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Kommunalverfassung in Mecklenburg-Vorpommern

Kommunalverfassung in Mecklenburg-Vorpommern

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Kommunalverfassung in Mecklenburg-Vorpommern

Länge:
453 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 1, 2015
ISBN:
9783786909743
Format:
Buch

Beschreibung

"Die vollständig neu bearbeitete Ausgabe beruht auf der Kommunalverfassung für das Land Mecklenburg-Vorpommern vom 13. Juli 2011 und der Durchführungsverordnung zur Kommunalverfassung vom 9. Mai 2012.

Das Buch stellt das Kommunalverfassungsrecht themenbezogen dar und folgt dabei den einschlägigen Lehr- und Stoffverteilungsplänen. Als Lehr- und Lernbuch für Studenten an Fachhochschulen für öffentliche Verwaltung und Teilnehmende an den Aus- und Weiterbildungslehrgängen des kommunalen Studieninstituts Mecklenburg-Vorpommern bietet das Werk einen Einstieg und Überblick zum Kommunalrecht dieses Bundeslandes.

Aber auch die Praktiker in der Kommunalverwaltung und die Mitglieder in den politischen Geremien finden in diesem Band Hinweise für ihre tägliche Arbeit. Zahlreiche Schaubilder unterstützen die ausbildungs- und praxisgerechte Vermittlung des Stoffes."
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 1, 2015
ISBN:
9783786909743
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Kommunalverfassung in Mecklenburg-Vorpommern - Welf Sundermann

Sundermann

I         GRUNDLAGEN DER KOMMUNALEN SELBSTVERWALTUNG

1         Begrifflichkeiten

1

Gemeinderecht ist die Summe aller Rechtsvorschriften, durch die

– die Organisation der Gemeinden

– ihre Stellung innerhalb des Staates

– ihre öffentlich-rechtlichen Zuständigkeiten und

– ihre Teilnahme am Privatrechtsverkehr

geregelt werden.

2

Kommunalrecht ist die Erweiterung des Gemeinderechts um das entsprechende Recht der Gemeindeverbände (Ämter, Landkreise, Zweckverbände).

3

Kommunalverfassungsrecht ist das

Verfassungsrecht der kommunalen Körperschaften.

4

Kommunale Körperschaften in Mecklenburg-Vorpommern sind die

– Gemeinden (806)

– Ämter (78)

– Landkreise (6)

– Zweckverbände.

5

Die Gemeinden werden noch einmal unterteilt (§ 7 KV).

6

Von der in Art. 75 LV vorgesehenen Möglichkeit, durch Gesetz Landschaftsverbände mit dem Recht auf Selbstverwaltung zu errichten zur Pflege und Förderung insbesondere geschichtlicher, kultureller und landschaftlicher Besonderheiten, hat das Land bislang keinen Gebrauch gemacht.

7

Das Verfassungsrecht der kommunalen Körperschaften besteht (ähnlich dem Staatsverfassungsrecht) aus den grundlegenden Regelungen über

– die Rechte und Pflichten der Mitglieder (Einwohner, Bürger)

– das Gebiet

– die Symbole (Wappen, Flagge)

– die Aufgaben

– die Rechtsetzungsbefugnis

– die Organe

– die Finanzen

– die wirtschaftliche Betätigung

– die Staatsaufsicht.

8

Die entsprechenden Regelungen darüber finden sich in der Kommunalverfassung (KV-MV) mit ihren Teilen:

– Gemeindeordnung (Teil 1)

– Landkreisordnung (Teil 2)

– Amtsordnung (Teil 3)

– Kommunale Zusammenarbeit (Teil 4)

– Schlussvorschriften (Teil 5).

Die Gesetzgebungszuständigkeit für das Kommunalrecht liegt bei den Ländern (Art. 70 GG). Das Bundesverfassungsgericht hat bestätigt, dass das Grundgesetz dem Bund eine allgemeine Zuständigkeit für den Bereich der Gemeinden nicht einräumt (BVerfGE 26, 172) und ein unmittelbares Recht zum Durchgriff auf die Gemeinden fehlt.

