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Erinnerung: an eine Jugend in außergewöhnlicher Zeit. 1930-1955

Erinnerung: an eine Jugend in außergewöhnlicher Zeit. 1930-1955

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Erinnerung: an eine Jugend in außergewöhnlicher Zeit. 1930-1955

Länge:
281 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 1, 2007
ISBN:
9783905960143
Format:
Buch

Beschreibung

1923, in Pforzheim geboren, berichtet Rut Hense von ihrer schönen Kindheit, auch im Südbadischen und in Kehl sowie bei Besuchen in Ostpreussen, wo sie bei den Grosseltern eine andere Welt kennenlernt. Die Zwangsversetzung ihres Vaters in das Saargebiet – aus politischen Gründen – bedeutet auch für sie in vielerlei Hinsicht eine Zäsur.
Als Führerin bei den Jungmädeln lernt sie schon früh die Auswirkungen des Unrechtssystem kennen und lehnt etwas später die ihr angebotene Parteikarriere ab.
Mit Beginn des Krieges wird ihr Erleben immer facettenreicher. Zuerst im Zusammenhang mit Ihrer Tätigkeit in Metz, als Angestellte einer deutschen Krankenkasse, dann als Junglehrerin an einer Volksschule in Lothringen und weiter, als Lehrerin und Betreuerin evakuierter deutscher und holländischer Kinder in Thüringen, in der Kinderlandverschickung.
Ihre Kontakte mit Juden, Angehörigen der SS, Inhaftierten des KZ Buchenwald, Goldfasanen und Angehörigen der Deutschen Wehrmacht geben vielfältige Einblicke in das damalige Geschehen. Auch die Eindrücke auf ihren Reisen nach Polen und in die Tschechoslowakei, noch kurz vor Kriegsende, schildert sie mit offenen Augen.
Ein beherrschendes Thema sind nicht zuletzt die Kriegsereignisse und die damit verbundenen, bedrückenden Erfahrun-gen.
Doch das Kriegsende brachte mit der Lagerhaft ihres Vaters und Zwangsausweisung aus dem Saargebiet, Unterbringung der Familie in einem Lager und schliesslich dem Leben als Vertriebene in Südbaden, die schwersten Prüfungen über die Autorin. Erst nach jahrenlangem, zähen Durchringen und Beendigung einer missratenen Ehe, bietet die Zeit des beginnenden Wirtschaftsunders ihr endlich die Möglichkeit eines normalen Leben

Die „verlorene“ Generation, die zu Beginn des zweiten Weltkriegs ihr Leben in die eigene Hand nehmen wollte kommt hier zu Wort.
Exemplarisch werden Zwänge und Entwicklungen, die ihr junges Leben fremdbestimmt beherrschten, beschrieben.
Ihre Jugend hat sie dabei mit dem traumatischen Erlebnis des Krieges und der schlimmen Nachkriegszeit eingebüsst.
Schicksalhaft wurden absolute Notwendigkeiten früh Bestandteile Ihres Handelns
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 1, 2007
ISBN:
9783905960143
Format:
Buch

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1923, in Pforzheim geboren, berichtet Rut Hense von ihrer schönen Kindheit, auch im Südbadischen und in Kehl sowie bei Besuchen in Ostpreussen, wo sie bei den Grosseltern eine andere Welt kennenlernt. Die Zwangsversetzung ihres Vaters in das Saargebiet – aus politischen Gründen – bedeutet auch für sie in vielerlei Hinsicht eine Zäsur.

Als Führerin bei den Jungmädeln lernt sie schon früh die Auswirkungen des Unrechtssystem kennen und lehnt etwas später die ihr angebotene Parteikarriere ab.

Mit Beginn des Krieges wird ihr Erleben immer facettenreicher. Zuerst im Zusammenhang mit Ihrer Tätigkeit in Metz, als Angestellte einer deutschen Krankenkasse, dann als Junglehrerin an einer Volksschule in Lothringen und weiter, als Lehrerin und Betreuerin evakuierter deutscher und holländischer Kinder in Thüringen, in der Kinderlandverschickung.

