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Dorian Hunter 32 - Cocos Opfergang

Dorian Hunter 32 - Cocos Opfergang

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Dorian Hunter 32 - Cocos Opfergang

Länge:
471 Seiten
6 Stunden
Freigegeben:
May 1, 2013
ISBN:
9783955720322
Format:
Buch

Beschreibung

Fünf Janusköpfe gibt es noch auf der Erde: Zeno, Ogliv, Xyno, Hesto und Spyd - und einen sechsten: Olivaro, der sich zum Todfeind und Jäger seiner einstigen Volkes gewandelt hat. Aber nicht nur Olivaro macht Jagd auf die Fünf. Auch der Erzdämon Luguri und mit ihm die gesamte Schwarze Familie haben die Janusköpfe zu ihren Feinden erkoren, und sie ersinnen einen Plan, der der Hexe Coco Zamis ihr größtes Opfer abverlangt ...

Der 32. Band der legendären Serie um den "Dämonenkiller" Dorian Hunter. - "Okkultismus, Historie und B-Movie-Charme - ›Dorian Hunter‹ und sein Spin-Off ›Das Haus Zamis‹ vermischen all das so schamlos ambitioniert wie kein anderer Vertreter deutschsprachiger pulp fiction." Kai Meyer

enthält die Romane:
148: "Das Monster aus dem Nichts"
149: "Die Insel der Besessenen"
150: "Dämonenreigen"
151: "Cocos Opfergang"
Freigegeben:
May 1, 2013
ISBN:
9783955720322
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Dorian Hunter 32 - Cocos Opfergang - Ernst Vlcek

Cocos Opfergang

Band 32

Cocos Opfergang

von Ernst Vlcek, Neal Davenport, Earl Warren und Roy Palmer

© Zaubermond Verlag 2013

© Dorian Hunter – Dämonenkiller

by Pabel-Moewig Verlag GmbH, Rastatt

Lektorat: Reinhard Schmidt

Titelbild: Mark Freier

eBook-Erstellung: story2go | Die eBook-Manufaktur

http://www.zaubermond.de

Alle Rechte vorbehalten

Erstes Buch: Das Monster aus dem Nichts

Das Monster aus dem Nichts

von Earl Warren

1. Kapitel

Pyko war tot.

Fünf Janusköpfe gab es noch auf der Erde. Zeno, Ogliv, Xyno, Hesto und Spyd. Und einen sechsten, der aber kein echter Januskopf mehr war: Olivaro, den Entarteten, den Jäger. Die fünf Janusköpfe hatten keinerlei Verbindung mit ihrer Heimatwelt Malkuth mehr. Sie wollten zurück, denn das Leben auf der Erde wurde immer schwerer und gefährlicher für sie. Luguri und die Schwarze Familie der Dämonen wollten sie vernichten. Dann gab es noch eine geheimnisvolle, unbekannte Macht, deren Auswirkungen in der letzten Zeit auf der Erde zu spüren waren. Zudem litten die Janusköpfe an einer heftigen Sehnsucht nach ihrer Heimatwelt, wo ihre Magie besser funktionierte, wo alles ganz anders war. Dämonischer, mehr ihrem Wesen entsprechend.

Die fünf schwebten in einer magischen Sphäre über dem Wasser. Sie befanden sich in der Nähe von Krösus-Island, jener Insel, die Pykos letzter Stützpunkt gewesen war. Jetzt gehörte sie den Totengeistern. Gelblicher Schein umgab die fünf Gestalten mit den bis zum Boden reichenden Mänteln aus einem spinnwebartigen Material, den leeren Augen und den stilisierten Totenkopfgesichtern. Sie hatten einen Stich ins Grünliche, ein lila Schein oberhalb der hohen Stirn mit dem V-Zeichen umgab die langschädeligen Köpfe. Sie unterhielten sich in der Janussprache.

»Schnell, Brüder«, sagte Zeno. »In diesem Gebiet hier haben wir die einzige Möglichkeit, nach Malkuth zurückzukehren. Wir müssen die Beschwörung schleunigst durchführen.«

Ogliv und Xyno hatten Bedenken.

»Die Dämonen der Schwarzen Familie werden uns aufspüren, wenn wir alle zusammen einen starken Zauber anwenden«, warnten sie. »Mit Luguri ist nicht zu spaßen.«

Hesto, der Unbeherrschteste von den Fünfen, konnte sich nicht länger zügeln.

»Ihr Nonsens-Kreaturen!«, schrie er. Damit war die Beschimpfung in der Malkuth-Sprache noch am besten übersetzt. »Wollt ihr unsere letzte Chance verspielen? Hier im Bermuda-Dreieck gibt es Dimensionsüberlappungen, geheimnisvolle Kräfte sind wirksam. Nach unseren Berechnungen steht ein seltener Effekt unmittelbar bevor, mit dessen Energie wir vielleicht nach Malkuth zurückgelangen können. Wenn wir diese Chance außer Acht lassen, müssen wir vielleicht hundert Jahre und länger warten. Wie viel Zeit wollt ihr noch verplempern?«

»Wir stimmen ab«, sagte Spyd. »Ich bin dafür, etwas zu riskieren. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Im Lauf der Zeit spüren uns die Dämonen doch auf. Wenn unser Versuch fehlschlägt, können wir den letzten Kampf ebenso gut gleich hinter uns bringen.«

Die Abstimmung begann. Drei Janusköpfe waren für das Experiment. Xyno enthielt sich der Stimme. Ogliv stimmte dagegen. Damit war alles klar. Über den unbewegten Wassern des Sargassomeers mit seinen Algenwäldern schwebend, setzten die Janusköpfe ihre magischen Kräfte frei. Unsichtbare Kraftlinien gingen von ihnen aus. Beschwörungen verstärkten den Effekt, der an dieser Stelle im Bermuda-Dreieck stattfand. Eine Weile geschah nichts. Dann erhob sich ein eisiger Wind. Die Wolkendecke riss auf, ein gähnendes, schwarzes Loch entstand. Ein Tor ins Nichts, in andere Dimensionen.

