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Therapie mit Substanz: Psycholytische Therapie im 21. Jahrhundert
Therapie mit Substanz: Psycholytische Therapie im 21. Jahrhundert
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eBook470 Seiten4 Stunden

Therapie mit Substanz: Psycholytische Therapie im 21. Jahrhundert

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Über dieses E-Book

Ein einzigartiger Bericht und massgeblicher Leitfaden für eine künftige Generation von Psychotherapeuten.
Dieses Fachbuch ist ein umfassender Leitfaden zum medizinischen Gebrauch von psychedelischen Substanzen in der Therapie von psychischen und psychosomatischen Störungen. Er beschreibt in klarer und gut verständlicher Sprache alles, was für den wirksamen und sicheren Einsatz dieser Behandlungsweise sowie für die Arbeit mit aussergewöhnlichen Bewusstseinszuständen im Allgemeinen zu wissen notwendig ist.

Mit einem Vorwort von Stanislav Grof.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum2. Sept. 2016
ISBN9783037885123
Therapie mit Substanz: Psycholytische Therapie im 21. Jahrhundert
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    Therapie mit Substanz - Friederike Meckel Fischer

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    1

    Mein persönlicher Werdegang

    In diesem ersten, biografischen Kapitel beschreibe ich meinen persönlichen Weg in die psycholytische Arbeit.

    Bei diesem und auch den folgenden Kapiteln handelt es sich um einen zusammenhängenden, kompakten Rückblick auf die Entstehung des Gesamtgebildes. Diese Perspektive führt dazu, dass bereits Bekanntes in späteren Kapiteln erneut aufscheint.

    Dass meine berufliche Laufbahn mich dazu geführt hat, unkonventionelle Methoden zu erproben und einzusetzen, liegt zweifellos auch daran, dass sie mich mit den Grenzen der konventionellen Psychotherapie konfrontiert hat. Es wäre allerdings anmaßend, die herkömmliche Psychotherapie verallgemeinernd als unbrauchbar zu bezeichnen. Deshalb werde ich im Folgenden nur über mich und meine eigenen Erfahrungen berichten.

    1988 verliebte ich mich nach 21 Ehejahren in einen anderen Mann. Als mir in der Folge deutlich wurde, dass dieser Mann unsere »Beziehung« nur zum Ausstieg aus seiner eigenen Ehe benutzt hatte und es ihm gar nicht um mich gegangen war, katapultierte mich diese Erfahrung in eine Lebens- und Sinnkrise. Ich erkannte mich selbst nicht wieder. Eine immense innere Unruhe, Traurigkeit und Gereiztheit befielen mich. Für meine Umwelt muss ich eine Zumutung gewesen sein. Ich wurde streitsüchtig, intolerant, vernachlässigte meine häuslichen Pflichten, hinterfragte alles und »meckerte an meinem Mann herum«.

    Interessanterweise war ich jedoch bei der Arbeit als Ärztin im Krankenhaus eine völlig andere: ausgeglichen, vergnügt, voller Kraft und zu hohem Arbeitseinsatz bereit und fähig. Von außen betrachtet war ich zwei Personen. Da ich niemanden kannte, der mir in dieser Situation hätte helfen können, beschloss ich, mir selbst zu helfen. Ich musste Psychotherapeutin werden. Interessant scheint mir im Nachhinein, dass mir nie in den Sinn gekommen ist, erst einmal selbst eine Therapie zu machen.

    Die Verhaltenstherapie schien mir zu technisch ausgerichtet, deshalb meldete ich mich in der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapieausbildung zum Vorgespräch. Als Motivation gab ich berufliches Interesse an, hatte ich in meiner Eigenschaft als Arbeitsmedizinerin doch festgestellt, dass die meisten Erkrankungen und Fehlzeiten am Arbeitsplatz durch zwischenmenschliche Probleme ausgelöst werden. Aufgrund dieser Argumentation wurde ich in die Ausbildungsgruppe aufgenommen. Während der gesamten dreijährigen Ausbildung brachte ich es im Übrigen fertig, meinen eigentlichen Zustand nicht zu thematisieren. Nicht dass ich vorsätzlich nichts preisgab, es ging einfach nicht – als gäbe es eine unsichtbare Grenze in mir. Dieses Verhalten, das ich erst im Verlauf meiner Selbsterforschung als solches erkannte und zu verstehen begann, sollte erst sehr viel später den Namen »Nachkriegskindheit-Identität« erhalten: »Schotten dicht, nicht fühlen, sondern funktionieren«. Es diente mir schließlich als eine wichtige Lehre über die »natürliche Unfähigkeit, sich zu öffnen«, durch die in der Psychotherapie das Wichtigste nicht angesprochen wird.

