Erfreu Dich an Millionen von E-Books, Hörbüchern, Magazinen und mehr

Nur $11.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Dorian Hunter 28 - Im Vorhof der Hölle

Dorian Hunter 28 - Im Vorhof der Hölle

Vorschau lesen

Dorian Hunter 28 - Im Vorhof der Hölle

Länge:
482 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
1. Jan. 2013
ISBN:
9783955720285
Format:
Buch

Beschreibung

Während Dorian Hunter, Coco Zamis und der abtrünnige Dämon Olivaro sich gegen lebensgefährliche Feinde auf der Januswelt Malkuth erwehren müssen, gerät auf der Erde ein kleines Mädchen namens Rosemarie unter den Einfluss finsterer Mächte. Das Kind entwickelt sich zu einem wahren Satan. Ihre eigene Mutter und deren Lebensgefährte sind verzweifelt, wissen sie doch nicht, dass ein Psycho von Malkuth den Platz des Mädchens eingenommen hat ...

Der 28. Band der legendären Serie um den "Dämonenkiller" Dorian Hunter. - "Okkultismus, Historie und B-Movie-Charme - ›Dorian Hunter‹ und sein Spin-Off ›Das Haus Zamis‹ vermischen all das so schamlos ambitioniert wie kein anderer Vertreter deutschsprachiger pulp fiction." Kai Meyer

enthält die Romane:
129: "Rosmaeries Albträume"
130: "Der Sohn der Ratte"
131: "Im Vorhof der Hölle"
132: "Der Wahnsinnige"
Herausgeber:
Freigegeben:
1. Jan. 2013
ISBN:
9783955720285
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Dorian Hunter 28 - Im Vorhof der Hölle

Titel in dieser Serie (40)

Mehr lesen von Ernst Vlcek

Buchvorschau

Dorian Hunter 28 - Im Vorhof der Hölle - Ernst Vlcek

Im Vorhof der Hölle

Band 28

Im Vorhof der Hölle

von Ernst Vlcek, Neal Davenport und Earl Warren

© Zaubermond Verlag 2012

© Dorian Hunter – Dämonenkiller

by Pabel-Moewig Verlag GmbH, Rastatt

Lektorat: Reinhard Schmidt

Titelbild: Mark Freier

eBook-Erstellung: story2go

http://www.zaubermond.de

Alle Rechte vorbehalten

Was bisher geschah:

Der ehemalige Reporter Dorian Hunter hat sein Leben dem Kampf gegen die Schwarze Familie der Dämonen verschrieben, seit seine Frau Lilian durch eine Begegnung mit ihnen den Verstand verlor.

Seine Gegner leben als ehrbare Bürger über den gesamten Erdball verteilt. Nur vereinzelt gelingt es Dorian, ihnen die Maske herunterzureißen.

Bald kommt Hunter seiner eigentlichen Bestimmung auf die Spur: In einem früheren Leben schloss er als französischer Baron Nicolas de Conde einen Pakt mit dem Bösen, der ihm die Unsterblichkeit sicherte. Um seine Sünden zu büßen, verfasste de Conde den »Hexenhammer« – jenes Buch, das im 16. Jahrhundert zur Grundlage für die Hexenverfolgung wurde. Doch der Inquisition fielen meist Unschuldige zum Opfer; die Dämonen, auf die de Conde es abgesehen hatte, blieben ungeschoren.

Der Pakt galt, und als de Conde selbst der Ketzerei angeklagt und verbrannt wurde, wanderte seine Seele in den nächsten Körper. So ging es fort bis in die Gegenwart.

Dorian Hunter begreift, dass er die Wiedergeburt de Condes ist. Es ist seine Aufgabe, den Dämonen nachzustellen und sie zu vernichten. Vielleicht ist dieser angeborene Dämonenhass der Grund dafür, dass er die Unterstützung des britischen Secret Service verliert, dessen »Inquisitionsabteilung« Dorian vorübergehend leitete.

Hunter wäre auf sich allein gestellt, blieben ihm nicht die engsten Mitstreiter im Kampf gegen die Dämonen: Zunächst wäre da die junge Hexe Coco Zamis, die früher selbst ein Mitglied der Schwarzen Familie war, bis sie wegen ihrer Liebe zu Dorian den Großteil ihrer magischen Fähigkeiten verlor. Hin und wieder eine große Hilfe ist ebenfalls der rätselhafte Olivaro, der früher selbst einmal als Oberhaupt der Schwarzen Familie fungierte, inzwischen aber offenbar die Seiten gewechselt hat und Dorian unterstützt. Allerdings bleiben die wahren Absichten des undurchsichtigen Überläufers meist im Dunkeln.

Weitere Mitstreiter sind neben Unga, dem Steinzeitmann, und dem magisch auf Zwergengröße geschrumpften Ex-Secret-Service-Agenten Don Chapman vor allem die Bewohner von Castillo Basajaun, einer alten Burg in Andorra, die Dorian Hunter als Hauptstützpunkt für das Dämonenkiller-Team ausgewählt hat.

Von Castillo Basajaun aus starten Dorian und Coco ihren Versuch, die – neben der Schwarzen Familie der Dämonen – größte Gefahr für die Menschheit zu bannen. Es handelt sich um die kürzlich erstmals aufgetauchten Janusköpfe, die die Erde von der Januswelt Malkuth aus überschwemmen. Bösartiger und teuflischer als die Dämonen, versuchen sie offenbar, die totale Gewalt über die Menschheit zu erlangen. Auch Olivaro und Coco sind offenbar in ihre Fänge geraten und auf Malkuth verschollen – einer gefährlichen Welt, auf der unter anderem körperlich entstellte sogenannte Psychos als gegensätzliche Abbilder hiesiger Menschen ihr Unwesen treiben.