Ihre Kontakte mit Juden, Angehörigen der SS, Inhaftierten des KZ Buchenwald, Goldfasanen und Angehörigen der Deutschen Wehrmacht geben vielfältige Einblicke in das damalige Geschehen. Auch die Eindrücke auf ihren Reisen nach Polen und in die Tschechoslowakei, noch kurz vor Kriegsende, schildert sie mit offenen Augen.

Ein beherrschendes Thema sind nicht zuletzt die Kriegsereignisse und die damit verbundenen, bedrückenden Erfahrungen.

Doch das Kriegsende brachte mit der Lagerhaft ihres Vaters und Zwangsausweisung aus dem Saargebiet, Unterbringung der Familie in einem Lager und schliesslich dem Leben als Vertriebene in Südbaden, die schwersten Prüfungen über die Autorin. Erst nach jahrenlangem, zähen Durchringen und Beendigung einer missratenen Ehe, bietet die Zeit des beginnenden Wirtschaftsunders ihr endlich die Möglichkeit eines normalen Lebens.

Bibliographische Information Der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar

All rights reserved

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere der Übersetzung,

des öffentlichen Vortrags sowie

der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen.

Das Kopieren für private Zwecke ist erlaubt.

Copyright © 2007

Neu durchgesehene Ebook-Ausgabe © 2010

Verlag Universal Frame GmbH, Zofingen

www.universal-frame-verlag.ch

ISBN 9783905960020

Erinnerung ist die Dankbarkeit des Herzens. So möchte ich das Bewußtsein an meine Jugend verstanden wissen. 1930 bis 1955 bewußt gelebten Lebens, das die Angehörigen meiner Generation in besonderer Weise hinter sich haben, sollten es erlauben die persönliche Sicht dieser Zeit, wie sie individuell erlebt und erlitten wurde, darzulegen. Nach und nach sterben die Zeitzeugen aus. Zurück bliebe ohne deren Korrekturen ein politisch gefärbtes Bild, das bis heute keine Ausgewogenheit zuläßt. Political Correctness dominiert. Darf sie aber für alle Zeit zum unumstößlichen Maßstab werden? Bestimmt sind viele Meinungen von den Ansichten der Sieger, die keineswegs immer objektiv waren, im Gegenteil oft genug auch eigene Schuld zu kaschieren suchten. Die Summe zeitgenössischer Berichte, aus der Distanz von Jahrzehnten und dennoch haarscharfer Erinnerung muß das bestehende Bild relativieren, es glätten, wahrscheinlicher und menschlicher machen. Im Leben, wie in der Geschichte versteht sich nichts von selbst. Die kommunistischen Systeme sind an sich selbst zugrunde gegangen. Das nationalsozialistische Regime ist zum Sinnbild größter Verbrechen geworden. Es gibt in aller Welt diese liebgewonnene Ansicht. Wieweit sie eine gezielte Darstellung der Sieger ist, bleibt eine andere Frage. Es ist immer gut einen Sündenbock zu haben. Dahinter können sich dann leicht die eigenen Fehler, schweren Verirrungen, unleugbare Kriegsschuld verbergen lassen.

Wir leben nicht in archäologischer Dunkelheit. Es wird einmal eine realistischere Sicht möglich werden, die geschichtlich gemäße, nicht feindlich oder ideologisch überzogene Wertungen zuläßt.

Der Zusammenbruch der stalinistischen Welt hat schon manches vorher mit Infamie Festgezurrte zurechtgerückt. Geheime Archive wurden geöffnet, noch viel zu wenige und peu a peu kamen auch andere Tatsachen, wissenschaftlich nachgewiesen, ans Tageslicht. 60 Jahre sind vergangen seitdem der 2. Weltkrieg Geschichte ist, Fairneß gegenüber dem Kriegsverlierer ist nicht eingekehrt. Er hat den Krieg verloren und auch in aller Regel für lange Zeit seine Ehre.

