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Die Zeitmaschine Karls des Großen

Die Zeitmaschine Karls des Großen

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Die Zeitmaschine Karls des Großen

Bewertungen:
2/5 (1 Bewertung)
Länge:
688 Seiten
9 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 16, 2013
ISBN:
9783864021008
Format:
Buch

Beschreibung

Das Weströmische Reich hat schwere Zeiten überstehen müssen. Nur knapp konnte das angeschlagene Imperium im Jahre 476 der endgültigen Vernichtung entrinnen. Doch Rufus Scorpio rettete es vor der zerstörerischen Gier des Heerführers Odoaker, erlangte selber den Kaiserpurpur und übernahm die schwere Aufgabe, Westrom durch die Stürme einer aus den Fugen geratenen Welt zu lenken.
Über dreihundert Jahre sind seitdem vergangen. Unter dem Kaiserhaus der Scorpii fand das Imperium wieder zu Stabilität und innerem Frieden, und dank der Hilfe des Oströmischen Reiches konnte ein Großteil der verlorenen Provinzen zurückgewonnen werden. Jetzt, im Jahre 796, sieht es ganz so aus, als würde Westrom für alle Zeiten Bestand haben. Doch die dem Anschein nach sorgenfreie Ruhe könnte trügerisch sein. Karl, der König der Franken, verhält sich seit geraumer Zeit sehr beunruhigend, und niemand kennt den Grund dafür. Sollte das Frankenreich zu einer Gefahr für Rom werden?
Um das in Erfahrung zu bringen, wird der Ostgote Andreas Sigurdius als Spion in das Reich im Norden geschickt ...

Gewinner des Deutschen Science Fiction Preises.
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 16, 2013
ISBN:
9783864021008
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Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Die Zeitmaschine Karls des Großen - Oliver Henkel

Inhalt

Die Zeitmaschine Karls des Großen

Prolog

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Epilog

Weitere Atlantis Titel

Oliver Henkel

Die Zeitmaschine Karls des Großen

Eine Veröffentlichung des

Atlantis-Verlages, Stolberg

Mai 2013

Alle Rechte vorbehalten.

Dieses eBook ist auch als Hardcover direkt beim Verlag erhältlich und als Paperback überall im Handel (ISBN 978-3-8640-086-5).

Titelbild und Umschlaggestaltung: Timo Kümmel

Lektorat und Satz: André Piotrowski

eBook-Erstellung: www.ihrhelferlein.de

ISBN der eBook-Ausgabe: 978-3-86402-100-8

Besuchen Sie uns im Internet:

www.atlantis-verlag.de

Prolog

Italien 1944

Zu einer anderen Zeit

Lieutenant Ryke hatte sich umsonst Sorgen gemacht. Der Lastwagen war tatsächlich verlassen, hinter den Büschen hockten keine hinterhältigen Deutschen, die es darauf abgesehen hatten, ihn in eine Falle zu locken. Er hängte sich die Maschinenpistole, die er vorsichtshalber schussbereit getragen hatte, wieder über die Schulter und sah sich den grauen Lkw genauer an. Die Ladefläche hing tief, die doppelbereiften Hinterräder standen in einem grotesken Winkel. Ryke wusste, was hier passiert war. Irgendwer hatte gemeint, den Wagen hemmungslos überladen zu können, und als Resultat war die Hinterachse beim ersten Schlagloch gebrochen. Also war diese Art der Dummheit kein Privileg der US Army.

Die Türen des Fahrerhauses standen offen. Offensichtlich hatte der Fahrer schnell gemerkt, dass er seinen Laster vergessen konnte, und sich zu Fuß davongemacht. Ryke warf einen Blick hinein in der vagen Hoffnung, irgendein Souvenir zu finden, aber der unbekannte Deutsche hatte ihm nicht die Freude gemacht, ein Eisernes Kreuz zurückzulassen. In diesem Moment näherte sich ein Jeep und bremste neben Ryke. Der Lieutenant grüßte Captain Albinizi flüchtig, der Captain erwiderte den Gruß ungeduldig und fragte dann, was der Lkw geladen habe.

»Keine Ahnung«, antwortete Ryke, »ich habe noch nicht nachgeschaut, Sir.«

Ryke war nicht im Geringsten neugierig. Alle deutschen Lastwagen, die er bisher gesehen hatte, waren entweder mit Konserven oder Ersatzteilen beladen gewesen, und bei diesem hier würde es höchstwahrscheinlich genauso sein.

»Dann machen Sie das gefälligst jetzt, Lieutenant! Der Wagen könnte wichtiges Material geladen haben, Akten, Karten, alles Mögliche. Na los!«

Ryke hätte so einiges erwidern können, aber er setzte sich lieber lustlos in Bewegung. Bitte, dann würde der Captain eben die Meldung kriegen, dass er auf ein Dutzend Kisten geheimes Dosengulasch gestoßen ist, wen kümmert’s? Albinizi, der den Elan des Lieutenants richtig einschätzte, stieg aus dem Jeep und folgte ihm zum Heck des Lasters. Dort angekommen, löste Ryke zwei Haken und krachend schlug die Ladeklappe nach unten. Der Captain schob die staubige Plane beiseite und stieg auf die Ladefläche.

Der Wagen hatte eine Anzahl großer Holzkisten geladen, und was immer in ihnen war, hatte man in großer Eile verpackt: Albinizi fiel auf, dass die Deckel mehrerer Kisten nicht einmal zugenagelt waren und dass büschelweise Stroh herausschaute. Er hob den Deckel der nächstbesten Kiste ab, entfernte die oberste Lage Stroh und hielt dann erstaunt inne:

Vor ihm lagen uralte Bücher, in dunkles, schweres Leder gebunden, die Einbände verziert mit Einlegearbeiten aus Gold und Edelsteinen. Daneben lagen gelbliche Papyrusrollen, bröckelnd und verfärbt von den Jahrhunderten. Und ganz oben auf einer der Rollen standen in merkwürdig geformten Buchstaben Worte, die Albinizi verstand, denn sie ähnelten der Sprache seiner Eltern:

DE TEMPORA

PHILIPPUS SYRACUSAE SCRIPSIT

Ravenna 476

In einer fremden Zeit

Die metallbeschlagenen Sohlen kratzten bei jedem Schritt über den kostbaren Mosaikfußboden, über den sonst nur die weichen Sandalen der Hofbeamten glitten, aber Rufus Scorpio nahm die knirschenden Geräusche nicht wahr. Sechs Stunden lang hatte er Lärm ertragen müssen, der direkt aus dem Schlund der Hölle und den Mäulern Zehntausender Dämonen zu quellen schien; sechs Stunden hörte er, wie Schwerter mit grellem Klirren aufeinandertrafen, wie Verwundete, Verstümmelte und Sterbende schrien. Er hörte, wie Knochen barsten und Pferde, denen Speere in den Hals gerammt wurden, mit blutigem Gurgeln und hilflosem Wiehern zusammenbrachen. Er hörte das Dröhnen der Trommeln und Bucinae, das die Sinne der Männer betäubte und sie in einen Rausch des Tötens jenseits aller menschlichen Begriffe versetzte.

Und jetzt, da der Lärm der Schlacht hinter ihm lag und er durch den Kaiserpalast von Ravenna ging, war Scorpio taub für alle subtileren Geräusche. Die kühle Stille, die ihn hier umgab, erschien ihm unnatürlich, fast pervers. Nur der Hall seiner Schritte klang, sanft gedämpft, von den Marmorwänden wider.

