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Mächtiger als das Schicksal

Mächtiger als das Schicksal

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Mächtiger als das Schicksal

Länge:
281 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 1, 2014
ISBN:
9783990428603
Format:
Buch

Beschreibung

Wenn Dir ein Unheil passiert, gibt es für Dich kein besseres Heilmittel als die Lektüre von Lucius A. Seneca. Seine Schriften fanden die Bewunderung des Kirchenvaters Hieronymus, sie trösteten den römischen Senator Boethius im Gefängnis, sie wurden von Dante zitiert und von Rubens verehrt, sie entlockten sogar dem Erasmus höchstes Lob. Sein eigenes Leben vor 2000 Jahren scheint dazu in offenem Gegensatz zu stehen: Unter Kaiser Caligula wird Seneca verfolgt, unter Claudius verbannt und von Nero zum Selbstmord gezwungen.

Es handelt sich um eine aktualisierte Auflage! (13. Februar 2016)
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 1, 2014
ISBN:
9783990428603
Format:
Buch

Über den Autor


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Mächtiger als das Schicksal - Lucius Annaeus Seneca

Lucius Annaeus Seneca

Mächtiger als das Schicksal

(Sachbuch)

Copyright © 2014 Der Drehbuchverlag, Wien

2. Auflage, 13. Februar 2016

Alle Rechte vorbehalten

eBook: Mächtiger als das Schicksal

ISBN: 978-3-99042-860-3

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Von der Kürze des Lebens

Kapitel 2: Von der Vorsehung

Kapitel 3: Moralische Briefe an Lucilius

Kapitel 4: Vom zurückgezogenen Leben

Kapitel 5: Die Trostschrift an Marcia

Kapitel 6: Von den Wohltaten

Kapitel 7: Naturwissenschaftliche Untersuchungen

Kapitel 8: Vom Zorn

Kapitel 9: Senecas Leben

Anmerkungen

Kapitel 1: Von der Kürze des Lebens

Die meisten Menschen, mein lieber Paulinus (Anmerkung 1), beschweren sich über die Bosheit der Natur, die uns nur eine winzige Spanne Zeit zum Leben gegeben habe. Sie beklagen sich, dass auch diese uns zugemessene Zeit zu schnell vergeht. So kommt es, dass das Leben den meisten Menschen bereits entgleitet, während sie noch Anstalten machen, das Leben zu beginnen. Über diesen vermeintlichen allgemeinen Übelstand jammern aber nicht nur die Masse und der Durchschnittsmensch; diese Empfindung hat auch berühmte Männer zu Klagen verleitet. So hadert ein so urteilsfähiger Mann wie Aristoteles mit der Natur und lässt Äußerungen fallen, die eines weisen Mannes unwürdig sind: »Die Natur habe sich den Tieren so wohlwollend gezeigt, dass sie ein Alter von fünf- oder zehnfacher Dauer eines Menschenlebens erreichen könnten, dem Menschen aber, der für so viele und große Aufgaben geboren sei, habe sie ein viel zu frühes Ende bestimmt.«

   Wir haben nicht zu wenig Zeit, sondern wir vergeuden zu viel. Das Leben ist lang genug und reicht auch zur Vollendung der größten Aufgaben aus, wenn es im ganzen recht angewendet wird. Lassen wir aber das Leben in Luxus und Nachlässigkeit sinnlos dahinfließen und setzen wir es für keine wertvolle Aufgabe ein, dann spüren wir erst unter dem Zwange der letzten Notwendigkeit, dass es vorübergegangen ist, während wir den Ablauf selbst nicht bemerkten. Es ist schon so: Wir bekommen nicht ein kurzes Leben zugeteilt, sondern wir machen es selbst kurz. Wir haben nicht zu wenig Zeit, sondern wir verschwenden zu viel. Wie ein reiches und fürstliches Vermögen im Augenblick vertan ist, wenn es an einen schlechten Besitzer kommt, während ein weit mäßigeres Vermögen unter guter Obhut bei vorsichtigem Gebrauch wächst, so bietet uns auch unser Leben genügend Raum, wenn wir es in der rechten Weise anwenden.

