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Die gemeinsame Geschichte von Wolf und Mensch: Von Wolfsmenschen und Werwölfen

Die gemeinsame Geschichte von Wolf und Mensch: Von Wolfsmenschen und Werwölfen

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Die gemeinsame Geschichte von Wolf und Mensch: Von Wolfsmenschen und Werwölfen

Länge:
243 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 31, 2016
ISBN:
9783840461552
Format:
Buch

Beschreibung

Kein Tier steht dem Menschen näher als der Wolf in seiner Haustierform, dem Hund. Kein Tier befruchtete die Mythen der Menschheit so wie der Wolf. Er war derjenige unter den Beutegreifern, dessen Verhalten dem unserer Vorfahren am stärksten ähnelte. Der Bruder Wolf, dem Jäger Mensch geheimnisvoll verbunden, wurde später zum Feind des Hirten und zum Teufel der Christen. Heidnische Kulturen verehrten "Wolfsmenschen", und Menschen glaubten, sich in Wölfe zu verwandeln, Ureinwohner Amerikas ebenso wie Germanen.
Auch heutige Jugendliche identifizieren sich über den Wolf, denn Wölfe leben in der "Wildnis", so wie der Jugendliche in die Welt aufbricht. Als "Lupos", also Wölfe, bezeichnet man in Italien Jugendgangs.
Nun kehrt der Wolf nach Deutschland zurück, und mit ihm erstehen die überlieferten Bilder wieder auf. Die einen begeistern sich für das faszinierende Wildtier, die anderen spinnen das Märchen vom Menschenfresser weiter.
Das Buch zeigt, welche Bilder Menschen vom Wolf entwickelten und warum diese Bilder die Gesellschaften spiegeln, in denen sie entstanden. Damit eröffnet sich eine Perspektive, die hilft, die heutigen Emotionen bei der Rückkehr des Wolfes zu verstehen.
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 31, 2016
ISBN:
9783840461552
Format:
Buch

Über den Autor


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Die gemeinsame Geschichte von Wolf und Mensch - Utz Anhalt

Literatur

WOLF und

MENSCH

Eine alte Geschichte

Die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland löst heftige Emotionen aus – dabei interessiert die Wiederkehr des Elches oder die Ausbreitung des Bibers kaum jemand. Die einen fürchten um ihre Kinder oder zumindest um ihre Schafe, die anderen begeistern sich für einen Botschafter der Wildnis.

„Der Wolf ist ein Tier, das unserer Vergangenheit angehört, schrieb der Wolfsforscher Erik Zimen. Er starb 2003, fast hundert Jahre nach dem Tod des letzten Wolfes in Deutschland, und er konnte nicht wissen, dass heute wieder viele Dutzend Wölfe bei uns ihre Heimat haben. Die Vergangenheit wird lebendig: Die Bilder vom Wolf sind nämlich in der Kulturgeschichte überliefert – ältere Menschen wuchsen auf mit dem Wolf als Bestie. Das Gegenbild ist eher bei Jüngeren verbreitet: Statt Angst vor dem Waldräuber zeigt sich Begeisterung. Diese „Wolfsfreunde sehen im Wolf die Heilung der geschändeten Natur. Wirkliche Erfahrung mit frei lebenden Wölfen hat kaum jemand, und trotzdem ist der Wolf niemand gleichgültig. Das kulturelle Gedächtnis schlummert im kollektiven Unbewussten. Geschichte wird Gegenwart; der Wolf kehrt zurück und mit ihm die Irrungen und Wirrungen des europäischen Verhältnisses zur Natur. Die Bilder vom Wolf verraten die Gesellschaft, die diese Bilder produziert. Das Gemälde von Meister Isegrim droht atavistisch als Ungeheuer, es glänzt heroisch als Herrscher über die Beute, und es schillert romantisch als edler Wilder. Realistisch ist es hierzulande jedoch fast nie.

