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Engel der Versuchung _Marie: BsB_Historischer Liebesroman

Engel der Versuchung _Marie: BsB_Historischer Liebesroman

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Engel der Versuchung _Marie: BsB_Historischer Liebesroman

Länge:
315 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 11, 2014
ISBN:
9783864662416
Format:
Buch

Beschreibung

Der dritte Band des vierbändigen Werkes "Die Töchter der Hexe" ist ein historischer Liebesroman aus dem Frankreich um 1440:

Marie-Ange, aufgewachsen in einem Kloster, ist lieblich und sanft wie ein Engel – und völlig hilflos jenem Mann ausgeliefert, den alle nur 'le diable' nennen, den Teufel. Die Liebe, die sie für diesen harten, rücksichtlosen Mann empfindet, kann sie nur in die Hölle führen – oder hat sie doch eine Chance, 'le diable' zu zeigen, dass es den Himmel auf Erden tatsächlich geben kann?

Kundenrezension mit 5 Sternen

Jeder Band ist sehr gut einzeln zu lesen.
Marie-Ange ist eine der Zwillingsschwestern, die direkt nach der Geburt von ihrer Mutter und den Schwestern (Viviane und den zwei älteren Nadine und Alison) getrennt wurde, da ihre Mutter von dem eifersüchtigen und herrschsüchtigen Guy de St. Doye ermordet wurde. So geht sie ihren Schicksalsweg, immer auf der Hut vor der Verfolgung ihres Feindes. Letztlich mit wunderschönem Happyend, wenn sie ihre Schwestern wiedertrifft. Schööön!!
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 11, 2014
ISBN:
9783864662416
Format:
Buch

Über den Autor

Schreiben und Reisen sind Marie Cordonniers Leidenschaft. Immer wenn sie unterwegs ist, bekommt ihre Phantasie Flügel. In den Ruinen einer mittelalterlichen Burg hört sie das Knistern der Gewänder, riecht Pechfackeln und hört längst verstummte Lautenklänge. Was haben die Menschen dort gefühlt, was erlitten? Zu Hause am Schreibtisch lässt sie ihrer Phantasie freien Lauf. Der Name Marie Cordonnier steht für romantische Liebesromane mit historischem Flair. Marie Cordonniers bürgerlicher Name ist Gaby Schuster. Sie schreibt auch unter den Pseudonymen Valerie Lord und Marie Cristen. Mehr über sie gibt es auf www.marie-cordonnier.de zu lesen.


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Buchvorschau

Engel der Versuchung _Marie - Marie Cordonnier

978-3-86466-241-6

Sommer 1436

1. Kapitel

Die Stimme siegte über die düsteren Schatten der Kapelle. Sie schwang sich in die Höhe der Gewölbe, bis hinauf zu den kleinen Fenstern, die nur mit einfachstem, dickem Glas verschlossen waren. Sie verlieh dem schlichten Choral der Nonnen eine jubelnde Freude, die wenig zu den ernsten, verhärmten Gesichtern passte, die sich über die gefalteten Hände neigten.

Thérèse de Manchon wirkte ebenfalls ernst, aber nicht verhärmt. Und es fehlte ihr sowohl an der Frömmigkeit als auch an der Ergebenheit der Ursulinerinnen von >Dames de Forêt<. Sie war nicht freiwillig in das bescheidene Kloster in der Nähe von Azincourt gekommen, und sie beabsichtigte auch keineswegs, allzu lange dort zu bleiben.

Trotzdem konnte sich die ruhelose junge Dame dem Zauber der unbekannten Sängerin nicht ganz entziehen. Ihre Blicke wanderten die Reihe der gesenkten Köpfe entlang; die Gestalten in der einheitlichen Tracht mit den engen, weißen Hauben und den dunklen Kutten ähnelten einander wie eine Schar gottergebener Raben. Die Sängerin kniete ganz außen, fast verborgen von der mächtigen Gestalt der Äbtissin. Louise de Luce oder Mutter Benedicte, wie sie hier hieß, war eine hagere Frau mit scharf geschnittenen Zügen und mitleidlosen dunklen Augen.