Menschenrechtsverletzungen des letzten Krieges von seiten der damaligen Feinde und die anschließende für uns rechtlose Zeit, die heute, solange sie Deutsche trafen, als notwendige Maßnahmen der Sieger gelten, habe ich zu viele erlebt. Ich bin nicht bereit sie als einfach gegeben, schweigend zu vergessen, wie sie uns Deutschen, je weiter die Zeit und ihre Ereignisse vom Krieg hinwegführen, mehr und mehr angelastet werden. Längst ist alles Geschehen in einen diffusen Nebel getaucht und wir Dabeigewesenen haben unser Leben gelebt und weitgehend vergeben gelernt. Doch will ich darüber berichten, damit ich meinen Kindern und vielen anderen jungen Menschen meine Erfahrungen darstelle um sie anzuregen, sich selbst ein eigenes Bild meiner Generation und der Generation vor mir zu machen. Heute nennt man uns „Tätergeneration". Infam.

Die Zwänge, die uns trafen waren anderer Art als die heutigen, aber ebenso unausweichlich. Die jungen Menschen heute müssen mit den heutigen Verhältnissen klarkommen. Auch ihnen ist es nicht möglich sie grundlegend zu ändern und würden sie es versuchen, was bräche da über sie herein.

Was heute existiert, findet die Erklärung im Gestern. Was so oft beschrieben wird ist nur ein Teil einer Wahrheit. Meine Geschichte wiederum ist Teil einer anderen Wahrheit, wie sie Millionen ähnlich erlebt haben. Möge sie zum Überdenken anregen, denn es war eine Zeitphase weltpolitisch konträrer Ansichten, blutigster Auseinandersetzungen und eines entsetzlichen Krieges, in dem jeder, wohin er auch gestellt war, seine Pflicht zu erfüllen hatte. Es gab kein Ausweichen, keinen Ausweg. Kaum einer konnte ein privates Leben führen. Eine ungeheure Modernisierung war damit verbunden, technisch und kulturell. Wir standen mitten darin, hatten alles ohne direkte Schuld hinzunehmen und dennoch Akteure zu sein.

Ich beschreibe, was mir am Herzen liegt vor allem im Erinnern an meine Eltern, deren Schicksal und Leben durch die politischen Ereignisse jener Zeit schwer bestimmt, eingeengt und auf weite Strecken einen traurigen Verlauf genommen hat. Nur relativ wenige Jahre konnten sie sich eines normalen Lebens ohne politische Wirren, ohne Kriege und schwere Nachkriegszeiten ihres Lebens freuen. Eigentlich waren es nur ihre Kinderjahre bis zum ersten Weltkrieg. Später, in den Jahren zwischen den beiden Kriegen, nachdem die harte Inflationszeit und die deutschen Notjahre mit riesigen Arbeitslosenzahlen und den desaströsen Reparationsleistungen überstanden waren, ging in der kurzen Friedenszeit unter dem Nationalsozialismus ein Aufatmen durch den größten Teil der deutschen Bevölkerung. Viele kamen schnell zu Arbeit und Brot. Man kann es nicht deutlich genug sagen: Millionen Menschen kam die soziale Verbesserung in den Friedensjahren des „dritten Reiches" als Befreiung aus fehlender Lebensperspektive und drückender Armut vor. Die heutigen hören das nicht gern, doch es ist eine Tatsache.

So auch ist die Zustimmung zu Hitler in erster Linie zu erklären und manches, was den Leuten nicht gefiel, zum Beispiel der Rassenfanatismus mit der Diskreditierung der Juden, wurde mit der Beschwichtigung „es würde alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird" als unschöne Begleiterscheinungen hingenommen.

Die Verständnislosigkeit besonders der nachgeborenen 68iger gegenüber ihren Eltern oder im Andenken an ihre gefallenen Väter ist mir immer als fassungslose Inhumanität erschienen. Diesen Menschen fehlen alle Hintergründe und ihre materielle Welt kennt nur sich selbst. In dem Augenblick, in dem sie etabliert sind, nimmt alles um sie her eine andere und hochmütige Dimension an.

In vielen Gebieten Deutschlands war ein Judenthema gar nicht relevant, weil es dort fast keine Juden gab. Man hätte den Anfängen sofort entgegentreten müssen, als die unsäglichen Plakate des „Stürmers an allen Litfaßsäulen auftauchten, die aber nicht nur die Juden gehässig diffamierten sondern auch mit Infamie die „Pfaffen mit genau der gleichen Gemeinheit anprangerten. Die Hetzangriffe gegen die „Pfaffen ließen nach und so hoffte man, daß auch die Kampagnen gegen Juden aufhören würden. Die Ermordung des Gesandschaftsrates von Rat 1938 in Paris bot jedoch der arisch verbohrten Reichsregierung ein neues Muster, ihre „völkischen Ziele radikal zu verwirklichen.

