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Die große Lüge_Niniane

Die große Lüge_Niniane

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Die große Lüge_Niniane

Länge:
285 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 25, 2014
ISBN:
9783864662546
Format:
Buch

Beschreibung

Niniane Camarat hat mit ihrer jüngeren und wunderschönen Schwester Diane die Revolte gegen König Ludwig XIII. und seinen Kardinal Richelieu im Frankreich des 17. Jahrhunderts überlebt. Die Familie Camarat ist aber in Ungnade gefallen, denn sie hatten sich an dem Verrat gegen den König beteiligt. Die Eltern der Schwestern sind tot, das heimatliche Haus zerstört und alle Besitztümer von der Krone konfisziert. Eine echte Notlage, aus der Niniane sich und ihre Schwester befreien will. Sie schmiedet einen waghalsigen Plan. Vor der Revolte wurde vom Vater der beiden Schwestern eine Verlobung zwischen der schönen Diane und dem Baron de Marivaux arrangiert. Als Mann verkleidet sucht Niniane an der Seite ihrer Schwester Unterschlupf dem Verlobten. Kann sie ihre Maskerade aufrecht erhalten? Das wird immer schwieriger, denn der Baron beginnt an der Richtigkeit seiner Gefühle diesem jungen Mann gegenüber zu zweifeln.
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 25, 2014
ISBN:
9783864662546
Format:
Buch

Über den Autor

Schreiben und Reisen sind Marie Cordonniers Leidenschaft. Immer wenn sie unterwegs ist, bekommt ihre Phantasie Flügel. In den Ruinen einer mittelalterlichen Burg hört sie das Knistern der Gewänder, riecht Pechfackeln und hört längst verstummte Lautenklänge. Was haben die Menschen dort gefühlt, was erlitten? Zu Hause am Schreibtisch lässt sie ihrer Phantasie freien Lauf. Der Name Marie Cordonnier steht für romantische Liebesromane mit historischem Flair. Marie Cordonniers bürgerlicher Name ist Gaby Schuster. Sie schreibt auch unter den Pseudonymen Valerie Lord und Marie Cristen. Mehr über sie gibt es auf www.marie-cordonnier.de zu lesen.


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Buchvorschau

Die große Lüge_Niniane - Marie Cordonnier

1838

1. Kapitel

Paris – März 1633

Man sah dem armseligen Gefährt auf den ersten Blick an, dass es lange her war, seit der Stellmacher es auf seine vier Räder gesetzt hatte. Staubbedeckt, ohne die kleinste Goldverzierung, ohne Quasten und ohne die Andeutung eines Wappens an den Türen ratterte es über das Pflaster. Eine zweckmäßige, altersschwache Reisekutsche, die Reste von Farbe unter Schmutz verborgen oder abgeblättert; die großen Radnaben kurz davor in alle Bestandteile zu zerfallen.

Auch die Pferde hatten sich ihr Gnadenbrot längst verdient und das Gewimmel auf den Straßen der Hauptstadt des Königreiches Frankreich machte sie nervös und scheu. Dafür war der Lenker auf dem Bock um so jünger. Er hatte offensichtlich seine liebe Not, das schwerfällige Gespann zwischen den engen Hauswänden in der Mitte der Straße zu halten.

Mit verkrampften schmalen Schultern hielt er die Zügel in der Hand und verhinderte nur mit Mühe, dass sein Gefährt an vorstehende Traufen und herausragende Stockwerke stieß. Verfolgt von den wütenden Flüchen erschreckter Bürger und Handwerker suchte er seinen Weg.

Als die Karosse schließlich die breitere, gut gepflasterte Straße zum Place Royal erreichte, trieb der schmächtige Kutscher das traurige Paar Gäule sogar noch einmal zu einem leichten Trab an. Die fürstlichen, neuen Adelspaläste, die den Platz säumten, blickten aus hochmütig glänzenden, eleganten Fensterfronten auf das traurige Zerrbild der holpernden Kalesche.

