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Kannibalen unter uns: American Diner

Kannibalen unter uns: American Diner

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Kannibalen unter uns: American Diner

Länge:
656 Seiten
9 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Dec 6, 2013
ISBN:
9783955776442
Format:
Buch

Beschreibung

William Bacon ist vieles - aber nur kein gewöhnlicher Teenager! Er sehnt sich so sehr nach Aufmerksamkeit und Anerkennung seines Vaters; doch eines Tages entdeckt er das dunkle Geheimnis seiner Eltern und weiß nicht, wie er sich ihnen gegenüber verhalten soll. Die Loyalität innerhalb der Familie wird auf eine harte Probe gestellt ... American Diner ist der 2. Band aus der Kannibalen unter uns Trilogie. Erstmals gibt es dieses Buch auch in deutsch. 600 Seiten offenbaren dem Leser ein schauerliches Szenario: Denn was würdest du tun, wenn du wüsstest, das deine Eltern Kannibalen sind? Die weiteren Bände "HOMESTAY" (Band 1) und "NEXT DOOR'S MADNESS (Band 3) erscheinen dann im Herbst 2013 jeweils als Taschenbuch und E-Book. Und warum die Trilogie mit Band 2 beginnt wird erst verraten, sobald Band 3 veröffentlicht wurde. Band 1 wird dann als letzter Band veröffentlicht. Nur diese Reihenfolge macht Sinn, um nicht zu viel vorweg zu verraten, in wie weit Marlon Baker in diese Geschichte involviert ist!
Herausgeber:
Freigegeben:
Dec 6, 2013
ISBN:
9783955776442
Format:
Buch

Über den Autor


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Kannibalen unter uns - Marlon Baker

uns

MARLON BAKER

KANNIBALEN UNTER UNS

Band II: AMERICAN DINER

Alle Texte, Textteile, Grafiken, Layouts sowie alle sonstigen schöpferischen Teile dieses Werks sind unter anderem urheberrechtlich geschützt. Das Kopieren, die Digitalisierung, die Farbverfremdung, sowie das Herunterladen z.B. in den Arbeitsspeicher, das Smoothing, die Komprimierung in ein anderes Format und Ähnliches stellen unter anderem eine urheberrechtlich relevante Vervielfältigung dar. Verstöße gegen den urheberrechtlichen Schutz sowie jegliche Bearbeitung der hier erwähnten Schöpferischen Elemente sind nur mit ausdrücklicher vorheriger Zustimmung des Verlags und des Autors zulässig. Zuwiderhandlungen werden unter anderem strafrechtlich verfolgt!

2. überarbeitete Fassung

Die Originalausgaben erschienen Januar 2013

im mysteria Verlag & bei iBoox Publishing Europe

www.mysteria-Verlag.de – www.iBoox.eu

© 2013 iBoox Publishing Europe

© 2013 the boox publishers New Zealand

Publishing Rights © Marlon Baker

Buchsatz & Cover © www.AutorenServices.de

Illustration & Layout: © Marlon Baker

Scary boy who can't speak © Fotos: Arman Jacob Cruz

Unnamed boy in a cage © Sean O'Carroll's exhibition about Ritalin

Übersetzung aus dem Neuseeländischen sowie Lektorat:

Richard Allenberry, the boox publishers – www.boox.co.nz

Auch als Paperback bei CreateSpace Independent

Publishing Platform erschienen: ISBN-13: 978-1479360581

Alle Rechte vorbehalten.

www.facebook.com/Kannibalen.unter.uns

www.facebook.com/MarlonBakerFanpage

TEIL I

Es bleibt in der Familie

Da rollt mächtig Speck an ...

Könnte man meinen, wenn man damals schon gewusst hätte was auf die kleine Hafenstadt Lyttletons an jenem finsteren Abend zugerollt kam. Zuerst war es nur ein stürmischer Tag gewesen, doch dann, am späteren Abend, waren dunkle mächtige Wolken aufgezogen. Wie ein undurchdringlicher Schleier legte sich Schwarz über die Häuserdächer; aus den Wolken prasselte es unaufhörlich auf die kalten Straßen nieder. Die Personen, die draußen noch unterwegs waren, suchten Schutz unter den Vordächern der kleinen Läden, oder sie kehrten in einen der gemütlichen Pubs ein.

Keiner wollte bei diesem Mistwetter noch auf den Straßen sein. Nicht mal Rosie Noland, die bei Weitem erfolgreichste Maklerin der Stadt, wollte an diesem Abend noch länger vor dem alten Anwesen warten, da es dort keinerlei Möglichkeit gab, sich unterzustellen. Die Markisen vor den Fenstern hatte längst ein Unwetter vor knapp einem halben Jahr mit sich gerissen.

Aber Rosie wollte noch heute das Geschäft ihres Lebens unter Dach und Fach bringen. Viel zu lang hatte sie schon versucht, einen Käufer für das alte Anwesen im Hornbrook Drive zu finden. Und umso überraschter war sie gewesen, als sie vor wenigen Tagen einen Anruf erhalten hatte, und ein Interessent sofort auf ihre Forderungen eingegangen war, dass man dieses Anwesen nur cash kaufen könne – ohne jahrelange Finanzierungsmöglichkeit.

Schon vor zwei Stunden hatte sich Rosie auf den Weg zum Anwesen gemacht, allerdings zu Fuß, weil es da ja noch nicht so erbärmlich aus vollen Eimern goss. Ihr recht plüschig eingerichtetes Büro lag nur wenige Hundert Meter entfernt; und da sie gern zu Fuß unterwegs war, lief sie auch heute wieder, so wie fast an jedem Tag, mit ihren Unterlagen, Papieren, Verträgen und Katalogen durch die Straßen, so als würde sie auf einem Catwalk Revue laufen.

Rosie, die schon jenseits von Gut und Böse war – sprich, sie war weit über 40 – war eine Frau, die sehr genau wusste, was sie wollte und was nicht. Jeden Tag putzte sie sich heraus, kleisterte ihr Gesicht mit Kosmetika voll, als würde sie von der königlichen Familie höchstpersönlich empfangen werden. Doch auf eine Einladung der Queen wartete sie vergebens.

Heute trug sie einen Hosenanzug im dezenten Anthrazit und darunter schimmerte eine rosafarbene Bluse, die sie gern offen trug – jedenfalls zwei bis drei Knöpfe weit. Ihre Handgelenke und den Hals zierten breite, goldfarbene Ketten, wobei man bei Rosie nie sicher sein konnte, ob es nun ihr billiger Modeschmuck oder ihre teuersten Schätze waren. Ihre dunkelblonden Haare hatte sie zu einem Zopf geflochten und ihre Hände verbarg sie unter Gummihandschuhen, mit denen man sie aber niemals außerhalb eines zu verkaufenden Objekts gesehen hätte.

Sie war schon so früh unterwegs, weil sie das alte Anwesen, bestehend aus einem Wohnhaus und einem Ladengeschäft, gründlich durchlüften wollte. Und auch eine zumindest oberflächliche Reinigung tat den meisten Zimmern gut. Den zu erwartenden Käufer sollte nicht gleich der modrige Gestank in die Nasenflügel steigen, den bereits zig Firmen versucht hatten, aus dem alten Gemäuer zu tilgen.

Woher dieser Gestank kam oder was sein Ursprung war, konnte niemand – selbst ein Experte auf dem Gebiet der Gebäudereinigung – nicht genau sagen. Er war einfach nur da!

Und Rosie gab nicht auf, den vielen Gerüchten, die um das alte Anwesen im Laufe der Zeit immer groteskere Formen angenommen hatten, entgegenzuwirken. Ihr selbst war es zwar nicht ganz geheuer, allein in diesem Haus zu sein um den Käufer gebührend in Empfang zu nehmen, ihn in Lyttleton ››Willkommen‹‹ zu heißen und die Schlüssel zu übergeben; aber es musste schon weitaus mehr geschehen, als zuschlagende Türen, quietschende Scharniere oder knarrende Treppen, um sie aus der Fassung zu bringen. Rosie tat dies immer mit ihrem:

››Ach, so ein Quatsch!‹‹ ab; was übrigens einer ihrer Lieblingsfloskeln war, wenn es darum ging, zähe Verhandlungen zu führen, wenn ihr weiblicher Charme nicht mehr weiterhalf.