Sie hatte Thérèse empfangen und sie darüber aufgeklärt, was man von ihr im Kloster erwartete. Gehorsam, Frömmigkeit, Bescheidenheit und Demut. Dinge, von denen Thérèse de Manchon wusste, dass sie alle miteinander nur in höchst bescheidenem Ausmaße besaß - offensichtlich im Gegensatz zu dem Mädchen an der Seite der Mutter Oberin.

Mit kaum verhohlener Neugier musterte Thérèse das makellose, ovale Antlitz, dessen durchscheinende Haut wie hauchzarte Seide wirkte. Die goldbraunen, geschwungenen Wimpern und Brauen sowie der fein gezeichnete Mund schienen wie gemalt zu sein, als habe sie der Pinsel eines Meisters in vollkommener Perfektion erschaffen.

Die Haube verbarg die Haare, aber sie betonte gleichzeitig die klare, absolut reine Schönheit der Züge. Gütige Muttergottes, wie konnte ein Geschöpf mit einem solchen Gesicht Nonne werden! Ein Mädchen, kaum älter als sie selbst mit ihren 16 Jahren.

Über dieses Problem nachzudenken, half ihr über die endlose Litanei der Rosenkränze und Gebete hinweg, der sie nur mit halbem Herzen folgte. Doch erst nach geraumer Zeit fand Thérèse Gelegenheit, allein mit der jungen Nonne zu sprechen, die ihre Neugier erregt hatte. Sie begegnete ihr ein paar Tage später allein im Garten des Klosters, wo sie, über eine feine Stickerei gebeugt, im Schatten einer Linde saß. Als sie erstaunt aufsah, hob Thérèse mit einem Lächeln die Handflächen.

»Sagt es nicht, ich weiß es!« ergriff sie als erste das Wort. »Ich weiß, dass ich im Sudhaus sein sollte, um Schwester Donatienne zu helfen, aber es ist der erste Sonnentag seit langer Zeit. Ich habe es nicht fertiggebracht, zwischen den Mauern zu bleiben. Mir scheint, Euch treibt der gleiche, sehnsüchtige Wunsch nach Sonne. Verratet Ihr mir Euren Namen?«

»Ich bin Schwester Marie-Inconnue«, erwiderte das junge Mädchen. »Ihr seid Thérèse de Manchon, nicht wahr? Werdet Ihr als Novizin bei uns bleiben?«

»Gütige Mutter Gottes, nur das nicht«, platzte Thérèse ungestüm heraus, um sich sofort mit der Hand auf den Mund zu schlagen. Doch die junge Nonne bemängelte ihre Worte nicht, wie alle anderen es getan hätten. Sie lachte hellauf, und Thérèse sah, dass ihre Augen aus der Nähe die Farbe eines sonnenbeschienenen Waldteiches hatten. Eine eigenartige Mischung aus Grün und Blau, in der ein Hauch Gold mitschwang und die zu ihrem exquisiten Aussehen passte.

»Man hat Euch ins Kloster gesteckt, um Euch zu bestrafen?« fragte sie und traf damit den Nagel genau auf den Kopf. »Wollt Ihr Euch nicht setzen und mir erzählen, was Ihr so Verdammenswertes getan habt?« »Ihr seid neugierig?« rutschte es Thérèse heraus, und die andere nickte mit einem leichten Lächeln.

»Ein beklagenswerter Fehler, ich weiß! Die Mutter Äbtissin bemängelt ihn bei jeder Gelegenheit, aber sie hat noch keinen Weg gefunden, ihn mir abzugewöhnen. Wollt Ihr mir nicht Eure Geschichte erzählen?«

Thérèse blinzelte verblüfft. Dieses Mädchen war entschieden eine eigenartige Nonne. Hielt man sie ebenfalls gegen ihren Willen hier fest? Sie wusste, dass es durchaus normal war, dass Familien, welche die Mitgift für ihre jüngeren Töchter nicht aufbrachten, jene dem nächstbesten Kloster anvertrauten. Monsieur de Manchon hatte keine Probleme mit der Mitgift seiner Tochter, aber Thérèse lehnte dafür den Gatten ab, den ihr Vater für sie ausgesucht hatte.

