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Ökologie ohne Natur: Eine neue Sicht der Umwelt

Ökologie ohne Natur: Eine neue Sicht der Umwelt

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Ökologie ohne Natur: Eine neue Sicht der Umwelt

Länge:
440 Seiten
5 Stunden
Freigegeben:
May 1, 2016
ISBN:
9783957573070
Format:
Buch

Beschreibung

Nur scheinbar formuliert Timothy Morton in diesem bahnbrechenden Buch des Ecocriticism ein Paradox: Das Bild, das wir uns von der Natur machen, verhindert, dass wir der Umwelt, in der wir leben, gerecht werden können, dass wir ihre Ökologie begreifen. Stets trachtet das Schreiben über die Natur danach, eine Weltsicht zu vermitteln, die die Natur bewahrt und respektiert. Kein Wunder, dass wir uns angesichts der ökologischen Katastrophe, die wir erleben, nach einer unversehrten, wilden und ›unschuldigen‹ Natur sehnen. Aber die Feier der Natur, oder der Einheit mit ihr, trübt unseren Blick. Rigoros und verstörend stellt Morton unsere ökologischen Grundannahmen auf den Prüfstand und versucht, ein neues Vokabular für das Verständnis von Natur zu entwickeln. In einem Parforceritt durch die Literatur- und Philosophiegeschichte trägt das Buch dazu bei, unseren Blick auf ökologische Zusammenhänge zu weiten und den Umweltgedanken in einen geistesgeschichtlichen Kontext zu stellen, der ihm politisch und intellektuell mehr Schlagkraft verleiht.
Freigegeben:
May 1, 2016
ISBN:
9783957573070
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Ökologie ohne Natur - Timothy Morton

Anmerkungen

Einleitung

FÜR EINE THEORIE DER ÖKOLOGISCHEN KRITIK

Kein Mensch hat es gerne, wenn man vom Unbewussten spricht, und kaum jemand ist heute davon angetan, wenn man über die Umwelt spricht. Man läuft Gefahr, langweilig oder rechthaberisch oder hysterisch oder wie eine Mischung aus allem zu klingen. Dafür gibt es einen tiefer liegenden Grund. Kommt das Unbewusste zur Sprache, ist man nicht etwa unangenehm berührt, weil damit etwas Obszönes angesprochen würde, das besser im Verborgenen bliebe – das wäre zumindest noch spaßig. Es kommt einfach nicht gut an, weil das Unbewusste, sobald es erwähnt wird, bewusst wird. Auf ebendiese Weise rückt auch die Umwelt, ist erst einmal von ihr die Rede, in den Vordergrund. Anders gesagt, sie hört auf, Umwelt zu sein. Sie hört auf, dieses Ding da drüben zu sein, das uns umgibt und erhält. Fängt man an, darüber nachzudenken, wohin der Müll geht, beginnt die Welt zu schrumpfen. Darin liegt die grundlegende Botschaft einer Kritik, die sich für Umweltgerechtigkeit ausspricht, und darin liegt die grundlegende Botschaft dieses Buchs.

Ökologie ohne Natur verficht die These, dass in einem »ökologischen« Stadium der menschlichen Gesellschaft der so in Ehren gehaltene Begriff »Natur« wird verkümmern müssen. So seltsam es klingen mag, der Naturbegriff kommt den eigentlich ökologischen Formen von Kultur, Philosophie, Politik und Kunst in die Quere. Das Buch geht diesem Paradox nach, indem es vor allem auf die Kunst blickt, nehmen doch unsere Fantasien über die Natur in der Kunst Gestalt an – und dort lösen sie sich auch wieder auf. Insbesondere die Literatur der Romantik, die nach allgemeinem Dafürhalten für die Ausbildung des Naturbegriffs eine entscheidende Rolle spielt und noch immer Einfluss auf das Imaginäre der Ökologie ausübt, bildet das Ziel meiner Forschungen.

Warum Ökologie ohne Natur auskommen muss

In einer Untersuchung politischer Theorien der Natur stellt John Meyer fest, dass ökologisch ambitionierte Schriftsteller dem »heiligen Gral« nacheifern, »eine neue und umfassende Weltanschauung« zu entwickeln.¹ Von dieser Anschauung, gleich welchen Inhalts sie sein mag, »versprechen sie sich eine Politik und Gesellschaft verändernde Wirkung«.² Die Tiefenökologie zum Beispiel behauptet, dass wir unsere anthropozentrische Sichtweise in eine ökozentrische transformieren müssen. Wie der Begriff Weltanschauung* ist auch die Auffassung, eine Anschauung sei in der Lage, die Welt zu verändern, tief in der Romantik verwurzelt. Eine neue Weltanschauung zu entwerfen heißt, zu thematisieren, wie Menschen ihren Ort in der Welt wahrnehmen. Die Ästhetik spielt somit eine entscheidende Rolle, denn sie erlaubt, diesen Ort zu fühlen und wahrzunehmen. Terre Slatterfield und Scott Slovic berichten in ihrer dem ökologischen Kapital gewidmeten Textsammlung über die durch Präsident Clinton vorgenommene Einweihung eines Wildnisgebiets in Utah: »Bei der Feier zur Einweihung des neuen Nationalmonuments [Grand Staircase Escalante] […] hob der Präsident [Clinton] ein Exemplar von [Terry Tempest Williams’] Testimony in die Höhe und sagte: ›Das hat den Ausschlag gegeben‹.«³ Slatterfield und Slovic möchten aufzeigen, dass die Erzählung ein wirksames politisches Instrument darstellt. In ihrer Darlegung wird die Politik aber auch zu einem Feld der Ästhetik. Die Erzählung steht aus Sicht der beiden Autoren in der Nähe des Affektiven, während die als »Bewertungsrahmen« bezeichnete Wissenschaft dieses abgeblockt oder sich ihm »verweigert« habe.⁴ Ökologische Autoren würden nicht nur argumentieren, sondern zudem unwiderstehliche Bilder produzieren: buchstäblich Anschauungen der Welt. Diese Bilder beruhen auf einem Gefühl für Natur. Gerade aber die Natur gehe den Autoren immer wieder durchs Netz. Und ironischerweise verhindere sie in ihrer verwirrenden ideologischen Intensität eine echte Beziehung zur Erde und ihren Lebensformen, die selbstverständlich auch Ethik und Wissenschaft einschließen würden. Nature Writing, das Schreiben über die Natur, berichtet davon, wie die Natur uns durchs Netz geht. John Elder zum Beispiel beschreibt in Reading the Mountains of Home, dass die literarische Würdigung der Natur umso komplizierter wird, je mehr wir uns der »historischen Realitäten« bewusst werden.⁵ Ökologie ohne Natur ist der systematische Versuch, diese Komplikationen theoretisch zu erfassen.