Hatten potenzielle Käufer eines Objektes beispielsweise Mängel entdeckt, so folgte nicht selten ihr: ››Ach, so ein Quatsch! Das lässt sich doch im Handumdrehen aus der Welt schaffen.‹‹

Käufer, die erst gar nicht zu einer Besichtigung kamen, und stattdessen ein Objekt über das Internet erwarben, gehörten zu Rosies auserkorenen Lieblingskunden. Den sogenannten ››Blindkäufern‹‹ bot sie nicht selten jene Objekte an, die sich vor Ort nur schwer veräußern ließen. Und zu solch einem Objekt gehörte selbstverständlich auch das alte Anwesen im Hornbrook Drive. Niemand aus Lyttleton wollte es nach all den Skandalen haben, kaufen oder geschweige denn betreten. Selbst bis nach Christchurch waren all die Gerüchte vorgedrungen und machten jetzt in ganz Canterbury ihre Runden. Dabei kam es immer wieder vor, dass einzelne Leute das Aufgegriffene mit ihrem ganz eigenen Gusto anreicherten, sodass aus den anfangs eher harmlosen Geschichten gar grauenvolle wurden. Fast hätte man glauben können, es hätte unter ihnen eine Art Wettstreit gegeben, wer sich die wohl übelste Geschichte über dieses alte Anwesen einfallen ließ.

Wäre das Haus ein Mensch – dieser Mensch wäre fortan wie ein Aussätziger behandelt worden, der nicht einmal in die Nähe der anderen kommen dürfte; so sehr fürchteten sich die Leute der Stadt mittlerweile vor diesem heruntergekommenen Etwas, dessen Farbe und Glanz täglich mehr an Ansehen verlor.

Einst war dieses Haus der Mittelpunkt der Straße gewesen; ein Anziehungspunkt für Einheimische und Touristen gleichermaßen, ein Treffpunkt für Jung und Alt. Aber diese Zeiten lagen schon weit zurück, und Rosie dachte im Traum nicht daran, dem neuen Eigentümer des Anwesens dessen gesamte Vorgeschichte zu offenbaren. Dafür war sie viel zu sehr Geschäftsfrau, als das sie einen solventen Kunden mit Horror- und Schauergeschichten wieder vertreiben wollte; die für ihren Geschmack ohnehin an den Haaren herbeigezogen waren.

Die Leute in der kleinen Hafenstadt Lyttleton hatten schon immer zu Übertreibungen geneigt, die Rosie so manches Geschäft vermiesten. Und dabei waren die Leute der Stadt alles andere als zurückhaltend oder gar zugeknöpft, wenn es darum ging, einen Neuen in ihrem Kreis aufzunehmen. Das war schon damals so und sollte auch heute wieder so sein!

Kaum war Rosie auf der Straße vor dem Anwesen gesichtet worden – jetzt natürlich ohne diese hässlichen Gummihandschuhe –, streckten sich auch schon die ersten neugierigen Hälse aus den Fenstern der umliegenden Häuser. Sie wollten einen Blick auf jenen Käufer erhaschen, der es doch tatsächlich gewagt hatte, nicht nur nach Lyttleton zu ziehen, sondern ausgerechnet in den Hornbrook Drive mit der Hausnummer 13.

Aberglaube hatte sich hier im Hafenstädtchen lange behaupten können, was nicht zuletzt damit zu tun hatte, was bereits alles in dieser Stadt aber vor allem im Hornbrook Drive mit der Hausnummer 13 vorgefallen war. Dieses Haus war gebrandmarkt, und viele glaubten gar zu wissen, dass das alte Gemäuer voller grässlicher und unaussprechlicher Flüche steckte, die einst ihre Vorbesitzer ausgestoßen hatten, unmittelbar vor ihrer panischen Flucht in eine ungewisse Zukunft. Doch auch dies lag schon weit zurück, und so war Rosie erleichtert, als ein Ehepaar mit einem 15-jährigen Jungen aus dem entfernten Auckland den Zuschlag für dieses Haus erhalten hatte.

Jetzt mussten sie nur noch angerollt kommen!

Die Warterei an diesem verregneten Abend trübte Rosies Stimmung ungemein, auch wenn es sonst eher schwierig war, sie in eine Gemütslage zu bringen, die sie mehr als alle anderen hasste. Doch Geschäft war nun einmal Geschäft, und das Warten auf einen Kunden gehörte zu den weniger schönen Aufgaben ihres Gewerbes. Unter dem Regenschirm stand jetzt eine Frau, die sich viel lieber vor ihrem heimischen Kamin sah, oder, wenn es denn schönes Wetter gewesen wäre, wie es der Wetterbericht eigentlich vorgesagt hatte, vor oder gar in ihrem Pool im blumenüberwucherten Garten, der von einem knackigen Nachbarsjungen umsorgt wurde (auf den sie schon oft ein Auge geworfen hatte). Aber seit zwei Tagen schon brachen sich die Wolken über Lyttleton und der Regen schien nach kurzen Pausen erneut alles unter Wasser zu spülen, was sich ihm in den Weg stellte. Die Rinnsale der Straßen füllten sich und rissen alte Zeitungen mit sich davon. Schlagzeilen des ortsansässigen Daily Observer, die keiner mehr lesen wollte. Man hatte sie ja derart sattgehabt, die schrecklichen Schlagzeilen aus dem hohen Norden des Landes, aus dem schon oft gar Schreckliches gekommen war.

Auckland, jene Megacity, in der über die Hälfte aller Neuseeländer leben, war (und ist) nicht nur die ››City of Sails‹‹, sondern auch ein Moloch, ein Brennpunkt, wo Schlagzeilen derart schnell untergehen können, wie ein Boot, das auf den Grund des Meeres sinkt, wenn man nur dafür sorgt, dies auch richtig zu tun.

Gestern noch die Schlagzeile schlechthin waren die skandalösen Geschehnisse rund um Auckland nach weniger als zwei Tagen vergessen (oder verdrängt). Entweder sie wurden durch neue, womöglich noch viel grausamere Schlagzeilen abgelöst, oder das Volk ging einfach dazu über, sich wieder dem eigenen Treiben zu widmen. Die Gelassenheit der Leute spiegelte sich vor allem darin wieder (und tut es noch heute), dass man viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt war, als sich allzu lang mit den schlechten Schlagzeilen aufzuhalten. Und so waren die schrecklichen Ereignisse, die Qualen und Morde rund um den ››Homestay-Skandal‹‹ schneller Geschichte, als ein Hund bellen konnte, wenn er einen Feind witterte.

Doch nach einem Feind hielt Rosie nicht Ausschau, als sie erneut die langgezogene Straße hinunterblickte. Vereinbart worden war, dass sie vor dem Haus stehen sollte, das die Familie aus dem Norden erworben hatte. Denn die Hausnummer 13 war keineswegs das einzig leerstehende Gebäude des Hornbrook Drives. Aber die Hausnummer 13 war mit Abstand das Gebäude mit der längsten Vergangenheit und Geschichte der Stadt. Erbaut worden war es um die Jahrhundertwende (20. Jahrhundert), und schon während der Bauarbeiten war es zu ersten schrecklichen Schlagzeilen der neugegründeten Zeitung, dem Daily Observer, gekommen. Es war die erste Schlagzeile einer langen Kette, die in Vergessenheit geraten war: Keiner wusste noch, dass einst ein Zimmermann sein Leben lassen musste, als der Dachfirst errichtet worden war.