Der Grund dieser Mordtat lag im Verhältnis zu Polen, das schon in den 20er Jahren Pogrome gegen Juden veranstaltet hatte, so daß viele tausend Juden in das verarmte Deutschland flüchteten, die nun nicht mehr geduldet werden sollten. Mit Entsetzen sahen das sehr viele Deutsche, doch sie waren bereits der herrschenden Wirklichkeit ausgeliefert, die brutal zum Vorschein kam. Es wurde deutlich, daß eine Diktatur das Heft in die Hand genommen hatte und der Einzelne ohnmächtig war. Er hatte sich zu fügen. Nur wer jemals eine Diktatur erlebt hat kennt diesen Zustand.

Daß es nicht mehr möglich war als anständiger Mensch für seinen Nachbarn, Bekannten, Freund oder Kriegskameraden einzustehen, dem sehr schnell allmächtig gewordenen totalitären System Grenzen bewußt zu machen, ohne seine Existenz und Familie zu gefährden, hätte sich niemand träumen lassen und war nicht im Sinne vieler Deutscher. Die Etablierung der inzwischen Herrschenden war aber bereits weit gediehen. Vieles, was vor allem im sozialen Bereich veranlaßt worden war, war hilfreich der breiten Masse entgegengekommen. Man mußte feststellen, daß Deutschland der erste wirklich soziale Staat Europas geworden war.

Besonders traf das den „kleinen Mann. War er früher Kommunist, so machte er nun eine Wandlung durch. Seine persönlichen Lebensverhältnisse hatten sich merklich verbessert. Das honorierte man und die stattfindenden Wahlen zeigten dies überdeutlich. Die Zustimmung der Wähler zeigte sich bereits im März 1935 mit 40% der Stimmen. So sah man über die „kleineren Übel hinweg. Die allermeisten waren ja davon nicht betroffen. Das Wort „Krieg", das jetzt gelegentlich auftauchte, aber von außen kam, hatte so kurz nach dem verlorenen ersten Weltkrieg, mit gerade für uns Deutsche so schweren Folgen, etwas völlig Irrationales. Niemand glaubte an diese furchtbare Möglichkeit, noch weniger wurde sie herbeigewünscht. Krieg, das wollte niemand, der letzte war noch zu nah. Krieg war überhaupt kein Thema.

Geboren bin ich 1923 in Pforzheim, zwei Stunden vor meinem Zwillingsbruder Günter. Es waren Tage ärgster Not, als die deutsche Währung keinen Pfifferling wert war. Mein Vater war Beamter und so lebten meine Eltern in immerhin relativ gesicherten Verhältnissen, gemessen an dem Elend vieler anderer. Doch zwei Kinder auf einmal geschenkt zu bekommen, das war schwer zu verkraften. Das erste Kind, mein Bruder Kurt, war erst eineinhalb Jahre alt und Mangel war in diesen Zeiten an Allem und Jedem.

Mein Vater war zu diesem Zeitpunkt 26 Jahre alt, die Mutter 24 Jahre, so waren beide noch sehr jung. Nun standen sie vor der Aufgabe in so schwerer Zeit, drei Kinder aufziehen zu müssen. Verwandte waren keine in Reichweite. Hilfe kam von den Hauseigentümern, einem jüdischen Ehepaar, Exportkaufmann Moser und seiner Frau, die die junge Familie unterstützten. Viele Jahre später, nach dem Krieg, war Herr Moser einer der wichtigsten Fürsprecher meines Vaters. Welche Repressalien er im Dritten Reich durchzustehen hatte, weiß ich nicht, er war einer der Wenigen, der in Pforzheim als Jude mit seiner Familie den Krieg überlebte.

Geheiratet haben meine Eltern im Frühsommer 1921 in Freiburg. Die Braut war evangelisch, der Bräutigam katholisch. Beide stammten aus Familien, die über Generationen ihren christlichen Glauben pflegten und bewahrten. Die katholische Familie meines Vaters sah diese Verbindung aber mit großer Skepsis, ja sogar mit Abneigung. Die protestantischen Eltern meiner Mutter im fernen Ostpreußen aber erkannten mit Toleranz diese „Mischehe als natürliches Lebensbündnis an. Im katholischen Badischen war es auf dem Lande damals noch fast unmöglich eine „Evangelische zu heiraten, dazu noch eine „Preußin". Das war ein halbes Verbrechen .