Der „Wolf in uns verrät, wie wir die Welt außerhalb und innerhalb des Menschen handhaben; er verrät unsere Wünsche und unsere Abgründe. Warum löst aber gerade die Wiederkehr des Wolfes diese Gefühle aus, nicht jedoch die des Seeadlers oder des Schwarzstorchs? Kein Tier steht dem Menschen näher als der Wolf in seiner domestizierten Form als Hund. So schreibt Barbara Ehrenreich: „Unsere wichtigsten Jagdlehrer waren wahrscheinlich (...) die in Rudeln vorgehenden Wölfe und wilden Hunde. Im Unterschied zu den großen Katzen, den Bären und den anderen großen Beutegreifern schlossen sich die Wölfe zudem den Menschen an. Zugleich blieben sie eine Gefahr für die frühen Jäger. Wie die frühen Menschen jagen Wölfe im Sozialverband, und auch im wilden Wolf ist der domestizierte Hund erkennbar – der Hund, den wir in die menschliche Familie aufgenommen haben. Der Hund und damit der Wolf bricht die Grenze zwischen uns und den anderen Tieren auf.

Der Waldhund, so nannten Bauern den Wolf im Mittelalter, beschäftigte die Fantasie seit jeher, im gleichen Land ist er mal Bösewicht, mal Wohltäter; bei den Germanen verschlingt er die Welt an ihrem Ende und bei den Römern begründete eine Wölfin ihr Weltreich. Die Ägypter führte ihr Wolfsgott Upukaut in das Land des Feindes. In Griechenland strafte ein „guter Wolf einen Räuber, der den Apollotempel plünderte. Lykaon, der „böse König von Arkadien, musste jedoch als Wolf umgehen, weil er dem Gott Zeus Menschenfleisch anbot.

Werwölfe gehören zu den Stars des Gruselfilms: als Menschen, die sich in Monster verwandeln. Nur wenigen ist jedoch bekannt, dass solche Wolfsmenschen keine literarische Erfindung sind. Menschen stellten sich nämlich seit archaischen Zeiten vor, sich körperlich oder geistig in Raubtiere zu verwandeln. So zeigt eines der ältesten Kunstwerke überhaupt, eine 32 000 Jahre alte Figur von der Schwäbischen Alb, ein Mischwesen aus Löwin und menschlicher Frau.

Der germanische Gott Odin geht wohl auf die Figur des Jagdschamanen zurück, der in Gestalt eines Raben oder Wolfes seine Reisen in die Geisterwelt unternimmt. Die Sioux und die Komantschen der amerikanischen Prärien glaubten, dass der Wolf, ein Jäger wie sie, ihr Verwandter sei. Auch Tiere, die sich in Menschen verwandeln, sind weltweit verbreitet, so die Delfinmenschen des Orinoko oder die Fuchsgeister Japans.

Frühe blutige Göttinnen hatten mit sanften Mutterfiguren wenig zu tun. Sie waren Raubtiere, die das geheimnisvolle Leben gaben und nahmen. Mythen wimmeln von Herrinnen der wilden Tiere wie der Bärin Artemis oder der „wölfischen" Jagdgöttin Diana. Morrigan, die Todeskönigin der Kelten, verwandelt sich selbst in eine Wölfin. Barbara Ehrenreich erklärt diese Bedeutung der Frau als Karnivor aus der gedanklichen Verbindung zwischen der Vagina in der Menstruation und dem blutverschmierten Maul des Raubtieres. Die Gebärmutter von Mutter Erde, aus der das Leben kommt, und der Höllenschlund Satans, der es verschlingt, gehörten zusammen.