Um Coco und Olivaro zu retten, unternimmt Dorian eine Reise nach Malkuth – und findet sich im Innern eines riesigen Organismus wieder, aus dem die Januswelt offenbar besteht. Nur mithilfe des Ys-Spiegels gelingt es ihm, die Herausforderungen auf Malkuth zu meistern und Coco unversehrt zur Erde zu bringen. Doch Olivaro bleibt verschwunden, und so bleibt Dorian und Coco nichts anderes übrig, als ein zweites Mal die Reise nach Malkuth anzutreten.

Währenddessen kämpft Unga, der Cro Magnon, im Himalaja einen fast aussichtslosen Kampf. Die Dämonen und Janusköpfe haben den Padma eingeschlossen und planen einen Großangriff, der im letzten Moment abgewehrt werden kann.

Auf Malkuth trifft Dorian neben Olivaro auch auf seinen eigenen Psycho, einen gefährlichen Gegner namens Lillom, der unbedingt auf die Erde will, denn dort kann er schalten und walten, wie er möchte. Aber dazu kommt es nicht mehr. Lillom stirbt.

Doch die Gefahren, die die Januswelt für das Dämonenkiller-Team bereithält, sind noch lange nicht überwunden ...

Erstes Buch: Rosemaries Albträume

Rosemaries Albträume

von Ernst Vlcek

1. Kapitel

Margot Wagner konnte von ihrem Platz am Küchenfenster aus den gesamten Innenhof der Wohnhausanlage überblicken. So war es ihr möglich, ihre Tochter zu beaufsichtigen, während sie kochte oder Geschirr spülte. Sie hörte durchs halb geöffnete Fenster die Kinder lärmen. Noch vor wenigen Minuten hatten sie an einem Schneemann gebaut. Rose hatte etwas abseits gestanden, als gehörte sie nicht dazu. Aber jetzt widmeten sie sich einem anderen Spiel – und sie hatten Rose mit einbezogen. Margot freute sich darüber, denn es ließ sie hoffen, dass die anderen Kinder Rose früher oder später doch noch als vollwertigen Spielgefährten akzeptieren würden.

Margot blickte verstohlen aus dem Fenster. Die Kinder schienen so etwas wie Blindekuh zu spielen. Sie hatten Rose die Augen mit einem Schal verbunden und machten sie durch Zurufe auf sich aufmerksam. Dabei verstellten die Kinder ihre Stimmen und wechselten ständig ihren Standort.

Einmal hörte Margot ihre Tochter sagen: »Nein, nein! Es klingt ganz anders.«

Dann rief ein zehnjähriger Junge mit tiefer Stimme: »Ich bin dein Freund, Rose! Bitte, bitte hilf mir!«

»Das war falsch«, erwiderte Rose. »Glaubst du, ich habe deine Stimme nicht erkannt, Christof?«

Die Kinderstimmen vermischten sich zu einem unverständlichen Gewirr. Margot konnte nur einige Wortfetzen verstehen, weil alle auf einmal durcheinandersprachen. Ihr war auch, als hörte sie einen Namen. Er hörte sich wie »Florian« an und wurde immer wieder gerufen.

Zwischendurch äfften die anderen Kinder eine fremde Sprache nach und fragten: »Hast du's verstanden, Rose? Du kannst doch so gut englisch.«

Margot hatte auf einmal ein ungutes Gefühl. Ihr war, als würden die Stimmen der Kinder immer aggressiver klingen. Als sie zum Fenster eilte, war plötzlich ein herzzerreißendes Weinen zu hören.

Rose!

Sie sah, wie die anderen Kinder ihre Tochter umtanzten, die sich die Augenbinde abgenommen hatte und heulend davonlief. Die Jungens bewarfen sie mit Schneebällen.

Margot ließ alles liegen und stehen und lief ins Stiegenhaus, wo ihr eine Etage tiefer bereits Rose entgegenkam und sich schluchzend in ihre Arme warf. Margot redete begütigend auf sie ein, nahm sie auf den Arm und trug sie in die Wohnung. Rose beruhigte sich erst, als Margot ihr Mantel und Schuhe ausgezogen hatte und ihr die kalten Füße rieb.

»Was ist denn vorgefallen?«, wagte Margot endlich zu fragen. »Ihr habt doch so nett miteinander gespielt. Warum zankt ihr euch denn so plötzlich?«

Rose schmollte.

Margot seufzte. Sie bot ihrer Tochter heißen Tee an und begab sich in die Küche, ohne eine Antwort abgewartet zu haben.

Manchmal war Margot wegen ihrer Tochter so verzweifelt, dass sie nicht mehr ein noch aus wusste. Rose war ein Problemkind. In der Schule brachte sie nicht die gewünschten Leistungen, und in der Freizeit fand sie nicht Anschluss an Gleichaltrige. Sie war eine Außenseiterin. Margot hatte schon alles Mögliche versucht. Rose war nicht geistig zurückgeblieben, noch war sie schüchterner als andere Mädchen ihres Alters; dennoch waren ihre Lernerfolge eher mäßig, und sie fand einfach keine Freunde.

Ein befreundeter Psychologe hatte Rose als »Träumerin« bezeichnet, womit er sagen wollte, dass sie sich mit ihrer üppigen Fantasie eine eigene Traumwelt errichtete, in die sie sich zurückzog, weil sie in der Wirklichkeit versagte. Vielleicht aber fand sie auch nur keinen Kontakt zur Wirklichkeit, weil sie sich eine Traumwelt geschaffen hatte.