    Neben der Theorie und dem psychiatrischen Praxisteil absolvierte ich im Selbsterfahrungsteil der Ausbildung eine Gruppenpsychoanalyse. Selbstverständlich diente die Gruppe als Abbild der Gesellschaft und/oder der Familie mit ihren jeweils fehlgelaufenen sozialen und zwischenmenschlichen Austauschprozessen. Durch die Interaktionen in der Ausbildungsgruppe sollten sich – nun unter günstigen sozialen Bedingungen – die prägenden sozialen Erfahrungen erneut entfalten; sie sollten erkennbar und verständlich gemacht und möglichst korrigiert werden.

    Das ist ein nützlicher Ansatz, und er war mir verständlich. Für einige Teilnehmer der Gruppenpsychoanalyse erwies sich dieses Vorgehen auch als hilfreich. Nur ich saß inmitten der Gruppe und war außerstande, über mich zu sprechen, obwohl mir im Allgemeinen eine »große Klappe« bescheinigt wurde. Sobald in der Sitzung Stille eintrat, begann mein Herz wie wild zu klopfen; ich war wie nicht mehr anwesend. Wenn andere Teilnehmer lebhaft redeten oder stritten, konnte ich mich etwas entspannen und zum Geschehen beitragen. Diese Sitzungen, die manchmal den ganzen Sonntag dauerten und die ich sogar in unserem eigenen Haus organisierte, waren mir ein Graus. Ich zählte die Stunden und war erleichtert, als die vorgeschriebenen 400 Stunden der Gruppenanalyse endlich vorbei waren. Ich fürchtete mich – fürchtete mich vor allem zuzugeben, dass ich mich fürchtete.

    Zusätzlich zu den Gruppenstunden musste ich zu 50 Einzelsitzungen à zwei Stunden antreten. Ich war heilfroh, dass ich nicht auf der Couch, sondern in einem bequemen Sessel Platz nehmen und den Analytiker anschauen konnte. Ich erinnere mich an fast nichts mehr von dem, was in diesen Sitzungen ablief. Ich habe wohl die meiste Zeit geschwiegen und war irgendwo anders – an einem Ort, den ich nicht benennen konnte. Ja, ich konnte nicht einmal benennen, dass ich nicht anwesend war. Der Begriff der Dissoziation war damals auch Fachleuten noch nicht geläufig und mein Schweigen wurde als Widerstand gedeutet.

    Ich lernte jedoch sehr gut, »meine Geschichte« zu erzählen. Ich lernte, da ich mich ja in Ausbildung befand, meine »Symptome« anhand meiner Biografie zu deuten. Bei der Wahl meines Ehemannes hatte ich offenbar einen Vaterersatz ausgesucht. Meinen Fleiß, meinen Ehrgeiz und meinen Leistungsanspruch begriff ich als stark entwickeltes Über-Ich, mein Unbewusstes ließ mich handeln. War es also das, was mich auf die Suche schickte?

    Ich gab keine gute Analysandin ab. Ich träumte nichts. »Du machst noch etwas anderes?« fragte mich der Analytiker in regelmäßigen Abständen, und sagte dann: »Du veränderst dich.« Ich winkte ab – aus irgendeinem mir nicht erkennbaren Grund wollte ich mein Innerstes dort nicht preisgeben. Ich ahnte mehr als zu wissen, dass das Problem an einer anderen Stelle und in einer tieferen Schicht lag, die hier nicht zugänglich werden würden. Die Analyse hat bei mir weder den Widerstand bearbeitet noch irgendeine Veränderung meines emotionalen Zustandes bewirkt. Allerdings habe ich eine Menge über Psychotherapie gelernt und konnte im Fachjargon anfängerhaft mitreden. 1992 fand die Prüfung vor der Ärztekammer statt. Ich hatte dazu das gesamte Psychiatriebuch auswendig gelernt und bekam bestes theoretisches Wissen bescheinigt.

    Während der Ausbildungszeit in tiefenpsychologisch orientierter Psychotherapie hatte ich auf der intensiven Suche nach Wegen zur Linderung meines fast unerträglichen psychischen Zustands von meinem früheren Universitätsprofessor für Gynäkologie das von Stanislav Grof entwickelte »Holotrope Atmen« empfohlen bekommen. Zunächst einmal las ich Grofs Buch Das Abenteuer der Selbstentdeckung. Ist mir heute jeder Satz darin verständlich, so begriff ich bei dieser ersten Lektüre nicht, wovon Stan sprach. Meine erste Begegnung mit ihm und die erste Atemsitzung im Frühjahr 1989 in Zürich wurden jedoch richtungweisend für mich.

