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Wilhelm I.: Deutscher Kaiser - König von Preussen - Nationaler Mythos

Wilhelm I.: Deutscher Kaiser - König von Preussen - Nationaler Mythos

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Wilhelm I.: Deutscher Kaiser - König von Preussen - Nationaler Mythos

Länge:
985 Seiten
12 Stunden
Freigegeben:
Nov 2, 2015
ISBN:
9783813210200
Format:
Buch

Beschreibung

Wilhelm I. (1797–1888) war seit 1858 Regent, seit 1861 König von Preußen und wurde 1871 im Spiegelsaal von Versailles zum Kaiser des Deutschen Reichs gekrönt. Er zählt zu den herausragenden Persönlichkeiten der Deutschen Geschichte und genoss schon zu Lebzeiten national wie international hohes Ansehen.

Diese chronologisch aufgebaute, in sechs Kapitel untergliederte Biografie beruht auf umfangreichen Quellenbeständen und ist die erste umfassende wissenschaftliche Lebensbeschreibung Kaiser Wilhelms I. unter Berücksichtigung der aktuellen Fachliteratur. Auf dem Stand der neuesten Forschung werden die sich wandelnden politischen, staatsrechtlichen, militärischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, religiösen und philosophischen Entwicklungen und Strömungen im 19. Jahrhundert, die Wilhelms Selbstverständnis vom preußischen König- und deutschen Kaisertum prägten, mit einbezogen.

Eine vorangestellte Verortung seiner Person in der Geschichte Preußens und Deutschlands (Prolog) und eine abschließende Beurteilung seiner historischen Größe (Epilog) sowie zahlreiche Abbildungen und eine Zeittafel runden dieses Werk ab, das gründliche Recherche mit journalistischer Anschaulichkeit verbindet. Der Titel erscheint als reflowable ebook.
Freigegeben:
Nov 2, 2015
ISBN:
9783813210200
Format:
Buch

Über den Autor


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Titelbild:

Foto des Ateliers Hanfstaengl, aufgenommen im Königlichen Palais im Januar 1877. Kaiser Wilhelm I. hatte für diesen Anlass die Uniform seines 1. Garderegiments zu Fuß mit sämtlichen Kriegsorden angelegt und trug erstmals für eine Aufnahme die Epauletten eines Generalfeldmarschalls. Das Bild wurde retouchiert und in München durch das „artistische Institut" von Johann Baptiste Obernetter vervielfältigt.

Ein Gesamtverzeichnis unserer lieferbaren Titel schicken wir Ihnen gerne zu.

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

ISBN 978-3-8132-0964-8

eISBN 978-3-8132-1020-0

E. S. Mittler und Sohn, Hamburg, Bonn

© 2015 Maximilian Verlag, Hamburg

Ein Unternehmen der Tamm Media

Layout: Fred Münzmaier

Meiner Frau Gabriele Mühlen gewidmet

Inhalt

PrologEin Preuße in Deutschland

Kapitel 1Prinzenkindheit: Reformen und Erhebung (1797–1815)

Kapitel 2Lebenswelten: Kräfte und Bestrebungen (1815–1840)

Kapitel 3Neuzeit: Revolution und Transformation (1840–1858)

Kapitel 4Herrschaft: Initiativen und Konflikte (1858–1864)

Kapitel 5Kriege: Blut und Eisen (1864–1871)

Kapitel 6Kaiserjahre: Reich und Europa (1871–1888)

EpilogWilhelm der Große! Wilhelm der Große?

AnhangAnmerkungen

Zeittafel

Quellen und Literatur

Bildnachweis

Innenteilerster Bildblock

Innenteilzweiter Bildblock

Stammtafel des Hauses Hohenzollern

„Es geht mit Geschichtswerken wie mit Gewässern, die erst da Bedeutung gewinnen, wo sie schiffbar werden. (…) Tatsachen wollen wir sehen, Tatsachen von Belang, Dinge, die imstande sind, die Aufmerksamkeit vernünftiger Leute zu fesseln."¹

(Friedrich der Große, Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg)

„Nie will ich in Dingen meine Ehre suchen, in denen nur der Wahn sie finden kann."²

(Wilhelm I., „Lebensgrundsätze")

Prolog

Ein Preuße in Deutschland

Die Herausgeber von „Meyers Konversations-Lexikon trauten sich einiges. Nur zwei Jahre nach dem Tod Wilhelms I. sprach die damals bedeutende Enzyklopädie dem 1888 verstorbenen Kaiser „hervorragende, glänzende Geistesgaben³ rundweg ab. Er sei „einfach, bieder und verständig gewesen, womit die Redakteure eine Bemerkung von Königin Luise zitierten, als ihr zweiter Sohn Wilhelm gerade zwölf Jahre alt geworden war. Eingehendes Interesse habe der Monarch weniger für die Künste und Wissenschaften als vielmehr für militärische und politische Dinge gezeigt. Diesem ungeschminkten Urteil folgte in dem Nachschlagewerk freilich eine wahre Lobeshymne auf den Charakter des verblichenen Kaisers. Allem voran „seine Wahrheitsliebe, Treue, Dankbarkeit, sein sittlicher Mut, seine Standhaftigkeit in gefährlichen, seine Mäßigung in glücklichen Lagen. Geradezu sinnstiftend seien die „Bescheidenheit, mit der er das Verdienst der von ihm selbst ausgewählten Gehilfen, wie besonders Bismarcks, Moltkes und Roons, nicht nur selbst anerkannte, sondern auch die mitunter ihn selbst in Schatten stellende Glorifikation derselben ohne Eifersucht ertrug und sein ausgeprägtes Pflichtgefühl, „welches ihm das Wohl und die Größe des ihm anvertrauten Staats und Volkes als höchste Richtschnur seines Denkens und Handelns gelten. Mithin gebe Kaiser Wilhelm I. ein glänzendes Beispiel dafür, dass „im Staatsleben ein Charakter weit mehr wert ist als ein Talent".

Er hatte also Charakter und Würde, aber keinen Esprit, war ein braver Mann, ansonsten eine Nullität von mäßiger Geisteskraft. Diese, so könnte man hinzufügen, hatten seine engsten Berater und führenden Köpfe mit Bismarck an der Spitze dafür umso mehr – sonst hätte es die Versailler Proklamation am 18. Januar 1871 nicht gegeben; der unermüdliche „Reichsschmied" und geniale Macher Bismarck habe immerzu seinen König getrieben, der sich treiben ließ, aber nichts antrieb. Diese Sicht hat sich bis auf wenige Ausnahmen – erst kürzlich ist eine vitalisierende, Mythen entzaubernde Bismarck-Biografie⁴ erschienen – sowohl in populären wie auch in wissenschaftlichen Publikationen prinzipiell gehalten: Wilhelm der Simple, der wegen des „Ungenügenden seiner Person"⁵ (Theodor Schieder) vollends in einem nebeligen Zwischenreich der Geschichte verschwunden wäre, brächte man mit ihm nicht doch irgendwie die deutsche Einigung in Verbindung, die freilich nicht sein, sondern Bismarcks Werk gewesen sei. Der preußische Ministerpräsident war es schließlich, so das historische Axiom, der mit seiner überwältigenden Omnipräsenz den König überredet hat, gegen dessen Willen Kaiser zu werden. Das ist zur Legende geronnener Unfug, und diese Legende wird nicht zur Wahrheit, nur weil man sie ständig wiederholt.

Dazu zählt auch Wilhelms rufschädigender Beiname „Kartätschenprinz während der Revolution 1848/49, der sich festgesetzt hat, obwohl er eine auf (vom Verursacher eingestandenen!) Verleumdungen beruhende mediale Inszenierung war. Seine vermeintlich leichte politische Beeinflussbarkeit, die gänzliche Fremdbestimmung durch seine Gemahlin Augusta und seine durch sie initiierte, vorübergehende Hinwendung zum Liberalismus sind in dieser vereinfachenden Form ebenfalls Gerüchte. Nicht zu vergessen Bismarcks dreifaches „Blut-und-Eisen-Spektakel, mit dem der Ministerpräsident festen Willens und in der Manier eines unbeirrbaren Solisten auf Krieg zusteuerte, um sich und Deutschland zu verwirklichen… Und mittendrin ein gutgläubig-naiver Herrscher, dessen vornehmliche Aufgabe darin bestand, den Menschen mittags pünktlich vom „historischen Eckfenster" aus zuzuwinken? Der das Militär liebte, das ihm ein Leben lang Fluchtpunkt war, der aber selbst auf diesem Feld zu wenig Format besaß, um als zweiter Soldatenkönig oder zumindest als begnadeter Schlachtenlenker in die Annalen einzugehen?

Folgt man der verbreiteten Überlieferung, wäre ungefähr dies die Essenz seines Lebens. Aber wird man einer Persönlichkeit gerecht, indem man sie auf ihre „Eigenschaften reduziert und nur ihre Grenzen sieht, ohne die Rolle zu bewerten, die sie in einem beinahe ein Jahrhundert währenden Prozess tatsächlich eingenommen hat? Von Beginn an verkörperte Wilhelm in einer nach 1815 sich gesellschaftlich und politisch dramatisch verändernden Welt einen dezidiert antirevolutionären, altpreußischen Hochkonservatismus, durchschritt aber evolutionäre Phasen. Seine offensichtliche Bereitschaft, sich schon 1854 als König an die Stelle des wenig ambitionierten Bruders zu setzen, zeugt von einem ausgeprägten politischen Realismus, der ihn in seinen „Koblenzer Jahren für progressive Ansätze einnahm, um die Weichen für die Zukunft zu stellen; Konzessionen an liberale Strömungen waren wirtschaftlich und politisch-taktisch motiviert und selbstbewusste Entscheidungen gewesen.

