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Du entscheidest!: Reiten mit gutem Gewissen

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Du entscheidest!: Reiten mit gutem Gewissen

Länge:
542 Seiten
7 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 30, 2016
ISBN:
9783840463686
Format:
Buch

Beschreibung

Kann eine Reitweise, die vor 250 Jahren populär war, in die heutige Zeit transportiert werden? Wie sähen die Großmeister historischer Reitkunst wie Antoine de Pluvinel oder Francois Robichon de la Guérinière das "Vorwärts-Abwärts"? Ist Reitsport überhaupt noch zeit- und tierschutzgemäß? Die Direktorin der Fürstlichen Hofreitschule in Bückeburg, Christin Krischke, beantwortet diese und viele andere interessante Fragen mit anekdotenreichem Fachwissen und räumt mit Vorurteilen und angestaubten Konventionen auf.
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Freigegeben:
Aug 30, 2016
ISBN:
9783840463686
Format:
Buch

Über den Autor


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Du entscheidest! - Christin Krischke

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Du

entscheidest, was Du weißt

Um auf dem großen Parkett der Reitverbesserer mitsprechen zu können, bedarf es heute keiner großartigen Kompetenzen mehr. Im anonymen Internet steht es jedem frei, sich bis auf die Knochen zu blamieren. Man kann seinem Gegenüber ungestraft mit an Wortwahl und Feindseligkeit rekordverdächtigen Beiträgen das Gesicht nehmen und seine Meinung zu allem und jedem in die Waagschale werfen. Völlig unnötig ist Rücksicht darauf, wie gebildet, erfahren oder respektabel der erklärte Feind ist. Kein Wunder, dass sich kaum einer der Profis (Geldverdiener mit dem Pferd) noch auf Onlineduelle einlässt. Darum versiegt der Wissenstransfer und die Konventionen verklumpen zu einem zähen Bodensatz, weil sie tagein, tagaus von Schlaumeiern wiedergekäut werden. Um wahrhaftig Wissen zu erlangen, muss man auch heute zu Praktikern reisen oder Literatur wälzen.

Ich finde es für einen heutigen Reiter unerlässlich, dass er in gröbsten Zügen weiß, wie unsere Reitergeschichte ablief und es zu den dramatischen Umwälzungen kam, die schließlich in den modernen Reitsport mündeten. Die meisten heute zitierten historischen Reitvorschriften sind, bei Licht betrachtet, Hörensagen–Überlieferungen ungenauer Übersetzungen. Sie überdauern die Jahrhunderte im Stille-Post-Verfahren.²

Entscheide Du, ob Du Dich von mir auf einen Spaziergang durch die Reitgeschichte führen lässt.

Antike Schule

Verschiedene Techniken traditioneller Bewegungseinschränkung in Algerien, 2014. (Fotos: Christin Krischke)

Wildpferde und Hauspferde

Der Antike voraus ging ein mehrere Jahrtausende andauernder Prozess, den man Neolithische Revolution (Neolithikum, übersetzt Jungsteinzeit, von altgriechisch νέος, neos für neu, jung und λίθος, lithos für Stein) nennt. Sie begann am Ende der letzten Kaltzeit um 11000 v. Chr. an mehreren Orten der Welt (Fruchtbarer Halbmond, Nordafrika, China, Südamerika). Der Fruchtbare Halbmond wird auch die Wiege der Zivilisation genannt. Er bezeichnet ein ausgedehntes, klimatisch begünstigtes Gebiet nördlich der Arabischen Halbinsel vom Niltal in Ägypten über die Ostküste des Mittelmeers bis zum Persischen Golf.

Zuvor wildbeuterisch lebende Nomaden wurden sesshaft, entwickelten geplante Vorratshaltung, Werkzeugbau, Keramikherstellung und erbauten große religiöse Kultstätten. Die Erfindung von Ackerbau und Viehzucht brachte eine Bevölkerungsexplosion auf das Vierzigfache in Gang. Mit anderen Worten: Die Menschen begannen, Besitz anzuhäufen, und das löste Habgier und Gewalt aus.

Mitteleuropa erreichte dieser Trend um 5500 v. Chr., als die Menschen begannen, weite Waldflächen für den Ackerbau und die Viehzucht nutzbar zu machen. Letztere war zu Beginn nur durch Lebendfang wilder Tiere möglich. Den Anfang machten Schafe und Ziegen, und um diese zu fangen, konnte sich der Mensch vielleicht auch den (spätestens um 14300 v. Chr. in China) domestizierten Hund zunutze machen. Ansonsten gelang es den Menschen sicherlich öfter, ein Muttertier zu töten, um sich das Neugeborene anzueignen. Bei Ziegen oder Schafen war es einfach genug, das Lamm oder Zicklein mit bloßen Händen zu fangen. Auf Muttermilch angewiesen, wurden Tiere dieser Größe vermutlich von menschlichen Ammen aufgezogen und konnten derart vertraut werden, wie wir es heute in Zoos mit Wildtieren erleben können, die mit der Flasche aufgezogen werden.