»Ein Scheusal«, schluchzte sie, vom eigenen Elend überwältigt, und schilderte die Ereignisse, während Schwester Marie- Inconnue ihre Stickerei sinken ließ. »Er ist mindestens so alt wie mein Vater, und er hat bereits zwei Frauen im Kindbett verloren. Ein mürrischer Mensch, dessen Kopf kaum noch Haare zieren und dessen Stimme klingt wie das Räderkreischen eines Fuhrwerks auf dem Pflaster. Lieber sterbe ich, als ihn zum Manne zu nehmen. Wenn mein Vater denkt, dass ich hier anderen Sinnes werde, dann täuscht er sich.«

Marie betrachtete die junge Edeldame, die neben ihr im Gras kauerte.

Das sittsame dunkle Gewand und die Novizinnenhaube vermochten nicht den Eindruck von Vitalität und Lebensfreude zu verbergen. Die dunklen Kirschenaugen funkelten temperamentvoll.

Doch Marie wusste, über welche Mittel die Äbtissin verfügte, um rebellische Geister zum Gehorsam zu zwingen.

Man musste über große Kraft und Geduld verfügen, um ihr zu widerstehen. Thérèse de Manchon besaß nichts davon, das erkannte sie zu ihrem eigenen Erstaunen auf den ersten Blick.

Sie war reizend, unbesonnen und sehr, sehr jung. Marie kam sich gegen sie uralt vor.

»Ihr solltet lernen, Eure Gedanken nicht sofort auszusprechen«, riet sie ihr. und nahm die Stickerei wieder auf. »Nur wenn die Äbtissin Eurem Vater berichtet, dass ihr fromm und gottergeben seid, könnt Ihr damit rechnen, dass man Euch nach Hause holt. Andernfalls ist es leicht möglich, dass Ihr diese Mauern nie wieder verlasst.«

Thérèse mochte leichtsinnig sein, aber sie war nicht dumm. Sie vernahm sehr wohl den Unterton von Sehnsucht und Melancholie in diesem Ratschlag. »Seid Ihr ebenfalls gegen Euren Willen hier?«

Die junge Nonne schüttelte den Kopf. »Nein, das Kloster ist das einzige Zuhause, das ich kenne. Man hat mich als Säugling an der Pforte gefunden, und ich bin unter der Obhut der Mutter Äbtissin aufgewachsen. Niemand weiß, wer meine Eltern sind, deswegen nennt man mich Marie-Inconnue. Ich weiß nur, dass ich im Jahr der großen Schlacht von Azincourt geboren wurde, und damals ist vieles aus seiner gewohnten Ordnung geraten. Ich kenne keine andere Heimat als das Kloster der Damen vom Wald. Mir bleibt keine andere Wahl, als für immer hierzubleiben und den Schleier zu nehmen.«

»Wie schrecklich«, flüsterte Thérèse de Manchon. »Ich könnte es nicht ertragen, ein Leben lang eingesperrt zu werden. Ich ertrage es kaum diese wenigen Tage und Wochen.«

Auch Marie ertrug es nur schwer. Seit sie denken konnte, sehnte sie sich nach Freiheit, nach Lachen, nach Zuneigung, nach Zärtlichkeit und einer Familie, in der sie sich geborgen fühlen konnte. Die Äbtissin war eine fromme und gerechte Frau, aber ihrem Herzen mangelte es an Sanftmut und Liebe.