››Ein Haus mit Vergangenheit‹‹, hatte lediglich darauf hingewiesen, dass diese vier Wände vieles zu erzählen wussten – wenn man denn hingehört hätte! Doch weil der Käufer keinerlei Fragen über besagte Vergangenheit gestellt hatte, sondern vielmehr von den Möglichkeiten angetan war, die er dort realisieren konnte, hatte auch Rosie es vorgezogen, lieber zu schweigen – oder besser gesagt, zu verschweigen, was sich alles in diesem Haus zugetragen hatte. Wie gewöhnlich hielt sie alles vor dem Käufer fern, was zur Gefahr für den Geschäftsabschluss werden konnte. Nicht einmal ihren Assistenten hatte sie zu diesem Termin mitgenommen, weil der, erst einmal ins Erzählen geraten, gar nicht mehr damit aufhören konnte, auszuplaudern, was einzelne Anwesen so alles zu erzählen wussten.

Das war pures Gift in ihrem Geschäft. Und dieses Geschäft wollte Rosie noch heute in trockene Tücher bringen, war der Kaufvertrag doch noch nicht unterzeichnet. Nachdem Rosie erneut einen Blick auf die Straße geworfen hatte, stellte sie sich wieder direkt in die offenstehende Haustür, um nicht gänzlich nass zu werden.

Dann, als sie erneut auf ihre Uhr geblickt hatte, es war schon weit nach acht, bog ein betagtes Wohnmobil samt Anhänger in den Hornbrook Drive ein, und Rosie stellte sich auf den Bürgersteig und winkte dem Fahrer mit einem aufgesetzten Lächeln zu.

››Ruhig Blut, Rosie. Ruhig Blut. Jetzt sind sie ja endlich da‹‹, sagte Rosie leise zu sich selbst und erfasste die drei Personen auf der Fahrerbank des mobilen Ungetüms.

Wo in alles der Welt haben die nur dieses hässliche Wohnmobil her?, dachte Rosie, bevor der Fahrer aus dem Führerhaus stieg und zu ihr eilte.

Der Mann in einem schlabbrigen und verschlissenen, blauen Overall fragte Rosie keuchend: ››Sind wir hier richtig? Ist das der Hornbrook Drive mit der Hausnummer 13?‹‹

››Ja, das ist es! Und sie sind – ähm – Mr Bacon, nehme ich an?‹‹, sagte Rosie und reichte dem Kerl die Hand zur Begrüßung, obwohl sie einen besser gekleideten Mann erwartet hätte. Keinen mit einem Dreitagebart und ungepflegten, fettigen Haaren, langen, dreckigen Fingernägeln und ausgelatschten Turnschuhen. Ja, den Blicken Rosies konnte sich keiner so schnell entziehen, wenn es darum ging, einen Kunden zu mustern, und ihn in die vorgesehene Schublade zu packen. Zwar hatte sie schon viele sonderbare Typen kennengelernt, aber der Mann aus Auckland wollte einfach nicht zu dem Bild passen, das sie sich von ihm zurecht gelegt hatte, als er am Dienstagmorgen wegen des Kaufvertrags noch einmal angerufen hatte, um sicherzugehen, dass er auch den Zuschlag erhalten hatte. Diese charmante Stimme wollte einfach nicht zu diesem untersetzten, leicht speckigen Kerl passen, der nun heftig ihren Arm schüttelte. Seine Pranke hatte gleich Besitz von ihrem Arm genommen, als sie ihm die Hand entgegenstreckte.

››Es tut uns leid, dass es solange gedauert hat. Aber wir sind in Kaikura aufgehalten worden‹‹, sagte der Mann und drängte sich sogleich mit unter den Regenschirm, den Rosie gegen den stürmischen Wind stemmte.

››Was für ein Sauwetter meinen sie nicht auch?‹‹, keuchte Rosie und deutete an, dass sie doch lieber ins Haus gehen sollten.

››Ja! Seitdem wir auf die Südinsel übergesetzt haben, hat es nicht mehr aufgehört zu regnen. Dabei wollten wir die Fahrt hierher auch als gelegenen Ausflug nutzen, bevor der ganze Trubel wieder losgeht. Doch daraus wurde nichts. Unser Sohn ist deswegen ziemlich enttäuscht. Er wollte in Kaikura mit Delfinen schwimmen. Sie wissen schon, so 'ne typische Ausflugssache eben! Aber die Delfine wollten sich bei diesem Wetter einfach nicht zeigen‹‹, sagte Mr Bacon und forderte seine Frau und Jungen auf, ihnen ins Haus zu folgen.

Rosie ging voran und drückte Mr Bacon zugleich ein Glas in die Hand, um auf den Kauf des Hauses anzustoßen. Schließlich verkaufte sie ein Anwesen dieser Größenordnung nicht alle Tage. Dafür hatte Rosie unmittelbar im Eingangsbereich einen kleinen Tisch positioniert, auf dem ein Sektkühler samt einer Flasche Moet Chandon stand, sowie vier Gläser. Noch bevor die neue Frau des Hauses ein Veto einlegen konnte, bekam auch sie ein Glas Champagner in die Hand gedrückt; und nach einem kurzen Nicken – was in diesem Zusammenhang einem Einverständnis gleichkam – hatte auch schon der Junge eines erhalten. Rosie lachte und meinte:

››Ein Gläschen Champagner wird ihren Jungen sicher nicht gleich umbringen. Wann trinkt man schon mal Champagner?‹‹

Und damit war Rosie alles andere als ehrlich zu sich selbst! Denn sie trank Champagner beinahe jeden Tag wie andere Leute Leitungswasser. Doch das behielt sie besser für sich. Ihre erste Ehe war wegen ihrer Alkoholsucht zerbrochen. Zwar schwur sie beinahe täglich Besserung, aber sie schwur nie, wann nun der Tag eintreten sollte, an dem sie damit aufhören wollte.

Jetzt standen alle Bacons in dem langen Flur, der auf eine große Tür hinauslief; und der Junge stürmte gleich drauflos – da gab es kein Halten mehr.

››Ihr habt es mir versprochen‹‹, rief der Junge noch, bevor er einen ersten Schritt auf die Treppe tat, die nach oben führte.

››Na, da kann es aber jemand kaum noch erwarten, hier einzuziehen‹‹, lachte Rosie und gönnte sich ein weiteres Glas dieser prickelnden Brause. Doch sie hätte stattdessen den Jungen mal lieber davor warnen sollen, dass die fünfte Stufe nur lose aufgelegt und eine wahre Stolperfalle war. Schon war es geschehen: Der Junge stolperte und rannte fluchend nach oben.

››Du sollst doch nicht immer fluchen‹‹, rief ihm Mrs Bacon hinterher, aber ihre Stimme verpuffte in dem großen, leerstehenden Haus. Nur das Öffnen und Schließen von Zimmertüren war gelegentlich zu hören, und dann und wann knallte auch eine von ihnen zu. BANG!

››Das war ich nicht. Das war ich nicht‹‹, fauchte die Stimme des Jungen.

››Ach, unser Junge!‹‹, seufzte Mrs Bacon. ››Wenn er doch auch nur in der Schule solch ein Temperament an den Tag legen würde. In der Schule ist er ganz anders. Aber egal, lassen wir ihm die Freude, sich sein neues Zimmer auszusuchen. Das mussten wir ihm nämlich versprechen, müssen sie wissen. Er wäre sonst nie zu bewegen gewesen, mit uns nach Lyttleton zu ziehen.‹‹

››Planen sie hier denn einen Neuanfang? Ihr Mann sagte etwas davon, dass sie hier gern ein Restaurant eröffnen wollen.‹‹ Rosie wandte sich nun direkt an Mrs Bacon, die ihrem vorgefertigten Bild einer gestandenen Frau schon eher entsprach.

Mrs Bacon – ››Ach, nennen sie mich doch Helen, dass macht vieles einfacher!‹‹ – war wesentlich jünger als ihr Mann. Das war Rosie zu allererst aufgefallen, als sie aus dem Wagen stiegen. Sie vermutete, dass Helen etwa Mitte 30 war, womit sie goldrichtig lag.

Helen trug ein rosafarbenes Sommerkleid mit einem breiten, weißen Gürtel und mächtiger Schnalle, sodass man dazu geneigt war, zu glauben, dass Helen geradewegs aus einem Modeprospekt der 1920er Jahre entsprungen wäre. Ihr feuerrotes Haar wehte im Wind, der durch das Haus pfiff, und das sie mit Vorliebe offen trug. Auch ihr Gesicht war stark geschminkt, was Rosie denken ließ:

Willkommen im Club der einsamen Herzen!

