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Opa, warum weinst Du?: Ein deutsch-jüdisches Leben zwischen St. Pauli und KZ Amersfoort

Opa, warum weinst Du?: Ein deutsch-jüdisches Leben zwischen St. Pauli und KZ Amersfoort

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Opa, warum weinst Du?: Ein deutsch-jüdisches Leben zwischen St. Pauli und KZ Amersfoort

Länge:
620 Seiten
9 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 27, 2016
ISBN:
9783869331676
Format:
Buch

Beschreibung

Im vorliegenden Buch schildert Karl-Heinz de Groot seine Kindheit und Jugend während der nationalsozialistischen Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs in Deutschland und den Niederlanden. Mit schnörkelloser und geradliniger Sprache zeigt er auf, wie ein Mensch jüdischer Abstammung in dieser Zeit als Spielball menschenverachtender Politik verunsichert und verängstigt, verfolgt und entwurzelt wurde.
1922 geboren, wächst der Autor als Sohn einer alleinerziehenden, jüdischen Mutter in Hamburg-St.Pauli in jüdischer Erziehung auf. Zeitlebens ist das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn zwiespältig und von einer Art Hassliebe geprägt. Sein Vater spielt in seinem Leben keine Rolle, wurde ihm von der Mutter vorenthalten. Da die Eltern nicht verheiratet waren, erhielt er die Nationalität seiner Mutter, die durch ihren Vater gebürtige Niederländerin war. Dies ermöglichte dem Autor, nach den Novemberpogromen 1938 Deutschland, und damit seine Heimat, in Richtung Niederlande zu verlassen. Zu dieser Zeit nehmen Diskriminierungen und Verfolgungen der jüdischen Bevölkerung drastisch zu, so dass auch de Groot sein erlerntes Bäckerhandwerk in Deutschland nicht mehr ausüben darf.
Aber auch in den Niederlanden findet der Autor nicht die ersehnte Sicherheit und Ruhe, da mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht auch in den Niederlanden das Leben der jüdischen Bevölkerung massiv bedroht ist.
De Groot wird wegen seiner jüdischen Abstammung verfolgt. Er wird in ein Arbeitslager in den Niederladen und in das Deportationslager Westerbork eingewiesen. Von dort wurde er auf Grund der von seiner Mutter im letzten Moment besorgten Unterlagen über die Identität des Vaters als Mischling ersten Grades entlassen. Danach kam er in das KZ Amersfoort in den Niederlanden, von dort wurde de Groot in das Straflager Hohenlimburg/Westfalen interniert. Drei Monate vor Kriegsende konnte er mit Unterstützung eines Lagerführers flüchten.
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 27, 2016
ISBN:
9783869331676
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Opa, warum weinst Du? - de Groot Karl-Heinz

gewesen.

1. Ich bin St. Paulianer

Sie hatten einige Zeitungsseiten zusammengeklebt. In diesen vergrößerten Bogen hatten sie ein Loch gerissen. Aus dem Loch schaute ein schwarzer Lockenkopf heraus. Der Lockenkopf gehörte meiner „lieben Mutti".

Wenn man das so liest, dann möchte man meinen, jetzt kommt eine Hasstirade, mit etwas Ironie gewürzt. Dem ist nicht so. Ich habe meine Mutter geliebt. Ein Leben lang habe ich versucht ihr ein guter Sohn zu sein, aber sie hat es nie anerkannt. Ich bin davon überzeugt, dass manch anderer sie längst hätten fallen lassen.

Also, da war dieses Bild. Es gab eine Zeit, da war ich sehr stolz auf dieses Bild. Aber ich glaube, das sind alle kleinen Jungens, sobald sie begreifen, dass sie eine hübsche Mutter haben, und hübsch das war meine „liebe Mutti, das konnte ihr niemand streitig machen. Ich glaube kleine Kinder werden von einem gewissen Moment an von einer Art Verehrungstrieb ergriffen. Mir erging es nicht anders. Jedem Besucher, der vor dem Bild stand, sagte ich: „Guck mal, das ist meine liebe Mutti. Die Leute sagten dann: „Ja, das kann man auch gut sehen." Ich sei ihr wie aus dem Gesicht geschnitten, sagten sie dann noch. Dabei taten sie dann, als sähen sie das Bild zum ersten Male, obgleich sie es längst kannten. Aber das sagten sie wohl auch nur, um mir eine kleine Freude zu bereiten. Später sagten sie auch wohl mal, meine Mutter habe sich überhaupt nicht verändert. Nicht einmal ein kleines Bisschen, aber auch das sagten sie wohl nur aus Schmeichelei.

Den Ausdruck „liebe Mutti, so musste ich sie auch anreden, hatte sie mir schon sehr früh beigebracht, sobald ich sprechen konnte. Alle Frauen und Mädchen, die mehr oder weniger zufällig ein Kind bekommen hatten, waren bei ihr „liebe Muttis, und wenn es die größten Miststücke waren. Dabei macht ein Kind bekommen, doch noch gar keine Mutter aus. Aber diese schmerzliche Erfahrung machte ich erst später, leider.

Immer wenn ich an meine Mutter denke, dann habe ich dieses lachende Zeitungsgesicht vor Augen. Aber was ich damals nicht begriff, das begreife ich heute umso besser.

Dieses Lachen war nicht echt. Es war gekünstelt wie das ganze Leben meiner Mutter. Ihr Lachen strahlte keine Wärme aus, aber man sah es nicht, wenn man nicht genau hinsah, und wer tat das schon? Ich habe heute wieder ein Bild meiner Mutter über meinem Schreibtisch hängen. Es ist so etwas wie eine Montage. Eigentlich sind es nur drei in einen Rahmen gesteckte Bilder. Die Bilder zeigen sie im Alter von vierzig, fünfzig und zweiundsiebzig Jahren. Mit zunehmendem Alter glückte es ihr nicht mehr ihr wahres Gesicht zu verbergen. Auf dem letzten Bild sieht sie dann auch so aus wie man sich die böse Stiefmutter im Märchen vorstellt.

In ihrer „Glanzzeit" lachte und weinte sie auf Kommando. Schließlich hatte sie es gelernt.

Sie war Schauspielerin. Lachen und Weinen war für sie, wie für den Handwerker das Werkzeug.

Etwa wie für den Schlachter das Messer. Aber das ist wohl ein schlechter Vergleich. Schlachter sind meistens feinfühlige, weiche Menschen. Ganz anders, als man sie sich im Allgemeinen vorstellt. Meine Mutter war hart wie Granit. Man könnte vielleicht sagen, Lachen und Weinen passte zu ihr wie der Henker zum Schafott. Aber das ist auch nicht gut. Henker waren meistens sehr unglückliche Menschen, die sich ihren Beruf nicht ausgesucht hatten.

Ich will nicht sagen, meine Mutter hätte kein Herz gehabt. Nein, wenn es um Geld ging, dann war sie mit Herz und Seele dabei. Aber eben nur dann. Alles, was aus ihrer Seele kam, war gekünstelt. Aber vielleicht hatte sie auch gar keine Seele. Ich habe oft daran gezweifelt. Das Theaterspiel war ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Sie konnte gar nicht mehr anders. Jedes Wort von ihr, jede Pose, die sie einnahm, jede Geste, alles war auf das Genaueste berechnet. Sie wusste haargenau, was auf wen, zu welchem Zeitpunkt wirkte. Sie setzte es dann auch dementsprechend ein. Früher dachte ich immer, das müsse so sein, bis ich eines Tages dahinterkam, wie falsch das alles war. Aber meine Mutter war nicht verlogen. Sie lebte sich so in die Rolle ein, die sie zu spielen hatte, oder glaubte spielen zu müssen, dass sie fest an das glaubte, was sie sagte. Dabei war es vollkommen unwichtig, ob sie auf einer Bühne stand, oder ob sie irgendjemandem ein Theater vormachte. Den größten Erfolg hatte sie natürlich während meiner Kindheit bei mir. Als Kind konnte ich sie ja nicht durchschauen. Umso schlimmer wurde es für mich, als ich erwachsen wurde und langsam die Wahrheit erkannte.