    Ich folge Stan Grofs tiefer Stimme: »Atme jetzt tiefer und schneller und tiefer und schneller, und lass dich vom Atem und der Musik tragen.«

    Ich atme tiefer und schneller und schneller und tiefer. Ich keuche, erbreche mich fast, mein Hals überstreckt sich nach hinten. Gewaltiges schwarzes Trommeln reißt mich augenblicklich in eine dunkle Röhre. Ich werde von hinten gestoßen und durch diesen engen Tunnel wie hindurchgepresst. Es schleudert mich hinaus. Ich will schreien, aber das geht nicht – da ist etwas auf meinem Mund. Ich lande inmitten eines Kreises mich irre anstarrender Männer und Frauen. Vor Angst verliere ich das Bewusstsein. Schwarz, alles schwarz. Irgendwie erinnere ich mich, dass ich atmen soll. Wieder schnaufe ich ein und aus und finde mich – gerettet – in einem Moseskörbchen auf hoher See dümpelnd.

    Während all das geschieht, liege ich still und bewegungslos auf einer Matte unter meiner großen Bettdecke, die ich vorsichtshalber zu dem Workshop mitgenommen habe. Während die Musik langsam sanfter wird, stelle ich fest, dass ich diesen Horror überlebt habe, dass ich Angst gefühlt, ja, wirklich gefühlt, durchlebt und überlebt habe.

    Als ich später im Sharing die Berichte der anderen Teilnehmer hörte, wurde mir klar, dass mich diese Methode auf den Weg zu mir und zu meinen Gefühlen bringen könnte. Also beschloss ich, die Ausbildung in Holotropem Atmen zu machen. Während sämtlicher Urlaube der nächsten drei Jahre absolvierte ich Trainingsmodule bei Stan Grof. In den Trainingssitzungen in Amerika kam ich endlich an Gefühlsinhalte heran: Ich war traurig, konnte wieder weinen und spürte zum ersten Mal, was der frühe Tod meines Vaters in mir bewirkt hatte. Ich begegnete meiner Einsamkeit, begann zu durchschauen, wie und warum ich mich so verhielt, wie ich es tat. Lernen und Leisten erwiesen sich weniger als das Überich – sie waren zu einer wunderbaren Überlebensstrategie geworden. Es zeigt sich mir einiges, was bis dahin in meinem Unbewussten verborgen gelegen hatte. Zu dem Wissen um meine Geschichte kamen erste leibhafte Erinnerungen hinzu. Hierzu ein Beispiel aus einer Atemsitzung:

    Ich bin vierjährig, allein in einem Zimmer im Krankenhaus, isoliert. Ich habe Scharlach. Meine Mutter kommt. Nach kurzer Zeit sagt sie zu mir: »Ich muss noch mit dem Arzt sprechen, ich komme gleich wieder.« Sie verschwindet und ich glaube, dass sie bald wiederkommen wird. Aber sie kommt nicht wieder. Ich warte endlos, starre aus dem Fenster, halte angespannt nach ihr Ausschau. Irgendwann muss ich die Hoffnung aufgeben und ins Bett gehen. Ich falle in ein tiefes Loch, in dem es mich und meine Gefühle nicht mehr gibt.

    Noch während ich diese biografische Erfahrung wiedererlebte, verstand ich mein Misstrauen und meine Unruhe, wenn mir jemand nicht genau Auskunft gibt. Ich verstand, dass ich in Augenblicken des Mich-verlassen-Fühlens in einen Zustand des »Nicht-Fühlens« verfalle. Erst Jahre später konnte ich dies als Dissoziation erkennen und benennen. In diesen Jahren waren Traumata mit ihren typischen Folgen und die dazu gehörende Nomenklatur noch nicht in der Tiefenpsychologie angekommen.

    Trotz der zum Teil schwierigen Inhalte, die während dieser Sitzungen auftauchten, tat es mir gut, langsam wieder mit unterschiedlichen Gefühlen in Kontakt zu kommen. Vor allem war ich froh, dass ich durch das Wiedererleben der Empfindungen in bestimmten Situationen diese Erfahrungen durch eigene Einsicht und mit meinem eigenen Verstand einordnen konnte. Es redete mir niemand herein, es sagte mir niemand, ich sei krank oder verrückt, und niemand behauptete, mein Inneres besser zu verstehen als ich selbst.

