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Fables: Peter und Max: Roman zur Graphic Novel-Reihe

Fables: Peter und Max: Roman zur Graphic Novel-Reihe

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Fables: Peter und Max: Roman zur Graphic Novel-Reihe

Länge:
385 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 17, 2016
ISBN:
9783833233975
Format:
Buch

Beschreibung

Die preisgekrönte Comic-Serie "FABLES" gilt als eine der besten Comic-Serien überhaupt. Den erzählerischen Hintergrund bildet eine Gemeinschaft von Märchenwesen, die mehr oder weniger gut getarnt in einer modernen Welt mitten unter uns leben. Mit "Peter & Max" veröffentlicht Panini nun den ersten Roman, der auf dem Universum dieser stimmungsvollen märchenhaften Saga beruht. Ein uralter Konflikt aus der Vergangenheit wird direkt im Herzen der Märchenkommune ausgetragen ... DER ERSTE OFFIZIELLE ROMAN ZUR Graphic Novel Reihe "FABLES"!
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 17, 2016
ISBN:
9783833233975
Format:
Buch

Über den Autor

Bill Willingham is the critically-acclaimed, award-winning creator of several iconic comic book series, including the bestselling Fables franchise. In 2003, its first year of publication, Fables won the prestigious Eisner award for Best New Series, and has gone on to win fourteen Eisners to date. Bill lives in the wild and frosty woods of Minnesota.


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Buchvorschau

Fables - Bill Willingham

Peter & Max

Ein Fables-Roman

von

Bill Willingham

mit Illustrationen von Steve Leialoha

Aus dem Englischen

von Timothy Stahl

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Titel der Amerikanischen Originalausgabe: „PETER & MAX – A Fables Novel" by Bill Willingham, published by Vertigo/DC Comics, New York, 2009.

Copyright © 2009, 2016 Bill Willingham and DC Comics. All Rights Reserved.

Vertigo is a trademark of DC Comics. All characters featured in this book, the distinctive likenesses thereof and related elements are trademarks of Bill Willingham.

Cover by Daniel Dos Santos

Illustrations by Steve Laialoha

Deutsche Ausgabe 2016 by Panini Verlags GmbH, Rotebühlstraße 87,

70178 Stuttgart. Alle Rechte vorbehalten.

Geschäftsführer: Hermann Paul

Head of Editorial: Jo Löffler

Head of Marketing: Holger Wiest (E-Mail: marketing@panini.de)

Presse & PR: Steffen Volkmer

Übersetzung: Timothy Stahl

Lektorat: Robert Mountainbeau

Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart

Satz und E-Book: Greiner & Reichel, Köln

YDFABR001E

ISBN 978-3-8332-3397-5

Gedruckte Ausgabe:

1. Auflage, Oktober 2016

ISBN 978-3-8332-3356-2

Findet uns im Netz:

www.paninibooks.de

PaniniComicsDE

Dieser Roman ist Mark gewidmet,

respektierter, bewunderter und verlässlicher Freund,

der diese dunklen und wunderbaren Lande einst mit mir erkundete, noch ehe ich zur Feder griff.

