch dem Künstler immer stärkere Signale ab, vor allem, wenn es um Emotionen geht. Aber zugegeben: Auf diese Weise schaukelt man gemeinsam den Reizpegel hoch.

Die modernen Maler nehmen also ein Verfügungsrecht wahr, das nur auf seine Entdeckung gewartet hatte. Sie entdeckten dabei, vielleicht mit Goethes Farbenlehre beginnend, das erstaunliche Eigenleben der Lichterscheinungen. Im 20. Jahrhundert schließen sich Experimente wie Robert Delaunays Farbkreise an, die wir im Pariser Centre Pompidou bewundern können und denen sich August Macke angeschlossen hatte. Vom Eigenleben der Farben zu dem der Formen war dann nur kleiner Schritt, etwa zu Lyonel Feiningers Ortschaften und zum Kubismus. Biologisch kann dieses Vorhaben aber dann nicht mehr überzeugen, wenn es die Natur meint. Gärten und Architektur mögen es sich gefallen lassen, sie sind ja per se Umsetzungen menschlichen Planens. Der Kreis dieser Betrachtung schließt sich von selbst, wenn uns bewusst wird, dass die Musik mit ihren Klängen und Rhythmen von jeher so umgeht.

An ihre Grenze kommen alle Aktivitäten, wenn ihre Produkte nicht mehr verstehbar sind und dann nicht wirklich kommuniziert werden können, weil sich das Ich einsam gegen den Rest der Welt abschließt. Die Kunst lebt aus der Sehnsucht nach mindestens einem Du. Und auch Weltbilder haben etwas mit Kunst zu tun.

Die neuere Naturwissenschaft ergänzt das Weltbild auf andere Weise: Zunächst wissen die Biologen, dass die Sinneseindrücke bei höheren Lebewesen aus den physikalisch-chemischen Möglichkeiten der Sinnesorgane und Gehirne einerseits und aus dem unterschiedlichen Geschehen der Auslese andererseits hervorgegangen sind. Aber nun kommen – gerade zum Verdruss der Romantiker – die vielen technischen Möglichkeiten hinzu, durch immer bessere Apparate Informationen zu bekommen. Wie für Kant in seinen kritischen Untersuchungen ist es dabei auch für uns immer wichtig, Grundlagen und vor allem auch Grenzen der Gültigkeit verwendeter Begriffe und Grundsätze zu beachten. Die Daten selbst liegen primär zunehmend in den Formelsprachen der Technik vor und haben ihre Individualität verloren. Erst sekundär wandelt man sie vielleicht in Tabellen und Schaubilder um, damit sie wieder einem breiteren Publikum zugänglich werden (siehe hierzu weiter unten Abb. 2). Zunehmend erscheinen uns nun die meisten Naturdinge sachlich neutral. Ein Problem bleibt allerdings: Auch dem Physiker zeigt sich nur, was mit seinen Apparaten in Wechselwirkung tritt, und das ist beileibe nicht alles.

Das direkte, naive Weltbild hat Erlebnisse und macht daraus, interpretierend, ein Bild. Das abgeleitete hat Messungen, die es erlebbar darstellt. Beides wird von uns verwoben. Ist nun unser Dasein (im Sinne Heideggers) ein „In-der-Welt-Sein", dann gehören Mensch und Welt unauflösbar zusammen: Das Weltbild wird zum Ernstfall des Daseins.

1.2 Weltbilder im Angebot

Wer heute unsere Welt betrachtet, wie das mit ausgeklügelten Instrumenten möglich ist, der sieht eine riesige Kugel aus Phänomenen mit von innen nach außen wachsendem Alter. Seine eigene, heutige Präsenz bildet die Mitte und ganz draußen liegen zig Milliarden Jahre alte Erscheinungen. Diese Einschränkung unserer Möglichkeiten, die eine Folge der unabänderlichen Lichtgeschwindigkeit ist, sie soll zu unserer bleibenden Verunsicherung am Anfang stehen. Und die besonders rätselhafte Teilchenverschränkung? Die ändert daran nichts; sie ist gewissermaßen Privatsache der beteiligten Teilchen.