    Die Ausbildung bei Stan Grof endete im Herbst 1991. Aus dem Abschlussseminar zurückgekehrt, erkrankte ich 43-jährig noch einmal an Scharlach. Meine Nieren arbeiteten zwei Tage lang nicht, meine Finger wurden dick und schmerzhaft unbeweglich, und die Luftnot deutete auf eine Herzmuskelentzündung hin. Ich geriet in jenen Zustand der Verlassenheit, den ich in Atemsitzungen erlebt hatte. Die Familie war außer Haus. Ich legte mich im Wohnzimmer auf den Teppich und atmete langsam und stetig ein und aus: Rundatmen, eine sanftere Weise, in einen veränderten Bewusstseinszustand zu gelangen.

    Ich sehe mich in einem Dom mit bunten Fenstern. Vor einem goldenen Hochaltar liege ich, weißgekleidet, in einem dunkelbraunen Sarg. Durch das Fenster fallen Lichtstrahlen auf den Sarg. Ich höre Chormusik: »Te decet hymnus Deus in Sion … requiem aeternam …« – Mozarts Requiem.

    Ein unendliches Glücksgefühl überkommt mich. In mir breitet sich ein Friede aus, den ich schon seit langem ersehnt habe. Ich habe es geschafft: «Ich bin gestorben.« Eine Ewigkeit liege ich unbeweglich.

    Die Lichtstrahlen wärmen mich. Ich sehe aus ihnen hinaus in die dunkle leere Kirche. Ich atme tief durch und befinde mich wieder im Wohnzimmer.

    Alle Symptome des Scharlachs waren verschwunden. Ich fühlte mich frisch, gesund und ging den Rasen mähen. Ich war eindeutig in einen erweiterten Bewusstseinszustand geraten und hatte die heilende Kraft des Atmens erfahren dürfen. Ich warf die Antibiotika in den Mülleimer und ging am nächsten Tag wieder zur Arbeit. Noch immer durfte mich allerdings niemand anfassen, und ich berührte andere Menschen auch nur sehr vorsichtig.

    Mit dem Atmen machte ich eine Reihe von Erfahrungen, deren Inhalte ich erst viel später als mystische Erfahrungen deuten konnte. Stan Grofs Unterweisungen verstand ich zunächst kaum. Er sprach eine mir noch nicht verständliche Sprache und verwendete Ausdrücke, die mir ausgesprochen suspekt waren: Innerer Heiler, transpersonale Erfahrung, kosmisches Bewusstsein. Er sprach von Räumen, die ich noch nicht betreten hatte und die jenseits meines Vorstellungsvermögens lagen. Trotzdem war da in mir eine Sicherheit, auf dem richtigen Weg zu sein, die ich aus meiner Kindheit kannte: Ich saß in der Kirche, verstand nichts, wusste mich aber genau am richtigen Ort.

    Im Alltag stand ich nun mit einem Fuß in der ärztlichen Psychotherapie und mit dem anderen auf einem Terrain, das ich nicht wirklich kannte, welches mir aber den Weg in eine andere Dimension zu eröffnen schien. Hier hatte ich mich gespürt, mich erfahren in Not und in Glücksgefühlen. Mit erweitertem Bewusstsein schaute ich in mein Inneres. Ich erlebte für mich Unfassbares.

    Stan Grof, der zu den Pionieren auf dem Gebiet der therapeutischen Arbeit mit psychoaktiven Substanzen gehört, hatte zurückblickend über seine Arbeit mit psychedelischen Substanzen gesprochen. Ich konnte nicht nachvollziehen, wovon er berichtete. Sicher erinnert er sich nicht, dass er mir im Abschlussgespräch der Ausbildung 1991 riet, mit Substanzen zu arbeiten: »You should go on with psychedelics.« Ich hatte keine Vorstellung davon, was das heißen könnte. Heute bin ich sicher, dass er damals meine immer noch deutliche Verschlossenheit spürte und mir aus diesem Grund weitere Selbsterforschung empfahl.