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel Fables

2. Kapitel Auf dem Jahrmarkt

3. Kapitel Wolfstal

4. Kapitel Was Max sah

5. Kapitel Fabletown

6. Kapitel Der Schwarze Wald

7. Kapitel Peter und der Wolf

8. Kapitel Im Fluge

9. Kapitel Ein Hauch von Max in der Nacht

10. Kapitel Hameln

11. Kapitel Unterwegs

12. Kapitel Die Verhandlung

13. Kapitel Feuerzeit

14. Kapitel Am Morgen vor dem Tore

15. Kapitel Der Rattenfänger

16. Kapitel Bei Nacht und Nebel

17. Kapitel Ein Fest für Ungeziefer und verlorene Kinder

18. Kapitel Frost und Feuer

19. Kapitel Ankunft in Amerika

20. Kapitel Das große Fest

Epilog

Der Preis eines Happy Ends. Eine Bonusgeschichte

Danksagungen

Auf ein Wort, bevor wir anfangen

Dieser Roman basiert zwar auf meiner Comic-Serie FABLES, aber er erzählt eine eigene Geschichte, unabhängig und in sich abgeschlossen. Man braucht die Comics nicht zu kennen, um dieses Buch zu genießen und zu verstehen. Doch den Lesern der Comics, die wissen möchten, wo sich diese Geschichte in die mehr oder weniger offizielle FABLES-Chronologie einfügt, sei gesagt, dass die in der heutigen Zeit spielenden Teile ungefähr zwei Jahre vor dem Krieg der Fables gegen den Feind beginnen und ein paar Monate vor eben jenem Krieg enden.

1. Kapitel

FABLES

In dem Red Rose am

frühen Morgen eine Spritztour

unternimmt und am Ende

auf den Helden unserer

Geschichte trifft.

DEN GRÖSSTEN TEIL SEINES LANGEN LEBENS WOLLTE PETER Piper eigentlich nur eins: In einem abgeschiedenen, gemütlichen Häuschen friedvoll und geborgen dem Dasein frönen, verheiratet mit seiner Jugendfreundin, der einzigen Frau, die er je geliebt hatte. Und so ungefähr geschah es dann. Doch kamen auch Schwierigkeiten des Weges, wie es so oft der Fall ist, denn nur wenigen Liebesgeschichten ist es vergönnt, nur dies und sonst nichts zu sein.

*

IRGENDWO IN NEW YORK CITY GIBT ES EIN WINZIGES, geheimnisvolles Viertel, von dem niemand weiß außer jenen, die dort leben, und ein paar wenigen auf unserer weiten Welt verstreuten anderen Leuten. Es ist wie eine eigene Insel und umfasst gerade einmal einen bescheidenen Häuserblock an einer kleinen Seitenstraße namens Bullfinch sowie eine Handvoll anderer Gebäude in der Nähe. Die Bewohner nennen ihr Viertel Fabletown. Alle anderen haben gar keinen Namen dafür, weil sie, wie wir bereits sagten, nichts davon wissen. Fabletown gibt es schon länger als die Gegend, in der es liegt, die Upper West Side genannt wird, und es war in der Tat die erste Ansiedlung in diesem Bereich, als sich alle anderen Behausungen noch unten an der Südspitze von Manhattan Island zusammenkauerten. Unberührte Weiden und Wälder waren anfangs Fabletowns einzige Nachbarn gewesen, damals, als New York noch New Amsterdam hieß. Aber im Laufe der Jahrhunderte wuchs die Stadt um Fabletown herum, wie es Städte so an sich haben, und so ist Fabletown heute nur eine schmale, idyllische und größtenteils unbeachtete kleine Seitenstraße in viel größerer Gesellschaft, was seinen Bewohnern durchaus zupass kommt.

Liefe man die Bullfinch Street nun zufällig hinunter – und es wäre wirklich rein zufällig, denn der Ort wurde mit starken Irreführungs-, Verschleierungs- und „Hier gibt es nichts zu sehen"-Zaubern belegt, um Außenstehende fernzuhalten –, würden die Bewohner uns durchaus ähneln. Ganz normale Leute eben in einer ganz normalen Umgebung. Doch sind diese Leute alles andere als normal. Zum einen sind sie schon eine Zeit lang da, einige sogar schon seit Jahrtausenden. Die allerersten Gründer der Siedlung leben immer noch dort und sehen heute keinen Tag älter aus als seinerzeit. Noch lässt sich unmöglich sagen, ob sie unsterblich sind, denn das ließe sich nur dann beweisen, wenn sie am Ende der Zeit auch noch da wären. Aber bisher scheinen sie auf dem richtigen Kurs zu sein, um in diesem Rennen letztlich einen guten Platz zu belegen.

