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Warum Hitler King Kong liebte, aber den Deutschen Mickey Maus verbot: Die geheimen Lieblingsfilme der Nazis

Warum Hitler King Kong liebte, aber den Deutschen Mickey Maus verbot: Die geheimen Lieblingsfilme der Nazis

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Warum Hitler King Kong liebte, aber den Deutschen Mickey Maus verbot: Die geheimen Lieblingsfilme der Nazis

Länge:
369 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
23. Sept. 2016
ISBN:
9783839301272
Format:
Buch

Beschreibung

Hitler ließ sich fast jeden Abend mehrere Spielfilme vorführen. Propagandaminister Goebbels stellte schönen Schauspielerinnen nach und versuchte nebenbei vergeblich, den deutschen Film auf Hollywood-Niveau zu bringen. Viele NS-Größen verfügten über private Kinosäle, in denen sie ungestört ausländische Musicals und Komödien genießen konnten. Gauleiter und Generäle bemühten abstruse Argumente, um den Zeichentrickfilm "Schneewittchen und die sieben Zwerge" sehen zu dürfen …

Volker Koop enthüllt in diesem Buch nicht nur die Lieblingsfilme des "Führers" und seiner Getreuen, sondern beschreibt auch, wie sich zahlreiche Filmschaffende bei den Nazis anbiederten und von deren Gunst profitierten.
Herausgeber:
Freigegeben:
23. Sept. 2016
ISBN:
9783839301272
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Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Warum Hitler King Kong liebte, aber den Deutschen Mickey Maus verbot - Volker Koop

Volker Koop

Warum Hitler

King Kong liebte,

aber den Deutschen

Micky Maus verbot

Die geheimen Lieblingsfilme

der Nazi-Elite

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten.

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist

ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere

für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und

die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in

weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.

ebook im be.bra verlag, 2016

© der Originalausgabe:

be.bra verlag GmbH

Berlin-Brandenburg, 2015

KulturBrauerei Haus 2

Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin

post@bebraverlag.de

Lektorat: Robert Zagolla, Berlin

Umschlaggestaltung: hawemannundmosch, Berlin

ISBN 978-3-8393-0127-2 (epub)

ISBN 978-3-89809-125-1 (print)

www.bebraverlag.de

Inhalt

Hitler und der Film

King Kong und Micky Maus

Der Filmgeschmack des deutschen Diktators

Goebbels

Ein Filmminister mit begrenzter Macht

»Er ist entzückt von ihr«

Stars und Sternchen unterm Hakenkreuz

Leni Riefenstahl

Hitlers Regisseurin

»Staatspolitisch wertvoll«

Filme zwischen Politik und Propaganda

»Verbotene Früchte«

Wie die NS-Elite die Filmzensur umging

Großes Kino

Architektonischer Größenwahn und technischer Fortschritt

Nachwort

Anhang

Hitler und der Film

Viele Menschen im sogenannten »Dritten Reich« mögen geglaubt haben, dass Hitler sich für sie aufrieb und auf die schönen Dinge des Lebens verzichtete, um sich voll und ganz seiner Aufgabe als Staatslenker und Kriegsherr zu widmen. Sie waren Opfer der nationalsozialistischen Medien, die das Bild eines heldenhaften »Führers« bis zum Exzess pflegten. Propagandaminister Joseph Goebbels verstand es meisterhaft, den Diktator in einer verklärenden, aber doch »volkstümlichen« Weise darzustellen, die allerdings nicht einmal in Andeutungen der Wirklichkeit entsprach. Aus der Tatsache, dass in Hitlers Arbeitszimmer oft bis tief in die Nacht hinein Licht brannte, konstruierte Goebbels beispielsweise die Legende, dass dieser sich auch dann noch für das Wohl des Staates aufrieb, wenn andere längst schliefen. Hätten seine Anhänger gewusst, womit der »Führer« seine Abende in Wirklichkeit oft verbrachte, wären sie wohl arg enttäuscht gewesen: Hitler sah sich um diese Zeit nämlich Filme an, vorwiegend Unterhaltungsfilme – oft drei oder mehr nacheinander.

