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Länge:
132 Seiten
1 Stunde
Herausgeber:
Freigegeben:
21. Aug. 2013
ISBN:
9783942662017
Format:
Buch

Beschreibung

Holger Treffeysen konnte seinen ersten Roman 'Koks' vor dem frühen Ableben nicht mehr fertig schreiben. Macht nichts. Dafür wird die Rezension dieses unfertigen Manuskripts ein Roman der besonderen Art – eine funkelnd bösartige Abrechnung mit dem deutschen Literaturbetrieb in seiner eigenen Sprache. Joachim Bohnert ist eine literarische Geheimwaffe, ein philosophierender und musizierender Nonkonformist, der leidenschaftlich gegen die Gedanken-, Witz- und Sprachlosigkeit der deutschen Gegenwartsliteratur anschreibt. Diesmal hat er dazu ein neues Genre begründet, den Rezensionsroman. Dazu hat er nichts anderes gemacht, als die größten Dummheiten und Klischees der Literatur und ihrer berufsmäßigen Kritiker in Reihe zu schalten. Bohnerts hinterlistiger Humor läuft hier zur Höchstform auf. "Ich bewundere Bohnerts Kunst seit über zehn Jahren immer wieder aufs Neue. Doch dieses Buch hat mich verändert, denn ich habe erstmals begriffen, worum es ihm wirklich geht. Wer das ganze Kartell aus unerträglichen Texten, intellektuell korrupten Kritikern, überfeierten Autoren und debilen Literaturtheorien durchschauen will, der muss Koks lesen." Reginald Grünenberg, Verleger des Perlen Verlags
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21. Aug. 2013
ISBN:
9783942662017
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Buch

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Koks - Joachim Bohnert

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Koks

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Inhaltsverzeichnis

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Impressum

Zum Gedenken an

Oswald Treffeysen

* 5. April 1982 (Albbruck-Dogern)

† 22. Juli 2005 (Insel Reichenau)

Koks

Das alles ist brillant erzählt. Liest man Koks, tun sich viele Kammern auf. Man dringt in Ecken und Winkel. Seelische Leiden, körperliche Freuden drängen empor, längst vergess’ne Ideale werden neu belebt, die Schuldfrage nötigt sich auf, rückhaltlose Offenbarung legt Tatsachen bloß. Stolz, so etwas wie Koks zu besitzen, hingerissen vom umfassend Gelung’nen, verlegen, ob man dessen Ansprüchen genüge, lastet, über allem, schwer der frühe Tod seines Autors. Frühvollendet ging er in einem Alter von uns, in dem andere so genannte erste Schreiberfahrungen sammeln und deren innere Verdichtungen als Ausdruck subtil hinter sich bringen, Annäherungen, wie dann gehaucht wird, überall Absichten, in Kauf genommenes Misslingen, Allfanzereien, gepflegte Bohème, davon bei Treffeysen keine Spur. Dem Vernehmen nach – denn außer Andeutungen gab sein Testamentsvollstrecker nichts – muss Treffeysen Koks schon als Kind begonnen haben. Erste Werkskizzen beweisen’s. Wir kennen eine Photographie des Frühen: pausbackig, auf einer Veranda; vor dem Gesicht, verschwommen abgebildet, ein Rosenbusch, Zahnlücken, Frühlingssonne. Damals fing er an. Seine Handschrift rund und kindlich, linksschräg, lange Oberschleifen, die Seitenränder des Aufschriebs mit Kinderzeichnungen geschmückt. Das war ja noch nichts, aber Anfang war’s doch, und gescheitert wäre unser bescheid’ner Versuch, dem ganzen Treffeysen näher zu rücken, würde die Genese verfehlt. Nach uns’rer Kenntnis reifte Koks lang, über neun Jahre, aber jung war Treffeysen auch nach diesen neun Jahren noch, ein Knabe fast, Hauptschulabschluss, doch im Leben schon alt. Alt genug jedenfalls! Früh blühend und früh verdorrt, Koks blieb sein Einziges. Alles hat er in diese kunstvolle Prosa eingewirkt, Komik und Ernst, Reflexion und Tollpatschigkeit, Beobachtungen und Angeles’nes, Erfahrung und Traum, unauflösbar alles mit allem vermischt, durcheinandergewirbelt, wahllos gehäuft, so scheint’s. Zuerst deutete ihm die Lunge sein Ende an, dann das Blut. Die letzten Seiten schrieb Treffeysen unter scheußlichen Qualen, die Finger von Arthrose eingekrümmt, fertig wurde er nicht. Nach dem Plan fehlen zweihundert Seiten, was vorliegt, sind dreihundertfünfzig, dann war alles schon aus, Torso beides: Leben und einziges Werk. Unvollendet und vollendet beide trotz allem. Die meisten leben zu lang, die Jungautoren insbesond’re, sie geben sich Blößen. Was oft genug am Ende zählt: ein Jugendwerk, frühe Blüten, dann die Produktionen für den Markt, eingestanzt die Markenzeichen: Seht her! Ich bin’s schon wieder! Nichts als Repetition. Das hat Treffeysen uns erspart und wir wollen’s ihm danken.