Rosie schreckte jäh zusammen, als gleich zwei Türen auf einmal zuschlugen, und sie ihr Glas beiseitestellen ließ.

››Pass doch bitte ein wenig auf!‹‹, rief jetzt Mr Bacon recht lautstark durchs Haus. Aber von dem Jungen schallte es erneut in den Flur: ››Das war ich nicht! Das war ich nicht!‹‹

Rosie blieb nichts anderes übrig, als das ständige Zufallen der Türen auf den Wind zu schieben, und schloss zugleich die Haustür. Sie hatte ja noch immer keine Unterschrift unter dem Kaufvertrag. Sobald dies vollzogen war, wollte sie schnellstmöglich diesen unheimlichen Ort verlassen.

››Sagen sie, waren unsere Handwerker denn schon hier? Sind sie vielleicht schon mit den Umbauten fertig, die wir in Auftrag gegeben haben?‹‹, wollte Mr Bacon in Erfahrung bringen, bevor er irgendeinen Wisch unterschreiben wollte, der ihn zum rechtmäßigen Eigentümer dieses Anwesens machen würde. Denn allmählich sorgte er sich auch um seine fragile Fracht, die er eigens im separaten Anhänger mitgebracht hatte.

››Aber ja! Gewiss doch! Auf ihre Handwerker war Verlass‹‹, sagte Rosie mit leicht anschwellender Brust. Einige von denen hatte sie sich auf der Zunge zergehen lassen; sie hatte sie kurzerhand vernascht.

Über irgendwelche Sonderwünsche ihrer Kunden wunderte sie sich längst nicht mehr, auch wenn es ihr komisch vorgekommen war, was die Handwerker an diesem Haus veränderten. Was genau Mr Bacon jedoch in Auftrag gegeben hatte, sah sie erst, als sie gemeinsam in ein Zimmer traten, das zwischen dem Ladenbereich und dem Wohnhaus lag.

Es verschlug ihr die Sprache, als sie einen weiß gekachelten Raum vorfand, der vom Fußboden bis an die Decke mit weißen Kacheln ausgelegt worden war. Der einzige Blickfang war ein dunkler Fleck auf dem Fußboden, der ein Abfluss war, wie Mr Bacon zu berichten wusste.

››Die Vorschriften sind strenger geworden‹‹, pflichtete Helen bei und lief geradewegs auf eine andere schmale Tür zu, die in diesem Raum rechts lag, und die nur durch diesen weißen Raum betreten werden konnte.

››Wenn wir einen solchen Raum nicht vorweisen, lässt man uns nicht unser Gewerbe ausüben.‹‹

››Aja! Ich verstehe‹‹, murmelte Rosie leicht verunsichert, weil ihr natürlich keinerlei bauliche Maßnahmen bekannt waren, die es vorsahen, einen solchen Raum zu haben, wenn man ein Restaurant eröffnen wollte.

››Ach, sagen sie! Was genau wollen sie hier eigentlich eröffnen? Wird es ein Restaurant werden, in denen sie auch ausländische Spezialitäten anbieten?‹‹

Was die einzig logische Schlussfolgerung gewesen wäre, auch wenn sie schon schlechte Erfahrungen mit sogenannten ››ausländischen Spezialitäten‹‹ gemacht hatte.

››Es wird wohl vielmehr ein Diner werden. Ja, wir haben vor, ein Diner zu eröffnen. Einen AMERICAN DINER sozusagen, wo wir Hotdogs, Hamburger, Spareribs und dergleichen anbieten wollen. Rund um Auckland waren die Leute ganz verrückt nach unseren Spezialitäten. Sie haben sich ihre Finger danach gelegt‹‹, sagte Mrs Bacon und warf nun einen prüfenden Blick in den angrenzenden Raum – ein ziemlich kleines aber äußert sonderbares Zimmer.

Doch was auch immer Rosie unternahm, um selbst einen Blick dort hineinzuwerfen, wurde von Mr Bacon vereitelt. Er stellte sich ihr immer wieder in den Weg, ohne jedoch unhöflich oder gar grob zu werden. Stattdessen versuchte er Rosie mit Fragen abzulenken, während seine Frau das Zimmer inspizierte und ihm anschließend ein Okay zuwarf, dass alles in bester Ordnung war.

››Glauben sie denn, dass wir in Lyttleton Erfolg mit einem Diner haben könnten?‹‹ Und erneut fielen Türen wie von selbst ins Schloss.

Mr Bacon knurrte und wollte schon nach oben brüllen, doch Rosies Antwort hinderte ihn daran.

››Sicher nur der Wind, Mr Bacon. Ein Diner hat unsere Stadt noch nicht. Es gibt zwar eine kleine Fast-Food-Bude unten am Hafen und zwei Fish & Chips-Shops, aber die dürften für sie keine nennenswerte Konkurrenz sein. Werden Sie ihren American Diner so aufziehen, wie man sie aus Filmen her kennt? Mit diesen typischen Sitzbänken, dem 50er Jahre Flair und den bunten Leuchtstoffröhren? Und werden sie auch Muffins und Brownies im Sortiment haben?‹‹

Langsam aber sicher stellte Rosie für Mr Bacons Geschmack die eindeutig falschen aber vor allem auch zu viele Fragen. Am liebsten hätte er ihr … Aber er zwang sich zu einem müden Lächeln, als seine Frau aus dem Zimmer kam und leicht fröstelte.

››Genau so haben wir uns unsere neue Wirkungsstätte vorgestellt‹‹, sagte Helen und rieb sich die Oberarme – ein kläglicher Versuch, Wärme in ihren Körper zu bringen. ››Unseren American Diner, mit allem, was das Herz begehrt!‹‹

››Na, dann sollte ihr Laden ja schon bald brummen. Ich weiß rein zufällig (ach, Rosie, sag doch lieber gleich, dass du überall deine Finger im Spiel hast und deine Fühler ausgestreckt hältst), dass unser Rugbyteam der Schule nach einer Örtlichkeit sucht, wo sie sich nach den Siegen treffen können, um zu feiern. Wenn sie dieses Team für sich gewinnen können, wird ihr Laden im Nu der Renner sein. Warten sie … ich habe eine Visitenkarte bei mir von einem der Väter. Der ist auch gleich unser Chiefinspector …, warten sie, hier ist sie ja! Sein Name ist Michael Mayer, aber sprechen sie ihn bloß nie auf HALLOWEEN an, wenn sie wissen, was ich meine.‹‹

Sekundenspäter schallte ein lautes Lachen durch den weiß gekachelten Raum. Wieder fielen Türen wie von selbst ins Schloss. Diesmal war es auch die Tür zum weiß gekachelten Raum. Und dem Lachen folgte ein gellender Schrei.

››Ich denke, ich habe mein neues Zimmer gefunden‹‹, sagte der Junge, als er seine Eltern an diesem unwirklichen Ort vorfand, und die gerade damit beschäftigt waren, ihre heikle Fracht aus dem Anhänger in das Kühlhaus zu schaffen. Denn genau das verbarg sich hinter der schmalen Tür, in die sie Rosie partout nicht hatten blicken lassen wollen.

››Ihr habt mir gesagt, ich könnte jedes Zimmer kriegen, das mir gefällt. Nun, am Ende des oberen Korridors ist genau das Zimmer, das ich schon immer haben wollte. Paps, du hast doch nichts dagegen, dass ich mir dieses Zimmer nehme? Das Zimmer, das an den Turm angrenzt.‹‹

Das alte Haus verfügte über einen Turm auf der rechten Seite, so wie man sie früher noch gern angebaut hatte. Das war genau das richtige Zimmer für diesen Jungen. Dort hatte er genügend Platz für seine ausgefallenen Hobbys, mit denen er zwar nie andere begeistern konnte, aber das war ihm egal. Viel wichtiger war es ihm, in klaren Nächten in den Himmel blicken zu können… Und dass runde Turmzimmer war wie geschaffen für seine ausladende Steine- und Mineraliensammlung.

