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DiVine - Aufbruch ins Nichts

DiVine - Aufbruch ins Nichts

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DiVine - Aufbruch ins Nichts

Länge:
380 Seiten
7 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 17, 2016
ISBN:
9783743183971
Format:
Buch

Beschreibung

Die Welt ist im Wandel. Mia, Lucy und all ihre Freunde befinden sich in den Geburtswehen eines neuen Zeitalters, das sich durch unglaubliche Veränderungen ihrer Wirklichkeit offenbart. Es prallen Welten aufeinander, welche ihre Ansichten über die Realität vollständig in sich zusammenfallen lassen und doch ahnen sie bereits alle, wo dieser Wandel hinführen wird. Die Grenzen ihres Seins scheinen sich mit den alten Strukturen der Welt in Nichts aufzulösen und machen den Weg frei für ungeahnte Erfahrungen. Sie brechen auf in eine Wirklichkeit, die nicht nur all ihre Vorstellungskraft sprengt, sondern die Schatten der Vergangenheit aussehen lässt wie einen bösen, längst vergessenen Traum, den die Menschheit einst gemeinsam geträumt hat. Und schon bald wird man sich unfassbare Geschichten am Lagerfeuer über eine Zeit vor dem Erwachen erzählen, als die Menschen noch geschlafen haben.
Dies ist die Zusammenführung und Fortsetzung der beiden Romanreihen "Euphoria" und "One" von Nina Nell.
www.ninanell.com
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 17, 2016
ISBN:
9783743183971
Format:
Buch

Über den Autor

Alles über die Autorin, die "Euphoria"- sowie die "Herz"-Buchreihe und weitere Infos gibt es auf: www.ninanell.com


Ähnlich wie DiVine - Aufbruch ins Nichts

Titel in dieser Serie (1)

Buchvorschau

DiVine - Aufbruch ins Nichts - Nina Nell

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Kapitel 1

Feuer und Diamanten

Die Flammen des Lagerfeuers züngelten in den nächtlichen Himmel, als wollten sie die Sterne berühren, die wie Diamanten über ihren Köpfen funkelten. Sie saßen alle schon auf den Holzstämmen – rundherum um das große Feuer – und warteten. Leise unterhielten sie sich und deuteten manchmal auf die Frau, die am Ende des Bergplateaus stand und auf's Meer hinaus sah. Sie kannten alle ihren Namen. Und jeder kannte ihre Geschichte. Doch manche von ihnen hatten sie noch nie gesehen. Sie hatten die Geschichte nie aus erster Hand erfahren – nicht von jenen Menschen, die sie erlebt hatten. Damals, als es passiert war. Sie hatten nur davon gehört. Von einer unglaublichen Geschichte über eine Zeit, in der es Angst gegeben hatte und Hass, Dunkelheit und Schmerz. Eine Geschichte über eine Welt, die gelitten hatte. Über ihre Welt. Sie hatte in dieser Dunkelheit gelebt. In Schmerz, Angst und Traurigkeit. Sie und all die anderen aus der Legende. Doch es waren nicht mehr viele von denen übrig, die davon erzählen konnten. Zumindest gab es nicht viele, die davon erzählen wollten oder die sich zu erkennen gaben. Die meisten waren unsichtbar. Überall auf der Welt verstreut lebten sie ihr Leben und erzählten niemandem, wer sie waren. Sie hatten andere Namen und veränderten ihr Aussehen, so dass sie niemand erkannte. Aber sie waren noch da. Irgendwo. Und sicher hielten sie noch Kontakt zu Lucy Key – der Frau, die das Angesicht der Welt verändert hatte. Sie stand immer noch regungslos da und sah auf's Meer hinaus. Manche taten es ihr gleich und suchten von ihren Plätzen aus den Himmel ab. Aber es war nichts zu sehen. Nichts als Sterne.

»Was sieht sie da?«, fragte eine Frau leise und beugte sich dabei zu ihrer Freundin rüber, die zwei Plätze weiter saß.