Kritisch wird unsere Deutung trotz allem sein. Vieles ist unfertig, geistarm, Schrott eben, bloß Mist, Schwachsinn pur. Davon muss gesprochen werden. Zu rühmen ist genug, das Vorwort zum Lob Kemal Atatürks birgt Perlen, das Widmungsgedicht an Marie- Claire nähert sich der Gefeierten in fahler Nacktheit. Niemand hat eine Person dieses Namens zu identifizieren vermocht, nur im Roman fasst sie geheimnisvoll Leben, taumelt und fällt. Dann beginnt’s mit einer schwungvollen Diatribe. Man erinnere sich: Der Panamese Estilo Culto verzehrt sein Stipendium auf Burg Trudt. Sein monatlicher Wechsel, Treffeysen ist da genau, beläuft sich auf 1.034,80 Euro netto, gezahlt von der Stiftung junges literaturforum duisburg. Culto arbeitet, wie sein Erfinder, am Erstling, übrigens einem Schelmenroman. Auch das Stipendium ist dasselbe wie Treffeysens. Culto leidet an den entwürdigenden Bedingungen seiner Produktion, seiner Lebenslage, seiner Umwelt, am politischen System. Er sieht keine Perspektive. Treffeysens Spiegel? Kaum.

Abgeschnitten von den gesellschaftlichen Verhältnissen, anämisch, zum Leiden disponiert von Anbeginn, führt Culto, Sohn oder Enkel eines SS-Offiziers, untergetaucht, Spätherbst ’45, in Panama-Stadt, führt Culto lächerliche Diskurse über Produktivitätshemmungen, über Neurosen, Fehlhaltungen der Wirbelsäule, die geläufigen Beeinträchtigungen des Selbstwertgefühls eines Schreibenden, die Sprache versagt sich, naturgemäß Beziehungskrisen. Man sitzt nach dem Mittagessen auf der Terrasse zum Schlosspark, Culto erörtert detailliert seine Techniken kunstlosen Abriebs, die ihn im Innersten unbefriedigt lassen wie je. Ihm gegenüber kauert schmal im Strohstuhl Marah, Tochter oder Enkelin eines Emigranten aus Lemberg, die ebenfalls Stipendien genießt, für gestische Malerei, sie kann durch Zuhören kaum helfen, hört trotzdem selbstvergessen zu, fühlt mit Culto mit, kennt das alles schon, das schreibende Ich zum Beispiel, wie das Ich schreibt und durch das Schreiben erst zum Ich wird und wie das schreibende Ich nicht aus noch ein weiß, sie kennt die sogenannten Abgründe, das künstlerische Verzagen, da spüren wir Treffeysens ironischen Einspruch gegen die traditionellen Verteilungen: klagender Mann, verständnisvolle Frau, Marah hört’s sich immer noch an, Marahs Kleid ist blumenübersät und schön, sie raucht, mit dem Daumennagel streift sie hörend und nachdenklich über die Unterlippe, ihr Gesicht, in den Wangenknochen etwas zu breit, wendet sich auf Culto, ihre Konzentration auf die Bedeutungen des Subtextes. Marahs schmale Lippen über und unter der Zigarette, ihre gekniffenen Augen im Rauch, ihre Beinverschränkung lassen Culto die Welt vergessen, sie reden über die Jahreszeit, genauer: Culto redet, Marah hört zu, sie versteht ihn. Endlich kann er alles, was sich im Inneren angestaut, ausdrücken, sein schreibendes Ich zur Sprache bringen. Wie sie das hasst.

Im Leid des Schreibvorganges − auch: Schreibprozess − fängt alles an. Gemurkste Sprechakte, Hemmungen, Krise der Literatur: Marah versteht’s und hasst’s symbiotisch. Sein schlimmes, niederschmetterndes Nichtfunktionieren: Marah versteht’s ebenso und hasst’s doppelt. Sein Eifer, ihr Hass. Sie kratzt nachdenklich die Lippe. Später findet Culto am Pult den Fortgang seines Schreibens, Marah wirkte als Katalysator, im Schreibprozess findet Culto, wie erwartet: sich.

Derweil malt Marah mit breitem Pinsel ihre wahnsinnigen Obsessionen. Sie bevorzugt extreme Großformate. Aus der Interaktion mit Culto schöpfte sie Inspiration, jetzt malt sie sich, allzu gern benutzt Treffeysen das Fremdwort, neurosenfrei. Kühne Zeichen. Im Rückblick, während eines Malvorgangs berichtet, schildert Treffeysen Marahs Beziehungen, ihr soziales Beziehungsgeflecht, ihren Charakter, alles gestört und schwierig, verständnislos und schmerzhaft. Das rührt an. Oh, wie sie Culto verabscheut, seine geschmeidigen Handbewegungen, seine Gehemmtheit, stockendes Gestammel von Liebe, dass sie, Marah, das Zeug hätte, einzig sie, ihn zum Kick zu treiben, dass sie ihn, Culto, unbedingt heute noch, in Lederkleidung, die er vom Stipendium zusammengespart, harsch züchtigen müsse, er brauche das für’s nächste Kapitel. Er zittert schon angelegentlich, Marah verschiebt’s lieber auf Sonntagnachmittag.