    Nach meiner Prüfung in Psychotherapie und Psychiatrie vor der Ärztekammer bekam ich 1993 eine Stelle in einer psychosomatisch-psychiatrischen Privatklinik, deren Klientel hauptsächlich aus alkoholabhängigen Führungskräften bestand. In dieser »Suchtklinik« war ich intensiv psychotherapeutisch tätig. Mein Werkzeug war das Gespräch. Meine mehrheitlich akademisch gebildeten Patienten sprachen über sich, schilderten mir ihre Lebensgeschichte und ihre Probleme. Ich hinterfragte ihre Berichte, versuchte sie durch unterschiedliche Interventionen in Kontakt mit den Gefühlen zu bringen, die mit den Erinnerungen verknüpft waren, um ihnen die Möglichkeit zu geben, über das Wieder-Erleben einen Hinweis auf die Entstehung ihrer Sucht zu erhalten.

    Mir fiel auf, dass bei fast allen meinen Klienten das Kriegsgeschehen eine Rolle spielte: Sie gehörten zu den Jahrgängen 1935–1947, viele Väter waren gefallen, die Großväter hatten zum Teil schon den ersten Weltkrieg miterlebt. Die Kinder- und Jugendjahre waren vom Krieg und der Nachkriegszeit geprägt, und vor allem: Über alles, was mit der Kriegszeit zusammenhing, war ein Mantel des Schweigens gebreitet. Das fiel mir zwar auf, doch ich war noch nicht in der Lage, diese Themen nutzbringend im therapeutischen Kontext zu bearbeiten.

    Echter Kontakt mit Emotionen kam in der Gesprächstherapie nur sehr selten zustande. Wenn es dazu kam, waren diese Gefühle den meisten Patienten eher unangenehm. Sie wollten nicht weinen oder Angst fühlen. Wenn einmal ein paar Tränen flossen, wischten sie sich schnell die Augen und wechselten das Thema. Sie liebten es, wenn ich ihnen plausible Erklärungen für ihren Weg in den Alkohol liefern konnte, und kamen deshalb gern zu mir. Doch wie konnte die Forderung »Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten« erfüllt werden, wenn die Erinnerung nicht von dem ursprünglichen Gefühlszustand begleitet war. Sollte es wirklich ausreichen, immer wieder darüber zu reden?

    Da gut 30 bis 40 Prozent der Patienten rückfällig wurden und erneut in die Klinik kamen, wurde ich zunehmend unzufrieden mit meiner Arbeit. Aus meinem eigenen Prozess wusste ich, wie wertvoll die Eins-zu-eins-Wiedererfahrungen im holotropen Bewusstseinszustand für mich waren und wie sie mir dazu verholfen hatten, erste Integrationsschritte zu tun. Durch Beobachten und Vergleichen gelangte ich zu ersten Einsichten darüber, dass nicht nur Vater und Mutter als Individuen, sondern auch deren Schicksale und das Zeitgeschehen für den Einzelnen von Bedeutung sind. Ich war mir sicher, dass Bombenbeschüsse, die die Mutter während der Schwangerschaft erlebt hatte, im System des Kindes wirksam wurden und in meinen heutigen Klienten wirksam blieben. Dafür hatte ich allerdings noch keine Beweise.

    Ich entdeckte ein Buch mit dem Titel Maikäfer flieg. In diesem Buch wird die Geschichte einer Wiener Familie nach dem Krieg geschildert. Ein achtjähriges Mädchen beschreibt das Kriegsende, den Abzug der deutschen Truppen und den Einmarsch der sowjetischen Armee. Es gab also noch andere Menschen, die sich mit der Kriegsthematik auseinandersetzten. Das brachte mich dazu, mich mit systemischer Denkweise zu beschäftigen. Die Frage, die mich dabei umtrieb, war, ob es möglich sein könnte, dass die Kinder der Kriegsväter und -mütter Symptome aufwiesen, die von den Eltern stammten, und dass sie vielleicht deshalb in den Alkoholismus geraten waren. Ich beschloss, Ausbildungen in systemischer Therapie zu machen. Dabei wollte es der glückliche Zufall, dass ich an Gunthard Weber geriet, der bei Helm Stierlin selbst, dem Begründer der Heidelberger Schule für Familientherapie, gelernt hatte.