Die wohl blutdürstigste Göttin der Jetztzeit ist Kali. Sie entspringt aus der Stirn der Kriegsgöttin Durga, weil diese zornig wird. Sie vernichtet die Dämonen, kann aber ihren Blutrausch nicht stillen. In der Hand trägt sie einen Säbel und um den Hals eine Kette aus abgeschlagenen Köpfen. Sie verheißt indes zugleich Schutz und vereinigt die Gegensätze. Noch heute opfern die Hindus ihr in Kalkutta – der Stadt Kalis – täglich das Blut von Ziegen, früher auch von Menschen. Ihre blutrote dreieckige Zunge symbolisiert eine tödliche Scheide. Die Frau mit ihren Blutungen war dem Geheimnis von Leben und Tod verbunden. Die Lupa, die römische Wölfin, war wie die Bitch, die Hündin in den USA, ein Synonym für eine sexuell machtvolle Frau.

Die Vielfalt der Tiermenschen entspricht derjenigen der Tiere. Ihre Eigenschaften entsprechen den bei den Tieren beobachteten: Der Satyr ist lüstern wie ein Ziegenbock, der Werwolf ein Jäger wie der Wolf, der Bärenmensch stark wie ein Bär. Ähnlichkeiten zwischen Tieren und Menschen flossen dabei in die Vorstellungen ein: Das „Lachen der Hyäne erinnert an eine garstige Frau, das „Heulen der Kegelrobbe an ein weinendes Kind. Afrikanische Kulturen haben entsprechend ihre Hexen, die sich in Hyänen verwandeln, und die Iren kennen Selkies, Robbenmenschen, die voll Sehnsucht auf ihre nasse Heimat schauen. Indien kannte Wertiger, Russland Werbären und Südamerika Werkrokodile. Daksin Ray, der Gott des Mangrovenwaldes in den indischen Sundarbans, kann in jeden Tiger einfahren. Der Tod durch einen „Maneater" bedeutet den Einheimischen Strafe für ein von ihnen begangenes Vergehen.

Die Sundarbans sind die letzte große Wildnis Südasiens. Sie beherbergen die einzigen Tiger auf der Welt, die regelmäßig Menschen fressen. Der archaische Mensch kannte nicht die Arroganz, seine Kultur über die Natur zu stellen. Die Tiger am Golf von Bengalen erinnern heute an dieses Wissen und damit an die schmerzliche Erkenntnis, dass der Mensch ebenso sterbliches Fleisch ist wie die Tiere.

Wir leben jedoch in einem vom Menschen bestimmten Zeitalter. Tierarten sterben aus wie seinerzeit die Dinosaurier. Nur jedes zwanzigste Säugetier ist heute noch ein Wildtier. Der Mensch bedroht die wilden Tiere, nicht die Tiere den Menschen. Er sieht sich als Herrscher über die Natur, unterfüttert durch die Philosophie des Abendlandes, die den „denkenden Menschen als Gegensatz zum „Tier ohne Bewusstsein halluziniert. Dieser selbstgerecht gebastelte Antagonismus von Menschen und sogenannten Tieren ist der Kern der westlichen Ideologie. „animal kommt von „animus. Es bedeutet beseelt. Das beseelte Lebewesen wurde aber zum seelenlosen Ding und der zu diesem Ding erklärte Mensch der Vernichtung preisgegeben. Das gute Gewissen der Kolonialherren stützte die Entwürdigung der Anderen als Tiermenschen – vom Völkermord an den ersten Amerikanern über die Versklavung der Afrikaner bis hin zum „Untermenschen" im Faschismus.

Dieses Denken in Gegensätzen zeichnet das Mensch-Tier-Verhältnis des Westens aus, in einer Konstruktion, die mit den Bedürfnissen der Tiere nichts zu tun hat. Ein boomender Markt versorgt Haustiere mit Spielzeug. Tierpsychologen kümmern sich um die geliebten Hunde, und individuelle Tierquälerei löst einen Aufschrei aus. Die einen werden vermenschlicht: „Kindliche" Hunde tragen Strickpullis. Die anderen werden zu Produkten: Sogenannte Nutztiere leben in Hallen ohne Sonnenlicht, bis sie geschlachtet werden. Besucher eines Wolfsgeheges mit Bratwurst in der Hand reagieren entsetzt, wenn sie erfahren, dass die Schafe auf der grünen Weide als Futter für die Fleischesser dienen, und ein Wolf mit gefletschten Zähnen über einem Schafskadaver schürt Ängste vor der Bestie, als ob seine Beute ansonsten das Paradies vor sich gehabt hätte. Der Reißerjournalismus weiß das und wechselt Bestienbilder mit Fotos von süßen Wolfswelpen ab – je nachdem, welche Reflexe er auslösen will. Ob wir im Gegenüber Gott oder den Teufel, ein Lebewesen oder eine Sache sehen, kommt also auf den Blickwinkel an.