Aber kommen wir noch einmal kurz zu dem Bild. Wenn man die Wohnzimmertür aufmachte, fiel der Blick sofort auf das Lockenkopfbild. Das Bild hing an der Wand neben einem großen Bauernschrank. Der Schrank war aus dunkel eingefärbtem Eichenholz. Die Türen hatten Butzenscheiben. Das gibt es heute kaum noch, denn solche Scheiben sind lausig teuer. Unter dem Bild stand ein Stuhl mit einer geschnitzten Lehne. Auch der Stuhl war aus Eiche. Aber er war etwas Besonderes. Die Lehne war zu einer Teufelsfratze geschnitzt. Die Mundöffnung hatte man offengelassen. In die Öffnung hatte meine Mutter einen roten Lappen gesteckt. So sah es denn für den Betrachter aus, als stecke ihm der Teufel die Zunge heraus. Später habe ich des Öfteren gedacht, das Bild oben ist ihre Maske, aber der Teufelsstuhl, das ist ihr Charakter.

Neben dem Bauernschrank stand ein Sofa. Das war grünlichblau. Eigentlich eine unmögliche Farbe. Aber früher war das modern. Das Ding wird auch gar nicht billig gewesen sein, denn es war mit Seide überzogen. Komisch, ich schreibe diese Worte und ich sehe das Wohnzimmer in allen Einzelheiten vor mir.

Wenn ich das so erzähle, wird man denken, das muss ja ein sehr großes Wohnzimmer gewesen sein. Das war es auch. So kümmerlich wie die Arbeiterwohnungen in der damaligen Zeit betreffs Größe und Ausstattung waren, so royal sind die Mittelstandswohnungen gewesen. Die Zimmer waren nicht nur sehr groß, sie waren auch sehr hoch. In der Höhe eines damaligen Fünfetagen-Hauses baut man heute locker sieben bis acht Etagen.

Schaute man von der Tür aus auf das Bild meiner Mutter, sah man, dass an der rechten Seite des Schrankes ein Gitarrenbanjo hing. Das konnte aber niemand spielen. Auch meine Mutter nicht. Ich hatte es wohl mal von der Wand genommen, als es niemand sah. Offiziell durfte ich ohne die Erlaubnis meiner Mutter nichts im Wohnzimmer anfassen. Das Wohnzimmer war ja auch immer sorgfältig abgeschlossen, wenn meine „liebe Mutti" nicht im Hause war. Aber einmal hatte ich doch die Gelegenheit das Banjo vom Haken zu nehmen. Natürlich konnte auch ich damit nichts anfangen. Ich erinnere mich nur noch daran, dass das Instrument sehr schwer war. Es war übrigens, wie mir jetzt beim Schreiben dieser Zeilen bewusst wird, das erste Musikinstrument, welches ich in meinem Leben in der Hand gehabt habe.

In dem Zimmer gab es einen großen Tisch, an dem hätten mit Leichtigkeit zehn Mann Platz gehabt. Natürlich gab es auch die passenden Stühle dazu. Auch gepolstert und mit der hässlichen Seide bezogen. Allerdings hatten wir keine Sessel. Dem Schrank gegenüber standen noch einmal zwei Stühle. Dazwischen ein Tischchen. Auf dem Tischchen stand das „Prunkstück des Wohnzimmers: ein Dampfradio. Jedem Besucher erklärte meine Mutter, das sei ein „Dreikreiser. Was das genau ist, weiß ich heute noch nicht. Aber ich bin ja auch kein Techniker. Die meisten Leute, denen meine Mutter das Radio erklärte, wussten auch nicht, was sie wohl meinte. Sie taten aber so, als verständen sie etwas von den Dingen, und wackelten lustig mit dem Kopf, wobei sie sich beeilten, sehr gewichtig „ja und „ach so zu sagen.

Das Dampfradio hatte für mich eine sehr unangenehme Seite. Da wir keinen elektrischen Strom hatten, musste das Ding mit einem Accu betrieben werden. Der Accu musste regelmäßig aufgeladen werden. Es gab damals sogenannte „Acculadestationen; das waren Läden, wo man einen Accu kaufen und ihn auch aufladen lassen konnte. Nun waren die Dinger aber furchtbar schwer. Mir oblag das Amt, den Accu einmal in der Woche zur Ladestation zu bringen. Damals war ich noch nicht einmal sechs Jahre alt. Meine Mutter hatte eine besondere Art, mich für solche „freiwilligen Dienste zu aktivieren.

Das ging dann meistens so: „Ach, Bübchen, ja, der kleine Dings der ist ja so lieb zu seiner lieben Mutti und hilft ihr so schön im Hause. Ja, und der ist auch nicht älter als du. Ich möchte den kleinen Jungen sehen, der nicht sofort gesagt hätte: „Aber gewiss, liebe Mutti, das kann ich auch. Auf diese Art und Weise lernte ich gar viele „nützliche Arbeiten" im Hause zu verrichten.

Darauf komme ich aber noch zurück. Übrigens, ich erinnere mich an eines. Wenn sie „Bübchen sagte, dann kam nichts Unangenehmes hinterher. Rief sie aber wie ein preußischer Unteroffizier: „Karl-Heinz, dann war die Kacke am Dampfen. Noch etwas Unbegreifliches ist mir in Erinnerung geblieben. Wenn mir, wie das bei Kleinkindern schon mal vorkommen kann, ein Malheur passierte, zum Beispiel eine zerbrochene Vase oder ein Teller, schrie sie mich in der dritten Person an. Sie brüllte dann: „Was hat er da gemacht?" Das ist mir lange im Gedächtnis geblieben. Ich konnte damit nichts anfangen. Heute eigentlich auch noch nicht. Wahrscheinlich war es ihr Drang zum Theaterspielen, der sie veranlasste so mit mir um zu gehen.

Ich will jetzt die Wohnung weiter beschreiben. Wenn man die Wohnzimmertüre von innen schloss, und man drehte sich um, fiel der Blick auf eine Hansakogge. Die hatte Onkel Ernst mit Ölfarbe auf die Tür gemalt. Sie war sehr schön gemalt, aber sie passte nicht zum Bild des Wohnzimmers. Das weiß ich heute, damals wusste ich es natürlich nicht.

Vom Wohnzimmer ging das Schlafzimmer meiner Mutter ab. Wie das genau aussah, weiß ich nicht mehr. Ich habe eigentlich nie gewusst wie es genau aussah. Ich durfte es nur betreten nach vorherigem Anklopfen.

Wenn ich dann eingetreten war, sah ich meine „liebe Mutti" im Bett liegen, bewaffnet mit Zigaretten und einem Kreuzworträtsel. Ich hatte dann ihre Befehle in Empfang zu nehmen. Beim Schreiben dieser Zeilen geht mir etwas durch den Kopf. Es hätte zu ihr gepasst, wenn sie mich in eine Livrée gesteckt hätte, so etwas wie ein Page Ludwig des Vierzehnten. Von Theaterspielen hatte sie ja Ahnung. Aber ich will nicht vorgreifen.

Ich hatte kaum Gelegenheit mir das Schlafzimmer genau anzusehen, denn mein Aufenthalt darin dauerte selten länger als zwei Minuten. Ob sie Angst hatte ich würde dem Zimmer etwas abgucken, ich weiß es nicht. Das Schlafzimmer war ihr „Heiligtum". In Erinnerung geblieben ist mir nur der Fußboden. Auf den Fußboden hatte Onkel Ernst einen Teppich gemalt. Meine Mutter wollte ursprünglich einen Haargarnteppich im Schlafzimmer haben, ähnlich wie den im Wohnzimmer. Aber Onkel Ernst malte nun mal gerne. Ging man aus dem Wohnzimmer und schloss die Tür hinter sich, war links wieder eine Tür. Das war der Eingang zum Reich meiner Omi. Der Omi will ich ganz viel Platz widmen in meiner Geschichte. Sie war der Engel in meiner Kindheit. Aber ich will erst mal ihr Zimmer beschreiben. Eigentlich hatte sie eine vollständige Dreizimmer-Wohnung in ihrem Raum. Ich sagte ja schon, die Zimmer waren sehr groß.