Er blieb stehen. Ein Spiegel aus poliertem Silber war in die Wand eingelassen. Rufus Scorpio blickte hinein und musste unwillkürlich lachen. Es war ein Lachen ohne Freude, denn der Mann, den er dort im Spiegel sah, hatte nichts Lustiges an sich: Er war noch jung, höchstens dreißig, aber seine matten dunklen Augen erzählten von den unvorstellbaren Grausamkeiten, die sie in nur wenigen Tagen sehen mussten. Der schwarze Bart, sonst sorgfältig gestutzt, war verfilzt und verdreckt, und die Haare waren verklebt von Schweiß und Schmutz. Staub überzog das Gesicht, in das Wochen der Anstrengung und Minuten der Todesangst ihre Furchen gezogen hatten und dessen linke Hälfte von verkrusteten Blutspritzern überzogen war. Der vergoldete Brustpanzer war verbeult, an wenigstens vier Stellen waren Pfeile und Schwerthiebe abgeprallt, und der reich verzierte, federgeschmückte Helm in seiner Hand trug ähnliche Spuren.

So also sieht ein Sieger aus, dachte Rufus Scorpio und lachte nochmals kurz, bitter und zynisch. Dann ging er weiter.

Der große Saal, den er jetzt betrat, war in das orange Licht der Abendsonne getaucht, das durch die hohen Fenster fiel und den weißen Marmor zum Leben zu erwecken schien. Am entfernten Ende des Saals befand sich ein dreistufiges Podest, und auf diesem stand ein goldener Prunksessel unter einem purpurnen Baldachin. Scorpio begann, seine Müdigkeit zu spüren. Aber der Anblick des Kaiserthrons konnte seine Erschöpfung noch einmal besiegen, und er ging mit schweren, langsamen Schritten auf das Podest zu. Am Fuß der untersten Stufe blieb er stehen und betrachtete still den glänzenden Thronsessel.

Dafür also sind Menschen bereit, zu töten und zu verraten. Und bin ich denn besser? Ich habe heute Tausende Männer in den Tod geschickt, weil ich hier stehen wollte. Aber nein, das stimmt nicht. Ich muss hier stehen, nur so kann ich das Imperium vor dem Ende bewahren. Und ich muss Gott danken, dass …

»Verzeih mir, Rufus … ich hoffe, ich störe dich nicht?«

Die Stimme seines Bruders riss Scorpio jäh aus seinen Gedanken. Unbemerkt hatte Lucius den Saal betreten und stand nun neben ihm. Abgesehen vom fehlenden Bart hätte er Scorpios Zwilling sein können, denn Schmutz und Staub verdeckten die jüngeren Gesichtszüge.

»Nein, nein, du störst ganz und gar nicht. Was ist, habt ihr die Leiche des Verräters schon gefunden?«

»Ich denke schon. Die Gefangenen sagen alle das Gleiche, es ist Odoaker. Er ist also wirklich tot.«

Rufus Scorpio atmete tief ein und sagte dann erleichtert: »Dann ist es überstanden. Jetzt weiß ich, dass wir wirklich gesiegt haben. Was ist mit den Goten? Sie haben großartig gekämpft, ohne ihren Beistand hätten wir nie im Leben gesiegt, aber wie verkraften sie, dass ihr König in der Schlacht gefallen ist?«

»Theoderichs Tod hat sie schwer getroffen, allerdings habe ich Gerüchte gehört, dass die gotischen Fürsten sich schon um die Nachfolge streiten.«

»Bei Gott, wenn bei den Goten Anarchie herrscht, wer wird dann verhindern, dass die Barbaren des Ostens über uns herfallen? Wie müssen um jeden Preis verhindern, dass sie sich gegenseitig zerfleischen, Lucius!«

»Daran habe ich bereits gedacht. Claudius Decumatus ist mit der gesamten verbliebenen Kavallerie auf dem Weg nach Aquincum. Wenn alles gut geht, hast du in ein paar Tagen einen verlässlichen Magister Militium in Pannonien.«

»Seine Aufgabe wird schwer sein. Möge Gott ihm beistehen.«

»Die Aufgabe, die dir bevorsteht, ist noch viel schwerer, Rufus. Wenn jemand Gottes Hilfe verdient, dann du.«

Dass das stimmte, wusste Rufus Scorpio nur zu gut. Er musste daran denken, dass das Imperium nur noch eine zerfallende Ruine war. In Gallien stand Syagrius als Statthalter auf verlorenem Posten, isoliert und umzingelt von Westgoten, Burgundern und Franken. Schon bald würden sie ihn zerdrücken, und niemand konnte es verhindern. In Illyrien saß Julius Nepos und beanspruchte den Kaiserthron, von Konstantinopel als legitimer Imperator anerkannt. Bajuwaren, Rugier und Alamannen warteten nur auf eine Gelegenheit, Noricum und Raetien zu verheeren. Und wenn Decumatus nicht schnellstens die herrscherlosen Goten zu loyalen Föderaten zusammenschweißte … wie lange würde es dauern, bis die Langobarden ihre Chance wahrnähmen, über die Donau in Pannonien einfielen und dann nach Italien weiterzögen? Die Welt, die Rufus Scorpio umgab, schien plötzlich nur noch aus unlösbaren, übermächtigen Problemen zu bestehen. Er fragte sich selbst, ob er nicht unter dieser gewaltigen Last zerquetscht würde, unvermeidbar und ruhmlos. Doch er ließ es sich nicht anmerken und sagte nach einer kurzen Pause ruhig:

»Lucius, lass den Kopf von Odoakers Leiche abtrennen. Dann wirst du damit nach Rom reiten. Der Senat ist zwar nur noch ein Gerippe ohne Bedeutung, aber du wirst so viele Senatoren zusammentreiben lassen, wie deine Leute finden können. Dann wirf ihnen den Kopf vor die Füße und sag ihnen, dass ich jedem, der Rom verrät, dieses Ende bereiten werde. Mach es dramatisch, ich weiß, du kannst das. Schüchtere sie so ein, dass sie mir den Kaiserpurpur anbieten. Denkst du, du schaffst das?«

Lucius Scorpio grinste. »Wenn ich mit den edlen Senatoren fertig bin, werden sie dich sogar zum wiedergekehrten Messias erklären!«

Rufus verzog das Gesicht, er schätzte solche Blasphemien nicht. Aber er wies seinen Bruder, dessen unbekümmerten Übermut er zur Genüge kannte, nicht zurecht. Stattdessen wandte er seinen Kopf zum Eingang des Saals, wo gerade ein Soldat, ein rothaariger Vandale mit geflochtenem Bart, einen verängstigten kleinen Jungen hereinzerrte. Er brachte das Kind zu Rufus Scorpio und sagte dann in schwerfälligem, von einem kehligen Akzent zerrissenem Latein:

»Edler Scorpio! Ich habe Knaben gefunden, hat sich versteckt in Zimmer. Er sagt, ist Romulus!«

Scorpio besah sich den Jungen, der ihn verschüchtert und verwirrt aus verweinten, roten Augen anblickte. Das also war Romulus Augustus … ihn schauderte bei dem Gedanken, dass dieses Kind, dieser Augustulus, mit Sicherheit der letzte Kaiser des Römischen Reiches gewesen wäre, hätte die Schlacht an diesem Tag einen anderen Ausgang genommen. Ein derartig lächerliches Ende hätte also das Imperium ereilt, das einmal den Erdkreis beherrschte …

»Nun, Rufus«, fragte Lucius, »wie soll er sterben?«

Rufus sah seinen Bruder sehr ernst an. »Überhaupt nicht. Soldat, du sorgst dafür, dass der Junge nach Tarentum gebracht wird. Er soll dort in meiner Villa leben und mit allen Ehren behandelt werden, die einem ehemaligen Kaiser zustehen!«

Der Vandale zuckte mit keiner Wimper und ging mit Romulus Augustus, der noch gar nicht begriffen hatte, dass eben über sein Leben entschieden worden war, aus dem Saal.

»Ob das klug war, Rufus?«, fragte Lucius seinen Bruder nach einigen Augenblicken des Schweigens.