»Nichts«, flüsterte sie zurück. »Sie wartet.«

»Worauf?«

»Wirst du gleich sehen«, gab ein Mann ihr zur Antwort. Er stand auf der anderen Seite des Lagerfeuers, ein paar Meter von den wartenden Menschen entfernt. Seine Hände ruhten in den Hosentaschen und sein Blick war wachsam auf Lucy gerichtet. Er wirkte wie ein Bodyguard. Und genauso sah er auch aus. Groß. Stark. Und mit außerordentlich wachsamen Augen. Er war sehr edel gekleidet, was seinem erhobenen Haupt und seiner anmutigen Art sich zu bewegen nur noch mehr Ausdruck verlieh. Manchmal ging er ein wenig auf und ab und wenn er Lucy Key den Rücken zukehrte, beobachtete er – ebenso wachsam – einen jungen Mann, der an einer Felswand lehnte und das Geschehen beobachtete. Sein Blick wechselte von einem zum anderen, als wollte er sie beide im Auge behalten. Auf den jungen Mann jedoch fixierte er sich öfter.

»Wer war das gerade?«, fragte die Frau nun noch leiser und lehnte sich noch weiter zu ihrer Freundin vor.

»Vhan Develiér«, antwortete diese flüsternd. »Der Junge da«, fuhr sie fort und zeigte mit dem Finger unmerklich auf den jungen Mann an der Wand, »ist sein Enkel. Lukas.«

»Lukas?«, fragte die Frau überrascht und drehte sich sofort zu Lucy um. Sie hatte sich immer noch nicht vom Fleck bewegt. »Lucys Sohn?«, fragte sie dann leise weiter.

Ihre Freundin nickte.

»Dann ist Vhan Develiér ihr Vater?«

»Schwiegervater.«

Die Frau runzelte die Stirn. »Ich steig nicht mehr durch.«

Ihre Freundin lachte. »Ein bisschen Geduld noch. Es geht gleich los.«

Es waren heute viele zu dem Treffen gekommen – mehr als sonst – was wohl mit dem Datum zusammenhing. Sie wollten das Ereignis sehen, das sich jedes Jahr zur selben Zeit auf diesem Berg abspielte. Lukas blickte zu seiner Mutter hinüber und versuchte über ihre Schulter hinweg zu erkennen, ob sich auf dem Meer schon etwas tat. Aber es war noch nichts zu sehen. Also legte er den Kopf in den Nacken und blickte zu den Sternen hinauf.

Er wurde immer ganz still, wenn er die Sterne sah. Noch stiller als sonst. Er hatte schon von Natur aus ein ruhiges Wesen. Doch, wenn er in den Himmel blickte, verlor er sich in einem unbeschreiblichen Frieden. Dort oben zwischen den Sternen fühlte er sich zu Hause. Seine Anwesenheit hier auf der Erde war nur ein vorübergehender Besuch, der irgendwann vorbei sein würde. Irgendwann, wenn seine Aufgabe hier erfüllt war. Wann dies soweit sein würde, wusste er nicht. Und er wusste auch nicht, ob sie überhaupt jemals zu Ende gehen würde. Aber er wusste, dass er eines Tages zurückkehren würde. Nach Hause. Zu den Sternen. Bei diesem Gedanken spürte er jedoch das Unbehagen seiner Mutter. Sie war kurz zusammen gezuckt, als sie in seinen Gedanken gehört hatte, dass er nach Hause gehen würde. Also verwarf er diesen Gedanken schnell wieder, um sie nicht zu beunruhigen.

In diesem Moment setzte sich Vhan in Bewegung und kam auf Lukas zu. Als er am Lagerfeuer vorbei ging, flammte es kurz aber heftig auf, was ein paar Leute etwas erschreckte. Sobald er sich aber entfernte, beruhigten sich die Flammen wieder.

Lukas hatte das Feuerspiel beiläufig beobachtet, widmete sich aber dann wieder den Sternen. Diamanten, dachte er bei ihrem Anblick. Funkelnde Diamanten. Wie schön sie waren. So klar. Es war, als würde das Universum ihn mit diesem Funkeln grüßen. Mit dieser Schönheit und Perfektion. Und er grüßte mit einem Lächeln zurück.

Vhan stellte sich jetzt neben ihn und stubste ihn leicht mit dem Ellenbogen an. »Bist du bereit?«, fragte er ihn.

