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Ethik: Themenzusammenfassung

Ethik: Themenzusammenfassung

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Ethik: Themenzusammenfassung

Länge:
2.900 Seiten
22 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
16. Juni 2016
ISBN:
9783958497641
Format:
Buch

Beschreibung

Die Ethik (griechisch ἠθική (ἐπιστήμη) ēthikē (epistēmē) "das sittliche
(Verständnis)", von ἦθος ēthos "Charakter, Sinnesart" (dagegen ἔθος:
Gewohnheit, Sitte, Brauch),¹ vergleiche lateinisch mos) ist jener
Teilbereich der Philosophie, der sich mit den Voraussetzungen menschlichen
Handelns und seiner Bewertung befasst. Im Zentrum der Ethik steht das
spezifisch moralische Handeln,² insbesondere hinsichtlich seiner
Begründbarkeit und Reflexion. Cicero übersetzte als erster êthikê in den
seinerzeit neuen Begriff philosophia moralis.³ In seiner Tradition wird die
Ethik auch als Moralphilosophie bezeichnet.

Die Ethik und ihre benachbarten Disziplinen (z. B. Rechts-, Staats- und
Sozialphilosophie) werden auch als "praktische Philosophie"
zusammengefasst, da sie sich mit dem menschlichen Handeln befasst. Im
Gegensatz dazu steht die "theoretische Philosophie", zu der als klassische
Disziplinen die Logik, die Erkenntnistheorie und die Metaphysik gezählt
werden.

Begriff, Gegenstand und Gliederung der Ethik

Als Bezeichnung für eine philosophische Disziplin wurde der Begriff Ethik
von Aristoteles eingeführt, der damit die wissenschaftliche Beschäftigung
mit Gewohnheiten, Sitten und Gebräuchen (ethos) meinte, wobei allerdings
schon seit Sokrates die Ethik ins Zentrum des philosophischen Denkens
gerückt war (Sokratische Wende). Hintergrund war dabei die bereits von den
Sophisten vertretene Auffassung, dass es für ein Vernunftwesen wie den
Menschen unangemessen sei, wenn dessen Handeln ausschließlich von
Konventionen und Traditionen geleitet wird. Aristoteles war der
Überzeugung, menschliche Praxis sei grundsätzlich einer vernünftigen und
theoretisch fundierten Reflexion zugänglich.
Herausgeber:
Freigegeben:
16. Juni 2016
ISBN:
9783958497641
Format:
Buch

Über den Autor

Thom Delißen Alter Holzgarten 1 85435 Erding Tel. 08122 18553 Mail: TDTextdesign@aol.com Jahrgang 63, geboren in Münster, aufgewachsen in Oberbayern. Der Autor verbrachte Jahre in Frankreich, Spanien, Italien, Portugal, Brasilien, Indien. Seine Kurzgeschichten und Lyrik versuchen das Rätsel nach dem Sinn und Sein zu hinterfragen, wollen auf die letzten Ziele – die Liebe und die Heiterkeit hinweisen. Verleger und Chefredakteur der Literaturzeitschrift „Schrieb“. Veröffentlichungen in Tageszeitungen, Literaturzeitschriften (Wienzeile, Maskenball, Bohnenstange, Brücke, Federwelt, Kult u.v.m.) Krimi-Magazinen, Anthologien. Mitautor Chronik Erding, Ex-Chefredakteur der regionalen Literaturzeitschrift „GedankenSprung“. Organisator der Initiative „Worte und Taten“. Mitglied der internationalen Autorengruppe „ProLyKu“. “Question Authority“ Kurzgeschichtensammlung von Thom Delißen/ Lyrik und Prosa erschienen im FV-Verlag/Lübeck Hörspiel „Rhéethron“ Die Sätze. (u.v.m) „The Vanderbilt Berlin Wall Project“ Brockmann „Mordsapfel“ Sieben-Verlag „Criminalis“ Pushmann „Wir bei C&C“ (Hrsg. Metro 2008) „Der Teddybär“ 2008 TD Textdesign „Plattform Carpe Diem“ (Burger) „Spurenwelt“ (Website Verlag) „100 % Worte für Brot“ (FV-Verlag) CD „Gedankengischt“ (TD Textdesign) CD „Do sei“ Bayerische Texte CD Textsammlung „Fetzen“ (TD Textdesign) „Die ganze Welt gesehen“ (FV-Verlag) „10 X 10“ Lyrikprojekt (Edition Thaleia) „Jeder Friedensgedanke ein Gedicht“ Edition Octopus, Geest-Verlag Literamus (Trier) “Ene Mene Mu (Spendenedition TD Textdesign) und andere. Zahlreiche Veröffentlichungen im Internet Streitschriften, Kurzgeschichten, Lyrik. „Das oberste Ziel eines jeden freiheits- und verantwortungsbewussten Menschen kann immer nur sein, Manipulation zu unterlaufen, Informationen zu beschaffen und zu veröffentlichen ...“ Pages: www.t delissen.de www.tdtextdesign.org www.schrieb.com


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Ethik - Thom Delißen

4015602-3

Geist

Geist (griechisch πνεῦμα pneuma,¹ griechisch νοῦς nous² und auch griechisch

ψυχή psyche,³ lat. spiritus,⁴ mens⁵ , animus bzw. anima,⁶ hebr. ruach und

arab. rūh, engl. mind, spirit, franz. esprit) ist ein aus historischen

Gründen uneinheitlich verwendeter Begriff der Philosophie, Theologie,

Psychologie und Alltagssprache.⁷

Im Zusammenhang mit Bewusstsein kann man grob zwischen zwei

Bedeutungskomponenten des Begriffs „Geist" unterscheiden:

- Bezogen auf die allgemeinsprachlich „geistig" genannten kognitiven

Fähigkeiten des Menschen bezeichnet „Geist" das Wahrnehmen und Lernen

ebenso wie das Erinnern und Vorstellen sowie Phantasieren und sämtliche

Formen des Denkens wie Überlegen, Auswählen, Entscheiden, Beabsichtigen

und Planen, Strategien verfolgen, Vorher- oder Voraussehen, Einschätzen,

Gewichten, Bewerten, Kontrollieren, Beobachten und Überwachen, die dabei

nötige Wachsamkeit und Achtsamkeit sowie Konzentration aller Grade bis

hin zu hypnotischen und sonstigen tranceartigen Zuständen auf der einen

und solchen von Überwachheit und höchster Geistesgegenwärtigkeit auf der

anderen Seite.

- Mit religiösen Vorstellungen von einer Seele bis hin zu

Jenseitserwartungen verknüpft, umfasst „Geist" die oft als spirituell

bezeichneten Annahmen einer nicht an den leiblichen Körper gebundenen,

nur auf ihn einwirkenden reinen oder absoluten, transpersonalen oder gar

transzendenten Geistigkeit, die als von Gott geschaffen oder ihm gleich

oder wesensgleich, wenn nicht sogar mit ihm identisch gedacht wird.

Heiliger Geist wird in der christlichen Vorstellungswelt dagegen der als

Person gedachte, symbolisch als Taube oder als Auge dargestellte „Geist

Gottes" genannt.

Die Frage nach der „Natur" des Geistes ist somit ein zentrales Thema der

Metaphysik.

In der Tradition des deutschen Idealismus bezieht sich der Begriff hingegen

auf überindividuelle Strukturen. In diesem Sinne ist etwa die hegelsche

Philosophie zu verstehen, aber auch Wilhelm Diltheys Konzeption der

Geisteswissenschaften.

Der Begriff des Geistes

Die modernen heterogenen Konzeptionen des Geistes haben ihren Ursprung zum

einen in der antiken Philosophie und zum anderen in der Bibel.⁸ Während

sich in den meisten romanischen Sprachen ein entsprechender Begriff aus dem

lateinischen spiritus entwickelte, leitet sich der Begriff des Geistes aus

der indogermanischen Wurzel *gheis- für erschaudern, ergriffen und

aufgeregt sein ab.⁹ Das westgermanische Wort *ghoizdo-z bedeutete wohl

„übernatürliches Wesen" und wurde mit der Christianisierung der Germanen

christlich umgedeutet, so dass der Begriff in althochdeutschen (geist) und

altenglischen (gást) Schriften als Übersetzung für den biblischen Spiritus

Sanctus diente. Dieser Sinngehalt des Wortes hielt sich bis in die

Gegenwart, so dass „Geist auch als Synonym für „Gespenst verwendet wird.

Eine weitere Bedeutungsebene, die heute jedoch nicht mehr offensichtlich

ist, stellt „Geist in einen Zusammenhang mit „Atem, Windeshauch als

Ausdruck der Belebtheit. So findet sich noch in Luthers Übersetzung der

Bibel die Formulierung „der himmel ist durchs wort des herrn gemacht und

all sein heer durch den geist seines munds".¹⁰ Auch das lateinische

spiritus weist diese Bedeutung auf; es ist mit spirare „atmen" verwandt.

Zudem wird der Begriff des Geistes verwendet, um sich auf die kognitive und

emotionale Existenz eines Lebewesens zu beziehen. Umstritten ist in der

Theorie das Verhältnis von Geist und Gehirn: Während die Theologie und die

Philosophie in der Tradition René Descartes' davon ausgehen, dass sich der

Begriff „Geist" auf ein immaterielles Ding bezieht, postulieren viele

Naturwissenschaftler und Philosophen, der Geist sei nichts anderes als

neuronale Aktivität. In diesem Fall beziehe sich der Terminus letztlich auf

das Gehirn. Andere Philosophen behaupten wiederum, der Geist sei keine

immaterielle Substanz, könne aber dennoch nicht auf das Gehirn reduziert

werden. Die Natur des Geistes ist das Hauptthema der Philosophie des

Geistes.

In verschiedenen Theorien, gelegentlich auch im Alltag, wird der Ausdruck

zur Charakterisierung überindividueller Phänomene, Objekte, Eigenschaften

oder Prozesse eingesetzt. Johann Gottfried Herders Werk Vom Geist des

Christentums prägte diese Begriffsverwendung entscheidend mit. Ein

zentrales Konzept der deutschsprachigen Kultur wurde „Geist" spätestens mit

dem Werk Georg Wilhelm Friedrich Hegels. Nach Hegel manifestiert sich in

Gemeinschaften ein objektiver Geist, während der absolute Geist Kunst,

Philosophie und Religion auszeichnet. Auch die Sozialwissenschaften

benutzen den Begriff des Geistes, um auf Merkmale von Gemeinschaften

hinzuweisen. In dem Sinne ist etwa Max Webers Rede vom „Geist" des

Kapitalismus zu verstehen.¹¹ Dieser „Geist" ergibt sich durch die Normen

und Werte kapitalistischer Gemeinschaften. Im allgemeinen Sprachgebrauch

findet sich beispielsweise die Formulierung: „Hier herrscht ein Geist der

Eintracht".

Geist in der Philosophie

Antike

Die Antwort auf die Frage, was der deutsche Begriff „Geist" in der Antike

umfasste, ist bei einem so vielschichtigen Wort problematisch.¹²

Die durch „Geist" ausgedrückten Aspekte werden in der griechischen Antike

vor allem durch pneuma (Geist, Hauch) und nous (Vernunft, Geist) umfasst.

Hinzu kommen die Ausdrücke psychê (Seele), thymos (Leben(skraft), Zorn/Mut)

und logos (Rede, Vernunft).