Konventionelle Ökokritik ist stark thematisch ausgerichtet. Sie setzt sich mit ökologischen Schriftstellern auseinander. Sie erkundet Elemente der Ökologie wie Tiere, Pflanzen oder das Wetter. Sie untersucht die Spielarten ökologischer – und ökokritischer – Sprache. Auch in Ökologie ohne Natur wird über Tiere, Pflanzen und das Wetter gesprochen. Das Buch behandelt ausgewählte Texte und Schriftsteller, Komponisten und Künstler. Es befasst sich mit den Ideen des Raums und des Orts (global, lokal, kosmopolitisch, regional). Doch auch wenn solche Erkundungen belangvoll und wichtig sind, stehen sie nicht im Zentrum des Buchs. Die eigentliche Intention besteht darin, zu durchdenken, was wir unter dem Wort Umwelt verstehen.

Ökologie ohne Natur entwickelt seine Argumentation in drei klar geschiedenen Stufen: beschreiben, kontextualisieren und politisieren. Die erste Stufe erkundet die Kunstformen, die sich auf die Umwelt beziehen. Anhand von Büchern wie Angus Fletchers A New Theory of American Poetry, das mit einer Poetologie umweltbezogener Formen aufwartet, und Susan Stewarts Poetry and the Fate of the Senses entwickelt das erste Kapitel ein neuartiges Vokabular zur Interpretation der Environmental Art, der Umweltkunst. Es geht dabei über die schlichte Erwähnung umweltbezogener Inhalte hinaus und widmet sich vor allem ihrer Form. Thematisch weitgespannt, geht es der Frage nach: Wie vermittelt Kunst ein Gefühl für Raum und Ort? Im ersten Kapitel wird untersucht, warum und auf welche Weise Umweltkunst, gleich welchen Inhalts oder Themas, von bestimmten formalen Eigenschaften der Sprache behindert wird. Dabei gehe ich davon aus, dass die Literaturkritik der Umweltliteratur selbst ein Beispiel für Umweltkunst ist.

Bei etlichen Lehrveranstaltungen über Literatur, die sich mit der Umwelt beschäftigt, hat sich ein Vokabular als nützlich erwiesen, mit dem sich Werke in verschiedenen Medien analysieren lassen. Doch bei der intensiven Lektüre eines Textes, die dessen Paradoxien und Dilemmata in den Blick nimmt, besteht immer die Gefahr, dass die speziellen oder utopischen Projekte, die bei der Textanalyse entdeckt werden, selbst Methode werden. Um dem zu entgehen, schlage ich vor, die Techniken des close reading so einzusetzen, dass sie den ideologischen Kräften, die das ökologische Schreiben hervorbringt, immer einen Schritt voraus bleiben. Ich entwerfe eine Theorie zu einer Poetik des Ambientes, eine materialistische Form der Lektüre mit einem Blick darauf, wie in Texten der konkrete Raum ihrer Einschreibungen – wenn es ihn denn gibt – kodiert ist: der Wortabstand, die Seitenränder, die materiellen und sozialen Umgebungen des Lesers. Dies ist von Bedeutung für die Poetologie der Empfindsamkeit, aus der im späten achtzehnten Jahrhundert die Romantik hervorging. Umweltästhetik ist häufig, wenn nicht sogar immer, in einer ähnlichen Form des Materialismus gefangen.