»Klug?« Rufus Scorpio schüttelte müde den Kopf. »Nein, vielleicht nicht. Aber der Purpur hat schon genug Blut aufgesogen. Rom wäre nicht das Wrack, das es heute ist, hätten sich nicht jahrhundertelang Kaiser und Gegenkaiser bekämpft und immer neue Morde angezettelt. Und …«

»Ja? Was noch?«

»Mir tat der Junge einfach nur leid. Er ist von seinem ehrgeizigen und verräterischen Vater ungefragt auf den Thron gesetzt worden … Warum soll ich das Kind dafür töten? Oh, ich bin mir sicher, Odoaker hätte so gehandelt. Aber ich bin nicht Odoaker.«

Rufus hielt für einen Moment inne, dann sagte er unvermittelt: »Siehst du den Adler am Baldachin, Lucius?«

Sein Bruder schaute nach oben, wo ein goldener Adler, umgeben von einem Lorbeerkranz in den Purpurstoff eingestickt war.

»Lucius, was bedeutet der Adler für dich?«

Ohne zu zögern, antwortete Rufus’ Bruder: »Rom! Er steht für Rom und alles, was Rom ausmacht.«

»Ganz recht«, erwiderte Rufus, während er die Marmorstufen hinaufstieg, »er ist nur noch selten zu sehen, denn er war das Symbol des heidnischen Rom. Trotzdem achte ich ihn, weil er an die vergangene Größe des Imperiums erinnert. Wer unter ihm sitzt, muss bereit sein, die schwere Last dieser Erinnerung zu tragen. Wer das nicht will, hat auf diesem Thron nichts verloren!«

Und Rufus Scorpio setzte sich langsam und vorsichtig auf den goldenen Sessel.

1

Rom

1549 ab urbe condita (A. D. 796)

Andreas Sigurdius fröstelte, als er aus der Tür trat. Es war allerdings viel weniger die Kälte – die Aprilnächte waren noch frisch – als die Müdigkeit, die ihn frieren ließ. Sein Diener hatte ihn aus dem Tiefschlaf gerissen, weil ein Bote des Officiums eine Nachricht überbracht hatte und nun im Hof wartete. Die Nachricht, ein eilig geschriebener Zettel, erwies sich als Aufforderung, sich sofort im Officium einzufinden. Signiert war die kurze Notiz von Marcellus Sator, und das bedeutete, dass die Angelegenheit tatsächlich wichtig sein musste. Andreas hatte nicht die geringste Lust, sich den Unmut seines Vorgesetzten und künftigen Schwiegervaters einzuhandeln, und beeilte sich daher, dem Befehl so schnell wie möglich Folge zu leisten.

Als er jetzt den Innenhof seines Hauses betrat, wartete dort schon ein Reiter in der Uniform des Officium Foederatii auf ihn und erwies ihm den Gruß, der einem Magister gebührte. Andreas nickte schroff und stieg dann auf das Pferd, das der Diener aus dem Stall gebracht hatte. Der Bote, dem man offenbar die Dringlichkeit seines Auftrags eingeschärft hatte, trieb ungeduldig sein Pferd an, kaum dass Andreas im Sattel saß, und ritt voran durch das Tor zur Straße.

Das Knallen der Hufe auf den nachtfeuchten Pflastersteinen hallte von den Häusermauern wider, während die beiden Reiter den schlafenden Distrikt Pagus Ianiculensis durcheilten. Während sie sich der Aemiliusbrücke näherten, dachte Andreas angestrengt nach, warum ihn Marcellus Sator zu dieser unchristlichen Zeit auf den Palatin zitieren mochte. Zweifellos gab es dafür gewichtige Gründe, aber welche? Eigentlich konnte es sich nur um Sorgen mit einem der Föderatenvölker des Imperiums handeln, doch das war kaum möglich. Solche Krisen in den Beziehungen zu den Föderaten entstanden nicht über Nacht, und in den vergangenen Monaten hatte es auch keine Entwicklungen gegeben, die dazu hätten führen können. Selbst die Ostgoten, die sich sonst ständig beklagten und Änderungen der Verträge wünschten, verhielten sich schon längere Zeit ruhig. Keine der Möglichkeiten, die Andreas in Gedanken durchging, erschien ihm hinreichend bedeutend, um den nüchternen Marcellus aufzuschrecken. Aber es musste eine Angelegenheit von größter Wichtigkeit sein, und das brachte Andreas plötzlich zu einer ganz neuen Frage: Welches Problem könnte Marcellus haben, dass er gerade ihn zwei Stunden vor Sonnenaufgang unverzüglich sehen wollte?

Inzwischen hatten die Reiter den Tiber überquert und durchquerten den Distrikt Velabrum am Fuß des Hügels Palatin. Anstelle der höchstens zweistöckigen Peristylvillen wie sie in Andreas’ Viertel standen, säumten nun hohe insulae die Straße und vermittelten den Eindruck, man befinde sich in einer finsteren Schlucht. Auch die Fenster dieser Mietshäuser waren noch dunkel, aber die Straßen waren bereits belebt. Lastträger schleppten ihre schweren Bündel und Kisten, und die rumpelnden Karren der Fuhrleute bahnten sich dazwischen ihren Weg. Noch immer galt das uralte Gesetz des Gaius Julius Caesar, dass während der Tagesstunden die Straßen Roms für Fuhrwerke gesperrt waren, und daher wurden alle Geschäfte, Markthallen und Lagerhäuser der Stadt in der Nacht beliefert. Als sie das Forum Boarium erreichten, wurde es besonders schlimm, denn hier endete die Straße, die zum Emporium, dem Güterhafen Roms, führte. Unzählige der schwer beladenen, von Ochsen gezogenen Lastwagen stauten sich hier unter den Flüchen der Fuhrleute. Wer von ihnen nach Sonnenaufgang noch hier stand, würde eine Strafe von hundert denarii zu zahlen haben, und diese Gewissheit vergrößerte das Chaos nur noch, denn jeder versuchte, sich einen Weg durch das Gedränge zu erkämpfen, wobei sich die Karren manchmal mit den hohen Rädern verkeilten und dadurch den zähen Strom des Verkehrs völlig zum Stillstand brachten.

Andreas und der Bote kamen dennoch einigermaßen rasch voran, denn die Uniform des Officiums ähnelte stark derjenigen der Polizeipräfektur. Alle Fuhrleute glaubten, einen Polizisten vor sich zu haben, der sich bereits seine Kandidaten suchte, bei denen er in zwei Stunden die Strafgelder kassieren würde. Niemand wollte ihn unnötig verärgern, und wohin der Bote kam, öffnete sich für ihn auf wundersame Weise eine Gasse zwischen den Karren, durch die ihm Andreas rasch folgte, ehe sie sich hinter ihm genauso schnell wieder schloss. Auf diese Weise erreichten sie schließlich die gewundene Straße, die den Palatin hinaufführte.

In den Palästen auf dem Hügel hatten einst die Caesaren gelebt, aber diese Zeiten waren lange vorüber. Schon Rufus I. hatte es vorgezogen, innerhalb der sicheren Festungsmauern der Castra Praetoria Wohnung zu nehmen, und heute residierte der Imperator offiziell in einer Villa auf dem Ianiculum-Hügel vor den Toren der Stadt. Nun beherbergten die prunkvollen Bauten auf dem Palatin das Herz der Verwaltung des Weströmischen Reiches, hier befanden sich das Amt des Militärtribunen, die Finanzpräfektur und natürlich das Föderatenbüro, in dessen Diensten Andreas Sigurdius stand.