Außenpolitisch fühlte sich der überzeugte Protestant und resolute Patriot Wilhelm – auch aus aufrichtiger Dankbarkeit für die russische Waffenbrüderschaft während der „Befreiungskriege – dem Zarenhof verpflichtet, zu dem über seine mit Nikolaus I. verheiratete Schwester Charlotte enge familiäre Beziehungen bestanden; noch auf dem Sterbebett schärfte er Bismarck ein, den er in diesem Augenblick für seinen Enkel hielt, weil er ihn duzte, sich mit dem Zaren gut zu stellen. Lediglich während des Krimkriegs wich Wilhelm sowohl aus wirtschaftlichen Beweggründen (der Fortschritt lag im Westen) als auch aus militärischem Kalkül (Deeskalation durch Abschreckung) von seiner prorussischen Haltung ab. Zu England verhielt er sich nicht zuletzt wegen der Heirat seines Sohns mit Victoria wohlwollend, und Frankreich, gegen das er 1870/71 einen als zutiefst legitim empfundenen Krieg führte, blieb ihm zeitlebens verhasst. Der überragende Einfluss Bismarcks als preußischer Ministerpräsident und Reichskanzler auf die Politik des Hauses Hohenzollern unter Wilhelm I. ist unbestreitbar, aber die gängige Deutung, Wilhelm habe sich in einer geradezu sklavischen Abhängigkeit von Bismarck befunden, ist im Licht der Quellen unhaltbar; für das vermeintliche, zigfach bemühte Bonmot Wilhelms, es sei nicht leicht, unter einem solchen Kanzler Kaiser zu sein, fehlt der Beleg (dass Bismarck unter tatkräftiger Mithilfe der Berliner Salonnière Baronin von Spitzemberg an diesem Bild bis zu seinem eigenen Ende rastlos arbeitete, steht außer Zweifel). Vielmehr bewahrte sich der Monarch ein hohes Maß an Eigenständigkeit und Entscheidungsgewalt, die erst im hohen Greisenalter nachließen. Seine Beliebtheit im Volk gründete in der Erfüllung tief verwurzelter Sehnsüchte nach Nationalstaat und Reichseinheit sowie in einer demonstrativ gelebten Bürgerlichkeit. An seinem 90. Geburtstag, als Wilhelm eine sagenhafte Epoche vom „ancien régime bis zum bürgerlichen Zeitalter durchmessen hatte, feierte ganz Deutschland den auch international geachteten „Heldenkaiser, den sein Enkel posthum zum „Großen stilisieren wollte – und damit scheiterte, weil diese konstruierte Glorifizierung des Königsgeschlechts im Streben nach Erhöhung der eigenen Person allzu offensichtlich war.

Dessen ungeachtet fungierte Wilhelm bis zum Untergang des nur 47 Jahre bestehenden Kaiserreichs in der öffentlichen Wahrnehmung als sympathische Entität einer zunehmend verklärten „guten alten Zeit und Gegenpol zum ruhelosen Reich Wilhelms II., das sich mitschuldig machte an der großen Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Sehnsüchtig blickte man auf die diplomatische Virtuosität Bismarcks und die bodenständige Souveränität Wilhelms I. zurück. Bemerkenswert ist die Renaissance des Hohenzollerngedankens in konservativen Kreisen nach 1919, die den mittlerweile legendären Kaiser als den letzten, den „eigentlichen Preußen wiederentdeckten und zu beleben versuchten. Der „Alte Fritz war zu fern, und alle anderen taugten nicht als Kultfiguren und ideelle Kraftquelle gegen die Tektonik der Weimarer Republik mit ihren vielen kleinund großflächigen politischen Bewegungen. Doch die werbenden Energien waren rasch verbraucht, der Zeitgeist der aufbruchstarken „Goldenen Zwanziger duldete den Griff in die waffenstarrende Mottenkiste der preußisch-deutschen Geschichte nicht. Anders die nationalsozialistische Propaganda, die sich Popularitätsschübe im bürgerlichen Lager Deutschlands erhoffte, indem sie den Weltpolitiker Bismarck und den Roi-Connétable Friedrich den Großen zu historischen Flügeladjutanten Hitlers ernannte – nicht Wilhelm I., dessen Wesen zu kalkulierbar, eben zu preußisch war.

Ein wahrhaft glücklicher Umstand, denn so musste sein Vermächtnis nichts fürchten und sein Ansehen nicht leiden, als der alliierte Kontrollrat am 25. Februar 1947 die Auflösung Preußens als Träger von Militarismus und Reaktion in Deutschland beschloss. Fortan war es nicht leicht, sich angesichts der monströsen Verbrechen von Deutschen im Zeichen des Nationalsozialismus auf die preußische Seite zu schlagen und ihrer Vergangenheit, die als gewichtiger Teil des deutschen „Sonderwegs interpretiert wurde, positive Aspekte abzugewinnen. Selbst behutsame Deutungs- und Einordnungsversuche konnten als Rechtfertigung des NS-Unrechtsregimes begriffen werden. „Dieser Lesart zufolge war Preußen der Fluch des neuzeitlichen Deutschlands und der europäischen Geschichte⁶ (Christopher Clark), denn zu viele Merkmale des preußischen Staats fanden sich in übersteigerter Form in Hitlers Deutschland wieder. Da half der Verweis auf den 20. Juli 1944 nur wenig, als u. a. preußische Offiziere den Aufstand des Gewissens wagten, denn vorher waren sie mitmarschiert.

In diesem Spannungsfeld zwischen Preußens Last (Kadavergehorsam, Unterwürfigkeit, Militarismus) und Preußens Gloria (Tugenden, Toleranz, Emanzipation) polarisierten vor allem der kriegerische Philosoph Friedrich der Große und der schäumende Repräsentant Wilhelm II.; ihnen wandten sich Gelehrte mit Sorgfalt und Emphase zu, während Wilhelm I., der von einem sowohl gesellschaftlichen wie auch fachspezifischen Interesse an Bismarck in fast herabwürdigender Weise überlagert wurde, kaum Aufmerksamkeit fand. Bis 1945 erschienen überhaupt nur zwei nennenswerte Wilhelm-Biografien: 1897 und damit punktgenau zum 100. Geburtstag eine von dem preußischen Historiografen Erich Marcks, die in vollen Zügen den Geist der Kaiserzeit atmete, und 1927 von Paul Wiegler, der eine stakkatohafte Faktenaufzählung lieferte. Es ist mehr als bezeichnend, dass die erste größere Nachkriegsarbeit aus der Feder eines praktizierenden Journalisten stammte. Der bekannte Publizist Franz Herre legte 1980 ein anschaulich-unterhaltsames Porträt vor, dem vier Jahre später eine fundierte, ebenso lesenswerte Darstellung von dem ausgewiesenen Historiker Karl-Heinz Börner folgte, die im Detail zwar stimmig und klug war, sich aber durch eine penetrante sozialistisch-marxistische Nebensatz-Phraseologie selbst schadete.

Die vorliegende Biografie, für deren Aufnahme in sein Programm ich dem Traditionsverlag E. S. Mittler meinen Dank schulde, beruht auf ausgewählten Quelleneditionen einer schreibfrohen, an Ego-Dokumenten reichen Zeit (Erinnerungen und Denkwürdigkeiten, Briefe, politische und militärische Schriften, allgemeine Mitteilungen, Tagebücher, diverse Korrespondenzen) und substantieller Fachliteratur. Sie will in einem räumlich angemessenen Rahmen Leben, Handeln und Wirken des ersten deutschen Kaisers in vielbewegter, fast ein Jahrhundert umfassender Zeit in die Gegenwart holen und einige eingefahrene Irrtümer korrigieren; sine ira et studio und wohl wissend, dass ein „Rest von Dunklem und Unaufgeklärtem bleibt"⁷ (Theodor Fontane).

Dr. phil. Guntram Schulze-Wegener

Baden-Baden, 2. August 2015

Kapitel 1

Prinzenkindheit: Reformen und Erhebung

„Der kleine Fritz ist klug, und Wilhelm ist sehr anmutig."¹ Es war nicht die Zeit von Euphorie-Ausbrüchen, wenn Kinder geboren waren und in Familien hineinwuchsen, dafür starben zu viele während oder kurz nach ihrer Geburt oder in den ersten Lebensjahren. „Fritz, der getaufte Friedrich Wilhelm, war noch keine zwei Jahre alt, als Wilhelm am 22. März 1797, gegen 13.45 Uhr, im Kronprinzen-Palais in Berlin zur Welt kam. Den Eltern galt er als „Angstkind, weil der ältere Bruder allzu zart war und „anfällig für Krankheiten², was die Familie wegen der offenbar unsicheren Thronfolge zutiefst beunruhigte. Jener Mittwoch soll ein für diesen Monat ungewöhnlich kühler Tag gewesen sein, jedenfalls ließen die ersten Sendboten des Frühlings auf sich warten, was das Hofzeremoniell indes nicht daran hinderte, die Botschaft unter weithin dröhnendem Geschützdonner zu verkünden. „Gestern Nachmittag, zwischen 1 und 2 Uhr, ward die Gemahlin des Kronprinzen Königl. Hoheit, zur Freude des Königl. Hauses und des ganzen Landes, von einem Prinzen glücklich entbunden. Einige Stunden nachher ward dieses frohe Ereignis durch das dreimalige Abfeuern von 24 im Lustgarten aufgefahrenen Kanonen der Hauptstadt bekanntgemacht, und rief jeden ihrer Einwohner zu herzlichen Wünschen für die erhabene Prinzessin und den neuen Zweig des Königl. Hauses, unter dessen Zepter wir glücklich sind. Dem Vernehmen nach befindet sich die hohe Wöchnerin so wohl, als es die Umstände erlauben.³

Den beiden Knaben sollten noch drei weitere folgen sowie vier Mädchen, nachdem Luises erstes Kind 1794 tot geboren worden war, das die untröstliche Mutter dem Bruder damals mit den kargen und dennoch vielsagenden Worten beschrieb: „Es war schön! Meine Tränen ersticken mich. Ich murre nicht, ich trage mit Ergebung den Willen Gottes, der bei allen seinen Fügungen unser Glück und unser Bestes vor Augen hat."⁴ Drei Jahre darauf ließ das überglückliche Prinzenpaar seinen jüngsten Sohn auf den Namen Friedrich Wilhelm Ludwig taufen, genannt Wilhelm. Es war der 3. April 1797, als der König den hoffnungsvollen Spross unter den Augen der Paten, unter ihnen zwei Brüder Friedrichs des Großen, im Audienzsaal des Palais über das Taufbecken hielt. Neben einer Handvoll Verwandten aus mecklenburgischem, hessischem und oranischem Fürstenhaus waren, zumindest der Besucherliste nach, auch der russische Zar und die Zarin anwesend, die durch Abgesandte vertreten wurden.