Auf dem »Berghof« bei Berchtesgaden, in der Reichskanzlei in Berlin, aber auch im »Braunen Haus« in München hatte man für Hitler Vorführapparate und Leinwände installieren lassen, auf denen er sich die neuesten Erzeugnisse der in- und ausländischen Kinoindustrie zeigen ließ. Ist dies an sich schon ungewöhnlich genug, so mutet es noch merkwürdiger an, dass zu den Lieblingsfilmen des »größten Feldherrn aller Zeiten« ausgerechnet King Kong und Micky Maus gehörten. Seichte Unterhaltung – vor allem aus den USA – zog er ernsthaften Themen allemal vor.

Seiner engeren Umgebung war Hitlers Film-Obsession nicht nur bekannt, sie wurde von vielen auch gefürchtet. Denn in der Regel fanden die Kinovorführungen zu später Abendstunde statt und der Diktator erwartete von seinen Gästen, Ministern, Generälen und selbst von seinen Bediensteten, dass sie ihm dabei Gesellschaft leisteten – oftmals bis tief in die Nacht. So ist es auch kein Wunder, dass in den Memoiren seiner Entourage und seiner oftmals hochrangigen Besucher immer wieder Hinweise auf diese ausgeprägte Filmleidenschaft zu finden sind – und nicht zuletzt auch ausführliche Klagen darüber.

Ausgerechnet Hitler, der Millionen Menschen umbringen ließ und die Welt in einen mörderischen Krieg riss, vergnügte sich vorzugsweise mit harmlosen Spiel- und Zeichentrickfilmen aus Hollywood. Selbst nachdem Micky Maus und andere amerikanische Filmproduktionen längst aus den deutschen Kinos verbannt worden waren, ließ er sich dieses Vergnügen nicht nehmen. Aber auch Komödien, Liebesdramen und Musikfilme aus Deutschland gefielen dem Diktator. Zumindest bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs dürfte kaum ein deutscher Film produziert worden sein, den Hitler nicht gesehen hat. Bei einem »Konsum« von drei, manchmal mehr Filmen pro Abend lässt sich das leicht errechnen.

Ausländische Filme, die Hitler besonders zu schätzen schien, mussten – insbesondere zu Kriegszeiten – auf komplizierten Umwegen, häufig über die deutsche Botschaft im neutralen Schweden, besorgt werden. Während die Mehrheit der Deutschen kaum etwas von Hitlers Marotte ahnte, war man im Ausland informierter. So verbreitete die schwedische Zeitung Aftonbladet Insiderwissen, als sie am 10. Januar 1937 unter der Überschrift »Hitler will ein großes Blutbad im Film sehen« folgende Glosse veröffentlichte:

»Hitler hat ein kleines Privatkino in der Reichskanzlei in der Wilhelmstraße, wo er oft Filme sieht. Der Führer interessiert sich selbstverständlich in erster Linie für nationalsozialistische Propagandafilme, aber es werden dort auch rein dramatische Filme einem ausgewählten Kreis vorgeführt. Vor einiger Zeit sah der Führer in seinem kleinen Vorführungsraum den Tobis-Rota-Film Weiße Sklaven[1]. Hitler führte Klage darüber, dass die Szenen, die den kommunistischen Terror in einer Kleinstadt schilderten, viel zu zahmer Natur wären. Er gab dem Regisseur den Auftrag, neue Szenen nach seinem eigenen Entwurf zu drehen. Die letzten Tage war man denn auch außerhalb Berlins mit diesen Neuaufnahmen beschäftigt, und überall in den Filmateliers hat man die Leichen höher gestapelt und gewaltige Bajonettschlachten in Szene gesetzt.«[2]