   Was beklagen wir uns über die Natur? Sie hat sich uns gütig gezeigt: das Leben ist lang, wenn man es zu nutzen weiß. Aber den einen hält unersättliche Habsucht gefangen, den anderen eine emsige Geschäftigkeit bei überflüssigen Beschäftigungen. Der eine ergibt sich dem Trunke, der andere überlässt sich trägem Nichtstun. Den einen treibt ein glühender Ehrgeiz, der sich von fremdem Urteil abhängig macht, bis zur Erschöpfung umher, den anderen schleifen seine Gewinnsucht und ein niederer Krämergeist weit über Länder und Meere. Manche Leute reiben sich auf in der Pflege ihrer Beziehungen zu einflussreichen Männern und unterwerfen sich freiwilliger Knechtschaft – wahrlich ein undankbares Geschäft! Viele Leute sind ganz erfüllt von dem Wunsche, es möge ihnen so ergehen, wie es anderen geht, oder sie bewegen sich in Klagen über ihr eigenes Geschick. Die meisten aber verfolgen kein bestimmtes Ziel. Ein unsteter Leichtsinn, verbunden mit innerer Unzufriedenheit, treibt sie immer wieder zu neuen Plänen. – Durchmustere sie alle, von den kleinen Leuten bis zu den Höchstgestellten: der eine tritt als Sachverständiger auf, der andere als Zeuge, dieser klagt an, jener übernimmt die Verteidigung, wieder ein anderer ist Richter. Niemand tritt für sich selbst ein, einer verzehrt sich im Dienste des anderen. Der eine kümmert sich um diesen, der andere um jenen. Um sich selbst kümmert sich keiner. Dann noch die äußerst törichte Empörung dieser Leute: Sie beklagen sich über die abweisende Haltung der Höhergestellten, die für ihre zudringlichen Aufwartungen keine Zeit haben. So wagt es jemand, sich über den Hochmut eines anderen zu beklagen, der selbst nie für sich Zeit hat.

   Es ist auch nicht nötig, solche Dienstfertigkeit jemandem hoch anzurechnen: Als du deine Dienste anbotest, wolltest du nicht für einen anderen da sein, sondern konntest es mit dir selbst nicht mehr aushalten.

   Die großen Geister aller Zeiten sind in diesem Punkte einer Meinung und können sich nicht genug über die menschliche Kurzsichtigkeit auf diesem Gebiete wundern. Die Menschen dulden es nicht, dass ihr Grundbesitz von jemandem mit Beschlag belegt wird. Ja, wenn nur ein unwesentlicher Streit über den Verlauf der Grenze entsteht, greifen sie schon zu den Waffen. Aber in ihr Leben lassen sie andere einbrechen, sie ebnen sogar denen die Wege, die in Zukunft über ihr Leben verfügen sollen. Niemand will sein Geld teilen, sein Leben aber – an wie viele verteilt es ein jeder! Engherzig halten die Menschen ihr Vermögen zusammen, wenn es aber um Zeitverlust geht, sind sie äußerst verschwenderisch, wo doch hier allein Geiz sittlich berechtigt wäre.

   Nehmen wir einen aus dem Kreise der alten Männer: Wir sehen, du hast das höchste Alter erreicht, das einem Menschen beschieden ist. Hundert Jahre oder mehr hast du auf dem Rücken. Wohlan, lass dein Leben noch einmal zur Abrechnung an dir vorbeiziehen! Von deiner Lebenszeit ziehe ab, was dir der Gläubiger, die Freundin, der König, der Klient raubte, was verloren ging durch ehelichen Streit, durch Maßregelung der Sklaven, durch geschäftiges Umherlaufen in der Stadt. Hierzu rechne Krankheiten, die wir selbst heraufbeschwören, und die Zeit, die zwecklos vertan ist. Du wirst sehen, dir bleiben viel weniger Jahre, als du dir nach deinem Geburtstag ausrechnest. Rufe dir ins Gedächtnis zurück, wann deine Entschlüsse fest waren, welcher Tag so verlief, wie du es dir vorgenommen hattest, wann du zu sinnvoller Anwendung deiner Fähigkeiten kamst, wann deine Miene ruhig war und deine Stimmung furchtlos. Überlege dir auch, was du in dieser langen Zeit wirklich geleistet hast. Wie viel Leute haben dir, ohne dass du es merktest, Teile deines Lebens geraubt? Wie viel Zeit hast du selbst vertan, wie viel haben dir törichter Schmerz, alberne Lustigkeit, hässliche Begierde, leeres Geschwätz weggenommen? Bedenke, wie wenig dir von deinem Leben bleibt! Du wirst sehen, dass du als unfertiger Mensch in den Tod gehst.

