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Vom griechischen Feuer zum Dynamit: Eine Kulturgeschichte der Explosivstoffe
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eBook414 Seiten5 Stunden

Vom griechischen Feuer zum Dynamit: Eine Kulturgeschichte der Explosivstoffe

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Über dieses E-Book

"Beginnend mit dem berühtem ""griechischen Feuer"", das die Existenz des byzantinischen Reichs über Jahrhunderte sicherte, stellt dieses Buch allgemeinverständlich die Entwicklung der zivilen und militärischen Sprengstoffe dar.

Als Katalysator bestimmter gesellschaftlicher Entwicklungen, wie etwa beim Zerfall der feudalen Ordnung oder dem Eintritt ins Industriezeitalter, wird den Sprengstoffen in historischen Darstellungen oft zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei veränderte die technische Nutzung dieser Stoffe nicht nur die Waffentechnik, sondern auch die insutrielle Fertigung von Konsumgütern.

Die vorliegende kulturgeschichtliche Darstellung schließt diese Lücke. Durch die Vielzahl der Referenzen kann der Leser das Buch als Ausgangspunkt verwenden, sich je nach Vorkennntis und Ausbildung auch angrenzende Fachgebiete zu erschließen. Historische, volks- und waffenkundliche, naturwissenschaftliche und politische Aspekte sind mit der Geschichte der Explosivstoffe eng verknüpft."
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum1. Jan. 2015
ISBN9783813210088
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    Buchvorschau

    Vom griechischen Feuer zum Dynamit - Jochen Gartz

    Jahrhunderts

    Vorgeschichte: Antike Brandmischungen und das berühmte »griechische Feuer«

    Über viele Jahrtausende kannten die Menschen keinen anderen Knall als den des Blitzschlages oder von einem sehr seltenen Meteoritenfall. Es wäre frühen Kulturvölkern wie Sumerer, Ägypter und selbst den Griechen und Römern unfassbar und widersinnig erschienen, dass ein unscheinbarer Stoff durch Flammenzündung oder sogar durch Schlag plötzlich unter Knall mit Zerstörungsgewalt explodiert.

    Dagegen ist es wahrscheinlich, dass gelegentlich Staubexplosionen bereits in diesen alten Kulturen auftraten, die dann aber im göttlichen oder geisterhaften Rahmen gedeutet wurden.

    Fein verstäubtes Getreide oder Mehl sowie vulkanischer Schwefel, der z.B. lange vor unserer Zeitrechnung in Sizilien abgebaut wurde, explodieren nach der Aufwirbelung in Luft schon durch die Flammen von Fackeln oder Öllampen.

    Obwohl solche Staubexplosionen bereits den Kornstampfern und Bäckern der Pharaonenzeit Ägyptens als Blitz- und Donnerschläge aufgefallen sein müssen, existieren hierüber keine eindeutigen historischen Quellen, die solche Geschehnisse belegen. Bis heute haben brennbare, feinverteilte Stäube in Luft verheerende Explosionen verursacht, so z.B. beim Verarbeiten von Metallen, Schwefel, Mehl, Zucker, Getreide sowie im Bergbau als gefürchtete Aufwirbelung von Kohlepartikeln.

    Die Flotte des Kaisers Michael II. (820–829) zerstört ein Schiff des Rebellen Thomas durch griechisches Feuer.

    Sie sind nicht Inhalt dieser Darstellung, da keine eigentlichen Explosivstoffe vorliegen, die sich ohne Luftzufuhr in sehr kurzer Zeit zersetzen. Langhans (1930) hat solchen Ereignissen, genau wie den Explosionen von Gasen und Lösungsmitteldämpfen mit Luft, eine interessante historische Abhandlung gewidmet.

    Griechischer Flammenwerfer, 5. Jh. v. Chr.

    Dagegen wurde das Schwarzpulver als ältester Explosivstoff über einen langen Prozess aus schon sehr lange bekannten Brandmitteln entwickelt, so dass deren Geschichte hier näher behandelt wird.