Die Fables, so nennen sie sich allesamt, sind ein magisches Volk, das ursprünglich nicht von dieser Welt stammt. Sie kamen vor langer Zeit hierher, im Laufe vieler Jahre, allein oder in kleinen Gruppen, als Flüchtlinge aus ihrer eigenen, gleichermaßen magischen Heimat, bestehend aus Hunderten verstreuter Welten, die überrannt wurden von den angreifenden Armeen eines gnadenlosen Eroberers, der entschlossen schien, ein eigenes Reich zu errichten und all jene, die sich widersetzten, zu töten und alle anderen zu versklaven.

Hier angelangt erwies sich diese ihre neue Heimat als bescheidene kleine Welt, die so furchtbar nüchtern war, so normal und bar aller natürlichen Magie, dass der Feind – wie sie den Eroberer nannten – keinerlei Interesse daran zeigte. Alles deutete darauf hin, dass sie einen Ort gefunden hatten, der ihnen langfristig Sicherheit bieten würde. Und so ließen sie sich dort nieder.

Ziemlich schnell fielen ihnen an ihrer Wahlheimat ein paar Merkwürdigkeiten auf. Unsere Welt barg anscheinend Miniaturversionen aller Heimatwelten, von denen sie ursprünglich kamen. Hier war es ein kleiner Inselstaat namens England, der die ganze Welt, die sie einst als Albion gekannt hatten, widerspiegelte. Und da drüben lag ein Land namens Russland, das ein grober Abriss im Maßstab eins zu sechzehn der riesigen alten Welt der Rus war. Irland ähnelte der Welt Erin, das junge Amerika wuchs langsam zu einem Abbild Americanas heran. Und so weiter … Aus noch unbekanntem Grund – oder vielleicht auch völlig grundlos, denn manch wahrlich bemerkenswerte Dinge scheinen das Resultat bloßen (oder auch gewaltigen) Zufalls zu sein – erwies sich unsere unbedeutende, abgelegene kleine Welt als eine Art Landkarte für all die viel stattlicheren Welten, die sie zurückgelassen hatten.

Nun scheint Fables ein seltsamer Name zu sein, den man sich als Volk geben kann, und ganz besonders seltsam für diese Gruppe, da der Begriff nahelegt, sie seien Leute, die Geschichten zu erzählen hätten. So ist es aber nicht. Sie waren schon immer und sind unverändert hartnäckige Geheimniskrämer. Das führt uns allerdings zu einem weiteren merkwürdigen Phänomen, auf das sie nach ihrer Ankunft hier stießen. Wenn man eine Anzahl höchst magischer Geschöpfe in eine ausgesprochen magielose Umgebung einführt, dann kann es sein, dass etwas von dieser Magie aussickert und per Osmose übergreift auf die normalen Einheimischen (uns), die sie – oft abwertend – als Normalos bezeichnen. Vielleicht verleiht diese verschüttete Magie den Normalos ein rudimentäres, unterschwelliges Bewusstsein für ihre neuen Nachbarn. Wie es sich auch erklären mag, kurz nach dem Eintreffen der Fables fingen die Normalos auf der ganzen Welt an, Geschichten über sie zu erzählen – Geschichten, von denen niemand wusste, dass sie auf echten Personen basierten, und jedermann glaubte, sie wären schlicht fantasievoll und in einzelnen Fällen auch klug erfunden. Diese Geschichten wurden manchmal verdreht, weil sie von Mund zu Mund gingen, und jene, die letztlich niedergeschrieben wurden, enthielten oft viele falsche Fakten. Zum größten Teil aber waren sie so akkurat, dass unsere geheimnisvollen Fable-Immigranten schließlich merkten, dass von ihnen die Rede war. Sie waren Thema einer Vielzahl beliebter Märchen, und in der Tat war das Leben vieler von ihnen durchaus märchenhaft gewesen. Ihr persönlicher Werdegang wurde aufgeschrieben und in Form von Volkserzählungen, Kinderreimen, epischen Gedichten und Knittelversen, bewegenden Balladen, deftigen Liedern und natürlich Märchen und Fabeln enthüllt.