Angesichts der Art und Weise, mit der er aus dem Bett gejagt worden war, hatte er erwartet, hier auf hektische Aktivität zu treffen. Doch das Domus Flavia, in dem das Officium Foederatii seinen Sitz hatte, lag als stiller dunkler Schatten vor dem sich langsam aufhellenden Himmel, und die Arme des Innuetors auf dem Dach hingen in Ruhestellung nach unten, statt mit ständigem Klappern den Empfang von Depeschen zu bestätigen und Anweisungen für entfernte Provinzen des Reiches zu senden, wie es im Falle von Unruhen bei den Föderaten zu erwarten gewesen wäre. Das verwirrte Andreas vollends, und er beschloss, seine fruchtlosen Spekulationen aufzugeben und lieber abzuwarten, was ihm der Präfekt zu sagen hatte. Mittlerweile hatten sie das bronzene Haupttor erreicht, vor dem ein sichtlich müder Prätorianer Wache stand. Beim Herannahen der beiden Reiter zog er unwillig die Hände aus dem warmen roten Mantel und schlug mit dem schweren, von einem Löwenkopf gehaltenen Ring einmal gegen das Tor, das nach einigen Augenblicken lautlos geöffnet wurde. Andreas und der Bote ritten in den Torweg, der in das Innere des Gebäudes führte.

Marcellus Sator fuhr sich immer wieder mit den Fingern durch die grauen Haare, während er die Schriftstücke durchging. Die Pergamente lagen ausgebreitet auf einem großen Tisch, dessen Oberfläche ein äußerst feines Mosaik war, das eine ptolemäische Karte darstellte. Sie reichte von den Nordländern Scandias und Thules bis nach Nubien, von einer Inselgruppe weit draußen im Oceanus Atlanticus bis zu den Grenzen des unzugänglichen und geheimnisvollen Reiches Sina. Er schob die Dokumente beiseite, um den Teil der Karte betrachten zu können, der das Weströmische Imperium zeigte. Dann schüttelte er kurz den Kopf, eine Geste, die gleichzeitig Besorgnis und Ärger auszudrücken schien.

Er stand nun kurz vor dem siebenundfünfzigsten Lebensjahr, und er hatte dem Imperium gedient, seit er sechzehn war. Jeder wusste, dass er das hohe Amt des Föderatenpräfekten wegen seiner Leistungen und Fähigkeiten erhalten hatte und nicht wegen seiner Verwandtschaft mit dem scorpischen Kaiserhaus. Trotzdem schien er ständig zu glauben, seiner Umwelt beweisen zu müssen, dass er kein Mensch war, der durch die Gunst seines kaiserlichen Neffen eine reiche Pfründe erlangt hatte, auf der er sich nun dem Müßiggang hingab. Er verbrachte weitaus mehr Zeit im Domus Flavia als daheim, und er hatte das zuvor traditionell eher lasch geführte Officium zu einem Mechanismus von gnadenloser Effizienz gemacht. Während die übrigen Präfekten der Reichsverwaltung die neuen Typoscribetoren noch als Spielzeug belächelten und Papier für ein minderwertiges Schreibmaterial hielten, gerade gut genug für die öffentlichen Schulen, hatte er das Potential dieser Erfindungen erkannt. In den Kellergewölben des Domus Flavia befanden sich mittlerweile dreißig Druckerpressen, die seine Anweisungen an seine zahllosen Untergebenen in allen Ecken des Imperiums schneller und zuverlässiger vervielfältigten, als es zweihundert Schreiber vorher konnten. Der Erfolg gab ihm recht, und die Spötter waren inzwischen zu Nachahmern geworden. Doch nun stand er vor Problemen, bei denen Druckerpressen und Organisationstalent ihm keine Hilfe bieten konnten.

Durch Zufall fiel sein Blick auf die Insel Thule hoch im Nordwesten, wo eine Inschrift vermerkte, dass dieses Land von Norvegii entdeckt und besiedelt worden sei.

Für einen winzigen Moment musste er an die Angelsachsen denken, deren Küsten dem Vernehmen nach seit einiger Zeit von norwegischen Piraten heimgesucht wurden. Aber ein paar Plünderer, die Fischerdörfer niederbrannten, waren für Rom ohne jede Bedeutung. Er zwang sich, diesen überflüssigen Gedankengang zu beenden, damit sein Geist wieder effizient arbeiten konnte.

Es wollte ihm aber nicht gelingen, denn nun hatte einer der Sekretäre den großen, kaum beleuchteten Besprechungsraum betreten und meldete mit gedämpfter Stimme, um seinen Herrn nicht zu abrupt bei seinen Überlegungen zu unterbrechen, die Ankunft Andreas Sigurdius’.

»Na endlich«, murmelte Marcellus, »er soll sofort zu mir kommen!«

Der Sekretär ging wieder, und Marcellus ordnete die Schriftstücke neu. Er hielt Andreas für intelligent und fähig – sonst hätte er auch kaum die Verlobung mit seiner Tochter Claudia akzeptiert –, aber seine Arbeitsmoral war zuweilen einfach zu lax. Nicht, dass er die ihm gestellten Aufgaben nicht erfüllt hätte, doch er nahm seine Arbeit zu sehr auf die leichte Schulter. Trotzdem schien er Marcellus für die anstehende Aufgabe am besten geeignet zu sein.

Die Tür öffnete sich wieder, Andreas kam herein und grüßte den Präfekten mit einer angedeuteten Verbeugung:

»Salve, Marcellus Sator. Ihr habt mich zu Euch befohlen?«

»Ganz recht! Komm her und lies dir dieses Dokument, das ich vor wenigen Stunden erhielt, sorgfältig durch. Danach sagst du mir, was du davon hältst.«

Andreas nahm den Papyrus, den der Präfekt ihm über den Tisch reichte, entgegen und begann zu lesen. Gleich zu Beginn fiel ihm das Datum am Kopf des Schriftstückes auf. Als Jahreszahl stand dort 6305, und damit war ziemlich sicher, dass der Verfasser sich irgendwo im östlichen Imperium befand, denn dort pflegte man die Zeitrechnung etos kosmou zu verwenden, deren Ausgangspunkt die Schöpfung war. Ein Lateiner hätte mit Sicherheit ab urbe condita, nach Gründung Roms gerechnet. Die einleitenden Zeilen bestätigten Andreas’ Vermutung, denn der Text war in einem Latein von akademischer Perfektion geschrieben, fehlerlos, jedoch schwerfällig. Dieser Stil war Andreas gut bekannt, er hatte ihn schon öfters in der Korrespondenz mit der Verwaltung in Konstantinopel angetroffen. Er war das typische Merkmal der oströmischen Beamten, deren Muttersprache zwar fast immer Griechisch war, die aber die zweite offizielle Sprache des Reiches erlernen mussten, falls sie in der Hierarchie aufsteigen wollten.

Nachdem er also die Herkunft des Dokuments hinreichend eingegrenzt hatte, konnte Andreas seine Aufmerksamkeit auf den Inhalt konzentrieren, der ihm schon bald ausgesprochen merkwürdig erschien. Von den beunruhigenden Veränderungen im Frankenreich war da die Rede, und das verwirrte Andreas. Das Officium Foederatii war zuständig für die germanischen Völker, die auf dem Gebiet des Imperiums lebten, begrenzte Selbstverwaltung genossen und im Gegenzug Truppen stellten. Doch das Frankenreich gehörte nicht zu den Föderaten, es war ein Verbündeter Roms.

Doch das änderte nichts am bedrohlichen Charakter der Fakten, die im Text aufgezählt wurden. Demnach hatte sich das Verhalten des Frankenkönigs Karl in den vergangenen drei Jahren sehr verändert, und das nicht unbedingt in einer Art, die dem Imperium als seinem Nachbarn Anlass zur Freude gegeben hätte. Doch Andreas kam mit der Lektüre nicht weit, weil ihn Marcellus ungeduldig unterbrach: »Also, was sagst du dazu? Dieser Karl behauptet tatsächlich, ihm stünde der Kaiserpurpur eigentlich zu, es sei gegen Gottes Willen, dass Rufus VIII. auf dem römischen Thron sitze. Unfassbar!«

Andreas wollte etwas sagen, aber der Präfekt sprach schon weiter: »Ganz abgesehen von diesen anderen Dingen, die bei den Franken vorgehen … Das alles gefällt mir nicht, ganz und gar nicht …«

Marcellus Sator schüttelte unwillig den Kopf, und Andreas sah deutlich die Doppelfalte zwischen dessen weißen Augenbrauen. Diese Falte erschien immer dann auf der Stirn des Präfekten, wenn er sehr besorgt oder sehr wütend war. Diesmal aber war die Falte viel deutlicher, als Andreas es bislang je gesehen hatte, und daraus schloss er, dass diese Mitteilungen seinen Vorgesetzten ungewöhnlich stark beschäftigen mussten.

