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Menschen am Himmel: BsB_Fliegerroman
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eBook258 Seiten3 Stunden

Menschen am Himmel: BsB_Fliegerroman

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Über dieses E-Book

Ein schweres Unwetter zwingt den Piloten eines zweimotorigen Flugzeugs zu einer Zwischenlandung auf einem Airport mit dem geheimnisvollen indianischen Namen Opa-locka. Die Hotels sind längst überfüllt, und so müssen die zwölf Fluggäste in der Abfertigungshalle nächtigen. Einer von ihnen fordert seine Schicksalsgefährten auf, den Zwangsaufenthalt mit Geschichten vom Fliegen zu verkürzen. So wird die Nacht von Opa-locka zum unvergesslichen Erlebnis.
SpracheDeutsch
HerausgeberBest Select Book
Erscheinungsdatum19. Juni 2015
ISBN9783864661334
Menschen am Himmel: BsB_Fliegerroman
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    Buchvorschau

    Menschen am Himmel - Rudolf Braunburg

    immer

    Der Autor

    Mit 16 Jahren schrieb Rudolf Braunburg, Jahrgang 1924, seinen ersten Roman, der  bei einem Bombenangriff vernichtet und deshalb nie veröffentlicht wurde. Im Zweiten Weltkrieg war er Jagdflieger. Nach dem Krieg studierte er Pädagogik und Philosophie. Um sein Studium zu finanzieren, arbeitete er als Jazztrompeter und Ghostwriter.

    Mit abgeschlossenem Studium wurde er Lehrer in Hamburg. 1955 ging er zur Deutschen Lufthansa und war bis 1979 Flugkapitän.

    Nach Anfängen als Navigator und Copilot auf der Lockheed Super Constellation und der Douglas DC-3 wurde Braunburg Flugkapitän, zuerst auf der DC-3, dann auf der Convair  CV 440 Metropolitan, später wieder auf der Super Constellation und, nach Beginn des Jet-Zeitalters auf der Boeing 727, der Boeing 707 und schließlich auf der McDonnell Douglas DC-10.

    In seiner aktiven Zeit als Flugkapitän war Braunburg auch Vorsitzender der Vereinigung Cockpit.

    Braunburg schrieb über 70 Romane, Sach- und Jugendbücher. Außerdem veröffentlichte er zahlreiche Artikel über Umweltschutz und Jazz. Er war engagiert in Fragen der Luftfahrt und der Flugsicherheit  und galt lange Zeit als bekanntester deutscher Experte.

    Rudolf Braunburg lebte zuletzt in Waldbröl.

    Der Roman:

    Ein schweres Unwetter zwingt den Piloten eines zweimotorigen Flugzeugs zu einer Zwischenlandung auf einem Airport mit dem geheimnisvollen indianischen Namen Opa-locka. Die Hotels sind längst überfüllt, und so müssen die zwölf Fluggäste in der Abfertigungshalle nächtigen. Einer von ihnen fordert seine Schicksalsgefährten auf, den Zwangsaufenthalt mit Geschichten vom Fliegen zu verkürzen. So wird die Nacht von Opa-locka zum unvergesslichen Erlebnis.

    Prolog

    Fang mit Braun an, sagte Cornelia. Einfach alles in Tusche tauchen. Das sieht immer sehr historisch aus. So kann man alles dokumentarisch erscheinen lassen. Authentisch sozusagen. In Sepia. Dein Film beginnt eingetüncht durch das Sekret von Tintenfischen.

    Corry also. Mauritskade 36, in Amsterdam-Zuid. Auf ihrem Klingelschild stand: Verstreaten.

    Lippolt richtete sich auf und lockerte seinen Anschnallgurt. Der übliche Druck. Schwierigkeiten mit der Blase. Den Hosenriemen ein einziges Loch zu eng geschnallt – schon quälten ihn nachts Alpträume.

    Immerhin waren sie im Anflug auf Miami-International. FASTEN SEAT BELTS.