    Die Anwendung von Brandgemischen unter Zusatz von leicht entflammbaren Substanzen wie Schwefel, Harzen, Ölen oder Erdpech (Asphalt) lässt sich für Indien und China bis in das 2. Jahrtausend v. Chr. zurückverfolgen. Solche Brandstoffe werden im Alten Testament der Bibel erwähnt und auch das Heer des persischen Königs Xerxes war um 480 v. Chr. mit entsprechenden Brandpfeilen ausgerüstet. Thukydides (etwa 460–400 v. Chr.) beschrieb sogar schon eine »Feuermaschine«, die im Peloponnesischen Krieg von den Böötiern im Jahre 424 v. Chr. bei der Belagerung von Delion und schon vorher 427 vor Platää eingesetzt wurde. Seine Beschreibung erinnert an einen modernen Flammenwerfer. In einem mit Blasebalg versehenen Bronzekessel tauchte ein eisenbeschlagenes Holzrohr in die Brandmischung ein, das durch Drehung auf beliebige Ziele gerichtet werden konnte:

    »… als die Bedienungsmannschaft an dem Ort angekommen war, ließ sie den Blasebalg stark spielen und blies in den Kessel. Da nun der Wind in den Kessel ging, in dem sich glühende Kohlen, Schwefel und Erdharz befanden, wurde dadurch eine so gewaltige Flamme entfacht, die gegen die Mauer schlug, daß niemand mehr auf dem Wall bleiben konnte, sondern die Krieger die Flucht ergriffen.«

    Auffällig ist, dass hier bereits Gemische aus Schwefel und Kohle verwendet wurden, die später als Bestandteil des Schwarzpulvers neben den noch zu erwähnenden Salpeter auftauchen.

    Leiter und Fallbrücke, darauf ein Krieger mit

    einem Handsyphon für griechisches Feuer.

    In der ältesten militärischen Fachliteratur, dem »Poliorketikon« des Griechen Aineias Taktikos (um 350 v. Chr.), werden Brandsätze aus Schwefel, Pech, Weihrauch, Kiefernholzspänen und Harz beschrieben, die als Wurfgeschosse (»Falarica«) oft eine Hantelform hatten und in der Antike weite Anwendung fanden. Der griechische Rhetor Athenaios, der zu Beginn des 2. Jahrhunderts u.Z. lebte, berichtete in seinem »Gastmahl der Gelehrten« (»Deipnosophistai«) über Xenophon, den Taschenspieler, der ein selbstentzündliches Feuer (pyr autómaton emporschießen ließ. Sextus Julius Africanus (etwa 160 oder 180 bis 232) beschrieb dann 230 u.Z. in seinen »Kestoi« (eigentlich »bunter Zaubergürtel der Venus«) neben vielen magischen Formeln, Rezepten und Geheimmitteln auch die Möglichkeiten der Anwendung von Brandmitteln im Krieg. Es verwundert heute, dass er als christlicher Bischof von Aelia Capitolina, gebaut auf den Trümmern von Jerusalem, die kein Jude betreten durfte, auch Ratschläge zur hinterhältigen Vergiftung von Lebensmitteln und Wein und zum Giftmord gab. Er beschrieb ausführlich das selbstentzündliche Feuer, so nach folgender Vorschrift:

    »Das Pyr autómaton besteht aus gleichen Teilen lebendigen Schwefel, Steinsalz, Weihrauch und‚ ›Blitzstein‹, das man alles in der Mittagssonne in einem schwarzen Mörser gemahlen und mit gleichen Teilen Sykomorenholzkohle und flüssigen Asphalt von Zakynthos (d.H. Erdöl der Insel Zante) zu einer dicken Paste verrieben hat. Dann gibt man gebrannten Kalk hinzu. Die Masse muß in der Mittagszeit sorgfältig gerührt werden, wobei der Körper geschützt werden muß, da leicht Entflammung auftritt. Man muß sie dicht verschlossen in ehernen Kästen aufbewahren und vor den Sonnenstrahlen schützen, bis sie benötigt wird. Wenn die Kriegsmaschinen der Feinde in Brand gesetzt werden sollen, werden sie mit dieser Paste am Abend bestrichen, und wenn die Sonne aufgeht, wird alles verbrennen.«

    Neuartig war der Zusatz von gebranntem Kalk, der erstmalig von den Römern auch zur Bereitung von

    Beton benutzt wurde. Dieses Verfahren wurde in der Neuzeit erst vor ca. 100 Jahren wieder entdeckt.