Tausend verschiedene Normalo-Autoren brachten beispielsweise jede denkbare Variation der Geschichte von „Beauty and the Beast", der Schönen und dem Biest, zu Papier, die davon handelt, wie eine böse Hexe einen Edelmann mit einem schrecklichen Fluch belegte, dessen Macht am Ende jedoch durch die wahre Liebe einer Frau gebrochen wird. Aber kein Normalo schrieb je auf, was als Nächstes geschah – wie ihnen, Jahre, nachdem sie geheiratet hatten, um glücklich bis ans Ende ihrer Tage zu leben, allerlei Unglück widerfuhr, bis sie hierher kamen. Beauty hat jetzt einen Büroposten als stellvertretende Bürgermeisterin, und ihr Ehemann Beast steht als Sheriff im Dienst dieser Schattengesellschaft. Viele Geschichten kennt man über den schneidigen und heldenhaften Prince Charming, aber wer wusste denn schon, dass er dreimal geschieden ist und Fabletown jetzt als Bürgermeister vorsteht? Andernorts in Fabletown führt Cinderella ein Schuhgeschäft, Sleeping Beauty lebt von ihren Kapitalanlagen, derweil sie versucht, sich nicht wieder in den Finger zu stechen, ein gewisser Brückentroll arbeitet als Sicherheitswachmann, und manch (ehedem) böse Hexe residiert nun im dreizehnten Stock des Woodland-Gebäudes, das der Gemeinde unter anderem als informelles Rathaus dient.

Diese sonderbaren und wundersamen Leutchen, deren raue und zauberhafte Vergangenheit ihnen folgte, wohin sie auch gingen, wurden uns durch klangvolle Geschichten über ihre früheren Abenteuer in aufgegebenen Ländern bekannt, während uns ihr Leben danach, in dieser Welt, verborgen blieb.

Also war es vielleicht unausweichlich, dass diese Flüchtlinge, die aus so vielen verstreuten Ländern und unterschiedlichen Kulturen zusammenkamen, einen gemeinsamen Namen wählen wollten, unter dem sie zu einem vereinten Volk werden konnten, und sich dabei auf die eine Eigenschaft besannen, die ihnen allen gemein zu sein schien – ihre Neigung, zum Thema so vieler Geschichten in unserer normalen Welt zu werden. Anfangs nannten sie sich Märchenvolk, doch als daraus die Abkürzung Mären wurde, fanden sie das ein bisschen verwirrend, bezeichnete man damit doch bereits Erzählungen und auch Gerüchte sowie in geringfügig anderer Schreibweise alte Pferde. Nun noch eine dritte Definition hinzuzufügen, schien ihnen zu viel des Guten. Für eine Weile versuchten sie es dann mit Folklore-Völkchen, gaben aber auch diesen Namen auf, als zunächst Folk daraus wurde, ein Begriff, der unter den Normalos schon weit verbreitet war, und dann Loren, ein Wort, das ebenfalls schon belegt war und außerdem nicht flüssig von den Lippen ging. Aus den gleichen Gründen probierte und verwarf man Balladen und Reime, und so blieb schließlich nur noch Fabelvolk übrig, woraus dann eben Fables wurde, was sich nach einer gewissen Gewöhnungsphase als recht passend erwies.

Die Fables, Personifizierung von Geschichten und Liedern, leben in New York unter uns, und wir bekommen davon so gut wie nichts mit. Einige Fables leben jedoch nicht in der Stadt, weil sie nicht können.