Hierin besteht der grundsätzliche Unterschied zur Zähmung großer Tiere wie Kühe, Pferde und Kamele. Den Durst eines Fohlens von Pferd oder Kamel oder eines Kalbs kann eine menschliche Amme nicht stillen. Ich halte es deshalb für unwahrscheinlich, dass die großen Pflanzenfresser durch Prägung im Säuglingsalter domestiziert wurden. Eine neue Methode der Zähmung musste entwickelt werden. Zuerst waren es Kühe, später Kamele, und noch später Pferde, die man als Fresser (Jungtier, das bereits vollständig von Pflanzennahrung leben konnte) gefangen und gezähmt haben muss. Ich stelle mir das als enormen kulturellen Fortschritt³ und als echtes Wagnis⁴ vor, das heutzutage unterschätzt wird.

Man hätte ein Pferd von der Herde trennen und in eine enge Schlucht oder in tiefen Morast treiben müssen. Oder ein völlig entkräftetes, vielleicht krankes Wildpferd zum Aufpäppeln einfangen können. Bestimmt wird man die Finger von den wehrhafteren Hengsten gelassen haben und sich eine Stute für den Zähmungsversuch ausgesucht haben. Dann könnte man ihm die Augen verbunden und es, wie heute noch in der Mongolei üblich, mit einem Halsriemen an einen Baum oder eine hochgespannte Schnur gebunden haben. Nach einigen Tagen wird es aufgehört haben, sich zu wehren. Hunger und Durst zermürbten das wilde Tier und brachen seinen Willen, bis es sich am Strick führen oder in Fußfesseln legen ließ.

Und dennoch werden nicht alle Wildpferde gleich gut die Umprägung auf einen Zweibeiner als Lebensgefährten erduldet haben. Beim Zähmungsversuch verunfallte Pferde wird man einfach aufgegessen haben. Gezähmte Wildpferdestuten wurden mit Sicherheit von Wildpferdehengsten aufgesucht und gedeckt, was dem Menschen eine Vermehrung seines Bestandes bereits innerhalb der ersten Generation beschert haben wird. Die Fohlen konnten früher, und unter geringerem Zwang, auf den Menschen geprägt werden, und so entstanden Herden relativ zahmer Pferde, die um die Hütten der Sesshaften lebten oder die Nomaden auf ihren Wanderschaften begleiteten.

Domestikationszentren

Es kursieren in Pferdekreisen sehr unterschiedliche Ansichten von der Entstehung der Pferderassen. Von dem Wunsch beseelt, der eigenen Lieblingsrasse einen besonderen Stellenwert als Urahn aller anderen Pferde, zu verschaffen, konstruieren manche Autoren mitunter abenteuerliche Theorien. Und wenn sich wieder andere Autoren darauf beziehen, kann daraus schnell eine Lehrmeinung in aller Munde werden.

Heute sind sich die Wissenschaftler einig, dass es mehrere oder sogar zahlreiche Orte gab, an denen es Menschen gelang, Wildpferde zu zähmen. Die Zähmung des indischen Wildpferdes (equus sivalensis) kann man indirekt bis auf 10000 v. Chr. zurückverfolgen.⁵ Als direkteste Nachkommen des Siwalikpferdes gelten heute das Marwaripferd und seine Verwandten, die Kathiawari-, Manipuri-, Spiti- und Bhutiapferde.

Von Indien aus gelangte dieses erste zahme Pferd mit Nomaden westwärts bis an die Ostküste des Mittelmeers und ostwärts zum Beispiel auch nach China. An anderen Orten begannen die Zähmungsversuche an Wildpferden ebenfalls, Erfolg in größerem Umfang zu verzeichnen. Die Völker Nordafrikas zähmten ab 8000 v. Chr. das algerische Wildpferd (equus algericus), dessen Nachfahr, das Berberpferd, noch heute existiert.

2012 wurde von Wissenschaftlern bestätigt: In der Mongolei wurden keine Wildpferde gezähmt. Erst ab etwa 50 n. Chr. sind in der Mongolei domestizierte Pferde nachgewiesen. Diese sind keine Przewalskiverwandten, also offensichtlich zugewandert.