Vor dem prächtigen Hotel de Marivaux, dessen säulengeschmückte, elegante, zweistöckige Fassade von einer Dachbalustrade gekrönt wurde, auf der sich eine Anzahl spärlich gekleideter Marmordamen räkelte, zügelte er den Wagen. Die spitzgiebelige Toreinfahrt war glücklicherweise so breit, dass er bei seiner mehr schwungvollen als korrekten Kurve keine der Säulen berührte, sondern mitten auf einen quadratischen, an allen vier Seiten von Gebäuden umgebenen Hof rattern konnte.

Mit einem widerwilligen Schnauben der erschöpften Zugtiere und einem unmelodischen Nachscheppern der Zaumzeuge verstummte der anfängliche Lärm. Der zeitgleiche tiefe Seufzer des Kutschers blieb indes unhörbar. Ein aufmerksamer Beobachter hätte höchstens das deutliche Nachlassen der Anspannung in den verkrampften Armen bemerkt.

Unter den livrierten Stallburschen, die pflichtbewusst herbeistürzten, gehörte niemand zu dieser Kategorie. Sie beäugten lediglich verblüfft die schäbige Kutsche und überließen das Wort einem älteren Mann, der sich empört vor dem Jungen aufbaute, der die Zügel zwischen seine gespreizten Knie hatte sinken lassen.

»Wahrhaftig, Bursche! Bist du des Teufels? Was glaubst du, wo du hier bist? In einer verlausten Herberge?« schimpfte er lauthals.

»Haltet keine Maulaffen feil!« wurde ihm unerwartet schroff beschieden. »Meine Herrschaft hat eine lange Reise hinter sich und kein Begehr, mit dir darüber zu diskutieren. Ist dies das Palais Marivaux?«

Es war weniger der Inhalt der Worte als der hochfahrende Ton der arroganten Rede, die den Mann veranlassten, seine buschigen Brauen zu runzeln. »Und wenn das so wäre?« knurrte er mit dem Misstrauen eines vorsichtigen Hofhundes.

»Dann bekommst du eine Menge Ärger, wenn du das gnädige Fräulein in der Kutsche noch länger aufhältst, statt deinem Herrn zu melden, dass Mademoiselle de Camaret, seine Verlobte eingetroffen ist!«

Ehe die neugierigen Ohren ringsum diese überraschende Nachricht verarbeitet hatten, sprengte ein Reiter durch die Toreinfahrt. Im letzten Moment zügelte er mit einer reiterischen Meisterleistung sein nervöses Pferd vor dem unerwarteten Hindernis. Der mächtige, schwarze Rappe scheute, stieg auf den Hinterläufen und tänzelte mit gereiztem Schnauben zur Seite.

Ohne sichtbare Anstrengung gelang es dem Mann im Sattel, das erschreckte Tier zu beruhigen. Er tätschelte den sehnigen Hals des Pferdes und streifte dabei Gefährt und Lenker mit einer eher gleichgültigen Bestandsaufnahme, die schließlich am Stallmeister hängenblieb, dem jede Erwiderung im Halse steckengeblieben war.

»Man könnte meinen, ich sei auf dem Jahrmarkt von St. Denis gelandet und nicht in meinem eigenen Hause«, näselte er mit deutlichem Sarkasmus. Eine makellose weiße Feder, die über der Krempe seines geschwungenen, dunklen Hutes wippte, betonte die nachtschwarze Tiefe der spöttisch glitzernden Augen und die Bräune seiner scharf geschnittenen, männlich edlen Züge.

»Was verschafft mir die Ehre Eures Besuches, junger Mann?« wandte er sich so unverhofft an den Kutscher, dass dieser auf seinem hohen Sitz zusammenzuckte. Dann jedoch kehrte jene unverfrorene Arroganz zurück, die sogar den Stallmeister des Palais Marivaux für kurze Zeit sprachlos gemacht hatte.

»Seid Ihr Monsieur de Marivaux?« Das blanke Erstaunen in der rauen Stimme war nur mühsam verborgen.