Die Hinrichtung des Bären Bruno entlarvte das Verhältnis zu Wildtieren hierzulande. Seine Fans imaginierten ihn als Schmuseteddy. Seine Jäger trugen letztlich den Sieg davon und erbeuteten ihn als Trophäe. Wohlsituierte Europäer genießen derweil in Afrika „Wildnis" und belehren die Einheimischen, wie sie ihre Wildtiere zu schützen haben. Beim ersten Bären im heimischen Wald setzte sich hingegen die unwürdigste Lösung durch – in Bezug auf den Wolf als Schießen, Schaufeln und Schweigen bekannt. Die Menschen in Afrika gehen derweil mit Tieren um, die nicht nur gefährlich sein könnten. Löwen und Leoparden, Schlangen und Krokodile, Flusspferde und Elefanten töten jedes Jahr Menschen. Jäger in traditionellen Gesellschaften lernten das Verhalten der Wildtiere wie Schüler hier die Regeln des Straßenverkehrs.

„EHRFURCHT VOR RAUBTIEREN SCHEINT KEINE ROLLE MEHR ZU SPIELEN; UND DOCH LEBT SIE IM UNBEWUSSTEN FORT."

Für heutige Großstadtbewohner, die Tiere nur noch als den Bedürfnissen des Menschen angepasste Haustiere, zerteilt auf der Fleischtheke oder aus dem Zoo kennen, ist die Welt der frühen Jäger schwer vorstellbar. Die mächtige Rolle, die Tiere für sogenannte Naturvölker spielen, lassen Fernsehfiguren von samtäugigen Wölfen kaum erkennen. Ehrfurcht vor Raubtieren scheint keine Rolle mehr zu spielen; und doch lebt sie im Unbewussten fort: In den Angstträumen von Kindern treiben Tiermonster ihr Unwesen, obwohl die realen Gefahren, wie von einem Auto überfahren zu werden, nicht von Tieren ausgehen, und obwohl diese Kinder wirkliche Tiere dieser Art nie zu Gesicht bekommen. Die „Wildnis wird zur Freizeitindustrie, sie dient dem Outdoortourismus. Seit der deutschen Romantik bedeutete „Natur Ruhe vor den Stürmen der modernen Gesellschaft. Der heutige Abenteurer, der seinen Alltag am Schreibtisch verbringt, zieht sich hingegen die Wolfshaut über und erjagt sein Wolfskin im Trekkingladen. Wie die Spanier den „wilden Stier erst züchten, den der Torero dann „bezwingt, so ist dem postmodernen Lederstrumpf die Natur, die er „überwindet", organisiert. Die Onlinegesellschaft richtet sich die Wildnis als Kathedrale ein und der Wolf ist ihre Ikone.