»Malkuth!«, schrien die fünf Janusköpfe. »Heimatwelt, Große Mutter, nimm uns wieder auf! Wir wollen in dich zurückkehren!«

Das vorher noch ruhige Wasser der Sargassosee kochte, wallte und sprudelte. Ein Dunstschleier trübte die Sicht nach allen Seiten. Es herrschten keine normalen Verhältnisse mehr.

»Malkuth!«, riefen die Janusköpfe. »Mal – kuth!«

Unsichtbare Wirbel packten sie, schüttelten sie durch. Sie wurden emporgehoben, auf das schwarze Loch zugerissen. Da raste ein weiß und grünlich glühender Komet über den Himmel, einen langen Schweif hinter sich herziehend. Er stoppte am Rand der magischen Sphäre. In den Flammen, die den Kometen umspielten, manifestierte sich ein Gesicht. Die Fratze Luguris, des Herrn der Schwarzen Familie. Lang und bleich war das Gesicht, mit glotzenden Froschaugen, einer scharfrückigen Nase, einem Mund wie eine Messernarbe, mit einem einzigen langen Zahn darin. Ein Gesicht von satanischer Bosheit, jetzt voller Triumph.

»Janusgezücht!«, donnerte eine Stimme. »Habe ich euch endlich gefasst. Jetzt sollt ihr die geballte Macht zu spüren bekommen!«

Die Aufwärtsbewegung der Janusköpfe hörte auf. Flammenzungen rasten von dem Kometen auf die magische Sphäre zu, griffen sie an und vermengten sie. Die fünf Janusköpfe schrien vor Überraschung und Schreck auf. Ihre Gesichter spiegelten Panik wider. Der Komet umkreiste die Sphäre spiralförmig, gewann mehr und mehr an Geschwindigkeit, immer wieder Protuberanzen schleudernd. Gleich würde der Komet, in den sich der Erzdämon verwandelt hatte, mit alles vernichtender Wucht in die magische Sphäre einschlagen.

Da geschah etwas Unerwartetes. Für alle Seiten unerwartet. Ein grässlicher Schrei gellte, furchtbare Laute, wie sie noch nie auf der Erde gehört worden waren.

»Kriiähhhh! Krchchch! Krrrrr!«

Ein riesenhaftes Monster purzelte aus dem schwarzen Loch, eine Bestie, die jeden Urzeitsaurier beschämt hätte. Selbst Tyrannosaurus Rex hätte sich vor ihr verstecken müssen. Das Monster hatte riesige Flügel, einen weißen Bauch und einen gedrungenen, hornigen Körper. Die Schnauze war hornig, glich aber dennoch der eines Hundes. Zähne von der Länge eines ausgewachsenen Mannes bleckten darin. Das Ungeheuer hatte vier Beine mit langen Krallen und einen dreizackigen Schwanz. Es schrie protestierend, als es aus der vertrauten Umgebung in eine ihm völlig fremde Welt gerissen wurde. Die Dimensionsüberlappung, die Verbindung mit einer anderen Welt, hatte es entführt.

Der Luguri-Komet hielt inne. Die fünf Janusköpfe vergaßen ihre Angst über das Auftauchen des Erzdämons und starrten das Drachenmonster an. Der eisigkalte Luftstrom hörte auf; sein Heulen verstummte. Das schwarze Loch verschwand, Wolken zogen wieder über die Stelle. Das Wasser des Sargassomeers beruhigte sich.

Das Drachenmonster bewegte seine blaugrünen Flügel und schwebte auf der Stelle in der Luft. Es blinzelte mit seinen glühenden Augen, schaute sich um, witterte und schnupperte. Es orientierte sich in seiner neuen Umgebung. Zuerst fiel ihm der glühende Komet auf.

»Kriiääähhh?«, machte es. Es klang fragend. Es grabschte mit einer krallenbewehrten Pfote nach dem Kometen und hieb voll hinein. Luguri schrie auf. Sein magischer Schutz nützte ihm nicht viel. Das Monster war völlig fremdartig, es sprach nicht auf die Magie an, die Luguri derzeit anwandte. Auch die Hitze, die der Komet abstrahlte, schien es nicht sonderlich zu stören. Luguri, aus seiner Bahn gebracht, wäre fast ins Wasser gestürzt. Er war aus dem Konzept gebracht. Die fünf Janusköpfe nutzten die günstige Gelegenheit und verflüchtigten sich. Von einem Moment zum andern verschwanden sie, ihre magische Sphäre brach zusammen.