Die glanzvolle Gesellschaft hatte sich eingefunden zu diesem würdigen christlichen Ritus, ganz so, wie das alte Europa unter den Schlägen Napoleons zusammenrückte, dessen von den Ideen der Französischen Revolution elektrisierte Armee Preußen und Österreicher zurückgedrängt hatte, in das Rheinland und nach Belgien vorstieß und England, Spanien und Holland den Krieg erklärte. Friedrich Wilhelm II., von Finanzsorgen, gesellschaftlich-moralischen Übelständen und zerrütteter Wirtschaft geplagt und mangels persönlicher Eignung für die Königswürde und erforderlicher Durchsetzungsfähigkeit von zweifelhaften Einsagern, Obskuranten, höfischen Intriganten und seinen zahlreichen Mätressen fremdbestimmt, musste seit dem Gefecht von Valmy 1792 gar einen dramatischen Ansehensverlust der traditionell starken preußischen Militärmacht hinnehmen. Es blieb bei der Anbahnung von Reformen, bewegt hat er wenig. In Paris schlug das Herz des neuen, sich in allen Bereichen ändernden Europa, während Berlin Teil eines faulenden, zerfressenen „ancien régime war, das sich unwiederbringlich überlebt hatte. Der Sieg der Revolution in Frankreich störte dabei nicht nur die seit dem Frieden von Utrecht 1713 ausgestaltete gesellschaftliche Ordnung und das Gleichgewicht der Staatensysteme, sondern rief auch Kräfte der Gegenrevolution auf den Plan, die ein Interventionsrecht zugunsten der europäischen Mächte erkämpfen wollten, um zu erhalten, was nicht mehr zu erhalten war. Die Motivation der „Alten, dieser doppelten Revolutionierung des „Neuen" entgegenzutreten, schwankte dabei zwischen dem Willen zu purem monarchischem Konservatismus (Preußen, Österreich, Russland) und dezidierten Handelsinteressen (England).

Dass Preußen nach dem Sonderfrieden zu Basel 1795 unter Landverlusten links des Rheins für zehn Jahre aus der Koalition gegen Frankreich ausschied und sich in die Neutralität Norddeutschlands zurückzog, war dabei keineswegs dem Eingeständnis eigener Unzulänglichkeiten geschuldet, sondern vielmehr der verlockenden Aussicht, die Niederlagen im Westen durch Erfolge im Osten zu kompensieren. Nach der Niederschlagung der gegen die zweite Teilung von 1793 gerichteten Volkserhebung in Polen durch preußische und russische Truppen, der 1795 die dritte Teilung folgte, profitierte Preußen von einverleibten Gebieten, belastete sich andererseits aber dauerhaft mit einer rund eine Million Menschen (von ca. 8,7 Millionen Einwohnern) zählenden völkischen Minderheit, die das gespannte deutsch-polnische Verhältnis begründete. Mit Ansbach sowie mit Bayreuth, das ebenfalls Preußen zugefallen war, maß das Land immerhin 320.000 Quadratkilometer, die nach den losen Machenschaften des „dicken Wilhelm" wieder ordentlich regiert und zusammengehalten werden wollten.

So trat Friedrich Wilhelm III. nach dem Tod des seit Langem erkrankten Königs – der Lebemann starb am 16. November 1797 gegen 21 Uhr infolge einer Ansammlung seröser Flüssigkeit im Brustkorb – ein schweres Erbe an, das er so, wie er es vorfand, gar nicht annehmen wollte. „Das größte Glück eines Landes besteht zuverlässig in einem fortdauernden Frieden; die beste Politik ist also diejenige, welche stets diesen Grundsatz insofern vor Augen hat, als unsere Nachbarn uns in Ruhe lassen wollen. (…) Man mische sich nie in fremde Händel, die einen nichts angehen."⁵ Seine erste Amtshandlung bestand signifikanterweise darin, die einflussreichste Mätresse des Vaters und äußerst umtriebige Wilhelmine Gräfin von Lichtenau verhaften und erst gegen die Herausgabe ihres Vermögens wieder auf freien Fuß setzen zu lassen. Der 27-jährige, offenkundig wenig ehrgeizige neue Monarch hoffte, seinen Staat tunlichst neutral und unaufdringlich halten zu können, um weder den Unmut anderer auf sich zu ziehen noch Begehrlichkeiten im eigenen Land gegen andere zu wecken. „Zwar brannte die Welt in allen Ecken und Enden, Europa hatte eine andere Gestalt genommen, zu Lande und See gingen Städte und Flotten zu Trümmern, aber das mittlere, das nördliche Deutschland genoß noch eines gewissen fieberhaften Friedens, in welchem wir uns einer problematischen Sicherheit hingaben"⁶, konstatierte Goethe rückschauend für die Jahre 1795 bis zum Ende des alten Reichs 1806.

Friedrich Wilhelms Auffassungen korrespondierten mit den Empfindungen eines Jahrzehnts, dem Friedrichs des Großen Vabanquespiele und die daraus resultierenden Verheerungen und Verarmungen noch deutlich spürbar und vielen schmerzlich in Erinnerung waren. Allen Eroberungsgelüsten abhold – seine „Freude am militärischen Leben beschränkte sich auf Musterungen des Friedensheeres und nicht dessen Ausrüstung, auf Paraden und nicht auf Gefechtsausbildung"⁷ –, setzte der wortfaule und oft (aber nicht immer) schüchtern-zurückhaltende König auf strikte Budgetierung und Besitzwahrung in einem nach außen vorexerzierten Lebensstil preußischer Sitte und Bescheidenheit. Das ca. 40 Kilometer von Berlin entfernte märkische Gutshaus in Paretz, in dem sich die junge Familie häufiger aufhielt als in den Berliner Palais, spiegelte der Fassade nach unscheinbare ländliche Idylle, im Innern aber war das Anwesen selbstverständlich schlossähnlich und der Königswürde gemäß prunkvoll ausgestattet. Wenn der Wilhelm-Biograf Erich Marcks noch zur Kaiserzeit konstatierte: „Zuerst umgab sie [Friedrich Wilhelm und Wilhelm] ganz die Wärme des elterlichen Hauses, das Allen in Preußen das Vorbild herzlichen einfachen Zusammenlebens bieten wollte; der Vater in seiner knapperen und nüchternen Art, aber gütig und glücklich; die Mutter lebhaft, hochgestimmt, noch ganz in der Frische der Hoffnung und des Frohsinns. Da mochten sie denn in Schloß oder Gutshaus harmlos aufblühen, im vollen Sonnenscheine unbefangener Liebe; sie athmeten reine und gesunde Luft"⁸, so stand dies unzweifelhaft im Kontext eines gängigen Zeitbilds, alles Preußische zu überhöhen und im wahrsten Wortsinn zu glorifizieren. Diese erste ausführliche Lebensbeschreibung Wilhelms I. erschien erstmals 1897.

Ebenso unzweifelhaft ist, dass Luise in zahllosen Briefen ihre erzieherische Nachgiebigkeit und eine tiefgehende, sehr innige Zuneigung zu den Kindern bekundete, mit denen sie bis in die Mittagsstunden in ihrem Bett herumtollte und ihr Gemahl in unbeobachteten Momenten ausgelassen spielte. Zwar meint Karl-Heinz Börner: „Obwohl sich Friedrich Wilhelm und Luise in Wesen und Charakter erheblich unterschieden, führten sie in den Augen der Öffentlichkeit eine tugendhafte, solide Ehe. Das wurde deshalb so aufmerksam registriert, weil die beiden Vorgänger Friedrich Wilhelms III. auf dem Thron absurden Ehegewohnheiten gehuldigt hatten. Zudem boten mehrere Hohenzollern-Sprößlinge wegen ihrer Haremswirtschaft bzw. homosexueller Neigungen Anlaß zu ständiger Kritik."⁹ Belege führt der Autor jedoch nicht an. Warum sollte man nicht annehmen dürfen, die Familie sei in sich gefestigt und glücklich und Luise eine treusorgende, gute Mutter gewesen? Nichts deutet darauf hin, dass sie nur „in den Augen der Öffentlichkeit eine vorbildliche Ehe führten. Im Gegenteil gewährt die Sammlung überlieferter Aufzeichnungen der jungen Königin authentische Einblicke in ein im Ganzen harmonisches Privatleben, dem es freilich an nichts Essentiellem mangelte. Unter dem Datum des 13. Mai 1800 schrieb Luise an ihre Schwester Therese: „Meine Engels sind wohl, und Gott wird mir, hoffe ich, meine Kleeblättchen erhalten. An ihren Gatten am 6. Juni: „Du bist doch ein entzückender Mensch und guter Ehemann, und ich liebe Dich so zärtlich, wie mein Herz es vermag. Und am 9. September 1801 ihren Kindern: „Lieber Fritz! Lieber Wilhelm! Liebes Charlottchen! Guten Morgen liebe liebe Kinderchen. (…) Nun lebet wohl, liebe Kinder, ich liebe Euch von ganzer Seele und von ganzem Herzen und bin ewig Eure zärtliche Mutter Luise.¹⁰

Da Luise sich am Hof in Szene setzte, in Gesellschaften en robe de cérémonie gern die Königin gab, von Kammerfrauen letzte Hand an ihre Toilette legen ließ und selbstredend auch dem modischen Stil der Zeit voranschritt, indem sie sich mit kostbaren Accessoires und neuestem Schick ausstaffierte, entsprach sie dem gegebenen Wunsch einer Monarchin, das Schönheitsideal zu verkörpern und der Gesellschaft darin möglichst Taktgeberin zu sein. Ihren Besuch bei Zar Alexander am Petersburger Hof lobte die schon im reifen Königinnen-Dasein stehende Luise – die bei dieser Gelegenheit übrigens mit der Zarin die späteren Verbindungen ihrer Kinder sondiert haben soll – wegen der ihr dort zuteil werdenden allgegenwärtigen, aufwändigen Bedienung einmal in den höchsten Tönen: „Die Pracht aller Art übersteigt alle Vorstellung, in Silberzeug, Bronzen, Spiegeln, Kristallen, Gemälden, Marmorsachen ist sie ungeheuer. (…) Gegen acht Uhr Ball bei dem Kaiser und der Kaiserin, reizender Saal. Souper in einer ungeheuren Galerie. Märchenhafter Blick über die gedeckte Tafel oder vielmehr über die Tafeln und die Beleuchtung des Saales."¹¹ Sie überkam nachgerade kindliche Freude, wenn sie teure Präsente erhielt, wie von Napoleon I., der sie umgarnte, um die Gunst Preußens zu gewinnen. „Ich packe aus, finde 12 Hüte und Bonnets, einen Karton voll Blumen und einen Karton mit einem Spitzenkleid von ungeheurem Wert, ein schwarzes Spitzenkleid und ein Ballkleid in Stahl gestickt, pompös. Wer hätte das je geglaubt??"¹²

Legendär wurde ihre allerdings zur Marotte erhobene Eigenart, Haupt und Hals mit einem Kopftuch locker zu umschlingen. Ob sie damit einem Halsleiden vorbeugen, gar einen Kropf oder hässliche Male verbergen oder eben eine neue Mode begründen wollte, steht dahin. Gut kam im Volk ihre Vorliebe für Kornblumen an, die auf den Feldern im Übermaß wuchsen und mit denen sie Kränze flocht, sie sich einzeln ansteckte und auch als schmuckvolles Gebinde um die Tafel legte. Auf Gemälden ist die Königin mit diesem schlichten, aber hübschen Gewächs, das den Glanz ihrer blauen Augen unterstrich, häufiger festgehalten. Nicht von ungefähr wird die Kornblume auch zur bevorzugten Pflanze Wilhelms als König und Kaiser, dem man noch als Greis mit einem Strauß dieser feingliedrigen Korbblütler eine große Freude bereiten konnte. Zur Feier des 100. Geburtstags des verewigten Kaisers am 22. März 1897 trugen selbst eingefleischte Sozialdemokraten eine Kornblume im Knopfloch!