Weit nördlich von Manhattan und den anderen Stadtteilen, in den weniger bewohnten, urwüchsigeren Gegenden von Upstate New York, gibt es eine große, weitenteils unerschlossene Landfläche, die man die Farm nennt, weil ein Teil eben doch kultiviert wurde. Und dort liegt auch ein malerisches Dorf, bestehend aus Hütten und Häusern, Scheunen und Ställen. Doch der größte Teil des Gebiets wurde in seinem natürlichen Zustand belassen. Die Farm ist die Schwestergemeinde von Fabletown, das abgelegene Anhängsel zur Beherbergung all jener Fables, die ebenfalls aus ihren Heimatländern in diese Welt geflohen sind, aber nicht als Menschen durchgehen. Während die menschlich aussehenden Fables auf der Welt fast nach Belieben kommen und gehen können, müssen sich die Farm-Fables für alle Zeit auf diesen Ort beschränken. Mithin ist die Farm im Grunde ein zwar großes und behagliches Gefängnis – aber nichtsdestotrotz eben ein Gefängnis. Sie müssen sich mit der Farm bescheiden, weil das wichtigste aller Fables-Gesetze strengstens alles verbietet, was die Normalos auf ihre magische Natur aufmerksam machen könnte. Und nichts ist unmittelbarer und eindeutiger als magisch zu identifizieren als eine sprechende Ente, die gerne über die gesammelten Werke Jane Austens diskutiert, oder eine Kuh, die über den Mond springen kann. Zugegeben, es war der Mond eines anderen Landes, der sowohl kleiner als auch näher war als unserer; dennoch eine beeindruckende Leistung.

Den Weg zur Farm findet man noch weniger leicht als den nach Fabletown, weil viele mächtigere Tarn- und Irreführungszauber den Ort schützen und alle neugierigen Normalos entweder zurückweisen oder um das Areal herumleiten. Aber wenn es jemand schaffen würde, wenn jemand kraft ungeheurer Willensstärke und roher, halsstarriger Entschlossenheit diese schmale alte Straße an der niedrigen moosbewachsenen Steinmauer entlangfahren könnte und dann dort, wo das altersschwache Holztor schief an dem uralten, düsteren Kastanienbaum lehnt, auf die unbefestigte Piste abböge, würde er vielleicht herausfinden, dass dort die drei kleinen Schweinchen in einem Häuschen aus Ziegel wohnen (sie haben ihre Lektion vor langer Zeit gelernt), nicht weit von der Stelle, wo die alte Frau in ihrem riesigen Schuh lebt. Sie sieht völlig normal aus und könnte die Farm jederzeit verlassen, wenn sie wollte, nur eben nicht mit ihrem geliebten Schuhhaus, in dem sie so viele Kinder großgezogen hat, dass sie lieber bleibt, wo sie ist.

Unsere Geschichte, der es nicht ganz vergönnt war, eine simple Liebesgeschichte zu bleiben, beginnt zunächst in Fabletown und geht dann fast nahtlos auf der Farm weiter. Sie trägt sich zu, weil eine Hexe etwas erfuhr, das sie einem Biest erzählte, das seinerseits einen Wolf anrief, der sich dann an seine Schwägerin wandte, die nie eine Prinzessin war, aber vielleicht eine hätte sein sollen.

ROSE RED, DIE GENAUSO LIEBREIZENDE, ABER DEUTLICH WENIGER berühmte Schwester von Snow White, wischte sich den Schlaf aus den Augen, während sie in ihren rostfarbenen Range Rover stieg – jedenfalls gehörte er in dem Sinne ihr, dass sie die Farm leitete und dies eines der Fahrzeuge war, die allen, die dort lebten, gemeinschaftlich gehörten. Sie hatte glänzendes rotes Haar, das bei Tag die Farbe von Feuer hatte und nachts wie dunkler Satin schimmerte. Sie trug alte Stiefel und Farmkleidung, Jeanshose und Flanellhemd. Beides war ursprünglich einmal blau gewesen, inzwischen aber so abgetragen, dass die Färbung der allgemeinen Auffassung von farblos entsprach. Clara, die Rabendame, die einst ein Feuer speiender Drache gewesen war, hockte auf dem Verandageländer des Haupthauses, in dem Red Rose wohnte und bis vor ein paar Minuten noch tief und fest geschlafen hatte.

„Du bist aber früh auf den Beinen", stellte Clara fest. Ihr Atem entließ ein kurzes feuriges Flackern samt einer feinen Rauchschliere in die frische Morgenluft. Obwohl sie sich vor Jahren entschieden hatte, sich von einem Drachen in einen Raben zu verwandeln, hatte sie das Feuer doch beibehalten.