   Woran liegt das alles? Ihr lebt, als ob ihr immer leben würdet. Niemals kommt euch eure Hinfälligkeit zu Bewusstsein. Ihr bemerkt nicht, wie viel Zeit schon verflossen ist. Als ob ihr aus dem Vollen, aus dem Überfluss zu geben hättet, verschwendet ihr eure Zeit. Aber dieser Tag, der irgendeinem Menschen oder einer gleichgültigen Angelegenheit gewidmet war, ist vielleicht schon euer letzter.

   Man hört immer wieder die Worte: mit fünfzig Jahren setze ich mich zur Ruhe, mit sechzig Jahren ziehe ich mich ganz aus dem öffentlichen Leben zurück. – Und wer bürgt dir dafür, dass dein Leben überhaupt länger dauert? Wer gibt dir die Gewähr, dass alles so geht, wie du es dir gedacht hast? Schämst du dich nicht, nur den Rest deines Lebens für dich selbst aufzusparen und nur die Zeit für die Pflege der höheren Seelenkräfte zu bestimmen, die zu nichts anderem mehr zu brauchen ist? Wahrlich, zu spät beginnt man erst dann mit dem Leben, wenn es ans Aufhören geht! In unserer Verblendung vergessen wir ganz, dass wir einmal sterben müssen. Wir schieben segensreiche Entschlüsse bis zum fünfzigsten oder sechzigsten Jahre auf und wollen mit dem Leben erst zu einem Zeitpunkt anfangen, den überhaupt nur wenige erreichen.

   Der verewigte Augustus, dem die Götter mehr als irgend einem anderen geschenkt hatten, wünschte sich sein ganzes Leben lang Ruhe und Freisein von Staatsgeschäften. Immer wieder kam er im Gespräch auf diesen Punkt zurück: er erhoffe sich Freiheit von Geschäften. So tröstete er sich mit der erfreulichen – wenngleich trügerischen – Hoffnung, er werde einmal dazu kommen, für sich selbst zu leben, und suchte sich so die Mühsal des Alltags erträglicher zu machen.

   M. Cicero war unter Männer wie Catilina und Clodius, Pompeius und Crassus geraten. Teils waren es offene Feinde, teils zweifelhafte Freunde. Inmitten der Aufstiegs- und Abstiegsbewegungen des Staates suchte er den Untergang der Republik zu verhindern, wurde aber schließlich doch politisch ausgeschaltet. Cicero vermochte es nicht, glückliche Situationen mit Ruhe und unglückliche mit Fassung zu ertragen. Wie oft hat er gerade die Zeit seines Konsulates verflucht, das er nicht ohne Grund, aber ohne Ende gepriesen hatte. In einem Briefe an Atticus lässt er weinerliche Äußerungen vernehmen, als Pompeius, der Vater, schon besiegt war und sein Sohn in Spanien immer noch versuchte, die Niederlage auszugleichen. Er schreibt: »Was ich hier treibe, fragst du? Ich halte mich in meinem tusculanischen Landgut auf als ein halbfreier Mensch.«

   Wahrlich, niemals wird sich ein weiser Mann eine so niedere Bezeichnung beilegen, niemals wird er halbfrei sein, seine Freiheit ist immer unangetastet und gesichert. Selbständig ist er, sein eigener Herr. Er steht über allem anderen. Denn was sollte über dem stehen, der über das Schicksal erhaben ist?