Margot kehrte mit einer Tasse Kamillentee ins Wohnzimmer zurück. Rose hatte sich in ihr eigenes Zimmer zurückgezogen. Sie stand am Fenster, den Kopf gegen die beschlagene Scheibe gedrückt, starrte sie sehnsüchtig in unbekannte Fernen. Margot kannte diesen traumverlorenen Blick nur allzu gut.

»Da kommt dein Tee, Liebes!«

Rose zuckte erschrocken zusammen und drehte sich langsam um. Ihre Augen drückten Überraschung und Verständnislosigkeit aus; aber dann lächelte sie.

»Ach so«, murmelte sie, setzte sich an den Kindertisch und schlürfte den dampfenden Tee.

Margot kniete neben ihr nieder, drückte sie kurz und innig an sich und küsste sie auf die Wange. »Wo warst du nur wieder mit deinen Gedanken, Rose?«

Rose gab keine Antwort. Sie starrte in ihre Teetasse, als rollte dort ein faszinierendes Schauspiel ab.

»Willst du mir nicht verraten, was vorhin passiert ist?«, fragte Margot vorsichtig. »Was haben sie dir getan?«

Rose kniff die Lippen zusammen, dann sagte sie: »Sie haben mir nicht geglaubt, haben mich eine Lügnerin geschimpft.«

»Was glauben sie dir nicht, Rose?«

»Dass ich einen Freund habe.«

Margot spürte, wie ihre Augen feucht wurden. Sie drückte ihre Tochter wieder an sich, rieb die Augen an ihrem blonden Haar trocken, murmelte mit halb erstickter Stimme: »Lass sie reden. Du hast genug Freunde.«

»Ich habe nur einen Freund«, sagte Rose trotzig. »Aber er ist der beste Freund, den man sich vorstellen kann. Ich weiß, dass er mich mag.«

Margot ging in Gedanken die Namen aller in Frage kommenden Kinder der Wohnhausanlage durch. Dann erinnerte sie sich, dass die Kinder vor ihrem Fenster immer wieder einen Namen gerufen hatten. »Meinst du Florian?«

»Dorian«, berichtigte Rose mit einem zurechtweisenden Blick.

»Aha, Dorian.« Margot konnte sich nicht erinnern, den Namen schon einmal gehört zu haben. »Dorian heißt also dein Freund. Du hast mir noch nie von ihm erzählt. Ist es ein Schulkamerad?«

»Nein«, sagte Rose einsilbig.

»Aber er wohnt auch nicht in der Anlage?«

»Nein.«

Rose versteifte sich. Margot erkannte, dass sie nicht weiter in sie dringen durfte.

»Gut, wenn du es mir nicht sagen willst«, meinte Margot leichthin. In Wirklichkeit verspürte sie eine wachsende Besorgnis. So verschlossen hatte sich Rose bisher noch nie gezeigt.

Um ihre Tochter aus der Reserve zu locken, fuhr sie aufgeräumt fort: »Weißt du was, Rose? Weißt du, was wir tun werden, um den anderen zu beweisen, dass du nicht gelogen hast? Wir werden deinen Freund einladen. Bringe Dorian einfach her, damit alle Kinder ihn kennenlernen können. Die werden Augen machen! Was ist denn, Rose?«

Ihre Tochter schüttelte traurig den Kopf. »Das geht nicht. Dorian wohnt nicht hier. Er ist weit, weit weg. In England.«

»Wo?«

Rose war jetzt etwas aufgetaut. »Er ist Engländer, das hat er gesagt. Und weil er so weit weg ist, habe ich ihn noch nicht sehen können. Aber er hat zu mir gesprochen. Schon ein paar Mal. Er hat gesagt, dass ich ihm helfen kann, wenn ich will. Bisher bat er mich noch nicht um Hilfe, aber ich werde sie ihm nicht verweigern, wenn er sie braucht. Er – ist in Schwierigkeiten.« Margot spürte einen Kloß in ihrer Kehle. »Hat er schon oft zu dir gesprochen?«, fragte sie bange.

Rose schüttelte den Kopf. »Nein, noch nicht oft. Aber er hat gesagt, dass er sich wieder mit mir in Verbindung setzen wird, wenn er mich braucht.«

»In welcher Sprache hat er denn mit dir gesprochen?«

»In welcher Sprache?« Rose runzelte die Stirn und schien angestrengt nachzudenken. »In überhaupt keiner Sprache. Er hat gar nicht laut gesprochen, Mama. Weißt du, seine Stimme war einfach da. In meinem Kopf.«

Margot nickte. Kein Wunder, wenn die anderen Kinder Rose verspotteten.

»Glaubst du mir etwa auch nicht, Mama?«

»Doch, Liebes. Doch, ich glaube dir.« Margot biss sich auf die Lippen. »Aber wenn dir die anderen nicht glauben, ist es besser, wenn du ihnen nichts mehr über deinen Freund erzählst. Versprichst du mir das?«

»Ich werde bestimmt nicht mehr darüber sprechen«, versprach Rose.

Margot ging schnell in die Küche. Dort weinte sie sich hemmungslos aus. Was sollte sie nur tun? War Rose nicht nur eine Tagträumerin, sondern wirklich geistesgestört? Was für ein schrecklicher Gedanke! Margot verdrängte ihn, aber er brach immer wieder zu ihrem Bewusstsein durch.