Sie hatte das Kind, das ihr das Schicksal geschenkt hatte, systematisch in allen Tugenden unterwiesen, die sie für ihre Nachfolgerin für angebracht hielt. Marie-Inconnue würde einmal die Oberin dieses Klosters sein, so dass sie eines nicht fernen Tages in Frieden ihre Seele Gott anbefehlen konnte. Marie wusste von diesen Plänen, und sie machten sie alles andere als glücklich. Aber sie hatte sich daran gewöhnt, nicht glücklich zu sein. Nur in der Musik fand sie Freude. Wenn sie sang, konnte sie alles vergessen, dann konnte sie sich dem Traum hingeben, nicht allein zu sein, für Menschen zu singen, die sie liebten. Denn irgendwo musste es diese Menschen geben. Menschen, für die sie nicht Marie-Inconnue, die Unbekannte war, sondern jene Marie, die sie liebten.

Die endlose Traurigkeit in ihrem Blick berührte Thérèse ganz eigenartig, und sie fasste unwillkürlich nach der kühlen, zerbrechlich schmalen Hand der Nonne.

»Ich werde Euch helfen! Ich verspreche es Euch! Wenn ich dieses dumme Kloster verlasse, werdet Ihr mit mir kommen. Ich schwöre es! Wenn Ihr den Schleier noch nicht für immer genommen habt, kann Euch niemand befehlen, hierzubleiben.«

Marie lächelte sanft und befreite ihre Finger aus dem Griff der stürmischen kleinen Edeldame. Sie hatte in langen, einsamen Jahren gelernt, allen Hoffnungen zu misstrauen.

»Macht keine Versprechen, die Ihr nicht halten könnt, Thérèse! Und nun lauft ins Sudhaus, ich höre die Mutter Äbtissin kommen...«

Thérèse gehorchte unverzüglich, und sie kam gerade noch rechtzeitig aus dem Blickfeld der strengen Dame, deren energische Schritte Marie mit ihrem ungewöhnlich feinen Gehör schon von weitem vernommen hatte.

Marie ordnete ihre Stickerei und wartete mit gesenkten Lidern, bis die Frau sie ansprach, die so etwas wie ihre Mutter war. Sie respektierte Louise de Luce, die dem Kloster >Le Forêt des Dames< schon so lange Vorstand, dass sich auch die älteste Nonne nicht mehr daran erinnern konnte, wann sie als Novizin gekommen war, aber dieser Respekt mischte sich mit einer gehörigen Portion Furcht. Tief in ihrem Herzen wusste Marie, dass die Äbtissin ihr Leben in den Händen hielt und dass sie eine noch unüberwindlichere Mauer zu ersehnten Freiheit darstellte als alle steinernen Barrieren um sie herum.

»Habe ich da nicht die kleine Manchon an deiner Seite gesehen, Kind?« sagte die Äbtissin beherrscht, und lediglich das unmerkliche Heben ihrer schmalen Brauen bewies, dass sie im zutreffenden Falle diese Begegnung auf das schärfste missbilligte.

Marie war zu stolz und zu fromm für eine Lüge. Sie nickte nur, die Hände über der Stickerei gefaltet.

Die Äbtissin gab einen Laut unterdrückter Unzufriedenheit von sich und zögerte kaum merklich. Marie wunderte sich darüber. Normalerweise setzte sie ihre Worte mit der Präzision eines Fechtmeisters, und ebenso tödlich schlugen sie ihre Wunden.

»Meide dieses Mädchen«, begann sie dann und fuhr sicherer werdend fort: »Ihr Vater hat sie zu uns gebracht, weil sie ihrer Familie den Gehorsam verweigert. Sie ist zur Ehe mit einem vermögenden Edelmann bestimmt, und wenn es uns gelingt, ihren starren Geist zu brechen, so erhalten wir genügend Gold, um endlich die bunten Glasfenster für die Kapelle in Auftrag geben zu können. Du siehst also, es ist in Gottes Sinn, das Mädchen zu disziplinieren. Jedoch glaube ich nicht, dass du die richtige Person bist, um ihr diese Tugenden nahezubringen. Du wirst im ungeeigneten Augenblick falsches Mitleid haben ...«

»Ist es denn so falsch, auch die Sünderinnen zu lieben?« fiel ihr Marie überraschend ins Wort. »Christus persönlich hat es getan.«