»Baron de Marivaux«, korrigierte der Reiter, deutlich zwischen Verärgerung und Amüsement hin- und hergerissen. »Normalerweise habe ich es freilich nicht nötig, mich den Fahrern meiner, wenn auch unerwarteten, Gäste vorstellen zu müssen.«

»Verzeiht«, entschuldigte sich sein Gegenüber, der sich auf seinem Sitz in etwa auf gleicher Ebene mit ihm befand. Mit einer überraschend formvollendeten Verneigung aus der Hüfte heraus unterstrich er dieses Wort. »Ich bin kein Kutscher. Ich bin Camarat.«

»Camarat?«

»Ich bringe Euch meine Cousine, Mademoiselle Diane Grace de Camarat, Eure Verlobte. Habt Ihr denn die Botschaft nicht erhalten, mit der sie Euch ihren Besuch angekündigt hat?«

Was auch immer Marivaux erwidern wollte, die Worte erstarben auf seinen Lippen, als er sich nun zum Kutschenfenster beugte und hineinsah. Das Antlitz, das ihm ängstlich entgegengewandt war, schien im Dämmerlicht des Wagens zu schweben. Von der gefältelten, himmelblauen Seide einer gefütterten Mantelkapuze umgeben, war es von unerwarteter, makelloser Schönheit.

Wie von selbst fuhr seine Hand zum Hut und schwang ihn in tiefer Bewunderung, so dass die späte Sonne des Märznachmittages blaue Reflexe in das dichte Schwarz seiner Haare zeichnete. Das zierliche Mädchen fuhr zurück, so weites ging, und klammerte sich heftiger an den Arm seiner Begleiterin, einer bieder gekleideten, fülligen Matrone. Aus ängstlich auf gerissenen Augen starrte es auf den dunklen Kopf, der sich vor ihr verneigte.

Noch während sich der Baron wieder aufrichtete, brachte er mit wenigen, knappen Befehlen die Gruppe der Lakaien ins Laufen. Der junge Mann auf dem Kutschbock gab mit deutlicher Erleichterung die Zügel an einen Stallknecht ab und sprang mit steifen Beinen zur Erde.

Er war bescheiden, wenn nicht gar ärmlich gewandet. Der Schmutz der Landstraßen hatte seine braunen Kniehosen und das schlichte Wams, ebenso wie die Stiefel und den Filzhut, mit einheitlichem Grau bestäubt.

Ehe er sich jedoch dem Kutschenschlag nähern konnte, war ihm der Baron zuvorgekommen. Er half eben der älteren der beiden Frauen beim Aussteigen und erhielt einen respektvollen Knicks zum Dank, der die mollige Dame ein wenig außer Atem brachte. Diane de Camarat hingegen nahm dankbar die Stütze ihres Cousins in Anspruch. Ihre behandschuhte Rechte verkrampfte sich auf seiner Faust und ihre staunenden Augen glitten über die sandfarbenen Fassaden des Palais, dessen steinerne Verzierungen wie zarteste Filigranspitze zum Himmel wuchsen.

Allein dieses Gebäude legte deutliches Zeugnis vom Reichtum des Hauses Marivaux ab. Eines Vermögens, das den verstorbenen Herrn de Camarat vor zwei Jahren unter anderem dazu veranlasst hatte, diese vorteilhafte Verbindung für seine Tochter einzugehen, ohne dass sich die beiden Verlobten jemals zuvor zu Gesicht bekommen hatten. Diane, die damals fünfzehn Jahre alt gewesen war, versprach eine blendende Schönheit zu werden und verdiente es nach Meinung ihres Vaters nicht, in der Provinz zu versauern. Dass diese Verbindung einmal zum einzigen Rettungsanker für die ganze Familie werden würde, konnte damals noch niemand ahnen.

Dass sich der Baron de Marivaux indes dieser derzeitigen Tatsache bewusst war, bewiesen die ersten Worte, die er an die Reisenden richtete, kaum dass sich die Flügeltüren eines kostbar eingerichteten Gemaches hinter ihnen geschlossen hatten. Er legte Hut und Reithandschuhe ab und drehte den breiten Flügeltüren, die auf eine Terrasse und einen großen Garten hinausgingen, den Rücken zu, um seine Besucher besser betrachten zu können.