Das zweite Kapitel untersucht die Geschichte und Ideologie von Konzepten, Überzeugungen und Gepflogenheiten, die zu jener obsessiven Beschäftigung mit der Umwelt geführt haben, die sämtliche kulturellen Sparten – angefangen bei Naturschutzkalendern bis hin zu experimenteller Noise Music – tangiert. Ökologie ohne Natur ist sicherlich eine der wenigen Abhandlungen, die im selben Atemzug von niederen und hohen Formen der Ökokultur sprechen und dabei Pfade beschreiten, die etwa von William Cronons The Great New Wilderness Debate geebnet wurden, von Büchern, die Denker einer sogenannten Theorie und einer sogenannten Ökokritik zusammenführten. Wie ist der aktuelle Umweltgedanke entstanden, und welchen Einfluss hat er auf unsere Ideen zu Kunst und Kultur? Ein besonderes Augenmerk gilt in Kapitel 2 der Zeit der Romantik, in der der inzwischen global vorherrschende Kapitalismus erste Wirkungen zeigte. Von diesem historischen Moment ausgehend bemüht sich das Buch, die Dilemmata und Paradoxien, denen sich die Umweltbewegungen gegenübersehen, aufzuarbeiten und zu verstehen. Das Kapitel erläutert, warum postromantische Literatur von Raum- und Ortsbeschreibungen besessen ist, und geht dabei etwas synthetischer vor als David Harvey in seinem Buch Justice, Nature and the Geography of Difference. Dazu greife ich auf meine Forschungen zur Geschichte des Konsumismus zurück, die deutlich gemacht haben, dass sogar gegen den Konsumismus rebellierende Maßnahmen, wie sie etwa Umweltbewegungen propagieren, letztlich dem Konsumismus selbst zu subsumieren sind. Weil der Konsumismus auch ein Diskurs über Identität ist, enthält das Kapitel eingehende Interpretationen von Texten, in denen ein Erzähler, ein »Ich« damit ringt, sich in einer Umwelt zu verorten.

Das dritte Kapitel schließlich beschäftigt sich mit der Frage, in welcher Richtung es für die Ökologie weitergehen wird. Welche Formen politischen und gesellschaftlichen Denkens, Handelns und Tuns sind möglich? Das Buch geht hier von einer abstrakten Erörterung aus und versucht präziser zu bestimmen, in welche Beziehung wir als soziale und politische Tiere zur Umweltkunst und -kultur treten könnten. Das Kapitel untersucht die verschiedenen künstlerischen Haltungen, die Umweltthemen gegenüber eingenommen werden können, und bezieht sich dabei auf Schriftsteller wie John Clare oder William Blake, die Positionen außerhalb der Hauptströmung der Romantik bezogen haben. Kapitel 3 zeigt, dass die in Kapitel 1 entworfene Poetik des Ambientes – das »Äolische«, das die Schwingungen eines materiellen Universums aufnimmt und sie in High-Fidelity-Qualität wiedergibt – das Subjekt unweigerlich negiert, weshalb sie nicht mit einer Ökologie zurande kommt, die sich in Wesen, die zudem Personen sind, manifestiert und womöglich jene anderen von uns als Tiere bezeichneten Wesen einschließt.

In Kapitel 1 wird eine Theorie der auf die Umwelt bezogenen Künste vorgelegt, die diese erklärt und zugleich kritisch reflektiert. Kapitel 2 wiederum bietet eine kritische Reflexion über die »Idee« der Umweltkunst. Und Kapitel 3 ist eine noch weitergehende Reflexion, die eine politische »Theorie der Theorie« entwickelt. Anstatt einen höheren Grad theoretischer Abstraktion zu erreichen – tatsächlich ist Abstraktion alles andere als theoretisch –, »erklimmt« das Buch immer höhere Ebenen der Konkretion. Ökologie ohne Natur hebt nicht in die Stratosphäre ab. Das Buch steigt auch nicht unbedingt zur Erde hinab, denn je weiter wir vorankommen, desto mehr wird sich unser Blick auf die Erde verändern.

Ökologisches Schreiben pocht darauf, dass wir in die Natur »eingebettet« sind.⁶ Natur ist ein uns umgebendes Medium, das unser Dasein aufrechterhält. Aufgrund der Eigenschaften jener Rhetorik aber, die erst zur Idee eines umgebenden Mediums führt, kann ökologisches Schreiben niemals deutlich machen, dass es dabei wirklich um Natur geht, und somit kein zwingendes und konsistentes ästhetisches Fundament für die neue Weltanschauung bereitstellen, die die Gesellschaft verändern soll. Es ist eine kleine, dem Antippen eines Dominosteins vergleichbare Operation. Meine Lektüren versuchen eher symptomatisch als erschöpfend zu sein. Ich hoffe, dass durch das Öffnen einiger weniger, gut ausgewählter Öffnungen der ganze widerliche Schmutz ausfließt und sich auflöst.

Wenn man das, was gemeinhin Natur genannt wird, auf ein Piedestal stellt und es von Weitem bewundert, tut man für die Umwelt, was das Patriarchat für die Figur des Weiblichen getan hat. Es handelt sich um einen paradoxen Akt sadistischer Bewunderung. Simone de Beauvoir gehörte zu den Ersten, die diese Verwandlung der leibhaftigen Frau in ein Fetischobjekt theoretisch aufgearbeitet haben.Ökologie ohne Natur untersucht am Kleingedruckten, wie Natur zu einem transzendentalen Prinzip werden konnte. Möchte man den Wortlaut des Untertitels aufgreifen, sieht sich das vorliegende Buch dazu bestimmt, die Ästhetik der Umwelt neu zu denken. Umweltkunst in ihren niederen und hohen Ausprägungen, von ländlichem Kitsch bis zum urbanen Chic, von Henry David Thoreau bis Sonic Youth, spielt mit der Idee der Natur, verstärkt oder dekonstruiert sie. Das Buch weitet den Blick auf die Möglichkeiten der Umweltkunst und -kritik, liefert sozusagen die »Cinemascope«-Version der Ökokultur. Diese Version kennt keine Angst vor dem Unterschied, der Nichtidentität, sowohl in textlicher Hinsicht als auch im Hinblick auf Rasse, Klasse und soziales Geschlecht, wenn Textkritik überhaupt davon getrennt werden kann. In der akademischen Welt nimmt die Ökokritik, zum Teil wegen des ideologischen Ballasts, den sie mit sich schleppt, einen besonderen, isolierten Platz ein. Ich möchte sie gerne öffnen und erweitern. Auch wenn ein Shakespeare-Sonnett nicht explizit »von« Gender zu handeln scheint, fragen wir heute doch, was es mit Gender zu tun haben könnte. Die Zeit wird kommen, wo wir für jeden Text die Frage stellen: »Was sagt er über die Umwelt aus?« Für den Moment haben wir die Entscheidung getroffen, welche Texte befragt werden sollen.