Das jeweilige Weltbild war nicht immer und überall so stark im Umbau und Aufbau begriffen wie jetzt. Bis zum Mittelalter waren zwar die Lebensumstände wechselvoll, wenn wir etwa an die Zeit der europäischen Völkerwanderungen denken; aber wirklich neuartige Beobachtungen blieben selten, so dass die in den Mythen der Völker überlieferten Weltbilder für Jahrtausende genügten. Wohl sind schon aus dem Altertum auch Beobachtungen bis hinauf zum Sternenzelt bekannt, doch dem erblühenden Abendland war zunächst nur die geozentrische Vorstellung mit der ptolemäischen Himmelskunde – der einzigen damals zur praktischen Orientierung geeigneten – und mit einem konstanten Pflanzen- und Tierbestand überliefert worden. Die keltischen, germanischen und slawischen Mythen mit ihren Götterwelten hatten nur verblassende Spuren hinterlassen, und nun wurde das von den Christen vermittelte Weltbild der biblischen „Genesis maßgebend, eine korrigierte orientalische Mythologie, in der z. B. die Sterne ihren göttlichen Status schon verloren hatten. Dann kam aus verschiedenen Quellen die griechisch-römische Mythologie hinzu. Zwischen der antiken Philosophie und dem biblischen Weltbild gab es ein Konfliktpotenzial, dessen Auflösung nun anstand. Für die Bemühung um ein gemeinsames Weltbild sind etwa die Namen Albertus Magnus (um 1200–1280) und seines Schülers Thomas von Aquin zu nennen (vgl. Craemer-Ruegenberg 2004). Man kann nicht sagen, dass es wirklich gelungen sei, die Vorstellungen aus den hellenistischen Sklavenhaltergesellschaften mit denen des Jesus von Nazareth zu versöhnen. Zum antiken Weltbild gehören außerdem der Mangel an menschlichen Erfahrungen und die Kopfgeburt eines hierarchischen Weltsystems. Aus dessen Schatzkästlein soll hier nur die Behauptung des „physiologischen Schwachsinns des Weibes erwähnt werden, die immerhin die Hälfte der Menschheit langfristig entmündigte.

Wachsende technische Verbesserungen brachten die Mittel für die Naturbeobachtungen und die zunehmende Befreiung der Wissenschaften aus sachfremden Vorgaben; und seither erlebt das Abendland einen raschen Zugewinn an Wissen über Welt und Geschichte. Einige Wegmarken dieses Prozesses werden sich am Rande unserer späteren Ausführungen zeigen. Im Schoße der mittelalterlichen Kultur begann so die Dynamik der Neuzeit. Diese setzte in Form großer Entdeckungen ein, die zu „der Aufklärung" geführt hatten, die inzwischen zu unserem gemeinsamen Wissen gehört, das vorausgesetzt werden kann. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert feierten die Erforscher der Kosmologie und der Biologie neue Triumphe, und das herrschende Weltbild bekam eine evolutionäre Grundlage.

Was die Erde angeht, über die wir inzwischen ständig unterrichtet werden, so hat sie sich seit langem kaum verändert, wir können sie bereisen und uns auf ihr zu Hause fühlen (Abb. 1). Doch immer wieder werden wir an den Einfluss erst jüngst erkannter Strukturen erinnert und sogar mit nützlichen und gefährlichen anthropogenen Phänomenen konfrontiert. Zwei willkürliche Beispiele sind als Kontrast in Abb. 2 angedeutet.

Abb. 1: „Woher kommst du geflogen?, fragten unsere Töchter Uta und Wiltrud 1972. „Aus Esperanza in Argentinien. „Woher?" Da haben wir gemeinsam die jetzige Erdgestalt aus dem Atlas auf diese Styroporkugel gemalt (Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis).

Abb. 2:

unten: Messungen zeigen die Vorgänge der Plattentektonik, die unseren Globus langfristig immer wieder verändern. An den orangefarbenen Linien dringt Material des Erdmantels auf, während Krustenmaterial an den violetten Subduktionszonen (meist Tiefseegräben) eíngezogen wird. Für die Details gibt es gute Literatur. oben: Das (hier olive) Magnetfeld der hellblau gemalten Erde leitet elektrisch geladene Teilchen des Sonnenwindes (orange Pfeile) um die Erde herum. Sie dringen meist nur an den Polen in die Atmosphäre ein. Viele Teilchen werden eine Zeit lang in den „Van-Allen-Gürteln" (grün bzw. gelb angeschnittene Ringe im Magnetfeld) gefangen. Hier wird gezeigt, dass die Ergebnisse vieler Messungen erst nach Umwandlung in Zeichnungen unser Weltbild bereichern.