Die liebevolle Mutter meines Vaters, das „Müeterli, die vor langen Jahren schon ihren Mann verloren hatte, nahm dennoch die fremde Schwiegertochter freundlich auf und gab sich zufrieden, als man ihr sagte, die Trauung wäre katholisch vollzogen worden und dazu noch im Freiburger Münster, was nicht der Wahrheit entsprach. Ihr „Albertle würde schon seine richtige Wahl getroffen haben. Das Nesthäkchen hatte einen besonderen Platz in ihrem Herzen.

Das Paar war jedoch protestantisch und in der Freiburger Christuskirche getraut worden. Das schöne Hochzeitsbild, Vater in straffer, soldatischer Haltung, daneben die schmale, ernste, preußische Braut ist für mich Sinnbild ihrer Ehe. Keusch ging sie, das betone ich besonders, in die Ehe, was mir mein Vater später einmal anvertraute. Das sei für sie als Braut und Preußin wichtig gewesen. Die preußische Erziehung und Haltung hat das Leben meiner Mutter immer bestimmt und auch auf uns Kinder seine Wirkung nicht verfehlt. Das alemannischbadische und warme Temperament meines Vaters war mit einem gewissen Laissezfaire Ausgleich. Wir Kinder konnten uns ausgewogen, mit Liebe und Verständnis, Maß und Ziel erzogen betrachten. Wir haben eine frohe und glückliche Kindheit gehabt. Das danken wir in hohem Maß meiner Mutter, die aufopferungsvoll immer bereit war, ihr eigenes Leben hinter das unsere zu stellen. Auch das sehe ich als Teil preußischer Erziehung an, erst die Pflicht, dann das Vergnügen., wobei diese Einteilung als ganz normal und selbstverständlich empfunden wurde.

Eine gewisse Strenge in den Prinzipien zu Disziplin und Pflichterfüllung empfanden wir nicht als einengend, sondern als Maßstab und Wert zu einer förderlichen persönlichen Entfaltung. Es blieb uns noch viel Spielraum für unseren eigenen Charakter, unsere Neigungen und unsere Interessen, Auch ich habe mich später bei meinen Kindern an diese Norm gehalten, was sie dann oft, wie sie mir frank und frei gestehen, als autoritär und dogmatisch empfanden. Allzu viel kann ich aber nicht falsch gemacht haben, denn wir alle hatten und haben immer ein schönes, freies Verhältnis zueinander.

Wenn ich auf meine Jugend zurückschaue, bin ich meinen Eltern dankbar für ihre Leit- und Wertmaßstäbe, die meine moralischen und ethischen Ansichten fürs Leben gefestigt haben. Weil uns gezeigt wurde wo Grenzen waren, konnten wir unbefangen und fröhlich unsere schöne Kindheit erleben und frei ins Leben gehen.

Mein Vater hatte sehr früh, mit fünf Jahren, seinen Vater verloren. Er war das letzte von fünf Kindern und der Augapfel seiner Mutter. Er wuchs behütet und umsorgt in einem dörflichen Gemeinwesen auf, wo nahezu jeder jeden kannte. Ich habe dieses homogene Dorfleben im ländlichen Baden, wo der anheimelnde alemannische Dialekt gesprochen wurde, während meiner Kindheit in den Schulferien gerne erlebt und denke voll Dankbarkeit daran. Wie hat sich aber alles verändert. In diesem alemannischen Heimatdorf meines Vaters war noch viel vom Stil und der Art zu finden wie sie Tomi Ungerer in seinen Zeichnungen und Büchern aus dem Elsaß so nostalgisch beschrieben hat. Der Unterschied zum elsässischen Leben jenseits des Rheins und dem diesseitigen in Baden war nicht allzu groß. Hier wie dort sprach man alemannisch und auch die Mentalität ist eine ähnliche.