Der als weißer und giftgrüner Komet auftretende Luguri schrie voller Wut, denn jetzt würde es ihm wieder sehr viel Mühe bereiten, die Janusköpfe auf der ganzen Welt zu suchen und aufzutreiben. Er fauchte vor Zorn. Das Drachenmonster grabschte nochmals nach ihm. Eine dolchartige Zunge, dreimal so lang wie der Körper des Ungeheuers, schoss aus der Schnauze. Sie traf den Kometen, verwundete Luguri, wenn auch nicht tödlich. Die mit Widerhaken versehene Zunge blieb im Kometen stecken. Luguri wurde zu dem Monster hingezogen. Er sträubte sich mit allen seinen Kräften, die nicht gering waren, doch das Ungeheuer aus einer anderen Welt war stärker. Meter um Meter musste Luguri nachgeben. Er schickte Protuberanzen gegen das Monster, bombardierte es mit rot glühenden Brocken. Es heulte auf, doch es ließ nicht nach. Die rechte Kralle raste auf Luguri zu. Der Erzdämon wartete nicht, bis sie traf. Er hatte es nicht auf das Monster abgesehen. Sollte er sich selbst etwas beweisen und mit ihm kämpfen? Luguri war Jahrtausende alt, über derlei Dinge war er hinaus, zumal es keine Zeugen gab und sein Ruf nicht auf dem Spiel stand. Der Komet wurde durchsichtig, sein langer Schweif erlosch. Die Pranke des Monsters fand keinen Widerstand mehr. Luguri war verschwunden. Das Monster wunderte sich, flatterte und glotzte umher. Aber es war nicht sehr intelligent, bald hatte es andere Interessen. Es vergaß den Zwischenfall. Gemächlich flog es in südlicher Richtung davon, auf die Bahamainseln zu, um seinen neuen Lebensraum zu inspizieren. Der Monsterdrache konnte in der irdischen Atmosphäre leben, obwohl seine Lungen eigentlich ein anderes Gasgemisch gewöhnt waren. Als er die Schnauze ins Salzwasser steckte und davon trank, merkte er, dass es nicht giftig war. Aber es schmeckte einfach scheußlich. Der Monsterdrache wollte Land finden, und hoffentlich Nahrung.

Dorian Hunter saß am Strand auf einem Felsen und schaute zu der fernen grünen Insel hinüber. Sie war zehn bis zwölf Kilometer weit entfernt. Normalerweise hätte der Dämonenkiller diese Strecke schwimmend bewältigen können. Aber er sah die Haifischflossen im Wasser. Die Mörder der Meere hätten ihn zerrissen. Dorians Lage und die seiner Gefährten war schlecht, sie waren auf ihrer Insel gefangen. Auf einer von dreihundertsechzig, abseits von den Schifffahrts- und Fluglinien.

Dorians Gesicht brannte und juckte. Er spürte, wie die Wucherungen wuchsen, die ihm, sobald sie voll entwickelt waren, wieder abfaulen würden. Der Gestank der Verwesung war um Dorian Hunter. Er war zu einem Ausgestoßenen und Verzweifelten geworden, der sein Gesicht mit einer schwarzen Kapuze verhüllen musste.

Coco Zamis, seine Lebensgefährtin, und sein drei Jahre und sieben Monate alter Sohn Martin waren bei dem Dämonenkiller. Und ein seltsames Mädchen namens Tina Bauer, acht Jahre alt, aus dem Dorian nicht klug wurde. Tina Bauer hatte behauptet, ihre Eltern bei einem Schiffbruch verloren zu haben. Aber für ein Kind, dessen Eltern gerade erst den Tod gefunden hatten, benahm sie sich erstaunlich gefasst. Außerdem hatte sie eine schwache magische Ausstrahlung, die aber auch von dem Kontakt mit einem starken Dämon herrühren konnte. Dorian hatte genug eigene Sorgen, um sich viel über Tina Bauer den Kopf zu zerbrechen. Er wollte nach Castillo Basajaun in Andorra, und zwar dringend. Aber auf der Insel gab es kein Magnetfeld mehr. Auch kein Wasser und keine Nahrung. Es war nicht einmal Holz da, um ein Boot bauen zu können. Dorian, Coco, Martin und Tina mussten darauf hoffen, von einem zufällig vorbeifahrenden Schiff oder einem Flugzeug gesichtet zu werden. Wenn das ausblieb, hatten sie nur die Wahl, entweder zu verdursten oder von den Haien gefressen zu werden. Dorian hingen die Kleider in Fetzen herunter. Er war von den Strapazen gezeichnet. Mit einer müden Bewegung zog er den Kommandostab aus der Tasche und sprach in die Öffnung am verdeckten Ende. Er glaubte nicht, dass er mit Unga Verbindung aufnehmen konnte, der gleichfalls mit einem Kommandostab ausgerüstet war. Zu oft schon, seit sie auf der Insel festsaßen, hatte Dorian es versucht. Unga war ganz einfach zu weit weg.

»Hier Dorian«, sagte der Dämonenkiller. »Unga, hörst du mich?«

Er war auf das Äußerste überrascht, als er Antwort erhielt.

»Ja, hier ist Unga. Warte einen Moment, Dorian, ich melde mich gleich wieder. Geht es um Sekunden?«

»Nein.«

Die Verbindung brach ab. Dorian schöpfte neue Hoffnung. Es war, als strömte ihm frische Kraft zu. Der Dämonenkiller hatte schon viele Leben gehabt, seit er als Baron Nicolas de Conde 1484 mit Asmodi I. einen Unsterblichkeitspakt geschlossen hatte. Dorian hatte sich schon oft in den extremsten Situationen befunden und den Mut nie sinken lassen. Er rief nach Coco. Sie saß zwanzig Meter entfernt mit Martin und Tina im Schatten einer verdorrten Palme. Sie hatte, wie Dorian, seit über vierundzwanzig Stunden nichts gegessen und getrunken. Genauso wie bei Dorian war ihre Bekleidung abgerissen. Ihr Gesicht hatte ein paar Kratzer von Dornen. Sie hob den Kopf. Dorian stand auf und fuchtelte mit den Armen.