Die Ehrfurcht, die die Bengalen dem Tiger entgegenbringen, zeigt indes, dass Menschen den gleichen Gesetzen unterworfen sind wie andere Arten. Nicht der Mensch, unbewaffnet und allein, sondern der Tiger herrscht in den Mangroven. Die Regeln, die sich die Bengalen auferlegen, damit dieser Herrscher sie verschont, verweisen auf die gesellschaftliche Evolution des Menschen. Der setzte sich nämlich durch, indem er die Fähigkeiten von Tieren kulturell kopierte. Der Mensch hat zudem die Fähigkeit, im natürlichen Geschehen einen höheren Sinn zu sehen und so dem Tod das Grauen zu nehmen. Vom Tiger wegen Freveln gegen göttliche Gesetze gefressen zu werden ist allemal erträglicher als der sinnlose Zufall, im Magen eines Karnivoren zu verschwinden. Wer gefressen wird, weil er Gesetze bricht, kann auch glauben, dass er überlebt, weil er Gesetze einhält. Den Wolf zu fürchten und sich die Fähigkeiten des Wolfes anzueignen, waren vermutlich zwei Triebkräfte der frühen Menschen.

„DAS RAUBTIER STELLT IN DER ELEMENTAREN RELIGIÖSEN ERFAHRUNG EINE HÖHERE DASEINSFORM DAR."

Hinter jeder Herrschaft steht die Macht über Leben und Tod. Der Inbegriff dieser Macht ist das mit Zähnen bewehrte Maul des menschenfressenden Tieres. Wildtiere standen den Jägern als Beute, Konkurrenten und Fressfeinde gegenüber – unsere Vorfahren waren auch Opfer. Zum Wolf zu werden bedeutete, mehr als ein Mensch zu sein. So erörterte der Religionshistoriker Mircea Eliade: „Sich wie ein wildes Tier zu verhalten – wie ein Wolf, ein Bär, ein Leopard – ist das Zeichen dafür, dass man aufgehört hat, ein Mensch zu sein, dass man gleichsam zu Gott wird. Das Raubtier stellt auf der Ebene der elementaren religiösen Erfahrung eine höhere Daseinsform dar." Die Erfahrung als Jäger und Beute zugleich prägte Homo sapiens, und das Märchen von der Krone der Schöpfung ist Produkt eines Traumas, in dem der Sieg menschlicher Technik keinesfalls feststand.

Löwen, Kurzschnauzenbären oder Säbelzahntiger stellten die Spitze der Nahrungskette und nicht der frühe Mensch – zumindest nicht nackt und allein. Seine Intelligenz, seine Waffen, die er den Tieren nachahmte, und seine Zusammenarbeit ließen ihn zum bestimmenden Jäger werden. Wäre ohne von Tieren zu lernen Kultur möglich gewesen? Der Pfeil, der von der Bogensehne schnellt, spiegelt den Sturzflug des Falken, das Jagdmesser imitiert den Zahn der Großkatzen und die Lanze das Horn der Antilope.

Tiere verständigen sich über Artgrenzen hinweg: Die Strauße überblicken die Savanne; Zebras wie Antilopen riechen und hören Gefahr. Der Mensch brauchte einen solchen Verbündeten. Wie der Wolf und anders als Tiger oder Leopard war er durch seine unterlegene Statur auf die kollektive Jagd angewiesen. Der Wolf roch zudem besser, hörte besser und lief besser als der frühe Mensch.

Bären von der Größe eines Pferdes in Amerika oder gigantische Echsen in Australien bedeuteten Bedrohungen, denen gegenüber die heutige Serengeti wie ein Streichelzoo erscheint. Ob Siegfried mit dem Drachen kämpft und Jesus mit dem bösen Wolf oder ob Beowulf das Monster Grendel besiegt: Der Kampf des Helden mit dem Ungeheuer überliefert das zähe Ringen, vom Opfer zum Sieger zu werden. Zugleich kennzeichnen den Helden selbst Eigenschaften eines gefährlichen Tieres: Die Herrscher demonstrierten ihre Macht durch die Jagd auf Raubtiere. Gleichzeitig verglichen sie sich mit ihnen. Ist der Wolfskiller der Wolf der Wölfe?