»Verzeiht mir«, meinte Andreas vorsichtig, »aber mir scheint, dass diese Nachrichten – so wichtig sie auch sein mögen – überhaupt nicht in die Zuständigkeit unseres Amtes fallen.«

Der Präfekt blickte ihn unwirsch an, und Andreas glaubte bereits, sich mit dieser Bemerkung seinen Zorn zugezogen zu haben. Aber dann entspannten sich die Gesichtszüge, und er sagte ruhig: »Ja, natürlich. Du kannst das nicht wissen, kaum einer weiß es. Sag, was kannst du mir über den Frankenkrieg erzählen?«

»Das war vor fast 260 Jahren, 1291 ab urbe condita. Erst ein Jahr vorher hatte Rufus III. gemeinsam mit Justinian die restauratio imperii durchgeführt, und fast das gesamte Feldheer lag noch verstreut über Hispania und Africa, um für Ruhe in den rückeroberten Gebieten zu sorgen. Theudebert, der König des Frankenreiches, wollte das ausnutzen und ist heimtückisch in Italien eingefallen.«

Marcellus unterbrach ihn mit einem ironischen Lächeln: »Heimtückisch? Nun … wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre, ich hätte dasselbe getan. So eine Gelegenheit verstreichen zu lassen, das käme einer Sünde gleich. Aber dafür war Theudeberts Sünde die Dummheit, und das ist bei einem Monarchen weitaus schlimmer als Heimtücke … bitte, sprich weiter.«

»Er ist also mit seinem Heer in Italien einmarschiert. General Belisarius, der gerade mit einer kleinen, aber beweglichen Streitmacht von cataphractii und anderen berittenen Einheiten die letzten westgotischen Erhebungen in Septimanien bekämpfte, erfuhr davon und zog in Eilmärschen ostwärts. Theodahad, der Prätorianerpräfekt von Rom, hatte nur eine Kohorte zur Verfügung, der Rest der Prätorianergarde befand sich noch in Africa. Darum versuchte er eine gewagte Täuschung, er rüstete so viele Bewohner der Stadt, wie nur möglich war, mit Helmen und Schilden aus den Heeresmagazinen aus. Als dann die fränkische Armee sich Rom näherte, ließ er die Leute in Formation auf der Ebene östlich der Stadt Aufstellung nehmen. Aus der Entfernung glaubte König Theudebert, mehreren Legionen gegenüberzustehen. Weil er sich weit unterlegen wähnte, zog er sich wieder nach Norden zurück. Auf dem Rückzug ließ die Disziplin der Franken nach, die Soldaten plünderten und der Heerzug kam nur langsam voran. Als sie schließlich die Gebirgspässe nach Burgund überqueren wollten, war Belisarius schon dort. Er hatte ihnen einen Hinterhalt gestellt, in dem seine kleine Truppe das Frankenheer fast vollständig aufreiben konnte. König Theudebert wurde gefangen genommen und musste einen Vertrag unterzeichnen, mit dem das Frankenreich zum ewigen Verbündeten des Imperiums wurde.«

Marcellus nickte. »Sehr gut, deine Lehrer können zufrieden sein. Und jetzt werde ich dir etwas Wichtiges verraten: Es wurden damals zwei Verträge geschlossen. Der eine, von dem du eben gesprochen hast, sollte Theudebert helfen, nach der Niederlage sein Gesicht wahren zu können. Hätten die fränkischen Adligen von den demütigenden Bedingungen des zweiten Vertrags gewusst, Theudeberts Leben wäre keinen Denarius mehr wert gewesen. Und an seine Stelle wäre ganz ohne Zweifel ein Verwandter getreten, der nur ein Ziel gehabt hätte, nämlich sich an Rom für die Schmach zu rächen. Das hätte möglicherweise Jahrzehnte des Krieges bedeutet, und Rufus III. wollte das um jeden Preis vermeiden. Daher existieren zwei Fassungen des Vertrags. Und in der geheimen Version, die nur wenige kennen, musste Theudebert für die Franken den Föderatenstatus akzeptieren.«

Andreas war sprachlos. Demnach war das Frankenreich, dieses riesige Gebiet, das sich vom Oceanus Atlanticus bis zur Elbe erstreckte, in Wirklichkeit Teil des Imperiums?

Scheinbar konnte Marcellus diese Frage im Gesicht seines jungen Untergebenen ablesen, denn er fuhr fort: »Allerdings wurde eine Sonderform des Föderatenvertrags ausgearbeitet. Die Vorstellung, das komplette Frankenreich dem Westreich einzugliedern, war für Rufus III. überaus verlockend. Das ist verständlich, denn damit hätte das Imperium mit einem Schlag fast alle Provinzen zurückerlangt, die ihm seit etwa 1200 verloren gegangen waren: Gallien, Belgica, beide Germanien … aber der Kaiser war ein Realist. Die Legionen des Westens reichten schon kaum aus, um die rückeroberten Provinzen Hispanias und Africas zu kontrollieren, und Justinian würde mit Sicherheit seine Truppen bald wieder zurückbeordern, um die Bulgaren und Perser im Zaum zu halten. Also wurde im Vertrag festgelegt, dass Rom sich vorbehält, im Frankenreich zu intervenieren, falls die inneren Zustände dort sich zum Schaden des Imperiums zu entwickeln drohten. So sollte sichergestellt werden, dass die Franken nie wieder zu einer Bedrohung für Rom werden könnten.«

»Und darum ist das Officium für diese Angelegenheiten zuständig.«

Langsam erkannte Andreas die Zusammenhänge. »Aber … dieser Bericht stammt doch offenbar von einem Griechen, einem Oströmer. Haben wir denn keine eigenen Kundschafter im Frankenreich?«

»Kompliment für deine Beobachtungsgabe.« Marcellus war angenehm überrascht, dass sein künftiger Schwiegersohn mehr als nur die Worte des Dokuments gelesen hatte. »Die bittere Wahrheit sieht so aus: Unsere Beziehungen zu unseren Föderaten sind so gut, dass die meisten Leute schon von einer Krise sprechen, wenn sich die Vandalen mal wieder über die Weizenquote beschweren. Und durch diese lange Ruhezeit war das Officium völlig heruntergekommen, als ich es vor acht Jahren übernahm. Ich habe seitdem die schlimmsten Missstände beseitigen können … aber um ein Kundschafternetz im Frankenreich aufzubauen, dazu bräuchte ich noch mal mindestens acht Jahre und Hunderttausende von solidii. Ja, was noch viel schlimmer ist: Ich habe erst vor zwei Jahren überhaupt erfahren, dass die Überwachung der Franken zu meinen Aufgaben zählt. Und das auch nur durch Zufall, als ich die alten Akten studierte. Und dann musste ich feststellen, dass das Imperium nicht einen einzigen Kundschafter im Frankenreich hat … Wenigstens konnte ich durch persönliche Kontakte diese Abschriften oströmischer Geheimdienstberichte erhalten.«

»Die Oströmer haben Agenten im Frankenreich?« Aus Andreas’ Stimme sprach echte Verblüffung.