Einige Leser werden mich bereits als »postmodernen Theoretiker« abgestempelt haben, an den sie keine Zeit verschwenden wollen. Ich glaube nicht, dass es so etwas wie ein Korallenriff nicht gibt. (Wie die Dinge liegen, sorgen moderne Industrieprozesse aber dafür, dass es sie bald nicht mehr gibt, ob ich an sie glaube oder nicht.) Ich glaube auch nicht, dass Umweltkunst und Ökokritik völlig aus der Luft gegriffen sind. Ich glaube allerdings, dass diese Formen kritisch behandelt werden müssen, und zwar weil wir für sie Sorge zu tragen, weil wir für die Erde und, überdies, für die Zukunft der Lebensformen auf diesem Planeten Sorge zu tragen haben, hat doch der Mensch alle nötigen Instrumente zu ihrer Zerstörung entwickelt. Wie der Musiker David Byrne einmal schrieb: »Atomwaffen können das Leben auf der Erde auslöschen; sie müssen nur richtig eingesetzt werden.«⁸ In allgemeineren und weiter gefassten Kategorien zu denken ist überlebenswichtig. Partikularismus kann jede Menge Leidenschaften freisetzen, aber er kann auch zur Kurzsichtigkeit führen. In Großbritannien zum Beispiel wollten reaktionäre Kräfte Umweltschützer und Befürworter von Windparks mit dem Einwand ausbremsen, Vögel würden von den Rotorblättern erschlagen. Es braucht in der Tat einen umfassenderen Blick auf die »Menschheit« und die »Natur«. Bevor ich bezichtigt werde, ein postmoderner Nihilist zu sein, lege ich meine Intentionen lieber offen. Es ist schlicht so, dass ich, wie Brecht einmal sagte, lieber mit den schlechten Nachrichten anfange, als von den guten alten Tagen zu singen. Ich möchte das ökokritische Denken nicht verhindern, sondern voranbringen. In meiner Arbeit geht es um eine »künftige Ökologie«, nicht darum, die Ökologie abzuschaffen. Man sollte das Buch als Beitrag zu einer Debatte verstehen, die von einer vom Gedanken der Umweltgerechtigkeit geleiteten Ökokritik angestoßen wurde.

Wenn man genau hinschaut, haben Postmodernisten einige unangenehme Überraschungen auf Lager. Ich glaube nicht, dass man die von mir beschriebenen Dinge in künstlerischen Medien »besser« machen kann. Ein Gutteil heutigen künstlerischen Schaffens hat sich der Idee verschrieben, die Dinge seien tatsächlich besser zu machen, und umgibt sich so mit einer mondänen Aura, die andere Ansätze als weniger raffiniert abtut. Vermutlich sollten wir lieber experimentelle Noise Music hören anstatt Beethovens Pastorale. Wir sollten Gilles Deleuze und Félix Guattari lesen anstatt Aldo Leopold. Doch aus Sicht des vorliegenden Buchs weisen die genannten Texte mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede auf.

Ich unterscheide zwischen der Postmoderne als kultureller und ideologischer Erscheinung und der Dekonstruktion. Ökologie ohne Natur schöpft seine Inspiration aus der schonungslosen und brillanten Intensität, mit der die Dekonstruktion Widersprüche und Unsicherheiten in Bedeutungszusammenhängen aufspürt. Wenn Ökokritik einen offeneren und ehrlicheren Umgang mit der Dekonstruktion pflegen würde, würde sie in ihr keinen Feind, sondern einen Freund sehen. Doch die Ökokritik hat die Angewohnheit, ihren potenziellen Freund anzugreifen, zu missachten oder zu diffamieren. Für Walter Benn Michaels zum Beispiel gehören Tiefenökologie und Dekonstruktion in den gleichen Stall.⁹ Hört, hört. Tatsächlich bestehen Verbindungen zwischen den beiden, doch anders als Michaels liegt mir daran, sie zu stärken. Wenn Derrida erklärt, dass die différance den Logozentrismus stützt und zugleich untergräbt, behaupte ich, dass die rhetorischen Strategien des Nature Writing unterlaufen, was man Ökologozentrismus nennen könnte.