Dennoch enthält das Grundgesetz einige wichtige die Gemeinden betreffende Bestimmungen:

– die Verfassungsgarantie für die kommunale Selbstverwaltung, Art. 28 II GG

– die kommunale Verfassungsbeschwerde, Art. 93 I Nr. 4b GG

– die kommunale Ertragskompetenz, Art. 106 V, Va, VI GG

– die Ermächtigung zur Beschränkung der Wählbarkeit von Beamten und Angestellten in den Gemeinden, Art. 137 I GG

– das Verbot der Aufgabenübertragung auf die Gemeinden durch Bundesgesetz, Art. 84 I 7 und Art. 85 I S. 2 GG.

9

Der Begriff »Kommunale Selbstverwaltung« lässt sich nicht einheitlich definieren. Man unterscheidet traditionell

10

– die Selbstverwaltung im politischen Sinne oder bürgerschaftliche Selbstverwaltung. Sie ist gekennzeichnet durch die entscheidende Mitwirkung ehrenamtlicher Kräfte aus der Bevölkerung an der Verwaltung. Diese entscheidende Mitwirkung äußert sich u.a. durch

• die Mitgliedschaft von Bürgern in der Gemeindevertretung

• die Mitgliedschaft von sachkundigen Bürgern und Einwohnern in Ausschüssen der Gemeindevertretung

• und durch Bürgerbegehren und Bürgerentscheide.

Ihr Gegenstück ist die rein hauptamtliche Verwaltung (Berufsbeamtentum). Verfassungsrechtlichen Ausdruck findet die bürgerschaftliche Selbstverwaltung in Art. 28 I 2 GG, Art. 72 II LV M-V).

11

– die Selbstverwaltung im juristischen Sinne oder körperschaftliche Selbstverwaltung; das ist die Verwaltung der Gemeinde durch ihre eigenen Organe (Gemeindevertretung, Bürgermeister) und unter eigener Willensbildung. Dieser Selbstverwaltungsbegriff wurzelt in Art. 28 II 1 GG, Art. 72 I LV, § 1 II KV. Das Gegenstück dazu wäre die Gemeinde als staatliche Verwaltungsbehörde (untere Landesbehörde).

Das Erscheinungsbild der kommunalen Selbstverwaltung in der Bundesrepublik Deutschland vereinigt die Elemente beider Selbstverwaltungsbegriffe.

Kommunale Selbstverwaltung liegt somit vor, wenn nichtstaatliche Gebietskörperschaften ihre Angelegenheiten durch eigene, zumindest teilweise aus ehrenamtlichen Kräften zusammengesetzte und demokratisch gewählte Organe in eigener Verantwortung regeln.

Die Funktion der kommunalen Selbstverwaltung hat das Bundesverfassungsgericht einmal so beschrieben:

»Kommunale Selbstverwaltung – wie sie heute verstanden wird – bedeutet ihrem Wesen und ihrer Intention nach Aktivierung der Beteiligten für ihre eigenen Angelegenheiten, die die in der örtlichen Gemeinschaft lebendigen Kräfte des Volkes zur eigenverantwortlichen Erfüllung öffentlicher Aufgaben der engeren Heimat zusammenschließt mit dem Ziel, das Wohl der Einwohner zu fördern und die geschichtliche und heimatliche Eigenart zu wahren« (BVerfGE 11, 266/275 f.).

12

Im Einzelnen werden folgende Funktionen allgemein genannt:

Demokratiefunktion –die Gemeinden stellen die Grundlagen des demokratischen Staatsaufbaus dar; sie sind die »Keimzelle der Demokratie«; sie bilden die unterste Stufe unserer gegliederten Demokratie (vg. Art. 3 II LV). »Kommunale Selbstverwaltung zielt darauf ab, die Bürger für die Erledigung ihrer eigenen Angelegenheiten zu aktivieren; geprägt durch die bürgerschaftlich-demokratische Komponente der ehrenamtlichen Mitwirkung…« (LVerfG Mecklenburg-Vorpommern, Urteil v. 18.8.2011 (DVP 2012, S. 123 ff.-125).

Integrationsfunktion –auf gemeindlicher Ebene wird der Bürger am ehesten zur Mitarbeit für das Gemeinwesen gewonnen und an der Ausübung von Staatsgewalt entscheidend beteiligt.