„Ich habe einen Anruf bekommen, brummelte Rose. „Muss eine Nachricht überbringen.

„Dann kann es keine gute Nachricht sein, meinte Clara. „Niemand weckt jemanden auf, um ihm eine gute Nachricht mitzuteilen. Jedenfalls niemand, der halbwegs zivilisiert ist. Soll ich dich begleiten? Clara war Rose Reds persönliche Leibwächterin, ein Posten, der seit der versuchten Revolte gegen die Farmleitung vor einigen Jahren als notwendig erachtet worden war. Deshalb hatte Clara vorausblickend auch an ihrem Feueratem festgehalten, eine brutale und vernichtende Waffe, die als nüchternes Abschreckungsmittel gegen weitere Aufstände diente.

„Nein, antwortete Rose. „Ich bin nur die Botin. Diese Angelegenheit bedeutet keine Gefahr für mich. Was den Empfänger angeht, kann ich das allerdings nicht versprechen. Mit ein paar nicht allzu deftigen Flüchen und einigem Flehen erweckte Red Rose den widerspenstigen, kalten Motor des Trucks zum Leben. „Geh wieder schlafen, Clara. Alles ist gut, mehr oder weniger."

Sie fuhr langsam an, passierte die Schmiede, die an einen der Ställe angebaut war, und ließ den Hauptplatz des Dorfes hinter sich. Vorsichtig manövrierte sie um Tom Thumbs Miniaturbergfried mit seinem Burggraben und der Ringmauer herum, dann vorbei am Ziegenpferch, vor dem ein Briefkasten mit der Aufschrift Die drei Geißböcke Brausewind stand. Ein unerschütterlicher Trupp von Postmäusen war bereits unterwegs und begann mit der Morgenrunde. Sie sahen würdevoll aus in ihren Gehröcken und pusteten gewichtig kleine weiße Dampfwolken in die kalte Luft. Und würdig waren sie auch, denn es gilt unter Mäusen ebenso wie unter Menschen, dass die zügige Postzustellung eine heilige Pflicht ist. Sie hatten ihre Leiter an den Briefkasten gelehnt, und eine Postmaus kletterte hinauf, auf dem Rücken einen Brief, der in schwungvoller Handschrift an einen Herrn Wilhelm Brausewind adressiert war. Es war schwer zu sagen, für welchen der Geißböcke das Schreiben wirklich bestimmt war, denn alle drei Brüder hießen Willi.

Rose fuhr zum Dorf hinaus, nach Nordosten und dann auf einer einspurigen unbefestigten Straße in Richtung Norden. Nach ein paar hundert Yards unerschlossenen Buschlands erreichte sie das eigentliche Farmgebiet. Zu beiden Seiten lagen kultivierte Felder. Zu ihrer Rechten wuchs frisch gepflanzter Winterweizen, zu ihrer Linken erstreckten sich endlose Reihen Mais, hohe gelbgrüne Stängel, so hoch wie ein Elefantenauge und ächzend unter dem Gewicht ihrer Kostbarkeiten. Sie mussten in ein paar Tagen mit der Maisernte beginnen. Die Erkenntnis ließ sie ein wenig zusammenzucken, weil der Motor der Erntemaschine noch in seine Einzelteile zerlegt auf dem Boden des Traktorschuppens lag. Da musste sie sich heute wieder an die Arbeit machen. Im Osten spähte die Sonne über die fernen Hügel, die von den Leuten in diesem Teil des Landes beharrlich als Berge bezeichnet wurden. Auf der anderen Seite der Hügel lag Wolfstal, das früher zur Farm gehört hatte, unlängst aber an die Familie eines legendären Ungeheuers zurückgegangen war – an ihren Schwager.