Pneuma wie auch nous bezeichnen jeweils teilweise ein menschliches Vermögen

aber auch ein kosmologisches Prinzip. Pneuma ist dabei der Wortbedeutung

nach ein materiell gedachter Körper bewegter Luft. Nous hingegen wird

mitunter auch immateriell gedacht. Zumeist wird er bei menschlichen

Angelegenheiten aufnehmend gedacht, bei kosmischen anstoßend.

Der menschliche und der kosmologische Bereich (d. h. die Frage nach der

Weltordnung) werden zumeist getrennt voneinander behandelt, wobei es jedoch

Überschneidungen gibt. Bei diesen Übertragungen spielen u. a. zwei Aspekte

eine Rolle:

- Bezüglich pneuma der Gedanke, dass bewegte Luft, Atem ein (notwendiger)

Bestandteil von Leben ist.

- Bezüglich pneuma und nous die Übertragung von Eigenschaften eines

Lebewesens auf den Kosmos:

(a) bei pneuma insbesondere insofern es belebt ist, (b) bei nous

insbesondere insofern es vernunftbegabt ist.

Pneuma

„Pneuma" ist zuerst im 6. Jh. v. Chr. bei Anaximenes belegt. Hier findet

sich eine Analogie, die pneuma als Lebensprinzip ausweist und auch den

Kosmos selbst als belebt vorstellt:

  „Ebenso wie unsere Seele, welche Luft ist, uns mit ihrer Kraft

zusammenhält, so umfasst auch den ganzen Kosmos Wind [oder Atem, pneuma]

und Luft."¹³

Bedeutsam ist der pneuma-Begriff auch in der medizinischen Sprache, in die

er durch Diogenes von Apollonia im 5. Jh. v. Chr. gelangt und durch

Erasistratos und bis zu Galenos im 2. Jh. n. Chr. weitere Ausprägungen

erfährt.¹⁴ Von ihm stammt eine – auch in der späteren lateinischen

Tradition – bedeutende Unterscheidung dreier pneumatischer Prinzipien, die

aus dem Zusammenwirken von eingeatmeter Luft und der im Herzen

hervorgebrachten Lebenswärme entstehen:

- ein physisches pneuma (spiritus naturalis), das die vegetativen

Funktionen erhält;

- ein lebendiges pneuma (spiritus vitalis), ein Lebens- und

Bewegungsprinzip;

- ein psychisches pneuma (spiritus animalis), die Seele.¹⁵

Seit dem Hellenismus und insbesondere in der römischen Stoa vermischen sich

die beiden Aspekte menschliches Vermögen und kosmologisches Prinzip im

Begriff des pneuma. Pneuma bezeichnet hier die materielle Substanz – die

Stoiker waren Materialisten – sowohl der Einzelseele als auch der

Weltseele. Pneuma ist somit ein stoffliches und zugleich geistiges Prinzip,

das den gesamten – als Lebewesen vorgestellten – Kosmos durchdringt und

dessen Organisation bewirkt. Das Pneuma im Menschen ist zum Lebensanfang

wie ein unbeschriebenes Blatt, das mit sinnlichen Eindrücken und

Vorstellungen gefüllt wird. Es ist zudem der lenkende Seelenteil, der die

für Stoiker zentrale Forderung „in Übereinstimmung (mit der – als

vernünftig gedachten – Natur) leben" zu erfüllen ermöglicht.¹⁴ ¹⁵

Nous

Bei Homer und später bei den meisten Vorsokratikern scheint nous ein

Vermögen zu sein, das sich sowohl auf sinnliche wie auch mit dem Verstand

erfassbare (intelligible) Gegenstände richtet. Xenophanes und auch noch

Empedokles setzen Denken und Wahrnehmen in eins. Für Parmenides hingegen

hat der nous nur notwendig existierende und daher nur intelligible

Gegenstände.

Hinsichtlich der Funktionsweise ist von Vorsokratikern wie Empedokles,

Anaxagoras und Demokrit belegt, dass sie den Geist, das Denken als einen

körperlichen Vorgang ansehen. Empedokles, der das Prinzip Gleiches wird nur

von Gleichem erkannt vertrat, behauptet, das Blut sei der Sitz der

Erkenntnis, weil es der am besten durchmischte Stoff sei.

Platon und Aristoteles fassen – im Gegensatz zu vielen Vorsokratikern – die

Tätigkeit des nous, das Denken, als einen nicht-körperlichen Vorgang auf.

Dieser komme nur dem Menschen zu. Zudem unterscheidet Platon explizit auch

sinnlich Wahrnehmbares von Intelligiblem und vertritt – in der Tradition

von Parmenides – sehr deutlich die These, dass Wissen nur gegen die

sinnliche Wahrnehmung und den Körper möglich sei.

Aristoteles definiert in seiner Schrift De anima nous als „das, womit die

Seele denkt und Annahmen macht."¹⁶ Er vergleicht den nous – analog wie bei

der Wahrnehmung – mit einer leeren Schreibtafel aus Wachs. Nous ist

unaffiziert (d. h. unangeregt), unbestimmt, ein passives Vermögen, dessen

Natur darin besteht, im Aufnehmen der Formen das aktual werden zu können,

was er denkt. Er ist auch nicht einem bestimmten Organ zugeordnet, sondern

körperlos.

Im Hellenismus wird das kognitive Vermögen nous sowohl von der Stoa als

auch von Epikur materialistisch aufgefasst. Beide Schulen führen Erkenntnis

vollständig auf materiell gedachte Wahrnehmung zurück.¹⁷

Kosmologisches Prinzip

Nachdem einige frühere Denker einem kosmologischen Prinzip entsprechende

Eigenschaften zugeschrieben haben, bekommt der nous bei dem griechischen

Mathematiker und Naturphilosophen Anaxagoras eine tragende Rolle in der

Welterklärung. Der nous ist für ihn ein Bewegungsprinzip, das er der

Materie gegenüberstellt, obgleich er es nicht ausdrücklich als

nicht-materiell beschreibt. Eine ähnliche Funktion weist der von Heraklit

angenommene alles verwaltende logos auf, den er als vernünftig beschreibt.

Für Platon weist die Welt Eigenschaften eines beseelten und mit Vernunft

ausgestatteten Lebewesens auf, und er erklärt ihre Beschaffenheit mit

Rückgriff auf eine göttliche Vernunft. Aristoteles nimmt einen „unbewegten

Beweger" an, der die von ihm abhängige Welt und den Himmel als eine

Finalursache, d. h. wie ein Geliebtes oder Erstrebtes bewegt. Dessen

ununterbrochene Tätigkeit bestehe darin, den besten Gegenstand, sich

selbst, zu denken (noêsis noêseôs). Diesen Gott fasst Aristoteles – im

Gegensatz zu dem oben thematisierten menschlichen Vermögen – als rein

aktual auf. In der Spätantike weist Plotin dem nous die kosmologische Rolle

zu, als Demiurg die sichtbare Welt nach Vorlage der Ideenwelt zu formen.¹⁷

Mittelalter

Der Philosoph und christliche Kirchenlehrer Augustinus unterscheidet im

Übergang zwischen Spätantike und Frühmittelalter zwischen Geist (mens,

animus) und Seele (anima). Er fasst den Geist als eine an der Vernunft

teilhabende Substanz auf, die zur Leitung des Leibes bestimmt ist

(„substantia quaedam rationis particeps regendo corpori accomodata"¹⁸ ).

Dem Geist kommen wesensmäßig Vernunft (ratio) und Einsicht (intelligentia)

zu. Er wird durch die Laster (vitium) geschwächt und muss, um seiner

Leitungsaufgabe gerecht werden zu können, durch den Glauben (fides)

gereinigt werden.

Er beschreibt den menschlichen Geist als „Auge der Seele (oculus animae)".

Diesem ist die Erkenntnis ewiger Wahrheiten durch das unveränderliche Licht

(lumen incommutabilis) des göttlichen Geistes möglich, das den menschlichen

Geist und das ihm begegnende Seiende erleuchtet. Dieses Licht stellt das

Innerste des Menschen selbst dar. Die Wendung (conversio) des Menschen zu

diesem Innersten hin ist für Augustinus Selbstvollzug des Geistes und

bedeutet die Rückkehr zu seinem eigentlichen Ursprung.

Thomas von Aquin, einer der Hauptvertreter der Scholastik, fasst die

menschliche Seele als eine geistige Substanz (substantia spiritualis) auf.

Im Unterschied zur Tierseele hat sie einen rein geistigen Charakter und ist

daher unsterblich. Thomas vertritt eine strikte Leib-Seele-Einheit des

Menschen. Die Seele ist Form des Leibes (forma corporis) und teilt ihm ihr

Sein mit. Umgekehrt ist aber auch der Geist zur Erkenntnis auf den Leib und

seine sinnliche Vermittlung angewiesen. Alle geistigen Erkenntnisse werden

mittels des „tätigen Intellekts (intellectus agens)" von den

Sinneswahrnehmungen abstrahiert.

Der Mensch als schwächster Strahl der Geistigkeit vermag das rein Geistige

nicht zu schauen. Die Erkenntnis vermag nur so weit zu reichen wie der

geistige Gehalt des Sinnenfälligen, von dem sie ausgeht, es ihr gestattet.

Eine unmittelbare Erkenntnis Gottes ist daher für Thomas ausgeschlossen.

Die menschliche Seele ist bei Thomas die niederste der geistigen Formen.

Sie ist ein Vernunftprinzip, das notwendig eines Körpers bedarf, um tätig

werden zu können. Sie stellt daher gegenüber der Seele der Engel, die in

keinerlei Verbindung mit dem Materiellen steht, eine tiefere Stufe der

Geistigkeit dar. Die Seele hängt zwar in ihrer Existenz nicht von der

Materie ab, ragt aber doch tief in das Körperliche hinein, da sie ohne den

Körper etwas Unfertiges ist. Sie wird bei Thomas zum äußersten und

abgeschwächtesten Strahl des Verstandeslichtes, das in Gott aufleuchtet und

im Menschen seine unterste Grenze erreicht wie das Sein bei der Materie.

Sie steht daher auf der Grenze der geistigen und körperlichen Geschöpfe (in

confinio spiritualium et corporalium creaturarum¹⁹ ).

Descartes

Bei dem Philosophen, Mathematiker und Naturwissenschaftler René Descartes,

Begründer des Rationalismus, ist der Geist ontologisch von der Materie

getrennt, die Wirklichkeit gliedert sich in eine materielle und eine

nichtmaterielle Sphäre. Menschen sind im Wesentlichen durch ihren

immateriellen Geist ausgezeichnet und unterscheiden sich dadurch von

Tieren, die Descartes als Automaten begreift. Zur Stützung seines

Leib-Seele-Dualismus entwickelte Descartes Argumente, die bis heute in der

Philosophie des Geistes diskutiert werden. So erklärte er, dass man sich

klar und deutlich vorstellen könne, dass Geist ohne Materie existiere. Was

man sich klar und deutlich vorstellen kann, ist aber zumindest prinzipiell

auch möglich. Und wenn es prinzipiell möglich ist, dass Geist ohne Materie

existiert, können Geist und Materie nicht identisch sein.²⁰ Varianten

dieses Argumentes findet man in der heutigen Debatte bei Saul Kripke²¹ und

David Chalmers.²²

Ein anderes Argument Descartes' bezieht sich auf die menschliche

Sprachfähigkeit: Es sei unvorstellbar, dass ein Automat das komplexe System

einer natürlichen Sprache beherrsche. Diese Argumentation wird heute von

den meisten Philosophen und Wissenschaftlern unter Verweis auf die

Erkenntnisse der Computer- Psycho- und Neurolinguistik abgelehnt. Es bleibt

jedoch festzuhalten, dass die menschliche Sprachfähigkeit keineswegs

umfassend erforscht ist und dass die Computerlinguistik weit davon entfernt

ist, die Komplexität natürlicher Sprachen zu erfassen.