    Er lockerte nochmals. Regelrechte Stiche jetzt. Er drückte sein Gesicht gegen die verkrame Scheibe. Das Lichtermeer von Miami voraus. In spätestens einer Stunde würde er im Jumbo nach Amsterdam sitzen, acht Stunden später auf Schiphol das Taxi nehmen, eine knappe halbe Stunde später in ihrem Zimmer stehen. Acht Uhr morgens, und Corry würde mit ihren grünen Augen verschlafen ins holländische Morgenlicht blinzeln und fragen: He, ben jij dat? Jetzt allerdings knackte es im Kabinenlautsprecher. Der Kommandant der zweimotorigen Turboprop, der sich als Captain Houghwout Emerson vorgestellt hatte, bat um »ungeteilte Aufmerksamkeit«.

    Sie kamen aus Atlanta. Emerson hatte bereits einmal um ungeteilte Aufmerksamkeit gebeten. Hundert Meilen vor dem Ziel hatte er auf Lake Okeechobee hingewiesen; man überflöge jetzt, bei Cypress Quarters, den berühmten Indianersee.

    Früher Abend, violetter Sonnenuntergang an Steuerbord. Sie flogen, im Abstieg auf Florida, noch immer nach Süden. Der Westhimmel flammte. Captain Houghwout Emerson sagte, ja, der Flug von Atlanta sei bisher einwandfrei und, wie er hoffe, amüsant verlaufen. Jetzt allerdings gebe es, kurz vor der Landung, Schwierigkeiten. Keine unüberwindlichen, selbstverständlich. Doch diese Art von Komplikationen, die einem die ganze Nacht verderben könnten.

    Nämlich...

    Lippolt horchte auf.

    Miami sei nicht anfliegbar.

    Warum nicht?

    Man möge doch mal einen Blick aus dem Fenster werfen, vor dem letzten Drink. Kein Anflug auf Miami-International möglich, wegen einer horrenden Gewitterfront, die im Gefolge eines Hurrikans aus dem Golf von Mexiko heraufgezogen sei.

    Unten dehnten sich die Freeways, Brücken und Public Parks. Leuchtreklamen funkten ihre Messages herauf. Unlesbar, doch ihre Intensität ersetzte die Inhalte.

    Schräg voraus erkannte er das Flammenmeer der Blitze, das aus einem fahlblauen Indigohimmel herabstieß.

    Dorthinein? Niemals.

    Uber dem Flackern der elektrischen Entladungen lagerte eine Finsternis, die sich über der Stadt und dem Flughafen aufstapelte.

    Wieder eine Ansage, dieses Mal die endgültige: Man müsse zum Ausweichhafen fliegen. Selbst wenn die Gewitterfront durchgezogen sei – der Flughafen von Miami sei so überschwemmt worden, dass die elektronischen Landehilfen noch für Tage US seien… das erinnerte an die USA, bedeutete das Gegenteil: UNSERVICEABLE. Miami war zwar ein internationaler Flughafen. Doch wie New York-Kennedy oder Chicago fiel er bei jeder immensen Regenflut aus, weil alle Stromleitungen höchst nachlässig und ziemlich oberflächlich verlegt worden waren.

    Wenige Kilometer nordwestlich von Miami befände sich der Flughafen

    Opa-locka. Der sei, nicht mehr lange, gerade noch anfliegbar. Der verheerende Hurrikan Mahle, der völlig unerwartet von den Keys heraufgetobt sei, habe alles andere in Florida und Louisiana lahmgelegt.

    Lippolt blickte sich um in der engen Kabine: zehn, zwölf Passagiere. Keiner wahrscheinlich, der es so eilig hatte, nach Europa zu kommen, wie er. Viele Deutsche. Natürlich, sie wollten wie er die Boeing nach Amsterdam, die DC-10 nach Frankfurt erwischen. Sie interessierten ihn nicht.

    Die Turboprop kurvte steil. Fahlblaue Wände, durchflackert von Blitzen. Alle Landebahnen unter Wasser. Auf Miami-International. Doch auf Opa-locka gäbe es die Bahn 27R. Sie sei gerade noch einwandfrei. In spätestens einer Stunde würde sich der Hurrikan auch hier austoben. Mabel was here.