»Heilige Mutter Gottes!« Es hörte sich weniger wie ein Hilferuf, sondern wie eine unwillige Bitte um Geduld an. »Deine Sanftmut und deine Freundlichkeit werden nur noch von der Herrlichkeit deines Gesanges übertroffen, Marie! Du wirst mir gehorchen und Mademoiselle de Manchon meiden!«

Marie erkannte den Befehl in diesen Worten und neigte den Kopf. Da die Flügelhaube so ihr Gesicht verdeckte, konnte die Äbtissin nicht erkennen, wie Marie die Lippen zusammenpresste. Marie empfand Mitleid mit Thérèse, nicht mit sich selbst.

Sie hatte schon als Kind gelernt, dass ihre Träume nie in Erfüllung gehen würden, auch wenn es immer wieder Momente gab, in denen sie gewiss war, dass es irgendwo fern hinter den Klostermauern ein Leben gab, das nur auf sie wartete. Ein Leben an der Seite von Menschen, die sie liebten und denen sie etwas bedeutete. Menschen, die zu ihr gehörten und ohne die sie nur halb existierte.

Wenn sie sang, tat sie es in erster Linie für diese Menschen und dann erst zum Lobe Gottes. Eine Sünde, die sie noch nie zu beichten gewagt hatte, denn sie war sicher, dass die Mutter Äbtissin davon erfahren und sie streng tadeln würde.

Obwohl sie Thérèse in den nächsten Tagen mied, wie es ihr befohlen worden war, erkannte sie die helle, atemlose Stimme sofort, die in einer der folgenden Nächte ihren Schlaf störte, während eine ungeduldige Hand gleichzeitig heftig an ihrer Schulter rüttelte.

»Marie!« flüsterte die Stimme dringlich. »Bei allen Heiligen, Marie, wacht auf, sonst ist es zu spät. Wir müssen uns beeilen, so kommt endlich zu Euch ...«

Sie wollte die Kerze entzünden, aber Thérèse de Manchon ließ es nicht zu. Im milchigen Licht des Mondes, der durch das hohe schmale Fenster von Maries Zelle fiel, war sie nur ein dunkler Schatten, mit einem ein wenig helleren, blassen Gesicht.

»Thérèse, was ist geschehen?« murmelte sie schlaftrunken.

»Schnell, kommt mit! Kleidet Euch an, es ist soweit! Wir fliehen!«

Marie traute ihren Ohren nicht. »Ihr seid toll, meine Liebe. Geht zu Bett und schlaft.«

»Nein, so hört doch. Ich konnte es Euch nicht mehr sagen, aber ich habe mich im geheimen Jacques d'Alespée versprochen, und deswegen werde ich auch nie den Mann heiraten, den mein Vater für mich bestimmt hat«, berichtete Thérèse hastig. »Er ist gekommen, mich zu holen, und ich habe ihm gesagt, dass ich nicht ohne Euch gehen werde. Nun steht endlich auf, sonst ist die Nacht vorbei, und unsere Flucht wird zu früh bemerkt...«

Verwirrt gehorchte Marie dem Befehl, von einer unbekannten Macht getrieben, die sie selbst nicht benennen konnte.

»Aber wohin wollt Ihr?« flüsterte sie, während sie ihr Nonnengewand über das grobe Hemd zog, die Bänder schloss und die Haube befestigte.

»Jacques kämpft in der Armee des Königs«, erklärte Thérèse und half ihr bei den Schlaufen und Schlingen wie eine Kammerzofe. »Ich werde mich unter den Schutz der Königin stellen, bis Jacques sich ausgezeichnet hat und mich heimführen kann. Er hat mir versichert, dass die Gemahlin unseres Königs eine liebenswürdige, fromme Dame ist, die ein Herz für andere hat. Sie wird auch Euch weiterhelfen können.«

»Und wo ist der König?« Im letzten Moment nahm Marie den schweren, dunklen Mantel aus ihrer Truhe und griff nach dem vertrauten Rosenkranz, der sie ein Leben lang begleitet hatte.