   Es erübrigt sich, noch weitere Beispiele aufzuführen von Leuten, die zwar anderen als besondere Günstlinge des Glücks erschienen, sich selbst aber ein richtiges Zeugnis ausstellten und mit tiefem Abscheu auf alle ihre bisherige Tätigkeit zurückblickten.

   Es ist eine allgemeine Erfahrung, dass ein vielbeschäftigter Mann nichts recht zustande bringt. Das gilt für die Pflege der Beredsamkeit wie für die Fachwissenschaften. Ein zerstreuter Mensch prägt sich nichts tief ein, sondern gibt alles schnell wieder von sich, als wäre es in ihn hineingestopft worden. Am wenigsten aber versteht ein vielbeschäftigter Mann zu leben, denn das ist von allem die schwierigste Aufgabe.

   Lehrer anderer Künste mag man oft und in großer Zahl treffen. Manches zwar scheinen die Knaben von ihnen nur dazu zu lernen, damit sie es wieder lehren können. Leben aber muss man das ganze Leben lang lernen, und was dich vielleicht noch mehr wundern wird, auch sterben muss man das ganze Leben lang lernen. Viele große Männer haben alle Schwierigkeiten überwunden, haben sich von Reichtum, Pflichten und Vergnügungen losgesagt und haben nur dies eine bis ins höchste Alter betrieben, nämlich leben zu lernen. Viele von ihnen haben am Ende ihres Lebens bekannt, dass sie diese Kunst noch nicht verstünden. Wie sollten sich da jene Vielgeschäftigen darauf verstehen?

   Es gehört zu den Eigentümlichkeiten eines bedeutenden und über die menschlichen Irrtümer erhabenen Mannes, dass er sich nichts von seiner Zeit wegnehmen lässt. Deshalb ist sein Leben, gleichgültig, welchen Zeitraum es umfasst, immer sehr lang. Stand es ihm doch ungekürzt zur Verfügung. Kein Augenblick blieb ungenutzt und unausgefüllt, keine Minute gehörte einem anderen. Als sparsamer Haushalter fand er nichts, was wert gewesen wäre, gegen seine Zeit eingetauscht zu werden. Daher genügte sie ihm. Fehlen aber muss sie denen, deren Leben zum beträchtlichen Teil von anderen mit Beschlag belegt wird. Glaube aber nicht, jene Leute wüssten nicht um ihren Verlust: die meisten, die unter dem Druck ihres Glückes seufzen, hört man im Gedränge ihrer Klienten, unter der Arbeit für ihre Prozesse und bei ihren anderen Ehrenämtern jammern: »Ich komme nicht zum Leben.« – Warum nicht? Weil alle, die dich für sich in Anspruch nehmen, dich dir selbst entziehen. Wie viel Tage hat dir jener Angeklagte gestohlen, wie viele jener Kandidat? Wie viele dieses alte Weib, das erschöpft ist vom Beerdigen ihrer Erben? Wie viele Tage raubte dir jener, der sich krank stellte, um die Habsucht der Erbschleicher zu reizen? Wie viele jener einflussreiche Freund, der dich nicht als Freund schätzt, sondern dich nur in seinem Hofstaat führt? Durchmustere und beurteile die Tage deines Lebens: du wirst sehen, dass nur lächerlich wenig Tage auf deinem Konto bleiben.

   Wer aber jeden Augenblick zu eigenem Nutzen anwendet, wer jeden Tag so sorgsam einrichtet, als wäre es der letzte, der wünscht den morgigen Tag nicht herbei und fürchtet ihn auch nicht.

   Es besteht kein Grund zu glauben, es habe einer lange gelebt, weil er graue Haare und Runzeln hat. Er hat nicht lange gelebt, er ist nur lange dagewesen. Meinst du denn etwa, es sei jemand viel zur See gefahren, wenn ihn ein wilder Sturm aus dem Hafen schleudert, hierhin und dorthin wirft, wenn verschiedene wechselnde Winde ihn an derselben Stelle im Kreise herumwirbeln? Er ist nicht lange zur See gefahren, sondern er ist viel umhergeworfen worden.