»Die Eigenständigkeit der Gemeinde als Rahmen für die eigenverantwortliche Erfüllung öffentlicher Aufgaben hatte ursprünglich und hat noch heute den Sinn, den einzelnen Bürger als Glied der Gemeinschaft zu aktivieren und zu integrieren, den Gegensatz zwischen Gesellschaft und Staat zu überbrücken, die innere Identifikation zwischen Staatsvolk und Staatsgewalt zu fördern und damit eine der wesentlichsten Grundlagen für eine funktionsfähige, lebendige Demokratie zu entwickeln« (BVerfGE 11,275).

Gewaltenteilende Funktion – Die Verhinderung von Machtmissbrauch durch die Teilung der Staatsgewalt und die Ausübung ihrer Funktionen durch besondere Organe der Legislative, der Exekutive und der Judikative = horizontale Gewaltenteilung, wird ergänzt durch eine Verteilung der Funktionen auf die Ebenen Bund, Länder und kommunale Körperschaften = vertikale und regionale Gewaltenteilung.

Die kommunale Selbstverwaltung ist Teil der öffentlichen Verwaltung, der Staatsverwaltung. Ihre Träger, die kommunalen Körperschaften, sind dem Staat eingegliederte Körperschaften des öffentlichen Rechts. Angesichts des zweistufigen Staatsaufbaus (Bund und Länder) und der Gesetzgebungskompetenz der Länder für das Kommunalrecht ist die kommunale Selbstverwaltung Teil der Landesverwaltung (vgl. Art. 69 LV, § 9 LOG).

Werden

– Aufgaben des Landes

– durch landeseigene Behörden

– mit landeseigenem Personal

13

ausgeführt, spricht man von unmittelbarer Landesverwaltung (vgl. § 2 LOG M-V).

Werden

– öffentliche Aufgaben

– durch Selbstverwaltungsträger

– mit eigenem Personal

14

erledigt, spricht man von mittelbarer Landesverwaltung (vgl. § 2 LOG M-V).

Wenn das Bundesverwaltungsgericht (DÖV 1984, 164 ff.) feststellt, die Gemeinden seien Teil der mittelbaren Staatsverwaltung, soll damit verdeutlicht werden, dass auch die kommunale Selbstverwaltung

– bei aller Eigenständigkeit– in die Staatsverwaltung eingebunden bleibt.

15

Kommunale Selbstverwaltung ist somit dezentralisierte Staatsverwaltung (vgl. § 3 LOG M-V).

Neben den Trägern der kommunalen Selbstverwaltung gibt es zahlreiche andere juristische Personen des öffentlichen Rechts, auf die die Merkmale der mittelbaren Staatsverwaltung zutreffen (die vielen Kammern – IHK, Handwerkskammer, Rechtsanwaltskammer, Apothekerkammer usw. –, die öffentlichrechtlichen Rundfunkanstalten, die Träger der Sozialversicherung, die Universitäten, die öffentlichrechtlichen Stiftungen …).

Der Unterschied zur kommunalen Selbstverwaltung besteht aber vor allem darin,

– dass es sich bei der funktionalen Selbstverwaltung um die Erledigung einzelner Aufgaben (Funktionen) handelt, während für die kommunale Selbstverwaltung der Grundsatz der Allzuständigkeit (Gemeinden und Landkreise) gilt und

– dass die kommunale Selbstverwaltung eine verfassungsrechtliche Garantie genießt (Art. 28 II GG), während die Träger der funktionalen Selbstverwaltung nur eine begrenzte verfassungsrechtliche, überwiegend auch nur einfach-gesetzliche Absicherung erfahren.

2         Garantien der gemeindlichen Selbstverwaltung

Art. 28 II 1 GG enthält insgesamt die Garantie der gemeindlichen Selbstverwaltung, die sich in verschiedene Einzelgarantien ausfächert. Diese Einzelgarantien werden aus bestimmten Formulierungen des Verfassungstextes abgeleitet:

16

Existenzgarantie

Sie sichert den Bestand der Gemeinden als Einrichtung (Institution); es muss Gemeinden geben. Der Bestand der einzelnen Gemeinden steht zur Disposition des Landesgesetzgebers (z.B. kommunale Gebietsreform). Das Grundgesetz gibt also keine individuelle Existenzgarantie. Das Vorliegen von »Gründen des öffentlichen Wohls« (s. § 11 I 1 KV) für Gebietsänderungen ist eine Voraussetzung, die schon in der Existenzgarantie wurzelt.