»In Paris, in Bourges, was weiß ich ... Er liebt es nicht, lange an einem Ort zu bleiben.« Thérèse öffnete vorsichtig die Tür und warf einen Blick in den Gang hinaus. »Und nun ... kommt ... leise ... wir müssen zum Obstgarten. Dort ist die Mauer an einer Stelle eingefallen, und dahinter wartet Jacques mit den Pferden.«

Marie lagen so viele Dinge auf einmal auf der Zunge, dass sie nicht wußte, was sie zuerst sagen sollte. Dass sie noch nie auf einem Pferd gesessen hatte, dass sie nicht einfach bei Nacht und Nebel das Kloster verlassen konnte, dass sie kein Recht hatte, die Hilfe der Königin zu fordern, da sie keine Edeldame war. Dass sie sich vor dem Unbekannten fürchtete...

Nein, verbesserte sie sich selbst. Nein, sie hatte keine Angst. Aufregung erfüllte sie, Vorfreude, Erleichterung, der Drang, vorwärts zu stürmen und alles hinter sich zu lassen. Das begründete Wissen, richtig zu handeln. Sie umklammerte den Rosenkranz mit der linken Hand und schloss mit der rechten die Pforte ihrer Zelle in der sicheren Gewissheit, sie für immer hinter sich zu lassen.

Tiefe Stille lag in dieser Nacht über den Klostergebäuden. Es kam Marie vor, als hielte die Welt den Atem an. Kein Laut von Mensch oder Tier war zu hören, und das kaum merkliche Rascheln ihrer Kleider auf den Steinquadern des Ganges wirkte wie das Rauschen eines fernen Windes. Thérèse hatte ihre Zeit genützt und sich den Fluchtweg so genau eingeprägt, dass sie ihn sogar in völliger Dunkelheit fand. Wie sie dafür gesorgt hatte, dass die kleine Küchenpforte, die in den Kräutergarten führte, an diesem Abend nicht abgeschlossen worden war, wollte Marie lieber nicht wissen.

Sie folgte dem jungen Mädchen, und der Duft von Melisse und Lavendel, die am Wegrand wuchsen, würzte die frische Nachtluft. Thérèse fasste nach Maries Hand und eilte dann schneller zwischen den Apfel- und Birnbäumen hindurch, die bereits kleine Früchte angesetzt hatten und unter deren schweren, tiefhängenden Ästen sie sich bücken mussten, obwohl sie beide nicht sehr groß waren.

Über die Lücke in der Mauer half ihnen eine kräftige Hand, und Marie fühlte sich um die Taille gepackt und unsanft in das hohe Gras auf der anderen Seite gestellt. Sie hatte eben ihr Gleichgewicht wiedergefunden, als sie die rauhe, unwillige Stimme hörte.

»Zwei? Verdammt, Jacques, was soll dieser neue Unsinn? Ihr habt gesagt, es geht um Eure Liebste! Es war nicht die Rede «davon, dass Ihr dieses verdammte Nonnenkloster entvölkern wollt!«

»Das ist Marie«, verteidigte Thérèse ihre neue Freundin. »Man will sie zwingen, den Schleier zu nehmen. Ich komme keinen Schritt mit ohne sie, Jacques! Ich habe ihr versprochen, dass sie mitkommen darf.«

»Weiber!« fluchte die erste Stimme und eine zweite, wesentlich angenehmere, versuchte zu vermitteln.

»Beruhigt Euch, Diable! Ihr könnt die Nonne hinter Euch in den Sattel nehmen, so wie ich es mit Thérèse tue. Warum wollt Ihr das arme Geschöpf seinem Unglück überlassen? Thérèse wird sich um sie kümmern, und sie wiegt nicht mehr als eine Handvoll Tauwerk. Und nun lasst uns reiten, ich habe keine Lust, am Ende noch erwischt zu werden. Ihr wisst, dass der König es hasst, wenn wir uns mit der Kirche anlegen. Seit Jeannes Tod ist er empfindlich.«

»Seid Ihr wahnsinnig, Jacques? Wir werden nur Schwierigkeiten bekommen. Es ist unsinnig genug, ein Mädchen zu entführen, aber das Fehlen einer weiteren Novizin wird dieses verdammte Kloster wie einen Bienenschwarm aufscheuchen.«

Die Stimme klang nun gedämpfter, aber sie verlor nichts von ihrer rauhen Unfreundlichkeit. Marie war angespannt wie eine Bogensehne.