Lukas senkte den Kopf und blickte die Menschen an, die um das Feuer herum saßen. Sie konnten es kaum noch erwarten, die Geschichte zu hören. Aufgeregt und unruhig blickten sie umher, in der Hoffnung endlich etwas über die Zeit des legendären Sprungs zu erfahren. Die Zeit vor dem Erwachen und vor dem Frieden, den sie alle kannten. Sie wussten nicht, wie es gewesen war, in Angst und Schmerz zu leben. Und in Traurigkeit, in Kummer und Leid. Das hatten sie nur von den Geschichten gehört. Und nun brannten sie darauf, es zu erfahren. Brannten, wie das Feuer in ihrer Mitte. Früher hatten die Menschen darauf gebrannt, den Frieden zu finden. Und einen Zustand, in dem es kein Leid gab. Heute wollten die Menschen etwas über dieses Leid erfahren, das die alte Welt geprägt hatte. Lukas nickte Vhan zu und blickte wieder in den Himmel.

»Weißt du schon, womit du beginnen wirst?«, fragte Vhan.

Wieder nickte Lukas. »Mit Feuer«, antwortete er. »Und mit Diamanten«, fügte er lächelnd an.

In diesem Moment ertönte ein Raunen in der Menge. Er senkte den Kopf und sah, wie die Leute von ihren Holzstämmen aufsprangen und zu Lucy blickten. Weit draußen auf dem Meer sahen sie alle ein Licht. Es war so hell, dass es fast wirkte, als würde die Sonne am Horizont aufgehen. Doch das Licht war silbrig-weiß, nicht etwa golden oder feurig-rot. Es leuchtete gleißend über dem Meer und breitete sich pulsierend immer weiter aus.

Lukas spürte seine Mutter lächeln. Es war jedes Jahr dasselbe Spektakel, doch sie freute sich immer wieder neu darüber. So, als geschähe es zum ersten Mal. Er beobachtete, wie sich ein Strahl aus dem Licht bündelte und über das Meer schnellte. Direkt auf Lucy zu. Die Menschen hielten den Atem an. Und als das Licht auf Lucys Brust traf, hob sie den Kopf, schloss die Augen und ließ das Licht durch ihren ganzen Körper strömen. Doch es traf nicht nur Lucy. Mit dem Licht war eine Energiewelle über's Meer gekommen, die alle Anwesenden ebenfalls durchdrang. Sie bestand aus reiner Liebe. Und sie war so intensiv, dass einigen die Tränen in die Augen traten. Die Gefühle, die die Welle in sich trug, überwältigten sie so sehr, dass manche nach Luft schnappend ihre Hände auf die Brust legten. Es war ein Gefühl, als würden ihre Herzen aufspringen. Und nun wussten sie auch, was dieses Ereignis zu bedeuten hatte. Es war ein Gruß. Ein liebevoller Gruß aus dem alten Land der Götter an ihre Königin.

Als das Licht sich wieder zurückzog und sich Lucy zu den Menschen umdrehte, bemerkten sie, dass der Kristall, den sie seit ewigen Zeiten um den Hals trug, hell leuchtete. Erst dann sahen sie ihr lächelndes Gesicht. Ein Lächeln, das direkt aus ihrer Seele kam und ebenso zu leuchten schien, wie der Stein auf ihrer Brust. Dieser Anblick bewegte die Menschen so tief, dass sie automatisch mitlächelten. Voller Mitgefühl teilten sie ihre Freude. Still und dankbar für diesen Augenblick.

Erst, als Lucy ihrem Sohn zunickte und ihn damit aufforderte, mit der Geschichte zu beginnen, setzten sie sich wieder. Lukas gesellte sich jetzt zu ihnen, setzte sich auf einen der Baumstämme und ließ die Menschen an sich heran rücken. Kein Wort wollten sie verpassen und alles ganz genau hören und in sich aufsaugen. Jedes Detail. Jeden Moment. Jede Gefühlsregung.

»Ich war nicht dabei, als das Feuer in den Menschen noch gebrannt hatte«, begann er. »Nicht direkt. Ich kam, als es schon anfing zu erlöschen und aus dem Feuer Diamanten hervortraten.« Er blickte erneut zum Himmel. »Das war ihr Schicksal. Und es war das, was sie alle angestrebt hatten. Seit Jahrtausenden hatten sie gebrannt. Für Liebe. Und für Frieden. Dafür hatten sie gestrebt, gekämpft, gehasst, gelitten und gelebt. Um diesen Frieden zu finden.«

Die Anwesenden blickten ebenfalls in den Himmel und ließen die Stille zwischen den Sternen auf sich wirken.