Abgesehen von seiner persönlichen Begeisterung war für Hitler von Anfang an wichtig, dass der Film effektiver als Zeitungen oder Radio genutzt werden konnte, um die Massen im Sinne des Nationalsozialismus zu beeinflussen. Allerdings hatte er 1933 in einem Gespräch mit der Schauspielerin Toni van Eyck, die in dem sexualwissenschaftlichen Aufklärungsfilm Gefahren der Liebe[3] mit einer Hauptrolle besetzt war, bekannt: »Gewiss, ich will den Film auf der einen Seite voll und ganz als Propagandamittel ausnützen, aber so, dass jeder Besucher weiß: heute gehe ich in einen politischen Film. Genauso, wie er auch im Sportpalast nicht Politik und Kunst gemischt zu hören bekommt. Mir ist es zum Ekel, wenn unter dem Vorwand der Kunst Politik getrieben wird. Entweder Kunst oder Politik.«[4]

Tatsächlich waren von den knapp 1.100 Filmen, die in den Jahren 1933 bis 1945 in Deutschland gedreht wurden, nur 14 Prozent Propagandafilme im engeren Sinn.[5] Bei 47,8 Prozent der Filme handelte es sich um Komödien, bei 27 Prozent um Dramen und bei 11,2 Prozent um Abenteuerfilme. Unabhängig von der regulären Begutachtung durch die staatliche Filmzensur, hing es oft von Hitlers persönlicher Reaktion auf einen Film ab, ob dieser geschnitten werden musste und ob er überhaupt in die Kinos kam oder in den Archiven verschwand. Bei speziellen Filmvorführungen protokollierten SS-Männer Hitlers Reaktion und Äußerungen und gaben sie an das für das Filmwesen zuständige Propagandaministerium weiter. Wenn es hieß, Hitler habe eine Vorführung abbrechen lassen oder er sei »nach 100 m aufgestanden und gegangen« – damals wurde die Filmlänge in Metern und nicht nach Zeit gemessen –, dann bedeutete dies oft das Aus für den entsprechenden Streifen, verbunden mit hohen finanziellen Verlusten für die Produktionsgesellschaft.

Will man die Einstellung Hitlers zum Film untersuchen, muss man ebenso die Äußerungen und Aufzeichnungen der Menschen aus seiner engeren Umgebung als Quellen nutzen; das gilt nicht nur für Goebbels, sondern auch für die Verantwortlichen in der Filmwirtschaft und für Hitlers Adjutanten und Hausdiener. Soweit es um die Einschätzung und Einordnung politischer Sachverhalte geht, sind bei dieser Personengruppe erhebliche Zweifel hinsichtlich des Wahrheitsgehaltes ihrer Aussagen angebracht. Ihre Schilderungen von Hitlers Filmleidenschaft dürften jedoch weitgehend korrekt sein. Sie unterscheiden sich nur in Nuancen voneinander und decken sich im Übrigen auch mit den Erinnerungen damaliger Filmstars. Aus all diesen Mosaiksteinchen lässt sich ein Gesamtbild zusammensetzen, das einmal mehr das Mittelmaß Hitlers aufzeigt: Der Diktator richtete keine intellektuellen Ansprüche an die Streifen, die er sich ansah – und die oft unter schwierigsten Bedingungen und für viel Geld aus dem Ausland beschafft werden mussten.

Hitler war oberster Drehbuch- und Filmzensor, kümmerte sich um die Förderung schöner, von ihm verehrter Frauen und verband seine Filmleidenschaft mit seiner Rolle als Reichskanzler und »Führer«. Überall dort, wo Hitler sich über einen längeren Zeitraum aufzuhalten pflegte, mussten kostspielige Vorführräume eingerichtet werden; er besuchte Dreharbeiten, umgab sich auf seinen Empfängen mit Filmleuten und versorgte seine Günstlinge mit opulenten Aufträgen oder Renten. Von alledem durften die Deutschen nichts erfahren, weil es das Bild, das Goebbels sorgsam aufgebaut hatte, zerstört oder zumindest in Zweifel gezogen hätte.

Hitler ist als größter Massenmörder aller Zeiten in die Geschichte eingegangen. In kleinem Kreis bevorzugte er die simple Unterhaltung, und die war ihm durchaus gemäß.