»Unsere griechischen Brüder waren schon immer etwas misstrauischer, von ihnen können wir auf dem Gebiet der Spionage noch manches lernen. Andere Berichte stammen von Kaufleuten und Reisenden, und manches stand auch in den Mitteilungen unseres Gesandten in Trevera, es handelt sich also auch um Vorgänge bei den Franken, die durchaus nicht im Geheimen ablaufen. Damit du dich nicht durch diese Stapel von Papier kämpfen musst, will ich dir die wichtigsten Fakten kurz schildern …«

Andreas hörte jetzt zum ersten Mal, welche ungewöhnlichen Veränderungen seit rund drei Jahren im Frankenreich vor sich gingen. Manches davon wusste er bereits, aber nun bekam es für ihn erst echte Bedeutung. Angefangen hatte alles im Februar 1546, als König Karl die Strukturen seines Reiches überraschend und scheinbar völlig grundlos umkrempelte. Eine bizarr aufgebaute Verwaltung, die jeder Staatstheorie Hohn sprach, wurde eingeführt, mit Hunderten von Grafen als königlichen Statthaltern sowie geistlichen und weltlichen Hofämtern in gleicher Zahl. Das aber war erst der Anfang. Kaum dass der Frühling begonnen hatte, fiel Karl mit seinem Heer ohne irgendeinen erkennbaren Grund in Sachsen ein und unterwarf das Land bis zur Elbe in wenigen Wochen mit grausamsten Mitteln. Offizielle Begründung war, dass Karl, der schon immer zum religiösen Eifer geneigt hatte, den heidnischen Sachsen das Christentum zu bringen beabsichtigte. Es war jedoch völlig rätselhaft, welche Art Christentum er dabei im Sinn hatte, denn bei den erzwungenen Massentaufen mussten die besiegten Sachsen einen Eid auf den Papst und die Römische Kirche leisten. Niemand konnte sich erklären, was damit gemeint sein sollte, denn es gab keine Römische Kirche, nur eine Nicaeische, und deren Oberhaupt war – nach dem oströmischen Kaiser – der Patriarch von Konstantinopel. Der Papst in Rom kam als dessen Untergebener und Statthalter in der westlichen Diözese erst an dritter Stelle der kirchlichen Hierarchie. Aber die Sachsen hatten keine andere Wahl, als diesen ebenso sinnlosen wie verwirrenden Eid zu leisten, denn auf Eidverweigerung stand der Tod.

Während seine Soldaten noch Terror in Sachsen verbreiteten, nahm Karl weitere unerklärliche Projekte in Angriff. Per Gesetz wurden die lateinischen Monatsnamen abgeschafft, an ihre Stelle traten neukonstruierte Bezeichnungen in der barbarischen fränkischen Sprache. Steinmetze, Schmiede, Maurer und Zimmerleute wurden im ganzen Land zwangsverpflichtet, der Grund dafür war unbekannt. Und Karl selbst befahl, dass man ihn fortan Karl den Großen nennen möge.

»Und das vielleicht Beunruhigendste«, sagte Marcellus Sator nachdenklich, »ist sein Verhalten in kirchlichen Dingen.«

»Davon habe ich gehört, Präfekt. Es heißt, er nehme sich heraus, Bischöfe zu ernennen.«

»Und abzusetzen, ja. Noch nimmt man diese Anmaßung in Konstantinopel nicht allzu ernst, man ist dort von den Bulgaren weitaus größeren Ärger gewöhnt. Aber bald wird mit Sicherheit eine hochoffizielle Aufforderung bei unserem Caesaren eintreffen, in dem sein Bruderkaiser verlangt, dass wir Karl auf die Finger klopfen.«

»Das ist wahrscheinlich«, sagte Andreas. »Aber das sollte uns keine Sorgen machen. Karl würde wegen dieser Sache nie im Leben einen ernsthaften Konflikt mit dem Imperium riskieren. Er mag über ein großes Reich herrschen, aber sein Heer ist kein ernsthafter Gegner für uns.«

Der Präfekt lächelte nachsichtig. »Wie gerne würde ich dir zustimmen. Aber ganz so einfach ist es denn doch nicht. Die oströmischen Agenten im Frankenreich sind in den letzten Monaten nach und nach verstummt, vermutlich sind sie entdeckt worden und tot. Der letzte von ihnen konnte vor drei Wochen noch eine Botschaft nach Konstantinopel senden, ehe auch von ihm nichts mehr zu hören war. In dieser letzten Meldung ist davon die Rede, dass Karl den arianischen Glauben durch seine Bischöfe zur Häresie erklären lassen will. Du kannst dir vorstellen, was das bedeuten würde.«

»Das würde ganz bestimmt große Unruhe bei den Föderaten auslösen. Sie sind fast ausnahmslos Arianer, keiner dort könnte es verstehen, wie Rom es zulassen kann, dass in einem verbündeten Reich ihre Glaubensbrüder verfolgt werden.«

»Du hast es ganz genau erfasst, Andreas. Die Föderaten würden auf Krieg drängen, die Lateiner würden es ablehnen, für den Glauben der anderen ihr Leben zu riskieren. Die Folge wären innere Zwistigkeiten im Imperium, die sich rasch zu einer existenzbedrohenden Krise ausweiten könnten. Das große Toleranzwerk Rufus’ I. würde durch die Launen eines halbbarbarischen Königs zunichtegemacht. Und dabei ist das noch nicht einmal das Allerschlimmste …«

»Was könnte schlimmer sein als die Möglichkeit eines Bürgerkriegs, Marcellus?«

»Erinnere dich, Karl beansprucht plötzlich den Kaiserthron! Er hat das bisher noch nicht öffentlich gesagt, denn ihm ist bewusst, dass Kaiser Rufus eine solche Äußerung als Kriegserklärung auffassen müsste. Aber was, wenn das Westreich ohne seine Legionen dastünde …?«

Marcellus schob mit einer Handbewegung die Dokumente fort, die auf der Mosaikkarte das östliche Mare Internum verdeckten, zeigte auf das Gebiet jenseits vom Oströmischen Reich und sagte: »Persien!«

Dieses eine Wort reichte aus, um bei Andreas die schlimmsten Befürchtungen wachzurufen.

Persien, die ewige Nemesis Roms! Seit Jahrhunderten brachte dieses von Gott verfluchte Reich einen Shahinshah nach dem anderen hervor, der meinte, sich mit dem Imperium messen zu müssen. Die Niederlage, die Rufus IIII. und Herakleios vor über 170 Jahren dem heimtückischen Chrosoes zugefügt hatten, hätte die Perser ein für allemal lehren müssen, dass Rom unbesiegbar war, wenn Ost- und Westreich zusammenstanden. Doch stattdessen war an der langen Grenze Ostroms, die sich vom bergigen Armenien bis zum glühend heißen Arabien erstreckte, immer wieder die Fackel des Krieges aufgeflammt. Sollte es wieder einmal so weit sein? War das der Grund, warum schon seit einiger Zeit in den großen Häfen des Westreichs Schiffe zusammengezogen wurden? Andreas hatte gehört, dass in allen Provinzen die Legionen in die Umgebung der Hafenstädte verlegt worden waren, und es hatte die verschiedensten Gerüchte über die Gründe gegeben. Marcellus sprach weiter:

»Noch herrscht Frieden, der oströmische Geheimdienst hat jedoch Meldungen erhalten, die nichts Gutes verheißen. Shahinshah Hormuzan lässt seine Armee nach Norden verlegen, und die Elitetruppen der Unsterblichen sind auch darunter. In Konstantinopel rechnet man fest mit Krieg, und wenn es dazu kommt, wird Kaiser Konstantin die Waffenhilfe einfordern, zu der wir verpflichtet sind. Die Vorbereitungen dafür laufen schon seit Wochen, seitdem die ersten Nachrichten über einen persischen Aufmarsch an der armenischen Grenze eintrafen. Das hieße aber, dass fast alle regulären Legionen aus dem westlichen Imperium abgezogen werden müssten. Und dann …«

Marcellus überließ es Andreas’ Vorstellungskraft, sich die möglichen Folgen dieser Kombination auszumalen. Ein Barbarenkönig, der unberechenbarem Wahnsinn verfallen ist und sich den Kaiserthron aneignen will, und ihm gegenüber ein Weströmisches Reich ohne nennenswertes Feldheer.