»Komm her, Coco, komm schnell her!«, rief er. »Ich habe Verbindung mit Unga aufnehmen können.«

Coco sprang hoch. Ihr wurde schwindelig. Die glühende Junisonne in Äquatornähe, der Mangel an Nahrung und Wasser und die hinter ihr liegenden Strapazen, das war einfach zu viel für sie. Sie ging zu Dorian. Tina blieb unter der verdorrten Palme sitzen, den blonden Kopf in die Hände gestützt. Martin folgte Coco.

»Mama«, greinte er mit weinerlicher Stimme. »Ich habe solchen Durst. Warum gibst du mir nichts zu trinken? Ich will etwas trinken. Du bist böse.«

Um Cocos Mund zuckte es. Martin war einfach unausstehlich. Er quengelte schon den ganzen Morgen und nervte sie in einem fort. Coco wusste, dass er unter der Hitze und den Entbehrungen litt, dass er das alles nicht verstand und ihr und Dorian die Schuld anlastete, weil sie ihn hierher gebracht hatten. Doch Cocos Nerven waren auch nicht mehr die besten.

»Jetzt sei aber ruhig!«, sagte sie heftig. »Ich habe auch nichts zu trinken und jammere nicht ständig.«

Martin fing an zu weinen. Sofort tat es Coco leid, dass sie ihn so angefahren hatte. Sie hob ihn auf und tröstete ihn.

»So ein großer Junge! Wer wird denn so weinen? Bald kriegst du zu essen und zu trinken. Papa ruft Onkel Unga herbei. Du kannst gleich mit ihm sprechen.«

Martin vergaß seinen Kummer.

»Unga?«

Er hatte den Cro-Magnon in New York kennen gelernt, während des magielosen Zustandes dort, und war von ihm fasziniert. Seinem Vater stand Martin mit sehr zwiespältigen Gefühlen gegenüber. Er hatte ein paarmal das Stigma des Dämons Srasham in seinem Gesicht gesehen und fürchtete sich vor Dorian. Er fühlte sich zu ihm hingezogen und zugleich abgestoßen. Mit feinem Instinkt spürte Martin jetzt, dass mit Dorian etwas nicht in Ordnung war. Er hatte noch nie unter die Kapuze geblickt, diesen Schock hätte er nicht ertragen. Der üble Geruch, der seinen Vater umgab, dessen Benehmen und das Cocos ließen Martin Furchtbares ahnen.

Dorian hatte sich erhoben. Die Sonne stand tief, er warf einen langen Schatten, der bis an die Wasserlinie reichte. Es war Ebbe. Tang und einige Seesterne lagen auf dem feuchten Sand, den das zurückweichende Wasser freigegeben hatte. Ungas Stimme tönte aus dem Kommandostab, den Dorian in der rechten Hand hielt. Schönere Töne hatten Dorian und Coco noch nie vernommen.

»Okay«, sagte der Cro-Magnon. »Ich habe einen stillen Winkel gefunden. Vorhin war ich in der Cocktail Lounge des Hamilton Airports. Da konnte ich nicht ungestört sprechen.«

»Du bist auf den Bahamas?«, fragte Dorian freudig überrascht. Die Verbindung war so klar und deutlich wie ein Ortsgespräch per Telefon. »Das ist ausgezeichnet.«

»Abi Flindt ist bei mir. Wir haben auf Castillo Basajaun eure Nachricht erhalten, Dorian. Als ihr dann nicht kamt, machten wir uns Sorgen, zumal wir Jeff Parker in Nassau, der Hauptstadt der Bahamainseln, telefonisch erreichen konnten. Er sagte, er hätte Coco, dich und Martin auf einer kleinen Insel abgesetzt. Ihr hättet per Magnetfeld nach Castillo Basajaun reisen wollen. Jeff macht sich Sorgen wegen euch, weil ihr schon einen Tag überfällig seid.«

»Dazu hat er auch allen Grund«, sagte Dorian.

Er schilderte kurz, was geschehen war. Ein Magnetsprung hatte sie auf diese Insel gebracht. Dämonische Kräfte hatten die magische Reise manipuliert und Dorian, Coco und Martin in eine Falle gelockt. Auf der Insel der schwarzen Riesenaffen hatten sie Tina Bauer gefunden. Die Insel war von einem Dämon bewohnt worden, der sich Hermann Lebius genannt hatte. Er hatte Tier- und Pflanzenexperimente durchgeführt und sich einen Ort des Schreckens gezüchtet. Dorian und Tina und später auch Martin waren in seine Gewalt geraten. Coco hatte den Dämon Lebius mit dem Kommandostab des Dämonenkillers erstochen. Nach seinem Tod war alles von ihm abhängige Leben auf der Insel gestorben. Die Affen, die Schlangen und die übrigen Tiere waren eingegangen, die Fauna der Insel abgestorben, sogar die Quellen waren versiegt. Selbst Lebius' Haus war einige Minuten nach seinem Tod mit allem Inventar durch ein Feuer zerstört worden. Die Feuersbrunst war in Windeseile auf die umliegenden Bäume übergesprungen und hatte so die restliche Fauna verbrannt. Die abgestorbenen Pflanzen und Tiere waren entweder zu Staub zerfallen oder so verdorrt und mumifiziert, dass eine feste Berührung sie zerbröckeln ließ. Die Insel war ein Eiland des Todes, eine Hölle für die beiden Erwachsenen wie die Kinder.

Unga hatte interessiert zugehört, was Dorian ihm erzählte.

»Du musst uns schleunigst von hier wegholen«, beendete Dorian seinen Bericht. »Es gibt kein Magnetfeld mehr auf der Insel. Wir haben kein Wasser und nichts zu essen.«

»Klar hole ich euch«, antwortete Unga. »Aber dazu muss ich erst einmal wissen, wo ihr seid.«

Dorian seufzte. Die Position der Insel kannte er selbst nicht. Er wusste nicht, wohin ihn der letzte Magnetsprung geführt hatte. Er wollte sich am Kopf kratzen, konnte es aber nicht wegen der Kapuze.