Meine Omi war eine fromme jüdische Frau. Sie lebte orthodox, so wie sie es von ihren Eltern gelernt hatte. Sie hielt das jüdische Speisegesetz ein. Das heißt, sie lebte koscher. Nun möchte ich hier etwas einflechten. Koscher heißt schlichtweg „rein", aber diese Reinheit hat mit hygienischer Reinheit nichts zu tun. Koscher besagt lediglich, zum Verzehr kein Schweinefleisch. Nur geschächtetes Rind, Kalb oder Geflügelfleisch. Milchding und Fleischding wurde auseinandergehalten. (Nach dem alten Gesetz, du sollst das Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen.)

Es würde zu weit führen, wollte ich hier die ganze Litanei der jüdischen Speisegesetze aufzählen. Darum nur das Wichtigste.

Orthodoxe jüdische Familien, die es sich leisten konnten, hatten zwei vollständige Kücheneinrichtungen.

Eine für Fleisch- und eine für Milch-Ding. Manchmal hatten sie sogar drei Einrichtungen, eine ganz spezielle für das Pessachfest. Auch das Schächten ist eine heute noch sehr umstrittene Sache. Juden dürfen kein Blut verzehren. Das zum Verzehr bestimmte Tier muss ausgeblutet sein. Der Fleischer, der die Schächtung vornimmt, macht mit einem haarscharfen Messer einen Schnitt durch die Gurgel des Tieres. Die Streitfrage ist nun: „Was ist für das Tier humaner? Der elektrische Bolzenschuss oder das Schächtmesser?" Die Frage ist bis heute nicht beantwortet. Jedenfalls nicht zur Zufriedenheit der Beteiligten. Die Tiere können ja leider nicht ihr Urteil abgeben.

Machte man die Tür zu Omas Zimmer auf, war gleich rechts die „Küchenabteilung. Ein kleiner Herd, eine so genannte Hexe. Die wurde mit Briketts geheizt. Ich erinnere mich daran, dass es oftmals, wenn ich das Zimmer betrat, unvergleichlich nach Hühnersuppe roch. Die Suppe gehörte übrigens zu den wenigen Dingen, die ich gerne bei meiner Oma aß. Sie brauchte viel Knoblauch. Das mochte ich nicht. Ich mag es auch heute noch nicht, wenn das Essen mit Knoblauch gewürzt ist. Aber in die Hühnersuppe kommt ja Gott sei Dank kein Knoblauch. Neben dem Küchentrakt standen Schränke vollgepackt mit allen möglichen Dingen. Dann stand in dem Zimmer ein gewaltiges Bett mit vielen Kissen. Omi war herzkrank. Es war besser, wenn sie „hoch schlief, wie man das nannte. Sie war in den letzten Jahren krank geworden. Am Fenster stand ein großer Gartenstuhl, der war wunderschön aus Nussbaumholz gearbeitet.

Wenn ich die Augen zu mache, sehe ich meine Omi dort am Fenster sitzen. Eine kleine unscheinbare Frau. Ich sitze auf einem mahagonihölzernen Schemel zu ihren Füßen. Gütige Augen blicken ab und zu auf, mich und dann wieder in den Himmel. Es war, als suche sie ein Stückchen Freiheit. Wenn schon nicht auf der Erde, so dann doch wenigstens am Himmel. Ihren „Scheitel" (Perücke) hatte sie abgelegt. Orthodoxe jüdische Frauen müssen, sobald sie verheiratet sind, in der Öffentlichkeit die Haare bedecken, meistens mit einem Kopftuch. Das war aus gesellschaftlichen Gründen nicht immer möglich. Daher löste man dieses Problem mit einer Perücke.

Das Zimmer hatte zwei große Fenster. Zwischen den Fenstern stand ein großer Spiegel, aus so genanntem „Berliner Bleikristall", dann gab es auch noch eine Wanduhr. Die steckte in einem Kasten. Auch der war genau wie der Gartenstuhl aus Nussbaumholz gearbeitet. Aber mit vielen Schnörkeln, wie man das früher so hatte. Die Uhr schlug jede halbe und jede volle Stunde mit einem wunderschönen Ton, wenn ich dann auf dem Schemel saß an ihrem Munde hängend, immer in der Hoffnung, sie würde mir etwas von sich erzählen. Aber Omi erzählte nicht viel. Sie war Bäuerin gewesen, und Bauern reden meistens nicht mehr als unbedingt notwendig.

Ab und zu legte sie ihre kleinen Hände auf meinen Kopf, als wolle sie mich segnen. Wenn sie schon mal etwas erzählte, dann niemals von Russisch-Polen, woher sie ursprünglich kam. Nein, es waren meistens Geschichten aus Argentinien. Sie sagte aber nicht Argentinien, nein, sie sprach immer von „Bonisaires." Sie meinte dann Buenos-Aires. Sie mischte ihre deutschen Sprachkenntnisse immer mit etwas Yiddisch. Yiddisch war ihre eigentliche Muttersprache. Die Eltern meiner Omi waren Bauern. Sie züchteten Pferde. Auch die Omi sollte eine sesshafte Bäuerin werden. So war es vorgesehen. Die ganze Familie Serman ist nach Argentinien ausgewandert. Der Geburtsname meiner Omi ist Serman.

Es gab in Wien einen Baron Hirsch. Der hatte für ostjüdische Bauern riesige Ländereien in Argentinien aufgekauft. Die Bauern konnten diese Ländereien dann pachten oder durch Kauf, relativ billig erwerben.

Omi war in der Heimat schon verheiratet. Sie wanderte mit ihrem Mann Michael Mandelbaum und ihrem Söhnchen Maximilian Nathan nach Argentinien aus. In Argentinien starb Michael Nathan Mandelbaum. Nun saß die Omi mit einem kleinen Kind auf einem riesigen Stück Land. Die Familie drang nach Ablauf des Trauerjahres auf erneute Heirat. Sicherlich hätte sich auch jemand gefunden. Aber irgendwie hat es dann doch nicht geklappt. So kam sie denn zu Marc-Meijr Sie hat ihn buchstäblich gefunden. In ihrem Garten schlief er seinen Rausch aus.

Marc-Meijr de Groot kam aus einer gutbürgerlichen Familie in Amsterdam. Während alle anderen Mitglieder seiner Familie sesshaft waren, fuhr er zur See.

Er war Unterhalter. Das heißt, er war von der Reederei angestellt, um alleinstehende reiche Damen ein wenig während der Reise zu zerstreuen. Was immer das heißen mag. Wahrscheinlich hat er gut ausgesehen. Das hat die Omi denn wohl auch gefunden und hat sich in ihn verliebt.

Aber der Familie Serman hat das wohl nicht so recht in den Kram gepasst. Sie stellten Omi vor die Wahl. Sie sagten ihr ganz krass: „Entweder der Kerl geht zum Deibel, oder wir nehmen dir das Land ab. Die Omi hat sich für „den Kerl entschieden. Sie hat ihn geheiratet.

Natürlich hat die Familie ihr das Land abgenommen. Aber sie mussten sie auszahlen. Das haben sie auch getan. Dann muss Marc-Meijr wohl gesagt haben: „Wir gehen nach Hamburg. Natürlich wird die Omi gefragt haben: „Was soll ich in Hamburg? Seine Antwort wird gewesen sein: „Du wirst schon sehen." Na, sie hat gesehen. Als das Geld alle war, da hat er sie sitzen lassen. Aber inzwischen hatte sie vier Kinder von ihm, mit ihrem Sohn aus erster Ehe waren das fünf Kinder.