Descartes' Bild vom Menschen ist also wesentlich zweigeteilt: Der Mensch

besteht aus einem materiellen Körper und einem immateriellen Geist. Körper

und Geist interagieren an einer Stelle im Gehirn (der Zirbeldrüse)

miteinander. Verbrennt sich eine Person etwa am Fuß, so wird der Reiz durch

den Körper zum Gehirn und von dort zum Geist geleitet (siehe Abbildung). Im

Geist verspürt die Person Schmerzen, was wiederum eine körperliche Reaktion

verursacht. Vertreter eines solchen Dualismus haben unter anderem zu

erklären, wie diese Interaktion von Geist und Körper genau vorzustellen

ist. In der Gegenwartsphilosophie wird dieses Problem unter dem Begriff

Mentale Verursachung diskutiert.

18. und 19. Jahrhundert

David Hume, der im angelsächsischen Raum häufig als bedeutendster Philosoph

der Aufklärung betrachtet wird, vertrat die idealistisch empiristische

Auffassung, der Geist beruhe allein auf Formen unmittelbarer Wahrnehmung.

Inetwa in diesem Sinne definierte Johann Wolfgang von Goethe Geist in

West-östlicher Divan:

  „Denn das Leben ist die Liebe

Und des Lebens Leben Geist."

Immanuel Kant knüpfte sowohl an Hume wie auch an Gottfried Wilhelm Leibniz

an. Im Rahmen des transzendentalen Idealismus ist der menschliche Geist

selbst an der Bildung der Realität beteiligt. Eine vom Geist und seiner

Subjektivität freie Realität lässt sich nur als Ding an sich vorstellen.

Doch auch mit Bezug auf das Ding an sich sind keine konkreten Aussagen über

eine vom Geist unabhängige Realität möglich, da das Ding an sich nicht

durch die menschlichen Kategorien zu fassen ist. Mit der idealistischen

Wende findet eine Aufwertung des Geistes statt, der zu einem konstitutiven

Element der Realität wird.

In der Philosophie des 19. Jahrhunderts, besonders im Deutschen Idealismus,

setzte sich diese Tendenz fort. Hegel entwickelte einen absoluten

Idealismus, der die subjektive Zurücknahme des Erkenntnisanspruches auf

objektive Wahrheit überwinden wollte. Darin fasste er die Denkgeschichte

dialektisch als einen geschichtlichen Prozess der Entwicklung des

Weltgeistes auf. Dieser wird als die Rückwendung des Absoluten aus seinem

Anderssein, der Natur, zu sich selbst gedacht. Sie konkretisiert sich in

den drei Erscheinungsformen des Geistes: im subjektiven Geist des einzelnen

Menschen, im objektiven Geist der menschlichen Gemeinschaftsformen von

Recht, Gesellschaft und Staat und dem absoluten Geist, Kunst Religion und

Philosophie. In der Philosophie vollendet sich die Rückkehr des Geistes zu

sich selbst in Gestalt des absoluten Wissens. Der absolute Geist ist so der

Inbegriff für die Wirklichkeit und den Grund allen Seins.

Im deutschen Idealismus wurde das kantsche Programm ohne dessen Idee des

Dings an sich fortgeführt. Dies rückte den Geist noch weiter in den Fokus

der philosophischen Aufmerksamkeit, da nun eine vom Geist unabhängige

Wirklichkeit nicht einmal als Grenzbegriff angenommen wurde. Das

Leib-Seele-Problem fand im Rahmen derartiger Konzeptionen folgende Lösung:

Wenn der Geist immer schon konstitutiv für die wissenschaftlich untersuchte

Natur ist, so ergibt es keinen Sinn, zu fragen, ob und wo der Geist in

dieser Natur zu lokalisieren sei. In der gegenwärtigen Philosophie des

Geistes werden nur noch selten konsequent idealistische Theorien vertreten.

Dagegen formulierte Karl Marx, sich auf Hegel beziehend, seine

materialistische Auffassung des Geistes. Demnach bedingt die

„Produktionsweise des materiellen Lebens" bzw. die darin verankerte Arbeit

den „sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß".²³

Insbesondere durch Charles Darwins Entwicklung der Evolutionstheorie wurde

der Mensch zunehmend auch als ein biologisches System betrachtet. Dies

führte dazu, dass nunmehr viele Naturwissenschaftler den Geist als ein

Produkt rein biologischer Prozesse betrachteten. In Deutschland erregten

insbesondere die so genannten Vulgärmaterialisten um Ludwig Büchner und

Carl Vogt mit derartigen Behauptungen Aufsehen und lösten so den

Materialismusstreit aus. Auch der Evolutionsbiologe Ernst Haeckel

postulierte, der Geist sei ein wissenschaftlich erfassbares Phänomen. Der

Haeckelsche Monismus ist jedoch nicht als Materialismus zu begreifen, da

Haeckel in der Tradition Baruch Spinozas von einer neutralen Substanz mit

geistigen und materiellen Aspekten ausging. Allerdings gab es auch unter

den Naturwissenschaftlern des 19. Jahrhunderts ungleich skeptischere

Stimmen. Der Elektrophysiologe Emil Heinrich du Bois-Reymond erklärte etwa

1872 in einem einflussreichen Vortrag:

  „Welche denkbare Verbindung besteht zwischen bestimmten Bewegungen

bestimmter Atome in meinem Gehirn einerseits, andererseits den für mich

ursprünglichen, nicht weiter definierbaren, nicht wegzuleugnenden

Tatsachen 'Ich fühle Schmerz, fühle Lust; ich schmecke Süßes, rieche

Rosenduft, höre Orgelton, sehe Roth …'."²⁴

Eine weitere Bedeutungskomponente erhielt der Begriff des Geistes im 19.

Jahrhundert durch den Philosophen, Psychologen und Pädagogen Wilhelm

Dilthey, Mitbegründer der Lebensphilosophie, der die Geisteswissenschaften

den Naturwissenschaften gegenüberstellte.²⁵ Nach seiner Auffassung sind die

Geisteswissenschaften durch eine besondere Methode, die Hermeneutik,

ausgezeichnet. Während sich die Naturwissenschaften mit

Kausalzusammenhängen beschäftigen, sollen die Geisteswissenschaften zu

einem tieferen Verstehen der Phänomene beitragen. Der Neukantianer Wilhelm

Windelband versuchte diese Unterscheidung zu präzisieren, indem er betonte,

dass die Geisteswissenschaften besondere und einmalige Ereignisse

erforschen, während die Naturwissenschaften nach allgemeinen Naturgesetzen

suchen.

20. Jahrhundert

Im frühen 20. Jahrhundert war das philosophische Nachdenken über den Geist

maßgeblich durch den Wiener Kreis geprägt. Die Mitglieder des Wiener

Kreises versuchten, philosophische Konsequenzen aus der Methodologie des

psychologischen (methodologischen) Behaviorismus zu ziehen. Die klassischen

Behavioristen hatten erklärt, dass sich introspektive Angaben über den

Geist nicht überprüfen lassen und daher nicht Teil einer Wissenschaft sein

können. Die Psychologie müsse sich daher auf Verhaltensbeschreibungen

beschränken. Im Wiener Kreis wurden diese Annahmen mit dem

Verifikationismus kombiniert, also der These, dass nur überprüfbare

Aussagen eine Bedeutung haben. Als Konsequenz erscheinen Aussagen über den

Geist als sinnlos, sofern sie nicht von Verhalten handeln.

Die behavioristische Tradition fand ihre Fortführung in Gilbert Ryles 1949

veröffentlichtem Werk The Concept of Mind (Der Begriff des Geistes), das

für mehr als ein Jahrzehnt zur orthodoxen Interpretation des Themas „Geist"

in der angelsächsischen Philosophie wurde. Ryle erklärte, es sei ein

Kategorienfehler, davon auszugehen, dass der Geist etwas Inneres ist. In

einer gewissen Spannung zum Behaviorismus stand hingegen das Werk Ludwig

Wittgensteins. Zwar bestreitet auch Wittgenstein, dass der Geist als ein

innerer Zustand zu verstehen sei, grenzt sich jedoch zugleich vom

Behaviorismus ab.

In eine entgegengesetzte Richtung führte die von Edmund Husserl begründete

Phänomenologie, die explizit die Untersuchung subjektiver, geistiger

Phänomene zum Ziel hatte. Im Verfahren der epoché sollen alle Annahmen über

die Außenwelt „eingeklammert" und so eine Erforschung der puren

Subjektivität möglich gemacht werden.²⁶ Unter Bezugnahme auf Franz Brentano

nahm Husserl an, dass geistige Zustände im Wesentlichen durch

Intentionalität gekennzeichnet seien. Damit ist gemeint, dass sich mentale

Zustände auf etwas beziehen, so bezieht sich etwa die Sehnsucht nach einer

Person auf eine Person. Die Husserlsche Phänomenologie übte einen enormen

Einfluss auf die Philosophie des 20. Jahrhunderts aus, unter anderen auf

Husserls Schüler Martin Heidegger und Jean-Paul Sartre, der nach Freiburg

kam, um bei Husserl zu studieren. In der französischen Philosophie knüpfte

insbesondere Maurice Merleau-Ponty an Husserls Intentionalitätsbegriff an.

Dabei wollte Merleau-Ponty mit dem Begriff des Leibes die Entgegensetzung

von Körper und Geist aufheben. Der Leib ist ein lebender und aktiv

wahrnehmender Körper und lässt sich somit nicht durch eine Entgegensetzung

von Geistigem und Nicht-Geistigem fassen.

In den frühen 1960er Jahren gab es auch in der angelsächsischen Philosophie

eine radikale Abkehr von den behavioristischen Theorien.²⁷ Durch die

Erfolge der neurowissenschaftlichen Forschung inspiriert, versuchten

Identitätstheoretiker den Geist auf das Gehirn zu reduzieren. Ein analoges

Programm wurde von Funktionalisten vertreten, die sich jedoch auf

Künstliche Intelligenz und Kognitionswissenschaft stützen. Diese reduktiven

Bemühungen blieben allerdings nicht unwidersprochen, es wurde auf

unüberwindbar erscheinende Probleme des Reduktionismus hingewiesen.²⁸ Mit

den so genannten Qualia (Bewusstsein der Phänomene) und der Intentionalität

hat der Geist nach Meinung vieler Philosophen Eigenschaften, die sich nicht

durch Naturwissenschaften erklären lassen.

Durch die Spannung zwischen den Erfolgen der empirischen Forschung und den

Problemen des Reduktionismus ist in der Philosophie eine sehr

differenzierte Debatte um die Natur des Geistes entstanden. Heute werden

verschiedene Formen des Physikalismus, Dualismus und Pluralismus vertreten.

Die Eliminativen Materialisten verzichten gänzlich auf die Annahme der

Existenz eines Geistes.