Einzig Marahs Paar-Beziehung zur Geschäftsführerin eines Reisebüros, spezialisiert auf Interkontinentalreisen von Führungskräften, erscheint intakt. In späteren Kapiteln wird Treffeysen berichten, wie Marah, auf der Suche nach Nähe, mit Sabine ein eigenes Reisebüro, bei gleicher Spezialisierung, eröffnet, als GmbH, Sabine als Prokuristin. Marah bleibt geschäftlich außerhalb, bleibt im Speicher unbeirrt vor der Leinwand, sie schleudert ihr Unterbewusstes unkontrolliert aus sich heraus. Ihre Männerbeziehungen scheitern sämtlich. Ludger, er hatte auf Sabine Hoffnungen, bleibt außen vor. Culto sowieso.

Mit solch bravourösem Einstieg öffnet sich Treffeysens Werk. Inhaltlich naturgemäß ein Schmarren, fast bedenkenlos. Mit wenigen Strichen skizziert Treffeysen dennoch eine ganze Welt scheuer Berührungen. Absolut divergente Charaktere prallen aufeinander in größerem Zusammenhang. Scheitern aller Diskurse. Hier verändert Sprache tatsächlich etwas. Literatur erst recht oder sowieso. Leider verliert die Konstruktion von Koks sowohl Culto als auch Marah späterhin aus dem Auge, nur Sabine bleibt, die Prokuristin, sie wird eine entscheidende Rolle spielen.

Denkbar, dass Treffeysen im geplanten Schlussteil die Stipendiaten brauchte, um diskursiv das theoretische Fundament seines eig’nen Werks zu legen, denkbar, dass die erstaunliche Simplizität einer solchen Exposition bloß Verlegenheit war. Oder Ironie? Oder Verzweiflung des Schreibenden? Oder subversive Sensibilität. Zu vermuten ist Letzteres.

Jede Andeutung darüber fehlt. Treffeysen, verschlossen bis zum Autismus, nahm alles Wissen in den Tod, eine Rohfassung von Koks hinterlassend. Vieles nährt den Verdacht, sein Ableben, nämlich am 27. Alleebaum rechts des Dammes, welcher die Insel Reichenau an’s Festland bindet, sei nicht Zufall gewesen, Koks selber habe Gelegenheiten solcher Art reflektiert, Unaufmerksame könnten’s überblättern. Dergleichen Beobachtungen führen tief in’s Unbewusste, tiefer noch in’s Werk. Treffeysen wählte für seine finsteren Andeutungen die Szene im zentralen Diskurs zwischen Kohlmorgen und Koks, ungefähr zu Beginn des letzten Drittels. Erinnern wir uns! Man sitzt auf einem dieser beschämend engen Balkone im Märkischen Viertel, gerade genug Platz für zwei Stühle, eine Bierkiste und den runden Betonfuß des Sonnenschirms. Die Nacht zuvor ist Kohlmorgens Frau Gisela, die Koks, mehr als ihm lieb war, angemacht hatte, an Diphtherie gestorben. Kohlmorgen weiß das aber noch nicht, der Leser weiß es, und Kohlmorgen eröffnet das Gespräch mit ausholenden, den Leser tief bestürzenden Erwägungen über die Enge. Koks hört sich’s an, er lungert, raucht Pfeife oder Zigaretten und hat die Fäuste in den Hosentaschen vergraben, drückt das Kinn in’s Hemd, schweigend, fast unbeirrt. Seine Augen stehen aufgerissen mit leerem Blick: Koks döst. Erst als Kohlmorgen, den der Autor als Dämlack, ja als ausgemachten Blödmann eingeführt hatte, zum zweiten, zum dritten Mal damit ansetzte, dass er mit seinen kritischen Ansichten − Kohlmorgen ist Redakteur beim Tagesspiegel − eigentlich immer auf große Zustimmung stoße, vor allem im Anbetracht ihrer subversiven Tendenz, nimmt Koks bedächtig die Pfeife aus dem Mund und deutet mit dem zerkauten Mundstück gegen Kohlmorgens Gesicht, beugt sich mit dem Rumpf vorwärts, und Treffeysen versäumt nicht hinzuzufügen, Koks habe mit zusammengekniff’nen Augen und unheimlich wichtigtuerisch angemerkt, jaja, tatsächlich gebe es im Leben eines schreibenden Menschen Momente überwältigender Klarheit, in denen man nichts Gescheiteres tun könne,

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