»Ich bin mir nicht darüber im klaren, ob ich Euren Mut oder Euren Leichtsinn bewundern soll«, begann er und ließ offen, ob er damit seine schüchterne Verlobte oder ihren Cousin ansprach. »Der Name Camarat hat in Paris im Augenblick keinen guten Klang!«

»Macht Ihr es Diane zum Vorwurf?« mischte sich ihr jugendlicher Begleiter unerschrocken ein. Auch er hatte den Hut abgenommen. Seine straff nach hinten gezogenen rotbraunen Haare waren im Nacken mit einem Band gefasst, so dass das Gesicht mit den hellen Augen wie das perfekte Oval einer Gemme wirkte. Es mutete den Baron noch sehr kindlich und viel zu schmal an. Er korrigierte seine erste Altersschätzung sofort auf ein gutes Stück unter zwanzig. Ein halbwüchsiges Bürschchen mit beklagenswert schlechten Manieren, fügte er in Gedanken hinzu.

»Hättet Ihr es lieber gesehen, Diane wäre unter den Trümmern der Festung Camarat begraben worden?« fauchte das Kerlchen jetzt angriffslustig. »Bereut Ihr Euer Wort, das Euch an eine Familie bindet, die es gewagt hat, sich gegen die Machenschaften des allmächtigen Kardinals zu stellen? Ihr habt den Ehekontrakt unterschrieben!«

»So ist Camarat also geschleift worden...«, murmelte der Baron, augenscheinlich so in die Bewunderung seiner Verlobten vertieft, dass er die Erregung ihres Vetters kaum richtig zur Kenntnis nahm.

»Camarat und alle übrigen Befestigungen im Süden von Toulouse«, bestätigte dieser heiser. »Die Schergen des Kardinals nahmen keine Rücksicht auf alte Namen. Der Chevalier de Camarat wurde vor den Trümmern seines Hauses erschlagen. Nach der Hinrichtung des Herzogs von Montmorency ist es seinen Freunden überall schlecht ergangen...«

»Armes Kind!«

Das galt Diane, die sich eng an ihre Kammerfrau schmiegte. Ganz deutlich litt sie noch immer unter den Folgen der ausgestandenen Schrecken. Aber weder Furcht noch Erschöpfung, weder Bedrängnis noch Schüchternheit, beeinträchtigten ihre filigrane, außergewöhnliche Schönheit. Sie hatte den dunklen Umhang abgelegt. Darunter trug sie ein schlichtes, hochgeschlossenes königsblaues Samtkleid, das ihre wohlgerundete Figur erahnen ließ. Der zarte Spitzenkragen und die schmalen Manschetten der langen Ärmel waren ihr einziger Schmuck. Aus den hochgesteckten Locken hatte sich eine helle Strähne gelöst, die wie ein goldenes Band aus Sonnenlicht über ihre Schulter fiel.

Marivaux bekämpfte den Impuls, sie zu berühren, um sich zu vergewissern, dass sie lebte und kein Traum war. Obwohl ein Kenner weiblicher Schönheit, musste er sich eingestehen, dass er noch nie ein so erlesen zauberhaftes Wesen wie Diane de Camarat gesehen hatte. Er hätte ein fühlloser Marmorblock sein müssen, um dem Wunsch zu widerstehen, dieses Juwel zu erobern, zu besitzen und zu beschützen. Sie musste ihm gehören, um jeden Preis!

Ein unmerkliches Funkeln seiner Augen und eine leise Vertiefung der strengen Falten, die sich links und rechts einer herrischen Nase zum Mundwinkel zogen, bezeugten, dass er zu einem Entschluss gekommen war. Er wandte sich seiner Verlobten zu.