Geist in den Wissenschaften

Auch bei dem Blick auf die wissenschaftliche Erforschung des Geistes ergibt

sich kein einheitliches Bild. Die Wissenschaften, die sich mit dem Phänomen

des Geistes beschäftigen, verfolgen verschiedene Ziele und verwenden zum

Teil sehr unterschiedliche Modelle und Methoden. Die relevanten

Wissenschaften reichen von der Psychiatrie, den Sozialwissenschaften, der

Sozialpsychologie und der Psychologie bis hin zur Hirnforschung.

Psychiatrie

Die Psychiatrie hat sich in ihrer geschichtlichen Entwicklung in

Deutschland vor allem in der Zeit der Aufklärung mit dem Geist als

auslösende Voraussetzung der Geisteskrankheiten befasst.²⁹ Hier wurden

geisteswissenschaftliche Bedingungen dieser Erkrankungen untersucht, so wie

es die Psychiker bis etwa 1845 taten. Da der Geist anderen Gesetzen

unterliegt als die Materie, erfolgten ideologische Auseinandersetzungen mit

dem naturwissenschaftlichen Standpunkt der Somatiker. Erst recht wurden

diese geisteswissenschaftlichen psychiatrischen Ergebnisse durch die neuere

Hirnforschung in Frage gestellt.³⁰

Sozialwissenschaft und Sozialpsychologie

In den Sozialwissenschaften kommt gelegentlich eine überindividuelle

Verwendung des Begriffs „Geist" hinzu.³¹ So nannte der Soziologe Max Weber

eines seiner einflussreichsten Werke 1904 Die protestantische Ethik und der

Geist des Kapitalismus und noch 1935 Ferdinand Tönnies sein Alterswerk

Geist der Neuzeit. In diesem Zusammenhang bezieht sich der Ausdruck „Geist"

auf grundlegende Normen, Überzeugungen und Weltanschauungen, die für eine

Gemeinschaft konstitutiv sind. Allerdings ist auch diese Bedeutung nicht

unabhängig vom Geist der Individuen, da die Normen und kollektiven

Anschauungen für die einzelnen Mitglieder eines Kollektivs sehr bedeutsam

sind. Der Geist im sozialwissenschaftlichen Sinne ist nur denkbar, wenn es

Entsprechungen im Geist einer Vielzahl von Individuen gibt.

Pierre Bourdieu entwickelte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine

komplexe so genannte „Theorie der Praxis" mit eigenen Begrifflichkeiten. Er

unternahm den Versuch, Geist und Materie wie auch Subjektivismus und

Objektivismus auf der Basis empirischer Erforschungen des Alltagslebens und

vergleichender Kulturforschung miteinander zu verknüpfen. Der Mensch

„inkorporiert" demnach seine soziale Umwelt durch geistige Lernakte, die

sich auch körperlich ausdrücken. Zu diesem Habitus gehören unter anderem

die Denk- und Sichtweisen der Wahrnehmungen, die das Urteilen und Bewerten

beeinflussen und den Handlungsspielraum begrenzen.

In der Sozialpsychologie wird der Einfluss sozialer Interaktion auf

geistige Prozesse wie Gedanken oder Gefühle untersucht.³² Dabei kann der

Fokus auf einen weiten sozialen Kontext oder auf zwischenmenschliche

Prozesse gerichtet sein. Ergänzt werden sozialpsychologische Ansätze durch

kulturvergleichende oder kulturhistorische Untersuchungen, in denen etwa

dargestellt wird, wie Gefühle (z. B. Liebe oder Eifersucht) sich in

verschiedenen Kulturen unterscheiden und entwickelt haben. Die

Sozialpsychologie berührt hier auch die klassische anthropologische Frage

nach der Universalität von bestimmten geistigen Prozessen.

Von der Kognitionspsychologie zur Psychoanalyse

Die klassische Wissenschaft des Geistes ist die Psychologie, wobei man

innerhalb der Psychologie wiederum zwischen verschiedenen Ansätzen

unterscheiden muss. So untersucht etwa die Kognitionspsychologie geistige

Prozesse mit möglichst präzisen experimentellen Methoden, um so kognitive

Phänomene wie Gedächtnis, Wahrnehmung oder Denken besser zu verstehen. Ein

Beispiel hierfür ist die Forschung zum Priming, bei dem mittels Darbietung

eines Reizes (Prime) die Verarbeitungszeit eines Zielreizes (Target oder

Probe) beeinflusst wird. Bei Primingexperimenten wird der Versuchsperson

eine Aufgabe gestellt, so muss sie etwa präsentierte Bilder benennen

(Beispiel: Bild von einem Brot → Reaktion „Brot"). Präsentiert man der

Person kurz vor der Aufgabe einen verwandten ähnlichen Reiz bzw. Prime

(etwa das Wort „Käse"), so wird die Versuchsperson die Benennungsaufgabe

schneller lösen. Kognitionspsychologen schließen aus diesen Befunden, dass

die Begriffe im Geist in einer netzwerkartigen Struktur organisiert sind

und die Präsentation des Primes eine Voraktivierung an der richtigen Stelle

des Netzwerks auslöst.

In den letzten Jahrzehnten haben die Kognitionspsychologen sehr viele Daten

über geistige Prozesse gesammelt, und sie gehen zunehmend dazu über, diese

Daten in komplexen Modellen zusammenzufassen. In Form von kognitiven

Architekturen werden solche Modelle als Computerprogramme realisiert und

sollen die Prognose von geistigen Prozessen möglich machen.³³ Derartige

kognitionspsychologische Modelle sind jedoch auf grundlegende geistige

Prozesse beschränkt, also etwa auf die Wahrnehmung von Bewegungen und

Formen oder auf das Kurzzeitgedächtnis. Will man mit Hilfe von

psychologischen Untersuchungen komplexe geistige Phänomene, wie etwa

Charaktermerkmale oder psychische Erkrankungen verstehen, so muss man auf

andere Teildisziplinen (wie etwa die Persönlichkeitspsychologie)

zurückgreifen.

Einflussreich ist in diesem Zusammenhang auch die Psychoanalyse in der

Tradition von Sigmund Freud. Freud machte zu Beginn des vorigen

Jahrhunderts darauf aufmerksam, dass geistige Prozesse zu weiten Teilen

unbewusst ablaufen. So muss sich eine Person etwa keinesfalls im Klaren

über ihre Angst oder Wut sein. Gleichzeitig betonte Freud, dass die

Struktur des Geistes maßgeblich durch die sozialen Normen und Werte einer

Gemeinschaft geprägt sind. Freud beschrieb die Bildung des Ichs

(Wahrnehmen, Denken und Gedächtnis) im Strukturmodell der Psyche als einen

Prozess im Spannungsfeld zwischen dem Unterbewussten (Es) und den

verinnerlichten Normen und Werten (Über-Ich).³⁴

Auch wenn die psychoanalytischen Methoden und auch die psychoanalytische

Therapie weiterhin umstritten sind, wird in der Psychologie doch allgemein

anerkannt, dass zum umfassenden Verständnis geistiger Strukturen eine

Analyse unbewusster und sozialer Prozesse notwendig ist. Es wird zudem

akzeptiert, dass eine solche Analyse nicht allein mit kognitions- oder

biopsychologischen Ansätzen durchgeführt werden kann. Will man etwa

psychische Erkrankungen wie Phobien oder Depressionen umfassend verstehen,

so muss man den weiten lebensgeschichtlichen und sozialen Kontext einer

Person betrachten.

Geist und Gehirn

Während die Psychologie am Verhalten indirekt geistige Aktivitäten

untersucht, ist das Thema der Neurowissenschaften zunächst das Gehirn und

nicht der Geist. Zugleich macht die neurowissenschaftliche Forschung jedoch

deutlich, dass geistige Aktivitäten nicht unabhängig vom neuronalen

Geschehen sind. So beschreibt etwa die Neurologie den Zusammenhang zwischen

Läsionen (Schädigungen) des Gehirns und kognitiven Beeinträchtigungen. Ein

Beispiel hierfür sind Aphasien (erworbene Sprachstörungen), bei denen

spezifische Beeinträchtigungen oft mit Schäden in spezifischen

Gehirnregionen verbunden sind.

Große Aufmerksamkeit hat in den letzten Jahren zudem die Suche nach

neuronalen Korrelaten des Bewusstseins erfahren. Mit der Hilfe von

bildgebenden Verfahren ist es möglich, die neuronalen Aktivitäten im Gehirn

zu messen und zu visualisieren: Derartige Methoden erlauben es zumindest in

Ansätzen zu untersuchen, welche Aktivitäten im Gehirn ablaufen, wenn eine

Person sagt oder auf andere Weise signalisiert, dass sie etwas wahrnimmt,

fühlt oder denkt. Dabei kann man feststellen, dass während der von

Versuchspersonen bezeichneten geistigen Aktivitäten nicht alle Bereiche des

Gehirns gleichmäßig aktiv sind. Vielmehr scheinen mit spezifischen

geistigen Aktivitäten oft auch spezifische neuronale Aktivitäten verbunden

zu sein. Die Erforschung derartiger Verbindungen steckt jedoch noch in der

Anfangsphase und es war bisher nicht möglich, von einer bestimmten

neuronalen Aktivität auf eine bestimmte geistige Aktivität zu schließen.³⁵

Es wird zudem oft bezweifelt, dass dies bei komplexen Gedanken oder

Gefühlen jemals möglich sein wird.

Wie ist nun diese Verbindung zwischen geistigen und neuronalen Aktivitäten

zu verstehen? Warum sind etwa Veränderungen des Geistes mit Veränderungen

des Gehirns verknüpft? Eine mögliche Antwort lautet, dass die geistigen

Aktivitäten mit den Aktivitäten im Gehirn identisch sind. Nach einer

solchen Theorie wären etwa Kopfschmerzen nichts anderes, als eine bestimmte

Aktivität im Gehirn. Auch wenn eine solche Identitätstheorie die

systematischen Verbindungen zwischen Geist und Gehirn leicht erklären kann,

hat sie doch mit Problemen zu kämpfen. Zweifel an der Gleichsetzung von

geistigen Aktivitäten mit Gehirnvorgängen werden oft mit Hilfe des

Qualiaproblems artikuliert. Mentale Zustände wie Kopfschmerzen sind durch

Erleben ausgezeichnet, es fühlt sich auf eine bestimmte Weise an, etwas zu

erleben. Wenn nun mentale Aktivitäten mit Gehirnaktivitäten identisch sind,

so müssen auch die Gehirnaktivitäten durch diese Qualia ausgezeichnet und

durch die Neurowissenschaften erklärbar sein. Die Frage, warum eine

bestimmte Gehirnaktivität mit einem Erlebnis verknüpft ist, können

Neurowissenschaftler derzeit nicht beantworten. Bedeutet dies, dass solche

neuronalen Aktivitäten mit Bewusstseinserfahrungen nicht identisch sind?

Diese These ist – wie die gesamte philosophische Interpretation der

Neurowissenschaften – weiterhin umstritten.

Geist in den Religionen

Judentum

Im Tanach entspricht am ehesten das hebräische Wort „rûah" dem, was im

Deutschen unter „Geist" verstanden wird. Es bedeutet, wie das griechische

„pneuma und das lateinische „spiritus, zunächst „bewegte Luft, „Wind.