17

Garantie der Allzuständigkeit

Die nähere inhaltliche Festlegung der Allzuständigkeitsklausel ist Gegenstand lebhafter Diskussionen in der kommunalrechtlichen Literatur.

Mit »Angelegenheiten der örtlichen Gemeinschaft« wird dem herrschenden Verständnis gemäß zumindest

– der eigenständige, verfassungsgesetzlich garantierte Aufgabenbereich der Gemeinden bezeichnet, an den

– der einfach-gesetzlich festzulegende Kompetenzbereich der Landkreise angrenzt (§ 89 I KV), für den ebenfalls eine Allzuständigkeitsklausel formuliert wird (gestufte Allzuständigkeit)

und

– der zugleich den Bereich der staatlichen Aufgaben ausgrenzt.

Die Angelegenheiten der örtlichen Gemeinschaft

= Selbstverwaltungsaufgaben

= eigener Wirkungskreis

definiert das Bundesverfassungsgericht als

»diejenigen Bedürfnisse und Interessen, die in der örtlichen Gemeinschaft wurzeln oder einen spezifischen Bezug zu ihr haben, die also den Gemeindeeinwohnern gerade als solchen gemeinsam sind, indem sie das Zusammenleben und –wohnen der Menschen in der Gemeinde betreffen; auf die Verwaltungsund Finanzkraft der Gemeinden kommt es hierfür nicht an« (BVerfGE 79, 127).

Örtliche Gemeinschaft wiederum ist die auf begrenztem Gebiet entstandene und gewachsene, kulturell, sozial und wirtschaftlich bestimmte, durch nachbarschaftliche Verbundenheit geprägte lokale Lebensund Wohngemeinschaft, die ein Bürgerbewusstsein fördert und möglich macht.

18

Aus der Verfassungsgarantie der gemeindlichen Verbandskompetenz (= Aufgabenzuständigkeit) im Unterschied zu den nur gesetzlich beschriebenen Aufgaben der Landkreise folgt ein

– Zuständigkeitsvorrang der Gemeinden gegenüber den Landkreisen und eine

– Zuständigkeitsvermutung zugunsten der Gemeinden.

Die Angelegenheiten der örtlichen Gemeinschaft werden in eigener Verantwortung geregelt. Daraus folgt, dass den Gemeinden bei ihrer Wahrnehmung ein Entfaltungs- und ein Handlungsspielraum zukommt.

19

Der Entfaltungsspielraum gestattet die Übernahme neuer Aufgaben (freiwillige Selbstverwaltungsaufgaben) im Rahmen der »örtlichen Angelegenheiten« (z.B. neue oder besondere Formen der Wirtschaftsförderung, Kulturförderung, Sportförderung; Städtepartnerschaften, Schaffung öffentlicher Einrichtungen) und betrifft so das »Ob« der Aufgabenwahrnehmung.

Die Entscheidungen in diesem Zusammenhang trifft ausschließlich die Gemeindevertretung (§ 22 III Nr. 2, Nr. 10 KV).

20

Der Handlungsspielraum gilt für alle Aufgaben der Selbstverwaltung und erlaubt eine eigenverantwortliche Gestaltung bei ihrer Erfüllung (das »Wie« der Erledigung).

Die Selbstverwaltungsgarantie im engeren Sinne, die sich in einem Bündel von Hoheitsrechten ausbildet:

21

– Organisationshoheit, das ist das Recht zur selbstständigen Schaffung der verwaltungsmäßigen Voraussetzungen für die ordnungsgemäße Wahrnehmung der den Gemeinden obliegenden Aufgaben. Sie manifestiert sich in der Aufbauorganisation (z.B. Dezernate, Ämter, Fachbereiche usw.) und in der Ablauforganisation (zumeist in einer Allgemeinen Geschäftsanweisung geregelt) und verpflichtet die Gemeinde zugleich, ihre Aufgaben grundsätzlich durch eigene Verwaltungseinrichtungen, also mit eigenem Personal, eigenen Sachmitteln und eigener Organisation wahrzunehmen (BVerfG, Urteil v. 20.12.2007, BVerfGE 119, 331 [352 f.].