   Ich wundere mich immer, wenn ich sehe, wie die Menschen die Zeit anderer Leute in Anspruch nehmen und wie diese letzteren sich darin gar zu freigebig zeigen. Jeder achtet nur auf den Grund, um dessentwillen man die Zeit beansprucht, auf die Tatsache als solche achtet niemand, als ob nichts beansprucht und nichts gewährt würde. Man spielt mit dem allerkostbarsten Wert. Man täuscht sich nämlich leicht über das Wesen der Zeit, weil sie etwas Unkörperliches ist, weil man sie nicht mit Augen sehen kann. Daher wird ihr Wert äußerst gering veranschlagt, sie wird nahezu für wertlos angesehen. Jahresgehälter und Geschenke nehmen die Menschen gern an und verwenden Arbeit, Mühe und Sorgfalt auf eine entsprechende Gegenleistung. Die Zeit achtet keiner. Man verbraucht sie so leichtfertig, als sei sie nichts wert. Nun beobachte aber dieselben Leute, wenn sie krank sind, wenn der Tod in gefährliche Nähe gerückt ist, wie sie die Knie der Ärzte umklammern, oder wenn sie Todesstrafe fürchten, wie sie bereit sind, all ihren Besitz daranzugeben, um weiterzuleben. Solcher Zwiespalt der Gefühle herrscht in ihnen.

   Aber niemand ersetzt dir deine Jahre, niemand gibt dich dir selbst zurück. Du bist beschäftigt, das Leben aber eilt dahin. Inzwischen tritt der Tod heran, für den du, magst du nun wollen oder nicht, Zeit haben musst.

   Ein Leben aber, das fern von allen geschäftigen Händeln verläuft, wie sollte das nicht lang sein! Kein Augenblick wird fremder Verfügung überlassen oder an nichtige Ziele verschwendet. Keine Minute bleibt dem Zufall überlassen oder geht durch Nachlässigkeit verloren. Kein Augenblick wird durch Verschenken vertan. Keine Minute ist überflüssig. Solches Leben steht sozusagen ganz auf der Haben-Seite. Mag es auch in Wirklichkeit nur kurz sein, es reicht hinlänglich aus. So wird denn der Weise, wenn der letzte Tag naht, ohne Zögern und mit festem Schritt in den Tod gehen.

   Bei manchen Leuten aber ist sogar das Nichtstun von Geschäftigkeit erfüllt. In ihrem Landhaus, auf ihrem Bett, mitten in der Einsamkeit, von allem abgesondert, sind sie sich selbst zur Last. Ihr Leben ist nicht Müßiggang zu nennen, sondern nichtsnutzige Geschäftigkeit. Willst du etwa einen Mann frei von Geschäftigkeit nennen, der korinthische Vasen, die nur durch die Sammelwut einiger Sonderlinge wertvoll geworden sind, mit ängstlicher Sorgfalt ordnet und den größten Teil seiner Tage bei grünspanbehaftetem Blech verbringt? Willst du solche Leute müßig nennen, die viele Stunden beim Barbier zubringen, bis ausgezupft ist, was in der letzten Nacht nachgewachsen ist? Da wird über einzelne Haare beratschlagt, da wird schütteres Haar zusammengeholt oder, wenn eine kahle Stelle vorhanden ist, das Haar so oder so in die Stirne gekämmt. Wie zürnen sie dem Friseur, wenn er etwas weniger ängstlich ist, da er doch glaubt, er habe einen Mann unter den Händen. Sie alle würden es eher ertragen, wenn der Staat in Unordnung geriete als ihre Frisur. Um den äußeren Putz seines Kopfes ist man besorgter als um dessen innere Ordnung. Man will lieber gut gekämmt als ein anständiger Mensch sein. Und solche Leute, die den ganzen Tag mit Kamm und Spiegel beschäftigt sind, willst du müßig nennen?