Wenn wir auf Ansätze der jüngeren Philosophie hinweisen, welche die Struktur des inzwischen erreichten Weltbildes zu deuten versuchen, haben wir zu bedenken, wie begrenzt unsere Erfahrung ist. Zudem trennt man inzwischen die erkennbare Natur von allem dazu „Transzendenten". Jenes aber bleibt uns dunkel, und wir müssen darauf verzichten, auch noch das zu ergründen, was nicht sinnlich erfahrbar ist; denn wir verfügen nicht über die Möglichkeit der Überprüfung. Damit reduziert sich die erlaubte Methodik weitgehend auf die Instrumente, die den Naturwissenschaften zur Verfügung stehen – unter dem ausdrücklichen Bekenntnis zur Unerreichbarkeit des möglichen Transzendenten. Wir schließen uns aber keineswegs der Meinung an, was wir nicht erfassen, gäbe es nicht.

Es ist bemerkenswert, dass unser Material zu großen Teilen uralt ist, sei es als Himmelserscheinungen, die sich durch ihre Entfernung zur Erde einerseits und die konstante Lichtgeschwindigkeit andererseits eine bis in die Jahrmilliarden reichende Alterszuweisung gefallen lassen mussten, sei es als terrestrische Zeugnisse, die als fossil erkannt wurden, oder solche, für die mit physikochemischen Methoden ein bisweilen hohes Alter gemessen wurde.

Die aufkommende historische Forschung erwies die Gegenstände der Erkenntnis als geschichtlich und entdeckte eine weitgehende Unabhängigkeit der Epochen und konnte schreiben: „Ich aber behaupte: Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott, und ihr Wert beruht … in ihrem eigenen Selbst" (Leopold v. Ranke, zitiert von J. v. Uexküll, 1956, S. 150). Noch an der Wende zum 20. Jahrhundert war das technisch aufstrebende Europa von wissenschaftlichem Elan und evolutionärer Fortschrittshoffnung beseelt, es hatte seine Grenzerlebnisse noch nicht erleiden müssen, und das naturwissenschaftliche Weltbild kannte weder die Relativität von Raum und Zeit noch die Anfangssingularität des Urknalls.

Doch schon hatte Wilhelm Dilthey (1833–1911), dessen Lebensbegriff nach R. Mayer (1921/1988, S. XI) mit Hegels Begriff des Geistes konvergiert, seinen Schlussakkord im Denken der Neuzeit zum Klingen gebracht (Dilthey, 1924/2008). Darin stellt er – relevant auch für unser Weltbild – fest, dass es eine einheitliche Perspektive für die Anschauung der Welt nicht geben kann, sondern dass deren drei nötig sind:

„Die Wirklichkeitserkenntnis hat ihre Grundlage in dem Studium der Natur. Denn dieses allein vermag den Tatsachen eine Ordnung nach Gesetzen abzugewinnen. Darin regiert die Kausalität. Diese Welterklärung (die man selbstverständlich nicht auf Außernatürliches anwenden kann) nimmt aber leicht „die Form der Interpretation der geistigen aus dieser physischen Welt an.

Sind dagegen Anschauung und Verhalten vom Gefühl bestimmt, richtet sich die Aufmerksamkeit auf Werte und Sinn und erblickt in dem „vielen Einzelwirkenden ein ihm immanentes Göttliches, das nach dem im Bewusstsein auffindbaren Verhältnis teleologischer Kausalität die Erscheinungen bestimmt".

„Wenn aber das Willensverhalten die Weltauffassung bestimmt, dann entspringt das Schema der Unabhängigkeit des Geistes oder seiner Transzendenz. „Jede dieser Weltanschauungen enthält in der Sphäre des gegenständlichen Auffassens eine Verbindung von Welterkenntnis, Lebenswürdigung und Prinzipien des Handelns (Dilthey, a. a. O., S. 100, 101).

Am Ende seines Wirkens schreibt Dilthey in seiner Dankesrede „Traum: „Diese Typen der Weltanschauung behaupteten sich nebeneinander im Laufe der Jahrhunderte. Es ist uns versagt, diese Seiten zusammenzuschauen. Das reine Licht der Wahrheit ist nur in verschieden gebrochenem Strahl für uns zu erblicken (Dilthey, a. a. O., S. 155).