22

– Personalhoheit, das ist die Befugnis, die Beamten und tariflich Beschäftigten der Gemeinde selbst auszuwählen, anzustellen, zu befördern (höher zu gruppieren) und zu entlassen (zu kündigen). Bei der Auswahl der Beigeordneten fällt die Personalhoheit mit der Organisationshoheit zusammen. Als konkrete Auswirkungen der Personalhoheit sind u.a. weiter zu nennen: Personalbedarfsplanung, Stellenausschreibung, Stellenbewertung, Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen, Erlass von Beurteilungsrichtlinien, Erarbeitung von Personalauswahl- und Beförderungsgrundsätzen, Aufstellung von Grundsätzen für die leistungsorientierte Bezahlung.

23

– Planungshoheit, sie umfasst das Recht, die bauliche und sonstige Nutzung des gesamten Gemeindegebietes nach Maßgabe der im Baugesetzbuch enthaltenen Grundsätze vorzubereiten, zu steuern und zu gestalten. Dazu gehört die Aufgabe, die städtebauliche Entwicklung im Gemeindegebiet insbesondere durch die Aufstellung von Bauleitplänen (Flächennutzungsplan, Bebauungspläne, Vorhaben- und Erschließungspläne) zu ordnen. Eingriffe in die Planungshoheit liegen weniger in gesetzlichen Vorschriften als vielmehr in überörtlichen Plänen, die mit den Planungsabsichten der Gemeinden in Widerspruch stehen. Ein verfassungsrelevanter Eingriff in die Planungshoheit liegt regelmäßig dann vor, wenn die überörtliche Planung eine hinreichend konkrete örtliche Planung nachhaltig stört. Planerische Abwägungen müssen sich dann an den verfassungsrechtlichen Vorgaben des Willkürverbots und des Verhältnismäßigkeitsprinzips orientieren (Bertram in NWVBl. 2012, 86).

Auch andere Pläne wie Schulentwicklungspläne (§ 107 Schulgesetz M-V), Abfallwirtschaftskonzepte (§ 9 Abfallwirtschaftsgesetz M-V), aber auch freiwillige Pläne wie Seniorenplan, Generalverkehrsplan, Generalentwässerungsplan oder Grünflächenplan lassen sich unter die Planungshoheit subsumieren.

24

– Finanzhoheit, sie gewährt den Gemeinden die Befugnis zu einer eigenverantwortlichen Regelung ihrer Finanzwirtschaft (s.a. Art. 74 LV M-V; § 4 KV) im Rahmen eines gesetzlich geordneten Haushaltswesens. Zu ihr gehört auch das Recht auf eine angemessene Finanzausstattung, denn Selbstverwaltung kann ohne eine finanzielle Mindestausstattung nicht sinnvoll wahrgenommen werden. Schon in Art. 9 der Europäischen Charta der kommunalen Selbstverwaltung wird der Anspruch auf angemessene Eigenmittel ausdrücklich unterstrichen. Art. 28 II 3 GG trägt dieser Erkenntnis ebenfalls Rechnung. Mit den Regelungen in Art. 104a und 106 GG will der Bund zum einen das notwendige Korrelat kommunaler Selbstverwaltung gewährleisten, zum anderen will er damit erreichen, dass die Gemeinden und Gemeindeverbände kraft der Finanzausstattung dem Sozialstaatsprinzip entsprechende gleichwertige Lebensverhältnisse für alle Einwohner schaffen können. So wird die Finanzhoheit durch die Finanzgarantie ergänzt. Art. 106 VI GG verleiht den Gemeinden einen Anspruch hinsichtlich des Aufkommens der Grund- und Gewerbesteuer (=Realsteuern, vgl. § 22 Abgabenordnung). Die Länder werden verpflichtet, den Gemeinden das Recht auf Festsetzung der Hebesätze für die Realsteuern einzuräumen. Allerdings sieht Abs. Art. 106 VI S. 4 vor, dass Bund und Länder durch eine Umlage an dem Aufkommen der Gewerbesteuer beteiligt werden können (Gewerbesteuerumlage).