   Es würde zu weit führen, wenn ich im einzelnen dem Lebenslauf mancher Leute nachgehen wollte, die ihr Leben mit Würfeln oder Ballspiel verbringen oder sorgsam ihren Körper in der Sonne rösten lassen. Müßig kann man sie nicht nennen, denn ihre Vergnügungen machen viel Arbeit. Aber auch die Leute, die bei unnützen literarischen Studien verweilen, bringen mit ihrer Vielgeschäftigkeit unzweifelhaft nichts Vernünftiges zustande. Diese Unsitte fängt jetzt an, auch bei uns Römern eine Rolle zu spielen. Ursprünglich war es eine griechische Krankheit, zu untersuchen, wie viel Ruderer Odysseus gehabt habe, ob die Ilias oder die Odyssee früher geschrieben sei, ob sie von demselben Autor stammen und was es sonst noch an Untersuchungen dieser Art gibt. Solch totes Wissen hilft dir nicht weiter, wenn du es für dich behältst. Wenn du es aber veröffentlichst, wird es nicht als wissenschaftliche Leistung, sondern als Belästigung empfunden werden. So hat nun auch uns Römer der traurige Ehrgeiz gepackt, überflüssige Dinge zu lernen. Ich hörte dieser Tage einen Vortrag, in dem ausgeführt wurde, was römische Heerführer erstmalig getan hätten: Duilius siegte als erster in einer Seeschlacht, Curius Dentatus führte als erster Elefanten im Triumphzug mit. Solches Wissen ist ohne jeden Nutzen, und dennoch fesselt es uns bei aller Nichtigkeit des Gegenstandes, weil es sich gefällig anhört. Nehmen wir einmal an, das alles würde in gutem Glauben vorgetragen, und die Verfasser könnten für die Wahrheit ihres Geschreibsels einstehen. Wen können sie durch derartige Spielereien vor Irrtum bewahren, wen zur Beherrschung seiner Begierden bringen? Wer wird dadurch tapferer, gerechter, freigebiger? Man muss tatsächlich im Zweifel sein – so sagte unser Fabianus (Anmerkung 2) einmal –, ob man nicht besser sich von allen wissenschaftlichen Studien fernhält, als dass man Gefahr läuft, sich in solche Spitzfindigkeiten zu verlieren. Frei von Unruhe sind allein die Menschen, die für die Weisheit Zeit haben. Sie allein leben. Nicht nur ihre eigene Lebenszeit hüten sie sorgsam. Die Errungenschaften aller Zeiten machen sie sich dienstbar. Selbst die früheren Zeiten wissen sie zu nützen. Wenn wir nicht sehr undankbar sein wollen, so sind jene hochberühmten Schöpfer erhabener philosophischer Lehren für uns geboren, haben für uns Lebensregeln aufgestellt. Die herrlichsten Schätze, durch fremde Arbeit aus der Finsternis ans Licht gehoben, werden uns zugänglich. Keine Zeit ist uns verschlossen. Zu jeder haben wir Zugang. Wenn wir die Kraft finden, uns in kühnem geistigen Aufschwung über menschliche Enge und Schwäche zu erheben, dann liegt ein großer Zeitraum vor uns, in dem wir uns ergehen können. Du kannst mit Sokrates diskutieren, mit Karneades zweifeln, mit Epikur (Anmerkung 3) der Ruhe pflegen, mit den Stoikern die menschliche Natur überwinden, mit den Kynikern (Anmerkung 4) über das gewöhnliche Menschenmaß hinausgehen. Wenn uns die Natur gestattet, uns mit jedem Zeitalter geistig zu verbinden, sollten wir uns da nicht in diesem kurzen und vergänglichen Augenblick des Überganges mit ganzem Herzen dem Unendlichen zuwenden, dem Ewigen, dem, was wir mit besseren Menschen gemein haben?