Im frühen 20. Jahrhundert treten unter dem Eindruck der Weltkriegserlebnisse Existenzialismus und Phänomenologie, Dialogisches Denken sowie nihilistische Vorstellungen auf. Auch die Frage nach dem SEIN und seinem Sinn wird reaktiviert. Die Phänomenologie Husserls (1859–1938) bedeutet den Beginn einer grundsätzlichen Zuwendung der philosophischen Weltbild-Maler zur Welt selber, indem Husserl sich und seinen Schülern auferlegte: „Wir wollen auf ,die Sachen selbst‘ zurückgehen." Das führt von der Zentrierung auf das Subjekt weg und damit auch weg vom Idealismus (vgl. Loos, 2013, S. 19–24).

Die Naturphilosophie wird nun zunehmend durch die Entdeckungen der Kosmologie verunsichert. Dort hatte zu Sir Rutherfords Zeiten die unermessliche Leere in und zwischen den Atomen ungläubiges Staunen erregt, aber nun kam deren Erfülltheit mit Kraftfeldern in den Blick, wie auch der innere Aufbau der Atomkerne bis herunter zu den Quarks, der Teilchen-Welle-Dualismus und die Vermittlung der Kräfte durch Austauschteilchen, sogenannte Bosonen. Bei Letzteren war das Photon sogar der täglichen Erfahrung schon geläufig, während in jüngster Zeit das Higgs-Boson zu Medienaufmerksamkeit („Gottesteilchen") kam. In der Physik nimmt die Suche nach inneren Strukturen sportliche Dimensionen an, wobei man sogar den Aufbau von Quarks hoffnungsfroh untersucht und für deren Bestandteile schon den Namen Preonen reserviert hat – falls es sie denn gibt (Don Lincoln, 2013, S. 46–53). Das wird hier erwähnt, weil es zeigt, wie das Denken in allen Bereichen ähnliche Wege geht.

1.3 Annäherung an die Probleme des Lebendigen

Die physikalische Grundlage der Naturwissenschaften enthält allerdings Paradoxa: der Zeit, der Quantenphysik und der Kosmologie. Und für das evolutionäre Weltbild ist das Paradox der Zeit ein kritischer Punkt, weil es insbesondere die Entstehung komplexer Strukturen im Dunklen lässt. Gerade aus dieser Klemme hat Ilya Prigogine herausgeführt und dafür 1977 den Nobelpreis für Chemie bekommen. Die nötigsten Informationen entnehme ich dem Wikipedia-Artikel „Ilya Prigogine":

Die klassische Physik behandelte ihre Themen unabhängig von der jeweiligen Zeit und ihrer Richtung, die für sie umkehrbar ist. Sie konnte deswegen thermodynamische Probleme nur für abgeschlossene Systeme im Gleichgewicht lösen und erkannte für solche Systeme eine Zunahme der Entropie, also der Unordnung. Prigogine untersuchte das Verhalten offener Systeme fern vom Gleichgewicht, die Energie und/oder Stoffe mit ihrer Umgebung austauschen. Das sind die Dissipativen Strukturen, und diese hält der Durchfluss von Energie vom Gleichgewicht fern. Unter diesen Bedingungen können Ordnung und stabile Strukturen entstehen, die Entropie im Inneren also abnehmen, während sie außerhalb entsprechend zunimmt. Für gewisse dissipative Strukturen, deren Chemie jener von Lebewesen entspricht, hat Prigogine höhere Ordnungsniveaus aus chaotischen Grundzuständen mathematisch herleiten können. Mit der Theorie dissipativer Strukturen hat er, wie im genannten Wikipedia-Artikel festgestellt wird, erstmals Geschichtlichkeit und irreversible Ereignisse in die Physik integriert und damit ein auch für unser Thema wichtiges Tor zum gemeinsamen Weltbild geöffnet. „Die Physik der Nichtgleichgewichtsprozesse, mit der sich Begriffe wie Selbstorganisation und dissipative Strukturen verbinden, führt den Zeitpfeil ein, also den Begriff der Irreversibilität. Diese spielt eine konstruktive Rolle: Die Entstehung des Lebens wäre ohne sie undenkbar" (a. a. O., S. 3).