Als Ersatz bietet Art. 106 V den Gemeinden seit dem 1.1.1970 einen Anteil an der Einkommensteuer an. Diesen Gemeindeanteil an der Einkommensteuer hat das Gemeindefinanzreformgesetz auf 15 % des Aufkommens an Lohnsteuer und veranlagter Einkommensteuer sowie 12 % des Aufkommens aus dem Zinsabschlag festgesetzt.

Seit 1998 erhalten die Gemeinden als Ausgleich für die weggefallene Gewerbekapitalsteuer einen Anteil am Aufkommen der Umsatzsteuer (Art. 106 Va GG).

Gemeinden und Gemeindeverbänden fließt gem. Art. 106 VII ein von der Landesgesetzgebung zu bestimmender Vomhundertsatz vom Anteil der Länder am Gesamtaufkommen der Gemeinschaftssteuern zu –vertikaler Finanzausgleich, Steuerverbund-. Zu den Gemeinschaftssteuern zählen nach der Klammerdefinition des Art. 106 III GG die Einkommensteuer, die Körperschaftssteuer und die Umsatzsteuer.

Einen Ausgleich von Sonderbelastungen durch vom Bund veranlasste Einrichtungen (z.B. Kasernenanlagen) garantiert Art. 106 VIII GG den Gemeinden und Gemeindeverbänden.

Eine weitere Garantie, die sich auf Gemeinden und ggf. auf Gemeindeverbände erstreckt, betrifft das Aufkommen der örtlichen Verbauch- und Aufwandssteuern, Art. 106 VI 1 GG. Dazu gehören z.B. die Hundesteuer und die Vergnügungssteuer.

Nach Art. 104b GG kann der Bund den Ländern Finanzhilfen für besonders bedeutsame Investitionen der Länder und Gemeinden (Gemeindeverbände) gewähren, die zur Abwehr einer Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts (vgl. Art. 109) oder zum Ausgleich unterschiedlicher Wirtschaftskraft im Bundesgebiet oder zur Förderung des wirtschaftlichen Wachstums erforderlich sind. Empfänger der Finanzhilfen sind zwar die Länder, doch werden die Länder diese Mittel bei Vorliegen entsprechender Voraussetzungen an die Gemeinden zu einem Teil weiter geben. Auf diese Weise wird ein Durchbrechen der Bund-Länder-Struktur des Grundgesetzes vermieden, in der die Gemeinden nicht eine dritte Säule darstellen, sondern der Landesverwaltung zuzuordnen sind (vgl. Art. 69 LV-MV; § 2 LOG M-V).

Art. 28 III verpflichtet den Bund, die in den vorigen Absätzen ausgesprochenen Garantien durchzusetzen. Er ist dadurch gehalten, der Verfassungsgarantie der kommunalen Selbstverwaltung Effektivität zu verleihen. Um Verletzungen vorzubeugen, wird die Entwicklung der Gesetzgebung auf diesem Gebiet in ihren Anfangsstadien laufend überprüft werden müssen. Weil nun die zuständigen Bundesorgane danach berechtigt und verpflichtet sind, die Gewährleistung der o.a. Garantien zu verwirklichen, müssen sie die Länder daraufhin überwachen, etwaige Missstände rügen (Art. 84 GG), erforderlichenfalls das Bundesverfassungsgericht anrufen (Art. 93 GG) und notfalls mit Bundeszwang (Art. 37) vorgehen.

25

Außerdem kann sich die Gemeinde selbst wehren, indem sie die kommunale Verfassungsbeschwerde erhebt, wenn ein Gesetz die Selbstverwaltungsrechte unmittelbar verletzt.

Die Verfassungsgarantien des Grundgesetzes für die kommunale Selbstverwaltung werden durch Landesrecht wiederholt, erweitert und konkretisiert.

So enthält Art. 72 I LV eine Wiederholung der Selbstverwaltungsgarantie des Art. 28 II 1 GG; Art. 72 II erweitert die Rechte der Bürger um die Möglichkeit unmittelbarer Mitwirkung an Aufgaben der Selbstverwaltung (vgl. z.B. § 20 KV –Bürgerbegehren/Bürgerentscheid).