Heute liegt ganz in der Nähe, nur einige Kilometer entfernt, der erlebnisreiche Europapark. Dort hatte ich einmal in den Sommerferien mit meinem Bruder vor dem romantischen Schlößchen gestanden und am schönen Haustor geklingelt, hatten wir doch den ein wenig anmaßenden Wunsch, das Schloß besichtigen zu wollen. Es befand sich in privatem Adelsbesitz und solch ein Anliegen war höchst ungewöhnlich, aber die überaus freundliche Kustorin nahm sich die Zeit, uns alle wunderschönen Räume zu zeigen, selbst die äußerst privaten, hocheleganten Schlafzimmer. Die Schloßherren waren gerade auf Weltreise. An dieses liebenswürdige Erlebnis denke ich zurück wenn ich die laute Veränderung dort sehe.

Wir Kinder waren gerne in den Ferien „auf dem Land". Es war alles viel freier als zu Hause. Fast das ganze Dorf war unsere Spielwiese, weil die Verwandten verschiedene Höfe hatten und wir in allen zu Hause waren. In großer Freiheit konnten wir tun, was uns gerade in den Sinn kam. Unsere Eltern wußten selten wo wir uns gerade befanden und sie brauchten sich auch keine Sorgen zu machen, wir waren überall in guter Obhut. So stellten wir uns erst am Abend zum Schlafen wieder ein. Es gab für uns viel Abwechslung und Interessantes zu sehen und erleben. Immer wurden wir auch irgendwo zum Essen eingeladen. Überall schmeckte es ein wenig anders. So kannten wir fast das halbe Dorf. Viele Tiere, Hunde und Katzen, Hasen, Hühner, Enten, Gänse, Kühe, Pferde und kleine Kälbchen, Schweine und Igel waren zu beobachten, man konnte sie streicheln und füttern. Es gab einfach immer etwas Besonderes für uns zu entdecken. Das konnte die Stadt nicht bieten.

Das Leben in dieser bäuerlichen Welt war eben ein anderes als das in der Stadt. Die „Städter und die Landbevölkerung trennte noch ein nicht geringer kultureller Unterschied. Die neumodischen, städtischen Allüren waren auf dem Lande verpönt und ich weiß noch, wie ich wegen meiner Kurzhaarfrisur, schön als Pony geschnitten, von den Dorfmädchen ausgelacht wurde. Man rief „ Pfui, pfui, Bubikopf, schön, schön, Hängezopf. Aber sonst mochten sie mich gern und es gab beim Spielen keinen Unterschied.

Wir sind auch gerne mit „aufs Feld" gegangen um mitzuhelfen, sei es die Schnüre für die Garben auszulegen, wenn die Männer das Getreide mit der Sense geschnitten hatten, die liegengebliebenen Ähren aufzulesen oder oben auf dem schwankenden hoch beladenen Wagen sitzend, den Duft des frischen Heus oder der eingebrachten Ähren zu atmen. Es war heiß auf den Feldern, die Sonne brannte und die harten, geschnittenen Halme stachen uns in unsere bloßen Beine. Das machte nichts. Es gehörte dazu.

Die gemeinsame Arbeit machte uns Freude. Wir waren voll und ganz dabei. Es gab einen Imbiß am sommerlichen Feldrain und einen kühlen Schluck Most aus dem eichenen „Gitterle, einem Fässchen von etwa fünf Liter Fassungsvermögen, extra zum Mitnehmen aufs Feld vom Küfer angefertigt, das man in jeder bäuerlichen Familie vorfand. Es sorgte dafür, das Getränk lange kühl zu halten. Viele Gerüche und kleine Begebenheiten verbinden sich mir mit diesen Erlebnissen und sie lassen mich auch die Jugend meines Vaters und seine unermüdliche Liebe zu seiner Heimat verstehen. Es war schön, abends mit allen zusammen in der Scheune zu sitzen, den „Tuwak, das heißt, den dort angebauten Tabak auf Schnüre zu ziehen, damit er zum Trocknen in die luftigen Schober gehängt werden konnte. Da ging es fröhlich zu, es wurde von alten Zeiten erzählt und manche Gruselgeschichte machte die Runde, um uns Kinder in Atem zu halten. Dazwischen gab es das unvermeidliche Glas „Moscht", der zu jeder Tages- und Nachtzeit getrunken wurde und in manch einer Familie schließlich ein erbliches Todesurteil sprach, ähnlich wie in den Weinbaugebieten Frankreichs. Bei aller harter Arbeit war das Leben auf dem Lande doch auch gemütlich.