Ihr Herz raste so laut, dass sie fürchtete, der wütende Recke würde sich auch noch über dieses verräterische Geräusch empören.

Sie sagte nichts. Sie brachte kein einziges Wort heraus. Sie stand im taufeuchten Gras, das ihre Schuhe und Rocksäume durchnässte, und starrte mit brennenden Augen auf den hünenhaften Umriß jenes Mannes, dessen Aura von Stolz, Gewalttätigkeit und Aggression über sie hinwegfegte wie ein Sturm.

So sah es also aus, ihr Schicksal, dem sie in diesem Moment, in einer Mondnacht bei Azincourt begegnete. Sie wusste, dass er der Mann war, der ihr im Moment ihrer Geburt vor einundzwanzig Jahren bestimmt worden war.

Le Diable - sie hatte den frommen Himmel mit der erbarmungslosen Hölle vertauscht. Aber es war zu spät zur Umkehr. - Und wenn sie es ganz genau betrachtete, dann wollte sie auch gar nicht umkehren!

2. Kapitel

»Ich muss von Sinnen gewesen sein, mich auf dieses Abenteuer einzulassen«, knurrte der Mann, und Marie, die erschöpft und bis auf die Knochen durchgeschüttelt vor dem bescheidenen Herdfeuer der Herberge kauerte, zwang sich, endlich den Blick zu heben.

Seltsamerweise hatte sie bisher keinerlei Neugier verspürt, das Antlitz des Mannes mit der barschen Stimme zu betrachten.

In ihrem Herzen kannte sie es bereits, und es schien eher eine Formalität zu sein, dass es sich auch vor ihren Augen zusammensetzte.

Le Diable, eine große, düster wirkende Gestalt, überragte seinen Begleiter um einiges. Irgendwie erinnerte er Marie an einen gefallenen Engel - und im Grunde war ja auch le diable, der Teufel, nichts anderes. Aber er war ein schöner >Teufel<. Sein edles, von der Sonne gebräuntes Gesicht wurde von einer scharfen Nase beherrscht; der Mund war verblüffend geschwungen und sinnlich, jetzt jedoch zu einem schmalen Strich zusammengepresst.

Seine schwarzen Haare trug er im Gegensatz zu seinem Begleiter kurz geschoren. Schwarze, dichte Brauen wölbten sich über den Augen, die so dunkel waren, wie Marie sie noch nie bei einem Menschen gesehen hatte. Da er zu allem auch noch schwarz gekleidet war, machte er seinem Namen alle Ehre.

Wie rauh, wie ablehnend seine Stimme klang. Eine Stimme, die überbeansprucht worden war. Die zuviel geschrien, zuviel gelitten hatte. Das Mitleid mit dem Jungen, aus dem schließlich dieser Kämpfer geworden war, stand in ihren klaren, ruhigen Augen, während sie ihn betrachtete.

Thérèse bemerkte Maries Aufmerksamkeit und beugte sich näher zu ihr. »Man nennt ihn Le Diable, aber eigentlich heißt er Ivo de Chazan und zählt zu den schrecklichsten Kriegern des Königs. Jacques hat ihn um Hilfe gebeten, falls es auf unserer Reise Ärger geben sollte,« erzählte sie leise. »Er sagt, es sind auch nach dem Frieden von Arras Räuberbanden unterwegs, die Reisende überfallen und Dörfer plündern. Es herrscht noch längst keine Eintracht im Königreich, auch wenn die Engländer immer weiter zur Küste zurückgedrängt werden.«