Alles in allem wird die für ihre Grazie und ihren Anmut schon zu Lebzeiten ikonenartig verehrte Luise ihre selbstbewusst zur Schau gestellte Etikette als Konterpart zur brav gebärenden, zehnfachen Modellmutter betrachtet haben, die für die vorherrschenden Verhältnisse geradezu revolutionären Neuerungen aufgeschlossen war. Nicht nur, dass die Königin ihren Gemahl für alle sichtbar hochschwanger auf Reisen begleitete, beide pflegten auch einen unüblichen Umgang miteinander, denn: „Luise und Friedrich Wilhelm duzten sich. Schon wenige Tage nach ihrer Eheschließung hatten die beiden den preußischen Hof in Erstaunen versetzt, dass sie von der standesgemäßen Form der Anrede in dritter Person absahen. Sie brachen darin mit allen Konventionen."¹³

Wie in höheren Kreisen und zumal in Königsfamilien gemeinhin üblich, gaben Eltern ihre Söhne und Töchter in die exklusive Obhut eines oder mehrerer Erzieher. Mit dem Theologen und Pädagogen Johann Friedrich Gottlieb Delbrück, einem weichherzigen, schwärmerischen Romantiker mit viel Sinn für Ästhetik und Liebhaber zeitgenössischer Literatur, die er in den Werken Klopstocks, Goethes, Bürgers und Schillers fand, betrauten Friedrich Wilhelm III. und Luise zwar einen Menschenfreund von geistigem Format, der Stoffe einfühlsam vermitteln konnte und die Zöglinge auch in die Welt der schönen Künste einführte. Aber der gewünschte Pragmatiker mit dem Auge für die praktischen Dinge des Lebens war der Rektor am Pädagogium des Magdeburger Klosters „Unser Lieben Frauen nicht. Delbrücks vordringliche Aufgabe galt der Erziehung des Kronprinzen, also Friedrich Wilhelms, den er ob seiner gedrungenen, etwas pummeligen Gestalt „Butt nannte und mit dem er zu Anfang offenbar seine liebe Not hatte, da der quirlige Bub kaum zu bremsen war – am wenigsten von einem erklärten Philanthropen, der Grobheiten gegen Kinder, obwohl sie selbst in königlichen und fürstlichen Häusern an der Tagesordnung waren, rundheraus ablehnte. Doch mit viel Geschick und der seltenen Gabe, die musischen, erkennbar universalistischen Veranlagungen des Prinzen zu fördern, gewann Delbrück allmählich die Zuneigung des späteren „Romantikers auf dem Thron, was dieser ihm zeit seines Lebens nicht vergessen sollte. Und der kleine Wilhelm, „Wimpus, wie ihn seine unmittelbare Umgebung liebevoll rief, „erschien als das genaue Gegenstück zum älteren Bruder: als sanftes und stilles, verständiges und anschmiegsames, in seiner Art liebenswürdiges, doch nach seinen Anlagen kaum vielversprechendes Kind. Der schwächliche Körper und das ständige Kränkeln verstärkten diesen Eindruck und mochten mitunter den Gedanken aufkommen lassen, man habe – bei aller Unzufriedenheit mit dem Älteren – noch Glück gehabt, daß der Zweite nicht der Erste geworden war."¹⁴ Den ersten Ernst des Lebens erfuhr „Wimpus" am 24. Mai 1801, als er Schüler Delbrücks wurde, was jährlich in einer Gedächtnisfeier entsprechende Würdigung fand.

In diesem Jahr beendete der Friede von Lunéville zwischen Frankreich und Österreich den Zweiten Koalitionskrieg zumindest zwischen diesen beiden Ländern und bestätigte die Bedingungen von Campo Formio vom Oktober 1797. Frankreich erhielt nun definitiv das linke Rheinufer mit 63.000 Quadratkilometern und etwa 3,5 Millionen Einwohnern. Seinem Ziel, das Reich aufzulösen und sowohl mit der Bildung deutscher Mittelstaaten ein politisches Gegengewicht zu Österreich zu setzen als auch deutsche Fürsten durch Territorialgewinne zu seinen Vasallen zu machen, war Napoleon ein ganzes Stück näher gekommen. Wer hätte dem Korsen, der auf dem Weg zur absoluten Macht war, entgegentreten und Einhalt gebieten sollen? Friedrich Wilhelm III., der sich der zweiten Koalition gegen den Franzosen versagt hatte und wegen seiner politischen Zurückhaltung wachsender Popularität im Land erfreute, sicherlich als letzter. Und Russland vollzog seit Herbst 1800 eine spektakuläre Hinwendung zu dem Ersten Konsul, der die strategisch wichtige Insel Malta als Lohn in Aussicht stellte, und traf Kriegsvorbereitungen gegen England bei gleichzeitiger Wiederannäherung an Preußen, dessen Uniformen der hohenzollernbegeisterte Paul I. an seinem Hof zu tragen befohlen hatte. Er wurde im März 1801 ermordet – „der letzte Staatsstreich im Stil des 18. Jahrhunderts und eine klassische Adelsfronde"¹⁵. Einen Tag nach seiner brutalen Beseitigung bestieg sein Sohn als Alexander I. den Thron, der den Weg einer Aussöhnung mit Frankreich zunächst konsequent beschritt und eine Bereinigung der schwierigen Verhältnisse zu England und Preußen anstrebte. Postwendend warb auch Napoleon um Berlin, dem er für den Verlust der linksrheinischen Gebiete das in Personalunion mit dem englischen Königreich verbundene Hannover anbot, wofür Friedrich Wilhelm wiederum die Zustimmung Londons als unabdingbar erachtete.

Es war also ein munteres Geschacher um Land und Leute, um geistlichen und weltlichen Einfluss in zunehmend säkularisierten Territorien und natürlich die Gunst der Dynastien, die sich in einem regen Austausch von Verträgen und geheimen Unter- und Unterunterverträgen gegenseitig abzusichern trachteten: Zwei vereinbarten, was Dritten vermeintlich verborgen blieb, um buchstäblich tags darauf mit dem Zweiten zu verhandeln, der bereits meinte, mit einem Vierten das Geschäft seines Lebens gemacht zu haben, darüber aber die Übereinkunft mit dem Ersten vergaß… Nur einer schien den vollkommenen Durchblick zu behalten, weil er sich meisterhaft darauf verstand: Napoleon. In dem nebulösen Machtspiel zwischen dem stets überlegenen Frankreich und dem aufstrebenden Russland ließ sich das biedere Preußen, das seine zum Schutz vor einer drohenden französischen Besetzung Hannovers entsandten Truppen im November 1801 wieder abzog, übermäßig nervös machen. Aus seinem windstillen Winkel heraus pochte es weiterhin auf Entschädigung und erwarb mit Unterstützung Russlands schließlich auch imposante Landflächen, besaß aber längst nicht mehr die Aura eines europäischen Hegemons, wie er vor nicht einmal 50 Jahren die Welt in seinen Bann gezogen hatte.

Von alledem waren die Nachkommen im Kronprinzen-Palais unberührt, in dem Delbrück nun zwei königliche Knaben und ein Mädchen, auch die 1798 geborene Charlotte zählte dazu, zu unterrichten hatte. Gelegentlich bat ihn Luise zum Tee, um sich von neuesten literarischen Strömungen oder wissenschaftlichen Erkenntnissen Zeitung geben oder geistvoll unterhalten zu lassen. Hin und wieder disputierte sie, die sich ansonsten eher dem seichten Genre hingab, mit dem Gelehrten, der Mutter und Kinder erziehen würde, wie sie nicht ohne einen Anflug von Selbstironie einmal sagte. Freilich übernahm Delbrück nicht das gesamte Lehrspektrum, einzelne Sektionen überließ er eigens bestellten und ihm unterstellten Pädagogen, wohl aber die Leitung – und damit alle Verantwortung über ein Pensum, dessen Zusammensetzung er selbst bestimmte. Ob der liberalen Gedanken zuneigende Delbrück diesbezüglich auf seine Schüler eingewirkt hat, ist möglich und auch denkbar, aber nicht nachweisbar und noch weniger aus späteren Charakterzügen der erwachsenen Prinzen herleitbar. Derlei Tendenzen, die nach damaligen Ansichten als untrügliches Zeichen von Autoritätsverlust und Schwäche gedeutet wurden, hätte der preußische Monarch, bereit Neues anzunehmen aber zugleich peinlich darauf bedacht, Altes zu bewahren, kaum geduldet. Wünschte der König doch nichts weniger, als dass seine Kinder „zum Fleiß, zu Gehorsam und zur Achtung auf die Verhältnisse des Lebens"¹⁶ angehalten würden in einem als vernünftig erachteten königlichen „Rechtsstaat, der für die Rechte aller eintrat und in Friedrich Wilhelm III. den von Gott eingesetzten Wächter anerkannte. Die Monarchie galt nicht nur als quasi-natürliches Staatsprinzip, sie war es, wenn auch angezählt. „Wenn die Enthauptung Ludwigs XVI. der Monarchie als Ordnungs- und Bewusstseinsform in Europa die Grundlage entzogen haben soll, wie mitunter bemerkt wird, dann erlebte sie danach noch eine lange und fröhliche Agonie.¹⁷