Die Scheidung muss sich sehr lange hingezogen haben. Wahrscheinlich ist sie nicht nach jüdischem Ritus erfolgt.

Hier möchte ich noch schnell etwas einflechten. Ich kann mir vorstellen, dass beide, Omi und Opa, doch noch nach Jahren gehofft haben wieder zusammen zu kommen.

Vier Wochen, nachdem die Omi gestorben war, starb er. Er hatte von ihrem Tode gehört.

Nach ihrem ältesten Sohn Max (sie rief ihn immer noch Nathan) waren ihre Kinder von Marc-Meijr: Die Söhne Jacob und Alexander (gerufen Alex) und die Töchter Bertha und Rosa. Rosa, das wurde meine Mutter.

Das alles weiß ich von meiner Omi. In unzähligen kleinen Abschnitten hat sie mir diese Dinge erzählt. Aber mit sehr großen Abständen. Es fiel ihr wohl auch schwer über diese Dinge zu reden.

Aber das war natürlich nicht alles. Noch lange nicht. Ich wollte die Omi ja auch erst einmal kurz beschreiben.

Es waren die schönsten Momente meiner Kindheit, wenn ich in Omis Zimmer zu ihren Füßen auf dem Schemel sitzen durfte. Aber meine Omi war nicht immer so friedlich. Sie konnte ganz schön in Fahrt kommen, wenn sie sich mal wieder über den Lebenswandel meiner Mutter ärgerte. Dann konnte sie auch ganz lustig schimpfen. Da kamen dann Schimpfworte in allen Sprachen vor, von denen sie einige Worte kannte. Polnisch, Russisch, Spanisch und Yiddisch.

Auf Yiddisch hörte sich das Schimpfen noch am schönsten an. Es klang dann nicht so hart. Jedenfalls in meinen Ohren.

Omi hatte die Fensterbank vollgestellt mit allerlei Pillendöschen, Medizinfläschchen und Schachteln. Meine Omi hatte nämlich den Tick vieler alter Leute. Sobald sie von einem neuen Mittelchen gegen irgendein Wehwehchen hörte, musste sie es haben. Viele dieser Mittelchen waren aber rezeptpflichtig. Das machte ihr nichts aus. Sie drückte dem Apothekerassistenten ein paar Mark in die Hand, und schon hatte sie das Mittelchen. Meistens gab sie ihm einen Taler, das damals gültige Dreimarkstück. Klappte es in der einen Apotheke nicht, dann eben in einer anderen. So hatte sie denn innerhalb kürzester Zeit eine Privatapotheke auf dem Fensterbrett stehen.

Eigentlich gehörten ja Blumen auf das Fensterbrett. Aber Omi mochte keine Blumen im Hause haben. „Blumen gehören in den Garten", sagte sie immer. Vielleicht wollte sie die Blumen nicht eingefangen sehen, so wie sie sich selber eingefangen fühlte.

Einmal im Monat kam Dr. Scharf, unser alter Landarzt. Er kam extra aus Schnelsen, um die Omi zu besuchen. Er hatte sie in Schnelsen betreut und betrachtete sie nach wie vor als seine Patientin. Er mochte sie gerne.

Sobald er ihr Zimmer betreten hatte, ließ er sich einen großen Eimer geben. In den Eimer schüttete er sämtliche Fläschchen und Schächtelchen hinein, die auf der Fensterbank standen, um sie dann später zu entsorgen. Mochte die Oma auch noch so viel zetern.

Sie rief ganz unglücklich: „Dokterleben, wo wellt Ihr ahiehn mit maijne scheene Medizin?"

Aber Doktor Scharf ließ sich gar nicht aus der Ruhe bringen, er machte ruhig weiter und meinte in der brummigen Art, wie sie guten Landärzten oft zu eigen ist: „Mit den Schiet wüllt Se sik doch wohl nich umbringen. Ik will Se noch geern noch een por Joor behol‘n." Wenn er das sagte, musste sie lachen.

Es war einer der wenigen Augenblicke, in denen ich meine Omi aus vollem Herzen lachen hörte. Wenngleich sie den harten Holsteiner Dialekt nicht nachsprechen konnte, so hatte sie sich doch schon so weit an ihn gewöhnt, dass sie ihn verstand. Sie mochte den Doktor Scharf gerne. Er war wohl aus dem Holz geschnitzt, aus dem die Bauern gemacht werden. Davon verstand sie etwas. Mit dem Doktor konnte man auch lachen. Das gefiel ihr. Sie versprach dann auch jedes Mal hoch und heilig, nie wieder hintenherum „so‘n Schiet" zu kaufen.

Aber das glaubte Doktor Scharf nicht und sie selber wohl auch nicht. Bei der ersten besten Gelegenheit war sie dann auch wieder in einer Apotheke und ließ sich wieder „so‘n Schiet" andrehen. Ja, so war sie, meine Omi, mein Engel auf Erden.

Jeden Freitagabend feierte sie den Schabbath. Bei den Juden fängt ja der neue Tag mit dem Untergang der Sonne an. Das heißt, wenn freitagabends die Sonne untergegangen ist, hat der Schabbath schon angefangen. Alle rituellen Handlungen werden vom Hausherrn ausgeführt. Wenn kein Hausherr mehr da ist, dann übernimmt zunächst der älteste Sohn diesen Dienst sobald er das dreizehnte Lebensjahr vollendet hat. Wenn es den Sohn auch nicht gibt, dann macht es die Hausfrau.

So saß die Oma denn oftmals ganz für sich allein an ihrem Schabbestisch.

Aber, wenn meine Mutter auf Reisen war, rief die Oma mich „Jingle kimm araijn, es is Schabbes".

War meine Mutter zu Hause, hatte ich sie zu fragen: „Liebe Mutti, darf ich mit der Oma Schabbes machen?" Abschlagen konnte sie es ja nicht, obgleich es ihr nicht recht war. Aber ich wagte kaum sie zu fragen. Ich kannte ihre Abneigung zum Judentum. Meine Mutter hatte zum Judentum so viel Beziehung wie die Kuh zum Polka-Tanzen.

Wenn ich dann in das Zimmer der Omi kam, hatte sie den Tisch festlich weiß gedeckt. Zwei silberne Leuchter mit großen weißen Kerzen brannten. Zwei Berches (zu Zöpfen geflochtenes Weißbrot), man sagt auch „Challes lagen unter einer roten Samtdecke. Daneben stand ein Glas mit rotem Wein. Oma sprach dann die Segenssprüche über Brot und Wein. Sie hatte ihr altes Gebetbuch aufgeschlagen. Natürlich konnte sie alle diese Gebete auswendig, aber die Tefillah (Gebetbuch für Segenssprüche und den wichtigsten Text der jüdischen Geschichte „Schemah Jisroel höre Israel) gehört eben dazu. Für mich hatte sie eine „Kippah" (Käppchen), ohne Kopfbedeckung darf ein Jude keinen Segensspruch sprechen. Er darf auch nicht ohne Kopfbedeckung in die Synagoge gehen. Die Kippah war wunderschön. Sie war aus Samt und mit Goldfäden bestickt.

Wenn meine Omi Schabbes machte, war sie wohl in Gedanken weit weg von Hamburg, vielleicht in den Weiten Russlands. Oder in der argentinischen Pampa. Ich weiß es nicht.

Nach der Einweihung des Schabbes brachte Oma ihre unvergleichliche Hühnersuppe auf den Tisch. Manchmal erzählte sie Geschichten, aber nicht oft. Ich sagte es schon.