   Manche Leute dagegen laufen geschäftig umher und versetzen sich und andere in Unruhe. Sie gebärden sich wie toll, täglich stürmen sie über jede Schwelle, an keiner offenen Tür gehen sie vorüber, in den verschiedensten Häusern machen sie ihren bezahlten Kratzfuß. Aber wen konnten sie wirklich antreffen in dieser ungeheuren und von mannigfachen Begierden zerrissenen Stadt? Wie viele Herren laufen mit geheuchelter Eile durch die Reihen ihrer Besucher, die sie durch langes Wartenlassen gemartert haben! Wie viele meiden es, durch die mit Klienten vollgestopfte Vorhalle zu gehen, und flüchten durch den Hinterausgang! Im Gegensatz hierzu aber – so dürfen wir behaupten – verrichten die Freunde der Weisheit echte Ehrfurchtsbezeugungen, wenn sie Zenon, Pythagoras, Demokrit (Anmerkung 5) und die übrigen Meister der edlen Bestrebungen, weiter Aristoteles und Theophrast zu vertrauten Freunden haben wollen. Jeder dieser Philosophen wird für sie Zeit haben, wird sie glücklicher entlassen und ihre Liebe noch vermehren. Keiner wird einen Besucher mit leeren Händen wieder gehen lassen. Tag und Nacht stehen sie jedem Sterblichen zur Verfügung.

   Keiner dieser Weisen wird dich zwingen zu sterben, aber alle werden es dich lehren. Keiner wird deine Jahre zunichtemachen, er wird dir noch die seinen dazuschenken. Das Gespräch mit diesen edlen Geistern birgt keine Gefahren in sich, ihre Freundschaft ist nicht lebensgefährlich. Die Ehrerbietung ihnen gegenüber ist nicht kostspielig. Man hat in ihnen Freunde, bei denen man sich über die kleinsten wie über die größten Dinge Rat holen, die man täglich in eigener Sache befragen kann. Von ihnen kann man ohne Schande die Wahrheit zu hören bekommen. Von ihnen kann man auch Lob annehmen, ohne dass man dahinter Schmeichelei vermuten müsste. Solchen Vorbildern soll man sich bemühen ähnlich zu werden.

   Wir pflegen zu sagen, wir hätten uns unsere Eltern nicht wählen können, sie wären uns vielmehr vom Schicksal zugewiesen worden. Im Gegenteil, die Gestaltung unseres Lebens ist in unsere Hand gegeben. Hier sind die Familien der edelsten Geister. Wähle dir, in welche du aufgenommen werden willst. Nicht nur dem Namen nach wirst du adoptiert werden, sondern du wirst sogar in den Genuss der Güter dieser Familie gelangen. Diese Güter aber wirst du nicht in schmutziger und knausriger Gesinnung bewachen müssen. Werden sie doch umso größer, je mehr Menschen du daran teilnehmen lässt. Diese edlen Geister zeigen dir, wie man zur Ewigkeit gelangt, und erheben dich dorthin, wo es keinen Sturz mehr gibt. Das ist also eine Möglichkeit, die Grenzen unseres sterblichen Daseins zu erweitern, ja dieses Dasein in Unsterblichkeit zu verwandeln. Ehrentitel und Denkmäler und was sonst noch ein ehrgeiziger Machthaber durch Erlässe anordnet oder an Bauwerken auftürmt, das alles stürzt bald in sich zusammen, das alles wird mit der Zeit zerstört und geändert. Aber den Werten, denen die Weisheit die höhere Weihe gegeben hat, kann das Alter nichts anhaben. Kein Zeitalter kann sie zerstören oder in ihrem Wert mindern. Jedes folgende und weitere steigert vielmehr noch die Verehrung. Während bei naheliegenden Dingen oft Neid im Spiele ist, bewundern wir alles, was uns fernliegt, mit größerer Unbefangenheit.

   Das Leben des Weisen also umspannt einen weiten Zeitraum. Es sind ihm nicht wie bei anderen Menschen enge Grenzen gesteckt. Er allein ist unabhängig von den Gesetzen, die das Menschengeschlecht binden. Alle Zeitalter dienen ihm wie einem göttlichen Wesen. Die Vergangenheit bewahrt er in der Erinnerung, die Gegenwart nutzt er voll aus, die Zukunft nimmt er vorweg. Diese Zusammenfassung aller Zeiten bewirkt, dass sein Leben lang ist. Jetzt, solange das Leben noch frisch ist und wir noch auf der Höhe der Kraft

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