Bei Mensch und Tier bezeichnet die rûah weiterhin den Atem, der den

Geschöpfen Leben einhaucht. Als Lebensprinzip ist die rûah Gottes Eigentum;

die Geschöpfe leben von ihr und sterben, wenn Gott sie entzieht. Im

Menschen übt sie die verschiedensten Lebensfunktionen geistiger,

willensmäßiger, sittlicher und religiöser Art aus und ist hier mit dem

Begriff „Nefesch („Seele) fast synonym.

Gott als die Quelle der rûah ist selbst Geistwesen. So schwebte am ersten

Tag der Schöpfung der Geist Gottes über den Wassern (Gen 1,2 ) und im Buch

der Weisheit heißt es „Der Geist des Herrn erfüllt den Erdkreis" (Weish 1,7

). Gott teilt sich auserwählten Menschen mit, indem er den Geist über sie

kommen lässt. Sie werden charismatisch begabt zu (kriegerischen)

Heldentaten, prophetisch-ekstatischen Fähigkeiten und mit dem „Geist der

Weisheit" (Ex 28,3 ) erfüllt.

Der Tanach kennt auch den bösen Geist, der von Jahwe als dem einzigen Gott

ausgehen kann. Dies geschieht dann, wenn die Empfänger Unheil verdienen:

„Als Abimelech drei Jahre lang über Israel geherrscht hatte, sandte Gott

einen bösen Geist zwischen Abimelech und die Bürger von Sichem, so dass die

Bürger von Sichem von Abimelech abfielen" (Ri 9,22–23 ). Diese böse

Geistesmacht, die Gott unterstellt ist, wird später in der christlichen

Theologie die Gestalt des Satans als eine selbständige Funktion, in sich

böse Figur und sogar mit eigener Personifikation als Gegenpart zu Gott

bekommen.

Christentum

Neues Testament

Im Neuen Testament wird „Geist mit dem griechischen Wort „pneuma

bezeichnet. Gemeint ist meist der Geist Gottes, der als „Heiliger Geist"

scharf vom Geist des Menschen unterschieden wird. Dieser Geist Gottes wird

noch nicht so deutlich wie später in der Trinitätslehre als personal

angesehen, sondern als Medium des göttlichen Handelns. Für die personale

Auslegung sprechen jedoch Stellen wie die in der Apostelgeschichte 5,1–11 ,

in der Hananias und Saphira bestraft werden, weil sie den Heiligen Geist

belügen.

Pneuma und Jesus

Der Begriff des Pneuma spielt eine zentrale Rolle in der Geschichte Jesu.

Bereits seine Empfängnis geschieht unter Einwirkung des Heiligen Geistes

(Mt 1,18–20 ). Vom Pneuma wird er in die Wüste getrieben, um dort den

Versuchungen zu widerstehen (Mk 1,12 ). Als Geistträger übernimmt er sein

öffentliches Amt (Lk 4,14 ); auf ihm ruht nun das Pneuma des Herrn (Mt

12,18 ). Mit seiner Hilfe ist Jesus in der Lage, die Herrschaft des Satans

zu brechen (Mt 12,28 ). Dies bedeutet allerdings nicht, dass Jesus

dämonische Kräfte unterstellt werden dürften (Mk 3,29f. ). Die Auferstehung

Jesu von den Toten bedeutet einen Übergang in die Seinsweise des Pneuma

(Röm 1,4 ), womit Jesus als Herr (Kyrios) identifiziert wird (1 Kor 3,17 ).

Das Pneuma in der christlichen Gemeinde bei Paulus

Für Paulus ist fast jede Lebensäußerung der Kirche Wirkung des Pneuma.

Schon bei der Konstituierung der christlichen Gemeinde ist das Pneuma am

Werk (1 Kor 12,13 ). Das Pneuma ist eine Gnadengabe (Charisma), die bei den

Gläubigen unterschiedlich verteilt ist (Röm 12,6ff. ). Paulus stellt eine

Rangfolge der Charismen auf und verlangt ihre Indienstnahme in den Aufbau

der Gemeinde (1 Kor 3,12ff. ).

Paulus unterscheidet auch ein falsches Pneuma, das die Gemeinde „aus der

Fassung bringen und in Schrecken jagen" kann (2 Thess 2,2 ). Es ist daher

„die Fähigkeit, die Geister zu unterscheiden" (1 Kor 12,10 ).

All das geistige Sein der Gläubigen vollzieht sich im Pneuma. Es wird im

Glauben als eschatologische Segensgabe empfangen und mit ihr das „Leben".

Das Pneuma heiligt die Glaubenden; selbst ihr Leib ist ein „Tempel" des

Pneuma. Es bedeutet Freiheit von der Herrschaft der Sünde, des Todes (Röm

8,2 ) und des Gesetzes (Gal 5,18 ). Der Gläubige darf aber diese im Pneuma

gewährte Freiheit nicht zum „Anlass für das Fleisch" (Gal 5,13 ) nehmen,

sondern soll sich in seiner sittlichen Existenz von Pneuma leiten lassen

(Gal 5,16f. ). Das Pneuma wird zwar als Fundament des Heils bezeichnet,

aber nicht als dessen Erfüllung. Paulus bezeichnet es als „Erstlingsgabe"

(Röm 8,23 ) oder „Angeld" (2 Kor 1,22 ) des Gesamtheils. Die Gläubigen

erwarten kraft des Pneumas „die erhoffte Gerechtigkeit" (Gal 5,5 ) und v.a

die Auferweckung des Leibes (Röm 8,11 ).

Die Unterscheidung zwischen dem Reich des Geistes (und der Liebe) und dem

Reich des Fleisches (und der Sünde) war für Paulus zentral. Diese Theologie

hat nach Einschätzung von Kritikern dualistische Vorstellungen begünstigt.

Das paulinische Gedankengut wurde später durch Thomas von Aquin in der

Summa Theologica weitergeführt, und bis heute wird der Begriff anima forma

corporis verwendet.

Islam

Im Bereich des Islam bildet der arabische Begriff rūh (روح / rūḥ) in etwa

das Gegenstück zum deutschen Begriff des Geistes. Rūh ist etymologisch mit

dem Wort rīh verwandt, das die Grundbedeutung von Wind hat. Im Koran

heißt es, dass Gott Adam von seinem Geist einblies und ihn auf diese Weise

lebendig machte (Sure 15:29; 32:9; 38:72). Durch Einblasen seines Geistes

kommt es auch dazu, dass Maria Jesus empfängt (arabisch روحنا, DMG rūḥunā

‚Unseren Geist' Sure 21:91; 66:12). Der Geist Gottes zeigt sich dabei Maria

in einer menschlichen Gestalt (arabisch فارسلنا اليها روحنا فتمثل لها بشرا

سويا, DMG fa-arsalnā ilaihā rūḥanā fa-tamaṯṯala lahā bašaran sawiyyan ‚Und

wir sandten unseren Geist zu ihr. Der stellte sich ihr als ein

wohlgestalteter (w. ebenmäßiger) Mensch dar.', Sure 19:17)³⁶ . Durch den

Geist der Heiligkeit erfährt Jesus später besondere Stärkung (Sure 2:87,

253; 5:110). Auch Jesus selbst wird als ein Geist von Gott bezeichnet

(arabisch روح منه, DMG rūḥun minhu ‚Geist von Ihm', Sure 4:171).

Der Geist erscheint darüber hinaus als Vermittler der Offenbarung. In Sure

40:15 heißt es, dass Gott den Geist mit dem von ihm gegebenen Befehl zu dem

Menschen schickt, von dem er das will, damit er die Menschen vor dem Tag

der Begegnung warne. Der Geist der Heiligkeit ist es, der den Koran

herabsendet, um damit die Gläubigen zu stärken (Sure 16:102). Der "treue

Geist" überbringt Mohammed den Koran (26:193-194).

Theologische Reflexionen über den Geist setzten im Islam Ende des 8.

Jahrhunderts ein. Der basrische Asket Bakr, auf den die Lehrrichtung der

Bakrīya zurückgeführt wird, behauptete, dass der Mensch und ebenso alle

übrigen Lebewesen identisch mit dem Geist seien.³⁷ Der Bagdader Muʿtazilit

Bischr ibn al-Muʿtamir (st. 825) sah hingegen in dem Menschen eine

Verbindung aus Leib (badan) und Geist (rūḥ).³⁸ Tragende Bedeutung erhielt

der Geist in dem Lehrsystem des basrischen Muʿtaziliten an-Nazzām (st.

835-845). Er stellte sich den Geist in Anknüpfung an das platonische

Pneuma-Konzept als einen feinstofflichen Körper vor, der sich wie ein Gas

mit dem Leib vermischt und ihn bis in die Fingerspitzen durchdringt, sich

beim Tode aber wieder aus dieser Verbindung löst und selbständig

weiterexistiert.³⁹

Buddhismus

Mit dem Begriff des Geistes (citta) wird im Buddhismus etwas bezeichnet,

was zur Körperlichkeit hinzutritt. Der Ausdruck wird in der buddhistischen

Anthropologie synonym gebraucht zu Begriffen wie Denken (manas) und

Bewusstsein (vijñana). „Geist" wird unter zweierlei Aspekten betrachtet.

Zum einen ist er eine Erscheinungsweise der menschlichen Existenz (samsara)

und bedarf als solcher der Erlösung (nirvana); andererseits bezeichnet er

genau das Instrument mittels dessen die Erlösung erst möglich wird.

Der Geist geht nach buddhistischer Lehre allem Reden und Handeln voraus.

Oberste Aufgabe ist es daher, ihn durch die Übung der „Achtsamkeit" (sati)

– dem siebten Glied des achtfachen Pfades – unter Kontrolle zu bringen.

Weiterhin ist die Ausrichtung des Geistes, seine Konzentration auf einen

Punkt (samādhi) von Bedeutung.

In der mahayanischen Tradition – vor allem der Yogachara- Schule – des

Buddhismus bildet sich ein radikaler Idealismus heraus, der das Wesen der

Welt nur als Geist interpretiert, wohingegen die Vielheit der Erscheinungen

als Trug und Illusion (māyā) angesehen wird. Der Begriff des Geistes rückt

hier in die Nähe des nirwana, das als Absolutes, nicht genau zu

beschreibendes Prinzip alles Seienden hinter dem Schleier der

individualisierenden māyā liegt.

Mystik

In religiösen mystischen Schriften und einigen philosophischen Traditionen

wird der Begriff Geist meist in zwei verschiedenen Bedeutungen gebraucht.

Zum einen als der „menschliche Geist", was in etwa der heutigen Verwendung

von „Bewusstsein oder „Verstand entspricht und zusätzlich noch „Seele"

umfasst. Zum anderen als „göttlicher Geist oder „absoluter Geist, der je

nach Tradition auch personalisiert als Gott oder Gottheit angeredet wird.⁴⁰

Die praktische Überwindung dieser Trennung ist für viele Mystiker dabei die

wesentliche Aufgabe.⁴¹ Die Frage nach der Beziehung zwischen Geist und

Körper tritt demgegenüber bei Mystikern häufig in den Hintergrund.