Vielleicht hatten sie die Ärzte allesamt nur belogen, um sie zu beruhigen, als sie ihr versicherten, dass Rose von ihrem Vater nicht erblich belastet war. Robert – er hatte Selbstmord begangen, als Rose noch ein Baby gewesen war.

Ein markerschütternder Schrei aus dem Kinderzimmer riss Margot in die Wirklichkeit zurück. Sie stürzte aus der Küche.

Rose schrie noch immer, als sie ins Kinderzimmer kam. Sie lag auf dem Rücken, strampelte mit den Beinen und schlug mit den Händen um sich. »Geht weg! Fort mit euch, ihr garstigen Ungeheuer!«, rief sie dabei verzweifelt.

Margot stürzte sich auf ihre Tochter, versuchte, ihre Arme zu packen und drückte sie an sich. Rose schrie wieder unartikuliert.

Dazwischen sprudelten Worte über ihre Lippen, die überhaupt keinen Sinn ergaben. »... tiefer Abgrund ... Felsnadeln ... klebriges Spinnennetz.«

Rose wand sich verzweifelt in den Armen ihrer Mutter und biss Margot in die Lippen, als diese ihr Gesicht abküsste.

»Ekelhaft!«, kreischte Rose angewidert. »Verschwindet, Fledermausspinnen! Ich helfe dir! Dorian, wie kann ich dir helfen? Das klebrige Netz zerreißt!«

Margot wusste sich nicht mehr anders zu helfen, als den Körper ihrer Tochter durchzuschütteln. Endlich beruhigte sich Rose. Sie atmete keuchend. Ihr Gesicht war totenblass. Schweiß stand auf ihrer Stirn.

»Ist es vorbei, Liebes?«, fragte Margot besorgt und drückte den Körper ihrer Tochter, der schlaff und wie leblos wirkte, an sich. »Geht es dir wieder gut? Ist es vorbei?«

»Ja«, sagte Rose mit apathischer Stimme. »Und es ist deine Schuld, Mama. Ich war Dorian schon ganz nahe. Ich hätte ihm helfen können. Aber du hast ihn verjagt.«

Wenige Minuten später war Rose vor Erschöpfung in den Armen ihrer Mutter eingeschlafen.

Margot entkleidete sie und brachte sie zu Bett. Dann wählte sie mit zitternden Fingern eine Nummer.

Als es läutete, war Margot sofort an der Tür. Sie hatte kaum geöffnet, da stürmte der Besucher auch schon herein. Er schloss sie kurz in die Arme und tätschelte ihre Wangen.

Margot begann sofort wieder zu weinen.

»Hat sich Rose inzwischen beruhigt?«, fragte der Besucher und fuhr fort, ohne eine Antwort abzuwarten: »Es tut mir leid. Ich konnte nicht schneller kommen. Bei uns geht es wieder drunter und drüber. Schon gut, Mädchen. Weine dich nur aus!«

Er führte sie ins Wohnzimmer und drückte sie auf eines der Elemente der Sitzgruppe. Sie ließ alles mit sich geschehen und starrte stumpf vor sich hin.

Der Besucher setzte sich ihr gegenüber nieder und zündete sich mit flatternden Fingern eine Zigarette an. Er war groß und hager, hatte einen dunklen Teint und schwarz gelocktes Haar und war von einer solch hektischen Betriebsamkeit, dass man meinen konnte, in seinen Adern würde statt Blut Quecksilber fließen. Seltsamerweise war seine Nervosität nicht ansteckend, sondern wirkte eher beruhigend. Er war überhaupt ein Mensch der Gegensätze, ein unruhiger Geist, der Ruhe verbreitete, mit einer lauten Stimme, die Vertrauen erweckte, und seine Beredsamkeit schuf das Gefühl der Geborgenheit. Kinder sahen in ihm ihren Spielgefährten, Frauen ihren Beichtvater, Männer ihren Kumpel.

Diese Eigenart kam ihm in seinem Beruf als Betriebspsychologe sehr zugute. Und so war es auch nicht verwunderlich, dass sich Margot sofort an ihn um Hilfe gewandt hatte.

»Der Arzt war gerade hier, Heino«, sagte sie. »Er hat Rose ein Beruhigungsmittel gegeben und gesagt, dass sie bis morgen durchschlafen wird. Aber sie ist trotzdem so unruhig, fantasiert und hat Schweißausbrüche. Ich musste ihr Nachthemd schon zweimal wechseln.«

»Tut mir leid, Margot, ich konnte nicht früher kommen«, wiederholte Heino Spazzek entschuldigend, als hätte sie ihm einen Vorwurf gemacht. Er zündete sich eine neue Zigarette an und verzog angewidert das Gesicht, als er feststellte, dass er sie verkehrt herum in den Mund gesteckt und den Filter angezündet hatte.

Margot musste unwillkürlich lachen.

»Also«, sagte Heino Spazzek, »du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Margot. Es wird bestimmt alles wieder gut. Rose hat nur etwas zu viel Fantasie. Das ist alles.«

»Aber ...«

»Du misst dem zu viel Bedeutung bei, dass sie angeblich mit einem Jungen in England sprechen kann«, unterbrach der Psychologe sie. »Die Erklärung ist doch ganz einfach. Rose findet in ihrer nächsten Umgebung nur schwer Kontakt. Was also tut ein Kind in ihrer Lage?