Ungewöhnlicherweise ließ Delbrück seine Schützlinge kleine Gemüsegärten anlegen, um die sie sich selbst kümmern mussten: Unkraut jäten, schneiden, gießen, wachsen sehen, ernten. Den satten Ertrag schickten Fritz, Wilhelm und Charlotte eines schönen Septembertags ihren Eltern nach Paretz, die entzückt retournierten, dass ihnen „Mohrrüben, Erbsen, Kerbel, Petersilie, Bohnen, Kohl und Salat aus Eurem Garten außerordentlich viel Vergnügen gemacht haben. Das sind recht fleißige Kinder! hat Papa gesagt, ich will alles auf ihre Gesundheit essen; und ich sagte, die guten Kinder haben es so gern gegeben, es machte ihnen so viel Freude, es zu schicken, weil sie wußten, Papa und Mama würden sich recht freuen, und das tat ihren kleinen Herzen wohl! – Ja, liebe Kinderchen, wir haben uns recht dazu gefreut, und es allen Menschen gezeigt und herbeigerufen, daß sie Euren Fleiß bewundern sollten. Heute mittag essen wir ein Gericht Mohrrüben, das Ihr gepflanzt und gezogen habt. Das wird schmecken!"¹⁸ Zur Belohnung durften die Drei am folgenden Sonntag in einem viersitzigen Wagen zum „Erntekranz nach Paretz reisen und über Nacht bleiben, was die Jungs übrigens von ihrem Taschengeld bezahlen mussten. Sie sollten früh lernen, zu haushalten und verantwortlich mit den „Dingen umzugehen, denn Sparsamkeit, Gottesfurcht, Fleiß, Genügsamkeit, Vernunft, Mut, Wahrhaftigkeit, Ehre, Stärke, Pünktlichkeit, Diensteifer waren nur einige der vielbesungenen preußischen Tugenden, um das Erreichte zu bewahren und zu mehren. Darauf und auf dem Königtum als Institution und Aufgabe gründete der durch die Aufklärung zwar beeinflusste, nichtsdestotrotz absolutistisch regierte Ständestaat, der seinen Adel, seine hochgelobten Beamten und Soldaten, seinen in jeder Ecke des Landes zur Entfaltung gelangten esprit militaire und vor allem die gewährten Freiheiten um seiner selbst wegen immer aufs Neue erfinden musste. Nichts war selbstverständlich, alles musste hart erarbeitet werden, nichts fiel vom Himmel, alles war das Ergebnis reinster, kraftvoller Anstrengung.

Wo Delbrücks Weichheit der Vermittlung dieser preußischen Basisbekenntnisse entgegenstand, half der Vater nach, der alles daran setzte, seinen Söhnen die gegenwärtig erlebte Friedfertigkeit als einen ganz und gar anormalen Zustand begreiflich zu machen. Er hegte keinen Zweifel daran, dass sich die Zeiten ändern würden, sich möglicherweise auch die Haltung Preußens ändern würde, um zukunftsfähig zu bleiben und nicht zwischen den Mühlsteinen anderer Mächte zerrieben zu werden. Aber eben nur die Haltung, die von den allgemeinen Umständen abhängig und notwendig wandelbar war, nicht sein Wesen, dessen Innerstes die Krone als unantastbarer Wert an sich und eine conditio sine qua non war. „Das Königtum ist der Grundstein, das schöpferische Motiv Preußens, heute noch; würde das Königtum herausgenommen, würde auch die Energie, die Kraft von Preußens Entwicklung augenblicklich gehemmt, und Preußen selbst müßte seinem Tod entgegensehen. Der alte Satz, daß Staaten durch die Dinge erhalten werden, durch die sie geschaffen sind – ebenso wie ein Mensch sterben muß, wenn seine Seele, wenn seine von Anfang an tätig gewesene Entwicklungsenergie seinen Körper, seine Erscheinung verläßt – bewährt sich auch hier"¹⁹ – schrieb der im 19. Jahrhundert einflussreiche Historiker und Politiker Heinrich Leo.

Sich zu wandeln und wo nötig den Zeitläuften gemäß zu verhalten und zu taktieren, ohne seine inneren, von den protestantischen Idealen des „Hausvaters Staat überwölbten Werte preiszugeben, war eine Maxime Friedrich Wilhelms III., der im Juni 1802 mit Russlands Zar in der Grenzstadt Memel erstmals zusammentraf. Man tauschte Höflichkeiten aus, aber im Grunde ging es um Sondierungen und die Frage einer gemeinsamen Politik gegen Frankreich. Die unverhohlene Begeisterung, mit der Königin Luise in ihren Aufzeichnungen mehrseitig von der Zusammenkunft mit Alexander I. berichtet („Er ist wunderbar gut gebaut und von sehr stattlicher Erscheinung. Er sieht aus wie ein junger Herkules²⁰), zu deren Anlass sie luftig bekleidet erschienen sein soll und auf der eine Beziehung „des Herzens zwischen den Kronen Russlands und Preußens gründen sollte, wirkt naiv und ihr offenkundiger Katzenjammer beim Abschied des Zaren irritierend. Schon am darauffolgenden Tag setzte sie einen salbungsvollen Brief an den kaiserlichen Besuch auf. „Könnten Sie nur die Gefühle der Freundschaft und Hochachtung darin finden, die ich Ihnen für immer geweiht habe und mit denen ich bin Sire, Ew. Majestät sehr ergebene Cousine Luise.²¹ Ihrem Bruder schrieb sie: „Ach, wie viel, wie viel ist mir diese Bekanntschaft wert. Nicht ein Wort, welches man zu seinem Lobe spricht, kann je in Schmeichelei ausarten, denn er verdient alles, was man nur Gutes sagen kann. Hättest Du doch den Mann gesehen, wie gut hättet ihr euch einander gefallen. (…) Die Memeler Entrevue war göttlich, die beiden Monarchen lieben sich zärtlich und aufrichtig, gleichen sich in ihren herrlichen Grundsätzen, der Gerechtigkeit, Menschenliebe und Liebe zum Wohl und Beförderung des Guten."²²

Dass der russische Zar die bei der „göttlichen Memeler Entrevue" paradierenden preußischen Truppen als allzu schwerfällig und behäbig empfunden hatte und ihnen ihre einstige Schlagkraft glattweg absprach, wie er einem Vertrauten gegenüber zwei Jahre später bekundete, und Preußen daher keineswegs als idealen Verbündeten betrachtete, wusste Luise freilich nicht. Preußen aus seiner Neutralität gegen Frankreich herauszulocken – das war sein Ziel, als sich der Russe mit dem Königspaar traf. Wenn der Austausch auch keine unmittelbaren Ergebnisse zeitigte, so schien sich dennoch eine Bindung zwischen beiden Höfen abzuzeichnen, zu denen sich mit Kaiser Franz von Österreich ab 1804 ein weiterer Monarch stellte. Sie bestimmten 25 Jahre europäischer Geschichte, und zwar maßgebend. Von ihnen war Preußen, das dem eigenen Anspruch nach Kernstück eines kontinentalen Blocks sein wollte, wegen seiner unübersehbaren Schwächen und leerer Kassen aber nicht sein konnte, allerdings der geringste Partner. Sein Schicksal hing letztlich von zwei Großen ab, nämlich Frankreich und Russland. Es blieb nur Neutralität oder verstärktes (militärisches) Engagement, verbunden mit erhöhter (politischer) Wachsamkeit, um auf der richtigen Seite zu stehen, wenn der entscheidende, irgendwann ohnedies unausweichliche Schlagabtausch zwischen den beiden führenden Flügelmächten bevorstünde.

Wie aber würde der König bei einem jederzeit möglichen französisch-englischen Krieg reagieren? Die Besetzung Hannovers durch die Franzosen als Sicherheit gegen England im Jahre 1803 quittierte die Berliner Politik mit verstörender Tatenlosigkeit. Eine katastrophale Entscheidung, weil die westlich gelegenen preußischen Gebiete u. a. an Rhein und Weser ohne Hannover nicht verteidigungsfähig und Napoleons Soldaten nun gefährlich nah an brandenburgisches Land herangerückt waren. Beruhigend blieb allein die russisch-preußische Verabredung, einem weiteren Übergriff Frankreichs gemeinsam energisch begegnen zu wollen. Es ist erstaunlich, dass Luise, die später einen ausgeprägten Sinn für das politische Geschehen entwickelte und, wenn auch nur als Nebenfigur, die weltgeschichtliche Bühne betrat, in den ersten Jahren ihrer Königinherrschaft nichts erkennen ließ, was auch nur annähernd in diese Richtung deutete. Ihre Briefe an den „holdseligen Gemahl, an Bruder, Schwester, Tante und selbst an Zar Alexander I. sprühten zwar vor Leidenschaften und wiesen auf ihre Begabung hin, Alltägliches gestenreich zu illustrieren, beinhalteten aber nicht viel mehr als familiäre Banalitäten. Die politischen Verhältnisse schlugen für Preußen beileibe nicht ins Positive aus und belasteten ihren Mann schwer, was Luise indes nicht davon abhielt, ihre wachsende Kinderschar – Karl war 1801 geboren worden und Alexandrine 1803 – unbekümmert und mit launigen Worten zu umschreiben, als befände sich die Welt in allerbester Ordnung: „Alexandrine Helene (…) ist so hübsch, so fett, so rund, als ich es nur wünschen kann (…). Charlotte ist sehr groß, sanft und gut, und ihre Erziehung wird nicht schwer sein, Wilhelm ist ein sehr kluges, komisches Kind, possierlich und witzig, Fritz über alle Maßen lebhaft, oft unbändig, aber sehr gescheut und ein gutes Herz.²³

Dieser kluge, komische, possierliche und witzige „Wimpus" feierte am 22. März 1803 seinen sechsten Geburtstag, fünf Wochen darauf kam in Pleushagen bei Kolberg ein späterer enger Vertrauter und Weggefährte zur Welt, der gemeinsam mit Bismarck und Moltke, der 1800 in Parchim geboren worden war, seinen Anteil an der deutschen Reichseinigung haben sollte: Albrecht von Roon. Der jüngste und härteste von ihnen war Bismarck, der klügste Moltke, der treueste Roon und der älteste Wilhelm, den als Kaiser nur mit dem Kriegsminister eine Art Freundschaft verbinden sollte. Die Identität stiftenden, Entwicklung und Individualität eines Menschen prägenden und damit entscheidenden Jahre waren und sind die ersten, frühen, in denen aus Kindern junge Heranwachsende werden. Ihren Lehrern kam für diesen Abschnitt besondere Bedeutung zu, da sie den bei weitem nachhaltigsten Kontakt zu ihnen pflegten. An den Höfen des 18. und 19. Jahrhunderts bildeten sich daher nicht selten innigere Beziehungen der Schüler zu ihren Lehrern aus als zu ihren Eltern.