Ökologie ohne Natur möchte nicht für eine bestimmte Form ästhetischen Genusses werben; zumindest nicht vor dem Ende des Buches, wo eruiert wird, ob bestimmte Formen der Kunst dem im Buch umrissenen kritischen Anspruch überhaupt gewachsen sind. Keine Kunst ist wirklich »richtig«. Ich glaube, dass die Wissenschaft davon profitieren würde, wenn sie philosophisch besser grundiert und an den in den Geisteswissenschaften entwickelten Analysemethoden geschult wäre. Doch im Allgemeinen verdanken sich die wissenschaftlichen Versatzstücke heutiger Ideologie weniger einer von Natur aus skeptischen Wissenschaftspraxis als vielmehr jenen Vorstellungen von Natur, die die Herzen höher schlagen und das Denken aussetzen lassen. Schlägt man eine beliebige aktuelle Time- oder Newsweek-Ausgabe auf, kann man leicht feststellen, dass das durchaus wichtige Wissenschaftsjournal Nature dort sogar ernster genommen wird als unter Wissenschaftlern üblich. Im Namen der Ökologie versucht das vorliegende Buch, einen Begriff kritisch zu beleuchten, der verhindert, dass wir uns sinnvoll mit dem auseinandersetzen, was Natur im Grunde genommen ist: alles, was mit uns oder unseren vorgeformten Konzepten nicht übereinstimmt. Aus ähnlichen Gründen habe ich die üblichen Diskussionen über Anthropozentrismus und Anthropomorphismus vermieden, von denen ein Gutteil des ökologischen Schrifttums durchsetzt ist. Nicht, dass diese Begriffe irrelevant wären. Aber sie erheischen die Frage, was denn genau als menschlich zu verstehen sei, was als Natur. Anstatt vorgefertigtes Gedankengut hin und herzuschieben, habe ich mich entschieden, meine Bedenken auf einer fundamentaleren Ebene geltend zu machen und meine Kritik in den Fissuren, die zwischen solchen Kategorien herrschen, anzusiedeln.

Quer durch das Buch ziehe ich Texte aus der Zeit der Romantik heran, nicht nur weil sie exemplarisch sind, sondern auch, weil sie mit den verschiedenen Syndromen und Symptomen, die sich in dieser Periode ausbildeten, nicht übereinstimmen. Zu dem Zeitpunkt, an dem die Trajektorien der modernen Ökologie auftauchten, sind auch andere Bahnungen möglich gewesen. Ich widme mich einer Reihe von Kunstformen, die mit der Vorstellung von Umwelt hantieren, auch wenn dieser Begriff nicht unbedingt Natur im Sinne von Regenwäldern oder menschlichen Lungen beinhaltet. Dabei kann ein Buch dieser Kürze von den Tausenden verfügbaren Beispielen natürlich nur einen Bruchteil anreißen. Ich hoffe, die, die ich ausgewählt habe, sind repräsentativ und tragen erhellend zur theoretischen Erforschung des Umweltgedankens bei. Für meine Erörterungen ziehe ich nur Autoren der englischen Literatur heran, die mir vertraut sind: William Blake, Samuel T. Coleridge, Denise Levertov, William Wordsworth, Mary Shelley, Henry David Thoreau und Edward Thomas. Dass sie ökologische Autoren sind, darüber sind sich viele einig, doch ihre Haltungen sind nicht einfach und nicht immer deutlich, besonders, wenn man sie im Kontext der weiteren noch zitierten Schriftsteller betrachtet. Zur Untermauerung meiner Argumentation greife ich auf etliche Philosophen zurück. Karl Marx und Jacques Derrida schulde ich fast gleichermaßen viel, denn sie ermöglichten mir, ein Bezugssystem für meine Analysen auszubilden. Doch auch Walter Benjamin, Sigmund Freud, Martin Heidegger, Jacques Lacan, Bruno Latour und Slavoj Žižek verdanke ich viel, und insbesondere G. W. F. Hegel, dessen Idee der »schönen Seele« zum wichtigsten Einzelbegriff des Buches avanciert ist. Ich beziehe mich auf Theodor W. Adorno, dessen Schriften eine starke, häufig explizit ökologische Tönung aufweisen. Adornos Werk basiert über weite Strecken auf dem Gedanken, dass die moderne Gesellschaft einen Unterwerfungsprozess betreibt, der etwas »da draußen« begründet und ausbeutet, das Natur genannt wird. Seine Hellhörigkeit hinsichtlich der nuklearen Vernichtung zeigt viele Parallelen zu der Empfänglichkeit ökologischer Literatur für Katastrophen ähnlich totalen Ausmaßes wie etwa die globale Erwärmung. Wo die Bezüge weniger klar sind (zum Beispiel im Fall von René Descartes, Derrida oder Benjamin) vertraue ich darauf, dass mein Text erklärt, warum ein bestimmter Autor erscheint. Zudem führt die Untersuchung einige Autoren als Testfälle ökologischen Schreibens ein: unter anderen David Abram, Val Plumwood, Leslie Marmon Silko und David Toop. Hinzu kommt noch eine Reihe von Künstlern und Komponisten: Ludwig van Beethoven, Steve Reich, John Cage, Alvin Lucier, Yves Klein, Cornelius Escher. Schließlich werden wir unterwegs auf Populäres von J. R. R. Tolkien, Pink Floyd, The Orb und anderen treffen.