Sie erfindet einen fiktiven Freund, mit dem sie nicht nur spielen kann, sondern der auch ihre Hilfe braucht. Das ist der springende Punkt. Rose hat das Gefühl, dass sie dich zu sehr beansprucht. Deshalb möchte sie selbst jemandem helfen.«

»Meinst du?«, sagte Margot unsicher. »Aber ...«

»Gut, ihr Anfall«, schnitt ihr Heino Spazzek das Wort ab, berichtigte sich aber schnell: »Wieso überhaupt von einem Anfall reden? Roses Unterbewusstsein wollte einen Beweis dafür erbringen, dass ihr Freund wirklich existiert und sich auch tatsächlich in einer Notlage befindet und dringend ihre Hilfe braucht. Deshalb ließ sie ihn von irgendwelchen Ungeheuern bedrohen.«

»Es waren Fledermausspinnen. Daran erinnere ich mich genau«, warf Margot ein. »Wie kommt sie ausgerechnet auf Feldermausspinnen?«

»Genauso gut hätten es Elefantenraupen oder geflügelte Eichhörnchen sein können«, behauptete Heino Spazzek. »Kinder erfinden die verrücktesten Namen. Und Rose hat eben eine ausgeprägte Fantasie.«

»Und glaubst du nicht, dass sie ...«

»Hör auf damit!«, rief der Psychologe streng.

Er ahnte in neunundneunzig von hundert Fällen, was seine Gesprächspartner sagen wollten. Deshalb konnte er es sich erlauben, sie nicht erst aussprechen zu lassen. Auch diesmal hatte er Margots Einwand vorausgeahnt. Er fuhr fort: »Wann kommst du endlich von der fixen Idee los, dass Robert seine Schizophrenie Rose vererbt haben könnte? Du kannst den Versicherungen der Spezialisten glauben, dass Rose geistig völlig gesund ist. Und wenn du ihnen nicht glaubst, dann vertraue wenigstens einem Freund.«

»Ich weiß ja, dass du es gut mit mir meinst ...«

Margot verstummte, als sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung sah. Sie wirbelte herum. Rose stand vor ihnen, mit einem völlig durchnässten Nachthemd.

»Warum erschrickst du, Mama?«, fragte sie. Dann erblickte sie den Besucher, und ihr Gesicht hellte sich auf. »Onkel Heino! Wie schön, dass du gekommen bist.« Sie lief zu ihm und sprang auf seinen Schoß.

»Ich bin gekommen, weil mir deine Mutter verriet, dass du Sorgen hast«, sagte der Psychologe. »Steckt dein Freund noch in der Klemme?«

Einen Augenblick schien es, dass sich Rose nicht recht schlüssig darüber war, ob sie wütend sein sollte, dass Margot ihr Geheimnis verraten hatte. Doch dann kam sie offenbar zu der Überzeugung, dass Onkel Heino würdig war, eingeweiht zu werden.

»Dorian steckt ordentlich in der Klemme«, sagte sie ernst. »Die Fledermausspinnen stellen zwar keine Bedrohung mehr dar, aber ...«

»Na, heraus mit der Sprache!«, ermunterte der Psychologe sie.

»Jetzt hat er furchtbaren Hunger«, platzte Rose heraus. »Wenn er nicht bald etwas zu essen bekommt, muss er verhungern.«

»Wieso? Bekommt er von seinen Eltern nichts?«

Rose funkelte den Psychologen ärgerlich an. »Willst du dich über mich lustig machen? Dorian ist nicht bei seinen Eltern. Er ist doch kein Junge mehr! Er ist bestimmt schon so alt wie du, nur sieht er jünger aus, weil er nicht so vorstehende Zähne hat wie du ... Oh, jetzt habe ich was Dummes gesagt! Entschuldige bitte!«

»Macht nichts. Nicht jeder kann ein Adonis sein.«

»Mach dir nichts daraus, Onkel Heino, du hast andere Qualitäten, aber ... Dorian braucht dringend etwas zu essen.«

Margot hatte schon gehofft, dass es Heino gelungen war, Rose von ihrer fixen Idee abzubringen. Sie wollte etwas sagen, aber der Psychologe gebot ihr durch einen Wink, zu schweigen.

»Wieso glaubst du, dass dein Freund sich nicht selbst Nahrung beschaffen kann?«, fragte er Rose. »Hat er dir das gesagt? Hat er dich um Nahrung gebeten?«

»Nein, nicht direkt. Ich weiß aber, in welcher Notlage er ist. Wo er sich befindet, gibt es nichts Essbares. Alles ist ungenießbar und giftig dort. Ich muss ihm helfen, auch wenn er mich nicht direkt gebeten hat. Er weiß nämlich, dass ich erst acht Jahre alt bin, und nimmt Rücksicht auf mich.«

»Das finde ich sehr anständig von deinem Freund.«

»Aber ich würde doch so gern etwas für ihn tun!«

»Und wie willst du etwas für ihn tun?«

»Ganz einfach«, sagte Rose, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. »Ich stelle die Speisen vor mich hin, sodass Dorian sie sehen kann, wenn er auf mich aufmerksam wird. Bei seinem Hunger kann er der Versuchung bestimmt nicht widerstehen.« Sie blickte flehend zu Margot hin. »Darf ich Dorian helfen, Mama?«

Margot blickte unsicher auf Heino. Als dieser nickte, erhob sie sich seufzend und ging in die Küche. Rose küsste den Psychologen herzhaft auf den Mund und lief händeklatschend hinter ihrer Mutter her.

»Sie hat den Kühlschrank komplett ausgeräumt«, sagte Margot. »Ich kann nicht verstehen, wozu es gut sein soll, sie in ihren verrückten Ideen noch zu unterstützen. Ich fände es besser, ihr diese Flausen auszutreiben.«

»Bitte, wenn du glaubst, ein besserer Psychologe zu sein, als ich ...« Heino Spazzek unterbrach sich, als Rose wieder im Wohnzimmer auftauchte.