Das als Gott verehrte Raubtier fließt über in den Priester, der selbst zum verehrten Tier wird. Das Blutritual inszeniert diese Raubtierverwandlung: Die Obsidianschneide, mit der die Azteken Gefangenen das Herz herausschnitten, repräsentiert die Zähne und Krallen des Jaguars. Der Gott, dem das Opfer gebracht wird, ist ein Jaguar. Löwenmenschen terrorisierten das heutige Tansania. Sie ermordeten ihre Opfer mit Waffen, die die Krallen der Katze nachahmten. Ähnlich mörderisch waren die Leopardenmenschen Liberias, die Anioto.

Verehrung und Furcht sind in Religionen Zwillinge. Steckt in dem Menschenopfer an die (Raubtier-)Gottheit die ersehnte Kontrolle über einen grausigen Zufall? Überhöhten die Menschen eine rationale Erkenntnis in das Religiöse? Ein Beutegreifer, der Beute gefunden hat, lässt die anderen nämlich überleben. Ein Drache, der jedes Jahr eine Jungfrau fordert? Verbirgt sich in solchen Märchen eine schreckliche Praxis? Opferten unsere Vorfahren Kinder, Alte und Kranke den wilden Tieren?

Der Wolf ist nicht nur ein Tier; er ist ein Mythos, und er ist ein Spiegel: „So wurden die unterschiedlichsten Bilder von ihm gezeichnet, die uns heute indes eher etwas über die Menschen von damals aussagen, ihre Ängste, ihre Sorgen, über ihr Machtstreben, ihre Art, Unterdrückung zu überleben, als über den Wolf selbst", schrieb Erik Zimen.

Dieser Mythos Wolf wanderte mit den europäischen Eroberern, und auch in Südamerika und Australien, wo es nie wirkliche Wölfe gab, schweiften bald Wolfsmenschen umher. Heute berichten die Einheimischen im ehemals französischen Louisiana vom Ruraku – einer Art Sumpf-Yeti. Ruraku leitet sich vom „Loup-Garou" ab, dem Werwolf. Die ganze Welt kennt solche wilden Männer, nicht mehr ganz Tier und noch nicht ganz Mensch. Warum spielt aber gerade der Wolf in diesen Mythen eine so zentrale Rolle – von Wolfskriegern über Unschuldige, die als Werwölfe lebendig verbrannten, bis zum Horrorfilm? Wir brauchen den Werwolf: Der Wolfsmensch erinnert daran, dass der Mensch auch ein Tier ist. Der Wolf erzählt uns davon, dass der dunkle Wald einmal auch unser Zuhause war.

Hundemenschen – Die Naturgeschichte einer Kultur

„Hatte Napoleon nicht einmal einen Koch dabei?" So kritisierte Bertolt Brecht die Geschichtsschreibung über die großen Männer. Jeder weiß, dass die Franzosen und nicht Napoleon selbst seine Schlachten schlugen. Amundsen erreichte den Südpol, unsere Vorfahren überquerten die Beringstraße, jagten Hirsche und hüteten Schafe. Hatten sie nicht einmal einen Hund dabei? Ohne den Hund gäbe es die Kultur des Menschen, wie wir sie kennen, nicht.

Menschen und andere Tiere

Tiere in der Geschichte sind der blinde Fleck einer Geisteswissenschaft, die Kultur und Natur als Gegenpole entwirft. Das Tier prägt die Erfindung des Menschen im Abendland – und zwar als negatives Gegenbild zum Menschen: Menschen sind nämlich seit der Philosophie von Aristoteles (304–322 v. Chr.) Menschen, weil sie etwas Besseres als die Tiere sind. Das Christentum rückte den Menschen zwischen Gott und das Tier, und die Aufklärung konstruierte die Vernunft des Menschen gegen die Unvernunft des Tieres.

Tiere, die menschliche Kulturen ermöglichen, Tiere, die selbst Vorformen von Kultur entwickeln, eine Koevolution von Hund und Mensch, die in menschlichen Gesellschaften zusammenfließt? Diese Fragen brechen Zacken aus der selbst aufgesetzten „Krone der Schöpfung",

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