Oft schon hatte er im alten Zuhause stundenlang damit zugebracht, den Himmel nach Kometen oder Sternschnuppen abzusuchen, während seine Eltern im Haus ihren Geschäften nachgingen. Was seine Eltern hierher nach Lyttleton verschlagen hatte, erfuhr auch er erst heute.

Den ganzen langen Weg über hatten sie sich in Schweigen gehüllt. Und es war ein entbehrungsreicher und kräftezehrender Weg gewesen. Eine Abwechslung tat ihm daher gut. Dadurch, dass er nicht die gleichen Interessen teilte, wie die meisten Jugendlichen in seinem Alter, war er schon oft zum Gespött der Klasse geworden, man hatte ihn ausgegrenzt und schlichtweg ignoriert. Und das bezog sich nicht nur allein auf das Klassenzimmer. Selbst im Schulsport, wo Leistung alles für seine Altersgenossen war, zog er stets den Kürzeren.

Obwohl sein Vater Metzger und ein Koloss von einem Mann war, sah der Junge mager und für sein Alter viel zu klein aus. Zudem musste er eine ziemlich hässliche Brille tragen, die ihm eigentlich nichts ausgemacht hätte, wenn er sie nicht auch noch in der Schule tragen musste, wenn er beispielsweise aus einem Buch vorzulesen hatte.

Aber alles in allem war William Bacon, oder wie ihn seine Eltern riefen – ››Will‹‹ – ein aufgeweckter Junge, der leidenschaftlich gern Detektivgeschichten oder Kriminalromane las. Am liebsten die, in denen Inspector Nathan Fridges ermittelte. Freunde allerdings hatte er so gut wie noch nie gehabt, und so hoffte er darauf, dass sich hier in Lyttleton alles ändern würde – auch für seine Eltern.

››Also, was ist jetzt mit dem Zimmer? Krieg ich es, oder wollt ihr gleich zu Beginn euer Versprechen widerrufen?‹‹, fragte Will, weil seine Eltern alle Hände voll zu tun hatten.

››Was? Was hast du gesagt, mein Junge? Ich habe nicht zugehört.‹‹

Mr Bacon stellte gerade einen schweren Karton ab und lehnte die Tür zum Kühlhaus an, als seine Frau mit einem weiteren Karton den Raum betrat. Sie schreckte kurz zurück, da sie ihren Sohn am allerwenigsten hier erwartet hätte.

››Das Zimmer, Paps. Das Zimmer. Ich habe oben ein Zimmer gefunden, das mir gefällt.‹‹

Der Junge stand mit beiden Händen in den Hosentaschen vor seinem Vater, und es machte nicht den Anschein, als ob er mit anpacken wollte, um die leicht verderbliche Ware ins Kühlhaus zu schaffen.

››Das Zimmer ganz hinten, Paps! Das mit dem Turm verbunden ist. Das ist genial. Genau das, was ich schon immer haben wollte.‹‹

››Was meinst du Helen? Sollen wir Will seinen Willen lassen (oh, wie sehr der Junge doch derartige Wortspiele mit seinem Namen hasste) und ihm das Zimmer geben? Das Haus hat ja nun wirklich genug Zimmer.‹‹

Mr Bacon wischte sich über seine verschwitzte Stirn mit einem Tuch, das er beinahe alle fünf Minuten dazu verwendete, um sich den Schweiß von Stirn und unter den Achseln wegzuwischen. Und genauso roch es auch! Es war ein ziemlich strenger, beißender Geruch, den Will aber nicht länger abstoßen fand. Es war der ach so typische Geruch seines Erzeugers.

››Das geht in Ordnung. Will soll dieses Zimmer kriegen, wenn er will. Auch er hat Opfer bringen müssen. Das sind wir ihm schuldig.‹‹

Und obwohl dieses Zimmer mit Abstand das schönste im ganzen Haus war, und es Helen eigentlich einem anderen Verwendungszweck zuführen wollte, willigte sie ein.

››Danke, Mum. Vielen Dank!‹‹ Will wandte sich seinem Vater zu. ››Vielen Dank, Paps. Das werde ich euch nie vergessen. Lyttleton fängt an, mir zu gefallen. Braucht ihr denn meine Hilfe mit den Kartons, oder kommt ihr alleine klar?‹‹

Was lag jetzt näher, als seinen Eltern Hilfe anzubieten? Erstmals seit Tagen fühlte sich Will wieder so richtig wohl in seiner Haut, und auch seine Eltern sah er zum ersten Mal wieder lachen, nach einer langen Zeit der Stille und des Schweigens.

››NEIN! Das ist nicht nötig‹‹, sagte Helen recht betont und gönnte ihrem Sohn ein weiteres Lächeln.

››Aber ich … ich könnte doch … ‹‹

Schlagartig verstummte der Junge, als er einen dunklen Fleck auf dem strahlend weißen Fußboden erspähte.

››Paps, da ist ein Fleck!‹‹

››Ein Fleck? Welcher Fleck? – Aber nein, das ist doch nur der Abfluss‹‹, meinte Mr Bacon und wollte schon den schweren Karton anheben, als ihn Will auf eine andere Stelle im Raum aufmerksam machte, als jene, die Mr Bacon ins Auge gefasst hatte.

Aufgeregt suchten seine Eltern den Fußboden ab, und Helen wurde zunehmend nervöser, als auch sie den Fleck erfasste, den Will meinte, und jetzt sehr deutlich und unmissverständlich mit den Fingern darauf zeigte.

››Oh, wo kommt der denn her?‹‹, tat Mr Bacon unschuldig und kniete sich direkt vor den dunklen Fleck. Mit seinem rechten Zeigefinger tauchte er in die Lache, und eine dunkle, klebrige Flüssigkeit tropfte ihn vom Finger. Worte suchend schaute er in das ernste und schweißüberspülte Gesicht seiner jungen Frau. Danach kramte er erneut sein Tuch aus der Hosentasche. Er wischte sich den Finger trocken und Will konnte dank des hellen Stoffes erkennen, dass die Flüssigkeit am Boden dunkelrot war – blutrot!

Ein kalter Schauer überzog seinen Rücken und stellte ihm jedes noch so kleinste Nackenhärchen auf. Just in diesem Augenblick kam eine längst verdrängte Kindheitserinnerung in ihm hoch, die seinen Atem erfrieren ließ. Er erinnerte sich an ein Erlebnis, das schon viele Jahre zurücklag. Als kleiner Junge war er oft in ein Laufgitter eingesperrt worden, in der er die Nachmittage zubringen musste.

Seine Mutter saß an dem viel zu großen Tisch, vor sich einen duftenden Braten, und in den Händen wetzte sie ein Messer, und fremde Leute gierten nach dem weißen Fleisch … Zur Zimmertür kam sein Vater herein, mit weit ausgebreiteten Armen und wollte ihn aus dem Laufgitter nehmen – seinem Gefängnis aus jenen Tagen, in denen er nichts weiter für Mr Bacon gewesen war, als ein Hosenscheißer und ein weiteres Maul, das zu stopfen war. Seine Hände waren schmierig und voller Blut. Und als er nach dem Jungen packen wollte, schimpfte Helen, er solle sich doch erst die Hände waschen. Doch statt in das Badezimmer zu gehen, kramte sein Vater mal wieder in seiner Hosentasche und zückte ein blutverschmiertes Tuch hervor. Es war nicht das erste Mal gewesen, dass sich Will daran erinnerte, wenn er seinen Vater mit dem Tuch ober blutigen Fingern gesehen hatte. Allzu oft tat er es aber als eine Erinnerung ab, die wohl jedes Kind hervorkramte, wenn er einen Metzger zum Vater hatte, und er seine Arbeiten im Kellergewölbe des Hauses verrichtete …

Seine Erinnerungen verblassten, als er die Hand seines Vaters auf der linken Wange spürte. Mr Bacon mühte sich redlich, seinen Jungen wieder zurück zu den Lebenden zu holen, als er vor wenigen Augenblicken in Ohnmacht gefallen war. Nur sehr langsam kam der Junge wieder zu sich. Das erste Wort, das er über seine trockenen Lippen brachte, war: ››Blut!‹‹

››Da hast du uns aber einen ganz schönen Schrecken eingejagt, mein Junge‹‹, sagte Helen und streichelte Will durchs feuchte Haar.