Sie strahlte über das ganze Gesicht. »Er hat mein Geschenk angenommen!«, rief sie überglücklich. »Ich wusste, dass er beim Anblick der Köstlichkeiten nicht würde widerstehen können.«

»Was sagst du da?« Margot fuhr von ihrem Platz hoch.

»Willst du wirklich sagen, dass Dorian sich alles geholt hat?«, fragte der Psychologe überrascht. »Die Konserven, das Brot, den Käse und die Wurst?«

»Alles.« Rose nickte bekräftigend. »Nachdem Alain und Gene ihn im Stich gelassen haben, und Dunja anscheinend selbst nicht viel hat, konnte Dorian meine Hilfe einfach nicht mehr ausschlagen. Endlich konnte ich ihm zeigen, dass ich seiner Freundschaft würdig bin.«

Margot und Heino hatten das Kinderzimmer erreicht. Der Tisch, der noch vor einer halben Stunde unter den Nahrungsmitteln fast zusammengebrochen war, war jetzt leer. Margot lief zum Fenster, öffnete es und blickte in den Hof hinunter. Aber ihre Vermutung, dass Rose alles aus dem Fenster geworfen hatte, traf nicht zu.

»Ihr glaubt mir noch immer nicht«, sagte Rose. »Aber das macht nun nichts mehr. Jetzt kann ich beruhigt schlafen.«

»Ja, geh zu Bett, Liebes!«, sagte Margot, am ganzen Körper zitternd. Sie hatte noch mehr Angst bekommen, konnte sich überhaupt nichts mehr erklären.

Nachdem sie ihre Tochter zu Bett gebracht hatte und Rose eingeschlafen war, kehrte sie ins Wohnzimmer zurück. Heino Spazzek steckte sich gerade wieder eine Zigarette verkehrt an.

»Und was hat mein Hauspsychologe dazu zu sagen?«, fragte sie niedergeschlagen.

»Nicht viel«, meinte Heino. »Das heißt, ich wüsste eine Menge dazu zu sagen, aber nichts, was dich beruhigen würde.«

»Bitte, sage mir die Wahrheit! Ich bin aufs Schlimmste gefasst. Nur diese Ungewissheit ertrage ich nicht.«

»Mit der Wahrheit kann ich dir nicht dienen. Ich habe nur Vermutungen«, erwiderte Heino. »Und sie klingen so fantastisch, dass ich sie nicht auszusprechen wage.«

Margot zündete sich eine Zigarette an und sagte: »Schieß los!«

Heino knetete unentschlossen seine Finger, zwinkerte nervös und rutschte mit dem Gesäß unruhig hin und her. »Um es kurz zu machen«, begann er, »du hast sicher schon gehört, dass sich die Wissenschaft in letzter Zeit ernsthaft mit parapsychischen Phänomenen beschäftigt. Es ist erwiesen, dass viele Menschen Psi-Fähigkeiten haben, ohne sich dessen bewusst zu sein. Telepathie, Telekinese und Teleportation – das alles sind längst keine Hirngespinste mehr.«

»Willst du damit etwa behaupten, dass Rose solche Fähigkeiten hat?«, fragte Margot ungläubig.

»Es liegt im Bereich des Möglichen.«

Margot schüttelte den Kopf »Ich durchschaue dich, Heino. Das sagst du doch nur, um mich zu beruhigen – um mich von Roses wirklichen Leiden abzulenken.«

»Möglicherweise leidet Rose sogar unter ihren übernatürlichen Fähigkeiten«, gab Heino zu. »Ich kann mich auch irren, aber ich finde keine andere Erklärung für das Verschwinden der Nahrungsmittel, als das Wirken übernatürlicher Kräfte. Vielleicht kann Rose wirklich die Gedanken anderer Personen hören. Bei Telepathie spielen Entfernungen keine Rolle. Es kommt auf die Kapazität des Senders an. Dieser Dorian könnte gerade Roses Wellenlänge haben. Wenn du nichts dagegen hast, würde ich mit Rose in dieser Richtung nach ihrem Erwachen gern einige Versuche anstellen. Es könnte ihr nicht schaden ...«

Heino wurde durch einen Schrei unterbrochen. Sofort war er auf den Beinen und erreichte gleichzeitig mit Margot das Kinderzimmer.

Rose saß aufrecht in ihrem Bett und zerrte an ihrem Nachthemd. »Geht weg! Verschwindet!«, rief sie dabei und strampelte mit den Beinen, als müsste sie sich gegen unsichtbare Gegner wehren. Dann sank sie aufs Bett zurück und verkrallte sich in ihrem Kissen.

Margot war vor Entsetzen wie gelähmt. Nicht schon wieder!, dachte sie. Sie sah wie in Trance, dass Heino zum Kinderbett lief, und hörte ihn auf Rose einreden.

»Weiß lockt die Ungeheuer an!«, schrie Rose und zerkratzte Heino das Gesicht. »Rot schreckt sie ab? Wirklich? Rot? – Wo ist mein rotes Kleid? Mein rotes Kleid!«

Sie träumt nur, sagte sich Margot und schluchzte hemmungslos. Sie hat nur einen Albtraum. O mein Gott! Gib, dass sie nicht wirklich verrückt wird! Lass sie nur träumen! Mach, dass alles nur ein Traum ist! Und dann lass uns daraus aufwachen!

Plötzlich herrschte wieder Stille. »Sie schläft jetzt ruhig«, sagte Heino.