Fahre ich heute auf der Autobahn an Grafenhausen vorbei, so kommen mir immer die Bilder von damals in den Sinn, die Atmosphäre der stillen Ebene und das damals Unverbaute der Landschaft. 70 bis 75 Jahre sind darüber hinweggegangen, vieles hat sich verändert, Industrie ist hinzugekommen. Das Dorf ist hektisch und geschäftig, mit viel Verkehr und Umtrieb. Das damals Warme und Herzliche, Gelassene und Geruhsame suche ich und kann es nicht mehr wiederfinden. Perdu.

Der Himmel darüber ist aber noch derselbe, die Stimmungen im Ried oder im Hanauerland noch immer zu Herzen gehend. Die Faszination der Wolkenbildung, die mich als Kind schon begeisterte und der ich verzaubert nachschaute mit ihren oft fantastischen Farbtönen, wie sie über der Rheinebene stehen können. Das erlebe ich auch heute noch, wenn ich auf der Rheintalstrecke fahre. Auch in Heidelberg, wo wir später lebten und meine Kinder geboren wurden, habe ich diese Begeisterung empfunden, weil auch hier der Himmel eine besondere Dimension hat. Ist der Himmel nicht überall gleich? O nein, es gibt schon Unterschiede, zum Beispiel zu Ostpreußen. Ich liebe diesen schönen Teil Badens und er ist mir noch immer ein Stück Heimat.

Vor dem Elternhaus meines Vaters, 1721 erbaut, etwa zu gleicher Zeit als die preußischen Vorfahren meiner Mutter ihre angestammte Heimat im Salzburgerland aufgaben, stehe ich gelegentlich. Das Haus steht unter Denkmalschutz. Es ist ein typisches Hanauer Fachwerkhaus, wie man es ähnlich drüben im Elsaß findet. Familiengenerationen haben es bewohnt. Es leben Verwandte darin, die Tochter eines Cousins, der in Russland 1946 in Gefangenschaft verhungert oder an Typhus gestorben ist, zur gleichen Zeit als seine Frau, mit 36 Jahren im Hause an Krebs starb. Ich habe mich damals um sie und die dann verlassenen Kinder gekümmert. Heute sind sie mir fremd.

Zu diesem Haus habe ich noch immer einen seelischen Bezug. Mein Vater, der seine starken heimatlichen Wurzeln sein Leben lang bewahrt hat, hing sehr daran. Der großer Sandsteinbrunnen, der neben dem Haus stand – als Pferde- und Kuhtränke –, wie damals oft vor Bauernhäusern zu finden, steht heute nicht mehr. Er hatte ein wunderbares, kühles, gutschmeckendes Wasser, das war auch uns Kindern Erfrischung. Ein eiserner Pumpenschwengel, mit dem man das Wasser schöpfte, krächzte bei jedem Pumpenzug. Noch liegt es mir im Ohr. In seinen großen Trog durften wir uns an heißen Tagen hineinlegen.

Meine Großmutter habe ich nie kennengelernt. Ich besitze ein kleines Bild, in dem ich meine Familienähnlichkeit mit ihr feststellen kann. Sie ist bei einem Besuch meines Vaters im Juni 1922 gestorben. Er hatte ihr gerade die Geburt seines ersten Sohnes berichten können. In der Nacht mußte mein Vater hinaus. Die einfache Toilette lag, wie bei allen alten Bauernhäusern damals, außerhalb des Hauses. Sie rief „Albertle, bist Du's?" Am Morgen lag sie tot im Bett. Leise war sie im Schlaf vom Tod überrascht worden.

Mein Vater hatte mehrere Geschwister, von denen ich drei gut kannte. Die älteste Tante, Tante Theres, nahm mich immer gerne zu Besuch in ihrem alten Bauernhaus auf. Heute existiert es nicht mehr. Auf dem Grundstück steht ein Supermarkt. Das ganze Gehöft wurde abgerissen, die große Scheune und die Stallungen verschwanden, ein riesiger

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