»Eine Nonne! Wahrhaftig, habt Ihr nicht genügend Schwierigkeiten mit dem Seigneur de Manchon am Hals?« hörte Marie Le Diable spotten. »Müsst Ihr Euch auch noch Ärger mit der Kirche einhandeln? Eine Nonne wa ...« Er unterbrach sich mitten im Satz, denn zum ersten Male nahm er das sanfte Antlitz, das von der weißen Haube umrahmt wurde, richtig wahr. Die dunkle Nacht war nur schwach vom Licht des Mondes erleuchtet worden, und bei dem Höllenritt in Richtung Paris, als Marie ihre Hände um seine Taille gelegt und sich festgeklammert hatte, hatte er nur einen feinen Duft wahrgenommen, der sich aus Minze, Lavendel und Weihrauch zusammensetzte und aus ihren Kleidern aufstieg. Das Aroma der Frömmigkeit, hatte er in Gedanken gespottet.

Doch in ihren großen, grün-goldenen Augen nahm er keine Frömmigkeit wahr. Zu seinem nicht geringen Erstaunen entdeckte er dort glühende Zuneigung, Hingabe, ein Willkommen, das ihn irritierte und mit dem er nichts anfangen konnte. Bei Hofe hätte er gewettet, dass diese Dame einem Flirt nicht abgeneigt wäre, aber eine Nonne? Diese Unschuld, die wie ein feiner Schleier über ihr lag, diese weltfremde Freundlichkeit, der kein böses Wort etwas anhaben konnte, brachte ihn endgültig um seine Fassung.

»Seht sie Euch doch an«, fuhr er fort und machte eine wegwerfende Geste, dann wandte er sich verächtlich ab. »Die Frömmigkeit und die himmlische Schönheit in Person. So ahnungslos und weltentrückt, dass sie sich und jeden, der die Tollheit begeht, sich ihrer anzunehmen, in Teufels Küche bringen wird.«

»Dann bin ich ja bei Euch durchaus an der richtigen Stelle, Seigneur«, antwortete Marie so unerwartet, dass er sich ihr ruckartig wieder zuwandte. »Wollt Ihr Euch des Problems meiner Gegenwart entledigen, indem Ihr meiner Begleiterin und mir weder zu essen noch zu trinken gebt, oder bevorzugt Ihr subtilere Methoden?«

Der ruhige, melodische Klang von Maries eigenartiger, unverwechselbarer Stimme stand in krassem Gegensatz zu dem herausfordernden Inhalt ihrer Worte. Sie hatte sich aufgerichtet, und da das dunkle Nonnengewand in dem schlecht erleuchteten Raum fast mit dem Hintergrund verschwamm, schien es, als würde ihr schönes Gesicht in der Luft schweben. Ein Gesicht, das Le Diable zu seinem eigenen Ärger an die Engel erinnerte, die er als Kind im Stundenbuch seiner armen Mutter bewundert hatte. Reine, überirdische Gestalten, losgelöst und fern von allem Schmerz und Schmutz der Welt. Nur Jacques d'Alespée konnte die Besonderheit würdigen, dass es diesem Nönnchen gelungen war, Le Diable sprachlos zu machen. Thérèse de Manchon jedoch hielt es für selbstverständlich, dass ein Chevalier schwieg, wenn er so zur Ordnung gerufen wurde. Sie wandte sich ihrem Liebsten zu.

»Marie hat recht, mein Herr«, flüsterte sie. »Wir sind nicht nur müde, wir sind auch hungrig und durstig. Gibt es in dieser Herberge keine Speisen?« Dann warf sie verstohlen einen Blick auf Le Diable.

Sie erhielt einen so drastischen und lästerlichen Fluch zur Antwort, dass sie unwillkürlich zu Marie hinübersah. Deren blasse Haut schien sich zwar eine Spur gerötet zu haben, aber sie nahm den Ausbruch Le Diables mit einer so stoischen Gelassenheit hin, dass er schon allein dadurch an Wirkung verlor. Es hatte fast den Eindruck, als sei der hochgewachsene Krieger danach verlegener als die

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