    Allerdings war die Zeit in den frühen 90er-Jahren noch nicht reif für ein Bewusstsein der gesamtgesellschaftlichen Auswirkung der beiden Weltkriege auf die betroffenen Menschen – einer Art kollektiver Posttraumatischer Belastungsstörung. Der Begriff der PTBS gehörte damals noch nicht zum allgemeinen Gedankengut. Erst mit Sabine Bodes Buch Die vergessene Generation (2004) rückten diese Erkenntnisse in den öffentlichen Raum. Ab dem Jahr 2000 sollten epigenetische Themen auf unseren psycholytischen Sitzungen jedoch bereits von zentraler Bedeutung sein. Ohne danach zu suchen, stießen wir im erweiterten Bewusstsein auf das Phänomen der transgenerationalen Weitergabe von Traumata und auf das Vorhandensein epigenetischer Symptome. Wir hatten für diese Phänomene allerdings noch keinen Terminus technicus, also benutzen wir Beschreibungen wie: »Das habe ich von meiner Grossmutter« oder »Ich sehe durch die Augen meiner Mutter«. Ich fühlte mich mit meinen Beobachtungen und Vermutungen allein, und da ich diese Einsichten mit Hilfe von psychoaktiven Substanzen gewonnen hatte, wagte ich es nicht, darüber zu sprechen.

    Aus den Atemsitzungen wusste ich zu Beginn der 90er-Jahre bereits um die Wirkung von pränatalen und perinatalen Ereignissen auf die Entwicklung des Individuums und versuchte dem Inhaber der Suchtklinik das Holotrope Atmen nahe zu bringen. Doch er beschimpfte mich nur: Mit derart »esoterischem Kram« solle ich ihm wegbleiben. Auch körperliche Berührung, wie zum Beispiel einen weinenden Klienten in den Arm zu nehmen, war in der herkömmlichen Psychotherapie ein Tabu. Ebenso wenig durfte der Therapeut in den Therapiesitzungen Persönliches von sich erzählen.

    1992 machte ich erste Erfahrungen mit psychoaktiven Substanzen und begann danach eine Ausbildung für psycholytische Therapie bei Samuel Widmer, dem Mitbegründer der Schweizerischen Ärztegesellschaft für psycholytische Therapie (SAEPT). Nach einer holotropen Atemsitzung in den USA hatte mir ein Teilnehmer zwei kleine blaue Pillen geschenkt – jeweils 125 Milligramm MDMA. Nach meiner Rückkehr teilte ich eine der beiden Pillen mit meinem Freund Konrad. Die erste Erfahrung mit MDMA wurde für mich (ebenso wie für Konrad) zu einem Schlüsselerlebnis, das uns zu der festen Überzeugung brachte, eine Ausbildung bei Samuel Widmer anzustreben.

    Eine Welle erfasst mich, hebt mich auf einen Wellenberg, lässt mich in ein Tal hinabgleiten und spült mich an einen weißen Strand. Ich sehe mich von außen und spüre mich gleichzeitig in meinem Körper. Eine nie dagewesene Gewissheit erfüllt mich: Ich bin bei mir angekommen.

    Ich sehe mich um. Mein Vater liegt blutüberströmt in einer weiß gekachelten Toilette in der Ecke. Ich erschrecke nicht. Da ist völlige Gewissheit: So ist es gewesen! (Er ist umgebracht worden und nicht so gestorben, wie man es mir erzählt hat.)

    Ich weiß ohne jeden Zweifel: Das ist mein Weg zu mir. Mein Weg nach Innen, zu meinen Erinnerungen – mit diesem Mittel. Die Bilder verschwinden. Sichere Ruhe durchströmt mich. Ich bin mein Atem, ich bin mein Körper. Gewissheit mit einem gefühlten »Ja!«.

    Konrad erlebte in dieser ersten Sitzung eine Herzöffnung – einen Zustand, nach dem er sich immer gesehnt hatte. Er erfuhr seine persönliche damalige »Ist-Situation«. Er hatte sich von seiner Familie getrennt. Nun sah er seine Frau von hinten, wie sie von ihm fortging. Er erkannte, wie jedes seiner vier Kinder sich neu positionierte. Auch ihm kamen einige Sätze wie aus seinem Inneren heraus, die absoluten Gewissheits- und Richtigkeitscharakter hatten.

    Was für eine Welt begann sich uns zu erschließen! Ich wusste gar nicht, dass ich Erinnerungen an meinen Vater hatte. Ich hatte kein inneres Bild in mir … wie er aussah, wo wir zusammen gewesen waren – nichts. Doch nun hatte ich es erlebt: Es gab ein Wissen in mir, das ich mit dieser Substanz anzapfen konnte. Für mich stand fest: So würde ich mich erforschen können.

    Die Tiefen, die ich in den Atemsitzungen erreicht hatte, erschienen mir dagegen wie seichte Gewässer. Und was für ein Gegensatz zu einem therapeutischen Gespräch! Ich konnte mir immer weniger vorstellen, wie Gespräche dem schwierigen Klientel in der Suchtklinik helfen sollten. Zu dieser Zeit schien mir die psycholytische Therapie die einzige Methode zu sein, mit der man wirklich in die Tiefe der Psyche vordringen konnte. Doch vorerst ging die konventionelle Arbeit in der Klinik weiter.