Untersuchungen zum Begriff der Natur sind bereits zuvor und gar nicht selten erschienen. Verschiedene Darstellungen der Umweltbewegungen und des Nature Writing sind entstanden. Und namentlich die Wissenschaft hat die Ökologie wiederholt aus der Romantik abgeleitet. Systematisch und reflektiert erklärt Ökologie ohne Natur das Phänomen des Umweltgedankens in der Kultur, versenkt sich in die Details von Poesie und Prosa und tritt einen Schritt zurück, um das Bild als Ganzes zu sehen. Zugleich bietet das Buch auf verschiedenen Ebenen Kritik an der Funktionsweise von »Natur«. Es unternimmt dies, indem es sich im Wesentlichen auf einen Angriffspunkt konzentriert: auf die Idee des Nature Writing oder, wie es im Buch vorzugsweise genannt wird, die Ökomimese. So umfassend das Buch auch sein möchte, es ist zwangsläufig einseitig und unvollständig. Aber ich sehe keinen anderen Weg, all die Themen, über die ich sprechen möchte, in einem Band vernünftiger Länge zusammenzubringen. Ich vertraue darauf, dass der Leser seine eigenen Beispiele in die Diskussion einbringen wird und die Lücken ergänzt. Sicherlich haben meine Forschungsinteressen, die vor allem der Romantik, der Ernährungssoziologie sowie dem Thema Literatur und Umwelt gelten, meine Sicht der Dinge gefärbt.

Umweltreflexionen

Eine »Theorie der Ökokritik«, das meint zumindest zwei Dinge. Von Erklärungen im Stile Clintons einmal abgesehen, hängt alles davon ab, was mit dem Genitiv gemeint ist. Auf der einen Seite stellt das Buch ein theoretisches Instrumentarium für die Kritik der Ökologie zur Verfügung. Eine »Theorie der Ökokritik« ist eine ökologiekritische Theorie. Auf der anderen Seite untersucht diese Studie die Eigenschaften der existierenden Ökokritik, stellt sie in einen Kontext und erörtert ihre Paradoxien, Dilemmata und Unzulänglichkeiten. Eine »Theorie der Ökokritik« ist eine theoretische Reflexion der Ökokritik: Sie kritisiert die Ökokritik.

Somit schwankt das Buch zwischen zwei Positionen. Es hält sich innerhalb wie außerhalb der Ökokritik auf. (Aus später darzulegenden Gründen möchte ich nicht behaupten, das Buch befinde sich an zwei Orten gleichzeitig.) Es unterstützt das Studium der Literatur und der Umwelt und ist in seiner politischen und philosophischen Ausrichtung durch und durch ökologisch. Gleichwohl sieht es davon ab, für eine bestimmte ökokritische Haltung die Werbetrommel zu rühren. Es möchte der Ökokritik nicht gänzlich das Wasser abgraben. Es möchte keineswegs behaupten, »da draußen« sei nichts. Ökologie ohne Natur stellt jedoch die Grundannahmen der Ökokritik infrage – nicht mit dem Ziel, einen Strich unter die Ökokritik zu ziehen, sondern um sie zu öffnen.

Der Gedanke des Umweltschutzes kombiniert verschiedene kulturelle und politische Antworten auf eine Krise in den Beziehungen des Menschen mit seiner Umgebung. Diese Antworten können wissenschaftlich, aktivistisch, künstlerisch oder alles zusammen sein. Umweltschützer versuchen Gebiete mit intakter Wildnis oder solche von »außergewöhnlicher natürlicher Schönheit« vor fremden Einflüssen zu bewahren. Sie kämpfen gegen Umweltverschmutzung, wozu auch die Risiken der Nukleartechnologie und der Atomwaffen gehören. Mit Kampagnen gegen die Jagd und wissenschaftliche oder kommerzielle Tierexperimente treten sie für die Rechte von Tieren ein und für eine vegetarische Lebensweise. Sie widersetzen sich der Globalisierung und der Patentierung von Leben.

Die Umweltschutzbewegung ist breitgefächert und heterogen. Man kann ein kommunistischer Umweltschützer sein oder ein kapitalistischer wie die Wise Use-Republikaner in den Vereinigten Staaten. Man kann ein »sanfter« Naturschützer sein und Wohltätigkeitsorganisationen wie dem britischen Woodland Trust Geld spenden oder zu der »harten« Sorte gehören, die sich in Bäumen verschanzt, um Holzeinschlag oder Straßenbau zu verhindern. Und natürlich kann man beides zugleich sein. Man kann auch Wissenschaftsartikel über die Erderwärmung verfassen oder »ökokritische« Essays schreiben. Man kann Gedichte oder umweltbezogene Skulpturen oder Ambient Music in die Welt setzen. Man kann auch Umweltphilosophie betreiben (»Ökosophie«) und Formen des Denkens, Fühlens und Handelns entwickeln, die auf einer liebevollen Beziehung mit unserer Umwelt basieren.

Ähnlich zahlreich sind auch die Formen der Ökokritik. Ökofeministische Kritik untersucht, in welcher Weise das Patriarchat für die Schädigung und Zerstörung der Umwelt verantwortlich gewesen ist und wie es eine Sicht auf die natürliche Welt aufrechterhalten konnte, die Frauen auf die gleiche Weise unterdrückt, wie sie Tiere, das Leben allgemein und sogar die Materie unterdrückt. Eine andere Strömung der Ökokritik hat ihren Ursprung in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Romantik und zeigt sich in den Werken von Schriftstellern wie Jonathan Bate, Karl Kroeber und James McKusick.¹⁰ Hier wird das kritische Moment in provokativer und zugleich zugänglicher Art in die akademische Interpretation zurückgegeben. Diese Werke wiederum stehen beispielhaft für ein bestimmtes, in der romantischen Literatur verkörpertes Anliegen, nämlich die Welt zu verändern, indem man eine starke emotionale Reaktion und einen neuen Blick auf die Dinge erzwingt. Des Weiteren gibt es einen von dem Gedanken der Umweltgerechtigkeit bestimmten Ansatz, der den Zusammenhang von Umweltzerstörung, Luftverschmutzung und Unterdrückung bestimmter Klassen und Rassen in den Blick nimmt.¹¹