››Bin ich etwa wieder in Ohnmacht gefallen?‹‹, fragte Will, als er realisierte, dass er inmitten des Raums auf dem kalten Fußboden lag und zitterte.

››Ja, mein Junge!‹‹ Helen gab ihrem Mann zu verstehen, dass er doch endlich dieses verflixte Tuch verstecken möge, dass er noch immer in seiner Hand hielt.

››Wann gewöhnst du dich nur daran, Blut sehen zu können?‹‹, knurrte Mr Bacon und half seinem Jungen auf die Beine. Doch dem Knurren folgte kurz darauf ein Lachen. ››Wenn du jemals in meine Fußstapfen treten willst, solltest du dich an dessen Anblick gewöhnen.‹‹

Jetzt, wo wieder die Rede davon war, suchte Will nach dem Fleck, den er seinen Eltern gezeigt hatte. Er stellte sich auf seine Zehenspitzen, um über die Schultern seines Vaters blicken zu können, der ihm jedoch die Sicht nahm.

››Der Blutfleck auf dem Boden‹‹, stammelte Will und drehte sich seiner Mutter zu.

›› … der ist längst aufgewischt, mein Junge. Es wird wohl einer unserer Kartons leck gewesen sein‹‹, beruhigte ihn Helen und machte Anstalten, mit ihm vor die Tür gehen zu wollen.

››Warum trägst du nicht schon mal deine Sachen rauf in dein neues Zimmer? Die wenigen Kartons im Anhänger schaffen auch dein Vater und ich allein. Sobald wir hier fertig sind, werde ich dir eine Tasse Tee raufbringen. Dann kannst du mir ja mal dein Zimmer zeigen.‹‹

Und während Mr Bacon die abgestellten Kartons wieder aufnahm und in das Nebenzimmer brachte, rannte Will erneut die Treppe rauf.

››Vorsicht! Lose Stufe!‹‹, hörte Will eine Stimme wie aus einer anderen Welt. Doch er nahm jeweils drei Stufen auf einmal, sodass er die Fünfte erst gar nicht berührte. Aber auch die Stimme beachtete er nicht weiter.

Dann, nachdem der Junge sein neues Zimmer feierlich in Besitz genommen hatte, rannte er zum Wohnmobil und zerrte die vollgestopften Koffer nach oben. Zu guter Letzt waren zwei Kisten hochzutragen, bei denen er sich aber von seinem Vater helfen ließ. In diesen Kisten waren sein Fernrohr und seine Steinsammlung verstaut, und Mr Bacon schwitzte erneut und suchte hektisch nach seinem Tuch in der Hosentasche.

Der Junge zuckte zusammen, als Mr Bacon fand, wonach er gesucht hatte. Doch es war nicht länger das Tuch, dass er die letzten beiden Wochen verwendet hatte; sondern ein frisches – und siehe da, blütenweißes – Taschentuch kam zum Vorschein.

Wortlos verließ Mr Bacon das Zimmer des Jungen, und Will hörte die knarrende Stufe, die er soeben durchbrochen hatte. Dann schlug seine Zimmertür mit einem lauten Schlag zu. Er hörte, wie sein Vater bitterböse zu fluchen begann, und zwar über die Stufe, sich selbst und dem lauten Knall, der das gesamte Haus durchpeitschte, sodass selbst Helen einen Schreck bekam.

Doch statt die Tür zu öffnen, presste Will sein rechtes Ohr gegen das Holz und hörte noch eine ganze Weile lang, wie sein Vater die derbsten Flüche ausstieß. Danach ließ er sich auf das alte, quietschende Bett fallen (einige Möbel waren bereits am Vortag durch ein paar Freunde angeliefert und aufgestellt worden), und begann, seine Blicke im Zimmer schweifen zu lassen. Solch ein großes Zimmer hatte er noch nie besessen, weder in Auckland, noch in irgendeiner anderen Stadt, in denen er und seine Eltern Zwischenstationen eingelegt hatten.

Sie waren wochenlang unterwegs gewesen.

Und auch wenn es Will nicht verstehen konnte, weshalb sie so derart schnell Auckland verlassen mussten, so war er doch froh, dass sie ihre Reise hierhergeführt hatte. Das neue Zimmer war fantastisch, und soweit er das sagen konnte, auch das Haus. Schnell waren all die anderen Zimmer dieses Hauses vergessen.

Es klopfte an seiner Zimmertür. Er sprang vom Bett auf und öffnete sie. Vor ihm stand seine Mutter, beladen mit einem Tablett. Darauf standen eine Tasse Tee sowie ein Tellerchen mit belegten Broten. Helen trat ins Zimmer und war angenehm überrascht. Sie stellte das Tablett auf eine der Kisten ab, die die Aufschrift trugen: ››VORSICHT! Schwere Kost!‹‹

Der Junge hatte darin all seine Lieblingsbücher aufbewahrt, die er zwar schon zigmal gelesen hatte, aber immer wieder aufs Neue gern las.

››Trink den Tee, solange er noch heiß ist. Lass ihn nicht erst kalt werden, der wird dir guttun.‹‹ Helen setzte sich auf das Bett und strich ihren Rock glatt. Dann atmete sie tief durch und legte ein verführerisches Lächeln auf, die Will so sehr an ihr liebte.

››Du wirst schon sehen. Im Nu hast du dich hier eingelebt.‹‹ Sie stand auf und schaute aus dem Fenster. ››Sieh doch nur, von hier aus kannst du bis zum Hafen sehen.‹‹

Will eilte zu ihr. Sie nahm ihren Sohn in den Arm.

››Von jetzt an wird alles besser werden, mein Junge.‹‹

››Bleiben wir denn auch hier? Oder werde ich auch diesmal keine Zeit dazu haben, mir Freunde zu suchen?‹‹

Helen seufzte, da sie wusste, wie schwer sich Will damit tat, Freunde zu finden. Und auch eine Freundin hätte sie sich für ihren Sohn gewünscht, der jetzt in einem Alter war, das so schnell verflog, dass sich Helen wünschte, sie könne die Zeit anhalten – wenn nicht sogar zurückdrehen. Allerdings kam in ihr auch ein Verdacht auf, den sie sich aber nicht anzusprechen wagte. Sie wusste sehr genau, wie ihr Mann darauf reagieren würde.

››Lyttleton wird unser neues Zuhause werden. Gleich morgen werde ich dich für das neue Schuljahr anmelden. Ich habe gehört, dass die Schule ganz hervorragend sein soll. Aber noch kannst du den Rest deiner Sommerferien genießen. Und Freunde … Freunde kommen und gehen, mein Junge. Du wirst aber schon bald welche finden.‹‹

››Ist denn Mrs Noland schon gegangen? Ich habe sie gar nicht weggehen sehen (von seinem Fenster aus konnte er nicht nur den Hafen sehen, sondern auch die Haustür, die seiner Meinung nach noch nicht wieder geöffnet wurde, seitdem …). Sie hat mir nicht mal auf wiedersehen gesagt.‹‹ Will nahm die Teetasse auf und nippte vorsichtig an ihr. Entsetzt blickte er auf die belegten Brote. Zwar wollte er seine Mutter nicht verärgern, aber dennoch gab es Grund zur Rüge.

››Du weißt doch, dass ich keine Blutwurst mag.‹‹

››Oh, dass tut mir leid, Junge. Habe wohl nicht aufgepasst, als ich für uns alle Brote belegt habe. Dann esse aber wenigstens das Brot mit dem Schinken. Das ist ein Schwarzwälder. Von dem haben wir nur noch einen kleinen Rest. Er ist eine wahre Delikatesse!‹‹ Helen nahm sich das Brot mit der Blutwurst vom Teller und biss genüsslich hinein, nicht zuletzt deshalb, um ihren Sohn zu zeigen, dass auch Blutwurst eine Delikatesse ist.