»Sie wollten Diamanten werden«, fuhr Lukas fort. »Still. Rein. Und unvergänglich. Und das Feuer loderte so lange, bis es vollbracht war.«

Die Leute nickten. Lukas' Analogie verdeutlichte gut, was mit den Menschen damals geschehen war. Und was immer noch nicht ganz abgeschlossen war. Ein Feuer brannte nur so lange in einem Menschen, bis er seinen Frieden gefunden hatte – jenen Zustand, den Lukas als den Diamanten bezeichnete, zu dem man dann wurde. Rein und unvergänglich. Diamanten entstanden durch hohe Hitzeeinwirkung. Und so entstand der Frieden in einem Menschen, nachdem das Feuer in ihm lange genug gelodert hatte. Als sich die Leute fragten, woraus das Feuer bestanden hatte, das die Menschen zu Diamanten hatte werden lassen, fuhr Lukas fort.

»Leidenschaft«, sagte er, senkte den Blick und verlor sich einen Augenblick lang in einer Erinnerung, die er aus den Gedanken seiner Mutter geschöpft hatte. Sie hatte vor Leidenschaft gebrannt, als sie seinem Vater begegnet war. Diese Leidenschaft hatte sie dazu gebracht, ihn zu retten, als er in Gefahr gewesen war. Und sie hatte letztendlich auch zur Rettung dieser Welt beigetragen. Leidenschaft hatte seine Mutter damals dazu gebracht, ihrer besten Freundin das Leben zu retten, die ein wichtiger Teil der Menschheitsgeschichte geworden war. Und Leidenschaft hatte auch ihren Schwager Taro zu Taten getrieben, welche die Entwicklung der Menschheit beschleunigt hatten. Lukas kannte all die Geschichten jener Menschen, die die Welt damals verändert hatten. Er hatte sie unzählige Male in ihren Erinnerungen durchlebt. Noch heute liefen diese Bilder in den Gedanken seiner Mutter ab, wie kleine Filme. Und er konnte dabei zusehen und sie miterleben. Denn er war ein ebensolcher Empath, wie sie.

Er lehnte sich jetzt vor und stützte sich mit den Ellenbogen auf seinen Knien ab, während er weiter sprach. Dabei fiel sein Blick auf die kleinen Kristalle, die an seinem Armband hingen und das kleine, silberne Herz, das daran baumelte. Er lächelte kurz, als er sich an die Person erinnerte, die ihm das Armband gegeben hatte. »Leidenschaft war das Feuer, das die Menschen angetrieben hatte«, sagte er dann. »Leidenschaft, Lust, Gier, Wut, Angst, Hass, Sehnsucht«, zählte er auf, »und der unbändige Drang danach, Erfüllung zu finden. All das hatte sie so lange angetrieben, bis das Feuer sie völlig verzehrt hatte … und schließlich erlosch. Es hatte sie zu jenem Sprung getrieben, in dem sie ihr wahres Selbst erkannt hatten. Der Sprung, den wir meinen, wenn wir Tag X sagen. Den Tag, den wir heute feiern.«

Lukas sah zu seiner Mutter hinüber und erzählte weiter: »Es war erschreckend für diese Menschen gewesen, als jene Gefühle, die damals ihr Dasein bestimmt hatten, plötzlich erloschen waren. Jene Gefühle, die sie zu allem angetrieben hatten und die ihren Alltag, ihr Handeln und ihr Denken kontrolliert hatten. Aus diesen Gefühlen hatte ihr ganzes Leben bestanden. Manche von ihnen hatten jeden Tag in Angst und Sorge gelebt. Andere in Kummer, Wut und Hass. Und manche waren von dem tiefen Bedürfnis und dem unbändigen Feuer angetrieben, diese Welt zu verändern und das Leid zu beenden. All diese Menschen, jeder einzelne von ihnen, hatte den Sprung bewirkt. Es gibt niemanden, der nicht seinen Teil dazu beigetragen hätte. Sie spielten alle eine Rolle in dem größten Ereignis der Menschheitsgeschichte. Es waren nicht nur meine Eltern«, sagte er gefühlvoll, »und ihre Freunde und Familien, die den Sprung bewirkt hatten. Es war jeder Einzelne auf dieser Welt. Jeder war ein Teil des kollektiven Sprungs. Jedes Wesen und jedes scheinbar noch so unbedeutende Leben im entlegendsten Winkel dieser Welt. Meine Familie ist es nicht allein gewesen«, beteuerte er. »Es war die ganze Welt. Unzählige kleine und große Geschichten haben das Bild der Menschheitsgeschichte gewoben. Unsere Geschichte ist nur ein Teil davon. Sie fügt sich in die Geschichten aller anderen mit ein und wird zu der einen großen Geschichte, in der jeder eine bedeutende Rolle spielt. Auch ihr«, sagte er und sah die Anwesenden dabei bedeutsam an. »Und jeder, der jetzt zuhört oder die Geschichte liest. Ihr seid ein Teil davon. Denn wir sind alle Eins.«