    Eines Tages rief mich ein ambulant behandelter Patient im Nachtdienst an. Er sprach von Selbstmordabsichten. Am nächsten Tag kam er nicht zu der vereinbarten Therapiestunde. Ich wandte mich besorgt an den Klinikleiter. Der bot mir gleich die Kündigung an und fragte, ob ich jetzt hinter jedem Patienten herlaufen wolle, der nicht zur vereinbarten Sitzung käme. Ein derartiges Engagement sei nicht therapeutisch. Ein anderes Mal schenkte ein Patient bei seiner Entlassung aus der Klinik dem Team einige Flaschen Sekt. Wieder wurde ich angeschrien: Ob ich nicht wisse, dass dies ein trockener Rückfall sei; ich hätte diesen Mann keinesfalls entlassen dürfen. Ich hätte ihn vielmehr für sein Geschenk »bestrafen« müssen. Wenn das eine therapeutische Beziehung sein sollte, dann wusste ich nicht, ob ich mich wirklich Therapeutin nennen wollte. Ich kündigte, ohne eine Anschlussstelle zu haben.

    Nach diesem jähen Ende meiner Arbeit in der Suchtklinik zog ich 1994 zu meinem heutigen Mann in die Schweiz. Zusammen mit einer Freundin aus der Ausbildungsgruppe in Holotropem Atmen begann ich, viermal im Jahr Workshops in Zürich anzubieten. Jeder unserer Teilnehmer erhielt viel persönliche Zuwendung und emotionales Wohlwollen. Behutsamer Körperkontakt bei einem »Trauma durch Unterlassung « (engl. trauma through omission, das ist eine Traumatisierung durch einen Mangel an der für die Entwicklung eines Individuums notwendigen Zuwendung, etwa Verlassenwerden und Vernachlässigtwerden) war ein Hilfsmittel auf dem Weg aus dem Trauma. Ebenso behutsam gingen wir bei einem »Trauma durch Zufügung« (engl. trauma through commission, das Zufügen von Gewalt und Schmerzen) vor.

    In der psycholytischen Ausbildungsgruppe musste sich jeder Teilnehmer persönlich einbringen, »aus dem Augenblick« über sich sprechen und präsent sein. Vor und während der Sitzungen wurden Körperübungen durchgeführt, die den Prozess förderten und vertieften. Es war atemberaubend mitzuerleben, was die Substanzen auch bei den anderen Teilnehmern an die Oberfläche brachten. Ich glaubte, den Stein der Weisen gefunden zu haben, und hätte meinen schwierigen Klienten gern ebenfalls auf diese Weise weitergeholfen. Es war mir jedoch klar, dass das nicht ging.

    Die Gegensätze wurden für mich immer offensichtlicher und immer schwieriger zu überbrücken. Wozu sollte eine Therapie ohne Tiefgang, ohne innere oder äußere Berührung gut sein? Gab es neben der nicht anerkannten psycholytischen Therapie nicht noch anderes therapeutisches Handwerkzeug, das ich für meine Klienten und für mich nutzen konnte? Auf irgendeine Art und Weise wollte ich an die unbewussten psychischen Inhalte der Menschen, die sich mir anvertrauten, herankommen. Meine feste Überzeugung, dass es eine erlernbare Methode geben müsse, mit der das möglich wäre, trieb mich voran.

    Da ich keine Anstellung fand, nutze ich die Zeit für die Suche. Ich besuchte Kurse an einem Institut für Körperzentrierte Psychotherapie. Doch einmal abgesehen davon, dass die Institutsleitung meine gesamte bisherige ärztliche und psychotherapeutische Ausbildung nicht anerkennen und mir für ihr »Diplom« noch einmal 600 Stunden Selbsterfahrung abverlangen wollte, wurde mir bald klar, dass die dort angewandten Körperübungen und die Malversuche nicht geeignet waren, tief Verborgenes zutage zu fördern. Es ging immer nur bis zu einem bestimmten Grad der Tiefe voran, der mir aber zu seicht erschien. So folgten Jahre des Erprobens verschiedener therapeutischer Ansätze. Immer wieder dachte ich, »Mit dieser Methode geht es«, – um dann festzustellen zu müssen, dass sie mich nicht genau dahin führte, wo ich hinwollte. Ich suchte den Ort, den ich bei mir als inneren Referenzpunkt und Beobachter erkannt hatte und von dem aus man sich selbst und die Welt betrachten konnte.