King Kong und Micky Maus

Der Filmgeschmack des deutschen Diktators

Die Karriere eines Cineasten

Hitler wurde nicht erst als Reichskanzler zum Filmenthusiasten. Schon in den 1920er-Jahren, als er in München seine politische Karriere als Redner, Parteiführer und Putschist begann, war er ein regelmäßiger Kinogänger. Sein langjähriger Weggefährte Ernst Hanfstaengl notierte: »Die Abwechslung, der Hitler selbst im wildesten Trubel dieser spannungsgeladenen Zeit mit bemerkenswerter Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit nachging, waren seine Kinobesuche. Diese Gewohnheit behielt er auch in seinen Kanzlerjahren bei, und ihr zuliebe ließ er sogar wichtige Besprechungen ausfallen.«[1] Das deckt sich mit den Eintragungen in Goebbels’ Tagebüchern, die vor 1933 zahlreiche gemeinsame Kinobesuche mit Hitler verzeichnen; so waren die beiden zum Beispiel im Februar 1932 von einem Film mit Greta Garbo »ergriffen und erschüttert«.[2]

Seine Bewunderung für die großen Stars der Stummfilmzeit wie Greta Garbo, Henny Porten oder Pola Negri bewahrte sich Hitler zeitlebens. Auch daran wird deutlich, dass seine Karriere als Filmliebhaber früh begonnen haben dürfte. Reinhold Hanisch, sein Geschäftspartner aus Wiener Zeiten, berichtete sogar von einem Kinobesuch Hitlers um 1910.[3] Das erscheint nicht unwahrscheinlich, denn gerade in dieser Zeit erlebte das europäische Kino einen ersten Boom und erreichte mit zahlreichen Neueröffnungen und erschwinglichen Eintrittspreisen zunehmend auch die einfachen Bevölkerungsschichten der Arbeiter, Angestellten und Arbeitslosen – also genau das damalige Milieu des späteren Diktators. Die Faszination Hitlers für das neue Medium Film wird auch an vielen Stellen seines Pamphlets »Mein Kampf« deutlich, dessen erster Band im Juli 1925 erschien. Darin beklagte er sich etwa darüber, »wie in Theater und Kino, in Schundliteratur und Schmutzpresse Tag für Tag das Gift kübelweise in das Volk hineingeschüttet wird«[4] und beschrieb mehrfach seinen Abscheu beim Anblick der »Auslagen und Anschlagsäulen«, auf denen die »gräßlichen Machwerke für Kino und Theater« angepriesen wurden.[5] Was für eine Genugtuung muss es für ihn gewesen sein, als er nach 1933 den »Speisezettel unserer Kinos, Varietes und Theater« nach seinem eigenen Gusto bestimmen durfte. Ob er sein erklärtes Ziel, das Kulturleben – und damit auch den Film – »von dem erstickenden Parfüm unserer modernen Erotik (…) genau so wie von jeder unmännlichen prüden Unaufrichtigkeit« zu befreien,[6] tatsächlich erreichte, darf angezweifelt werden.

Bagatellniveau auf dem »Berghof«

In vielen Erinnerungen und Memoiren von Personen aus Hitlers Umgebung ist die Rede von Filmvorführungen mit ihm. Die im Folgenden zitierten Schilderungen zeichnen allerdings nur ein unvollständiges Bild; oftmals sind es nur einzelne Sätze, die auf Hitlers Manie verweisen. So erwähnt der NS-Chefideologe Alfred Rosenberg in seinen Tagebüchern ein einziges Mal, nämlich unter dem 18. März 1935, »dass er mit Hitler »einen Film im Saal des Führers« angesehen habe.[7] Es ist jedoch davon auszugehen, dass er häufiger an solchen Vorführungen teilhaben durfte und dass es anderen, von denen keine Tagebücher vorliegen, ähnlich erging.