Margot stieß ihn zur Seite und beugte sich über Rose, die friedlich auf dem Rücken lag. Ihr Körper war schweißgebadet, sie atmete flach.

»Was hast du mit ihr gemacht?«, fragte Margot.

»Sie hat sich von selbst beruhigt«, antwortete der Psychologe. »Das ist das Beste für sie. Morgen ...«

»Ist sie tot?«, rief Margot plötzlich mit schriller Stimme und taumelte zurück. »Heino, sie bewegt sich nicht mehr! Ich kann nicht einmal ihren Puls fühlen.«

»Sie schläft nur«, versicherte der Psychologe und versuchte, Margot aus dem Kinderzimmer zu drängen.

Aber Margot stemmte sich dagegen. »Ich bleibe bei Rose«, sagte sie entschlossen.

»In Ordnung.« Der Psychologe klopfte ihr auf den Rücken. »Ich werde Helga heraufschicken. Sie soll heute Nacht bei dir schlafen. Übrigens – hat Rose ein rotes Kleid?«

»Ja. Das liebt sie besonders.«

»Dann lege ich es bereit, damit sie es beim Erwachen sofort sehen kann. Ich glaube, das würde sie beruhigen.«

Margot dachte, dass er das nur von ihr verlangte, um sie zu beschäftigen, aber sie gehorchte. Das heißt, sie wollte das rote Kleidchen aus dem Schrank holen, doch es hing nicht an seinem Platz. Es war unauffindbar, sosehr sie auch überall danach suchte.

Waren vielleicht doch übernatürliche Kräfte im Spiel? Oder fand sich noch eine einfache Erklärung für alles? Margot wusste überhaupt nicht mehr, was sie glauben sollte. Es war alles so unsagbar schrecklich.

Und sie bildete sich ein, dass dies erst der Anfang war. Sie befürchtete, dass es noch viel schlimmer kommen könnte.

Ein Himmel, der grün war – ein Himmel aber, der gar kein Himmel war; ohne Sterne, ohne Sonne, ohne Mond. Manchmal war das Grün strahlend und hell, dann diffus, ein andermal wieder giftig, und gelegentlich brach plötzlich die Dunkelheit herein. Aber trotzdem gab es keine Nacht wie auf der Erde.

»Wir hätten dieses Wagnis nicht eingehen sollen«, sagte Coco und drückte sich fester an Dorian. »Wir hätten die Erde nicht verlassen dürfen.«

Dorian hatte den Arm um ihre eine Schulter gelegt, in der anderen Hand hielt er eine winzige Konservendose, die Lillom mit einem seiner stählernen Fingernägel für ihn geöffnet hatte; eine so kleine Konservendose, dass der Dämonenkiller sie in seiner Faust verschwinden lassen konnte. Er trank ihren Inhalt mit einen Zug aus und warf die leere Dose achtlos weg.

»Warum wurden die Dinge, die Alain nach Malkuth schickte, überdimensional groß«, sinnierte er, »und warum ist der Proviant, den Rosemarie uns schickt, so klein, dass nicht einmal ein Puppenmann davon satt werden könnte.«

»Wir hätten uns Donald Chapman und Unga anschließen sollen«, sagte Coco fröstelnd. Sie blickte zu ihren beiden Begleitern hinüber. Der Januskopf Olivaro, der nicht mehr in der Lage war, sein Knochengesicht herumzudrehen und ein Scheingesicht aufzusetzen, und der Psycho Lillom saßen einander lauernd gegenüber.

Lillom hatte das Aussehen eines Untoten, die Verschlagenheit eines Ghouls und die Mentalität eines Amokläufers – aber er war auch überaus intelligent, und das machte ihn noch viel gefährlicher.

»Glaubst du wirklich, dass er dein Psycho ist, Dorian?«, fragte Coco.

»Er wusste, dass ich damals in Hongkong lebendig begraben wurde. Das war seine Geburtsstunde«, antwortete Dorian. »Und als ich die Gesichtstätowierung des Dämons Srasham bekam, erhielt er ebenfalls ein Stigma. Ich zweifle nicht daran, dass er mein Psycho ist.«

Rings um sie fanden ständig irgendwelche Entladungen statt. Blitze, die elektrisch aber auch magnetisch und magisch aufgeladen waren. Nur der Ys-Spiegel, den Dorian wie ein Amulett um den Hals trug, bewahrte sie davor, von diesen tödlichen Blitzen getroffen zu werden. Sie geisterten gleich Irrlichtern durch die Atmosphäre und schlugen überall ein, brachten den Boden zum Glühen und spalteten ganze Felsen. Die Luft war ständig von Geräuschen erfüllt. Es donnerte und krachte. Der Boden ächzte bei jedem Schritt. Beben erschütterten ihn.

Dann wieder gab es Zonen absoluter Stille, als ob die Atmosphäre dort jedes Geräusch verschlucken würde. Hier konnte man schreien, so viel man wollte – es kam kein Ton über die Lippen. Andererseits wiederum wurde das leiseste Flüstern zu einem ohrenbetäubenden Kreischen.

Es war eine Welt der Kontraste. Hier Wüste und keinen Steinwurf entfernt dichtester Dschungel. Aber ob Dschungel oder Wüste – überall lauerten Gefahren.

Die Gefahr hatte auf Malkuth viele Gesichter. Sie konnte in der Gestalt eines verwachsenen Januskopfes oder in der eines hämisch grinsenden Psychos auftreten, als harmlos aussehendes Tier oder als monströse Kreatur, als lieblich duftende Pflanze oder als ein Baum mit Giftdornen und stählerner Rinde.