Der Unterrichtsplan für Fritz, Wilhelm, Charlotte und seit 1805 auch für Karl sah im Kern die Anfangsgründe der Mathematik (Arithmetik, Geometrie) und Physik, Geschichte (Alte Welt, Neue Geschichte mit den Schwerpunkten Russland, Preußen und Mitteleuropa), Sprachen (Englisch, Französisch), deutsche Literatur, Bibelkunde, Landwirtschaft und Zeichnen (Personen, Landschaften, später auch Schlachtpläne) vor. Bisweilen verknüpften Delbrück und seine Kollegen die Fächer, indem sie z. B. Geschichte in Englisch lehrten („Speech of Hannibal to Scipio before the Battle of Zama"), Prosa auf Französisch lesen oder Verse rezitieren und diese zugleich niederschreiben ließen. Während der eine zeichnete, las der andere und ein Schüler beschäftigte sich mit dem Aufsetzen kleiner Briefe – meist an einen Verwandten oder engen Vertrauten. In den Pausen tobten sich die Kinder im Garten aus oder fuhren zur Reitbahn und es kam vor, dass die Pädagogen ihren Lehrplan auf Tagesereignisse abstimmten. „Charfreitag. Ein Tag, der sich anders artete, als ich gehofft und gewünscht hatte. Der Vorsatz zu communiciren, wurde aufgegeben. Theils fühlte ich mich nicht ganz wohl, theils glaubte ich zur Erbauung beyder Prinzen etwas thun zu müssen. Dieß geschah dann auch durch Lesen des Liedes Nr. 146, der letzten Leyden Jesu nach der Erzählung des Johannes und Mättäus, ingleichen der Hälfte des Traumes der Portia im Messias."²⁴

Häufige Krankheiten von minderer Schwere – gerade Wilhelm litt in seinem schwächlichen Körper häufig unter Brustfieber und grundsätzlich unter labiler Gesundheit, der sich die bekanntesten und fortschrittlichsten Ärzten des Landes annahmen – waren kein Grund, den Unterricht abzusagen oder zu unterbrechen. Man wechselte dann lediglich den Ort („Behufs der Geschichte Carls XII. wurde die große Charte von Europa neben dem Bette des Prinzen aufgehängt). Delbrück führte penibel Tagebuch über die Lernfortschritte, über die er den Eltern regelmäßig Bericht gab, wobei er weder übernoch untertrieb und Lob und Tadel in etwa gleichermaßen verteilte („Ein löblicher Privatfleiß, „Prz. Wilhelm las Stelle aus Conte du Prince Chéri höchst stümperhaft, „Im Rechnen war wieder große Zufriedenheit, „In der Reitübung hielt sich alles wacker, „Eine Lection, meist arithmetisch, nicht sehr erfreulich). Doch im Ganzen fällt auf, dass er Wilhelm öfter tadelte als die anderen Königskinder, dass „Wimpus zuweilen nicht ganz bei der Sache war, da er sich leicht ablenken und durch Äußerlichkeiten beeinflussen ließ. Das Lesen bereitete ihm Schwierigkeiten, und an den Sprachen zeigte er keine solche Neugier wie die Geschwister. Nur im Rechnen und in den früh angesetzten militärischen „Uebungen der Prinzen zu besserer Haltung, von denen ausgerechnet Gerhard von Scharnhorst bemerkte, dass es von Nachteil sei, „wenn die Prinzen in die Militärischen Details"²⁵ zu früh eingeführt würden, erwies sich der mittlerweile Achtjährige mit viel Sinn für Ordnung als „thätig und gelehrig". Es heißt, Wilhelm habe schon früh die 108 Gewehrgriffe beherrscht, die das preußische Exerzierreglement kannte, und zu seinem Pläsier mit Bleisoldaten gespielt, die er mithilfe eines hölzernen Lineals exakt herumschwenkte. Eine Parade polnischer Lanzenreiter rief einmal eine solche Begeisterung in ihm hervor, dass ihm der König eine Towarczy-Uniform schenkte, in der er der großen Revue im Mai 1806 beiwohnte. Wirkliche Sorge bereitete er den Eltern deswegen, weil Delbrück hie und da in seine Aufzeichnungen Mängel einschrieb, nicht. Es waren keine bedenklichen Aussetzer, alles bewegte sich im Bereich des Normalen.

Die ständigen Reisen des Königs nahm die Lehrerschaft auch zum Anlass für Exkursionen, die kurzfristig in den Stoff eingebaut wurden. Delbrück nutzte beispielsweise einen Besuch in Königsberg, um zum einen die Grundrisse der Stadt zeichnen zu lassen und zum anderen Kants Grab aufzusuchen, seinem Andenken im Namen des Kronprinzen einen Stein zu setzen und die Kinder anschließend mit den Grundlagen der Kantschen Philosophie vertraut zu machen. Ihre Teilnahme am Hofgeschehen und an Gesellschaften, um sich in Konversation und Umgang zu üben, war obligatorisch, und die schicke uniformähnliche Kleidung, in der sie zu diesen Gelegenheiten erschienen, sandte militärische Autorität und die in höfische Etikette eingebundene unmissverständliche Botschaft aus, für höhere Aufgaben bestimmt zu sein. Darin unterschied sich Berlin nicht von den anderen großen „alten Hauptstädten London, Wien, St. Petersburg. Nur von Paris, das auf die hergebrachten Insignien absolutistischer Macht nichts mehr gab und wo es anders zuging, seit Napoleon, der mit Prunk nicht protzte, sondern Purpur und Gold allein aus kühler Berechnung einsetzte, nicht mehr Erster Konsul, sondern Kaiser in einer Diktatur mit plebiszitären Elementen und letztlich mit größerer Herrschaftsfülle ausgestattet war als die absoluten Monarchen. Denn er berief sich auf die Verfassungswirklichkeit und den freien Willen der Franzosen. So konnte der „Empereur par la volonté nationale 1804 selbstbewusst vor den Senat treten und sagen: „Wir sind stets von jener großen Wahrheit geleitet worden, daß die Souveränität im französischen Volk ruht in dem Sinn, daß alles – alles ohne Ausnahme – in seinem Interesse, zu seinem Wohle und zu seinem Ruhm getan werden muß."²⁶

Berlin atmete auf, da die misslichen Umtriebe der Revolution durch neue, Stabilität versprechende Kräfte gebannt schienen. Die im Ganzen zu beobachtende antifranzösische Einstellung des hohen preußischen Adels wurde durch eine gemäßigte, ja freundliche Haltung von Volk, Armee und Königshaus den Franzosen und Napoleon gegenüber konterkariert. Umso schmerzlicher war es für Friedrich Wilhelm, als ihn der russische Zar massiv zur Koalition gegen Frankreich drängte und einzumarschieren drohte. Der Preuße zögerte, verhielt sich still, meldete sich krank, wich aus, ließ als Zeichen des guten Willens sogar russische Truppen ins Land, zog sich schließlich in gänzliche Unbeweglichkeit und Lethargie zurück, nur um keinen Fehler zu begehen – und sah tatenlos zu, wie Napoleon durch sein Ansbach gegen Österreich zog. Alexander fasste nach und forcierte seinen Willen zum Bündnis, dem sich Friedrich Wilhelm trotz dieser erheblichen französischen Verletzung seiner Souveränität dennoch fernhielt. Daran konnte selbst der Besuch des Zaren im Potsdamer Stadtschloss im Spätherbst 1805 nicht rütteln. Friedensliebe wird das bestimmende Motiv für sein ablehnendes Verhalten gewesen sein, aber dass er sich und den beiden anderen Großen Österreich und Russland einen Bärendienst erwiesen hatte, zeigte sich einen Monat später, nachdem der russische Zar Potsdam lediglich mit der Zusicherung verlassen hatte, Preußen werde sich zu Gesprächen bereit und ansonsten mobil halten („bewaffnete Vermittlung").

Die Dreikaiserschlacht bei Austerlitz am 2. Dezember 1805, dem ersten Jahrestag seiner Kaiserkrönung, brachte Napoleon einen seiner glänzendsten Siege gegen die dritte Koalition (Russland, Österreich, Schweden und Neapel), in dessen Folge Österreich um Frieden bat und Alexander sein geschlagenes Heer über Ostpreußen nach Russland zurückführen musste. Weshalb hätte Napoleon jetzt irgendwelche Rücksichten auf die letzte Kontinentalmacht nehmen sollen, die ihm trotz unübersehbarer struktureller Mängel zumindest theoretisch gefährlich werden konnte? Zumal er in der Seeschlacht bei Trafalgar gegen England unterlag und keine Gewähr hatte, dass nicht beide – Preußen und England, das mit einem Mal vom Albdruck einer Invasion befreit war, – gegen ihn mobilisieren würden. Diese verheerende Niederlage auf See sollte Napoleon zu einer Reihe verhängnisvoller Fehler in seiner Expansionspolitik verleiten: von der Kontinentalsperre über das spanische Abenteuer bis zum Einmarsch in Russland 1812, der schließlich zur Vernichtung seiner „Grande Armée führte. Und welche Rolle würde bei alledem trotz der Niederlage das Zarenreich übernehmen, das von Berlin forderte, endlich Farbe zu bekennen? Es kam, wie es im Spiel des Überlegenen gegen den Unterlegenen kommen muss. Durch den Pariser Vertrag vom 15. Februar 1806 (der Vertrag von Schönbrunn trat nie in Kraft!) kettete sich Friedrich Wilhelm an Napoleon und trennte sich durch dessen Forderung, Hannover zu besetzen, nur noch eindeutiger als bisher von den übrigen Mächten. Für das Kurfürstentum Hannover musste Friedrich Wilhelm Kleve, das im Schweizerischen gelegene Neuenburg und Ansbach-Bayreuth herausgeben, die Napoleon mit Fürsten seiner Wahl und gern auch dynastisch motiviert bestückte. Wenn Königin Luise unter dem 18. Februar 1806 ihrem Bruder mitteilte: „Ich bin wieder einmal recht herunter an Leib und Seel‘, und gerne gäbe ich 20 Jahre meines Lebens hin, und hätte ich nur noch zwei zu leben, wenn dadurch die Ruhe in Teutschland und Europa zu erlangen wäre²⁷, so war dies weit mehr als nur eine Herzensregung. Es war das spontane Eingeständnis, dem ehrgeizigen Franzosen auf absehbare Zeit nichts entgegensetzen zu können. Insofern war der Entschluss Friedrich Wilhelms, sich Napoleon anzudienen, vielleicht kurzsichtig, aber nicht ganz abwegig.