Rose kam an eine Weggabelung und bog nach Nordwesten ab. Jetzt blendete sie die aufgehende Sonne im Rückspiegel. Grummelnd verstellte sie ihn so, dass ihr das Licht nicht mehr in die Augen schien. Sie blinzelte, um die Flecken aus ihrem Blickfeld zu vertreiben, und fuhr weiter. Die Straße verlief für eine Weile parallel zu einem kleinen, aber zielstrebigen Fluss und überquerte ihn dann auf einer kurzen Holzbrücke, wo der Fluss abrupt seine Richtung änderte. Sie ließ die bestellten Felder hinter sich und fuhr hinein in ausgedehntes, hügeliges Weideland, wo die Normalos ihr Vieh grasen ließen und mästeten. Man trieb Herden von Kühen in ein Areal, wo sie das Gras auf eine angemessene Höhe brachten, dann löste man sie durch Schafe ab, die das Gras zu Stoppeln abfraßen. Ein paar Farmhelfer waren bereits auf den Feldern, in der Ferne trieben sie verstreute Gruppen von Vieh zusammen und in Richtung frischeren Grases. Bei den meisten Farmhelfern handelte es sich um Fable-Tiere, die sich ihren Unterhalt verdienten – sprechende Pferde, die nur selten sprachen, es sei denn, sie hatten wirklich etwas zu sagen, und sprechende Hunde, die in einer Tour plapperten, weil sie meinten, alles, was man sagen konnte, sollte auch gesagt werden, nur für den Fall, dass es sich als wichtig erwies. Aber es waren absolut keine sprechenden Kühe darunter. Fable-Kühe verkehrten für gewöhnlich nicht mit den Normalo-Vertretern ihrer Spezies, weil sie den Gedanken an das Los ihrer dummen Vettern, die als Steaks und Hamburger endeten, mehr als nur ein bisschen beunruhigend fanden. Ein paar der Farmhelfer waren menschliche Fables, die hier oben lebten, weil es ihnen entweder besser gefiel als das Stadtleben oder weil sie erwischt worden waren, wie sie eines oder mehrere der Fable-Gesetze gebrochen hatten, und nun ihre Strafe abarbeiteten. Fabletown erlegte seinen Bewohnern eine Menge Gesetze auf.

Nachdem Rose ein weiteres Dutzend kleiner Brücken überquert hatte und der Fluss mäandernd aus ihrem Blickfeld verschwand, erreichte sie eine Anhöhe und blickte hinab auf ein goldenes Feld voller Normalo-Schafe. Umhergetrieben wurden sie von einem halben Dutzend Fable-Schäferhunden, die ihre Schützlinge mit Schimpfworten bedachten. Am anderen Ende des Feldes erblickte sie ihr Ziel, eine kleine Kate aus Stein und Holz, die auf dem Scheitelpunkt der nächsten Anhöhe saß, eingerahmt von einem Pappelhain. Erfreut nahm Rose die Rauchfahne zur Kenntnis, die aus dem Schornstein des Häuschens aufstieg. Wenigstens werde ich niemanden aufwecken, dachte sie. Vielleicht laden sie mich sogar zum Frühstück ein.

Rose lenkte ihren Truck langsam in die kaum benutzte Einfahrt und stellte ihn ab. Aus der Nähe nahm sie nun mehr Einzelheiten wahr. Das Häuschen war umgeben von einer komplexen, mehrstufigen Holzveranda, deren verschiedene Ebenen durch alle möglichen Arten von Rampen miteinander verbunden waren. Sie erstreckte sich vom Haus aus in alle Richtungen und machte den Eindruck, als sei sie im Laufe vieler Jahre immer wieder ergänzt worden. Es gab einen grünen Rasen und mehrere kleine gepflegte Blumengärten, die ebenfalls umgeben und überbaut waren mit einem Labyrinth erhöhter Holzstege, die von der Veranda ausgingen.

Als Rose aus ihrem Truck stieg, wurde die Tür der Kate geöffnet, und Peter Piper erschien in ihrem Rahmen. Er schob seine Frau Bo in ihrem Rollstuhl vor sich her.

„Guten Morgen, Rose", sagte Peter, und seine Frau wiederholte den Gruß nur einen halben Herzschlag darauf.