Das Reiten im Fruchtbaren Halbmond

Gehen wir noch einmal zurück ins dritte Jahrtausend vor Christus. Im Fruchtbaren Halbmond wurden erstmals Pferde vor Streitwagen⁸ gespannt, um damit fremde Besitztümer und Territorien zu erbeuten.

Kartografische Zeichnung: Fruchtbarer Halbmond. (Bild: Christin Krischke)

Die älteste überlieferte Schrift zur Pferdeausbildung stammt aus dem Hethiter-Reich (heute Libanon) der Zeit um 1300 v. Chr. Die vier Tontafeln enthalten die Anweisungen eines Herren Kikkuli aus dem Lande der Mitanni (Mitanni-Reich, heute Syrien) für das Training von Pferden für Wagenrennen. Der Hethiterkönig hatte sich offenbar einen mitannischen Pferdespezialisten kommen lassen, um eine geordnete Streitwagen-Pferdezucht, unabhängig von Importen, aufzubauen. Die Streitwagenpferde zu Kikkulis Zeiten bezeichnete man mit etwa 1,25 m Stockmaß als groß. Die geringe Größe der Pferde dieser Zeit erklärt, warum sie effektiver zu zweit einen Streitwagen ziehen als allein einen Reiter tragen konnten. Doch die Streitwagen hatten den erheblichen Nachteil, dass sie nicht in bergigem Gelände einzusetzen waren, weshalb sich das Reiten im Lauf der Geschichte durchsetzte.

Das Reiten der Kelten

Die Kriegsreiterei der Kelten und Germanen in Nordeuropa (Süddeutschland, Österreich, Tschechien und der Schweiz) soll um 800 v. Chr. recht kunstlos gewesen sein, schenken wir den Kriegsgegnern Glauben. Es sind keine Zeugnisse aus keltisch-germanischer Hand erhalten, die die eigene Reitkultur beleuchten. Weil Geschichte von Siegern geschrieben wird, müssen sich die keltischen Pferde von dem römischen Historiker Publius Cornelius Tacitus (58–219 n. Chr.) als weder schön noch schnell und die Reiterei als trivial bezeichnen lassen: »Die [Kriegsreit-]Pferde zeichnen sich nicht durch schöne Gestalt, nicht durch Geschwindigkeit aus; aber sie werden auch nicht nach unserer Sitte zu allen möglichen Wendungen abgerichtet: gerade aus oder mit einer einzigen Schwenkung nach rechts treiben sie sie in so geschlossenem Bogen, dass keiner hinter den anderen ist. Auf das Ganze gesehen ist ihr Fußvolk der stärkere Teil.«

Königs- und Götterpferde: Schimmel

Die Kelten und Germanen verehrten Pferde als heilig. Tacitus (58– 120 n. Chr.) zufolge waren ihre Pferde Orakeltiere:

»[…] hingegen ist es eine germanische Besonderheit, auch auf Vorzeichen und Hinweise von Pferden zu achten. Auf Kosten der Allgemeinheit hält man [auf] den Lichtungen Schimmel, die durch keinerlei Dienst für Sterbliche entweiht sind. Man spannt sie vor den heiligen Wagen; der Priester und der König oder das Oberhaupt des Stammes gehen neben ihnen und beobachten ihr Wiehern und Schnauben. Und keinem Zeichen schenkt man mehr Glauben, nicht etwa nur beim Volke: auch bei den Vornehmen, bei den Priestern; sich selbst halten sie nämlich nur für Diener der Götter, die Pferde hingegen für deren Vertraute.«

2012 hat Prof. Leif Andersson von der Universität in Uppsala (Schweden) nachgewiesen, dass alle Schimmel der Welt auf einen gemeinsamen Ahn zurückgehen, der vor etwa 2500 Jahren in Asien gelebt hat und durch eine spontane Mutation das Gen STX17 verdoppelt trug, was zu vorzeitigem Vergreisen der Farbzellen in Haar und Haut führt. Andersson geht davon aus, dass der erste Schimmel seinem Menschen sehr gut gefallen hat und viel zur Zucht eingesetzt wurde, wodurch sich das Schimmelgen nach und nach verbreitete. Es ist also unwahrscheinlich, dass vor 2800 Jahren bereits Schimmel die heiligen Lichtungen der Germanen bewohnten.