Hinzu kam die nunmehr mögliche (und dann bis auf wenige Regimenter auch vollzogene) Demobilisierung des preußischen Heeres, das selbst im Zustand der Untätigkeit täglich Unsummen verschlang, die Preußens König weitaus besser nutzen konnte. Um es sich mit Russland nicht zu verderben, sandte Berlin umgehend Signale aus, die dem Zaren aber, der eine geheime Erklärung forderte, zu gering waren. Letztlich war es das Schicksal einer klassischen Mittelmacht zwischen Ost und West: Beiden würde man es dauerhaft nicht recht machen können, irgendwann musste Preußen Klarheit schaffen, was der eher als schwankend bekannte Friedrich Wilhelm III. zwar sah, aber nicht umsetzte. Seinem Außenminister, Karl August Freiherr von Hardenberg, teilte er offen mit, „daß er sein Verhältnis mit Napoleon als erzwungen ansehe, daß er ihm nicht trauen könne und daher fest entschlossen sei, sich an Rußland zu halten, seinen Verpflichtungen gegen Napoleon zwar treu zu bleiben und ihn nicht zu reizen, sich jedoch gemeinsam mit dem Kaiser Alexander darauf vorzubereiten, ihm mit Nachdruck zu widerstehen, wenn er ihm Unrecht tue und seine Anmaßungen, wie wohl gewiß zu vermuten sei, zum Nachteile Preußens fortsetzen sollte."²⁸ Das Misstrauen gegenüber Frankreich oder besser gegenüber dem Kaiser war allemal begründet, denn dessen Appetit ließ keineswegs nach, im Gegenteil streckte er seine Hand nach den Abteien Essen, Eltern und Werden aus, auf das er konstruierte Ansprüche erhob, und provozierte damit einen preußischen Truppeneinmarsch.

Der Zwist konnte beigelegt werden, doch er zeigte, dass sich Bonaparte längst nicht mit gewonnenen Territorien, Satellitenstaaten und Einsprengseln zufrieden gab, sondern sein „Grand Empire, seine Herrschaft über Mitteleuropa, in greifbarer Nähe wähnte. Es war der absolute Wille zur Macht, der ihn im Sommer 1806 zum Bündnis mit 16 süd- und westdeutschen Staaten trieb, denen bis 1808 weitere 20 Staaten beitraten, die zweifellos offenen Verrat begingen. Genau betrachtet aber waren mit dem von Napoleon erzwungenen „Reichsdeputationshauptschluss von 1803 die rechtlichen und politischen Grundlagen des Reichs bereits zerstört (die Fürsten erhielten für ihre in den Revolutionskriegen erlittenen Verluste Gebietsabfindungen und volle Souveränität, wurden also „gekauft). Indes meint die neuere Forschung im Rheinbund mit Frankfurt als Hauptstadt mittlerweile ein Art Scharnierfunktion zwischen Altem Reich und Deutschem Bund ausgemacht zu haben, und in der Tat sind die dadurch geschaffenen föderalistischen Grundlagen für die spätere staatliche Einigung Deutschlands unerlässlich gewesen. Aber ein Schock muss es für das Volk dennoch gewesen sein, wie Elisabeth Goethe an ihren Sohn Johann Wolfgang schrieb: „Mir ist übrigens zu muthe als wenn ein alter Freund sehr kranck ist, die ärtzte geben ihn auf mann ist versichert daß er sterben wird und mit all der Gewißheit wird mann doch erschüttert wann die Post kommt er ist todt. So gehts mir und der gantzen Stadt – Gestern wurde zum ersten mahl Kaiser und Reich aus dem Kirchengebet weggelaßen – Iluminationen – Feyerwerck – u. d. g. aber kein Zeichen der Freude – es sind lauter Leichenbegengnüße – so sehen unsere Freuden aus!²⁹

Kaiser Franz II. musste am 6. August die deutsche Krone niederlegen, die überkommene Selbstherrlichkeit der Reichsritter wich dem Opportunismus aufstrebender Kleinfürsten. Preußen, das mit dem Korsen ergebnislos über ein von Berlin geführtes norddeutsches Kaisertum verhandelt hatte, war dazu gar nicht erst befragt worden. Warum auch? Welche Antwort hätte Friedrich Wilhelm III. dem handlungsfähigen, ständig lauernden, geschickt taktierenden Napoleon wohl geben können, der nunmehr unbeschränkten Zugriff auf Truppenkontingente „seiner neuen Staaten besaß („Acte de la Confédération du Rhin), denen er sich als Protektor voranstellte? Das gegenwärtige organisatorische und politische Genie, mit dem Napoleon, alles mit ungeheurer Energie neu ordnend und ändernd, die tausendjährige Geschichte des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation abrupt beendete, wandelte sich im Augenblick seiner beginnenden grandiosen Machtentfaltung unbewusst zum Visionär für die „Deutschen, denen der Traum vom Reich seither nicht mehr aus dem Sinn ging. Diese „Reichsidee, die erst unter Wilhelm I. Wirklichkeit werden sollte, hatte in jenen Wochen des Jahres 1806 und damit eigentlich in Bonaparte ihren Ursprung.

Während das preußische Königshaus den Sommer über in Ungewissheit und Selbstmitleid verharrte – aufgebracht vermerkte die Herrscherin: „Napoleon ist ein Schuft"³⁰ –, handelte dieser mit gewohnt eleganter Brutalität, als er den Tod seines erklärten Gegners, des englischen Premierministers William Pitt, überlegt zum Anlass nahm, England unter Bruch des Vertrags mit Preußen tatsächlich Hannover anzubieten. Er stellte mit diesem Schurkenstück abermals unter Beweis, die einzige Regel des Rechts zu sein und überdies, dass nur seine Gunst allein Schiedsrichter über die politische und wirtschaftliche Existenz der von ihm abhängigen Staaten war. Sein erklärtes Ziel war es, Preußen mit denjenigen Mächten zu verfeinden, die seine natürlichen Bundesgenossen hätten sein oder werden können. Preußen stand nunmehr endgültig vor der Wahl, sich entweder zum willenlosen Werkzeug Frankreichs herabwürdigen zu lassen oder den Kampf zu wagen – ohne Möglichkeiten für gemeinsame preußisch-russische und (oder) preußisch-österreichische Operationen auszuloten. In einer Mischung aus Übermut, dem auch aufschäumende antifranzösische Stimmungen und unbesonnene Patriotenbewegungen in der Bevölkerung zugrunde lagen, und Verzweiflung über die zunehmende internationale Isolierung, ja Missachtung, trat Friedrich Wilhelm III. die Flucht nach vorn an. Er forderte den Kaiser der Franzosen auf, seine Truppen aus Süddeutschland abzuziehen und in die Bildung eines Norddeutschen Bundes als einem föderativen Gegengewicht zum Rheinbund einzuwilligen.

Die Preußen machten am 9. August 1806 mobil. Dabei wollten der König und seine Berater keineswegs Krieg. Sie hofften vielmehr, Bonaparte werde die Mobilmachung als mutige Geste respektieren und daraufhin Entgegenkommen signalisieren. Diplomatisches Geplänkel im September, angestoßen von Napoleon, der Zeit gewinnen wollte, um seine Truppen zu konzentrieren, da er die preußische Kampfkraft überschätzte, konnte nicht mehr darüber hinwegsehen lassen, dass es ernst wurde. Königin Luise schrieb ihrem Gatten vor der Schlacht aus Weimar optimistisch: „Ich hoffe, bald was Gutes von Deiner Armee zu hören. Alle, denen ich begegnete, waren ganz toll vor Freude, als sie hörten (die Truppen nämlich), daß die Franzosen nahe und gewiß morgen eine starke Affäre sein würde. Gott stärke Dich! und gebe Dir eine tüchtig gewonnene Schlacht. (…) Ich bin hier nach 6 Uhr angekommen, und alle Regimenter schrien: Vivat, es lebe der König und die Königin."³¹ Am Tag der Entscheidung brach sie um fünf Uhr in der Frühe Richtung Erfurt mit dem Endziel Berlin auf. Die Kinder waren schon fort und sollten einige Tage darauf in Schwedt eintreffen, wohin am 17. Oktober auf Anraten General Ernst von Rüchels, der ihre Marschroute festzulegen die Ehre hatte, auch Luise reiste. Wilhelm erinnerte sich noch als Kaiser in etwa der Worte, mit denen die Königin die beiden Söhne auf der Schlosstreppe empfing: „Ihr seht mich in Tränen; ich beweine das schwere Geschick, das uns getroffen hat! Der König hat sich in der Tüchtigkeit seiner Armee und ihrer Führer geirrt, und so haben wir unterliegen sollen und müssen flüchten!³² Auf dem Weg nach Stettin machte sie in Neustadt Halt und äußerte sich einem abendlichen Schreiben an ihren Gemahl erstmals überhaupt politisch. Sie riet konkret dazu, den schwer verletzten und zu keiner Tat mehr befähigten Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel, dem in der Schlacht durch ein quer eindringendes Gewehrgeschoss das Augenlicht genommen worden waren, durch den Fürsten Hohenlohe zu ersetzen („Es ist wohl der beste von allen). Friedrich Wilhelm III. nahm die Empfehlung an.

Es lohnt, die Umstände, die zur wahrlich „historischen, also weiter als nur auf den Zeitpunkt wirkenden Katastrophe in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt führten, näher zu betrachten. Zum einen waren sie unmittelbarer Auslöser für das umfassende preußische Reformwerk und zum anderen nahmen sie Einfluss auf das werdende Bewusstsein der Kronprinzen Fritz und Wilhelm, die zu diesem Zeitpunkt elf bzw. neun Jahre alt waren und dem Ausmarsch einiger stolzer und dann so gedemütigter Regimenter, darunter Garde du Corps und Königin-Dragoner, beigewohnt hatten. Der überwiegende Teil der preußischen Offiziere sah dem bevorstehenden Kampf mit unverhohlener Siegeszuversicht entgegen, die im Kern aus ihrer Tradition resultierte und daraus, Napoleon bisher noch nicht gegenüberstanden zu haben. Man verspottete die Franzosen als „alte Roßbacher – eine Anspielung auf den Sieg Friedrichs des Großen am 5. November 1757 –, die ihr Haar nicht ordnungsgemäß zum Zopf flochten und deren Parademarsch sich neben dem dressurmäßigen Stechschritt der Potsdamer Wachtparade erbärmlich ausnahm. Ein Oberst verkündete, ihm täte es leid, dass die Preußen Gewehre und Säbel trügen; um die Franzosen aus dem Land zu jagen, müssten wohl Knüppel genügen. Auch der Hinweis auf das außergewöhnliche, charismatische Feldherrntalent ließ nicht nur die vorwitzigen jungen Gardeoffiziere kalt, sondern auch die altgedienten, erfahrenen, im Dienst ergrauten, ja durchaus verdienten preußischen Haudegen. Rüchel verstieg sich gar zu der Ansicht, die preußische Armee habe von solchen Generalen, wie der „Herr Bonaparte" einer sei, mehrere in ihren Reihen. Rüchel und seinesgleichen ließen jedes Verständnis dafür vermissen, dass die Französische Revolution auch eine neue Kriegführung hervorgebracht hatte, die der überkommenen, von den Preußen beibehaltenen überlegen war.