»Die auxiliarii unserer Föderaten an den Grenzen zum Frankenreich sind viel zu schwach, um Karl Widerstand entgegensetzen zu können, wenn er wirklich vorhat, was Ihr annehmt, Marcellus. Das Desaster wäre unvermeidbar. Könnten nicht Vandalen aus Nordafrika …«

Noch bevor Andreas ausgeredet hatte, schüttelte der Präfekt den Kopf. »Unmöglich. Ohne die VII. und X. Legion haben die Vandalen gerade genug ausgebildete Soldaten, um die Berber fernzuhalten. Zögen wir diese Truppen auch noch ab, würden wir unsere Kornkammer diesen Nomaden zur Verwüstung preisgeben. Ganz abgesehen davon, so verzweifelt sind wir noch nicht. Andreas Sigurdius, ich habe eine wichtige, sehr wichtige Aufgabe für dich!«

Mit dem Finger wies Marcellus auf einen Punkt der Landkarte, wo eine Mauer mit drei Türmen eine Stadt symbolisierte. Daneben stand in großen, roten Buchstaben »TREVERA«.

»Du wirst nach Trevera gehen, der Hauptstadt des Frankenreiches. Ich muss wissen, was bei den Franken vorgeht, ob Karl wahnsinnig geworden ist, ob er Kriegsvorbereitungen trifft, alles.«

»Aber Präfekt!« In Andreas’ Gesicht stand das blanke Entsetzen geschrieben. »Das ist unmöglich! Ich … ich bin doch kein Spion, ich kann nicht …«

»Im Gegenteil, Andreas, du bist der perfekte Spion – denn du wirst in der Rolle, die du spielst, absolut überzeugend sein. Wer könnte den Sohn eines ostgotischen Grafen besser darstellen als der Sohn eines ostgotischen Grafen? Außerdem sprichst du, wie ich weiß, zumindest ein wenig Fränkisch. Du reist durch das Frankenreich, um die Stätten römischer Geschichte zu besuchen. Hätten wir einen brauchbaren Geheimdienst, wäre das sicher nicht nötig, aber so … Nein, ich habe keine Zweifel an deiner Eignung für diese Aufgabe. Ich habe seit vier Jahren Gelegenheit, dich Tag für Tag zu beobachten, ich kenne deine Fähigkeiten und Talente.«

Diese Worte aus dem Munde des Präfekten, der sonst so gut wie nie Lob äußerte, erfüllten Andreas mit Stolz.

Nicht genug, um die Angst zu verdrängen, aber ausreichend, um die außergewöhnliche Ehre schätzen zu können, die Marcellus ihm mit dieser wichtigen Mission erwies.

»Die Zeit drängt sehr, du wirst daher noch heute Mittag abreisen. Ich habe hier deine Instruktionen, lies sie dir gut durch. Und nun begib dich nach Hause und bereite dich auf die Reise vor.«

»Marcellus, wenn Ihr gestattet … ich würde mich vorher gerne von Claudia verabschieden.«

»Völlig ausgeschlossen. Nicht nur, dass du dafür keine Zeit hast, deine Aufgabe ist im Übrigen auch streng geheim.«

»Vergebt mir, aber Claudia ist meine Verlobte. Wenn ich völlig unangekündigt für mehrere Wochen verschwinde, wird sie sich große Sorgen machen, und das könnt Ihr Eurer Tochter unmöglich wünschen. Lasst mich ihr wenigstens sagen, dass Ihr mich überraschend mit einem Auftrag zu einem unserer Föderaten geschickt habt.«

Marcellus Sator schätzte es überhaupt nicht, wenn Dienst und Privatleben in Berührung kamen, darunter litt seiner Erfahrung nach stets die Effizienz der Arbeit. Aber die Vorstellung, seine Tochter vor Sorge um ihren Verlobten leiden zu sehen …

»Nun gut, Andreas, du scheinst recht zu haben. Du hast heute Mittag Gelegenheit, dich von Claudia zu verabschieden, ehe du losreitest. Ich werde dabei anwesend sein, damit du nicht versehentlich etwas Falsches sagst. Und nun mach dich auf den Weg, du hast nur wenige Stunden Zeit, um deine Vorbereitungen zu treffen!«

Andreas Sigurdius verneigte sich kurz vor seinem Vorgesetzten und verließ dann den Raum.

Der Präfekt blieb alleine zurück und sah gedankenverloren auf die große, aus zahllosen Mosaiksteinchen zusammengesetzte Landkarte. Karl der Große!, dachte er und verzog spöttisch den Mund. Könnte es etwas Lächerlicheres geben?

»Das kann nicht dein Ernst sein, Vater!«

Andreas war froh, dass sich Claudias Unmut nicht gegen ihn, den Überbringer der schlechten Nachricht, wandte. Sollte doch ihr Vater sehen, wie er sie wieder besänftigte, immerhin hatte er ihn ja auch zu dieser lebensgefährlichen Aufgabe verdammt.

»In drei Wochen soll unsere Hochzeit sein, und du schickst Andreas zu den Westgoten? Wie kannst du nur so rücksichtslos sein! Kein Vater würde das seiner Tochter antun …«

Sie wechselte ständig von Wutausbrüchen zu Tränen, und es bereitete Andreas stille Freude, dass Marcellus Sator seiner Tochter völlig hilflos gegenüberstand. Er konnte kaum glauben, dass das derselbe Mann war, dessen bloßer Blick die Beamten des Officiums das Fürchten lehren konnte, so verloren wirkte der Präfekt.

Claudias Attacken ließen langsam nach, als sie merkte, dass sie diesmal die Entscheidung ihres Vaters nicht ändern konnte. Andreas betrachtete sie, und wieder einmal fiel ihm auf, dass sie so ganz anders war als die Mädchen, die er vor ihr kannte. Selbst jetzt, wo ihre dunklen Augen vom Weinen gerötet waren, wirkte sie kein bisschen schwach oder schutzbedürftig.

Das schwarze Haar, das in bläulich schimmernden Wellen über ihre Schultern fiel, umgab ein Gesicht, dessen Schönheit gerade darin bestand, dass es nicht den glatten klassischen Idealen entsprach: Claudias Nase war ausgeprägt, ihr Kinn schien ihre Willenskraft widerzuspiegeln, und die vornehme Blässe römischer Damen konnte sie auch nicht vorweisen. Im Gegenteil, da sie seit ihrer Kindheit stundenlange Ausritte liebte, war ihre Haut so kräftig gefärbt wie die eines Bauernmädchens. Hätte sie nicht das grüne Seidenkleid und die goldenen Haarspangen getragen, hätte Andreas sie sich ohne Weiteres auf dem sizilianischen Landgut seines Onkels vorstellen können. Nur, dass es dort keine so schönen Frauen gab.

Unterdessen war Marcellus derartig mitgenommen von den Vorwürfen seiner Tochter, dass er ihr die prächtigste Hochzeit versprach, die Rom seit der Vermählung des Imperators mit Krista von Toletum gesehen hatte, wenn sie sich nur beruhigen würde.

Claudia würdigte diese Bestechungsversuche keines Wortes – was nicht hieß, dass sie dieses Versprechen nicht in Erinnerung behielt – und wandte sich ihrem Verlobten zu. »Du wirst doch bald zurück sein, Andreas, nicht wahr?«

Aus dem Munde jeder anderen Frau wäre dieser Satz in dieser Situation ein weinerliches Flehen gewesen. Bei Claudia hingegen klang es wie eine Aufforderung.