Bei einer Wannsee-Fahrt, deren Datum nicht überliefert ist, unterhielten sich Hitlers Chefadjutant Julius Schaub, der Fotograf Heinrich Hoffmann und der Regisseur Veit Harlan über Hitlers Filmleidenschaft. An der Reling stehend und »tief aufatmend« sagte Schaub zu Harlan: »Glauben Sie nur nicht, dass ich ein schönes Leben habe. Ich habe mir gestern Abend drei – sprich: drei! – Filme ansehen müssen und heute früh wieder einen. Und das auf nüchternen Magen. Der Führer hat darin eine unbeschreibliche Ausdauer. Leider interessiere ich mich für Filme überhaupt nicht. Glauben Sie mir, ich sitze in einem goldenen Käfig, aus dem ich nie wieder in die Freiheit komme«[8] Hoffmann schloss sich der Klage an und beschwerte sich darüber, dass Hitler Filme, die ihm gefielen, immer wieder ansehe.[9] Ihm bleibe dann nichts anderes übrig als mitzumachen. Den Siegfried[10]-Film aus Fritz Langs Nibelungen-Epos habe Hitler mindestens zwanzigmal gesehen, die Komödien Die Finanzen des Großherzogs[11] und Die Feuerzangen-Bowle[12] (beide mit Heinz Rühmann) nicht viel seltener. Der Hinweis auf die Feuerzangen-Bowle ist – sollte es sich nicht um eine Verwechslung Hoffmanns handeln – insofern von Bedeutung, als damit deutlich wird, dass Hitler auch in den letzten Kriegsmonaten von seiner Filmleidenschaft nicht lassen mochte.

Hitler bei der Uraufführung des Films »Morgenrot« im Berliner Ufa-Palast, 1933.

Zu den engsten Vertrauten Hitlers gehörte Julius Schaub. 1920 in die NSDAP eingetreten, war er 1925 von Hitler privat als persönlicher Mitarbeiter angestellt worden und hatte im Oktober 1940 dessen bisherigen Chefadjutanten Wilhelm Brückner abgelöst. Das enge Verhältnis zu Hitler zeigte sich unter anderem daran, dass dieser Trauzeuge bei Schaubs zweiter Hochzeit war. Kaum einer war über viele Jahre so nah an Hitlers Seite zu finden wie Schaub, wenngleich ein Gericht später meinte, er sei lediglich ein »besserer Kammerdiener« gewesen. Was er in seinen Erinnerungen über Hitlers Verhältnis zum Film schreibt, kann daher als glaubwürdig eingeschätzt werden. Dies gilt auch für die Beschreibung eines ganz normalen Tagesablaufs auf dem »Berghof«, Hitlers 1928 gemieteten und 1933 gekauften Landsitz bei Berchtesgaden. Jeden Abend sei dort, so Schaub, »bis zum letzten Friedenstage« ein Film vorgeführt worden und Hitler habe sich jeden dieser Filme angesehen.[13] Anschließend hätten sich zwanglose Gruppen zur Unterhaltung zusammengefunden. Im eintönigen, immer wiederkehrenden Prozedere der »Berghof«-Abende habe es selten eine Abwechslung gegeben.[14] Wenn prominente Schauspielerinnen oder Schauspieler zufällig nach Berchtesgaden kamen, seien sie auf den »Berghof« eingeladen worden. Auch der damalige Direktor der Bavaria-Filmgesellschaft, Helmut Schreiber, sei zwei- bis dreimal dort erschienen. Schreiber, unter dem Pseudonym Kalanag zugleich ein erfolgreicher Magier und Illusionist, war Präsident des »Magischen Zirkels« und begeisterte Hitler dann oft mit Zauberkunststücken.[15]