    Dieser Kalk entwickelt mit Wasser oder schon mit Morgentau eine sehr hohe Temperatur, die die gesamte Brandmischung entzünden kann. In einer späteren Quelle, die sicher auf Africanus zurückgeht, heißt es über die Anwendung ähnlich: »… bei den ersten Regenfällen des Herbstes die Erde, die mit dieser Masse bestrichen wurde, zu brennen anfangen und die Bewohner vernichten wird«.

    Destillationsapparatur der Chemiker aus Alexandria in Ägypten, 4. Jh.. n. Chr.

    Chinesische Wurfmaschine zum Schleudern von Feuertöpfen, um 1000

    Natürlich ist hier keine Erde, sondern brennbare Materialien wie Holz oder Stroh gemeint.

    Manche Forscher halten dieses Rezept allerdings für einen anonymen Zusatz zu den »Kestoi« im 7. Jahrhundert. Dann ist auch sehr umstritten, ob sich in Vorschriften des Africanus schon der Salpeter wiederfindet. Diese Substanz gibt als Bestandteil des dann beschriebenen Schwarzpulvers in der Wärme leicht Sauerstoff ab und ermöglicht erst Verbrennungen ohne Luftzufuhr bzw. sehr hohe Umsetzungsgeschwindigkeiten bis hin zur plötzlichen Explosion.

    Diese in den »Kestoi« beschriebenen Brandmassen waren das erzielte Ergebnis vieler Versuche und leiten direkt zum berühmten »griechischen Feuer« über.

    Seit der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts beschrieben byzantinische und auch arabische Chronisten das Auftauchen eines neuen Brandmittels, das weitaus schrecklicher in der Wirkung war als alle früher beschriebenen und angewendeten Mischungen.

    Es wurde in Mitteleuropa bald »Le feu grégeois« (»griechisches Feuer«) genannt. Diese Bezeichnung war den Entdeckern in Byzanz fremd, die sich trotz der verwendeten griechischen Sprache als Oströmisches Reich »Römer« nannten. Sie bezeichneten die Brandstoffe als »pyr thalássion« (Seefeuer) oder »pyr hygrón« (flüssiges Feuer). Der letztere Ausdruck weist, wie von vielen Chronisten seit dem 7. Jahrhundert übereinstimmend bezeugt, darauf hin, dass jetzt recht dünnflüssige Gemische angewendet wurden, die weitaus entzündlicher waren als ihre Vorgänger. Angeblich hat der um 650 aus dem unter arabischer Herrschaft stehenden Heliopolis (das frühere Baalbek der Phönizier) geflohene jüdisch-syrische Architekt Kallinikos diese Brandmasse erfunden, der aber vielleicht nur die Anwendungstechnik als Siphon einführte.

    Festzuhalten ist, dass bis heute die genaue Zusammensetzung des »flüssigen Feuers« nicht bekannt ist, die als Staatsgeheimnis in Byzanz behandelt wurde. So schrieb der Kaiser Konstantin VI. Porphyrogenitos (780–797) an seinen Sohn:

    »Man muß auch die Aufmerksamkeit auf das flüssige Feuer richten und all jene fortschicken, die sein Geheimnis kennen lernen wollen, das durch einen Engel dem ersten König der Christen, Konstantin, anvertraut wurde mit dem ausdrücklichen Verbot, es anderswo als in der Stadt der Christen (Konstantinopel) anzuwenden. Der große König schwor auf dem Altar der Kirche zu Gott, daß derjenige, der es wagen sollte, dieses Geheimnis einer fremden Macht zu verraten, den Namen eines Christen verlieren und außerdem für unwürdig erklärt werden sollte, je eine Stellung im Staat zu bekleiden, daß ferner der Verräter, er sei König, Patriarch oder jeder andere Mensch, für immer verflucht sein sollte. Gott möge ihn mit dem Blitz erschlagen, wenn er die Kirche betritt.«

    Das neuartige Brandmittel wurde erstmalig um 670 bei der Seeschlacht vor der Halbinsel Kizykos an der Propontis, dem heutigen Marmarameer, von den Byzantinern unter Konstantin IV. Pogonatus (668–685) gegen die Araber unter Yazid, dem Sohn des Kalifen von Syrien, angewendet. Die arabische Flotte wurde völlig vernichtet. Ein nachfolgender Sturm rundete das Inferno ab. Der Chronist Theophanos sprach dabei von »Feuerschiffen, die mit Siphonen ausgerüstet waren«. Bronzene Siphonrohre liefen in einen vergoldeten Löwenkopf aus, dessen weit geöffneter Rachen das Feuer ausspie.

