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Vom Menschen als utopischem Wesen: Vier Essays

Vom Menschen als utopischem Wesen: Vier Essays

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Vom Menschen als utopischem Wesen: Vier Essays

Länge:
211 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
12. März 2012
ISBN:
9783905811544
Format:
Buch

Beschreibung

Ernst Robert Curtius sagte über José Ortega y Gasset: "Er ist vielleicht der einzige Mensch in Europa, dem es gegeben und gemäß ist, mit der gleichen Intensität des Interesses, der gleichen Sicherheit des Urteils, dem gleichen Glanz der Formulierung über Kant wie über Proust, über Debussy wie über Scheler zu sprechen. Zwischen vorgeschichtlichen Kulturen und kubistischer Malerei scheint es nichts zu geben, was diesen Kritiker nicht interessierte." Das Buch "Vom Menschen als utopischen Wesen", das im Europa Verlag erstmals im Jahre 1951 erschien, versammelt vier Essays, die Curtius' Urteil begründen: Ideen und Glaubensgewißheiten, Insichselbst-Versenkung und Selbstentfremdung, Glanz und Elend der Übersetzung und Ideen für eine Geschichte der Philosophie. Ob Ortega von den Phänomenen des Denkens und Glaubens, der Selbstversenkung und -entfremdung ausgeht oder von der Geschichte der Philosophie: nach wenigen Sätzen ist er in den Tiefen der Problematik und - wie er meint - des wesentlich utopischen Charakters des menschlichen Tuns. Er öffnet dem Leser die Augen für Einsichten und Zusammenhänge, die ihm bis dahin, wenn nicht fremd, so doch nicht klar bewußt waren.
" Das Schicksal - das Privileg und die Ehre - des Menschen ist es, niemals ganz zu erreichen, was er sich vornimmt und bloßer Anspruch, lebende Utopie zu sein. Immer schreitet er der Niederlage entgegen, und schon ehe er in den Kampf eintritt, trägt er die Wunde an der Schläfe." (Ortega y Gassett)
Herausgeber:
Freigegeben:
12. März 2012
ISBN:
9783905811544
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Buch

Über den Autor


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Vom Menschen als utopischem Wesen - Ortega y Gasset

Jose Ortega y Gasset

Vom Menschen

als utopischem Wesen

Vier Essays

Mit einer Einführung

von Eberhard Straub

Titel der Originalausgabe: Ideas y creencias

Aus dem Spanischen von Dr. G. Kilpper und Dr. G. Lepiorz Erstveröffentlichung im Europa Verlag AG Zürich, 1951

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe Europa Verlag AG Zürich, 2005 Alle Rechte, insbesondere das Recht der Übersetzung,

Vervielfältigung (auch fotomechanisch) und Verbreitung, der elektronischen Speicherung auf Datenträgern oder in Datenbanken, der körperlichen und unkörperlichen Wiedergabe (auch am Bildschirm, auch auf dem Weg

der Datenübertragung) vorbehalten.

www.europa-verlag.ch

Umschlaggestaltung: Bayerl & Ost

E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH

ISBN 3-85665-513-1

Zur Einführung

Eberhard Straub

Zur Einführung

Während des Ersten Weltkrieges hatte sich die Vorstellung von Europa als geistig gesicherter Selbstverständlichkeit aufgelöst. Zum ersten Mal in ihrer gemeinsamen Geschichte faßten die Europäer einen Krieg untereinander als erbitterten Kulturkampf auf. Selbst die heftigen Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit den Konfessionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts hatten die gesellschaftliche Einheit Europas nicht erschüttern können. Die internationale Aristokratie und wer ihr diente, Maler, Musiker, Gelehrte oder Dichter, die vornehme Welt und deren Interpreten waren nicht dazu übergegangen, einen perfekten Kavalier allein nach seinem Glaubensbekenntnis zu beurteilen oder gar zu verurteilen. Religion wurde zur Privatsache, die schönen Sitten, adeliger Anstand und guter Geschmack blieben eine verbindliche und öffentliche, eine vor-staatliche, gesellschaftliche Macht, die ihre Grundsätze gefälliger Lebensformen in einem langen Abwehrkampf zu behaupten wußte.

Um 1900 mußte ein europäischer Gedankenaustausch nicht eigens organisiert werden. Trotz lebhaft konkurrierender Nationalismen kannte sich der Adel der Herkunft, des Geistes und der etwas zweifelhafte des Geldes untereinander, besuchte sich oder setzte in zahllosen Briefen ein imaginäres Gespräch fort. Ein Netz von Freundschaften, erotischen Passionen oder zwanglosen Bekanntschaften hielt dieses „vergesellschaftete Europa zusammen, dem am unteren Ende die Internationale der Arbeiterschaft entsprach, die ihre Aufgabe darin erkannte, sich diesem Europa der Europäer einzufügen. Diese Welt zerbrach an den wechselseitigen politischen und ideologischen Schuldzuweisungen im »Großen Krieg und wurde zur »Welt von Gestern".