Es waren wunderschöne, für mich unvergessliche Tage. Ich muss es immer wieder sagen, denn sie waren für mich unvergleichlich schön. Am Abend so eines Schabbes sagte sie dann zu mir. „Mein sießes Jingele, es is Zaijt ze gehen schlafen. Sie legte mir die Hand auf meinen Kopf und sagte: „Sollst sein gebenscht (gesegnet). Gut Schabbes, maijn Jingele. Ich weiß sie hat mich sehr gerne gehabt. Nur eines habe ich nie begriffen. Die Omi wollte nie von mir geküsst werden. Sie küsste auch selber nicht. Immer wenn ich sie meine kleinen Arme nahm, um ihr einen Kuss auf die Wange zu drücken, sagte sie fast verschämt: „Jingele nisch kussen". Aber ich weiß, sie hat mich trotzdem sehr lieb gehabt.

Heute kann ich nur noch in Gedanken sagen: „Meine sieße Bobbe (das jiddische Wort für Großmutter), es gibt sie nicht mehr. Ich kann nur noch an sie denken. Manchmal sage ich dann in Gedanken: „Gut Schabbes, Omi.

„Aber nun will ich weiter erzählen von unserer Wohnung. Gegenüber von Omas Tür war die Eingangstür zur Küche. Die Küchen der damaligen Mittelstandswohnungen waren wahrscheinlich berechnet für Riesenfamilien. Aber meistens waren die damaligen Küchen auch das Alltagswohnzimmer. Zumal im Winter, denn in der Küche war es schön warm. Da gab es einen Kohleherd, der hätte gereicht, um das Essen für ein mittleres Restaurant zu kochen. Um den Herd herum war eine Messingstange. Zum Schutz und gleichzeitig zur Zierde. Die durfte ich regelmäßig putzen. Mit Sidol und so, das gab es damals schon.

Es gab in der Küche natürlich kein Heißwassergerät. Das heiße Wasser wurde im Kessel auf dem Herd gemacht. In einigen der alten Wohnungen aus der Zeit gab es im Herd einen Behälter. Darin konnte man heißes Wasser speichern. Natürlich nur, wenn im Herd ein Feuer brannte. Wir hatten so einen Herd. Auch einen Gasherd mit Backofen hatten wir schon. In der Küche stand die übliche Putzkommode. Darin wurde allerhand Kram aufbewahrt, den man aus dem Weg haben wollte. Auch die Millionenscheine aus der Inflationszeit waren darin untergebracht. Es waren verschiedene Schubladen für allerlei Dinge vorgesehen. In einer Lade war meistens etwas Werkzeug. Es gab ein Hängeschränkchen an der Wand mit Schubladen, die waren aus Steingut oder Porzellan. Darin wurde Zucker, Salz und ähnliches gespeichert. Eine Schublade hatte die Aufschrift „Nudeln. Da waren aber keine Nudeln drin, sondern das Futter für den Papagei, der auch in der Küche wohnte. Wegen der Schublade nannte ich den Papagei „Nudel. Nudel wurde regelmäßig gefüttert und gesäubert, natürlich von mir. Dieses Amt gehörte zu den Ämtern die meine „liebe Mutti mir so im Laufe der Zeit „übertrug. Von der Küche aus kam man in mein Zimmer. Auch das war sehr geräumig. Wenn ich an die „Kinderzimmer" denke, die heute gebaut werden, da kann ich nur lachen. Das wären früher Abstellräume gewesen.

Ich hatte ein großes Bett in meinem Zimmer. Man konnte wunderbar darin hopsen, fast wie auf einem Trampolin. Natürlich durfte das meine „liebe Mutti" nicht wissen. Ich machte das auch nur, wenn mein Cousin Hannes zu Besuch kam.

Leider war das nicht all zu oft. Hannes war einer der Söhne von Onkel Max. Meine Mutter war dann beschäftigt, denn Hannes kam ja nicht allein, sondern mit seinen Eltern. Während ich dieses Buch schreibe, denke ich an Hannes. Er ist vor zwei Jahren verstorben, im Alter von vierundachtzig Jahren. Hannes war mein Lieblingscousin. Ich hätte ihn mir als Bruder vorstellen können. Damals waren wir beide noch Kinder. Wenn meine Mutter gewusst hätte, dass wir mit meinem Bett Trampolin spielten, hätte sie mich windelweich geschlagen. Ich bekam so wie so jede Menge Prügel. Ohne Grund, einfach so. Oftmals dachte ich, es macht ihr Spaß mich zu verhauen. Das hätte mir ja auch nichts ausgemacht, wenn es mir nicht so wehgetan hätte.

In meinem Zimmer fühlte ich mich am wohlsten. Da ließ sie mich in Ruhe. Wenn meine Mutter zu Hause war, wurde ich sehr oft mit den Hühnern ins Bett geschickt, auch später als ich schon zur Schule ging. Ich glaubte damals, wir hätten eine riesige Familie. Ich hörte nämlich immer wieder von neuen Onkels. Das ging dann etwa so: „Bübchen, du musst heute mal früh ins Bett. Mutti muss zu dem Onkel Dings." Weiß der Deibel wie die Kerle alle hießen. Ich musste ins Bett, oftmals während draußen die Sonne schien, und die anderen Kinder noch auf der Straße spielten. Meine Mutter dachte, wenn ich im Bett bin, brauchte sie sich nicht weiter um mich kümmern. Allerdings so viel Anstand besaß sie denn doch, die Onkels kamen nicht zu uns in die Wohnung. Bis auf einen, Onkel Ernst, aber der spielte eine besondere Rolle.

Wenn ich zum Fenster herausschaute, sah ich auf einen gewaltigen Lindenbaum. Oftmals denke an das Lied, welches die unvergessliche Alexandra sang, „Mein Freund der Baum. Ja, ich hatte so einen Freund. Die Vögel sangen in seinen Zweigen und wenn ich in den Lindenbaum schaute, dann hatte ich das Gefühl nicht mehr allein zu sein. Manchmal versuchte ich die Blätter zu zählen, aber es gelang mir nie. In der Regel konnte ich auch nicht zu Omi gehen, wenn meine Mutter, wie man so schön in Hamburg sagt, „auf den Zwutsch ging. Omi ging sehr früh schlafen, weil sie eben schon kränklich war. Noch früher als ich. So lag ich denn oftmals in meinem Bett, wenn draußen herrlicher Sonnenschein war und die Vögel lustig sangen.

Eines allerdings, das hatte ich sehr schnell begriffen. Wenn ich im Bett lag, dann hatte ich meine Ruhe. Darum sehnte ich mich, so grotesk das klingen mag, bei dem großen Pensum, welches ich abzuschlafen hatte, sehr oft nach meinem Bett. Was auch immer am Tage passieren mochte, ich redete mir ein: „Heute Abend liegst du in deinem Bett und morgen sieht die Welt ganz anders aus." Diese Gewissheit konnte ich viele Jahre haben. Bis mir eines Tages sehr drastisch beigebracht wurde, dass es absolut nicht so sein musste. Aber da war ich denn auch schon größer. Aber zu dem Zeitpunkt, den ich hier beschreibe, war meine Welt, wenigstens nach außen hin, noch relativ rund. Nicht nur für mich. Wenn ich im Bett lag, träumte ich von besseren Zeiten und vor allem von dem, was ich in diesen besseren Zeiten alles tun wollte. Auf diese Weise lernte ich sehr früh mit mir allein zu sein, aber ich habe diese Lehre mit vielen Tränen bezahlt.

Vielleicht ist das auch der Grund, aus dem ich mich viele Jahre lang so schwer an andere Menschen anschließen konnte. Aber ansonsten war ich der unbestrittene Liebling.

Ich sagte immer ich sei in Schnelsen geboren, wenn mich jemand fragte. Das stimmt aber nicht ganz. Die eigentliche Geburt spielte sich im israelitischen Krankenhaus in Hamburg St. Pauli ab. Somit bin ich ein echter St. Paulianer. Wenn auch die Schnelsener behaupten: „Dat is een von uns. Auf diese Weise habe ich den auch zwei „Heimaten, ich muss aber sagen, St. Pauli ist mir näher als Schnelsen.