    In der »Taktika« des byzantinischen Kaisers Leo III. Isaurus (717–741) steht darüber geschrieben:

    »Im Vorderteil des Schiffes war ein Bronzerohr so angebracht, daß das vorbereitete Feuer vorwärts nach links oder rechts geschleudert und auch von oben herabfallen konnte. Das Rohr war auf einem Zwischendeck montiert über dem Deck, auf dem die Spezialkrieger standen, so daß es sich über die Angreifer, die im Bug versammelt waren, erhob. Das Feuer wurde entweder auf das feindliche Schiff oder in die Gesichter der Angreifer geschleudert.«

    Chinesischer Flammenwerfer. Eine einzylindrige, doppeltwirkende Kolbenpumpe aus Bronze saugt über Rohre Öl aus einem Behälter, am Austritt des Rohres befindet sich eine Zündvorrichtung, um 1044.

    Die Dünnflüssigkeit und extreme Brennbarkeit des »Seefeuers« auf dem Wasser lässt nur den Schluss zu, dass der Grundbestandteil eine durch Destillation aus Erdöl gewonnene Benzinfraktion war, die anstelle des Erdöls in ähnlicher Mischung wie im »pyr autómaton« vorlag. Sicher ist die Mischung in Byzanz selbst entwickelt worden. So hat der im 7. Jahrhundert in Konstantinopel lebende Mönch Stephanos, der als bedeutender Alchimist seiner Zeit galt, ausgezeichnete Kenntnis von Destillationsverfahren besessen, die mehrere Jahrhunderte vorher in Alexandria entwickelt wurden. Ein anonymer byzantinischer Autor betonte bereits Mitte des 6. Jahrhunderts, dass Erdöl für die Byzantiner ebenso wichtig sei wie Eisen und noch weit wichtiger als Silber und Gold. Arabische Chronisten berichteten auch später, dass Erdöl als wichtiger Rohstoff sogar in Kirchen Konstantinopels gelagert wurde!

    Schleuderrad zum Werfen von Feuerbrändern, um 1326

    Der Ingenieur F. M. Feldhaus machte vor etwa 100 Jahren Versuche mit einer Mischung aus Benzin und gebranntem Kalk, die er auf Wasser spritzte. Die Erhitzung reichte aus, um das Benzin schließlich explosionsartig zu entzünden. Im Zuge der Hitzeentwicklung tritt zuerst eine teilweise Verdunstung des Benzins ein, dessen Dämpfe dann mit Luft unter starker Verpuffung und Brand des noch flüssigen Stoffes reagieren.

    Allerdings wurden in Byzanz vor allem auch im Landkrieg und im kleineren Maßstab die Mischungen mit Flamme entzündet. Der Bericht in der »Taktika« über Seegefechte spricht auch dafür. Hier wurden wahrscheinlich beide Entzündungsverfahren angewendet. Anna Komnena, die Tochter des Kaisers Alexios I. Komnenos, beschrieb ein Verfahren aus dem Schlachtfeld um 1100:

    »Die Brandflüssigkeit in Rohren man Männern gibt, die einen guten und gleichmäßigen Atem haben. So entzündet es sich am Ausgang des Rohres, fängt Feuer und fällt gleich einem feurigen Wirbelwind in die Gesichter der Feinde.«

    Später benutzen die Krieger auch Handsiphone für die Schlacht. Das »griechische Feuer« hat den Bestand des Byzantinischen Reiches über mehrere Jahrhunderte gesichert, beginnend mit dem Sieg über die Araber, die sich dann 678 zurückzogen. Auch spätere Eroberer konnten zurückgeschlagen werden. So besiegte der Kaiser Leo V. der Armenier im April 814 die Bulgaren in der mörderischen Schlacht bei Mesembria in Thrakien durch die Anwendung des »flüssigen Feuers«.