26

Art. 72 III verpflichtet das Land, bei Aufgabenübertragungen auf die Gemeinden, die eine Mehrbelastung für die Gemeinden zur Folge haben, dafür einen finanziellen Ausgleich zu schaffen (Konnexitätsprinzip). Ein konnexitätsrelevanter Sachverhalt ist gegeben, wenn

– die Aufgabenübertragung auf eine eigene Entscheidung des Landesgesetzgebers zurückgeht, ihm also ursächlich zuzurechnen ist

– den Gemeinden neue Aufgaben übertragen oder bestehende verändert werden

– die Aufgabenübertragung/-Veränderung eine wesentliche, über eine Bagatellschwelle hinausgehende Belastung der betroffenen Kommunen auslöst

(Vgl. Urteil VGH NRW, Urt. v. 12.10.2010, NWVBl. 2011, 54).

27

Art. 73 I LV garantiert den Gemeinden (und Kreisen) neben einer Wiederholung der Realsteuergarantie die Erschließung eigener Steuerquellen und Art. 73 II sichert den Gemeinden und Kreisen zu, im Wege des Finanzausgleichs die erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen, um die Leistungsfähigkeit steuerschwacher Gemeinden und Kreise zu sichern und eine unterschiedliche Belastung mit Ausgaben auszugleichen (s. Finanzausgleichsgesetz M-V). Der Finanzausgleich muss »neben der Erfüllung zugewiesener grundsätzlich auch die Wahrnehmung frei gewählter Aufgaben ermöglichen« (VGH Rheinland-Pfalz, Urt. v. 14.2.2012 –VGH N 3/11). Soweit Finanzprobleme der Kommunen maßgeblich auf einer signifikant hohen Kostenbelastung aus staatlich zugewiesenen Aufgaben beruhen (übertragener Wirkungskreis) und daher fremdbestimmt sind, trifft das Land insoweit auch eine Mitverantwortung für diese Kosten. Wenn diese Kostenbelastung aus Aufgabenzuweisungen durch den Bund beruht, hat das Land die finanziellen Belange seiner Kommunen auf Bundesebene als eigene zu wahren und durchzusetzen (VGH Rheinland-Pfalz ebenda).

28

Außerdem erheben die Gemeinden Abgaben nach den gesetzlichen Vorschriften (§ 44 I KV), Entgelte für die von ihnen erbrachten Leistungen (§ 44 II KV).

3         Verfassungsrechtliche Schranken der kommunalen Selbstverwaltung

29

Die Garantien der kommunalen Selbstverwaltung sind nicht absolut, nicht schrankenlos. Sie stehen unter dem Vorbehalt »im Rahmen der Gesetze«, vgl. Art. 28 II 1 GG, Art. 72 I LV, § 2 I KV). Der Gesetzesvorbehalt stellt einerseits klar, dass ein Eingriff in den Garantiebereich nur durch Gesetz erfolgen darf, lässt andererseits aber offen, in welchem Maße die gewährleistete kommunale Selbstverwaltung geschützt und unantastbar ist. Hierzu hat sich die so genannte Kernbereichslehre entwickelt. Diese vom Bundesverfassungsgericht gefestigte Lehre stellt sich den kommunalen Selbstverwaltungsbereich als einen Kreis vor, der peripher berührt werden darf, dessen Kernbereich aber unantastbar ist. Der Kernbereich stellt den Wesensgehalt eines Selbstverwaltungsrechtes dar, das Essentiale, das man aus einer Institution nicht entfernen kann, ohne deren Strukturen und Typus zu verändern (Stern, Das Staatsrecht der Bundesrepublik Deutschland, Band I S. 416). In den äußeren Bereich (akzidentia) dagegen darf unter gewissen Voraussetzungen eingegriffen werden.

30

Die Abgrenzung des Kernbereichs vom Randbereich kann letztlich nur im konkreten Falle vorgenommen werden. Dazu dient das Instrument der kommunalen Verfassungsbeschwerde. Sie kann nach Art. 93 I 4b GG beim Bundesverfassungsgericht erhoben werden, wenn durch Bundesrecht das Recht der Selbstverwaltung verletzt wurde. Geschieht das durch Landesrecht, können die Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern mit einer Verfassungsbeschwerde das Landesverfassungsgericht

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