Aber nun weiter zu unserer Wohnung auf St. Pauli. Einen Schrank hatte ich nicht in meinem Zimmer. So kleine Schätze wie man sie als kleiner Junge gerne hat, konnte ich nirgendwo verstecken. Vielleicht ein Katapult oder ein kleines Taschenmesser. Das ging nicht. Es gab nur ein Regal, das hatte immer vorbildlich übersichtlich aufgeräumt zu sein. Grundsätzlich wollte meine Mutter mein Zimmer mit einem Blick erfassen. Sie wollte genau wissen, womit ich mich beschäftigte. Ich hatte wohl auch Spielzeug, aber kaum Gelegenheit damit zu spielen.

Das war so im Großen und Ganzen unsere Wohnung. Fehlt noch die Toilette. Das war gerade kein Plumpsklosett. Es sah zwar so aus, war aber schon mit Wasserspülung. Die Beleuchtung der Wohnung kam vom Gaswerk. Meine Omi traute dem Gas nicht und brannte deshalb des Abends eine Petroleumlampe. Natürlich war auch der Flur nicht beleuchtet. Machte man die Wohnungstüre auf, erklang ein „Plim. Dasselbe „Plim hörte man, auch wenn man die Türe wieder zu machte. Fast jede Wohnung hatte damals so eine Glocke. In einigen „Tante Emma Läden gab es nach dem zweiten Weltkrieg immer noch so eine „Plim-Glocke. Wenn Onkel Ernst ging oder kam, hielt er immer die Glocke fest, er konnte das „Plim nicht ertragen. Wir auch nicht, aber wir waren nicht so lang wie Onkel Ernst. Wir hätten auf einen Stuhl steigen müssen, um die „Plim-Plim-Glocke festzuhalten.

Ich habe schon ein paar Mal Onkel Ernst angeführt. Er war der „Dauerbewerber", wahrscheinlich der Einzige, der meine Mutter wirklich geliebt hat, auch nachdem er ihren Charakter erkannt hatte. Ich werde noch von ihm und seiner Familie erzählen. Onkel Ernst und vor allem seine Familie, haben später in meinem Leben eine sehr wichtige Rolle gespielt. Um es vorweg zu nehmen, ohne diese wunderbare Familie würde ich diese Zeilen nicht schreiben können. Wie meine Mutter zu Onkel Ernst stand, ist mir nie richtig klar geworden. Ich meine, sie duldete ihn aus Berechnung. Aber ich kann mich auch irren. Aber warum hat sie dann aber immer wieder andere Onkels an Land gezogen?

Das war nun unsere Wohnung. Ach ja, das Treppenhaus fehlt noch. An und für sich nicht interessant. Es waren einfache Holzbohlen, völlig ausgetreten.

Das ganze Stiegenhaus war halb dunkel. Abends wurde es mit einer trüben Gasfunzel notdürftig beleuchtet.

Für mich nur erwähnenswert, weil ich es alle zwei Wochen zu putzen hatte. Eben fällt mir ein, es gab auch einen Hausmeister. Der hieß Kunz. Onkel Ernst sagte immer „Knust" zu ihm. Das brachte den armen Kunz immer auf die Palme.

Die Aufgaben, die mir meine Mutter zuteilte, erst mit Schmus, nachher mit Druck und Schlägen, wurden begründet mit dem Argument: „wenn die Kinder klein sind, dann sind die Eltern für sie da. Wenn sie größer sind, dann sind sie für die Eltern da. So einfach war das für sie. Aber ich war doch auch noch klein. Wo war meine „liebe Mutti, wenn ich sie dringend brauchte?

Diese ganze Beschreibung gehört in die Eckernfördernstraße Nr. 94, dritter Stock. Gegenüber dem jüdischen Krankenhaus. Gebaut von Salomon Heine, dem Onkel des Dichters Heinrich Heine. Dahin waren wir gezogen, nachdem meine Oma aus irgendeinem mir nicht bekannten Grunde ihre Villa in Schnelsen, einem Hamburger Vorort, losgeworden war.

2. Schnelsen – meine Omi

Ich erinnere mich an Schnelsen nur sehr schwach. Alles was ich weiß, kenne ich eigentlich mehr vom Hörensagen. Allerdings habe ich das Haus noch sehr gut in meinem Gedächtnis. Auch die Adresse weiß ich noch. Hamburgerstraße 150. Es war ein großes Haus, im Stil der Jahrhundertwende 1890-1900. Es gab dort zwölf Zimmer und zwei Badezimmer, viele Nebenzimmer und viele Gelasse. Selbstverständlich gab es auch zwei Mädchenzimmer. Vor und hinter dem Haus war jeweils ein großer Garten. Aber wie kam es zu dieser Villa? Wie kamen wir nach St. Pauli?

Nachdem Marc-Meijr die Omi verlassen hatte, sind drei seiner Kinder zu ihm gegangen. Ob Onkel Max auch zu ihm gegangen ist oder zu jemand anderem, weiß ich nicht. Ich glaube er ist zu Marc Meijr gegangen, denn sein Vater war ja schon lange verstorben. Ich hatte einmal zufällig einen Gesprächsfetzen diesbezüglich aufgeschnappt.

Wahrscheinlich ging es Marc-Meijr finanziell besser als der Omi. Bei Omi war wahrscheinlich Kohldampf Küchenmeister. Auf jeden Fall habe ich Onkel Max und seine Frau, meine Tante Lisbeth, erst kennen gelernt, als sie schon verheiratet waren. Da lernte ich dann auch meine Halbcousins und meine Halbcousine kennen.

Später machte ich dann auch Bekanntschaft mit Tante Bertha und ihrem Mann. Genau wie Onkel Alex. Nur Onkel Jacob habe ich viele Jahre später einmal durch Zufall gesehen. Aber ich will nicht vorgreifen.

Soweit ich zurückdenken kann, war meine Mutter mit der Omi allein. Es mag so aussehen, dass meine Mutter aus Kindesliebe bei Omi blieb. Aber die Tatsachen haben leider gezeigt, dass dieses nicht der Fall war. Meine Mutter hatte schon sehr früh erkannt, dass sie ihre Mutter beherrschen konnte. Omi hatte außer Landwirtschaft nichts gelernt. Sie kam mit der deutschen Sprache nur sehr schlecht zurecht. Natürlich versuchte sie sich irgendwie durchzuschlagen. Aber in einer Stadt wie Hamburg war das nicht einfach. Omi versuchte sich im „Partiewarengeschäft". Partiewaren, das ist ein hochragendes Wort, aber es heißt nichts anderes als Trödelhandel.

Der Trödelhandel entstand vor Hunderten von Jahren. Es war die Zeit, in der die Juden keine handwerklichen und intellektuellen Berufe ausüben durften. Sie durften nicht studieren und konnten keine Anwälte oder Ärzte werden. Es sei denn mit ausdrücklicher Genehmigung, belegt durch Schutzbriefe, die teuer erkauft werden mussten.

Nur das Geld verleihen, gegen Zins, war den Juden erlaubt. Das war den Christen ursprünglich verboten. Die Schuldner mussten ein Pfand hinterlassen. Das waren aber nicht immer große Dinge wie Häuser oder Grundstücke. Nein, sie hinterlegten alles Mögliche. Hausrat, Kleidung Schmuck, kurz alles, was sich transportieren ließ. Konnten die Schuldner nach Jahr und Tag die Schuld nicht zurückbezahlen, durften die Pfänder einbehalten werden. Auf diese Weise häuften sich bei den jüdischen Geldverleihern unheimliche Mengen an gebrauchten Gütern an. Die versuchten sie nun an Leute zu veräußern, die nicht viel Geld in der Tasche hatten. So entstand der Trödelhandel.