    Der Mönch Nestor aus dem Kiewer Höhenkloster beschrieb in seiner nach ihm benannten Chronik vom Anfang des 12. Jahrhunderts, wie im Jahr 941 durch nur 15 mit »griechischem Feuer« ausgerüstete byzantinische Schiffe der Angriff von mehr als 1000 Wikingerschiffen des Fürsten Igor (912–945) auf Byzanz abgeschlagen wurde:

    »… und dann, mit einem beflügelten Feuer bewaffnet, ließ der griechische Befehlshaber die Flammen mittels gewisser Röhren auf die russischen Kriegsschiffe schleudern – ein schreckliches und unglaubliches Schauspiel! Als die Russen dieses magische Feuer sahen, flohen sie seewärts, um seiner Berührung zu entkommen, und nur einer kleinen Anzahl gelang es, die Heimat zu erreichen. Bei ihrer Rückkehr berichteten sie ihren Landsleuten: Die Griechen besitzen ein Feuer, das wie der Blitz durch die Luft fliegt; sie schleuderten es auf uns und verbrannten unsere Boote; daher konnten wir sie nicht besiegen.«

    Auch 1082 wurden die Normannen unter Robert Guiscard beim Angriff auf die Byzantiner unter Palaeologos bei Dyrrhachium (Albanien) durch das »griechische Feuer« zurückgeschlagen. Die Normannen setzten einen riesigen hölzernen Belagerungsturm ein, in dem mehr als 500 ausgewählte Soldaten auf den Angriff warteten. Die Byzantiner überschütteten den Turm mit »flüssigem Feuer« und verbrannten ihn mitsamt den Kriegern. Bei einem weiteren Versuch, die Stadtmauer mit einem Stollen zu untergraben und so hineinzugelangen, drangen die Byzantiner in den mit Normannen gefüllten Gang ein und »zerstörten die Gesichter der Feinde mit Feuer«.

    Papst Innozenz II. verbot unter Androhung von schweren kirchlichen Strafen 1139 auf der 2. Lateransynode neben der Armbrust auch die Verwendung des »griechischen Feuers« in Mittel- und Westeuropa, da es »zu mörderisch und unmenschlich« sei. Das Verbot wurde tatsächlich mehr als anderthalb Jahrhunderte lang eingehalten.

    Auch die Araber verwendeten ab ca. 880 zunehmend Brandmaterial auf der Basis von Erdöl, die zum Schrecken der Kreuzfahrer wurden.

    So schrieb 1248 der Chronist de Joinsville über den 6. Kreuzzug beim Kampf vor Damiette:

    »Jedermann, der sich vom ›feu grégeois‹ ergriffen fühlte, glaubte sich verloren; jedes Schiff, das davon erfasst wurde, war unfehlbar ein Raub der Flammen.«

    Allerdings gebrauchten die Araber die Brandmittel nur als schon antike Anwendung in Wurfmaschinen, die entsprechende Behälter verschossen. Die Anwendung in Siphonen war ihnen offensichtlich technisch nicht möglich.

    Arabische Wurfmaschine zum Schleudern von Brandflaschen auf Erdölbasis, 14. Jh.

    Obwohl z.B. der Araber Al-Rasi (865–923) schon die Destillation des Erdöls zu benzinähnlichen Fraktionen beschrieb, erwähnen arabische Chronisten um 1000, dass Byzanz auch jederzeit über Tausende von Brandhandgranaten (»fliegende Naphtha«) verfügte, die in Qualität und Wirkung den arabischen Waffen weit überlegen gewesen sind. Dieser Vergleich weist eindeutig darauf hin, dass zumindestens in dieser Zeit der Salpeter als stark verbrennungsförderndes Mittel in den byzantinischen Gemischen vorlag, denn die Erdölprodukte waren die gleichen wie bei den Arabern. Vielleicht war er sogar schon in den Mischungen des Kallinikos enthalten, da diese »flüssigen Feuer« von so überraschender Wirkung waren. In diesem Falle hätte schon eine richtige explosive Mischung vorgelegen, die unter Einschluss bei Flammenzündung explodieren kann.