»Weiter als hundert Kilometer können wir nicht von Nassau entfernt sein«, sagte er. »Heute Nacht will ich anhand der Sternbilder unsere Position bestimmen, so gut es geht. Es ist schade, dass ich keinen Sextanten und keinen Kompass habe. Aber wenn ich dir die Richtung und das ungefähre Gebiet angebe, Unga, wirst du die Insel leicht finden können. Alle Vegetation ist abgestorben. Eine dicke Asche und Staubschicht bedeckt sie. Wir halten uns am Strand auf, denn im Innern der Insel ist es wegen des Staubes, der bei jedem Schritt aufgewirbelt wird, unerträglich.«

Unga überlegte kurz und meldete sich gleich wieder.

»Da die Insel keine Landebahn hat, werde ich ein Wasserflugzeug chartern. Ich verständige Jeff Parker. Vielleicht wird er mit der Jacht zu dieser Insel auslaufen. Ich melde mich um dreiundzwanzig Uhr wieder.«

»Besser um Mitternacht. Ich brauche einige Zeit, um die ungefähre Position zu errechnen.«

Unga fragte noch, wie es Dorians Gesicht ginge. Jeff Parker hatte ihn informiert. Dorian antwortete ausweichend, denn Martin hörte alles mit. Unter der schwarzen Kapuze, die das Gesicht des Dämonenkillers verhüllte, war es erdrückend heiß. Zusammen mit dem Gestank war das Atmen fast unerträglich. Manchmal glaubte Dorian, wahnsinnig werden zu müssen. Martin wollte noch mit Unga sprechen.

»Onkel Unga!«, rief er auf Deutsch, das er als seine Muttersprache redete. »Komm bald zu uns. Ich habe so schrecklichen Durst, und Mama und Papa geben mir nichts zu trinken.«

»Wo nichts ist, da gibt es nichts«, antwortete Unga, gleichfalls auf Deutsch. »Du musst tapfer sein, Martin, und den Durst aushalten. Ich hole euch bald ab. Dann kriegst du Erdbeermilch, so viel du willst, und Eis und alles, was du haben magst.«

»Ehrenwort, Onkel Unga?«

»Ehrenwort.«

Martin wollte noch etwas sagen. Aber plötzlich war die Verbindung unterbrochen. Dorian schüttelte den Kommandostab, horchte hinein. Nichts regte sich mehr. Neue Sorgen überfielen den Dämonenkiller. Machten sich etwa wieder dämonische Kräfte bemerkbar, drohten neue Gefahren und Komplikationen? Dorians Bedarf war mehr als gedeckt. Mit seinem Gesicht hatte er sein gerütteltes Teil weg. Er hatte auch nicht in Englisch oder Französisch mit Unga über sein Gesicht sprechen wollen, weil Martin sehr aufgeweckt war und schon den geistigen Stand eines Zehnjährigen hatte. Außerdem hatte er Dorians Sprachtalent geerbt. Er verstand eine Menge in Englisch und Französisch und sogar in anderen Sprachen, wenn er auch nur ein paar Worte darin radebrechen konnte. Dorian Hunter schaute auf seine Armbanduhr. Er war sechzehn Uhr dreißig. Bis die Sterne zu erkennen waren, würde es noch einige Zeit dauern. Bis dahin blieb nichts zu tun übrig, als zu warten und zu grübeln, die bittere Verzweiflung und die Qualen des entstellten, wuchernden Gesichts zu ertragen. Dorian hätte gern eine Zigarette geraucht. Ein Päckchen Players hatte er noch. Aber er verkniff es sich, solange es hell war und Martin sich in der Nähe befand. Martin, den Coco auf den Boden gestellt hatte, schaute an Dorian hoch und schnupperte.

»Du stinkst«, stellte er fest. »Ich kann es kaum aushalten. Wird das immer so bleiben, Papa?«

Was hätte Dorian sagen oder tun sollen? Sein Gesicht verbreitete tatsächlich einen scheußlichen Geruch. Es war keine Frechheit von Martin, das zu erwähnen. Der Dämonenkiller versuchte, ruhig zu antworten.

»Ich bin krank«, sagte er. »Es gibt Krankheiten, bei denen ein Mensch übel riecht. Aber diese Krankheit wird vorübergehen, Martin.«

Hoffentlich, dachte Dorian. Auf Castillo Basajaun hätte er versuchen können, sich mit allen möglichen Mitteln auszukurieren. Oder mit Olivaro Verbindung aufzunehmen, damit der ihm half. Auf der abgeschiedenen Insel konnten Dorian und Coco nichts ausrichten. Sie hatten schon alles Mögliche probiert, um die magische Krankheit auszuheilen, die schlimmer war als Lepra und Pest.

»Warum trägst du die Kapuze?«, fragte Martin.

Dorian kam sich vor wie beim Verhör.

»Die Sonnenstrahlen begünstigen die Krankheit«, sagte er. »Ich muss mich vor ihnen schützen.«

»Dein Körper besteht aber nicht nur aus dem Kopf. Der Rest ist der Sonne ausgesetzt.«

»Außer meinem Kopf ist aber nichts krank«, sagte Dorian.

Es kam ihm vor, als durchschaute Martin ihn ganz genau. Coco legte dem Dämonenkiller die Hand auf die Schulter.