    Im Landeanflug arabische Torbögen und Minaretts. Bläulich überhaucht vom Widerschein der elektrischen Entladungen wölbten sich Kuppeln von Moscheen. Filigranartig aufgelockerte Mauern. Lippolt traute seinen Augen nicht. Doch in dem Gedächtnis des Filmregisseurs befand sich ein reicher Vorrat an Träumen und Visionen. Sofort verschmolz Erinnertes und Gesehenes zu neuen Bildern. Eine amerikanische Szenerie aus Tausendundeiner Nacht.

    Wo war er wirklich gelandet?

    Sie rollten durch Sturzfluten zum Gate. Verzerrte Konturen von Sportflugzeugen und Geschäftsjets glitten vorbei wie Unterwasserflora. Als sie an der letzten freien Rampe stoppten, zersplitterte das Licht der Neonlampen in allen Regenbogenfarben. Orkangepeitschte Flaggen auf den Gebäuden.

    Als sie endlich alle im Wartesaal standen, waren die meisten von ihnen durchnässt. Mit verwirbelten Haaren standen sie hilflos herum – eine Schar Küken, die auf die weisen Ratschlüsse der Mutterhenne wartete.

    Die Mutterhenne tauchte auf. Eine Bodenstewardess empfing sie mit der Hiobsbotschaft, dieser Flug sei genau der fünfundzwanzigste, der wegen des Wetters in Miami hierher ausgewichen sei. Alle Hotels des Städtchens seien inzwischen endgültig und restlos überfüllt. Bis zur nächsten Wetterbesserung und Wiederherstellung von Miami-International müsse man mit der bescheidenen Behausung hier vorliebnehmen. Doch sie werde dafür sorgen, dass zumindest die Bar wieder öffnen werde.

    Mit dieser Verheißung entschwand sie, eine vage Spur von gutem französischem Parfüm zurücklassend.

    Lippolt fand die Reaktionen seiner Mitpassagiere bereits wieder so interessant, dass die Aussicht, eine ganze Nacht im Flughafen-Terminal zu verbringen, ihren Schrecken verlor. Von der Verzweiflung eines Managers bis zur stoischen Gelassenheit eines bärtigen Mannes, der sich als erster ein Eckplätzchen auf dem nackten Boden sicherte, spielte sich hier die ganze Gefühlsskala ab: Wut, Schulterzucken, Gleichmut. Zum Glück keine Kinder, keine aufgeregten Mütter, die Windeln wechseln wollten und Milchflaschen mit angewärmtem Schnuller forderten. Fast alle Passagiere gehörten zur älteren Generation; rasch stellte Lippolt fest, dass sich darunter eine Reihe von Piloten in Zivil befanden und dass der Flug hauptsächlich der Beförderung von Crews gedient hatte, die vom Einsatz kamen oder zu einem anderen Einsatz flogen. Die Deutschen waren in der Überzahl.

    Das war gleichzeitig eine Enttäuschung und eine Chance. Er begann sich nun doch für seine Leidensgenossen zu interessieren. Er witterte eine Möglichkeit, in internere Geheimnisse der Luftfahrt einzudringen, als sie durch die zuständigen Heile-Welt-Pressechefs dargestellt wurde.

    Man richtete sich ein. Durch die Panoramascheiben flackerten die Lichtspiele des Vorfelds und des stürmischen Himmels. Da standen, hockten oder lagen sie dann endlich: Gestrandete einer Arche, die den Wasserfluten von Mabel nicht gewachsen war.

    »Die Bar hat aufgemacht.«

    Ein Mann um die Fünfzig, schwer an seiner vollen Leiblichkeit tragend, war der erste, der sofort zugab, dass er auf den Schreck hin einen tüchtigen Schluck brauchte. Allerdings schwang er sich zu demonstrativ jugendlich auf den Hocker; man sah den Krampf. Einer, der mit zunehmendem Alter unter zunehmenden Minderwertigkeitskomplexen litt. Diese Art Mann spendierte zunächst einmal eine Runde, um bestätigt zu werden.

    »What you want Sir?«

    Der Barkeeper, ein bleichgesichtiger Junge, zweite Aushilfe offensichtlich, rasch herbeigetrommelt aus Stadtdschungel und Discolärm, wirkte schon vor der Bestellung sichtlich überfordert. Doch die Bestellung gab ihm sein Selbstvertrauen zurück.