Rechts ist ein Schimmel, der Genette Bonmot du Roi, abgebildet. Seine Haut ist schwarz und er war als Fohlen ein Brauner. Thunderbird of Mountain (links) ist ein Weißgeborener (LP-LP) mit rosafarbener Haut. (Fotos Niels Stappenbeck)

Die weißen Pferde müssen eine andere Genetik getragen haben, und Hinweise darauf finden sich in Höhlenmalereien von vor mehr als 30000 Jahren in Frankreich. Ich spreche von gepunkteten Pferden. Alle heutigen Tigerschecken tragen eine Genkombination, die die Wissenschaftler mit LP (von Leopard) abkürzen. Genanalysen an 31 Proben 35000 Jahre alter französischer Pferdeknochen brachten sechs LP-Genträger zutage. Die getupften Pferde sind jedoch nur ein Erscheinungsbild dieser Genetik, denn vererben beide Elternteile ihr LP-Gen (und ein weiteres, das PATN1-Gen) an den Nachwuchs, kommt dieser schneeweiß zur Welt. Die germanischen Schimmel dürften also in Wirklichkeit weiß geborene Leoparden gewesen sein.

Man vermutet, dass ein nordeuropäischer Wildpferdestamm in der letzten Eiszeit diese Mutation als Anpassung an die gletschernahe Schneedecke ausgebildet hat. Zunächst überlebte er im Eis nur reinerbig (LP-LP), bis er sich in der nächsten wärmeren Phase mit anderen (vollfarbigen) Wildpferdepopulationen mischte und Einzelgenträger (LP-lp) hervorbrachte, die dann dunkel auf weiß gepunktet waren.

Das Reiten der Skythen

Um 800 v. Chr. gelang es, die Pferde etwas größer zu züchten, und in den nördlichen Randgebirgen des Fruchtbaren Halbmondes begannen wehrhafte, reitende Hirtenvölker⁹ neue Kampftechniken zu erproben. Die Urartäer (Türkei, Armenien, Iran) und die Assyrer (Irak) waren dafür bekannt, die mit bis zu 1,45 m Stockmaß größten Pferde zu züchten. Sie kämpften als Reiter ähnlich dem Streitwagen, indem sie zwei Pferde nebeneinander rennen ließen, jedes mit einem Reiter darauf: ein Lenker, der beide Pferde am Zügel führte, und ein Bogenschütze beziehungsweise Speerwerfer, der das Gespann zur Waffe machte. Ausgefeilter war die Kampftechnik der Skythen (Ukraine, 800 v. Chr.). Der Grieche Herodot (490–424 v. Chr.) schreibt in seinem ethnografischen Exkurs über die Skythen:

»Muss nicht ein Volk unüberwindlich und unnahbar sein, das weder Städte noch Burgen baut, seine Häuser mit sich führt, Pfeile vom Pferd herab schießt, nicht vom Ackerbau, sondern von der Viehzucht lebt und auf Wagen wohnt?«

Der Perserkönig Dareios erlebte 513 v. Chr. bei der Eroberung Thrakiens (heute Griechenland) eine sehr zermürbende Kampfstrategie seiner skythischen Gegner (Herodot):

»Er verfolgte deren Reiterheer, bekam seinen Feind jedoch nie zu Gesicht, denn die Skythen ritten immer eine Tagesstrecke voraus ins Landesinnere und lockten Dareios’ Heer in für ihn ungünstiges Gelände, bis sich dieser zermürbt mit der Inbesitznahme des überwundenen Terrains zufriedengab und ohne Entscheidungsschlacht abzog.«

Bei anderen Auseinandersetzungen hatte sich der strategische Rückzug als Erfolgsrezept der Skythen bewährt. Sie studierten die gegnerische Taktik, schnitten ihm sämtliche Rückzugswege ab und konnten den Feind dann vollständig vernichten. Die Skythen beherrschten das nach den Parthern (Persern) benannte Parthische Manöver, bei dem ein reitender Bogenschütze den Pfeil in vollem Galopp nach hinten abschoss. Eine akrobatische Technik, die erhebliche Körperbeherrschung und Reitvermögen erforderte.

Parthisches Manöver, von einer skythischen Reiterkriegerin ausgeführt. Die Legende der Amazonen wurzelt in skythischer Kultur. (Aus: The Encyclopedia of ANCIENT CIVILATIONS von Arthus Cotterell, Mayflower Books, 1. Edition 1980)

Das Reiten der Griechen – Die Lehren des Xenophon

Die persischen Eroberungskriege Griechenlands setzten sich viele Jahrzehnte fort und 40000 berittene Perser zerrieben die griechische, fast ausschließlich zu Fuß kämpfende Armee. Fortan rüstete auch Griechenland eine Berufskavallerie auf. Die Pferde zu Zeiten des Militärobersts Xenophon (430–354 v. Chr.) waren durch gezielte Zuchtauswahl größer geworden und mit bis zu 1,4 m Stockmaß als Reitpferde geeignet. Xenophon hat 350 v. Chr. mit Über die Reitkunst ein bedeutendes Zeugnis dafür hinterlassen, wie pferdeverständig die antike Kavallerie war. Man nutzte die Instinkte und das Sozialverhalten des Pferdes und erzog das Pferd mit viel Gnade und wenig Gewalt zu einem zuverlässigen Kampfgefährten.