Die in den mittelalterlichen Klöstern praktizierten „geistlichen Übungen"

werden in „oratio (liturgisches Gebet), „lectio (Lesung aus den

Schriften), „meditatio" (gegenständliche Betrachtung, Meditation) und

„contemplatio" (gegenstandfreie Anschauung, Kontemplation) unterteilt. Der

Verstand und das Denken sollen so zur Ruhe kommen, um den „einen Urgrund",

also den göttlichen Geist, freizulegen. In diesem Sinn besteht für den

Mystiker kein Unterschied zwischen menschlichem und göttlichem Geist.⁴²

Auch der Körper des Menschen ist in diesem Verständnis ein Ausdruck des

Göttlichen und diesem nicht entgegengesetzt. In der Mystik der frühen

Neuzeit wird der eigene Körper des Mystikers oft in besonderer, teils

extremer Weise thematisiert.⁴³

Literatur

Philosophie

Philosophiebibliographie: Philosophie des Geistes – Zusätzliche

Literaturhinweise zum Thema

- Ansgar Beckermann: Analytische Einführung in die Philosophie des

Geistes., De Gruyter, Berlin u. a., 2001, ISBN 3-11-017065-5.

Ausführlichste deutschsprachige Einführung in die Philosophie des Geistes

- Wolfgang Fritz Haug : Geist ,in: Historisch-kritisches Wörterbuch des

Marxismus. Bd. 5, Argument-Verlag, Hamburg 2001, Sp. 53–91.

- Rudolf Hildebrand: Geist, Niemeyer, Halle, 1926 Klassische und

ausführliche Auseinandersetzung mit dem Begriff des Geistes

- Uwe Meixner (Hg.): Zur Geschichte der Philosophie des Geistes, De

Gruyter, Berlin, ISBN 3-11-017405-7 . Sammelband mit Beiträgen zur

Geschichte von der Antike bis ins 20. Jahrhundert

- John Searle: Geist. Eine Einführung, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2006,

ISBN 3-518-58472-3. Kurze Einführung in das Thema von einem bekannten

Gegenwartsphilosophen

Politik

- Werner Treß: Wider den undeutschen Geist! Bücherverbrennung 1933.

Parthas, Berlin 2003 ISBN 3-932529-55-3

Wissenschaft

- Eric Kandel: Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des

Geistes, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2006 ISBN 3-518-58451-0

Populärwissenschaftliches Buch des Nobelpreisträgers zu

neurowissenschaftlichen und psychoanalytischen Themen

- Hartmann Hinterhuber: Die Seele. Natur- und Kulturgeschichte von Psyche,

Geist und Bewusstsein, Springer, Wien, 2001 ISBN 3-211-83667-5

Historischer Blick auf verschiedene Wissenschaftsdisziplinen

- Jean Émile Charon: Der Geist der Materie, Ullstein Sachbuch, 1982, ISBN

3-548-34074-1 Charon ist theoretischer Physiker

- Freerk Huisken: Zur Kritik der Bremer „Hirnforschung". Hirn determiniert

Geist. Fehler, Funktionen, Folgen. AStA Universität Bremen, ISBN

3-938699-00-0

Religion

- Artikel Geist und Pneuma. in: Lexikon für Theologie und Kirche.

- Artikel Geist. in: Religion in Geschichte und Gegenwart.

- D.B. Macdonald: The Development of the Idea of Spirit in Islam in The

Muslim World 22/2 (1932) 153–168.

- Thomas O'Shaughnessy: The development of the meaning of spirit in the

Koran. Rom : Pont. Inst. Orientalium Studiorum, 1953.

Einzelnachweise

[1] Von griechisch πνέω pnéo oder pneío für: wehen, blasen, hauchen,

aushauchen, atmen. „pneuma" bedeutet demnach: Hauch, Luftstrom (auch

Fahrwind, sogar Duft) sowie Atem und Leben wie bei psyche (s. u.),

ähnlich wie dort auch Mut, aber auch Feuer (wohl „inneres" wie in

  „feuriges Temperament oder „feuriger Mensch). – Bemerkenswerter noch

erscheint der Ausdruck griechisch ἱερόν πνεῦμα (h)ieròn pneuma (wörtl.

heiliges pneuma). Nach dem „Griechisch-Deutschen Schul- und

Handwörterbuch" von Wilhelm Gemoll bedeutet er nicht, wie naheliegen

würde, „Heiliger Geist, sondern Verzückung („Entrückung) und

Besessenheit, der Ausdruck ἐν πνεύματι en pnéumati denn auch in Ekstase

(oder „außer sich" bzw. in Trance) sein. Der christliche Ausdruck

  „Heiliger Geist" wird nach Gemoll mit τό ἅγιον πνεῦμα „pneuma tò

[h]ágion wiedergegeben mit „[h]ágion für das Heilige, Heiligste,

Allerheiligste, wobei in christlich-religiösen Zusammenhängen „pneuma"

auch Engel heißen kann.

[2] Oder griechisch νόος nóos (s. Noologie) – von *snó[w]os für

(Gesichts-)Sinn (lat. sensus) aus idg. *sent- für: gehen (und reisen,

fahren). Der große Duden gibt in Band 7 Herkunftwörterbuchs der Deutschen

Sprache im Eintrag „Sinn" für die Wurzel *sent-, auf die auch lat.

  „sentire" wahrnehmen, fühlen empfinden zurückgeht, die noch ältere

Bedeutung eine Fährte suchen (sc. mit den Augen) an. griechisch νοέειν

noéein bedeutet daher (im Unterschied zum mehr gefühlsmäßigen wahrnehmen,

das mit lat. 'sentire' gemeint ist) offensichtlich per Sehsinn

wahrnehmen, bemerken und erkennen, auch „geistig erkennen" sowie – selbst

im Deutschen – ein-„sehen" (sc. mittels visueller Vorstellungen – s.

Colin McGinns Abhandlung „Mindsight/Das geistige Auge" 2004/2007),

darüber auch denken in allen Formen wie an etwas denken, ausdenken,

bedenken und erdenken, ersinnen, „nous oder „noos dann also

Aufmerksamkeit („auf etwas richten" – wie die Augen!), sodann

Rück-„Sicht", in den Sinn (kommen) – etwa in Form eines „vor das innere

Auge Tretens" u. ä.; deshalb dann vor allem das Vermögen geistiger

Wahrnehmung (s. Über-„blick!), Ein-„sicht, An-„sicht" und Ver-stand,

Vernunft (von vernehmen!), sogar Vermögen des Wollens, Ab-„Sicht" bis hin

zu Empfindungsvermögen, Gesinnung, Sinnesart, Gemüt und Herz bis zu Seele

(ganz ähnlich wie bei psyche; siehe auch Julian Jaynes Noos in seiner

psychohistorischen Studie Die Entstehung des Bewußtseins 1993, S.

327–329)

[3] Von dem Verb griechisch ψύχειν psýchein für „atmen, hauchen, blasen",

auch „(ab)kühlen, erkalten, trocknen". Psyche bedeutet demnach zuerst

  „Atem, (Atem)Hauch, dann aber auch „Atem als Lebensprinzip, (Zeichen

von) „Lebenskraft, ja „Leben überhaupt. Weiterhin stand psyche bei den

Griechen auch für den „Schatten von Toten nach dem „Verlust des Lebens

(eine Vorstellung, die später mit animistischen Seelenvorstellungen

vermengt wurde, so dass psyche heute auch „Seele" bedeuten kann). Im

Einzelnen steht psyche für folgende, überwiegend oder ausschließlich der

Eigen- oder Selbstwahrnehmung zugängliche Lebenserscheinungen wie

  „Denkvermögen, Verstand und „Klugheit, sodann „Gemüt, Herz(haftigkeit)"

sowie „Mut, Sitz der Leidenschaften, Begehrungsvermögen, Lust" und

  „Appetit" bis hin zur Bezeichnung oder Umschreibung der (ganzen) Person,

des „Wertvollsten und „Kostbarsten, womit die Grundlage moderner

Psychologie recht gut angegeben wäre. (vgl. zum Ganzen auch Julian

Jaynes: Psyche. In: Die Entstehung des Bewußtseins. 1993, S. 329–331 u.

350–356; zu der an verschiedenen Stellen im WWW online gestellten

PDF-Fassung des deutschen Textes s. Anm. 9)

[4] Von lat. spirare für: „wehen, hauchen, seufzen, brausen, schnauben,

ausatmen, leben, (aus)duften, ausatmen, aushauchen, erfüllt, beseelt

sein, dichten" – (s. Spirometer); spiritus steht darum für „Luft, Hauch,

Atem" und „Atmen, Atemzug, Lebenshauch, Seufzer, Leben, Anhauch, Mut,

Hochmut, Übermut, Stolz und „Sinn sowie „Gesinnung, Begeisterung" –

oder „Geist – bis hin zu „dichterischem Schaffen

[5] Zum ebenso reichen Bedeutungshorizont dieses lat. Wortes s. bei Mens

(engl. mind) den „Hinweis" in der Anmerkung;

[6] Im Unterschied zur davon weit abweichenden Verwendung der Wörter

  „Animus und Anima" bei C. G. Jung geht lat. animus auf den Atem als

solchen zurück – und weniger wie spiritus sowie pneuma und psychä auf die

Bezeichnung der Aktivität zu atmen; etymologisch steht „animus" mit

griechisch ἄνεμος ánemos für: Wind und Sturm in Zusammenhang

[7] Nach Der große Duden geht „Geist" etymologisch auf die idg. Wurzel

*gheis- zurück. Interessanterweise wird damit ursprünglich auch hier

nichts im heutigen Sinn Geistiges gemeint, sondern in diesem Fall eine

emotionale(!) Reaktion, und zwar die des – psychologisch gesehen

bemerkenswerten und für uns Menschen wortwörtlich „eigenartigen" –

Erschauderns oder Ergriffenseins, des Erregt- oder Aufgebrachtseins. Der

historische Wandel der Bedeutung von „Geist", nach dem es heute möglich

ist, von „geistigen Vorgängen" wie Wahrnehmen, Erinnern, Vorstellen,

Träumen, Phantasieren und anderen Formen des Denkens zu sprechen, dürfte

mit Umständen und Zusammenhängen zu tun haben, die Julian Jaynes in

seinem epochalen Werk Der Ursprung des Bewusstseins schildert (s. dort

vor allem II/5 „Das intellektuelle Bewußtsein der Griechen." S. 311–356;

zu der an verschiedenen Stellen im WWW online gestellten PDF-Fassung des

deutschen Textes s. Anm. 9). Nach dem Philosophen und

Wissenschaftstheoretiker Dirk Hartmann (in „Philosophische Grundlagen der

Psychologie S. 80 f.) wird „Geist heute ähnlich wie Zeit, Raum, Stoff

oder Materie u. ä. Allgemeinbegriffe am besten als sog.

  „Reflexionsterminus" verstanden: ein Wort, „mit dem eine Kategorisierung

bestimmter Aussagen" angezeigt werden soll; er schlägt a. a. O. daher

vor, „Geist" im wissenschaftlichen Sprachgebrauch auf die Kennzeichnung

von „Aussagen über Kognitionen" zu beschränken (und damit von Emotionen,

den umgangssprachlich sog. „gefühlsmäßigen Reaktionen" oder dem

  „Gefühlsleben" der Alltagspsychologie zu unterscheiden).

[8] Hellmut Bock: Anglo-American Common Sense and German Geist, in:

American Quarterly, 1956, S. 155–165

[9] zu dem weitreichenden psychoevolutionären Hintergrund der hier (auch)

sprachhistorisch aufscheinenden Zusammenhängen s. Julian Jaynes' „Der

Ursprung des Bewusstseins" (komplett als pdf-Datei; Achtung: die

Seitenangaben hier sind mit dem Originaldruck nicht identisch!; 2,4 MB)

[10] Übersetzung des Ps. 33, zitiert im Deutschen Wörterbuch von Jacob

Grimm und Wilhelm Grimm

[11] Max Weber: Die protestantische Ethik und der 'Geist' des Kapitalismus

1904

[12] Julius Stenzel: Zur Entwicklung des Geistbegriffs in der griechischen

Philosophie (1956), abgedruckt in Um die Begriffswelt der Vorsokratiker /

(von Kurt Rietzler u. a.); hrsg. von Hans-Georg Gadamer. – Darmstadt :

Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1968. (Wege der Forschung ; 9)

[13] Anaximenes: DK 13 B 2

[14] G. Verbeke, Geist. II. Pneuma, in: Joachim Ritter u. a. (Hrsg.):

Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 3, Basel 1974, Sp. 154–166

[15] Francesco Moiso: Geist. 2. Begriffsgeschichte. 2.1 'Pneuma' und die

anderen griechischen Wörter, in: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.):

Enzyklopädie Philosophie, Hamburg 1999, S. 434 f.

[16] Aristoteles: De An. III, 4, 429 a 22 f.

[17] Christoph Horn/Christof Rapp: Vernunft/Verstand. II. Antike, in:

Joachim Ritter u. a. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie,

Bd. 11, Basel 2001, Sp. 749–764

[18] Augustinus: De animae quantitate 13.

[19] Thomas von Aquin: Summa theologiae I, 76, 2.

[20] René Descartes: Meditationes de prima philosophia, 1641

[21] Saul Kripke, Naming and Necessity, Blackwell Pub., Oxford, 1981 ISBN

0-631-12801-8

[22] David Chalmers: The conscious Mind, Oxford, Oxford University Press,

1997, ISBN 0-19-511789-1

[23] Zur Kritik der Politischen Ökonomie. Vorwort. MEW 13, S. 9, 1859.

[24] Emil Heinrich du Bois-Reymond: Über die Grenzen des Naturerkennens,

Vortrag, 1872

[25] Wilhelm Dilthey: Einleitung in die Geisteswissenschaften, 1863

[26] Edmund Husserl: Ideen zu einer reinen Phänomenologie und

phänomenologischen Philosophie. Erstes Buch: Allgemeine Einführung in die

reine Phänomenologie 1913

[27] Klassiker sind: Ullin Place: Is Consciousness a Brain Process? in:

British Journal of Psychology, 1956 und John Jamieson Carswell Smart:

Sensations and Brain Processes in: Philosophical Review, 1956.

[28] Thomas Nagel: What is it like to be a bat? In: The Philosophical

Review, 1974, S. 435–450

[29] Klaus Dörner: Bürger und Irre. Zur Sozialgeschichte und

Wissenschaftssoziologie der Psychiatrie. (1969) Fischer Taschenbuch,

Bücher des Wissens, Frankfurt am Main 1975, ISBN 3-436-02101-6; S. 263,

270

[30] Manfred Spitzer: Geist im Netz, Modelle für Lernen, Denken und

Handeln. Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg 1996, ISBN

3-8274-0109-7. S. 10

[31] Schon der Protosoziologe Montesquieu benutzte „esprit" in seinem Vom

Geist der Gesetze von 1748 in diesem Sinne.

[32] Günter Bierbrauer. (2005), Sozialpsychologie, ISBN 3-17-018213-7

[33] John R. Anderson / Christian Lebiere: The atomic components of

thought, Erlbaum, 1998, ISBN 0-8058-2816-8

[34] Sigmund Freud: Das Ich und das Es, 1923

[35] Ausnahmen werden beschrieben in: J.-D. Haynes, G. Rees: Decoding

mental states from brain activity in humans. In: Nature Reviews

Neuroscience 7, 2006, S. 523–534 und G. Kreiman, C. Koch, I. Fried:

Category-specific visual responses of single neurons in the human median

temporal lobe. In: Nature Neuroscience 3, S. 946–953

[36] Rudi Paret: Der Koran. Übersetzung. 4. Aufl. Kohlhammer, Stuttgart

1985, ISBN 3-17-008994-3, S. 213.

[37] Vgl. Josef van Ess: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3.

Jahrhundert Hidschra. Eine Geschichte des religiösen Denkens im frühen

Islam. Band V. Berlin-New York 1993. S. 111.

[38] Vgl. dazu Josef van Ess: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3.

Jahrhundert Hidschra. Eine Geschichte des religiösen Denkens im frühen

Islam. Band III. Berlin-New York 1992. S. 115.

[39] Vgl. van Ess III 369f.

[40] So etwa bei Augustinus, „De vera religione" 39.

[41] So anscheinend bei Meister Eckhart, „Von der Stadt der Seele"

[42] In diese Tradition lassen sich auch Texte einreihen wie Angelus

Silesius, „Erstes Buch" 6. Kap.

[43] M. de Certeau: Art. Mystique in: Encyclopédie Universalis; ders: Le

corps folié: mystique et folie aux XVIe et XVIIe siècles, in La Folie

dans la psychanalyse, Payot, 1977, 189–203 hat dies zu analysieren und

erklären versucht.

Normdaten (Sachbegriff): GND: 4019830-3

Sein

Sein (griechisch einai, lateinisch esse – Infinitiv), Dasein, Gegebensein,

In-der-Welt-Sein bezeichnet den Grundbegriff der Philosophie und

Metaphysik.¹ Das Zeitwort sein, zu dem Sein den substantivierten Infinitiv

bildet, kann nicht eindeutig definiert werden und erfordert einen zugrunde

gelegten Seinsbegriff. In der Tradition gibt es dabei zwei grundsätzlich

verschiedene Ansätze:

- Univokes Seinsverständnis: Sein ist das Merkmal, was allen Seienden nach

Abzug der jeweils individuellen Eigenschaften immer noch gemeinsam ist

(Entität),²

- Analoges Seinsverständnis: Sein ist das, was „allem" zukommt, der

Gegenbegriff zum Sein ist das Nichts, da nichts außerhalb des Seins

stehen kann.²

Dagegen beschreibt der Begriff des Seienden (griechisch to on,

mittellateinisch ens – Partizip) einzelne Gegenstände oder Tatsachen.

Seiendes kann auch die Gesamtheit des Existierenden, also „die ganze Welt",

bezeichnen, solange dies räumlich und zeitlich bestimmbar ist. Sein ist

hingegen das unveränderliche, zeitlose, umfassende Wesen (griechisch ousia,

lateinisch essentia) sowohl einzelner Gegenstände als auch der Welt als

Ganzes.

Die Begriffe „Seiendes und „Sein stehen in einem Spannungsverhältnis, da

jedem Seienden in irgendeiner Weise ein Sein zukommt. Seiendes ist im

Werden vergänglich. Seiendes ist gewordenes Mögliches. Die Untersuchung des

Wesens von allem Seienden ist Hauptgegenstand der Ontologie. Ein weiteres

Thema ist die Abgrenzung des Seienden zum Nichtseienden. So betont jede

Form des Realismus, dass es sich vor allem beim sinnlich Gegebenen um

Seiendes handelt, dagegen bei bloß Gedachtem eher um Nichtseiendes.

Seiendes setzt eine existierende Welt von Gegenständen, Eigenschaften oder

Beziehungen voraus. Im Gegensatz dazu sehen die verschiedenen Formen des

Idealismus das eigentlich Seiende in der Innenwelt des rein gedanklich

Vorgestellten, während gerade die Realität einer Außenwelt bestritten und

für bloßen Schein gehalten wird.

Der Begriff des Seins hat den weitesten möglichen Bedeutungsumfang

(Extension) überhaupt, weil er sich auf alles, was denkbar ist, beziehen

kann. Alles, was denkbar ist, bedeutet dabei alles, was nicht „nicht ist".

Für Sein und Nichts gilt der Satz vom ausgeschlossenen Dritten. Erst durch

den Begriff des Seins wird die Vorstellung von Negation und Differenz

möglich. Differenz ist der Übergang vom Sein zum Seienden. Das Sein und das

Seiende stehen in einem dialektischen Verhältnis zueinander. Aus dem Sein

(These) und dem Nichts (Antithese) ergibt sich durch die Unterscheidbarkeit

das Seiende (Synthese). Der Unterschied von Sein und Existenz besteht

darin, dass man mit Existenz ein Sein in der Realität mit einer örtlichen

und zeitlichen Bestimmung meint. Demgegenüber kann man auch solchen

Gegenständen ohne bewiesene Existenz durchaus Eigenschaften zuschreiben:

Atlantis ist ein untergegangenes Weltreich.

Der Begriff des Seins wird in der allgemeinen Metaphysik diskutiert. Sie

fragt nach den allgemeinsten Kategorien des Seins und heißt deshalb auch

Fundamentalphilosophie. Sofern sie das Sein als Seiendes untersucht,

spricht man von Ontologie (Seinslehre).

Der Begriff des Seins

Ein erster Zugang zum Thema ist der sprachliche Gebrauch des Ausdrucks

sein.³ Im umgangssprachlichen Deutsch und in den indogermanischen Sprachen

überhaupt wird „sein" als sprachliche Verknüpfung, als Kopula, zur

Verbindung von Subjekt und Prädikat in Sätzen grammatisch oder in Aussagen

der Logik verwendet. Ob diese grammatische Funktion als bloße Kopula einer

semantischen Bedeutungslosigkeit des Wortes „Sein" entspricht, wird

spätestens seit Aristoteles kontrovers diskutiert.

  „Auch das Sein oder Nichtsein ist kein bedeutungshaltiges Zeichen der

Sache [von der es gesagt wird], auch dann nicht, wenn man das ‚seiend' an

sich selbst nackt sagen würde, denn es selbst ist gar nichts, sondern

bezeichnet eine gewisse Verbindung [zu etwas] hinzu, welche ohne das

Verbundene nicht zu denken ist"

Aristoteles⁴

Dabei kommt es, so eine Beobachtung von Aristoteles, die auch heute noch

viele Philosophen für zutreffend halten,⁵ je nach Aussagekonstellation zu

verschiedenen Bedeutungen des Wortes „ist". „Da aber das Seiende,

schlechthin ausgesprochen, in vielfachen Bedeutungen gebraucht wird."

(Aristoteles⁶ )

Man kann die verschiedenen Bedeutungen des Wortes „ist" im Deutschen

schematisch wie folgt unterscheiden⁷

- Existenz. Beispiel: Sokrates ist.

- Relation

+ Identität

* mathematische Gleichheit. Beispiel: Zwei mal zwei ist vier.

* Kennzeichnung. Beispiel: Aristoteles ist der Lehrer von Alexander.

* Definition. Beispiel: Ontologie ist die Lehre vom Seienden.

+ Prädikation von Eigenschaften. Beispiel: Sokrates ist sterblich.

+ Klassifizierung. Beispiel: Ein Elefant ist ein Säugetier.

Die Verwendung des „ist" zur Kennzeichnung von Existenz kann sich auf die

Existenz von Gegenständen, aber auch von Sachverhalten (es ist der Fall,

dass …) beziehen. Die anderen Verwendungen von „ist", also Identität,

Prädikation oder Klassifizierung kennzeichnen Relationen oder

Eigenschaften, wobei sie jeweils die Existenz des Subjektes implizit

unterstellen (sog. Existenzpräsupposition).

Kategoriale Bestimmung des Seienden

Eine erste systematische Analyse des Seienden ist die Schrift Kategorien

von Aristoteles. In dieser Schrift untersuchte er grundlegende

Aussageweisen über das Seiende. Er stellte eine Liste von zehn Begriffen

zusammen, die vollständig unabhängig voneinander und aus seiner Sicht nicht

mehr auf andere Begriffe zurückführbar sind.

Die Kategorienliste enthält zwei Klassen von Begriffen, nämlich die

Substanz und die übrigen neun Kategorien, die Akzidenzien. Die Substanz ist

das dem Seienden Zugrundeliegende (hypokeimenon). Die Substanz ist jeweils

das Subjekt einer Aussage (Prädikation). Akzidenzien existieren hingegen

nicht selbstständig, sondern nur in einer Substanz. Sie können nur in

Verbindung mit einer Substanz ausgesagt werden.

In einem weiteren Schritt unterschied Aristoteles erste Substanzen (prote

ousia) von zweiten Substanzen (deutera ousia). Die erste Substanz kann

nicht von einem anderen Zugrundeliegenden ausgesagt werden. Sie ist

individuell und der Zahl nach eins, also unteilbar. Die zweite Substanzen

sind die Arten und Gattungen, die von den ersten Substanzen ausgesagt

werden. Von Sokrates sagt man, er sei ein Mensch und ein Lebewesen. Die

zweiten Substanzen sind keine Akzidenzien, weil sie der ersten Substanz

immer zukommen. Sie beschreiben das Wesen der ersten Substanz. Akzidenzien

beziehen sich hingegen immer auf einen bestimmten Zustand einer Substanz.

Philosophiegeschichte

Antike

In der griechischen Naturphilosophie bestand die Suche nach dem Urgrund des

Seienden in Erklärungen anhand eines Urstoffes (Feuer, Wasser, Luft,

Apeiron). Erst bei Parmenides wurde das Sein zu einem abstrakten, jenseits

der Naturphilosophie zu bestimmenden Begriff.

  „Der eine (zeigt), dass das (Seiende) ist und dass es unmöglich ist, dass

es nicht ist. Das ist der Pfad der Überzeugung; folgt er doch der

Wahrheit. Der andere aber (behauptet), dass es nicht ist und dass es

dieses Nichtsein notwendig geben müsse. Dieser Weg ist – das sage ich dir

  – völlig unerforschlich. Denn das Nichtseiende kannst du weder erkennen

(denn das ist unmöglich) noch aussprechen."

– Parmenides⁸

Indem das Seiende nicht mehr das empirisch Fassbare, sondern das Wahre ist,

lehnte Parmenides das Nichtseiende als unmöglich ab. Für ihn galt, „dass

Seiendes ungeworden und unvergänglich ist, ganz und einheitlich, und

unerschütterlich und vollendet."⁹ Parmenides unterschied in seinem

Lehrgedicht, in dem er auch das Werden und Vergehen der Natur betrachtete,

damit erstmals zwischen dem vergänglichen Seienden und dem unvergänglichen

metaphysischen Sein, auch wenn er den Begriff des Seins noch nicht explizit

verwendete. Was es wirklich gibt, entsteht nicht und vergeht nicht. Gegen

Parmenides vertrat Heraklit das Werden als das der Welt zugrunde liegende

Prinzip. (panta rhei)

Platon problematisierte im Dialog Sophistes, dass im Nichtseienden

Möglichkeit steckt, so dass man auch über Nichtseiendes reden kann. Das

Nichtseiende ist nicht Nichts, sondern Verschiedenheit. Wenn man zum

Beispiel sagt, dass Ruhe nicht Bewegung ist, dann heißt das nicht, dass

Ruhe nichts ist. „Sie ist aber doch wegen ihres Anteils am Seienden".¹⁰

Ruhe und Bewegung sind nur nicht identisch. Für Platon war das Seiende als

Werden und Vergehen etwas, das am Sein (an den unveränderlichen Ideen)

teilhat. Die Existenz von roten Dingen besteht in der Teilhabe an der Röte.

Sein ist nach Platon neben Ruhe, Bewegung, Identität und Verschiedenheit

eine der fünf Kategorien, an denen alle anderen Ideen teilhaben.

  „Und da das Sein und das Verschiedene durch alles und auch durch einander

hindurch gehen: so wird nun das Verschiedene als an dem Seienden Anteil

habend freilich sein vermöge dieses Anteils, nicht aber jenes, woran es

Anteil hat, sondern verschieden; als verschieden aber von dem Seienden

seiend ist es aber offensichtlich ganz notwendig nichtseiendes Sein.

Wiederum nun das Seiende, als am Verschiedenen Anteil habend, ist ja

verschieden von allen anderen Gattungen, und von ihnen insgesamt

verschieden ist es ja eine jede von ihnen nicht, noch auch alle anderen

insgesamt, sondern nur es selbst."

– Platon¹¹

Auch wenn er das Sein als Abstraktes auffasste, so konzentrierte sich

Platon noch auf die Betrachtung des empirisch Fassbaren:

  „Ich sage also, was nur irgendeine Wirkkraft (dynamis) besitzt, es sei

denn ‚von Natur irgendetwas anderes zu tun' (poiein) oder wenn auch nur

das geringste vom unbedeutendsten zu erleiden – und wäre es auch nur ein

einziges mal –, alles in exakter Weise sei (ontus einai); denn ich setze

als Definition (Grenze), um das Seiende in seinem Sein abzugrenzen,

nichts anderes als Wirkkraft."

– Platon¹²

Dem den Gesetzen von Ursache und Wirkung unterliegenden Sein stehen als

unveränderliche Größen die Ideen gegenüber, deren höchstes Prinzip die

Einheit (to hen) ist.

Erst Aristoteles kam zu einer klaren begrifflichen Unterscheidung von

Seiendem und Sein. „Von alters her und jetzt und immer ist gefragt und

immer schwierig zu fassen, was das Seiende sei." (Met. VII 1, 1028 b 2-4)

In der Auseinandersetzung mit Platons Ideen entwickelte er in einem frühen

Konzept die Strukturierung des Seienden nach Kategorien (siehe oben).

Später machte er in der Metaphysik das „Seiendem als Seiendes" (to ho en

on) zum grundlegenden Thema der „ersten Philosophie".¹³ „Es gibt eine

Wissenschaft, die das Seiende als Seiendes betrachtet und das, was diesem

an sich zukommt." (Met. IV 1, 1003a 21)

Über die kategoriale Strukturierung hinaus betrachtete er das Seiende nun

als Existenz (to estin), als Wirklichkeit (entelechia) und Möglichkeit

(dynamis) und als Wahres und Falsches. Das Sein ist kein Gattungsbegriff,

weil es nicht eindeutig (univok), sondern mehrdeutig (äquivok) von den

Dingen ausgesagt wird. Der Begriff des Seins fügt der Substanz (ousia)

nichts hinzu; es ist das, was in den Einzeldingen immer schon,

unveränderlich und wesensmäßig enthalten ist. Das Sein als Allgemeines kann

nicht ohne Bezug auf ein Einzelnes ausgesagt werden (siehe

Universalienproblem). Alles was über Seiendes ausgesagt wird, hat in sich

das Sein als solches, das die Einheit stiftet (pros hen), das oberste und

erste Seiende (protos on). „Indem nun in so vielen Bedeutungen das Seiende

bezeichnet wird, so ist offenbar von ihnen erstes Seiendes das Was, welches

das Wesen (Substanz) bezeichnet." (Met. 1028 a 13 – 15). Das absolut

Seiende ist bei Aristoteles der „unbewegte Beweger", die er als die reine,

nur sich selbst denkende Vernunft auffasste, zu der alles Seiende strebt

und durch die damit das Werden und Vergehen verursacht wird.

Neuplatonismus

Im Neuplatonismus bei Plotin ist der Urgrund, das oberste Prinzip, das Eine

(to hen), aus dem sich die Ideen und das empirisch Seiende hierarchisch

herleiten. Das Sein wird mit dem Geist (nous) gleichgesetzt. Der Geist ist

zugleich das Seiende. Sein und Denken fallen in einem zusammen. Das Sein

ist das Denken, das Seiende das Gedachte.

  „Das Erste nämlich muss ein Einfaches vor allen Dingen Liegendes sein,

verschieden von allem was nach ihm ist, für sich selbst seiend, nicht

vermischt mit etwas, was von ihm stammt, und dabei doch in anderer Weise

fähig, den Dingen beizuwohnen, wahrhaft eines seiend und nicht zunächst

etwas anderes und dann erst Eines. […] Denn wenn es nicht einfach wäre,

entrückt aller Zufälligkeit und aller Zusammengesetztheit, und wahrhaft

eigentlich Eines, dann wäre es nicht mehr der Urgrund; erst dadurch, dass

es einfach ist, ist es von allen Dingen das Unabhängigste und so das

Erste."

– Plotin¹⁴

Aus diesem Urgrund fließt alles Seiende durch Emanation. Der Geist selbst

ist der erste Schritt der Emanation. Vernunft kann nicht oberste Instanz

sein, denn sie beinhaltet stets den Bezug auf etwas, eine Differenz. Diese

unspezifizierte Differenz ist das Sein. Die Entfaltung des Seins ist die

Welt der Ideen (kosmos noetos), die Weltvernunft. Der Nous erzeugt durch

Emanation die Gattungen und Arten des Seienden. Die Ideen sind das Ganze

des jeweils Seienden, durch die die Vielheit der Materie zur Einheit

gebracht wird. Die Ideen geben dem Seienden die Form und sind damit

ontologisch primär. Die Emanation ist ein hierarchischer Prozess der

Entwicklung vom obersten Allgemeinen bis hin zur einzelnen Art und zum

Individuum. Hierdurch ist zugleich die Ordnung der Welt bestimmt.

  „Wenn die Ideen nun viele sind, so muss es notwendig ein Gemeinsames in

ihnen geben und auch ein Eigenes, wodurch sich die eine von der anderen

unterscheidet. Dies Eigene also, dieser absondernde Unterschied ist die

individuelle Gestalt der Idee. Ist aber eine Gestalt da, so gibt es

etwas, das gestaltet wird, an dem der spezifische Unterschied ist; es

gibt dort also auch Materie, welche die Form aufnimmt und für jede das

Substrat ist. Ferner wenn es in der oberen Welt einen intelligiblen

Kosmos gibt und der irdische sein Abbild ist, dieser aber zusammengesetzt

ist unter anderem aus Materie, so muss es auch dort Materie geben."

– Plotin¹⁵

Ähnlich wie Plotin unterschied dessen Schüler Porphyrios Sein, Leben und

Denken. Hieran anknüpfend verband Augustinus in seiner Trinitätslehre das

christliche Denken mit dem Neuplatonismus. Dem ungeschaffenen göttlichen

Sein steht das geschaffene weltliche Seiende gegenüber. Das Sein ist der

sinnlichen menschlichen Erkenntnis nicht mehr zugänglich. Erkenntnis des

Seins wird zu einer glaubenden inneren Erkenntnis (intima cognitio). Auch

Boethius vertrat die Abhängigkeit des Seienden vom göttlichen Sein.

„Verschieden ist das Sein und das, was ist; das Sein selbst nämlich ist

noch nicht, sondern erst das, was ist, indem es die Form des Seins

empfangen hat, ist und besteht." (Boethius¹⁶ ) Jedes Seiende (ens) hat teil

am Sein (esse), aber das Sein selbst hat an nichts teil. Die Ideen sind

Ideen im Geist Gottes, dessen Wille das erste Prinzip ist.

Mittelalter

In der mittelalterlichen Diskussion

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