Mit diesen Worten sah er auf und deutete schließlich mit einem Nicken auf seine Mutter, die hinter den Leuten gestanden und aufmerksam zugehört hatte. Sie lächelte jetzt und trat etwas näher an die Menschen heran, die sie jetzt gespannt und voller Erwartung anblickten.

»Diejenige von uns«, begann sie nun weiterzuerzählen, »die die Dunkelheit am deutlichsten gespürt hat, ist Mia gewesen.« Dabei blickte sie das Feuer an und verlor sich einen Augenblick lang in einer Erinnerung an das Mädchen, das sie damals kennengelernt hatte. Das Kind von Licht und Schatten. Mia. »Ihr könnt euch vorstellen, wie verstörend es für sie gewesen sein muss, als diese Dunkelheit ihrem Licht gewichen ist«, fuhr sie fort. »Mit ihr wollen wir beginnen.«

Kapitel 2

Eine neue Art zu leben

Sie hatte einen Namen. Aber er verlor immer mehr seine Bedeutung. Die Mia, die sie einmal gewesen war, existierte nicht mehr. Jeden Tag verschwand mehr von ihr. Mehr von ihrer Persönlichkeit, mehr von ihrer Vergangenheit und ihrer Geschichte, mehr von dem Bild, das alle von ihr hatten. Es zerfiel. Wie eine Maske, die im Feuer ihrer Wandlung zu Asche geworden war. Bald war nichts mehr von ihr übrig.

Als Ramon ihren Namen aussprach, reagierte sie nicht. Sie sah hinaus in den Morgen. Betrachtete die von Nebel bedeckten Wiesen und verlor sich im Anblick des idyllischen Friedens, der sich ihr darbot. Die kahlen Äste der Bäume wiegten schaukelnd im kühlen Wind und wirkten fast hypnotisch in ihren weichen Bewegungen. Und manchmal, wenn sie genau hinsah, fiel hier und da eine Schneeflocke vom Himmel. Zart, zerbrechlich und leise fielen sie in den Nebel hinein. Fast unbemerkt. So, als wollten sie zaghaft und vorsichtig die kalte Jahreszeit ankündigen. Den ersten Winter der neuen Zeit.

Das Herz-Zeitalter nannte Jona es. Und womöglich traf er es damit genau auf den Punkt. Die Zeiten waren anders geworden. Die Menschen waren anders. Sie war anders. Einfach alles. Wie sonst sollte sich der erste Winter dieser neuen Zeit ankündigen, wenn nicht mit einer solchen Sänfte? Einer Sänfte, die sich überall auf der Welt zeigte. Schon seit einer Weile. Nicht nur hier, in dieser Stadt, in diesem Haus und gerade jetzt in diesem Zimmer. Sondern auch in ihr. In ihrem Herzen, ihrem Geist und ihrem Körper. Sie selbst war sanft geworden. So sanft, wie die Welt. Und sie fragte sich manchmal, ob es ihre Sanftheit war, die von der Welt gespiegelt wurde, oder umgekehrt. War sie es, die die Sanftheit der neuen Welt spiegelte? Oder war das nicht voneinander trennbar?

Mia seufzte gegen das Fenster und sah zu, wie die Scheibe beschlug und ihren Blick nach draußen verschleierte. Erst dann drehte sie sich um. Ramon stand in der Tür und beobachtete sie. Seine Arme waren verschränkt, seine Schulter gegen den Türrahmen gelehnt und seine Augen lächelten. Sanft. Und voller Verständnis. Ihm ging es ähnlich wie ihr. Es war alles fremd geworden. Und sie hatten sich immer noch nicht an die Veränderungen gewöhnt. Nicht vollständig.

»Frühstück?«, sagte Ramon irgendwann, um Mia aus ihren Gedanken zu holen.

Wieder seufzte sie. Sie hatte keinen Hunger. In letzter Zeit hatte sie immer weniger Appetit. Wortlos wandte sie sich wieder der Idylle draußen zu und versank erneut in der Stille und der Sänfte des sich ankündigenden Winters.