Da die Griechen weder Sattel noch Steigbügel kannten, mussten die Reiter auf ihre Pferde aufspringen, bei dem geringen Stockmaß allerdings keine allzu große Herausforderung. Xenophon verlangte, dass von beiden Seiten und ohne am Zügel zu ziehen aufgesprungen werden müsse. Er legte großen Wert auf das Abwarten vor dem ersten Losreiten. Dann erst dürfe der Reiter das Pferd mit so sanften Hilfen wie möglich in den Schritt versetzen. Ein Festbeißen auf dem Gebiss empfahl er, dem Pferd mit einem stacheligen Mundstück abzugewöhnen. Er legte großen Wert auf eine stolze Halshaltung und ein Anmuten, als wolle das Pferd einem Artgenossen imponieren. Eine zu tiefe Kopfposition sowie Kopfschlagen waren in seinen Augen gröbste Ausbildungsfehler.

Xenophon. (Zeichnung: Renate Blank)

Das Reiten in Nordafrika

Ein weiteres Reitervolk, das sich in der Antike einen Namen machte, waren die Numidier. Numidien war das gesamte Küstengebiet Nordafrikas, von Libyen über Tunesien, Algerien bis nach Marokko. Im algerischen Atlasgebirge haben sich in Felsritzungen und -malereien bedeutende Zeugnisse dieser sehr alten Reiterkultur erhalten: Die ältesten Fundstücke sind auf 2200 v. Chr. datiert worden und illustrieren Jagdszenen zu Pferd. Die nordafrikanischen Nomaden hatten sich zu einem jagenden Hirtenvolk entwickelt und auf dem Rücken von Berberpferden ausgefeilte Reittechniken entwickelt. Einer dieser Stämme waren die Xenetes.

»Segelmesse, eine Provinz in Africa, in der Barbarey […]. Sie grenzt […] an Zaara [die Wüste Sahara] gen Süden, und an das Gebürge des Großen Atlantis [das Atlasgebirge] gegen Norden. Sie hat ihren Nahmen von ihrer Haupt-Stadt, und wird vom Flusse Zis gewässert. Die Länge dieses Landes ist über 40 Meilen. Die, so es bewohnen, sind Bereberes, welche man Xenetes […] nennt. […] Es war eine sehr volkreiche Stadt, wo viele Kaufleute aus der Barbarey und aus dem Lande der Negern anlandeten.«¹⁰

Etymologisch stammt von diesem Volk das spanische Wort für Reiter, jinete¹¹.

Erstmals um 264 v. Chr. warb die Großmacht Karthago (heute Tunesien) im Krieg gegen das Römische Reich eine numidische Söldnerkavallerie an. 12000 numidische Reiter folgten dem jungen karthagischen Feldherren Hannibal (247–183 v. Chr.) ab 221 v. Chr. über die Alpen.¹² Hannibal hielt 16 Jahre lang mit großem strategischem und diplomatischem Geschick Spanien, Frankreich und Teile Italiens gegen Rom.

Kartografische Zeichnung des Hochplateaus des Atlasgebirges. (Bild: Christin Krischke)

Der römische Eposdichter Silius Italicus (25–100 n. Chr.) beschrieb die außergewöhnlich hohe Reitkunst der Nordafrikaner:

Höhlenmalerei im Atlasgebirge bei Laghouat von 2200 v. Chr. (Aus: Le grand livre du cheval en Algérie)

»Es lenkt der Numidier sein Pferd ohne den Einsatz eines Gebisses. Er spielt mit einer leichten Gerte zwischen den Ohren und der Renner gehorcht genauso fromm wie mit einer gallischen Trense.« Und auch sein Landsmann, der Chronist Titus Livius (59 v. Chr.– 17 n. Chr.) beschreibt die numidische Kavallerie voller Ehrfurcht:

»Sie ritten ausschließlich zaum-, zügel- und sattellos, und lenkten ihre Pferde nur durch leichtes Antippen der Schultern mit dem Wurfspeerende. Dennoch verstanden sie, ihre Tiere mitten im Angriff aus rasendem Lauf sehr plötzlich anzuhalten.«

Livius schildert, dass die numidische Kavallerie in einer lang auseinandergezogenen Reiterkette den Gegner in voller Karriere¹³ angriff. Knapp außer Reichweite der gegnerischen Wurfspieße brachten sie ihre Pferde abrupt zum Stehen. Den Schwung ihrer selbst und der Pferde im Stopp nutzten sie, um die Spieße weit in die feindlichen Reihen zu katapultieren. Auch sollen sie häufig mit zwei Pferden pro Reiter gekämpft haben. Das zweite hielt durch Ausschlagen und Beißen die ungeschützte linke Seite frei und diente zur Flucht oder zum Weiterkämpfen, wenn das erste Reitpferd verwundet oder erschöpft war.