»Mut, Rian«, sagte sie. »Es wird schon wieder werden.«

Dorian nickte, und Coco ging mit Martin zu der abgestorbenen Palme zurück. Martin drehte sich noch einmal nach seinem Vater um, der allein am Strand in der heißen Sonne zurückblieb. Dorian hoffte, dass die von den Sonnenstrahlen erzeugte Hitze unter seiner Kapuze einen günstigen Effekt auf die magische Pest haben würde, wie er die Krankheit nannte. Er sah den Gesichtsausdruck seines Sohnes, sah seine Augen. Resignierend kehrte der Dämonenkiller Martin den Rücken zu und setzte sich wieder auf den flachen Felsen am Strand. Früher hatte Martin sich wegen des Stigmas in Dorians Gesicht vor ihm gefürchtet. Jetzt ekelte er sich vor seinem Vater. Dabei hatte er Dorians entstelltes Gesicht noch nicht einmal gesehen.

Rebecca schaute in die fußballgroße Kugel, die neben Baphomets Bett auf einem kleinen Tisch stand. In ihrem Innern hatte sie die Szene verfolgt. Durch Martins Abhängigkeit von Baphomet konnte Rebecca alles mitbekommen, was sich auf jener Insel abspielte, wohin sie Dorian, Coco und Martin dirigiert hatte. Es war nicht einfach gewesen, die magische Reise zu beeinflussen, aber seit sie Baphomets Blut getrunken hatte, war es mit ihren magischen Fähigkeiten gewaltig bergauf gegangen. Sie befand sich immer noch in ihrem Haus in Albany. Rebecca beobachtete die Kristallkugel mit glühenden Augen. Die Dämonin war groß und schlank. Sie trug ein schwarzes Kleid, das ihre schönen weiblichen Formen hervorragend zur Geltung brachte. Das Schönste an ihr war aber das lange schwarze Haar, das ihr bis über die Schultern herabfiel, eine seidig glänzende Flut. Rebecca trug es in der Mitte gescheitelt.

»Mein Plan ist fehlgeschlagen«, sagte sie. »Coco Zamis hat Hermann Lebius getötet. Jetzt endlich habe ich wieder Kontakt zu der Insel. Ich muss andere Dämonen hinschicken, damit sie meinen neuen Plan ausführen. Der Dämonenkiller sitzt fest. Recht geschieht es ihm, dass die Janusmagie seine Fratze entstellt hat.«

Rebecca hatte einen Plan ersonnen, bei dem der Erzdämon nicht erkennen konnte, dass sie dahinter steckte. Der Erzdämon hatte sich irgendwohin zurückgezogen und ließ nichts von sich hören. Seit Rebecca Baphomets Blut getrunken hatte, dachte sie anders als früher. Ihre Fähigkeiten waren gewachsen, und mit ihnen auch der Ehrgeiz.

Rebecca strebte nach einem hohen Rang in der Schwarzen Familie, vielleicht sogar nach dem allerhöchsten, dem des Fürsten der Finsternis – des Herrschers oder in ihrem Fall der Herrscherin der Dämonen. Ihr Ehrgeiz galt nicht nur ihrer Person, sondern auch allen ihren Artgenossen, den Vampiren. Sie war der Meinung, dass die Vampire dazu prädestiniert seien, die Oberschicht der Schwarzen Familie zu bilden und die Machtpositionen zu besetzen.

Allzu lange hatten sie sich von allen möglichen magisch begabten Dämonen in den Hintergrund drängen lassen. Dabei hatten sie markante Persönlichkeiten hervorgebracht, so den illustren Grafen Dracula, der einer bedeutenden böhmischen Linie entsprossen und ein direkter Nachkomme des berüchtigten Vlad des Pfählers gewesen war.

Dieser Herrscher, eine historische Figur, hatte Gräuel um Gräuel begangen und im späten Mittelalter ganz Böhmen und Mähren in eine Leichengrube verwandelt. Er war ein Dämon gewesen. Als er jedes Maß verloren und den Fürsten der Finsternis zum Duell herausgefordert hatte, war er von diesem entmachtet und getötet worden.

Sein Nachkomme Dracula hatte in dem Schriftsteller Bram Stoker einen Biografen seiner Tage und seines Endes gefunden, der ihm unsterblichen Ruhm gesichert hatte.

Rebecca wollte ein paar Vampire aus Schottland zur Lebius-Insel schicken. Diese schottischen Vampire kannte sie schon lange, auf sie konnte sie sich verlassen.

Gerade wollte Rebecca die Vision in der Kristallkugel erlöschen lassen, um mit dem schottischen McMurgstroyd-Clan Verbindung aufzunehmen, da erlosch das Bild in der Kugel und mit diesem der silbrige Schimmer. Rebecca war überrascht und beunruhigt. Sie überlegte, ob es an Baphomet lag, aber dieser schlief ruhig in seinem Bett.

Sie versuchte, die magische Verbindung wieder herzustellen. Doch es gelang ihr nicht. Nach zehn Minuten war die Dämonin ernsthaft besorgt. Sie entschloss sich zu einem gewagten Experiment. Sie wollte Baphomet aus seinem Tiefschlaf wecken. Der Kinddämon konnte ihr nicht mehr gefährlich werden. Zu oft schon hatte sie von seinem Blut getrunken, und er war ihr Sklave geworden.

Rebecca trat an sein Bett, berührte seinen Arm.

»Baphomet«, sagte sie. »Hörst du mich?«

Eine Kraft ging von ihr aus, ließ den Kinddämon die Augen aufschlagen. Es waren nicht die Kinderaugen, die Baphomet früher gezeigt hatte. Uralt waren sie und böse. Es waren die Augen des Dämonenanwalts Skarabäus Toth, dessen Reinkarnation der Kinddämon war.

»Was willst du?«, flüsterte Baphomet.