»Ihr seid am Rande Eurer Kräfte, Mademoiselle! Vergesst die Greuel, die hinter Euch liegen. Bei mir seid Ihr in Sicherheit. Ich nehme an, dass Eure Gemächer inzwischen vorbereitet sind, ruht Euch aus und betrachtet mein Haus als das Eure. Zögert nicht, auch den kleinsten Eurer Wünsche zu äußern. Sie werden mir und meinen Dienern Befehl sein! Ich würde mich glücklich schätzen, wenn es mir gelingt, Euch wieder zum Lächeln zu bringen.«

Eine tiefe Röte huschte über Diane de Camarats Antlitz. Die höfischen Komplimente verschlugen ihr die Sprache und die glühenden Augen ihres künftigen Gatten beunruhigten sie. Aber ihr scheuer, stummer Knicks war ein echtes Wunder an graziöser Anmut und Charme. Gehorsam folgte sie dem Haushofmeister und ihrer Kammerfrau, während ihr Cousin auf einen Wink des Barons zurückblieb und die Lippen schmal aufeinanderpresste.

Als sich die Tür geschlossen hatte, holte er tief Atem und wappnete sich für das, was kommen würde. Kein Zweifel, Marivaux hatte die Frauen aus dem Raum geschickt, da er nicht wollte, dass sie das hörten, was er nun zu sagen hatte.

»Werdet Ihr zu Eurem Wort stehen und Diane zur Frau nehmen?« wählte er die Strategie des Angriffs. Obwohl nicht gerade klein, musste sogar er den Kopf in den Nacken legen, um in die schwarzen Augen des Mannes zu sehen, der nachdenklich die Goldornamente über dem Eingang zu studieren schien.

»Natürlich«, antwortete er jetzt mit einer überheblichen Gelassenheit, die in krassem Gegensatz zur deutlichen Spannung des jungen Mannes stand. »Ich müsste ein Narr sein, um diesen Schatz einem anderen Kavalier zu überlassen. Aber vermutlich seid Ihr noch zu jung, mein Kleiner, um die Reize Eurer Base zu würdigen. Immerhin sei Euch dafür gedankt, dass Ihr sie dem kriegerischen Wirrwarr der Provinz um Toulouse entrissen habt. Leichtsinnig zwar, doch vom Glück begünstigt. Was ist mit dem Rest der Familie?«

»Sie sind alle tot. Es gibt nur noch Diane und mich, die den Namen Camarat tragen.«

Der eigenartige Unterton dieser Antwort entging Marivaux. Doch er musterte seinen Gast, der nun zum Fenster hinaussah und ihm den Rücken zudrehte, als nähme er zum ersten Male die Einzelheiten der schäbigen Erscheinung wahr.

»Ich wusste gar nicht, dass Louis de Camarat einen Bruder hatte. Ist Euer Vater ebenfalls bei dem Aufstand Montmorencys ums Leben gekommen?«

»Ja!« Aus der kargen Silbe klang soviel unterdrückter Schmerz, dass der Baron auf weitere Erkundigungen in dieser Richtung fürs erste verzichtete.

»Wie heißt Ihr?« wandte er sich praktischeren Dingen zu. »Ihr seht nicht so aus, als würde es Euch behagen, mit Kleiner tituliert zu werden und für den Sieur de Camarat wirkt Ihr ein wenig zu grün.«

»Ich bin Norbert de Camarat.« Es klang unwirsch und ließ ahnen, wie wenig den Sprecher die Aussicht entzückte, dem Baron zu Dank verpflichtet zu sein.

»Nun, Norbert, macht Euch keine Sorgen um Eure schöne Cousine, Ihr habt mein Wort, dass es ihr an nichts fehlen soll. Indes macht ihr klar, dass es im Moment in erster Linie der Zeit bedarf. Der Kardinal ist auf die rebellischen Freunde des Herzogs von Montmorency nicht gut zu sprechen und eine Heiratserlaubnis des Königs kann nur mit seiner Unterstützung erwirkt werden. Wir müssen uns in Geduld fassen, bis sich die Wogen geglättet haben. Meine Dienerschaft wird Euch in allem behilflich sein, doch ich muss Euch bitten, den Schutz dieser Mauern nicht zu verlassen. Es ist in diesen Tagen kaum empfehlenswert, die Aufmerksamkeit der Leibgarde des Kardinals zu erregen.«