Ramon kam jetzt in den Raum, stellte sich auf die andere Seite des Fensters und lehnte sich dort an die Wand. Seine Hände sanken in die Hosentaschen und sein Gesicht bekam einen Ausdruck, den Mia schon seit einer Weile nicht mehr bei ihm gesehen hatte.

Sie lachte, als sie ihn ansah. »Hör auf damit!«, kicherte sie amüsiert. »Als könntest du noch so etwas wie Sorge empfinden.«

Er lachte ebenfalls und nahm die sorgenvolle Maske wieder von seinem Gesicht. »Trotzdem möchte ich nicht, dass du verhungerst, Mia«, sagte er dann und wurde langsam wieder ernster. »Du bist keines dieser Lichtwesen oder Engel«, er sah jetzt auch hinaus und verlor sich kurz in einer Erinnerung, »oder wie immer man sie nennen soll.«

»Xaina«, sagte Mia.

Er sah sie einen Moment nachdenklich an. »Was auch immer. Das ist nur ein Begriff, den sich irgendjemand mal ausgedacht hat.«

»Engel auch.«

Er schnaubte. »Schon. Aber es sind andere Wesen. Sie leben in anderen Dimensionen. Sie brauchen wahrscheinlich keine Nahrung mehr. Du aber schon, Mia.«

Jetzt klang er fast wie früher. Besorgt, ein wenig wütend und rau.

»Genau genommen bin ich doch eine von ihnen«, widersprach Mia sanftmütig und erinnerte ihn damit an die Geschichte, die ihnen allen den Atem geraubt hatte. »Und du auch.«

Jetzt kam er näher und sah ihr tief und eindringlich in die Augen. »Aber du lebst in dieser Welt, Mia! Nicht in ihrer.«

Mia senkte den Blick.

»Denkst du wirklich, wenn du hungerst, wird sie eher auftauchen?«, fragte er.

»Deswegen mache ich das nicht«, protestierte sie sofort und sah ihn dabei fest an.

»Der Gedanke ist dir aber gekommen.«

Es war zwecklos ihr Inneres vor ihm zu verbergen, also nickte sie resignierend. »Schon. Aber das ist nicht der Hauptgrund, warum ich…« Sie hielt inne und seufzte. Und dabei blickte sie erneut verträumt aus dem Fenster. »Ich habe einfach keinen Appetit mehr«, sagte sie dann. »Auf nichts. Alles ist nur noch eine logische Abfolge von Handlungen«, erklärte sie. »Es erscheint logisch morgens aufzustehen, zu duschen und mich anzuziehen. Und deswegen mache ich es. Weil man das so macht.« Sie sah ihn an, um zu erkennen, ob er sie verstand. Und als sie seinen verständnisvollen Blick sah, fuhr sie fort. »Es erscheint logisch zur Schule zu gehen, etwas zu lernen und meinen Abschluss zu machen. Das machen alle so, also mache ich es auch. Es ist auch logisch zu essen. Weil mein Körper so gemacht ist, dass er bestimmte Dinge braucht, um funktionieren zu können. Das alles ist logisch und deswegen tue ich es. Meistens«, merkte sie an. »Aber es gibt keinen Antrieb mehr, es zu tun. Nichts, dass mich dazu bewegt. Kein Bedürfnis, kein Verlangen, keinen … Appetit.« Sie holte tief Luft. »Da ist kein Feuer in mir, das irgendetwas will. Ich habe keine Ziele mehr. Nichts, das ich erreichen will. Da ist keine Notwenigkeit mehr, kein Bedürfnis nach etwas, kein Wollen oder Streben. Und auch kein Kämpfen gegen oder für etwas. Da ist gar nichts mehr. Ich will nichts mehr verändern, weil alles gut ist. Alles ist gut. Nichts ist falsch oder verbesserungswürdig. Selbst das, was nicht schön erscheint, ist okay.« Sie sah ihn einen Moment lang nachdenklich an. »Es gibt in mir kein Verlangen mehr nach irgendetwas. Essen, Ziele, Umstände. Das ist alles so …«, sie hielt inne. Sie wollte nicht sagen, dass es ihr egal war, denn das klang, als habe sie Depressionen. Sie fühlte sich aber nicht depressiv. Nicht wirklich. Es war anders. Sie war nicht unglücklich. In ihr war es einfach nur unglaublich still geworden. »Es ist nichts mehr notwendig.« Ja, das beschrieb es am besten. Nichts war mehr von einer Notwendigkeit behaftet. »Ich habe keine Wünsche mehr, keine Sehnsüchte, keine Träume irgendetwas zu erreichen, das mich glücklich macht. Weil es nichts gibt, das mich glücklich machen kann.« Sie stockte und wollte sich sofort korrigieren, damit er sie nicht falsch verstand. Sie konnte sehr wohl noch Glücksgefühle empfinden. Sie waren nur nicht mehr abhängig von Umständen. Sie konnte sie jetzt empfinden. In diesem Augenblick. Und sie brauchten keinen Grund und keinen Umstand. Doch das musste sie ihm nicht erklären. Er wusste, was in ihr vorging. Und er erlebte es auch selbst. Eigentlich musste sie gar nichts sagen. Ihrer beider Gefühlsleben waren Eins. »Nichts treibt mich mehr an, Ramon. Ich bin leer. Ganz und gar leer. Es reicht völlig aus, einfach hier zu stehen, zu atmen und die Stille draußen zu beobachten. Da ist kein Hunger mehr, der gestillt werden will. Kein Verlangen nach mehr. Alles ist gut. Alles ist einfach nur gut«, sagte sie seufzend. »Und ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Mit dieser Leere. Und dieser Stille. Was soll ich machen, wenn mich nichts mehr antreibt? Woraus besteht mein Leben, wenn ich nichts mehr will oder anstrebe? Woraus bestehe ich? Ich bin leer«, sagte sie wieder. »So leer. Und ich will, dass es mir jemand erklärt. Ich will, dass mir jemand sagt, was ich mit dieser Leere machen soll. Ich weiß nicht, wozu es gut sein soll, leer zu sein. Was ist jetzt meine Aufgabe?« Wieder seufzte sie die Fensterscheibe an. »Ich brauche Antworten.«