Das Reiten der Hunnen

Fortan gab es kaum noch eine kriegerische Auseinandersetzung ohne Beteiligung von Reiterei. Auf der einen Seite standen die Besitz anhäufenden Städte, Königreiche und Imperien mit ihren stehenden Berufsarmeen, auf der anderen die räuberischen, nicht sesshaften Reitervölker, die immer aggressivere Übergriffe wagten. Die ausgehende Antike ist von dramatischen Kriegen und Machtumwälzungen, wie der Völkerwanderung, bestimmt. Im Jahr 375 n. Chr. kam es zu den ersten großen Feldzügen der Hunnen, die von Zentralasien aus mit bis dato unbekannten Reiterkampftechniken über die Flüsse Don und Wolga weit in den Westen vorstießen. Bis zum Tod des Hunnenfürsten Attila im Jahr 453 hielten sie Europa in Atem. Vor den Hunnen flohen ganze Völkergruppen¹⁴ und verdrängten die Bevölkerung anderer Landstriche: Die heute sogenannte Völkerwanderung begann.

Die Hunnen hatten als berittene Hirten der zentralasiatischen Steppe generationenlang das Reiten und den Umgang mit dem Pferd zu einer effizienten Kriegsreiterei ausgefeilt. Außerdem waren sie hervorragende Bogenschützen, die ihren Rang in dieser Disziplin mit bunten Bändern in ihren langen Zöpfen zur Schau stellten. In unzähligen Auseinandersetzungen unterlag die vergleichsweise träge Kampfaufstellung der germanischen Stämme in Keilformation. Von den Parthern (Persern, heute Iran) hatten die Hunnen den Sattel und die Technik des Parthischen Manövers übernommen.

Selbst die disziplinierte und gut gelenkte römische Armee war nur auf den Frontalangriff vorbereitet und stand den sehr schnell vollführten Attacken, Rückzügen und Umzingelungen der Hunnen zunächst machtlos gegenüber.

Spätestens mit der arabischen Expansion (ab 633 n. Chr.) zerfiel das weströmische Imperium, und die römischen Provinzen Ägypten, Libyen und Afrika fielen an die Araber, Südspanien an die Westgoten und Italien an die Langobarden. Das Jahr 640 gilt als Beginn des Mittelalters und Ende der (römischen) Antike, obwohl das Oströmische Reich, später Byzanz genannt, bis 1453 fortbestand.

Resümee zur Antiken Schule

Die Antike Schule brachte verschieden hohe Reitkünste hervor, deren Ausbildungsweg uns nur stichprobenartig überliefert ist. Durch die Schilderung der Chronisten wissen wir jedoch, dass man sich des Pferdes auf unterschiedliche Weise zur Jagd und zum Krieg bediente. Alle Reitervölker verehrten ihre Pferde mehr oder weniger als heilig, einige betrieben sogar Bestattungskulte. Am weitesten fortgeschritten dürfte die Reitkunst der Numidier gewesen sein, die allem Anschein nach gebiss- und sattellos schwierigste Reitmanöver zu vollführen wussten.

Die Skythen gelten als strategisch sehr fortgeschritten und auch den Persern wird eine sehr wendige Manövrierkunst zugeschrieben. Und dank Xenophon wären wir heute sogar in der Lage, ein Kriegspferd nach altgriechischer Methode auszubilden. Alles in allem handelt es sich bei der Antiken Schule um eine Nahkampfreiterei, bei der derjenige siegte, der die überraschendsten Attacken vollführen konnte. Manchmal gewannen aber einfach auch die, welche die besten Körperpanzer für Ross und Reiter besaßen.