Die französische Armee, aus der Revolution hervorgegangen und von ihrer Idee infiziert, besaß den Heeren der übrigen europäischen Staaten gegenüber die zweifellos höhere Kampfmoral und konnte mit einer unvergleichlich größeren Initiative ihrer Soldaten, fortschrittlicher Strategie und Taktik und einer hochqualifizierten Führung aufwarten. Die französischen Soldaten sahen in Napoleon die Verkörperung der Größe Frankreichs; sie verehrten ihren Feldherrn auf eine geradezu schwärmerische Weise und gingen für ihn im wahrsten Wortsinn durchs Feuer. Die französische Infanterie kombinierte virtuos zwei neuartige Kampfformen, die moderne (aber nicht sehr effektive) Schützentaktik der Tirailleure und die Kolonnentaktik (Massenangriffe mit dem Bajonett) mit der herkömmlichen Kampfform in Bataillonslinie. Das Tirailleursystem war allerdings seit 1787 auch in der preußischen Armee eingeführt worden. Die Kolonnentaktik kann angesichts der seit dem Siebenjährigen Krieg technisch gleich gebliebenen Bewaffnung mit glattläufigen Steinschloss-Gewehren, die als Vorderlader nur im Stehen zu laden waren, nicht unbedingt als Fortschritt bezeichnet werden. Sie war eher eine Folge der geringen Ausbildungszeiten, die den Revolutionstruppen zur Verfügung standen. Denn wenn der erste Ansturm nicht gelang, drohte der Kolonne das Chaos ihrer völligen Auflösung. Bei Belle-Alliance 1815 zeigte sich später die Überlegenheit der englischen Truppen, die kaltblütig die aufwendige Lineartaktik noch mustergültig zur Anwendung brachten.

Aber die Wucht der Offensive, Kräftezusammenballung, entscheidender Stoß an entscheidendem Ort, an den Brennpunkten der Schlacht mit den massivsten Kräften zur Verfügung zu stehen, starke Reserven in der Hinterhand zu halten – diese Grundsätze, gepaart mit dem unbedingten Willen zur Vernichtung des Feindes und einem überlegenen, weil aus den revolutionären Ideen und „Elan" gespeisten kriegerischen Geist der Truppe garantierten der französischen Armee zu diesem Zeitpunkt geradezu den Sieg. Die einfachen französischen Soldaten mussten nicht auf Schritt und Tritt von Vorgesetzten beaufsichtigt werden und konnten nach dem für die Bevölkerung äußerst bedrückenden Requisitionssystem im Feindesland versorgt werden. Wegen der Aufgabe ihres zur Versorgung benötigten Trosses und des Magazinsystems erreichten die französischen Verbände während des Marschs und auf dem Gefechtsfeld eine bis dahin kaum für möglich gehaltene operative Beweglichkeit. Die Überlegenheit der französischen Heere beruhte aber auch auf einer damals unübertroffenen Dynamik ihres Offizierkorps: Ein französischer Offizier, der sich vor dem Feind auszeichnete, hatte gute Aussichten auf schnelle Beförderung. Das wirkte als starker Leistungsansporn.

1806 standen die Marschälle, welche die französischen Korps befehligten, sämtlich im besten Mannesalter, das französische Revolutionsheer hatte mit allem Herkömmlichen strikt gebrochen. Napoleon vervollkommnete die neue Kriegführung und strebte – im Gegensatz zur Ermattungsstrategie friderizianischer Heere – nicht das galante Kräftespiel an, sondern die Vernichtung des jeweiligen Gegners und dies möglichst schon in der ersten Schlacht, wobei er als Artillerist seiner Waffe auf dem Schlachtfeld eine neue, dominierende Rolle zuwies: Napoleon ließ das Feuer der Kanonen zusammenfassen und konzentriert auf einen Punkt wirken.

Die preußische Armee bot zu dieser Zeit bei ihren Paraden zwar noch immer ein glanzvolles Bild, ihre schweren Mängel jedoch blieben der Öffentlichkeit des In- und Auslandes verborgen. Sie bestand zu einem guten Drittel aus „ausländischen" Söldnern (zumeist aus deutschen Territorien), zu zwei Dritteln aus kantonspflichtigen Inländern (Söhne leibeigener Bauern), darunter ein hoher Prozentsatz Polen. Dienstbetrieb, Strategie und Taktik waren ganz von dem Bestreben geprägt, die Soldaten an der Fahnenflucht zu hindern. Trotz aller Vorkehrungen desertierten jedoch allein von Oktober 1805 bis Februar 1806 insgesamt rund 9500 Soldaten. Damit war die preußische Kampfmoral derjenigen der von den Idealen der Französischen Revolution beseelten, zudem von charismatischen und hochmotivierten Offizieren geführten Franzosen weit unterlegen. Häufig konnte nur mit Hilfe der Prügel- und anderer Strafen die Disziplin aufrechterhalten werden. Im Feld blieben die Bewegungen der Armee langsam und schwerfällig, da sie darauf angewiesen war, Verpflegung, Zelte usw. in einem riesigen Tross mitzuführen und auf ein starres System von Magazinen zur Ergänzung des Nachschubs zurückzugreifen. Bei der preußischen Infanterie gab es, wie erwähnt, zwar auch Tirailleure, aber generell kannte man keine Einzelausbildung, sondern nur eine Art Massendressur, taktmäßig wie Automaten zu laden und zu schießen und komplizierte taktische Bewegungen auszuführen. Noch immer hielt die preußische Armee unbeirrt an der Lineartaktik fest, und ihre Infanterie ging grundsätzlich in starr ausgerichteten, drei Glieder tiefen Linien im Gleichschritt vor. Man musste diese Taktik allerdings aus waffentechnischen Gründen beibehalten, aber auch, weil die Offiziere nur auf diese Weise die Soldaten beaufsichtigen konnten. Das preußische Offizierkorps war stark überaltert, geistig nicht mehr flexibel genug, und mit Beförderungen stand es ohnedies schlecht.

Der Oberbefehlshaber, Ferdinand Herzog von Braunschweig, hatte die 70 knapp überschritten und galt als Zauderer. Die preußischen Offiziere, zumeist Adelige, verharrten in einer Art selbstgefälliger Lethargie. Weitsichtige Militärs wie Gebhard Leberecht von Blücher, Gerhard von Scharnhorst und Hermann von Boyen hatten bereits vor 1806 vorgeschlagen, die allgemeine Wehrpflicht einzuführen, um damit Ressourcen der Bevölkerung zu nutzen, die Prügelstrafe abzuschaffen und die starre Lineartaktik aufzulockern. Aber sie waren nicht gehört worden. Und eine Kabinettsorder von 1800 beschrieb weitsichtig, es sei notwendig, den fast erstorbenen Geist der Treue, Uneigennützigkeit, des Fleißes und der Ordnung herzustellen, der sonst den preußischen Dienst so musterhaft ausgezeichnet; es sei nicht nur die jetzige Generation ausgeartet, sondern es bestünde auch eine berechtigte Besorgnis für die Zukunft. Der berühmte Historiker Johann Gustav Droysen machte in der Armee von 1806 einen „Wust von Indolenz, Selbstgefälligkeit und Genußsucht aus. „Bitterkeit, Zuchtlosigkeit und Excentricität auf der einen, Schlaffheit, Unklarheit, Gamaschen- und Tabellenwesen auf der anderen Seite und als Vereinigung beider die formelle Ehre des Standes, des Ranges, des preußischen Namens.³³ Es lag in der Luft, dass die Nation reif für Übergänge war, zumal alle Verbindungen des Staatswesens im Gegensatz zur euphorisierten „Grande Nation" verkrustet, dürftig und über die Maßen schwerfällig erschienen.

Entsprechend pomadig marschierte die preußische Armee mit 147.000 Mann im September in Thüringen auf. Als einzige Verbündete stießen 20.000 sächsische Soldaten und die kleine Streitmacht des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach dazu, wobei die Verbände aber nicht etwa straff zusammengefasst, sondern in drei getrennt voneinander aufgestellte Teilarmeen aufgesplittert waren: die Hauptarmee unter dem Herzog von Braunschweig, die Armee des Generals Friedrich Ludwig Fürst zu Hohenlohe-Ingelfingen und das Korps von General Rüchel. Ihnen standen 160.000 Franzosen gegenüber, die schnell und vehement vordrangen und die Vereinigung der Preußen verhinderten. Nachdem die Franzosen bereits am 10. Oktober die Vorhut bei Saalfeld geschlagen hatten, wobei deren Befehlshaber Prinz Louis Ferdinand den Tod fand, wurde die verheerende Niederlage der Preußen am 14. Oktober komplett. Unmittelbar nach der Schlacht setzten die Franzosen zu rastloser Verfolgung an, Tausende demoralisierter Soldaten nutzten die konfuse Situation, um zu desertieren. Binnen weniger Wochen übergaben die Kommandeure alle Festungen bis auf Glatz, Silberberg und Cosel kampflos an die Sieger. Die Katastrophe von Jena und Auerstedt war die Konsequenz aus einer fatalen geistigen Erstarrung, sodass „kein einziger kräftiger Entschluß zu wohlgeordnetem energischem Angriff erfolgt ist"³⁴, und friderizianischer Vernebelung des Offizierkorps, das in der Endphase der Schlacht gehofft hatte, Friedrich Wilhelm III. würde sich zu einem zweiten Fridericus Rex aufschwingen und den Geist von Roßbach und Leuthen wiederaufleben lassen.

Friedrich Wilhelm III. hatte „eine Bataille verlohren", wie der vertretungsweise eingesetzte Gouverneur Berlins,

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