Aus Sicht eines Umweltschützers ist die heutige Zeit keine gute Zeit. Warum also überhaupt ein Projekt beginnen, das die Ökokritik kritisiert? Warum die schlummernden ökologischen Themen nicht einfach in Ruhe lassen? Es klingt doch wie ein absurder Witz: Der Himmel fällt uns auf den Kopf, die Erde erwärmt sich, das Ozonloch ist immer noch da; Menschen sterben an Verstrahlung und anderen Giftstoffen; Arten werden ausgelöscht, zu Tausenden pro Jahr; die Korallenriffe sind fast alle verschwunden. Riesige Weltkonzerne schicken sich an, Lebensgrundlagen wie Wasser und Gesundheitsversorgung in Besitz zu nehmen. Überall auf der Welt ist die Umweltgesetzgebung am Bröckeln. Wahrhaftig, eine perfekte Gelegenheit, sich zurückzulehnen und über Raum, Subjektivität, Umwelt und Poetik nachzudenken. Und doch, der Zeitpunkt könnte nicht geeigneter sein.

Warum überhaupt sich mit solchen Gedanken plagen? Manch einer ist der Ansicht, die Ökokritik habe, was hier »Theorie« genannt wird, so nötig wie ein Loch im Kopf. Andere halten dagegen, dass Ökokritik eine Durchlüftung absolut nötig habe. Um ihretwillen muss die Wissenschaft nachdenken – im weitesten Sinne Theorie treiben. Da Ökologie und Ökopolitik anfangen, weitere Formen der Wissenschaft, der Politik und der Kultur herauszubilden, müssen wir einen Schritt zurücktreten und bestimmte ideologische Faktoren der Ökologie überprüfen. Das genaue Gegenteil also von dem, was John Daniel meint, wenn er von einer Wiederverzauberung der Welt spricht:

Der Himmel fällt uns auf den Kopf. Die Erderwärmung ist unbestreitbar. Aber man kann die Leute nicht einfach zu den Waffen rufen und vorgeben, man habe einen Plan. Die Menschen möchten sich in ihrem Leben nicht abgewertet fühlen und sie möchten nicht, dass ihnen die Verantwortung für die Welt auf den Schultern lastet. Deshalb sollte man den Kindern lieber nicht beibringen, dass der Regenwald bedroht ist. Man sollte sie an den Bach hinterm Haus führen und ihnen die Wasserläufer zeigen.¹²

Wer so spricht, setzt Ästhetik als Anästhetikum ein.

Ökologische Anschauungen in Theorien zu überführen, heißt auch, das Denken auf Vordermann bringen. Verschiedene romantizistische und primitivistische Strömungen haben den ökologischen Kampf häufig als Verteidigung des »Orts« gegen das Vordringen des modernen und postmodernen »Raums« gedeutet. In gesellschaftlichen Strukturen und im Denken, so das Argument, sei der Ort erbarmungslos vom Raum zersetzt worden: Alles Feste löse sich in Luft auf. Doch wenn wir uns darüber keine gründlicheren Gedanken machen, wird der Schrei nach dem »Ort« wirkungslos im leeren Raum verhallen. Die Frage lautet doch, ob die »Wiederverzauberung der Welt« schöne Bilder produzieren oder eine politische Praxis hervorbringen soll.

Revolutionäre Bewegungen wie im mexikanischen Chiapas konnten in ihrem Bemühen, einen Ort der zersetzenden Wirkung der globalen Ökonomie zu entziehen, Teilerfolge erzielen. In der »dritten Welt« zeigen sich Umweltinitiativen häufig als leidenschaftliche Versuche, das Lokale gegen die Globalisierung zu verteidigen.¹³ Das Lokale jedoch einfach als Abstraktion oder aus ästhetischen Motiven zu feiern – örtliche Poesie in den Himmel zu loben, nur weil sie lokal begrenzt ist, oder eine ästhetisierte Ethik im Sinne des »small is beautiful« zu proklamieren –, ist im größeren Maßstab eher Teil des Problems als der Lösung. Bei unseren Vorstellungen des Lokalen handelt es sich um im Nachhinein geschaffene Fantasiegebilde, die von der zersetzenden Wirkung der Moderne bestimmt werden. Der Ort als solcher ist nicht verloren gegangen, auch wenn wir ihn als etwas Verlorengegangenes postulieren. Und selbst wenn der Ort, als reiches Beziehungsgeflecht zwischen fühlenden Wesen, tatsächlich (noch) nicht existieren würde, stellt er gerade jetzt einen Teil unserer Weltanschauung dar – und was, wenn er diese Anschauung im Grunde stützt? Ohne ein paar Rückzugsorte, in denen wir unsere Hoffnung unterbringen können, wären wir außerstande, mit der modernen Welt zurechtzukommen.