    Carl Simontons »heilsamer Umgang mit Krebskranken« brachte mich der Imagination und der Fähigkeit näher, mit Schmerzen, Angst und Depression eigenverantwortlich umzugehen. Bei ihm konnte der Betroffene am Krankheitsgeschehen und der Entwicklung eigener Zukunftsperspektiven mitwirken. Die Einheit von Körper und Geist, von der Simonton ausging, gepaart mit der Förderung von Hoffnung, eröffneten eine spirituelle Perspektive. Jeanne Achterberg war Ko-Leiterin in Simontons Workshops. Sie war eine Meisterin in der Kunst des heilsamen Visualisierens. Das Besondere bei ihr war zudem, dass sie den Betroffenen als den für sich selbst Verantwortlichen einfach nur präsent und einfühlsam begleitete. Bei ihr lernte ich schamanische Rituale der Heilung sowie die Rolle und Kraft der »heilenden Frau« kennen. Mitte der 90er Jahre besuchte ich in Palo Alto eine Reihe von Workshops bei ihr und ihrem Mann. Vieles von dem, was ich bei ihr gehört hatte, habe ich in späteren Jahren auf psychedelischen Sitzungen »wiederentdeckt« und auch praktiziert. Als ich es bei ihr kennenlernte, hatte ich den Zugang zu meinem Inneren noch nicht so gefunden, dass ich ihr folgen und ihre Methode zu meiner eigenen machen konnte. Nebenbei suchte ich in Palo Alto auch den Herrn auf, der mir einst die zwei kleinen blauen Pillen geschenkt hatte, und konnte über ihn den Kontakt zu einem MDMA-Lieferanten herstellen, sodass ich später in der Schweiz keinen »Händler« suchen musste.

    Die während meiner Weiterbildungen gewonnenen Erkenntnisse konnte ich allerdings weder in der Suchtklinik, in der ich immer wieder Vertretungen machte, noch in der seit 1997 bestehenden eigenen Praxis anwenden. Meine Klienten und ich selbst waren noch nicht reif dafür. Man hätte mich ausgelacht, wenn ich mit meinen Klienten gebetet oder mit Symbolen gearbeitet hätte. In der Psychotherapieausbildung hatte ich auch Autogenes Training und klassische Hypnose erlernt. Mit dem posthypnotischen Auftrag konnte ich Erstaunliches erreichen, und ich wandte diese Methode gern bei Prüfungsängsten an. Darüber hinaus traute ich mich jedoch nicht, die Hypnose anzuwenden. Sie schien mir zu stark in die Psyche des Klienten einzugreifen, auch wenn der posthypnotische Auftrag mit dem Patienten zuvor genau besprochen wurde.

    So erweiterte ich die klassische Hypnose um eine dreijährige Ausbildung in Hypnose nach Milton Erickson. Diese Methode half immer ein wenig, und zwar genau so viel, wie der Klient zuließ. Eigentlich, so stellte ich fest, befanden sich die Menschen ständig in irgendeinem Trancezustand, sodass es mir mit der Zeit vorkam, als würde ich nur die Trancebühne verändern. Ich erforschte die ganz normale Alltagstrance oder die jeweils nötige Problemtrance gemeinsam mit dem Klienten und versuchte, von da aus in der Realität (wie immer man diese definierte) anzukommen.

    Über die Beschäftigung mit der Hypnose gelangte ich zum Neuro-Linguistischen Programmieren (NLP). Ohne hier in Einzelheiten zu gehen, will ich nur sagen, dass mir diese Methode zu manipulativ erschien. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass die erreichten Ziele nicht wirklich nachhaltig waren – jedenfalls erlebte ich das bei mir und meinem Mann so. Ich absolvierte trotzdem noch einen Extrakurs für »Health Professionals«, um auch ja nichts zu verpassen. Die theoretischen Hintergründe des NLP enthielten allerdings vieles, was wie für mich formuliert zu sein schien. Es waren Erkenntnisse, die – zu Ende gedacht – an östliche Weisheiten heranreichten: »Die Landkarte ist nicht das Gebiet«, »Alle Menschen tragen die Ressourcen, die sie brauchen, in sich«.

    Eine Zeitlang beschäftigte ich mich mit den Übereinstimmungen zwischen der Transpersonalen Psychologie und dem Konstruktivismus. Doch es drängte mich weiter. Ich war umgetrieben von

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