»Du musst Verbindung mit deinem Freund Martin aufnehmen, mit dem Sohn des Dämonenkillers und meiner früheren Freundin Coco Zamis. Du musst es jetzt tun, Baphomet. Streng dich an.«

Baphomet schloss die Augen, sein Gesicht verkrampfte sich. Es dauerte eine Weile, bis Baphomet sich wieder entspannte und Rebecca anschaute.

»Es geht … nicht«, sagte er so leise, dass Rebecca ihn kaum verstehen konnte. »Da ist etwas, was meine Magie unwirksam werden lässt. Ich fühle mich schwach, so schwach …«

Er schlief wieder ein. Rebecca überlegte. Im Bermuda-Dreieck ging irgendetwas vor. Anscheinend machte sich dort jener Effekt bemerkbar, der schon Sizilien und New York heimgesucht hatte. In Sizilien hatten die Mafiosi unter Dottore Fortunatio Scissia die magielose Zeit ausgenutzt und eine Nacht der spitzen Pflöcke veranstaltet, der viele Dämonen zum Opfer gefallen waren. Ein Dämonenmassaker auf der ganzen Insel war es gewesen.

In New York hatte ein regelrechtes Chaos geherrscht, das die Menschen wegen einer unerklärlichen Zeitverschiebung nicht zur Kenntnis genommen hatten. Oder das aus ihrer Erinnerung getilgt worden war.

Rebecca dachte sich, dass es besser war, zuerst einmal abzuwarten. Die McMurgstroyds konnten später noch zur Lebius-Insel entsandt werden. Rebecca spielte mit ihrer silbernen Brosche, die Tierkreiszeichen und einen kleinen magischen Kreis zeigte.

Die Brosche war ihr einziges Schmuckstück. Rebecca würde warten und lauern. Aufgeschoben war nicht aufgehoben.

Harro Becker und Frank Mayard wollten die Welt umsegeln, auf den Spuren des Engländers Francis Chicester, der für seine Leistung von der Queen Elizabeth geadelt worden war. Mitte Mai waren sie in Hamburg gestartet. Knapp dreißig Tage hatten sie mit ihrem 470er Segelboot gebraucht, um bis zu den Bahamas zu gelangen.

Sie hatten vor vierzehn Tagen einen Sturm überstanden, seither keine Schwierigkeiten mehr gehabt und waren guter Dinge. Die Kunststoffjolle mit den zwölfeinhalb Quadratmetern Segelfläche hatte sich gut bewährt.

Der Optimismus der beiden jungen Leute war ungebremst. Harro Becker, ein sechsundzwanzigjähriger Seebär mit krausem schwarzem Vollbart, hatte gerade vor Beginn der Weltumsegelung sein Diplom als Schiffsbauingenieur erhalten. Frank Mayard war zwei Jahre älter, blond, wirkte sensibel und hatte einen Hamburger Senator zum Vater. Er arbeitete in der väterlichen Import- und Exportfirma, einem großen Unternehmen.

Harro Becker und Frank Mayard waren beide Abenteurernaturen, die aber auch zu rechnen verstanden. Ihren Ruhm als Weltumsegler wollten sie in klingende Münze verwandeln. Es gab viele Firmen, die prominente Werbeträger suchten.

Die Weltumsegelung war von einigen Sponsoren finanziert worden, darunter eine Hamburger Illustrierte, für die Harro und Frank eine Exclusivreportage schreiben sollten. Auf den Bahamas wollten die beiden Seefahrer drei Tage Station machen, dann die Karibik hinunter segeln und den Panamakanal kreuzen, hinüber in den Pazifik.

Der Wind pfiff, und die Jolle rauschte durch das Wasser. Die Wanten knarrten. Harro und Frank hatten das Ruder festgezurrt und saßen gemütlich im Schott. Segelmanöver waren bei diesem stetigen Südwestwind nicht erforderlich.

Die beiden hatten gerade ihre Büchsenmahlzeit verzehrt. Jetzt tranken sie eine Flasche Bier. Harro hatte sich eine Zigarette in den schwarzen Bart gesteckt.

»Wenn wir Glück haben und es keine Zwischenfälle gibt, schaffen wir es innerhalb von vier Monaten«, sagte er optimistisch.

»Wenn ich zurück bin, Mann, dann werde ich erst mal ganz Hamburg auf den Kopf stellen. Dann ist keine Deern vor mir sicher. Was glaubst du, wie ich nach fünf Monaten in der frischen Seeluft aufgebaut bin?«

»Hoffentlich geht das Boot bis dahin von deiner Potenz nicht unter«, sagte Frank trocken.

Er hob die Bierflasche. Dabei schaute er automatisch zum Himmel hinauf. Er kniff die Augen zusammen.

»Schau mal, Harro, da kommt eine Wolke.«

Harro Becker gähnte.

»Na und. Soll ich ihr einen Passierschein schreiben?«

Frank ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

»Könnte ja Sturm bedeuten. In diesen Breiten kann sich ein Tornado mit einer ganz kleinen Wolke ankündigen. Eine Stunde später ist dann der gesamte Himmel schwarz.«

»Du bist ein richtiger Bold, ein witziger. Du verstehst es, einem Laune zu machen. Wenn uns so kurz vor unserem ersten Etappenziel noch ein Tornado erwischt, das wäre ein Ding. Du alter Pessimist siehst aber auch immer gleich schwarz.«

»Wäre sonst ja kein Pessimist, nöch?« Die beiden Freunde, völlig unterschiedliche Temperamente, verstanden sich prächtig. Der ruhige Frank regte sich grundsätzlich nie auf, während der temperamentvollere Harro manchmal schon bei geringen Anlässen in die Luft ging. »Die Wolke zieht näher«, bemerkte Frank.