»Das hängt nicht von mir ab, Claudia. Nicht einmal dein Vater weiß, wie lange es dauern wird, bis wir alle Aufzeichnungen zusammenhaben. Es gibt viele kleine Dörfer im Hochland von Hispania …«

»… mit vielen hübschen blonden Westgotinnen, nicht wahr?«

Andreas zuckte zusammen und wollte sich bereits verteidigen, aber dann merkte er am Tonfall, dass Claudia ihn mit diesem Satz nur aufziehen wollte. Außerdem lächelte sie jetzt, und das war das sichere Zeichen, dass sie die Verschiebung der Hochzeit akzeptiert hatte. Aus den Augenwinkeln konnte er erkennen, dass aus Marcellus’ Gesicht die Erleichterung sprach.

Der Abschied von Claudia nahm noch eine Weile in Anspruch, und als der letzte Kuss ausgetauscht war, begleitete der Präfekt Andreas zu seinem wartenden Pferd. Er sagte kein Wort, während sie durch die weitläufigen Gärten der Villa gingen, und Andreas wagte nicht, das Schweigen zu durchbrechen.

Schließlich erreichten sie einen Platz am Rande des Gartens, der mit weißem, feinem Kies bestreut war und in dessen Mitte ein altersgrauer Marmorbrunnen stand. Aus dem Mund eines mit Grünspan überzogenen Satyrkopfes aus Bronze fiel ein weicher Wasserstrahl plätschernd ins Wasser. Beim Anblick des Wasserspeiers hielt der Präfekt einen Moment inne. »Weißt du, wie alt dieser Brunnen ist?«

Andreas, den diese Frage überraschte, wollte verneinen, aber Marcellus redete schon weiter, ohne eine Antwort abzuwarten. »Fast achthundert Jahre. Achthundert Jahre, halte dir diese unglaubliche Zeitspanne vor Augen. Und durch alle diese Jahrhunderte zieht sich lückenlos die Reihe der Imperatoren. Unter ihnen waren Genies und Dummköpfe, Philosophen und Wahnsinnige, Helden und Tyrannen, Heiden und Christen. Aber ganz gleich, wer sie waren, ihre bloße Existenz ist wichtig. Denn solange es einen Kaiser gibt, heißt das automatisch, dass es auch ein Imperium gibt.«

Er machte eine Pause, und nach einem Moment des Wartens sagte Andreas vorsichtig: »Verzeiht mir, Marcellus … aber ich glaube, ich verstehe nicht, was Ihr mir damit sagen wollt.«

»Das ist meine Schuld. Statt mich klar und deutlich auszudrücken, habe ich versucht, mich in die Rhetorik zu flüchten. Als ob meine düsteren Gedanken dadurch angenehmer würden! Andreas, ich habe ein sehr, sehr schlechtes Gefühl. Seit den finstersten Jahren, in denen das Westreich vor dem Untergang stand, war Rom nicht in einer potentiell so gefährlichen Lage. Und keiner will es wahrhaben, es ist ein Trauerspiel. Die Generale und der Kaiser sind in Gedanken bereits in Persien, den Frankenkönig nehmen sie überhaupt nicht wahr. Vielleicht überschätze ich die Bedeutung meiner Entscheidungen, aber … ich habe eine Vorahnung, dass es jetzt an dir liegt, ob Rufus VIII. der letzte der Caesaren sein wird …«

Ein Bediensteter führte das Pferd heran, und Andreas stieg wortlos in den Sattel.

»Gott möge mit dir sein«, sagte Marcellus leise, fast flüsternd.

Andreas nickte ernst und ritt dann durch das große Tor, ohne noch einmal zurückzublicken.

2

Trevera

Im Palast Karls

Wibodus schnaubte verächtlich und beugte sich über den Tisch, wobei er sich mit den Fäusten aufstützte. Sein massiger Körper wirkte bedrohlich wie eine schwere, dunkle Gewitterwolke, aus der jederzeit der erste Blitz fahren konnte.

»Und ich sage, das ist grober Unfug! Der König mag vielleicht auf Euer Geschwätz hören, aber mich könnt Ihr mit diesen Hirngespinsten nicht beeindrucken! Wir sollten Eure wirren Pläne vergessen und zuschlagen, sobald die Gelegenheit günstig ist!«

Seine dröhnende Stimme, die wie ein Unheil verkündender Donner grollte, ließ seine Gestalt noch furchterregender wirken. Er war nicht ungewöhnlich groß, aber wer ihn sah, glaubte ohne Weiteres die Gerüchte, nach denen er mit bloßen Händen Schwerter verbog. Der Blick seiner blauen Augen unter den buschigen dunklen Brauen war wie ein Messerstich, und er war durch eine breite, wulstige Narbe entstellt, die sich über die gesamte linke Gesichtshälfte zog. Er trug einen nachtschwarzen Schnurrbart, dessen Seiten ihm bis zum Kinn hinabhingen, auf seinem rasierten Kopf zeigte sich ein bläulicher Schimmer.

Der Mann, dem diese Drohgebärden galten, war groß und schlank, fast hager. Seine Augen waren ebenfalls blau, und wenn sie auch alles und jeden ständig aufmerksam beobachteten, verrieten sie doch nie die Gedanken ihres Eigentümers. Sie bildeten eindeutig den Mittelpunkt des Gesichts mit den markanten, scharf geschnittenen Zügen, aus dem eine adlerartige Nase hervorragte.

Er saß in seinem Stuhl und hörte sich ganz in Ruhe die Attacken des Generals an, die Hände lagen in einer Geste des Denkens vor seinem Mund, wobei sich die langen, schmalen Finger nur an den Spitzen berührten.

Endlich ließ sich Wibodus mit rotem Kopf wieder in seinen Stuhl fallen und wartete ab, wie Einhard, der Oberkämmerer des Frankenreiches, wohl reagieren würde. Der taxierte sein Gegenüber, stand dann auf, strich die einfache braune Mönchskutte glatt und ging stumm zur großen Landkarte, die an der Wand hing.

Einhard betrachtete wortlos die aus zahlreichen Bögen Pergament zusammengesetzte Karte für einige Minuten. Dann sagte er, ohne den Blick von der Karte zu wenden: »Ihr seid ein Esel, General.«

»Was erdreistet Ihr Euch!«, tönte Wibodus empört.

»Ich danke Gott, dass der König meinen Rat dem Eurigen vorzieht, denn Ihr hättet längst seinen gesalbten Namen beschmutzt, und zwar zum Klang der Trommeln und Posaunen.«

Der General war sprachlos, und Einhard nutzte diesen seltenen Zustand, um seine Ausführungen fortzusetzen. »Der Herr hat uns in Seiner Weisheit das Große Wunder widerfahren lassen. Wir müssen uns dieser Gnade würdig erweisen, indem wir Seinen Wahren Willen vollstrecken. Den zweiten Plan habe ich nur entworfen für den Fall, dass der erste misslingt. Wenn das der Fall sein sollte, ist die Reihe an Euch und Ihr könnt Eurem Drang zur blanken Gewalt freien Lauf lassen. Und bei Gott, ich bete, dass mein eigentliches Vorhaben gelingt und wir so zum Wahren Willen gelangen!«

»Das Problem mit euch Bücherwürmern ist«, höhnte Wibodus, »Ihr denkt viel zu umständlich! Wir sollten uns auf Euren zweiten Plan beschränken, denn der erste besteht – mit Verlaub – nur aus Umwegen, von denen kein Mensch weiß, ob sie überhaupt irgendwohin führen.«

Einhards Gesicht verriet keine Reaktion, aber in seinem Kopf hallten die Worte des Generals wider. Ein Weg, der ins Nichts führte … genau das war es, was er fürchtete. Sein Plan war brillant erdacht, aber er stand und fiel mit seinem wichtigsten Element, das unglücklicherweise auch sein unsicherstes war. Seit über zwei Jahren bemühte er sich nun schon, diesen Schlussstein zu finden, aber es wollte ihm nicht gelingen. Die Zeit arbeitete für Wibodus, denn bald würde der König die Geduld verlieren und dem brutalen Krieger die Aufgabe übertragen, den Wahren Willen des Herrn auf

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