Dann fragte Bo, diesmal ganz allein: „Was führt dich den weiten Weg heraus zur Casa Piper?"

Zumindest scheinen sie gut gelaunt zu sein, dachte Rose. Sie leitete die Farm noch nicht sehr lange und lebte auch noch nicht viel länger hier. Sie kannte die Pipers nicht besonders gut, wusste eigentlich nur, dass sie gern für sich blieben hier draußen in ihrem abgeschiedenen kleinen Haus, wo sie zu zweit lebten, jahrein, jahraus, Jahrhundert um Jahrhundert, seit ihrer Flucht aus der Heimat.

„Guten Morgen, erwiderte Rose. „Ich muss mit Peter sprechen.

„Klingt unheilvoll, meinte Peter. „Kann Bo dabei sein, oder geht es um eine Privatangelegenheit?

Bo hatte hellblondes Haar, das in der Morgensonne beinahe weiß wirkte. Es war lang, aber sie hatte es im Nacken zu einem losen Knoten gebunden. Sie war hübsch, wie es die meisten Fable-Frauen waren, aber bei ihr handelte es sich um eine melancholische Schönheit, die jeden Moment in Traurigkeit zu entschwinden drohte. Sie trug einen hellbraunen Pullover, auf ihren Beinen lag eine grüne Schottenkaro-Decke und verbarg die kaputten Glieder darunter.

Rose hatte Bos tote Beine nur einmal gesehen, rein zufällig, auf einer der Tanzveranstaltungen der Farm, als ein Gänsepaar, überdreht von zu viel Tanz und Bier, gegen Bos Stuhl gestoßen war, woraufhin ihre Decke für einen kurzen, aber schrecklichen Moment verrutscht war. Rose war es peinlich gewesen, wie schnell sie sich von dem Anblick abgewandt hatte. Bo ging mit einem Lachen über den Zwischenfall hinweg und schien sich für den Rest des Abends nichts daraus zu machen, aber danach war sie nie mehr ins Dorf gekommen.

Peter war von durchschnittlicher Größe und schlank, schon zur Magerkeit neigend, ohne es jedoch wirklich zu sein. Er hatte dunkelbraune kurz geschnittene Haare und dazu passende braune Augen. Er trug ein kastanienfarbenes Baumwollshirt über einem langärmeligen Unterhemd, Khakihosen und alte Wanderstiefel.

„Ich bin mir nicht sicher, gestand Rose. „Ich glaube, wir unterhalten uns besser unter vier Augen, bis du gehört hast, was ich zu sagen habe. Dann kannst du entscheiden, ob es etwas ist, das du mit deiner Frau teilen möchtest. Verzeih mir bitte, falls das unhöflich scheint, Bo.

„Sei nicht albern, erwiderte Bo. Ein unbestimmtes Lächeln berührte kurz ihre Lippen und verschwand dann wieder. „Es ist so ein schöner Morgen, wir wollten auf der Veranda frühstücken. Ihr zwei unterhaltet euch, und ich decke unterdessen den Picknicktisch. Du leistest uns natürlich Gesellschaft. Ohne eine Antwort abzuwarten, wendete sie geschickt und rollte wieder hinein.

Rose und Peter entfernten sich auf einem von Bos hölzernen Rollstuhlwegen vom Haus. Dieser Steg führte ein ganzes Stück weit hinaus. An seinem Ende stand eine robuste hölzerne Zielfigur, die man sicher verankert hatte. Sie war grob zur Gestalt eines erwachsenen Menschen behauen worden, und ihre Oberfläche wies Hunderte von kleinen Schnitten und Kerben auf.

Sie verließen den hölzernen Weg an seiner entferntesten Stelle und traten hinab auf den Erdboden, wo der grüne Rasen endete und das höhere Weidegras begann, und schlenderten dann weiter hinaus auf die Felder. Windböen strichen über das Gras und bogen es zu verspielten Mustern. Fünfzig Yards entfernt kläfften zwei energische Schäferhunde und trieben einen Teil der Herde in ihre Richtung.

„Das sind gute

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