Ramon seufzte ebenfalls. Er kannte all diese Gedanken. Sie gingen ihr schon seit einer ganzen Weile durch den Kopf. Und sie waren auch in ihm. »Iss wenigstens einen Apfel.«

Jetzt lachte Mia. »Ich suche nach dem Sinn des Lebens und du denkst nur ans Essen.«

Er nahm jetzt ihr Gesicht zwischen seine Hände, beugte sich zu ihr hinunter und gab ihr einen sanften Kuss. »Weil ich dich liebe, du Grübelbirne! Iss einen Apfel«, bat er. »Auch, wenn es nur logisch ist und ohne Appetit oder Verlangen geschieht. Tue es einfach. Sie wird schon auftauchen und dir deine Antworten geben. Und wenn es soweit ist«, sagte er und gab ihr noch einen kleinen Kuss auf die Lippen, bevor er sie losließ, »lass es mich wissen. Ich komme mit dieser Leere auch nicht so gut klar.« Mit diesen Worten ging er wieder zur Tür, drehte sich aber noch einmal zu ihr um, um sie zu sich zu winken.

Mia lief ihm schmunzelnd nach, nahm seine Hand und ließ sich von ihm in Richtung Küche führen. Sie liebte es, von ihm umsorgt zu werden. Sie liebte seine Nähe, das Gefühl seiner Gegenwart, seinen Körper und seine ganze Präsenz. Und sie liebte seinen Versuch, wie früher zu sein. Sie liebte es sogar, wenn es ihm nicht gelang. Sie liebte ihn so sehr. Alles an ihm. Es war egal, was er tat oder nicht tat. Sie liebte es. Die Berührung seiner Hand ließ sie vor Glück fast zerspringen. Sie zersprang sogar, wenn sie nur an ihn dachte. Nein, es mangelte ihr nicht an Glücksgefühlen. Sie war high davon. Es mangelte ihr nur an einem Sinn. Was hatte ihr Leben nun für einen Sinn? War alles nur noch ein endloser, verliebter Augenblick? Musste wirklich nichts mehr getan oder verändert werden?

Als sie am Fuße der Treppe ankamen und Mia die Haustür erblickte, spürte sie den spontanen Impuls, ihre Freunde zu besuchen. Vielleicht hatten sie mittlerweile Antworten gefunden. Sie steuerte schon auf die Garderobe zu, um sich ihre Jacke anzuziehen, da zog Ramon an ihrem Arm und bewegte sie dazu, stehenzubleiben. So, wie früher. Wieder schmunzelte sie. Glücklich.