Harro schaute auf das am Mast befestigte Barometer.

»Das Barometer fällt aber nicht. Merkwürdige Sache, diese Wolke nähert sich verdammt schnell.«

Die beiden jungen Männer beobachteten die Wolke. Der gleitende Himmel ließ sie die Konturen nicht genau erkennen, solange die ›Wolke‹ noch weiter entfernt war. Aber bald schälten sich Umrisse heraus. Ein unheimliches Gefühl beschlich die beiden.

»Verdammt noch mal«, sagte Harro. »Da soll mich doch gleich mal der Klabautermann am Klüver packen und dreimal kielholen. Die Wolke bewegt sich. Das muss ein Vogelschwarm sein.«

Frank schüttelte den Kopf.

»Der ist nicht so kompakt.«

Die Wolke raste plötzlich näher. Harro Becker und Frank Mayard schrien auf vor Schreck. Über ihnen flog ein Ungeheuer, größer noch als ein Jumbo-Jet. Ein riesiges Biest mit blaugrünen Drachenflügeln, einer hornigen Hundeschnauze und mannslangen Zähnen.

Der Schwanz war dreizackig, die vier Beine endeten in langen Klauen.

»Kriiiäh!«, schrie das Monster. »Kriiiääähh!«

»Mich trifft der Schlag!«, behauptete Harro. »Sag mal, Frank, siehst du, was ich sehe? Von einer Flasche Bier kann man doch nicht betrunken sein.«

»Ich sehe ein Ungeheuer, eine Art Drachen«, sagte Frank, den nicht einmal das aufregen konnte. »Er schwebt genau über uns. Ich glaube, der will was von uns.«

Harro wurde bleich um die Nase. Die Jolle war gerade 4,70 m lang und 1,68 m breit. Eine Nussschale für dieses Riesenungeheuer.

»F-F-Frank, gla-gla-glaubst du, der frisst uns auf?«

»Weiß nicht«, sagte Frank seelenruhig. »Werden wir nachher schon merken, nöch?«

Harro schüttelte ihn an der Schulter. »Mann Gottes, wie kannst du nur so ruhig sein! Da fliegt ein Ungeheuer über uns, ein Monsterdrache. Wir sind in Lebensgefahr, Frank.«

»Glaubst du, wenn ich schreie und herumtanze, ändert das was?«

Harro knallte sich die flache Hand an die Stirn. Da zischte es aus dem Rachen des Ungeheuers, das niedrig flog und den Himmel verdunkelte. Die Zunge, etwas mehr als einen Meter breit und für die Maße des Ungeheuers fadendünn, war es. Sie verfehlte das kleine Boot knapp und peitschte drei Meter daneben ins Wasser, wurde wieder eingezogen.

Das Monster griff mit seiner rechten Vorderpranke zu, fischte das Segelboot mit den zwei entsetzten Männern, die sich festhalten mussten, aus dem Wasser. Aus nächster Nähe starrten sie ins Gesicht und in die glühenden Augen des Monsterdrachen.

Seine Ohren waren spitz, der Schädel hundeartig. Der Rachen klappte auf, groß genug, dass ein Zug hätte einfahren können. Das Monster schnappte gegen den Bootsboden, und Harro und Frank flogen wie zwei Krümel in sein Maul. Jetzt schrie auch Frank Mayard vor Entsetzen.

»Hilfe, Hil…«

Das Maul klappte zu. Frank und Harro fanden sich hinten an der Wurzel der spiralförmig aufgerollten Zunge wieder. Es war finster im Rachen des Untiers, und es stank. Bevor Harro oder Frank etwas sagen oder tun konnten, setzten heftige Schluckbewegungen ein. Muskelkontraktionen beförderten die beiden in den Schlund und die finstere Röhre hinunter. Sie stießen ein paarmal gegen glitschige Wände, die keinen Halt boten.

Sie fanden sich in einem stinkenden nachtschwarzen Tümpel wieder, in dem allerlei Zeugs herumtrieb. Phosphoreszierende Gase schufen eine düstere Beleuchtung. Manchmal blubberten Blasen in der Brühe auf. Dann wieder gab es einen Strudel in der Mitte.

»Wo sind wir hier, Frank?«, stöhnte Harro.

»Das scheint mir ein Vormagen zu sein«, sagte Frank. »Das Zeug, in dem wir schwimmen, ist wohl eine Verdauungsbrühe.«

»Frank«, sagte Harro kläglich, »wir sind am Ende. Erst hat er uns gefressen, jetzt verdaut er uns. So einen Tod habe ich mir nicht gewünscht, da wäre ich lieber ersoffen.«

»Ich auch.«

Wieder gab es einen Strudel. Frank und Harro wären fast hineingerissen worden. Ein dunkler Klumpen trieb auf sie zu, sie stießen dagegen. Geräusche dröhnten, Gluckern und Gurgeln. Der dunkle Klumpen erwies sich als ein Rettungsboot. Es trieb kieloben, aber Harro und Frank drehten es schnell um und kletterten hinein.

Ihre Kleider rochen nicht einmal besonders unangenehm. Der Geruch erinnerte stark an frische Mandelkleie.

»Die Brise scheint uns nichts anzuhaben«, sagte Frank. »Aber wenn uns der Strudel holt, dann gute Nacht.«

Der Strudel holte sie nicht. Die Brühe fing an zu schwappen und Wellen zu schlagen. Neue Geräusche ertönten. Rauschen, Brausen, krampfhaftes Husten, Erschütterungen. Die phosphoreszierenden Gase

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