»... was eine vornehme Umschreibung dafür ist, dass wir bessere Gefangene in diesem vornehmen Palast sind. Es hat den Anschein, als wären wir vom Regen in die Traufe gekommen. Weiß der Himmel, wenn ich jemals einen überheblicheren, eingebildeteren und unerträglicheren Kerl kennengelernt habe, so ist es mir entfallen!«

Norbert de Camarat machte seinem Herzen Luft, kaum dass sich die Tür des hübschen Kabinetts hinter ihm geschlossen hatte, der seiner Schwester als Wohnraum dienen sollte. Er stürmte in die Mitte des Zimmers, ohne die bezaubernden Mille-fleurs-Wandteppiche und das kostbare Mobiliar seiner Umgebung zu registrieren.

»Kind, Kind, beruhige dich! Musst du Diane noch mehr verunsichern, als sie es ohnehin schon ist? Gerade konnte ich sie davon überzeugen, dass sie sich ein wenig hinlegt. Ihr Schlafzimmer grenzt an diesen Salon und wenn du so schreist, hört sie jedes Wort!«

»Ach, Pauline...«

Der wütende Jüngling wurde wirklich wieder zum Kind und suchte Trost in einer weichen, altbekannten Umarmung. Pauline Lecerf, die von der Zofe einer verwöhnten jungen Braut, zur Kinderfrau und Vertrauten ihrer Nachkommen geworden war, schwieg. Sie spürte das Beben der schlanken Gestalt, die sie hielt. Die Last, die Norbert sich aufgeladen hatte, war unmenschlich, aber kein Laut der Klage war bisher über seine Lippen gekommen.

»Schscht, Herzchen«, Pauline streichelte über die wirren Haare. »Wir sind in Sicherheit, du hast es gehört. Alles wird gut. Hast du nicht sein Gesicht gesehen, als er Diane entdeckte? Ich bin sicher, er wird sie auf Händen tragen. Und kannst du dir ein Mädchen vorstellen, das besser in diese Pracht passt als Diane? Du erfüllst den Willen deines Vaters, alles ist in Ordnung. Du bist nichts als müde und hungrig, das hat dich schon immer nervös gemacht!«

Die praktische Feststellung wurde mit einem unterdrückten Lachen belohnt. »Ach, Pauline, nur du kannst in dieser Lage an Schlaf und Essen denken«, wiederholte der junge Herr de Camarat und befreite sich. »Ich muss unserem Schicksal dankbar sein, dass es uns wenigstens in deiner Obhut gelassen hat.«

»Bah!« antwortete die Gelobte unwillig. »Was nützt's? Ich werde alt und du folgst mir nicht mehr. Hättest du dir sonst diese närrische Maskerade in den Kopf gesetzt? Dieses unsinnige Abenteuer, bei dem du dein Leben und deine Unversehrtheit aufs Spiel gesetzt hast?«

»Pauline...«

»Nein, nein, unterbrich mich nicht! Ich muss es dir sagen, sonst ersticke ich an meinen eigenen Worten. Du wirst ihm aus dem Wege gehen, diesem Baron! Verstanden? Sobald er dich genauer ansieht, wird er merken, welchem Schwindel er da aufgesessen ist.«

»Du siehst Gespenster!« Norbert de Camarat betrachtete sich prüfend in dem rechteckigen, goldgerahmten Spiegel, der quer über dem marmornen Kaminsims hing. »Was sollte ihn auf die absurde Idee bringen, dass ich nicht der bin, der ich zu sein scheine? Er macht mir ganz den Eindruck eines Mannes, der sich ausschließlich um seine eigenen Ziele und Wünsche kümmert. Für ihn bin ich ein lästiges Anhängsel, ein unliebsamer Ballast, den er trachtet, schnellstmöglich in die Provinz zurückzuschicken! Da gehe ich jede Wette ein. Nach Dianes Hochzeit kann er das meinethalben auch umgehend tun...«

Ein gewollt lässig burschikoses Schulterzucken sorgte dafür, dass die alte Frau die Stirn in Falten legte.