Fritz Wiedemann, im Ersten Weltkrieg als Leutnant Hitlers Vorgesetzter und ab 1935 einer seiner Adjutanten, schilderte später, dass jeweils nach dem Abendessen der »unvermeidliche Film« gezeigt worden sei.[16] Wiedemann brachte allerdings Verständnis für die Marotte seines Chefs auf, denn Hitler habe Ablenkung gebraucht und nicht allzu oft in öffentliche Theater gehen können. »Aber warum mussten es nun täglich Filme sein?«, fragte er. »Das Jahr hat 365 Tage, und es gab nicht viele Tage, an denen die Filmvorführungen ausfielen.« Für die Adjutanten, also auch für ihn, sei es nicht immer einfach gewesen, neue Filme zu besorgen. »Uns standen zwar alle Filme zur Verfügung, die im Propagandaministerium einliefen, selbstverständlich auch die ausländischen, aber wie viele gute Filme gibt es überhaupt im Jahr? Somit war es also meist eine recht seichte Unterhaltung, mit der wir uns die ersten Abendstunden vertrieben. Immerhin vermittelten die vielen ausländischen Filme Hitler wenigstens einige Eindrücke über das Denken und die Lebensgewohnheiten anderer Völker.« Wiedemann vermutete, dass Hitler sich seine Meinung über die Kultur anderer Nationen und ihre Denkweise vorwiegend aus der Vielzahl der von ihm konsumierten Unterhaltungsfilme gebildet habe. Hitlers meist von Halbwissen geprägte Ausflüge in die Geschichte oder in Bereiche der Wissenschaft sprechen für die Richtigkeit dieser Einschätzung.

Die Entourage des »Führers« – v. r. n. l.: Albert Bormann, Martin Bormann, Julius Schaub und Hans Lammers, 1942.

Hitlers Luftwaffen-Adjutant Nicolaus von Below berichtete, dass sich die Adjutanten bemüht hätten, für die abendlichen Zusammenkünfte unterhaltsame Gäste zu finden, mit denen Hitler gern sprach. Auch er ging auf die Filmvorführungen ein, die im Anschluss an die Gespräche stattfanden: »Während des Essens legte der Diener die Liste der neuesten Filme vor. Goebbels ließ auch gute und internationale ausländische Filme auf diese Liste setzen. Die deutschen Filme waren oft noch nicht in den öffentlichen Filmtheatern gelaufen. Stand ein besonders guter neuer Film auf der Liste, kam es vor, dass Goebbels abends anwesend war, um Hitlers Ansicht über den Film kennenzulernen, auch um manchmal Hitlers Meinung zu beeinflussen. Der Film wurde im Musiksalon vorgeführt. Das in der Führerwohnung anwesende Personal, also Diener, Hausmädchen, Begleitkommando und wartende Fahrer von Gästen, konnte sich ebenfalls die Filme ansehen. Nach der Filmvorführung begab sich Hitler in das Rauchzimmer und nahm mit seinen Gästen und seinem Stab Platz vor dem Kamin. Es wurden Getränke nach Wunsch gereicht, vom Tee bis zum Sekt. Wenn der Abend lang wurde, gab es noch Gebäck und Schnittchen.«[17]

Auf dem »Berghof«: Hinter dem Gobelin befand sich die Filmvorführkabine.

Albert Speer, der Architekt, Reichsminister für Rüstung und Bewaffnung sowie Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt Berlin, beschrieb das räumliche Umfeld, in dem sich Hitler auf dem Obersalzberg nahezu Abend für Abend verlustierte.[18] Die Halle des »Berghofs« war vom Architekten Paul Ludwig Troost zwar sparsam, aber mit überlebensgroßen Möbeln eingerichtet worden: mit einem Schrank von über drei Metern Höhe und fünf Metern Länge für Ehrenbürgerbriefe und Schallplatten, mit einer Glasvitrine von klassizistischer Monumentalität sowie mit einem mächtigen Uhrengehäuse, das von einem bronzenen Adler gekrönt war. Speer sind weitere Details zu verdanken: »Es gab zwei rot bezogene Sitzgruppen, die eine, im rückwärtigen Teil des Raumes, war durch drei Treppenstufen abgesetzt und um einen Kamin gruppiert; die andere, in der Nähe des Fensters, umgab einen runden Tisch mit einer Glasplatte zum Schutz der furnierten Tischplatte. Hinter dieser Sitzgruppe befand sich die Filmvorführkabine, deren Öffnungen durch einen Gobelin verborgen waren; an der gegenüberliegenden Wand stand eine mächtige Kommode, in die Lautsprecher eingebaut waren und auf der eine große Bronzebüste Richard Wagners von Arno Breker stand.«

Zu den Filmen reichte man Sekt und Schnittchen.