Hier herrschte das totale Chaos.

Und in diesem Chaos strebten viele Wesen von unterschiedlicher Natur auf ein gemeinsames Ziel zu, das sie nur dem Namen nach kannten, von dem sie aber nicht genau wussten, wo es lag: dem Berg der Berge.

Dorian wollte zu ihm gelangen, weil er hoffte, von dort einen Weg in das Versteck des Padma zu finden. Coco hatte sich ihm gegen ihre Überzeugung angeschlossen. Olivaro behauptete, dass er dem Dämonenkiller den Weg zum Padma zeigen wollte, doch es schien, dass er daneben noch eigene Ziele verfolgte, die er jedoch für sich behielt. Und Lillom, der Psycho des Dämonenkillers, kochte sowieso sein eigenes Süppchen.

»Wenn es wirklich stimmte, dass ein Psycho umso schrecklicher wird, je reiner man selbst ist, dann müsstest du eigentlich ein Engel sein, Dorian«, stellte Coco fest. Sie blickte zu der Schauergestalt hinüber und fragte: »Warum tötest du ihn nicht einfach, Dorian?«

»Er kann uns noch nützlich sein«, antwortete der Dämonenkiller.

Lillom sprang plötzlich auf und stellte sich breitbeinig vor Olivaro hin.

»Los, kämpfe mit mir, du Missgeburt!«, rief Lillom mit seiner schaurigen Stimme. »Wenn ich die Große Mutter beleidigt habe, dann wasche ihren Namen wieder rein. Ich gebe dir die Chance dazu, du dreckiges Doppelgesicht.«

Es schien, als würde sich Olivaro nicht provozieren lassen. Doch plötzlich kam Bewegung in ihn. Es ging alles so schnell, dass Dorian und Coco ihm nicht mit den Blicken folgen konnten. Selbst für Lillom kam der Angriff so überraschend, dass er nicht wusste, wie ihm geschah, als er auf einmal herumgewirbelt wurde – und dann hielt ihn Olivaro von hinten an den Schultern fest. Der Psycho konnte sich nicht bewegen.

»Wenn ich es wollte, dann könnte ich bewirken, dass sich dein Kopf auf den Rücken herumdreht«, sagte Olivaro ohne besondere Erregung. »Willst du es darauf ankommen lassen, Lillom?«

»Du wirst es nicht wagen!«, keuchte der Psycho, dabei verzerrte sich sein fratzenhaftes Gesicht noch mehr. »Ich bin ein Teil von Dorian. Wenn du mich tötest, tötest du auch etwas von ihm. Das wirst du ihm nicht antun.«

»Sei nicht so sicher!«, sagte Olivaro und verstärkte den Druck gegen Lilloms Schulter, dass der Psycho vor Schmerz aufschrie.

»Nicht!«, jammerte er. »Mach keinen Blödsinn, Olivaro!«

»Dann nimm den Namen der Großen Mutter nie wieder in den Mund!«, verlangte Olivaro. »Versprichst du, diese schmutzigen Reden zu unterlassen?«

»Ich – verspreche – es.«

Olivaro ließ den Psycho los. Kaum spürte Lillom, dass der Druck nachließ, da schrie er vor ohnmächtiger Wut auf und wollte sich auf den Januskopf stürzen.

»Missgeburt!«, kreischte er und hob seine stahlharten Klauen zum Schlag.

Doch da trat Dorian mit dem Ys-Spiegel dazwischen. »Genug!«, sagte er barsch. »Wenn wir uns ständig gegenseitig das Leben zur Hölle machen, dann erreichen wir unser Ziel nie. Es genügt, dass wir die Schrecken von Malkuth gegen uns haben. Es wird Zeit, dass wir weiterkommen.«

»Ja, gehen wir«, sagte Lillom und grinste. Da seine Lippen verfault waren, war ständig sein gelblich verfärbtes Gebiss zu sehen, dennoch war er in der Lage, damit ein Grinsen anzudeuten oder die Zähne furchterregend zu blecken. »Machen wir, dass wir von hier fortkommen. Ich kann es kaum erwarten, dieser Hölle zu entrinnen. Du wirst mich doch zur Erde mitnehmen, Dorian?«

Als der Dämonenkiller entsetzt zurückwich, begann Lillom schaurig zu lachen. Plötzlich hielt er abrupt inne. »Ich wittere Gefahr!«

Vor ihnen lag eine Hügelkette, über die ständig Blitze tanzten. Auf einmal bildete sich in dem magisch-energetischen Vorhang eine breite Schneise. Die Blitze wurden von irgendetwas abgelenkt.

Und dann sahen sie die Seferen mit ihren spinnennetzartigen Umhängen. Sie waren an die drei Meter groß und hatten Knochenschädel wie die Janusköpfe. In ihren dunklen Augenhöhlen war ein giftig gelbes Glühen. Statt Münder besaßen sie verkrümmte Vogelschnäbel.

Dorian, Coco, Olivaro und Lillom waren in Deckung gegangen. Dorians Psycho richtete es ständig so ein, dass er in Olivaros Nähe war. Zweifellos nützte er jede Gelegenheit, um den Januskopf zu provozieren.

»Ich sehe schon dreißig Seferen – und es werden immer mehr«, sagte Lillom. »Und da sind auch einige Janusköpfe. Vier – acht – zehn. Das Dutzend ist voll!« Wütend schlug Lillom seine Klauen in einen Fels und zog mit seinen stahlharten Fingernägeln tiefe Rillen.

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Dorian Hunter 28 - Im Vorhof der Hölle denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen