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Der Garten Gottes

Der Garten Gottes

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Der Garten Gottes

Länge:
330 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
May 30, 2016
ISBN:
9783959800624
Format:
Buch

Beschreibung

Rudolf Greiz erzählt von Menschen in Südtirol, von der Liebe zwischen einem Dichter und einer sehr jungen Frau, dem Leid und Neid, der Mißgunst und dem Hass, den diese Liebe auslöst.Rudolf Heinrich Greinz (* 16. August 1866 in Pradl bei Innsbruck; 16. August 1942 in Innsbruck), österreichischer Schriftsteller. Rudolf Greinz, der Bruder des Kritikers, Erzählers und Übersetzers Hugo Greinz, wurde als Verfasser von religiösen Schriften und konservativen historischen Romanen bekannt. Sein Verhältnis zur Kirche war jedoch stets ambivalent. Obrigkeitsorientiert und dennoch kirchenfeindlich. Ab 1933 lebte der beliebte und weitverbreitete Tiroler Erzähler in Aldrans bei Innsbruck. Zahlreiche Reisen führten ihn zu Dichterlesungen im gesamten deutschen Sprachraum, wo er als der typische Vertreter des bodenständigen Schrifttums in Tirol galt und großen Anklang fand. (Quelle: Wikipedia)
Herausgeber:
Freigegeben:
May 30, 2016
ISBN:
9783959800624
Format:
Buch

Über den Autor


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Der Garten Gottes - Rudolf Greinz

Inhaltsverzeichnis

Titelseite

Der Garten Gottes

1.

2.

3.

4.

5

6

7

8

9

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Über den Autor

Impressum

Hinweise und Rechtliches

E-Books im Reese Verlag (Auswahl):

Rudolf Greinz

Der Garten Gottes

Roman

Reese Verlag

mediareese.de

Der Garten Gottes

1.

Setzt euch zu mir und lauschet ...

Ich will euch erzählen von einer alten, lieben Stadt. Die liegt in einem wunderschönen Land, umkränzt von hohen Bergen, von Schlössern und Burgen, lachenden Fluren und Auen, grünen Weinbergen und üppigen Obstangern. Tiefblauer Himmel wölbt sich über dem breiten Tal, und die Sonne leuchtet so goldig und warm, als hätte sie ein immerwährendes Freudenfest zu feiern.

Und ich will euch erzählen von Menschen, von der Liebe und dem Leid und dem ewigen Frieden.

Es war einmal ...

Es war einmal ein liebes, blondes Kind. So zart und fein wie ein Elflein, mit goldig rotem Haar und großen, strahlenden blauen Augen. Und es war ein feiner junger Herr, ein Fremder in diesem Land, der gekommen war, dort Heilung zu suchen von schwerem Siechtum ...

Heinrich Landgraf, der Dichter, weilte erst wenige Wochen in der alten Stadt Meran. Nach einer langen und beschwerlichen Reise war er vom Norden dorthin gekommen, mitten im Winter, hatte Eis und Schnee und rauhe Stürme hinter sich gelassen und hatte hier den Frühling gefunden.

Schon blühten vereinzelt an den Hügelländen die Mandeln und die Pfirsichbäume, und grüner Rasen bedeckte den größten Teil der Wiesen und Felder des sonnigen Landes. Man hätte es kaum glauben mögen, daß erst vor wenigen Tagen der März seinen Einzug gehalten hatte.

Wie ein Träumender durchwanderte Heinrich Landgraf die sonnbeschienenen, ungepflegten und zum Teil auch steinigen Wege. Denn damals gab es in der kleinen Stadt weder Promenaden noch Kurgärten. Wie ein schlafendes Dornröschen lag Meran in seiner einsamen Pracht und harrte des Erweckers, der erst Jahrzehnte später es zum blühenden Leben rief.

Daß es so viel Sonne geben konnte!

Immer wieder mußte Heinrich Landgraf auf seinen einsamen Wanderungen an seine nordische Heimat denken, wo es noch tiefer Winter war, während es hier mit mächtigen Schritten dem jungen Lenz entgegenging.

Und was für ein Frühling war das! Blütengarten reihte sich an Blütenhain. Berückend schön in seinem reichen Farbenrausch. Jede Schattierung von Weiß, Rosa und dunkelm Rot. Blütendolde an Blütendolde, so voll und üppig, als hätten Engel über Nacht mit feinen, segenspendenden Händen diese Gegend in einen Garten Gottes verwandelt.

Ein Garten Gottes ... so nannte es Heinrich Landgraf, der Dichter, in warmer Dankbarkeit, indes die kranke Brust tief atmend die laue Luft einsog ... indes viel hunderte kleiner Vogelkehlen den jubelnden Gesang von Liebe, Sehnsucht und Erfüllung anstimmten.

Ein junger, müder, gebrochener Mann schlich da einsam, in tiefe Gedanken versunken, den Weg entlang. Heinrich Landgraf war doppelt krank, an Leib und Seele. Hart hatte dem noch nicht Dreißigjährigen das Leben mitgespielt, und kaum wagte er zu hoffen, daß ihm hier auch Heilung für die Seele werden könnte.

Eine tiefe Furche grub sich in die hohe bleiche Stirn des jungen Mannes, und fest preßte er die Lippen zusammen, wie vor verhaltenem Weh. Ein kühler frischer Wind blies ihm ins Gesicht und rötete die blassen Wangen. Der scharfe Wind kam so plötzlich und war so ungewohnt, daß Heinrich Landgraf unwillkürlich und beinahe erschrocken auffuhr und überrascht stehenblieb.

Wo war er eigentlich hingeraten? ... Er hatte gar nicht auf Weg und Steg geachtet und war einfach planlos weitergewandert. Und nun sah er, daß er die Stadt weit unter sich gelassen hatte und daß er sich auf einer Art Berghöhe befand.

Bis hinauf zur Zenoburg war er gestiegen. Daß er dies so ohne körperliche Anstrengung hatte leisten können, freute ihn und war ihm ein gutes Zeichen der fortschreitenden Genesung. Denn der Weg, der zu der alten Ruine emporführte, war steil und .Innig. Wiederholt schon hatte Landgraf es unternommen, die alte, graue, mit Efeu bewachsene Burg näher zu besichtigen. Doch stet’, hatte er auf halbem Wege kehrtmachen müssen.

Heute aber war es gelungen; und beinahe wäre er jetzt achtlos an der Ruine vorbeigegangen. Denn schon war er ein Stück des Weges weitergewandert, als ihn der frische Passeirerwind aus seiner Gedankenwelt aufschreckte und in die Wirklichkeit zurückrief.

Vom Norden herüber grüßte der Jaufenpaß, der das enge Tal der Passer abschloß, und mit ihm grüßte der Winter; denn heftiges Schneegestöber war auf dem Paß zu sehen. Das nahm sich aus wie das lose Spiel von feinen weißen Schleiern im Wind, die schelmisch immer wieder die tiefe Bläue des Firmamentes zu verdecken suchten und denen es doch nur gelang, für Augenblicke die äußerste Spitze des Berges in leichten, durchsichtigen Nebel zu hüllen.

Eine Weile blieb Heinrich Landgraf stehen und schaute wie gebannt auf das herrliche Panorama des Nordens, das sich hier seinen Augen erschloß. Nur der strahlend blaue Himmel erinnerte hier noch an den Süden ... und doch, sowie er seine Blicke nach rechts lenkte, hinüber nach Obermais, von dem ihn das breite Bett der Passer trennte, war er schon wieder mitten im Blütenmeer des Südlandes.

Wie scharf und schneidend hier oben der Wind wehte! Heinrich Landgraf erinnerte sich an die Mahnung des alten Arztes, unter dessen sorgender Obhut er sich befand. Nicht stehenbleiben und vor allem nicht im erhitzten Zustand. Kalte Winde schaden der Lunge, hatte der alte Herr gemahnt.

Eingedenk dieser Warnung, widerstand Landgraf der Lockung, hier am Wegrand eine kurze Rast zu machen. Eine plötzliche Müdigkeit überfiel den Kranken, und der Heimweg erschien ihm mit einem Male weit und beschwerlich.

Doch hier oben, wo der Norden mit dem Süden um den Vorrang zu kämpfen schien, war nicht der geeignete Ort zur Rast. Er mußte sich ein ruhiges, windgeschütztes Plätzchen suchen und hoffte es hinter den Mauern der alten Zenoburg zu finden.

Langsam wanderte Heinrich Landgraf die kurze Strecke bis zu der alten Ruine zurück. Obwohl der Weg nur etliche Minuten in Anspruch nahm, erschien er dem Kranken doch weiter, als er es in Wirklichkeit war, länger und auch beschwerlicher.

Beinahe schleichend vor Erschöpfung stieg der einsame Wanderer die kleine Anhöhe hinan, umweht von dem scharfen Passeirerwind, der sich ihm nun in unangenehmer Weise bemerkbar machte.

Ganz erhitzt langte Heinrich Landgraf vor dem Eingangstor der Burgruine an und war nun mit wenigen Schritten nicht nur im Südland, sondern sah sich auch plötzlich um Jahrhunderte zurückversetzt.

Auf einem langgestreckten, in das rauschende Bett der Passer vorspringenden Felsknoten liegen die Überreste der einstmals weitläufigen Zenoburg, inmitten abschüssiger Wiesen, umstanden von uralten breitästigen und hochwipfeligen Bäumen. Efeu und Gesträuch klettern an den Trümmern der Ringmauer empor. Nur noch ein einsamer hoher viereckiger Turm und der dem heiligen Zeno geweihte Kirchenbau mit dem romantischen Sandsteinportal, dessen halbverwitterte eingemeißelte Figuren in den hellen Sonnenschein starren, zeugen von der entschwundenen Herrlichkeit jener seit Jahrhunderten versunkenen Zeit, als König Heinrich von Böhmen da droben glänzenden Hofstaat hielt.

Drunten am jäh abstürzenden Felsen gurgeln die Wellen der Passer. Droben träumt die weltabgeschiedene Einsamkeit, weht der Wind durch die grünen Wipfel und spielen die Sonnenlichter über dem grauen Gemäuer.

Wie feierlich und still es hier oben in dem kleinen Burghof war. Nichts regte sich, kein Laut... nur ab und zu der halb verschollene Schrei eines Hahnes, der an die Nähe menschlicher Behausungen gemahnte. Warm brannte die Sonne auf den Burghof herab, und leise raschelte das Laub des Efeus, wenn flinke grüne Eidechsen ihr hurtiges Spiel über die altersgrauen Mauern trieben.

Der hohe viereckige Turm, zu dem steile Steintreppen emporführten, stand getrennt von dem Kirchenbau, der mehr gegen Süden lag und einen herrlichen Ausblick nach Meran und Obermais bot. Bäume und Sträucher wuchsen hier in wirrem Gestrüpp. Welkes, goldgelbes Laub, ein Überrest des reichen Herbstes, bedeckte den Boden und knisterte unter den beinahe vorsichtigen Tritten des jungen Dichters. Denn Heinrich Landgraf überkam ein heiliger Schauer in dieser altehrwürdigen Vergangenheit, und mit ehrfürchtiger Hingabe ließ er den Zauber dieser ganzen Umgebung auf sich einwirken.

Er genoß die Ruhe, den tiefen Frieden, genoß den Blick auf die Weingärten und Blütenhaine von Obermais, bewunderte die Schlösser und Burgen, die zumeist von Efeu überwuchert mitten in weit ausgedehnten Weingärten lagen, schaute hinauf zu der spitzen Bergzacke des Ifingers und erfreute sich an dem Anblick des Kirchleins Sankt Katharina in der Scharte, das im Osten auf waldigem Bergkamm gelegen freundlich ins Etschland grüßte.

Jäh senkte sich vor dem einsamen Mann der felsige Abgrund ins Tal. Die Passer brauste in enger Talschlucht, und zu Füßen des Berges sanft angeschmiegt an diesen, lag eine kleine Wiese. Die war so tiefgrün und sah aus wie eine weiche Matte. Sie lockte verführerisch. Ein Schwindelgefühl überkam den jungen Dichter, als er von dem niederen Mauerausschnitt neben der Kirche längere Zeit in die steile Tiefe schaute.

Eine kleine Steinbank war am Kircheneingang der alten Ruine angebracht und lud zu kurzer Rast. Heinrich Landgraf ließ sich auf der Bank nieder, um sich hier von den Beschwerden des Weges zu erholen. Die Sonne brannte warm und mild, und den einsamen Mann überkam ein so eigen wohliges Gefühl, daß er allmählich Zeit und Ort vergaß und leicht zu schlummern begann.

Wie lange er so, den breitkrempigen Strohhut mit dem schwarzen Band tief in die Stirn gedrückt, dagesessen hatte, wußte er nicht. Als er erwachte, herrschte noch immer die feiertägliche Stille wie zuvor. Die Eidechsen kletterten munter über das alte Gemäuer, oder sie hielten eine Weile reglos inne und äugelten klug und beobachtend auf den Fremden, um dann flink und hurtig in ihr efeuüberwuchertes Versteck zu entfliehen.

Weiße Schmetterlinge flatterten umher, und leise surrend durchschwirrten bunte Käfer die Luft. Von Obermais tönte der helle Klang einer Turmuhr. Vier Uhr ... Heinrich Landgraf mußte schleunigst an den Heimweg denken, wenn er noch vor Sonnenuntergang sein schützendes Dach erreichen wollte. Denn so warm und mild die Luft jetzt war, so kalt und rauh konnte sie zu späterer Stunde werden.

Noch einmal sah sich Landgraf in diesem stillen Märchenreich um, blickte hinüber zu den alten Schlössern nach Obermais und hinunter gegen Süden in das breite Etschtal. In feinem blauen Dunst lagen dort die zarte Silhouette der Mendel und die spitzen Zacken der Trientinerberge, die das Tal abschlossen. Ein würziger Hauch von Blüten war in der Luft, und der schmelzende Gesang einer Amsel kündete den angehenden Abend.

Nur eine ganz kurze Wanderung durch diesen kleinen Zaubergarten wollte sich Heinrich Landgraf noch leisten, ehe er den Heimweg antrat.

Ein paar halb verfallene Steintreppen führten von dem viereckigen, nach rückwärts gelegenen Turm in einen kleinen verwilderten Garten. Von niederen Steinmauern umgeben und vom Efeu übersponnen, ohne Zier und Blumen war dieser Fleck Erde. Nur Veilchen lugten verstohlen aus ihren Verstecken.

Heinrich Landgraf bückte sich, um etliche von ihnen zu pflücken. Er war ein schlankgewachsener blonder Mann, und sein von einem kurzen Vollbart umrahmtes Gesicht hatte beinahe die zarte rosige Farbe eines jungen Mädchens. Das volle Blondhaar wellte sich leicht unter dem breitkrempigen gelben Strohhut, der den müden Ausdruck der hellen Augen etwas verdeckte.

Als sich Landgraf zur Erde beugte, übersah er die schmale, vom welken Herbstlaub noch ganz überschüttete Steintreppe, die abwärts zu einem zweiten kleinen, gleichfalls eingemauerten Garten führte. Und wie ein kleiner Junge fiel er der Länge nach hin, mit der Nase auf dem Boden und die Hände weit von sich gestreckt.

Er mußte einen unbeschreiblich komischen Anblick geboten haben; denn zwei helle Mädchenstimmen lachten schadenfroh und unbarmherzig und schienen sich vor Lustigkeit gar nicht mehr fassen zu können.

Der Klang menschlicher Stimmen in diesem stillen Zauberreich schien den jungen Mann noch mehr zu überraschen als sein Mißgeschick, und ganz verdutzt und unbeholfen schaute er um sich. Er wäre nicht im mindesten überrascht gewesen, wenn sich plötzlich aus dem altersgrauen Gemäuer ein paar Kobolde losgelöst und ihn mit ihrem Spott gehänselt hätten.

Wie in Erwartung einer spukhaften Erscheinung blieb Heinrich Landgraf reglos liegen und reckte nur den Kopf ein klein wenig in die Höhe, neugierig der Richtung folgend, aus der das lose Mädchenlachen kam. Die Eigentümerinnen der hellen Stimmen aber konnte er nirgends entdecken.

Schon bildete er sich ein, daß ihn tatsächlich bei hellichtem Tag Spukgestalten höhnten, als ihm plötzlich ein kleiner Strauß Vergißmeinnicht mitten ins Gesicht flog und ihn zur Wirklichkeit zurückrief.

»Aber Mariele!« hörte er eine weiche dunkle Stimme vorwurfsvoll sagen. »Wer wird denn ...«

»Laß’ mich!« kam es resolut zurück. »Der Herrische ist gar so teppet!«

Und ehe Landgraf es sich versah, bekam er mit derbem Wurf eine ganze Ladung Blumen ins Gesicht geschmissen. Das waren so viele, daß er vorerst nicht einmal die Augen öffnen konnte. Erst allmählich befreite er sich von der schönen Last und sah, daß es lauter Vergißmeinnicht waren. Offenbar ganz frisch gepflückt und von seltener Größe und tiefblauer Farbe.

»Oh ... die armen Blumen!« rief er mit komischem Bedauern. Dabei erhob er sich langsam und etwas schwerfällig; denn es fiel ihm nun mit einem Male ein, daß die Stellung, in der er sich befand, nicht gerade sehr männlich aussah und den Spott der jungen Mädchen entfesseln mußte.

Als er aufgestanden war und noch ganz verwirrt um sich schaute, erblickte er auch die Besitzerinnen der hellen lachenden Stimmen in seiner allernächsten Nähe. Eng aneinandergedrückt saßen zwei blutjunge Mädchen am Rand der niederen Steinmauer, und ihr Schoß war voll von Blumen, die sie zu Sträußen ordneten.

Jetzt, da der Fremde vor ihnen stand und höflich grüßend seinen Hut zog, bekamen sie’s mit der Scheu zu tun. Verlegen, mit ängstlichen Kinderaugen sahen beide zu ihm auf. Es waren halbe Kinder. Sie mochten ungefähr sechzehn und siebzehn Jahre alt sein.

Ein zartes goldblondes Köpfchen mit hellen strahlenden Augen, glührot im Gesicht vor Verlegenheit, suchte Deckung vor dem forschenden Blick des Fremden und verbarg sich scheu hinter den Schultern der Freundin. Diese, ein bräunlich derberes Mädel, nicht sehr groß, aber gut gewachsen, schien bedeutend resoluter zu sein. Denn nachdem sie die erste Scheu überwunden hatte, sprang sie entschlossen in die Höhe, pflanzte sich kühn vor Heinrich Landgraf auf und erwiderte mit frischer Stimme seinen stummen Gruß ... »Grüß Gott!«

Es klang herausfordernd, und in ihren dunkeln Augen leuchtete es übermütig. Offenbar belustigte sie der Fremde noch immer sehr; denn mit einem Male platzte sie fröhlich lachend los.

Das lustige Lachen wirkte so ansteckend, daß Heinrich Landgraf unwillkürlich mit einstimmte. Auch das zarte Blondköpfchen, das anfangs schüchtern versucht hatte, dem Heiterkeitsausbruch ihrer Freundin Einhalt zu tun, lachte nun frei und ungebunden mit.

So lachten sich denn die drei Menschenkinder, die sich eben erst gesehen hatten, gründlich und vom Herzen aus. Jedes lachte, weil es das andere lachen sah, und keines wußte eigentlich mehr, warum es lachte. Aber sie freuten sich über ihren Frohsinn und über ihre Jugend ... und der Fremde fühlte es als etwas ungemein Befreiendes, so vom Herzen mitlachen zu dürfen.

Erst nach geraumer Zeit, als sie alle drei wieder ernst geworden waren, frug Heinrich Landgraf: »Ich muß wohl drollig ausgesehen haben, wie ich so dalag, weil Sie soviel Spaß daran haben?«

»Wie ein Kiniglhas ...« antwortete das brünette Mädchen. »Und so ein dummes G’sicht wie Sie g’macht haben!« Und neuerdings wollte sie belustigt losbrechen.

»Aber Mariele ...« Die kleine Goldblonde mit den großen hellen Augen hatte sich nun erhoben, und überrascht sah Landgraf auf das zarte, feine Figürchen herab. Etwas ungemein Kindliches lag in dem weichen Gesichtchen, und hätte nicht ihre fast frauenhafte Kleidung und ihre Haartracht sie älter erscheinen lassen, so hätte man sie ruhig für ein zwölfjähriges Mädchen halten mögen.

Sie trug wie ihre Freundin ein langes helles Kattunkleid, und ein weißer Spitzenkragen, der den feinen Hals nur ganz wenig freiließ, war über der Brust kreuzförmig geschlossen. Der Rock war bauschig und verlieh der zierlichen Gestalt das gravitätische Aussehen einer gut angezogenen Puppe. Das goldblonde Haar trug sie in weichem Scheitel tief über die Ohren gekämmt und rückwärts in Zöpfen über einen großen Hornkamm geschlungen. Das zarte, beinahe durchsichtige feine Gesichtchen hatte einen weichen Liebreiz. Zwei Grübchen spielten beim Lachen um den frischen kleinen Mund, und der Ausdruck ihrer großen blauen Augen hatte etwas Inniges und Verträumtes.

»Kleine Märchenprinzessin ...« sagte Heinrich Landgraf galant, während er sich nochmals tief vor ihr verbeugte. »Wie heißen wir denn?« frug er sie dann in beinahe väterlichem Ton.

»Gabriele ...« sagte das Mädchen leise, und ihre Freundin ergänzte: »Gabriele Falger, und ich bin die Marie Neuner. Und wie heißen Sie?« forschte sie und sah neugierig zu ihm auf.

»Doktor Heinrich Landgraf und bin ein Dichter. Wissen die jungen Damen, was das ist?«

Gabriele schüttelte verneinend den Kopf, während das Mariele vorlaut meinte: »Was recht Gescheites kann das einmal nit sein. Denn sich bei hellichtem Tag auf die Zenoburg aufersetzen und da zu schlafen, nachher herzukugeln und liegenzubleiben wie ein Strohsack ...«

»Aber Mariele ...« sagte die Kleine vorwurfsvoll, und mit bittendem Blick entschuldigte sie die Freundin ... »Sie dürfen’s ihr nit verübeln, gnädiger Herr, ’s Mariele ist nur ein bissel resch ... aber sonst ist sie schon recht.«

Die Art, wie sich die Kleine ausdrückte, überzeugte Landgraf, daß sie ein Mädchen aus dem Volke war. Er hätte sie wirklich und wahrhaftig für ein feines Fräulein gehalten. Die zarten kleinen Hände waren weiß und gepflegt und zeugten nicht von harter Arbeit. Das Mariele hingegen hatte eine derbe Arbeitshand, und die Haut war rauh und stark gerötet.

Das alles sah Heinrich Landgraf, während er jetzt neben den beiden Mädchen den steilen Hang von der Zenoburg herabstieg. Und er sah auch, daß das Mariele gar nicht so gut und sorgfältig gekleidet war wie ihre Freundin. Diese trippelte nun mit kurzen schnellen Schritten voran und hatte dabei etwas ungemein Possierliches an sich. Eine Art gravitätischer Grazie, frühreifer Frauenwürde, von der das kindliche Gesichtchen seltsam abstach.

»Wie eine lebendige Puppe ...« sagte Heinrich Landgraf halblaut vor sich hin und betrachtete die Kleine mit nachdenklichen Blicken.

»Da haben’s recht. Akkurat wie eine Puppen. Der alte Kruckenhauser sagt’s auch alleweil ...« bestätigte ihm das Mariele, die mit scharf beobachtenden Augen neben dem Fremden herging.

»Der alte Kruckenhauser? Wer ist das?« frug Heinrich Landgraf über eine Weile.

»Sie werden ihn nit kennen.« Das Mariele schob verächtlich die kräftige Schulter hoch. »Ein halber Narr ist’s, und den Puppenspieler heißt man ihn.«

»Den Puppenspieler? Warum?«

»Weil er nix tut wie Puppen schnitzen. Lauter Grafen und Gräfinnen und Fürsten und ...«

»Und Könige und Räuber und ...« ergänzte Landgraf munter.

»Ja, woher wissen denn Sie das?« Das Mariele schaute verwundert zu dem Fremden auf, als wollte sie sagen ... sie hätte ihm beim besten Willen nicht so viel Geist zugetraut, daß er dies alles erraten könnte.

»Das ist aber schwer zu erraten!« spottete nun Landgraf und sah lustig auf das braune Mädel herab. »Sie scheinen noch immer keine hohe Meinung von mir zu haben.«

»Ich kenn’ Ihnen ja gar nit.« Nun wurde das Mariele mit einem Male rot, und eilig davonlaufend sprang sie flink wie ein Wiesel ihrer Freundin nach.

»Heda! Nur nicht gar so schnell! Wollen mich die Damen nicht mitnehmen?« rief Heinrich Landgraf fröhlich. Er fühlte sich plötzlich wie umgewandelt. Alle Müdigkeit war jetzt verschwunden, und er dachte gar nicht mehr daran, daß er eigentlich ein kranker Mann war und auf sich achtzugeben hatte.

»Wo wohnen Sie denn?« frug Gabriele mit ihrer vollen dunkeln Stimme, die so seltsam weich klang und bei dem zierlichen Persönchen so überraschte.

»Drunten in Meran.« Der Fremde wies mit der Hand in die Richtung, von woher er gekommen war.

»Jetzt sind wir akkurat so gescheit wie zuerst!« meinte das Mariele. »Sie müssen schon sagen, wo Sie in Meran wohnen. Die Stadt ist groß.«

»Sehr groß!« spottete Heinrich Landgraf. »So groß, daß ich mich wundere, Sie beide erst heute kennenzulernen. Man stolpert ja sonst über jeden Bekannten auf Schritt und Tritt.«

»Bei uns können’s lang warten, bis Sie über uns stolpern!« gab das Mariele beleidigt zurück. »Wir gehen unsere eigenen Wege, und in die Stadt kommen wir nur selten.«

»Das soll doch keine Abfuhr sein ... Fräulein Mariele ...« bat der Fremde. »Es hat mir so gut getan, zwei junge frische Menschenkinder anzutreffen. Sie wissen gar nicht, wie gut es mir getan hat...« fügte er warm hinzu, und der müde Ausdruck des Gesichtes überkam ihn wieder und ließ ihn älter und krank erscheinen.

»Wenn’s Ihnen eine Freude macht, dann zeigen wir Ihnen den Weg, auf dem Sie uns öfters treffen können!« sagte da Gabriele. Sie hatte die Veränderung bemerkt, die mit dem Fremden vorgegangen war, und ein ehrliches Mitleid mit dem jungen Mann überkam sie.

»Oh ... es würde mir eine große Freude sein!« erwiderte Landgraf eifrig und sah mit warmer Dankbarkeit auf die Kleine.

Mit großen ernsten Augen schaute Gabriele zu dem Fremden empor. »Sie sind wohl auch krank?« frug sie dann nachdenklich.

»Ich war krank ...« bestätigte der junge Mann. »Aber hier in diesem gottbegnadeten Land muß man ja genesen. Da kann’s ja überhaupt gar keine Kranken geben.«

Sie waren nun schon eine Weile von der steilen, holprig gepflasterten Landstraße abgebogen und hatten auf schmale Pfade eingelenkt, die längs der Weingärten führten. Nun waren sie an dem alten Pulverturm vorbeigekommen, und knapp zu ihren Füßen lag die Stadt.

Die rötlichbraunen Dächer der Häuser schoben sich eng aneinander. Die kleinen Gäßchen durchzogen das Häusergewirr wie schmale Striche; der Turm der Pfarrkirche überragte in stattlicher Höhe das Gemäuer des Steinachs und der Laubengasse, überragte auch die vier Türme, welche von der alten Stadtmauer zurückgeblieben waren, durch ihre Torbogen den Straßen von auswärts her Einlaß gewährend.

Vom Pulverturm aus war der Blick in das breite Etschland noch weit großartiger wie drüben auf der Zenoburg. Das Tal weitete sich, und hohe steile Bergketten schlossen es im Norden gleich einer unüberwindlichen Mauer ab. Und überall, wohin das Auge schaute, grünte und blühte es. Die alten Gärten, die sich an den Häusern des Steinachs aufbauten, sandten weichen Blütenduft zu den Hängen des Küchelbergs empor.

»Da ... sehen Sie nur, wie schön!« Mit trunkenen Blicken sah Heinrich Landgraf hinüber nach Mais, das sich jenseits der Passer in sanfter Anhöhe bis zu dem Fuß des Berges hinstreckte und wie ein großer ausgedehnter Blütenhain erschien. »Hier kann man ja gar nicht krank sein ...« wiederholte der junge Dichter sinnend. »Es ist alles so reich hier und so schön.«

Staunend und etwas scheu sahen die beiden Mädchen zu dem Fremden auf.

»Ist’s bei Ihnen daheim nit so schön?« frug dann das Mariele über eine Weile.

»In meiner Heimat kämpft jetzt der Winter noch mächtig mit dem Frühling. Und wenn der Lenz dann endlich kommt, so ist er ernst und schlicht... so ernst wie die Leute dort sind, die sich kaum über ihn zu freuen wagen; denn sie verstecken ihre Gefühle und man kann nicht warm werden bei ihnen.«

»Wie seltsam Sie reden ...« meinte Gabriele nachdenklich. »So ähnlich kann man’s öfters in den Büchern lesen ...« fügte sie dann leise hinzu.

»Lesen Sie denn Bücher?« frug Landgraf überrascht.

»Manchmal schon. Wenn mir der Kruckenhauser eins borgt.«

»Der Puppenspieler?«

»Ja. Und die Bücher sind alle alt und riechen feucht. Ich lese sie nicht gern.«

»Warum?« Heinrich Landgraf frug es mit gespannter Neugierde. Das kleine Mädchen mit dem sinnenden Gesichtchen interessierte ihn immer mehr.

»Weil sie nach Moder riechen und mich ans Sterben erinnern. Und ich will nicht an das Grab denken; denn dort ist’s dunkel und feucht.«

»Der alte Korbinian Kruckenhauser macht’s Madel noch ganz narrisch!« sagte nun das Mariele ehrlich empört. »Was der ihr für Flausen in den Kopf setzt ... es ist nit zu glauben. Jetzt hat er sie gar schon abgerichtet, daß sie ihm für seine Puppen die Kleider macht. Und dann muß sie das alte stinkende Zeug lesen, von der Margarete Maultasch und dem König Heinrich und wie die alle heißen.« Das Mariele nahm jetzt energisch den Arm ihrer Freundin

und munterte sie zum Heimweg auf. »Geh’ jetzt, Gabriele ... du weißt schon, wenn’s so spät wird ... dann ...«

Heinrich Landgraf konnte die letzten Worte, die mit leiser Stimme gesprochen wurden, nicht mehr verstehen. Er hatte aber den Eindruck, daß das praktische Mariele ein sehr gesunder Ausgleich für das verträumte blonde Mädchen war.

»Darf ich denn noch ein Stückchen mitkommen?« frug der Fremde über eine Weile. Die

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