    Vor etwa 1.000 Jahren wurden schon beträchtliche Mengen an Erdölprodukten gelagert und eingesetzt. So brannten die Araber im Jahre 1168 mit etwa 3.250 Kubikmetern Petroleum Kairo völlig ab, um die Stadt nicht in die Hände der »Franken« fallen zu lassen.

    Durch die Entwicklung der Feuerwaffen im 14. Jahrhundert ging die Anwendung des »griechischen Feuers« immer mehr zurück. Zum letzten bedeutenden Mal scheint es von den byzantinischen Verteidigern bei der Erstürmung Konstantinopels durch die Türken im Mai 1453 verwendet worden zu sein. Letztere setzten zusätzlich zu ihrer erdrückenden Übermacht auch erstmalig ein von einem ungarischen Büchsenmeister aus Bronze gegossenes Riesengeschütz ein, das bei einem Kaliber von 95 cm Steinkugeln von mehr als 300 Kilogramm verschoss und so Breschen in die gewaltigen Stadtmauern schlug.

    Steinschleuder des Mittelalters, um 1445

    Allerdings gibt es durch Forschungen des Engländers W. L. Hime starke Anhaltspunkte, dass noch die Venezianer bei der Verteidigung von Famagusta auf der Insel Zypern im Jahre 1571 »griechisches Feuer« auf die Köpfe der Türken herabgossen. Vom 14. bis Anfang des 16. Jahrhunderts gibt es auch in englischen Chroniken Hinweise, dass dort die Krieger gelegentlich das Brandmittel unter dem Namen »wild fire« (wildes Feuer) angewendet haben.

    Um 1500 wurde das »griechische Feuer« noch für magische Tricks verwendet und einem staunenden Publikum im kleinen Maßstab gezeigt. Der letzte Alchimist, der es nochmals beschreibt, ist der Franzose Blaise de Vignere (1522–1596). Danach gerät es allmählich und bis heute geheimnisumwittert in Vergessenheit. Als Kuriosum taucht die mittelalterliche Waffe schließlich über 400 Jahre später nochmals im Protokoll der letzten, von Hitler geleiteten Rüstungskonferenz vom 22.3.1945 auf:

    »Der Führer regt an, sofort zu prüfen, ob eine Möglichkeit besteht, das sogenannte griechische Feuer zum Zwecke der Entzündung von Holznotbrücken über die großen Flüsse anzuwenden. Bericht über eventuelle Möglichkeiten ist kurzfristig zu erstellen.«

    Hier konnte auch das »griechische Feuer« nicht mehr helfen …

    Der älteste Explosivstoff: das Schwarzpulver

    Vor etwa 1.000 Jahren wurde an verschiedenen Orten Europas begonnen, Sammlungen von Rezepten des Geheimwissens anzulegen. Im Kern basierten sie auf wesentlich älteren Überlieferungen, die teilweise bis auf das 2. oder 3. Jahrhundert u.Z. zurückreichten und so meist römischen oder alexandrinischen Ursprungs waren.

    Aus etwa dem 11. Jahrhundert stammt nun das Liber ignium ad comburendos hostes« (»Buch der Feuer, die Feinde zu verbrennen«), von dem heute noch lateinische Versionen, meist aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, und jüngere deutsche Übersetzungen existieren. Als dessen Autor wird Marcus Geraecus (Marcus der Grieche) genannt. Die Identität dieser sagenhaften Person kann wohl nie mehr geklärt werden. Die publizierte Annahme, dass der Autor eine Gruppe von Spaniern oder spanischen Juden versinnbildlicht, erscheint gar nicht überzeugend. Aber auch ältere Hypothesen vom Ende des 19. Jahrhunderts, die eine historische Person als Autor des bedeutenden Buches ausweisen, bringen keine eindeutigen Beweise für dessen Autorenschaft.

    So zitierte der Leibarzt des Kalifen Mamun (814–840), Mesue, 846 einen Marcus Graecus aus Byzanz. Dieser war

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