    »I want Jack Daniels pur on the rocks.«

    So kann man sich irren, dachte Lippolt, der den Beleibten für einen spießigen Touristen mit unzureichender Auslandserfahrung gehalten hatte.

    Die nächste Handlung des ersten Bargastes zeigte freilich, dass er nicht völlig danebengelegen hatte.

    »Eine Runde Drinks für meine Mitpassagiere. Jedem, was er möchte.«

    Lippolt sah, wie die beiden Piloten ihrer Maschine dankend ablehnten. Sie waren in Uniform; Alkohol in Uniform zu trinken war für Crews verboten. Auch nach dem Flug. Zwei weitere Piloten winkten ebenfalls ab. Sie waren in Zivil; doch Lippolt hatte sie schon an Bord identifiziert als die Crew, die die Turboprop zurück nach Atlanta fliegen sollte.

    Der Barkeeper reichte die Drinks.

    Lippolt hockte sich neben den Spender: »Man dankt.«

    »Scheißabend. Scheißnacht. Scheißflug«, sagte der Mann, nahm sein Bourbon Glas, schüttelte es und sah zu, wie das Eis im warmen Whisky knisternd zerplatzte. »Keiner wird hier schlafen können.«

    »Was fangen wir also mit der angebrochenen Nacht an?« Lippolt nahm einen Schluck vom bestellten kalifornischen Chardonnay, genoss die Kühle des Weins, schmatzte mit den Lippen. »In der amerikanischen Provinz sind zweitrangige Barkeeper noch immer versierter als die Topleute an den Bars deutscher Möchtegern-Hotelketten.«

    Der Mann lachte laut auf. »Sie gefallen mir. Ich heiße Abramsky, unmöglicher Name. Stört nicht mich, nur die andern. Waschechter Bundesrepublikaner. Nicht mal eine polnische Großmutter. Rassereiner Deutscher.«

    »Lippolt«, sagte Lippolt.

    »Ich wollte nach Rom«, erklärte Abramsky. »Und bin hier gelandet. In Opa – wie hieß das noch mal rasch?« »Opa-locka. Ein eigenartiger Ort.« Lippolt sah ihn prüfend an. Seine Ideen überschlugen sich wieder einmal. Der Terror der Phantasie. »Helfen Sie mir?«

    »Womit? Schmeckt der Wein?«

    »Diese Leute, ja danke, ausgezeichnet… Diese Menschen hier… man sollte die Nacht nützen. Schlafen kann sowieso niemand.«

    »Vielleicht verteilt jemand Illustrierte?«

    »Man könnte die von Bord holen. Haben Sie keine bessere Idee?«

    »Wissen Sie, woran man jetzt, nachdem jeder ein Glas vor sich hat, die Deutschen einwandfrei von allen anderen Völkern unterscheiden kann?« Abramsky genoss sichtlich seine Pointe. »Am Bier. Nicht weil die Deutschen keinen Wein mögen, sondern weil sie nicht wissen, dass man an amerikanischen Bars auch Wein ausschenkt. Sie scheinen als einziger Bescheid zu wissen.«

    »Was sind Sie: Psychologe oder Globetrotter?«

    »Ich bin in der Werbebranche tätig.«

    »Wofür werben Sie?«

    »Das ist doch zweitrangig. Es geht um die zündenden Ideen.« Lippolt schluckte. Der Sturm wirbelte Plastik gegen die Scheiben. Zerknüllte Becher rutschten abwärts. »Die Leute, die Menschen hier werden nicht schlafen. Man kann sich eine solche Nacht auch ohne Verzweiflung um die Ohren schlagen.«

    »Wie denn?«

    »Sie fangen an.«

    »Womit, bitte?«

    »Wenn Sie mithelfen, klappt es. Jeder erzählt eine Story. Möglichst knapp. So kommen wir über die Nacht. Irgend etwas, was ihn beschäftigt hat, irgendwann im Leben. Früher, in den Zügen quer durch Amerika, Kanada, Russland, haben sich die Menschen damit die Zeit vertrieben. Warum nicht auch wir einmal?«