»Gespenster«, schnaubte sie. »Und was wird sein, wenn du dir diese Schmutzschicht aus dem Gesicht gewaschen hast? Wenn du das, was von deinen schönen Haaren übrig geblieben ist, gereinigt, gebürstet und dieses Stallknechtsgewand gegen saubere Kleider ausgetauscht hast, die nicht wie die einer Vogelscheuche an dir herabhängen? Der Baron wird kaum zulassen, dass du in diesem Hause wie ein heruntergekommener Landsknecht paradierst! Willst du ihm zu allem Überfluss auch noch den unternehmungslustigen jungen Edelmann Vorspielen, Niniane Jocelyne Suzanne de Camarat?«

»Wirst du wohl still sein?« zischte das Mädchen, das mit solcher Bravour den Jungen spielte. »Ich bin Norbert und nicht länger Niniane! Ich habe Diane zu ihrem Verlobten gebracht und ich werde dafür sorgen, dass er seinen Schwur hält und sie heiratet. Oder siehst du sie lieber in den Trümmern von Camarat verhungern? Meine kleine Schwester ist ebenso schön wie verwöhnt, empfindlich und völlig unfähig, für sich selbst zu sorgen. Unser Bruder Luden ist seit Montmorencys Hinrichtung verschwunden, wer also außer mir kann ihr helfen? Wer trotzt diesem Ungeheuer im Kardinalsrock wenigstens für eine Camarat das Leben ab, das ihr zusteht?«

Die Erinnerung an das rätselhafte Verschwinden des Erben von Camarat traf Pauline ebenso wie das, was die Ereignisse aus Niniane gemacht hatten. Den ersten Verlobten hatte diese mit fünfzehn verloren, als er an den schwarzen Blattern starb. Der zweite war während der Kämpfe um La Rochelle ums Leben gekommen. In beiden Fällen hatte Niniane der Verlust nicht sehr betroffen, denn beide Edelmänner hatte sie nur einmal, bei der Unterzeichnung des Verlobungskontraktes zu Gesicht bekommen, wie es in ihren Kreisen Sitte war.

Einen dritten Versuch, sie an Parteigänger des Herzogs zu verkuppeln, machte sie teils durch ihre eigene Dickköpfigkeit zunichte, teils fand ihr Vater bei seinem fanatischen Kampf gegen Kardinal Richelieu auch keine Zeit mehr, sich um die Zukunft seiner rebellischen älteren Tochter zu kümmern.

Nach dem Tod von Ninianes Mutter hatte diese im Alter von knapp sechzehn Jahren frühzeitig gelernt, sich gegen den Vater durchzusetzen, der sich nur ungern um den von ihm verachteten > Weiberkram< kümmerte. Es hatte zur Folge, dass aus dem trotzigen Mädchen eine überaus willensstarke junge Frau geworden war, die sich nicht scheute, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen.

Sie wollte nicht, wie ihre Mutter hilflose Last, Beute oder Unwichtigkeit für einen Ehemann sein. Welch ein Glück, dass diese wenigstens die Zerstörung der Familie anlässlich der Rebellion gegen die Krone nicht mehr erlebt hatte. Die Geburten und Fehlgeburten ihres kurzen Lebens hatten ihre Gesundheit untergraben. Sie war gestorben, ehe der Ehrgeiz des Herzogs von Montmorency auch dessen Freunde mit in den Untergang gerissen hatte.

»Aber du kannst nicht auf Dauer den Jüngling spielen«, beharrte Pauline, wenngleich mit gedämpfter Stimme.

»Du überschätzt die Menschen«, beruhigte sie Niniane. »Niemand kennt mich in Paris. Wer sollte schon Verdacht schöpfen? Und wenn es dich beruhigt, werde ich dem Baron nach Möglichkeit aus dem Weg gehen. Es trifft sich mit meinen eigenen Wünschen. Ich habe kein Bedürfnis danach, mich von

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