Ins Detail gehend ist Speers Schilderung der eigentlichen Filmabende: »Wir setzten uns auf Sofa oder Sessel einer der Sitzgruppen, die zwei Gobelins wurden hochgezogen, und mit den auch in Berlin üblichen abendfüllenden Spielfilmen begann der zweite Teil des Abends. (…) Gelegentlich wurden die Filme besprochen, wobei die weiblichen Darsteller vorwiegend von Hitler, die männlichen von Eva Braun beurteilt wurden. Niemand gab sich die Mühe, das Gespräch über das Bagatellniveau hinaus anzuheben und beispielsweise etwas über neue Ausdrucksformen der Regie zu äußern. Allerdings gab die Auswahl der Filme dazu auch kaum Anlass, es waren durchweg Unterhaltungsprodukte. Filmische Experimente der Zeit dagegen, wie der Michelangelo-Film[19] von Curt Oertel beispielsweise wurden, jedenfalls in meiner Gegenwart, niemals gezeigt. Später im Krieg verzichtete Hitler auf die abendliche Filmvorführung, denn er wollte, wie er sagte, ›aus Mitgefühl mit den Entbehrungen der Soldaten‹ auf seine Lieblingsunterhaltung verzichten. Stattdessen wurden Schallplatten aufgelegt.«

»Abbrechen! So ’nen Quatsch.«

Hitlers Hausverwalter Herbert Döhring schilderte die abendlichen Rituale auf dem »Berghof« so: »Vor dem Krieg wurde um halb sieben gegessen und nach dem Essen begannen die Filmvorführungen. Es wurden meistens zwei Filme angeschaut und zusätzlich wurde noch die Deutsche Wochenschau gezeigt. Ich kann mich noch erinnern, dass einer seiner Lieblingsfilme Carl Peters[20] mit Hans Albers in der Hauptrolle war. Hitler nahm mit seinen Gästen Platz, und oft wurden noch zusätzlich Stühle aufgestellt, damit das gesamte Personal sich die Filme auch anschauen konnte. Er hat oft gewartet, bis die letzten Nachzügler vom Personal eingetroffen waren. Mit dem Kriegsbeginn im September 1939 änderte sich alles schlagartig. Es wurden keine Unterhaltungsfilme mehr angesehen, sondern nur noch die aktuellen Wochenschauen.«[21] Ähnlich beschrieb es Hitlers Leibfotograf Heinrich Hoffmann: »Nach dem Abendessen wurden häufig Filme vorgeführt. Die anschließenden Gespräche am Kamin dehnten sich bis weit über die Mitternachtsstunde aus.«[22]

Kammerdiener Karl Wilhelm Krause bezeichnete es als seine Aufgabe, Hitler während des Abendessens eine Liste mit vier bis sechs Filmen vorzulegen, die in der Regel das Propagandaministerium zur Verfügung gestellt hatte.[23] Hitler bestimmte dann, welche Filme er sehen wollte. Im Raucherzimmer wurde noch rasch eine Tasse Kaffee serviert, bevor man den Musikraum für die Filmvorführung herrichtete. Es liefen jeweils bis zu drei Filme: »Entsprach der Film dem Geschmack Hitlers nicht, musste ein anderer Film eingesetzt werden. Hitler brach dann die Vorführung etwa mit den Worten ab: ›Abbrechen! So ’nen Quatsch! Den nächsten!‹ Adolf Hitler hat bis Kriegsanfang jeden Film in- und ausländischer Produktion, der in Deutschland gelaufen ist, gesehen. Er sah auch Filme, über welche sich die Filmprüfstelle des Propaganda-Ministeriums im Hinblick auf die Freigabe für Deutschland noch nicht einig war. Hitler fällte dann selbst die Entscheidung.«[24]

Reichspressechef Otto Dietrich war ebenfalls häufig zu Gast bei Hitlers Filmabenden, an die sich lange nach Mitternacht – selten früher, oft später – die nächtliche Kaminunterhaltung anschloss. »Hitler hat im Frieden an jedem Abend nach dem Essen in Gesellschaft seiner Gäste sowohl in Berlin in seinem Kinosaal

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