    Abramsky hielt prüfend sein Glas mit den zusammengeschmolzenen Eiswürfeln gegen das Licht und dachte nach. »Sie könnten recht haben.«

    Die Stewardess, die sie auf dem Flug betreut hatte – eine burschikos wirkende Frau um die Vierzig, die ein fast akzentfreies Deutsch sprach –, schaltete sich ein:

    »Ich heiße Augie Seilers und bin jahrelang die Berlin-Strecke geflogen. The Milkmaid-Run. Morgens Hannover-Berlin, zurück an die Leine. Mittags Hannover-Berlin-Frankfurt. Frühabends Frankfurt-Berlin-Hamburg. Mit dem letzten Hüpfer hinüber ins Berlin-Hilton. Ich finde Stories schön und gut. Aber es sollten keine Stories aus dem Luftfahrt-Business sein. Wir Luftstraßenmädchen möchten gern mal was aus Passagierkreisen hören.« Die habe man doch kaum an Bord gehabt, monierte Lippolt.

    Er, immerhin, sei ein ganz normaler Fluggast, wandte Abramsky ein. Er lasse jedoch gern, als Gentleman, der Dame, die ihn so ausgezeichnet versorgt habe, den Vorrang. Die Stewardess Augie Seilers warf ihm einen koketten Blick zu, schlug ihre Beine gekonnt nach dem erotischen Procedere der längst vergangenen sechziger Jahre übereinander und meinte, okay, damit sei dann, nach ihrem simplen Bericht, der Weg endgültig frei für ihn, den liebenswerten Fluggast, den sie besonders gern an Bord gehabt habe und dort gern Wiedersehen würde.

    Lippolt knallte ärgerlich seine Faust auf den Tisch und rieb sich danach intensiv die Hand: »Verdammt noch mal – wir wollen hier nicht den Public-Relations-Schmarren der Pressechefs und Chefpiloten hören, sondern echte Berichte, Stories...«

    Damit, freilich, könne sie aufwarten.

    »Dann nichts wie los!«

    Ein dringender Fall

    Ich weiß nicht, ob Sie sich vorstellen können, was auf internationalen Flughäfen geschieht, wenn plötzlich Raketen ins Terminal schlagen, in den Wartesaal, den Ticketcounter, die Bar, begann Augie Seilers. Es gibt mehr Touristenziele auf unserem Globus, die unter derartigen Störungen leiden, als sich die Reisebüros klarmachen. Ich denke da nicht nur an Saigon während des Vietnamkrieges, als wir, trotz des Beschusses bei Landung und Start, immer noch Scharen von Kameratouristen ein- und ausflogen.

    Damals, auf den Saigon-Trips, war ich die jüngste Stewardess meiner Airline. Ich muss wohl immer noch sehr unerfahren gewesen sein, als ich, mehr als ein Jahrzehnt später, kurz vor dem Start in Beirut in den libanesischen Bürgerkrieg geriet. Eine Granate schlug in eine geparkte, ohnehin beschädigte Boeing, bei der Detonation zersprang die letzte, nicht durch Sandsäcke geschützte Scheibe; ein Dutzend Passagiere suchten in Panik Schutz unter den Bänken.

    Als ich an Bord gehen wollte, riss mich eine Frau um vierzig zurück. Straff zurückgekämmtes Haar, ein herbes, aber faszinierendes Gesicht. Ein Mensch, mit dem man gern tiefsinnige Gespräche am offenen Kamin geführt hätte.