Mittelalterliche Schule

Eine Einheit von Reiterkriegern mit Körperpanzern¹⁵ wird Schwere Reiterei genannt. Ihre bevorzugten Waffen waren Speer und Spieß, später die Lanze. Das im Fruchtbaren Halbmond ansässige Reitervolk der Sarmaten konstruierte um 300 v. Chr. erstmals solide Sattelbäume, womit der Sitz eines Reiters deutlich stabilisiert werden konnte. Ihnen werden auch die ersten schweren Reiterpanzer zugeschrieben. Die Perser behielten diese Bewaffnung lange bei. Sättel und Panzer verbreiteten sich zu den Karthagern (um 250 v. Chr.), den Römern (nach 50 n. Chr.) und den Byzantinern (um 400 n. Chr.). Um etwa 750 n. Chr. waren sie in ganz Eurasien bekannt.

Die Steigbügel hingegen entwickelten sich deutlich später. Schon die Skythen sollen Leder- und Hanfschlingen als Aufstiegshilfe benutzt haben. Auch Alte oder Verletzte werden mit den Füßen in Schlingen reitend abgebildet, was Prof. Junkelmann dazu veranlasst zu vermuten, man habe die Bequemlichkeit der Fußstütze auf Reisen durchaus zu schätzen gewusst. Erste echte hölzerne Steigbügel wurden erst um 350 n. Chr. in China und Korea gebräuchlich.

Im frühen Mittelalter (von 600 bis 800 n. Chr.) standen sich drei große Machtbereiche gegenüber: die Byzantiner (im gesamten östlichen Mittelmeerraum), die Awaren (aus der Pannonischen Tiefebene, Ungarn bis zu den Karpaten) und die Franken (heute Deutschland, Benelux und Frankreich). Sie alle hatten Pferde für ihr Militär, einerseits für die Reise an den Ort der Auseinandersetzung, andererseits für die unterschiedlichen Reitmanöver im Angriffskrieg. Alle dargestellten Pferde sind für unsere modernen Begriffe klein. Die Füße der Reiter hängen bis zu den Vorderfußwurzelgelenken hinab, die Pferde waren noch immer nicht größer als 1,4 m Stockmaß.

Im Jahr 732 trafen in der Schlacht bei Tours und Poitiers (westliches Zentralfrankreich) Franken auf die zahlenmäßig überlegenen Mauren unter Ab dar-Rahman, der bei dieser Schlacht ums Leben kam. Lange haben Historiker sich ausgemalt, wie die beiden so gegensätzlichen Kavallerien aufeinandergeprallt sein müssen: Die Franken ritten schwer gepanzert auf klobigen Geradeausrennern, fest mit durchgedrückten Knien in ihre Sättel verkeilt. Im gegnerischen Lager wähnte man die leicht gerüsteten Nachfahren der Numidier. Sie seien, im leichten Sitz mit kurz geschnallten Steigbügeln in virtuosen Manövern um die Lanzen der Franken herumgeritten.

Hier irrte die Wissenschaft. Dank der zeitgenössischen Mozarabischen Chronik wissen wir heute, dass sowohl Franken wie Mauren zu dieser Zeit von ihren Pferden abstiegen und als Infanterie kämpften.

Im Übrigen geht man heute davon aus, dass sich der Steigbügel bei den Franken noch nicht durchgesetzt hatte, ein Festkeilen im Sattel also unmöglich gewesen sein muss.

Nach dieser Schlacht führte der siegreiche Karl Martell (688–741) eine bedeutungsvolle Heeresreform durch: Er ließ eine schwere gepanzerte Berufskavallerie aufstellen. Insbesondere in Verbindung mit hohen Sattelzwieseln ermöglichte er es dem fränkischen Panzerreiter, im vollen Galopp einen Lanzenstoß auszuführen, ohne selbst vom Pferd gerissen zu werden. Außerdem erschwerten es Steigbügel und Sattel dem Fußvolk, einen Reiter vom Pferd zu zerren. Martell stattete seine Ritter mit Lehen aus Kirchenbesitz aus. Damit legte er den Grundstein der mittelalterlichen Feudalgesellschaft und die Verpflichtung des Ritterstands¹⁶, der Krone und der Kirche militärisch zu dienen.

Das Rittertum ist eine der bekanntesten Reiterepochen. Durch Kreuzzüge und Eroberungen sollte die gesamte bekannte Welt dem christlichen Glauben unterworfen werden, und es waren gepanzerte-Ritter, die ihn mit Schwert und Feuer verbreiteten.