Man sagt den Juden immer nach, sie seien die geborenen Händler und Geschäftemacher. Ich weiß aus eigener Erfahrung, von hundert Juden haben achtundneunzig keine Ahnung vom Geschäft. Meine Oma gehörte zu den achtundneunzig, und ich gehöre auch dazu. Genauso sagt man den Juden Klugheit nach. Auch das stimmt nicht. Es gibt genauso viel dumme Juden wie in jeder anderen Konfession. Ein jüdisches Kind, aufgewachsen in einer orthodoxen Familie, kann unter Umständen, mit vier oder fünf Jahren schon etwas aus der Thora vorlesen. Damit hat es sich aber auch schon.

Zurück zur Omi. Sie war keine Geschäftsfrau, aber sie war auch zu stolz, um zur jüdischen Gemeinde zu gehen und um Unterstützung zu bitten. Man hätte ihr helfen müssen und man hätte es auch getan. Aber die Oma ging nicht hin. Man sagt nicht umsonst: „Der Jude stirbt nicht Hungers, nein, er stirbt an seinem Stolz."

Nun fehlen mir ein paar Jahre. Nicht etwa, weil ich etwas vergessen habe, nein ich habe nie gewusst, was in den Jahren bis 1925 wirklich passiert ist. Da gibt es nur einige Tupfer vom Hörensagen.

Kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges hatte meine Omi einen Laden in der Jägerstraße auf St. Pauli, nachdem sie einen Laden im Rademachergang, im alten Gängeviertel von Hamburg, gehabt hatte. Das Gängeviertel war der Rest von dem ursprünglichen alten Hamburg. Der Laden in der Jägerstraße brachte natürlich nichts ein. Genauso wie der vorherige Laden. Omi war eben keine Geschäftsfrau.

Inzwischen hatte meine Mutter aber einen kleinen Nebenverdienst. Es gab auf St. Pauli zwei Theater, die einen guten Namen hatten. Da waren einmal die Schilleroper und dann das Carl-Schulze-Theater. Von der Schilleroper bekam meine Mutter schon recht früh Kinderrollen angeboten. Sie muss das wohl recht gut gemacht haben, denn von der Schilleroper aus wurde sie dann dem Carl-Schulze-Theater als Elevin vorgeschlagen. Aus dem Carl-Schulze-Theater gingen viele gute Namen hervor. Die sagen der heutigen Generation wenig, obgleich sie zu den großen Schrittmachern für das heutige Theater gehören. Siegfried Arno, Felix Bressart, Reinhold Schünzel, um nur einige von ihnen zu nennen. Es waren Namen, die zu jener Zeit in aller Munde waren.

Meine Mutter ist im Jahre 1899 geboren. Im Jahre 1912 war sie also dreizehn Jahre alt. Da muss sie wohl erkannt haben, dass sie den Geschäftssinn hatte, der meiner Omi fehlte. Die Jägerstraße war eine Verbindungsstraße zum Hafen. In Scharen liefen die Hafenarbeiter zweimal am Tage an dem Laden vorbei. Einmal morgens ganz früh, wenn sie zur Schicht gingen, und dann des Nachmittags, wenn sie von der Schicht kamen. Da musste doch Geschäft zu machen sein. Wenn nicht da, wo sonst. So mochte meine Mutter gedacht haben. Mit alten Möbeln und alten Kleidern konnten die Hafenarbeiter natürlich nichts anfangen. Also warf meine Mutter kurzerhand den alten Kram aus dem Laden und stopfte ihn voll mit Sachen, die für die Hafenarbeiter brauchbar waren. Buscheruns, das sind die blauweiß gestreiften Arbeitskittel, Ölzeug, Gummistiefel, Arbeitshosen und vieles andere mehr. Alles Neuware. Dazu stand sie morgens um sechs Uhr vor der Tür und lud die Arbeiter zum Kauf ein. Wenn meine Mutter ins Theater musste, dann machte die Omi den Verkauf. Das hatte sie inzwischen gelernt.

Meine Mutter war schon als Kind sehr hübsch. Das mag wohl ein zusätzlicher Anreiz für die Hafenarbeiter gewesen sein, in den Laden zu gehen. Da mag sie wohl auch die erste Erkenntnis gewonnen haben, dass sich mit Schönheit Geld verdienen ließ. Das Geschäft lief dann auch immer am besten, wenn meine Mutter vor der Türe stand. Die Arbeiter kauften und sie bekamen reelle Ware für ihr Geld. Also kamen sie auch wieder. Auf diese Weise machte meine Mutter in dem Laden bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges fünfzigtausend Goldmark. Davon wurde die Villa gekauft.

Das, was ich eben erzählt habe, weiß ich von meiner Mutter. Wenn sie, was nicht sehr oft vorkam, mir gegenüber gut gelaunt war, erzählte sie schon mal. Dabei musste man allerdings immer aufpassen, ob sie wirklich Tatsachen zum Besten gab, oder ob sie sich einmal wieder ins imaginäre Rampenlicht setzen wollte.

Was jetzt kommt, weiß ich nur vom Hörensagen. Von allen möglichen Leuten, die jemals mit meiner Omi in Kontakt gekommen waren. Wie auch immer.

Wenn man von guten Zeiten für meine Omi reden konnte, dann waren das die Zeiten, die sie in Schnelsen verbracht hat. Da war sie wenigstens in etwa in ihrem Element. Sie hatte einen, man kann schon sagen, riesigen Garten. Der musste ein richtiges kleines Paradies gewesen sein. Omi konnte nach Herzenslust pflanzen und ernten. Gemüse, Kartoffeln, aber vor allen Dingen Blumen, soviel wie sie nur wollte. Obgleich sie im Zimmer, wie ich schon erzählt habe, keine Blumen mochte, im Garten hat sie Blumen über alles gerngehabt. Sie hatte nette Nachbarn. Wenn nicht die Trennung von Mann und Kindern gewesen wäre, hätte man sagen können: Es ging ihr gut. Aber es ist ja niemals etwas vollkommen.

Jetzt kommen die Jahre, über die mir auch niemand Auskunft geben konnte oder wollte. Meine eigene Erinnerung an Schnelsen setzt 1925 ein. Was war geschehen nachdem meine Omi und meine Mutter in die Villa eingezogen waren. Rätsel? Auf jeden Fall kann ich mich nicht an meine Mutter in Schnelsen erinnern, obgleich sie später wohl manchmal davon sprach, dort gewesen zu sein. Sie erzählte einmal, ihre Katze hätte sie von der Straßenbahn abgeholt, wenn sie spät abends nach Hause kam. Die Straßenbeleuchtung war ja damals nicht so wie heute. In den Vorstädten wie Niendorf und Schnelsen gab es überhaupt keine Straßenbeleuchtung.

Es muss da auch ein Dienstmädchen gegeben haben. Diesem Mädchen sagte meine Mutter nach, „sie ginge an den Vorrat im Weinkeller." Ob das so war, weiß ich nicht. Ob da überhaupt Wein gewesen ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Und wenn, dann hat er mit Sicherheit still vor sich hin getrauert. Meine Mutter hat nie getrunken, wenigstens zu Hause nicht. Das hätte ich ja merken müssen.

Meine Mutter war natürlich durch den Beruf viel auf Reisen. Sie hatte, nachdem sie die Elevenzeit am Carl-Schulze-Theater hinter sich gebracht hatte, nun Engagements in ganz Deutschland. Aber wahrscheinlich, wie es im Fachjargon heißt, in der Provinz. Das sagt natürlich nichts Negatives aus, denn viele große Schauspieler haben sich ihre Sporen in der Provinz verdient.

Angeblich habe ich in Schnelsen das Laufen gelernt, indem ich die Gänse jagte, die meine Omi mästete. Aber noch andere Dinge waren passiert. Unter anderem war ich geboren worden. Meinen Vater wird sie ja wohl irgendwo kennengelernt haben.