    Doch diese Frau krallte sich mit ihren Fingern in meinem Uniformkragen fest. »Ihre Maschine ist voll. Aber ich muss hier raus.«

    »Sogar das Cockpit ist mit zwei zusätzlichen Passagieren vollgepfropft.«

    »Ich kann nicht mehr zurück. Draußen, an der zerbombten Zufahrtsstraße, warten sie schon auf mich.«

    »Wirklich: Wir haben keinen Platz mehr frei.«

    Sie umklammerte mich nur noch schmerzhafter. »Bitte… Sie müssen... Hierbleiben wäre ein Todesurteil.«

    »Es ist wirklich nichts mehr frei an Bord«, sagte ich hilflos. »Aber die Toiletten, die sind doch frei? Darin könnte ich doch mitfliegen und aus diesem grauenhaften Krieg entkommen? Ich würde darin um die Welt fliegen, um dem Libanon zu entkommen. Aber es wäre ja nur bis Deutschland. «

    »Es ist nicht nur ein Platzproblem«, widersprach ich schwach. An Bord wartete man auf mich; ich würde zu spät kommen. »Es ist auch ein Gewichtsproblem. Wir sind schon fast überladen.«

    »Fragen Sie den Captain. Bitte, fragen Sie ihn. Ich muss mit. Ich wiege nicht einmal sechzig Kilo...«

    Ich musste an Bord. Also riss ich mich los und fragte den Captain. Der zuckte die Schultern: Mit diesem zusätzlichen Passagier sei er zwar im bürokratischen Sinn überladen, nicht aber im fliegerisch-praktischen. Wenn ihm freilich beim Start ein einfacher Reifen platze und eine Untersuchung deswegen eingeleitet werden würde – dann wehe ihm und mir: »Diese verdammten Bürokraten werfen dir dann vor, dass du dich sogar vor der Geburt im Mutterleib auf die falsche Seite gedreht hast.«

    »Die Frau muss raus«, sagte ich forsch. »Sonst kann sie hier gleich Zyankali schlucken.«

    »Also aufs Klo mit ihr«, sagte der Captain. »Zyankali soll angeblich gesundheitsgefährdend sein.«

    »Sie braucht nicht aufs Klo«, sagte ich, in gleicher menschenfreundlicher Stimmung. »Sie kann sich mit mir zusammen hinten auf meinem Notsitz anschnallen. Wenn ich dann Service mache, hat sie den Sitz für sich.«

    »Fein«, sagte mein Captain; mir ist sein Name entfallen, aber er war ein Idealist reinsten Wassers. »Können wir jetzt endlich losrollen?«

    Ich gratulierte meinem Emergency-Passagier, und die Frau fiel mir um den Hals und weinte. Als ich mich, ein wenig gestresst, ganz kurz vor dem Start noch einmal vor dem Galley-Spiegel betrachtete, hing, tatsächlich, an meiner Airline-Spange ein Tränentropfen.

    Vielleicht wissen Sie, wie man in Beirut-International nach Nordwesten startet: Aufs Meer hinaus und dann mit einer sanften Rechtskurve in Richtung Griechenland. Wenn man so lange in einem Bürgerkrieg verwickelt oder gefangen war wie mein letzter Gast, dann kann man sich vor Dankbarkeit kaum halten, wenn die Corniche, die Taubengrotte vor der Küste hinter den einfahrenden Landeklappen zurückbleiben.

    Sie hielt sich kaum vor Dankbarkeit und konnte ihr gütiges Schicksal kaum fassen, als ich mich mit ihr zusammen auf den hintersten Stewardessensitz zwängte. Glücklicherweise war sie wirklich schlank, so dass mein Gurt für zwei reichte.

    Als wir unsere Reiseflughöhe erreicht und eindeutig Kurs auf Nikosia genommen hatten, schnallte ich mich los und begann mit dem Service. Ein Traumgefühl von Entkommensein, die Gewissheit, in eine relativ heile Welt zurückzukehren, breitete sich in der Kabine aus. Schließlich hatten wir mehr als hundert Passagiere an Bord, die ebenfalls froh waren, der Hölle entkommen zu sein.

    Wir waren zu dritt und bemühten uns redlich, der übervollen Kabine gerecht zu werden mit unserem bescheidenen Service. In Beirut hatten wir nicht neu catern können; wir mussten improvisieren und die Vorräte mehr als strecken. Schließlich hatten wir bereits, wie immer aus Beirut heraus, mehr als ein Dutzend Überbuchte, für die ohnehin keine Verpflegung auf dem kurzen Trip bis Athen zur Verfügung stand.

    Als ich, über Lanarca an der Südküste Zyperns, meinen Notsitz streifte,

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