»Nicht ohne Apfel«, bestimmte er.

Sie schnaubte ein leises Lachen aus, als er in der Küche verschwand, um ihren Apfel zu holen. Währenddessen nahm sie sich ihre Jacke von der Garderobe und schlüpfte in ihre Stiefel. Und selbst dieser kurze Augenblick bestand aus Glück. Das Anziehen ihrer Stiefel und ihrer Jacke war ein Glücksmoment. Sie zu fühlen, die Wärme zu spüren, die sie spendeten, die Vorfreude auf die kühle Luft draußen und darauf, ihre Freunde zu sehen. Glück. So viel Glück! Wie viel Glück konnte ein Körper ertragen? Sie schwebte zum Spiegel und strich sich über das schwarze Haar, betrachtete ihre grünen Augen, die sie sofort an ihre Mutter erinnerten und spürte erneut Glück.

In diesem Moment, als hätte sie sie mit ihren Glücksgefühlen gerufen, kam ihre Mutter aus dem Wohnzimmer. Sie war atemberaubend schön. Früher hatte sie nicht so sehr darauf geachtet. Es war normal für sie gewesen. Gewöhnlich. Ihre Mutter war schön. Das wusste jeder und es war nichts Besonderes oder Neues. Doch jetzt war jeder Wimpernschlag ihrer schönen Augen eine Offenbarung und jede Bewegung ihrer blonden Locken ein verspielter Tanz. Ja, sie war schön. Das sah sie jetzt jeden Tag. Und sie liebte sie. So sehr.

Als sie Mia erblickte, lächelte sie. Sie fragte sie nicht, wo sie so früh schon hin wollte. Sie spürte es sofort. Ihre einzige Frage war: »Hast du etwas gegessen?«

»Ramon holt mir gerade etwas«, sagte sie lächelnd und dabei fiel ihr auf, dass er ziemlich lange dafür brauchte. Wahrscheinlich hing er in einem Gespräch mit ihrem Vater fest.

Aina gab ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn. »Pass auf dich auf, ja?!« Dann strich sie ihr einmal sanft über die Wange und ging ebenfalls in Richtung Küche. Mia sah ihr nach und versuchte diesen Moment mit einer Erinnerung aus ihrem früheren Leben zu vergleichen. Es war nicht möglich. Alles war anders. So vollständig anders. Es war ein anderes Leben, in dem sie nun steckte. Früher hätte ihre Mutter sie aus Sorge nicht vor die Tür gelassen. Sie hätte sie zunächst mit Essen vollgestopft und sie auf gar keinen Fall alleine durch die Straßen laufen lassen. Zumindest hätte sie ihr Ramon als Schatten hinterher geschickt, damit er sie auf Schritt und Tritt verfolgte, beobachtete und beschützte. Aber die Zeit der Ängste war nun vorbei.

Als die Küchentür sich öffnete, kam Ramon heraus. Mit einem Apfel in der Hand. Mia sah kurz ihren Vater hinter ihm am Küchenfenster stehen und hinaus in den Vorgarten blicken. Er sah genauso verloren aus, wie sie sich gerade oben in ihrem Zimmer gefühlt hatte. Doch als sie ihn erblickte, stiegen erneut Glücksgefühle in ihr auf. So unglaublich stark. Er wandte sich zu ihr um und lächelte, bevor die Tür wieder zu fiel. Und sie zersprang erneut. Ihr Vater. Wie lange hatte sie auf seine Rückkehr gehofft und darauf gewartet, wieder so von ihm angesehen zu werden, wie jetzt? So vertraut und liebevoll. Und wie sehr hatte die Angst um ihn sie fast zerstört? So manches Mal hatte sie bei dem Gedanken, dass sie ihn vielleicht nie wieder sehen würde, ihr Leben beenden wollen. Es hatte keinen Sinn mehr gegeben ohne einen der wichtigsten Menschen in ihrem Leben. Sie erschrak ein wenig bei dem Gedanken, dass ihr Leben auch jetzt keinen Sinn mehr ergab. Obwohl er wieder da war. Zum Glück verblassten die Erinnerungen an die schlimmen Zeiten, als sich Ramons grinsendes Gesicht wieder in ihr Blickfeld schob. Er drückte ihr den Apfel mit den Worten in die Hand: »Wehe, du wirfst ihn weg!«

»Ich werde ihn essen«, versprach sie und ging zur Tür.

Ramon ließ sie gehen.

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