Darin liegt der cri de guerre des Buches. Bevor ich aber solche Ideen frontal angehe, veranstalte ich eine Reihe kleiner Manöver. Wenn es darum geht, wie wir über die Umwelt schreiben, gibt es nämlich Probleme im Kleingedruckten. Einzelne Stellen darin zu unterstreichen, schafft die größeren Probleme nicht aus der Welt, aber es ist ein brauchbarer Anfang. Das erste Augenmerk gilt dem, was in den Vereinigten Staaten von der gelehrten Welt und aus Marketinggründen als Nature Writing bezeichnet wird. Unter dieses Banner stelle ich einen Gutteil der Ökokritik, die, wenn sie nicht insgesamt für das Genre steht, geeignete Beispiele bereithält. Ich möchte nicht behaupten, dass Nature Writing die einzige Option darstellt. Doch wartet diese Literatur mit künstlerischen und philosophischen Lösungen auf, in denen sich die verschiedensten Themen ökologischen Schreibens in ihrer Gesamtheit kristallisiert finden. Das Buch nimmt aber noch weit mehr in Augenschein: Philosophie, Literatur, Musik, bildende Kunst und Multimedia, in einer immer weiter gehenden kritischen Analyse.

Ecocritique

Um eine Umwelt zu besitzen, muss man über einen Raum verfügen; um eine Idee von der Umwelt zu haben, braucht man Raumvorstellungen (und solche des Orts). Wenn wir die Vorstellungen, die wir von der Natur haben, einen Moment auf Eis legen und uns nicht vorschnell damit befassen, wird uns klarer werden, worin eigentlich genau die Idee der Umwelt besteht. Dies soll nicht heißen, dass übrig bleibt, was gemeinhin Umwelt genannt wird, wenn man Kaninchen, Bäume und Hochhäuser wegnimmt. Das wäre zu schnell gedacht für dieses Buch. Hier geht es nicht darum, eine Liste zusammenzuschustern, die dann als Natur bezeichnet würde, sondern es gilt, das Denken zu verlangsamen und die Liste beiseitezulegen – und sogar die Idee einer Liste infrage zu stellen. In Ökologie ohne Natur wird die Auffassung ernst genommen, echte theoretische Reflexion sei nur möglich, wenn sich das Denken entschleunigt. Das bedeutet keinesfalls, dass man taub und dumm werden muss. Es geht um das Auffinden von Anomalien, Paradoxen und Problemen in einem ansonsten ruhig fließenden Strom von Ideen.

Dieser Entschleunigungsprozess ist oft ästhetisiert worden. Nennt man ihn close reading, wird unterstellt, dass er sich etwa so wie Meditation auf den Leser in jeder Hinsicht gesundheitsfördernd auswirkt. Wie viele andere Formen der Kritik kennt auch die Ökokritik einen Kanon von Werken, die als Medizin besser taugen als andere. In Ökologie ohne Natur mag der Blick auf die Umweltliteratur zwar an Horizont gewinnen und Texte einschließen, die in dieser Hinsicht nicht normativ sind, doch das Buch vertritt den medizinischen Ansatz womöglich auf andere Art. Man kann sich die Lektüre gleich welchen Stoffs als heilenden Balsam vorstellen. Letztendlich jedoch ist die Theorie (und so gesehen die Meditation) nicht dafür gedacht, aus dem Leser einen »besseren Menschen« zu machen. Sie ist dafür gedacht, Heuchelei bloßzustellen oder zu untersuchen, wie sich weltanschauliche Illusionen festsetzen und behaupten können. Ökologie ohne Natur versucht also nicht, in selbstgefälliger Langsamkeit die Schildkröte des close reading zu übertreffen, um in einer Art Antiwettlauf einen ästhetischen Zustand meditativer Ruhe zu erreichen, den wir dann (fälschlich) mit »ökologischer Achtsamkeit« assoziieren könnten. Das ist vor allem deshalb von Belang, da eine ökologische Ethik auf einem meditativen ästhetischen Zustand aufbauen könnte, auf jenem »bewundernden Zuhören«, von dem Michel Serres hofft, es würde eines Tages »Herrschaft und Besitzstreben« ersetzen.¹⁴ Eine solche Ethik des Ästhetischen stand in den jüngsten Arbeiten von Autoren wie Elaine Scarry hoch im Kurs.¹⁵

Es geht nicht darum, einen besonderen geistigen Zustand zu erreichen. Es geht darum, gegen den Strom der vorherrschenden normativen Naturvorstellungen zu schwimmen, und zwar im Namen fühlender Wesen, die unter katastrophalen Umweltbedingungen leiden. Ich sage das mit allem gehörigen Respekt gegenüber den Tiefenökologen, die glauben, dass die Menschen, ohnehin nur eine Virusinfektion des Planeten, irgendwann in einer Aussterbewelle hinweggeniest werden und dass wir letztlich nichts anderes zu tun haben als uns gemütlich zurückzulehnen und gelassen zu bleiben – oder eben unseren eigenen Untergang zu beschleunigen; oder eben so zu handeln, als ob wir überhaupt keine Rolle spielen würden.

Ein echter theoretischer Ansatz verlangt, das Gebiet, das man behandelt, nicht hochnäsig von außen zu betrachten. Man muss sich intensiv auf es einlassen. Eine Haltung einzunehmen, die alle übrigen unberücksichtigt lässt, wäre allzu einfach: Es wäre eine naive negative Kritik, hinter der sich eine selbstgefällige Haltung verbirgt. Es ist ja schön, über die Begehrlichkeiten der anderen zu nörgeln, ohne sich die Determiniertheit der eigenen Wünsche

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