Ich habe meinen Vater fast nicht gekannt. Ich weiß nicht einmal, ob ich ihn bewusst überhaupt mal gesehen oder überhaupt mal wahrgenommen habe. Sicher weiß ich nur das Eine.

Er hieß Heinz Hermann Himmelreich. Geboren zu Eger (heute Cheb), tschechischer Staatsbürger. Kann sein, kann auch nicht sein. Er starb an einer so genannten Wanderkugel. Das gab es früher als die Operationsmöglichkeiten noch nicht so fortgeschritten waren wie heute. Er war im ersten Weltkrieg verwundet worden und die Kugel war zum Herzen gewandert.

Ich will das kurz erklären. Der menschliche Körper versucht jeden Fremdkörper abzustoßen. So auch eine Gewehrkugel. Der Fremdkörper sucht sich dazu eine Stelle, aus der er problemlos den menschlichen Körper verlassen kann. Meistens ist das ein Ohrläppchen. In ganz seltenen Fällen wandert dieser Fremdkörper aber durch die Venen zum Herzen. Dann eben kommt es zu einer Embolie. Das Herz hört auf zu schlagen. Genau das soll bei meinem Vater passiert sein. Heute sind diese Fälle für die Medizin problemlos. Aber damals war man noch nicht so weit mit der medizinischen Technik.

Mein Vater kam aus einer streng katholischen Familie. Das muss authentisch sein. Meiner Omi passte das natürlich überhaupt nicht. Obwohl, wie ich später erfuhr, die Familie meines Vaters angeblich nach den zehn Geboten gelebt haben soll. Liebe deinen Nächsten wäre dann bei ihnen wichtig gewesen. Da hätte die Konfession überhaupt keine Rolle gespielt. Vielleicht hat meine Mutter ihm auch verschwiegen, dass sie Jüdin war.

Allerdings hätte meine Mutter mich rechtzeitig informiert über die Familie meines Vaters, dann wäre mir vieles erspart geblieben in den späteren trüben dreißiger und vierziger Jahren.

Angeblich konnten meine Eltern nicht heiraten, weil mein Vater vorher gestorben war. Alle diese Dinge müssen wohl irgendwie stimmen. Sie wurden oft genug erzählt. Allerdings wurde immer nur im Groben darüber gesprochen. Den Namen meines Vaters habe ich erst erfahren, als es meiner Mutter in der Nazizeit an den Kragen ging. Da war es für mich schon fast zu spät. Vorher wurde mir mein Vater verschwiegen. Ich konnte mir keine Vorstellung von ihm machen. Was für ein Mensch war er? Wie sahen seine Träume aus? Nichts aber auch gar nichts hielt meine Mutter für wichtig genug, um es mir mitzuteilen. Dabei war es so ungeheuer wichtig für mich. Aber auch das wurde mir erst viel später bewusst. Mein Vater wurde mir so vermittelt, als sei er eine unwirkliche Figur, die irgendwo in der Welt herumgegeistert war. Vor allem geisterte überall die Ansicht: „Wenn Erwachsene sich unterhalten, haben die Kinder zu verschwinden. Es geht sie nichts an, was da gesprochen wird. Das war das alte preußische Erziehungsprinzip. So ganz nebenbei erfuhr ich, dass mein Vater gestorben war. Aber man sagte mir nicht wann. Ich hätte so gerne meinen Kindern etwas von ihrem Großvater erzählt.

Später in den Jahren der Naziherrschaft wurden diese Erzählungen irgendwie belegt. Sie haben für mich eine lebenswichtige Rolle gespielt. Also muss etwas dran gewesen sein. Aber ich, für den es damals so lebenswichtig war, diese Dinge zu wissen, erfuhr davon buchstäblich im allerletzten Augenblick. Da war es wie gesagt schon fast zu spät. Natürlich bestand bei den Erzählungen meiner Mutter immer die Gefahr, dass sie Wahrheit und Legende vermischte, um sich selber nicht in ein zu schlechtes Bild zu setzen. Nicht nur mir gegenüber.

Aber wir sind noch in den zwanziger Jahren. Nun hatte meine Mutter ein uneheliches Kind. Das war nicht nur in jüdischen Kreisen ein Makel.

Es musste schnellstens ein Mann her, der diesen Makel auslöschte. Diesen Mann gab es dann auch, in der Gestalt des Erich Mendel Maximilian Alexander. Ob er gut oder schlecht war, das kann ich nicht mehr sagen. Ich erinnere mich sehr vage an ihn. Aber meiner Omi war er genehm. Er hatte zwei Funktionen. Er war Verwaltungsbeamter. Als solcher Lehrer und er war Chasan (Vorsänger in der Synagoge). Dabei war ausschlaggebend, dass er Chasan war. Wenn ich ihn beschreiben sollte, dann müsste ich passen. Ich kann mich ganz schwach an eine Begebenheit erinnern. Ich glaube, ich war damals etwa drei Jahre alt, denn ich konnte schon laufen und sprechen.

Es war an einem jüdischen Feiertag in Magdeburg. In einer Synagoge. Ich hatte eine grüne Fahne in der Hand. Der Fahnenstock war schwarz und der war frisch gestrichen worden und noch nicht ganz trocken. Ich erinnere mich an meine schwarzen Hände. Wahrscheinlich war es das Fest „Simcas Thora" Der Tag der Gesetzesfreude. Also, Gedenken an den Tag an dem die Israeliten von Moses die zehn Gebote bekommen haben. So die Legende. An anderen Tagen geht es in der Synagoge nicht so fröhlich zu. Aber das ist dann auch die einzige Erinnerung, die ich als Kind an Max Erich Mendel Alexander hatte. Allerdings sollte ich später noch zweimal an ihn erinnert werden. Es ist mir auch rätselhaft, wie ich nach Magdeburg gekommen bin.

In jüdischen orthodoxen Kreisen spielte das Einkommen des Schwiegersohnes eine zweitklassige Rolle. Wichtig war, dass er ein frommer Mann war. Wenn er auch ein armer Hund war und keinen Beruf hatte. Wenn er sich nur täglich mit dem Studium der Thora beschäftigte. Die Familie war dann gerne bereit ihn, wenn es dann sein musste, ein Leben lang mit durchzuschleppen. Auch wenn sie selber kaum etwas zum Knabbern hatte. Sie träumten dann immer „vielleicht wird doch noch einmal ein Rabbiner aus ihm". Bei den modernen jüdischen Familien gibt es das heute Gott sei Dank nicht mehr. Bei meiner Mutter auch damals nicht. Einer, der kein geregeltes und sehr gutes Einkommen hatte, war bei meiner Mutter gar nicht denkbar. Auch mein Vater war nicht gerade ein Niemand. Er war Zahnchirurg. Das weiß ich heute.

Natürlich hatte auch Erich Mendel Maximilian Alexander ein gutes Einkommen. Er hatte sogar zwei Einkommen. Einmal sein Gehalt als Lehrer und dann sein Einkommen von der jüdischen Gemeinde als Chasan. Ob er ein frommer Mann war, wie es im jüdischen Kreisen heißt, weiß ich nicht.

Ich habe viele Vorsänger kennengelernt, die nahmen es mit der Frömmigkeit nicht all zu genau. Die Vorsingerei brachte ja Geld und gar nicht mal wenig. Je nachdem, ob die Gemeinde reich oder arm war. Das andere brauchte man ja niemandem auf die Nase zu binden. Aber meiner Omi war es Recht, dass meine Mutter Erich Mendel Maximilian Alexander heiratete. Er gab mir seinen Namen. Adoptiert hat er mich Gott sei Dank nicht. Dann wäre ich Deutscher geworden und das wäre später für mich das Aus gewesen. Aber ich will nicht vorgreifen. Es wurde nur, wie es so schön im Gesetz heißt, eine „Einbenennung" vorgenommen. Wie gesagt, Omi war

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