Damit war die Möglichkeit der spontanen Entstehung von Leben (Urzeugung) erwiesen. Aber noch konnten sich die Biologen nur schwer vorstellen, dass Leben ohne eine geheimnisvolle Kraft auskommen kann, ohne eine vis vitalis oder Entelechie. Noch am Anfang des 20. Jahrhunderts spielte dieser Vitalismus eine Rolle. Selbst der erfolgreiche Entwicklungsphysiologe Hans Driesch hielt daran fest, dass eine „Maschine" undenkbar sei, die überall im Körper dessen Bauplan bereithalten könne, wie es für Regenerationsversuche notwendig wäre. Doch dann zeigte sich, dass die Erbanlagen in allen Zellkernen und damit in großer Zahl bereitstehen – ein Beispiel dafür, wie auch Fortschritte der Biologie unser Weltbild immer wieder umgestalten.

Als die biologische Evolution entdeckt und zunehmend aufgeklärt wurde, zeigte sich, dass mit den Körpern auch das Verhalten an der großen Entwicklung beteiligt war. Sonst hätten die Lebewesen nie in ihrem jeweiligen Ambiente Fuß fassen können und hätten sich erst recht nicht aneinander – miteinander oder gegeneinander, je nachdem – vervollkommnen können. Die wohl erste umfassende Darstellung der „Naturgeschichte menschlichen Erkennens" wurde von Konrad Lorenz 1973 vorgelegt (wir zitieren hier aus der Taschenbuchausgabe von 1979).

Leider lässt es Konrad Lorenz bezüglich der Menschwerdung mit der Erfindung des begrifflichen Denkens bewenden und übersieht sowohl die Bedeutung als auch die Eigenständigkeit des dialogischen Verhaltens. Es ist auch anzumerken, dass ihm entgangen ist, dass beim darwinistischen Evolutionsgeschehen nicht nur Mutation und Auslese, sondern auch jeweils in geeigneter Weise veränderliche, also mutierbare Grundstrukturen vorauszusetzen sind.

In der kulturellen und auch politischen Kommunikation zeigt sich die stets naheliegende Unterdrückung von Fakten im Weltbild aus der Gesellschaft heraus: Wie Heidegger (in „Sein und Zeit", 1926/2006) erkennt, dringt das Sein des Daseins meist nicht zu seiner eigentlichen Möglichkeit durch, sondern verdeckt sie durch die Sorge, die geleitet wird vom Man mit seinem Gerede, seiner Neugier und Zweideutigkeit (a. a. O., §§ 35–37). Damit repräsentiert das „Man aber andererseits die alltägliche Kultur des jeweiligen sozialen Umfeldes, ohne das kein Mensch existieren kann. Was sich ihm im zeitlichen Querschnitt als „Verfallen zeigt, sehen wir im Längsschnitt, historisch, als den erreichten Stand der biologischen und dann auch kulturellen Entwicklung der Menschheit. Ohne Bezug auf Heidegger stellt Martin Buber (2002, S. 16) fest: „Das Ich des Grundwortes Ich-Es, das Ich also, dem nicht ein Du gegenüber leibt, sondern das von einer Vielheit von »Inhalten« umstanden ist, hat nur Vergangenheit, keine Gegenwart. Mit anderen Worten: Insofern der Mensch sich an den Dingen genügen lässt, die er erfährt und gebraucht, lebt er in der Vergangenheit, und sein Augenblick ist ohne Präsenz. Das können wir auf Heideggers „Man übertragen.

Biologisch beruht die Entwicklung des Weltbildes vor allem auf einer Optimierung der Gehirne, die in den Individuen als den Gliedern von Generationsketten stattfindet. Für uns besteht ein Hauptproblem darin, dass sich im jeweiligen „Man ganze Netzwerke von Individuen bzw. ihren Einzelgehirnen kollektiv so ausdrücken, wie es die kulturellen Möglichkeiten jeweils nahelegen. Ein Übergehirn gibt es ja nicht. Die biologische Entsprechung ist gegeben in der Aufteilung der Art in Individuen mit ihren Einzelhirnen und deren Kooperation in Paaren, Familien, Gesellschaften und Generationen. Damit zeigt sich die „Sorge als Nachfolgerin einstiger biologischer Strukturen, als verbliebene Bindung und Verbindlichkeit, wobei nun die Entscheidungen, die namens und für Sozietäten getroffen werden, mit Einzelinteressen konkurrieren. Das „Man" aber ist, wenn wir es so im Rahmen der Evolution deuten, das

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