Sie wollte schon das Zimmer verlassen, als sie sich zu ihrem Sohn umdrehte und sagte: ››Mrs Noland ist definitiv gegangen. Sie hat den Hinterausgang genommen, als du in Ohnmacht gefallen bist. Du hast ihr einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Einfach so umzufallen. Richte dich erst mal ein. Um acht mache ich uns dann noch eine Kleinigkeit. Komm dann bitte zu uns runter, in die Küche.‹‹

››Aber welches Zimmer ist denn die Küche? Bisher habe ich nur die Zimmer hier oben gesehen‹‹, fragte Will, der tatsächlich noch nicht allzu viel von dem Haus gesehen hatte.

››Immer der Nase nach würde ich sagen. Du wirst schon riechen, in welchem Zimmer ich koche‹‹, sagte Helen und leckte sich ihre Fingerkuppen ab, nachdem sie das Brot aufgegessen hatte. ››Hhm, das war köstlich! Heute ist es dafür zwar schon zu spät, aber wusstest du, dass unser neues Zuhause auch über einen Pool verfügt? Morgen kannst du dort schwimmen gehen. Das ist bestimmt ein Bonus für dich, wenn du Freunde finden willst. Vielleicht ja auch eine Freundin?‹‹

Will verzog sein Gesicht, als wollte er eine Grimasse schneiden, und war peinlich berührt. Das waren Themen, bei dem er stets Herzklopfen bekam, schweißnasse Hände und weiche Knie.

››Mum!‹‹, keuchte er und schaute verlegen auf den Holzfußboden. Sekundenspäter griff er nach seinem Kopfkissen und warf es in die Richtung, wo er noch immer glaubte, dass seine Mutter stand. Aber das Kissen prallte von der geschlossenen Tür ab, als wäre sie nie geöffnet worden.

Ob sie wohl endlich mehr Zeit für mich haben werden, dachte der Junge, und warf sich, nachdem er das Kopfkissen aufgehoben hatte, erneut aufs Bett. Jetzt, wo sie ein eigenes Geschäft eröffnen wollten, wäre es bestimmt möglich, mehr Zeit mit ihnen zu verbringen. Auch wenn er wusste, dass ein eigener Diner auch mit viel Arbeit verbunden war. Zumal das Restaurant noch nicht einmal fertig eingerichtet war. Seine Eltern hatten zwar die sonderbarsten Einrichtungsgegenstände von überallher organisiert, doch noch waren sie nicht in Lyttleton angekommen, geschweige denn aufgebaut.

Und das riesige Haus erst!

Allein das obere Stockwerk hatte fünf Zimmer und das untere bestimmt noch mal genauso viele. Will fragte sich, wozu das Haus in der Vergangenheit wohl genutzt worden war. Sicherlich gäbe es ein perfektes Backpackerhostel ab – die wie Pilze aus dem Boden schossen, seitdem das Land auch Filmland geworden war.

Eine Tür knallte zu!

Was waren das bloß andauernd für Marotten, dass ständig irgendwelche Türen zuknallten? Das fragte sich in diesem Augenblick nicht nur der Junge, sondern auch seine Eltern.

Vorsichtig öffnete Will seine Zimmertür und blickte auf den langen, dunklen Korridor. Er sah gerade noch, wie ein Schatten die Treppe hinuntereilte. Zuerst dachte er daran, dem Schatten zu folgen, oder bestenfalls hinterherzurufen. Doch dann zuckte er mit den Schultern, schloss seine Zimmertür und widmete sich wieder seinen beiden Kisten, die er begonnen hatte, auszupacken. Wenn es heute Abend doch nur aufhören würde zu regnen!

Er wäre sehr gern auf das Vordach hinausgeklettert, um den Sternenhimmel auszuspähen. Aber das scheußliche Wetter hielt an. Es war also nur ein frommer Wunsch, dass sich daran etwas ändern sollte.

Diesen einzigen Augenblick, der jetzt auch schon wieder Minuten lang zurücklag, erlebten seine Eltern ähnlich wie er. Auch Helen schaute auf den langen Flur in Richtung der verschlossenen Haustür, und auch sie sah einen Schatten vorbeihuschen. Sie tat es jedoch damit ab, dass ihr Sohn bestimmt auf der Suche war nach dem Badezimmer oder dem Pool. Und als sie die Küchentür wieder schloss, erfasste sie die offenstehende Tür zum weiß gekachelten Raum.

Sie dachte sich nichts weiter dabei, vielleicht nur so viel:

››Männer! Können nie allein auf Toilette gehen!‹‹

Dass ihre Männer allerdings gar nicht auf Toilette waren, insbesondere nicht ihr Mann, erfuhr sie erst sehr viel später. Mr Bacon jedenfalls schloss die Tür zum Raum und beendete das, womit er in der letzten halben Stunde beschäftigt war; wortlos und mit solch großer Hingabe, dass er alles um sich herum ausblendete.

Und auch Will war mit Hingabe und Leidenschaft dabei, sein neues Zimmer einzurichten, auch wenn noch nicht alle Möbel da waren. Es fehlte zwar noch so einiges, aber seine Bücher und das Fernrohr standen bereits auf ihren angedachten Plätzen. Dass runde Turmzimmer gab eine hervorragende Leseecke ab, mit viel Tageslicht und dem gemütlichen alten Sessel, den sein Vater beinahe entsorgt hätte, als sie ihre Sachen für die Reise zusammenpackten. Seine Steinsammlung musste sich aber noch ein klein wenig in Geduld üben. Sie waren für die Hängeregale einfach zu schwer. Und da es Will in jedem Fall vermeiden wollte, dass es ein Unglück gab, gedachte er darauf zu warten, bis auch noch der Rest der Möbel kam. Laut seines Vaters sollten diese innerhalb der nächsten Tage eintreffen.

Dann, nachdem die Bücher ordentlich nach Genre sortiert waren, baute Will das Gestell für sein MONSTRUM auf, wie es Helen immer nannte. Das Fernrohr wog weit über fünf Kilo und war ganze 80 Zentimeter lang. Ein wahres Prachtstück!

In der Vergangenheit hatte er damit vieles entdecken können; und nicht nur am Horizont oder in einer sternenklaren Nacht. Auch wenn es seine Mutter nie gern sah, so nutzte er das Fernrohr aber gelegentlich auch dazu, in der Nachbarschaft spionieren zu gehen.

Er war jetzt in einem Alter, wo auch offenstehende Fenster sein Interesse wecken konnten. Das hätte er aber nie freiwillig zugegeben. Stattdessen rechtfertigte er sich immer damit, dass er etwas hochgradig Wichtigem auf der Spur sei. Ja, sein besonderes Interesse galt nicht zuletzt den vielen Detektivgeschichten. Und wenn er es nicht besser gewusst hätte, dass er eines Tages eben doch in die viel zu großen Fußstapfen seines Vaters treten würde, wäre er natürlich am liebsten Chiefinspector geworden, wie sein großes Vorbild, Inspector Nathan Fridges, und nicht Metzger, wie sein Vater.

Auch wenn Mr Bacon schon alles versucht hatte, ihm dieses Handwerk schmackhaft zu machen, aber da war ja noch immer die Sache mit dem Blut, dass Will nicht sehen konnte. Sobald er auch nur einen Tropfen Blut sah, kippte er ohne Vorwarnung einfach um. Und diese Tatsache war mit dafür verantwortlich, dass er es bisher auf der Schule nicht leichtgehabt hatte. Einmal war ein Mitschüler mit Nasenbluten auf ihn zugelaufen, und er fiel um – schockgefroren!

Doch das lag weit zurück. Jegliche Erinnerungen an die Zeit davor verdrängte Will in die tiefsten Windungen seines Hirns.

Es gab ja auch viel Wichtigeres zu tun: das Justieren des Fernrohrs beispielsweise. Nachdem das Monstrum mit dem Gestell verschraubt war, blickte Will durch das Visier um das Okular an einem der Häuserdächer scharfzumachen.