Ritter mit Falke nach dem Beispiel der Manessischen Liederhandschrift, entstanden um 1310. (Zeichnung: Renate Blank)

Darstellung eines Buhurt im Turnierbuch des René von Anjou, 1280. Links in den Schranken (auf der Kampfbahn) sieht man die Mitglieder des Turnieradels mit Buhurthelmen und Helmzier. Alle anderen Ritter sind Knappen oder Ringrichter. (Abbildung: Archiv Krischke)

Die Lehren des Ruffo

Der kalabrische (Kalabrien ist die Stiefelspitze Italiens) Marschall Giordano Ruffo (1165 bis nach 1250) war oberster Stallmeister am Hofe des Staufenkaisers Friedrichs II. (1194–1250) in Sizilien. Der Kaiser war für seine hohe Bildung und den Wissensaustausch mit den Arabern, insbesondere mit dem ägyptischen Sultan al-Khamil, berühmt.¹⁷ Des deutsch-römischen Kaisers Faszination für die Bibliotheken des Morgenlandes habe ihn mehrere Bücher über die Kunst, mit Tieren umzugehen in Auftrag geben lassen. Neben de arte venandi cum avibus (Über die Kunst, mit Vögel zu jagen, ein bis heute angesehenes Traktat über die Beizjagd), beauftragte er Giordano Ruffo mit dem Verfassen des Mariscalcia equorum (lateinisch für Pferdestall) einer Abhandlung über die Pferdehaltung in sechs Bänden.¹⁸ Sie erschien erst nach des Kaisers Tod im Jahr 1250 in vier italienischen, zwei französischen und je einer spanischen, deutschen und hebräischen Übersetzung. Das zeigt den Wert und den Verbreitungsgrad dieser Schrift.

Die Reitkunst des Rittertums

Die Ständegesellschaft Europas im Hoch- und Spätmittelalter (1050– 1500) brachte eine interessante Neuerung in der Kriegsführung: Die ritualisierte Schlacht als Kampfübung, das Turnier (französisch tourner für drehen, wenden, in unserem Sprachgebrauch als Turnen für gymnastische Übungen erhalten). Turniere waren Militärmanöver, die mit einer formellen Herausforderung begannen und auf einem eingegrenzten Platz unter Aufsicht von Schiedsrichtern¹⁹ abgehalten wurden. Zunächst gestalteten sich Turniere als Massenkämpfe zweier Parteien zu Pferd, die man nur mit außerordentlichen Reitkünsten bewältigen konnte. Die Pirouetten, schnellen Kehrtwendungen und Links-rechts-Finten brachten dem Turnier seinen Namen ein. Zugleich war ein Turnier auch das bedeutendste gesellschaftliche Event der Oberschicht dieser Tage, jedoch war die Teilnahme nicht freiwillig: Man musste fürchten, vom Turnieradel ausgeschlossen²⁰ zu werden, wenn man zu einem Turnier nicht erschien.

Die ersten Turniere fanden im 11. Jahrhundert in Frankreich statt. Immer wieder kam es zu tödlichen Unfällen, weil zunächst mit scharfen Kriegswaffen gekämpft wurde. 1130 verbot Papst Innozenz II. vergeblich diese

»[…] verabscheuungswürdigen Belustigungen und Festlichkeiten, in der Sprache des Volkes Turniere genannt, an denen Ritter sich zu versammeln pflegen, um ihre Stärke und ihre tollkühne Dreistigkeit zur Schau zu stellen.«²¹

Selbst die Androhung, jedem beim Turnier getöteten Ritter das christliche Begräbnis zu verweigern, verhallte nahezu ungehört. Die Wettkampflust der Fürsten und Ritter, ihre Freude an festlichem Gepränge und der Ehrgeiz, sich im Kampfspiel hervorzutun, waren stärker als alle Verbote.

Im 13. Jahrhundert wandelte sich das Turniergeschehen. Mit weniger gefährlichen Waffen und besser schützenden Rüstungen bildeten sich zahlreiche Unterdisziplinen der Wettkämpfe. Die Massenschlachten wurden durch präzise Regelwerke geordnet und Buhurt²² genannt. Hinzu kamen Tjosts (lateinisch iuxta für unmittelbar nebeneinander): Duelle, bei denen zwei Reiter einander frontal mit Lanzen anritten. Die Tjosts wurden von den Rittern nicht selten missbraucht, um alte Zwistigkeiten auszutragen, und uferten zu echten Duellen²³ aus.

Aus Wolfram von Eschenbachs »Parzival«

* Die Lançade ist ein besonders hohes Anspringen in den schnellen Galopp (Karriere). Sie ähnelt dem Hankensprung, aber nach dem kraftvollen Abdrücken der Hinterhufe landet das Pferd in der Lançade auf den Vorderbeinen und galoppiert weiter. Im Hankensprung landet es hingegen auf den Hinterbeinen.

In diese Zeit fallen zahlreiche höfische Heldendichtungen und die Minnelyrik, die uns zwischendurch kleine Einblicke in die Reitkunst der Ritter erlauben. In Wolfram von Eschenbachs um 1210 entstandener

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