Wenn es doch nur nicht so dermaßen schütten würde!

Er schwenkte über ein paar beleuchtete Zimmer, die ihm wie Katzenaugen aus dem Dunkel ansahen.

Äußerst verlockend zwar, aber heute besser nicht.

Es gab noch jede Menge anderer Dinge, die erledigt werden mussten. Aber bevor er seine Blicke endgültig vom Fernrohr lassen konnte, entdeckte er eine dunkle Gestalt in einer Nische zwischen zwei Häuserfronten. Dort saß doch tatsächlich ein offensichtlich obdachloser Mensch, der vom Regen völlig durchgeweicht war. Einige Pappkartons dienten der Person als Lager für die Nacht.

››Armer Kerl!‹‹, hauchte Will, der nie auf die Idee käme, dieser Obdachlose könne gar ein Trunkenbold sein. Jeder andere gewiss, aber nicht er. William Bacon stempelte die Leute nicht gleich ab, so wie es Rosie beispielsweise gerne tat, um sie in irgendwelche Schubladen zu pressen, denen sie niemals gerecht werden konnten. Will war noch nie ein Freund von Klischees oder Vorurteilen gewesen. Er gab jedem die Chance, die er verdiente. Er verspürte sogar ein wenig Mitleid mit dem Kerl, den er am liebsten auf der Stelle zu sich nachhause geholt hätte, wären da nicht seine Eltern, die vor Entsetzen Amok gelaufen wären.

››Bloß nicht! Das fehlt mir gerade noch!‹‹

Und zeitgleich dachte er daran, was für eine hervorragende Unterkunft ihr Haus doch wäre, für all seine Leidensgenossen und ihm. Für eine einzige Familie war diese Haus jedenfalls viel zu groß und verschwenderisch. Doch das war nicht seine Angelegenheit, irgendwelche Personen von der Straße aufzulesen, als seien sie Freiwild, oder ein begossener Pudel, oder was auch immer!

Was er allerdings tun wollte, lag klar auf der Hand, er wollte sich schlaumachen, ob er irgendwo in dieser Stadt gebraucht werden konnte. Schon in Auckland hatte er sich bereits sozial engagiert, was für Kiwis (wie sich Neuseeländer selbst nennen), keine Seltenheit war. Kiwis engagierten sich sehr für ihre Gemeinde, wenn es zumeist auch nur darum ging, sie ››sauber‹‹ zu halten. Und bestimmt gab es auch hier in Lyttleton eine Armenküche, in der er helfen wollte, unbedingt sogar!

Will wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als die Stimme seiner Mutter die Treppe hinaufschallte:

››Kommt! Das Essen ist fertig!‹‹

Und das ließ sich keiner der Bacon-Männer zweimal sagen. Auch wenn Will kein allzu großer Esser war, so liebte er aber die gute Hausmannskost, die seine Mutter jeden Abend pünktlich auf den Tisch stellte. Eilig rannte er die Treppe hinunter und stoppte kurz vor der fünften Stufe, wo sein Vater ein Band samt Warnhinweis angebracht hatte:

››VORSICHT! Oder du brichst dir dein Genick!‹‹

Mit einem lässigen Schwung war auch dieses Hindernis gemeistert. Jetzt stellte er sich jedoch die Frage, wo die Küche war. Er blieb im Flur stehen und streckte seine Nase in die Luft. Er versuchte, den verlockenden Gerüchen zu folgen. Dabei kam er auch an dem Raum vorbei, deren Tür nur leicht angelehnt war. Durch den schmalen Spalt erkannte er seinen Vater, der noch immer damit beschäftigt war, irgendwelche Dinge aus der Welt zu schaffen. Will wagte es erst gar nicht, tiefer in den Raum blicken zu wollen, als es nötig war. Jedenfalls wollte er außer seinem Vater nichts sehen, was sich in diesem Raum befand. Er sah das verschwitzte Gesicht, die düsteren, dunklen Augen, den starren Blick und das Funkeln darin!

››Paps? Kommst du? Mum hat bereits zum Essen gerufen‹‹, flüsterte Will, weil er wohl glaubte, mit einer lauteren Stimme, Tote zum Leben erwecken zu können. Er lehnte sich gegen die Wand des Flurs vor der Tür. Alles, was er sah, war ein Schatten, ein Licht, weiter nichts.

Dann, nachdem ein paar wortlose Augenblicke verstrichen waren, in denen er sich selbst hatte schnaufen hören, erlosch das Licht im Raum und sein Vater kam heraus.

››Dann wollen wir sie auch gar nicht länger warten lassen, wie?‹‹ Mr Bacon deutete an, dass er zuvor aber noch das Badezimmer aufsuchen müsse. Seine Hände hielt er, wohlwissend, wie sein Junge darauf reagieren würde, hinter dem Rücken versteckt.

››Geh doch schon mal vor, Junge. Ich komme gleich nach.‹‹

Und Will lief in die Richtung, die sein Vater mit einem Kopfnicken angedeutet hatte. Als er die Küche betrat, war er sichtlich erstaunt darüber, wie gut ausgestattet sie war. Das liegt wohl an der Vergangenheit des Hauses und an deren Vorbesitzer (die ein Restaurant in den Sand gesetzt hatten, aber das wusste noch keiner der Bacons zu diesem Zeitpunkt), dachte Will und setzte sich an den großen Esstisch, an dem gut und gern ein Dutzend Leute Platz gefunden hätten.

››Hast du deinen Vater denn nicht gleich mitgebracht? Der vergisst vor lauter Arbeit noch unser Essen.‹‹

Obwohl so etwas nur schwer vorstellbar und noch nie vorgekommen war. Will überlegte ernsthaft, ob es je einen Abend gegeben hatte, an dem sie nicht alle zusammensaßen, von den Tagen einmal abgesehen, an denen sein Vater zu Kunden unterwegs war, um ihnen bei den Hausschlachtungen zu helfen. Solange er zurückdenken konnte jedenfalls nicht.

››Der ist noch Hände waschen.‹‹

››Na, das tut aber auch Not, nach dem Missgeschick von vorhin‹‹, sagte Helen – ging jedoch nicht näher darauf ein, was sie damit meinte: ››ein Missgeschick!‹‹

Will dachte, sie meinte vielleicht den Karton, der durch die lange Fahrt wohl kaputt gegangen war. Was Helen unter einer Kleinigkeit zum Abendessen verstand, offenbarte sich, als auch Mr Bacon in die Küche kam, und sich die Hände rieb.

››Na, mein Junge. Hunger mitgebracht?‹‹

Helen öffnete den Ofen und sofort wurde die Küche von einem Wohlgeruch eingenommen, dass selbst Will das Wasser im Mund zusammenlief.

››Geht so!‹‹, murmelte er und schaute zu, wie sein Vater die Beilagen auf den Tisch stellte – ein Wunder, dass es überhaupt welche gab! Es gab Süßkartoffeln mit Rosmarin und Rosenkohl, der mit etwas Speck angedünstet worden war. Sekundenspäter stand dann auch schon der Braten auf dem Tisch, der dem Ganzen die Krone aufsetzte.

››Der Hunger kommt bekanntlich mit dem Essen, nicht wahr, mein Junge? Du willst doch nicht ewig so rappeldürr bleiben, wie du momentan bist?‹‹, sagte Mr Bacon und kniff Will in den rechten Oberarm.

Ein leises ››Autsch!‹‹ war zu hören, ging aber in den Ankündigungen unter, die Helen daraufhin machte.

››Zur Feier des Tages habe ich uns ein Roastbiest – ähm – Roastbeef, meine ich natürlich, gemacht. Du magst es doch, wenn es innen noch rosig ist‹‹, sagte Helen und kicherte wie ein junges Ding, die ihrem Verehrer eine Mahlzeit auftischte.

Die Sache mit dem Roastbiest war Helen aber nur so rausgerutscht, weil ihr Sohn, als er noch kleiner gewesen war, partout keinen Braten essen

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