Jose Ortega y Gasset, 1883 geboren, Sohn eines liberalen Zeitungsverlegers, wuchs in die damals noch gemeinsame Lebenskultur hinein und wurde – nach Reisen durch Europa und Studienjahren in Leipzig, Berlin und Marburg – 1911 Professor für Philosophie in Madrid. Ihn bekümmerte das »Europa desocializado nach 1918, das fragmentierte, ungesellige, erschöpfte Europa, dessen Nationen sich weiterhin mißtrauten. Zusammen mit Benedetto Croce, Paul Valery, Hugo von Hofmannsthal, Richard Strauss oder dem Prinzen Karl Anton Rohan setzte er sich für eine schöpferische Restauration des Begriffes Europa ein, nicht als bloßer Gedanke oder blasse Idee, sondern als eine Lebensmacht, die befreiend und versöhnend unter den einander fremd gewordenen Nationen wirken sollte. Damit wurde Jose Ortega y Gasset zu einer europäischen Zelebrität. Mit seiner Ausdrucksfreude wollte er die Europäer wieder zu einer „alegría intelectual, einer geistigen Anmut, überreden, die er bei ihnen seit dem Kriege so sehr vermißte.

Das bedeutete, „vigencias colectivas" zurückzugewinnen oder neu zu entwickeln: Prinzipien und Überzeugungen, die ein Zusammenleben ermöglichen und die die mit sich selbst beschäftigten Nationen von sich ablenken und auf unterbrochene Zusammenhänge verweisen würden. Die Europäer, ohne Verständnis füreinander, hatten, wie Ortega beklagte, ihre wichtigste, oft bewährte Fähigkeit eingebüßt, auch nach einem langen Krieg zu einem tatsächlichen Frieden zu gelangen. Diese Fähigkeit setzte eben die von ihm vermißte Besinnung auf grundsätzliche Gemeinsamkeiten voraus, was auch bedeutete, den Feind als einen gleichberechtigten Konkurrenten anzuerkennen, nach dem Krieg nicht an das zu erinnern, was während des Krieges geschehen war, und davon abzusehen, nach der Kriegsschuld zu fragen und den Besiegten als Schuldigen bestrafen zu wollen. Ortega hielt an den alteuropäischen Gewohnheiten fest, wie sie sich seit 1648, seit dem Westfälischen Frieden, durchgesetzt hatten. Die Pariser Vorortverträge – von Versailles, Saint-Germain, Neuilly und Trianon – und der Völkerbund schufen keine neue Ordnung, wie Ortega den Alliierten vorwarf, sondern versetzten Europa in einen Zustand des latenten Bürgerkrieges und damit in eine Vorkriegszeit, die in einen weiteren europäischen Krieg überleiten würde. Ortega hatte im neutralen Spanien während des Krieges mit den Alliierten sympathisiert, nach dem Krieg galt seine Sympathie jedoch den Besiegten und allen Benachteiligten einer für ihn haltlosen Unordnung, die vor allem die Franzosen ängstlich als Ordnung gewahrt wissen wollten.

Regionale Egoismen oder Bedürfnisse, wie die Sicherheit Frankreichs, interessierten Ortega jedoch nicht. Ihn beunruhigte die Krise Europas insgesamt. Die autoritären Regime, die bald nach 1918 in vielen Staaten errichtet wurden, hielt er nicht für die Ursache, sondern für ein Symptom der Unruhe und der Unsicherheit, die Europa aus dem Gleichgewicht gebracht hatten. Als Spanier ließ er sich nicht von dem Schlagwort „der Untergang des Abendlandes beeindrucken. Spanien, einst die erste Weltmacht, war auch die erste europäische Nation, die 1898 gleichsam aus dem Zentrum der Welt an deren Rand gedrängt worden war, als es nach dem Krieg mit den USA seine letzten Besitzungen in Amerika und Asien verloren hatte. Das Schicksal der Spanier, eines sterbenden Volkes, wie es hieß, interessierte damals die übrigen Europäer nicht sonderlich, die sich in ihren Staaten so sicher wähnten wie die Götter Wagners in Walhall. Es gab genug Skeptiker, die davor warnten, die eigene Gefährdung zu unterschätzen, die von „decadence sprachen und Europa als ein Reich am Ende eines allmählichen Verfalls betrachteten, das prunkend seine Spätantike erlebte, während am Horizont schon die Barbaren auftauchten. Doch solche Katastrophenstimmungen konnten die Gewißheit nicht erschüttern, es herrlich weit gebracht zu haben. Die Spanier allerdings waren hellhörig für kulturkritische Melancholien und politischen Weltschmerz. Viel zu sehr mit dem Scheitern ihrer Geschichte beschäftigt, faßten sie vor dem Krieg ihre Glücklosigkeit jedoch nicht unbedingt als ein Vorspiel einer gesamteuropäischen Krise auf.

Als die Parole Oswald Spenglers nach 1918 unter den Europäern zündete, erinnerte Ortega daran, daß der „Untergang des Abendlandes" nur mit erheblichem Lärm die Zweifel hinsichtlich der Stellung Europas in der Welt verstärkte, die schon um 1900 längst bekannt waren, aber nicht ernst genug genommen wurden. Das gehörte eben zu der Frivolität und Verantwortungslosigkeit, die er bei den Eliten diagnostizierte. Diese trieben Europa in den Krieg und gaben es der moralischen Verwahrlosung anheim, welche es jetzt schwer machte, einen Ausweg zum allgemeinen Nutzen zu finden. Ortega, ein eminenter Historiker unter den Philosophen, suchte immer in der Vergangenheit nach den Ursachen von Phänomenen, die ihn irritierten oder erstaunten. Aber er neigte nicht dazu, die Geschichte als etwas Geschehenes zu überschätzen. Nicht was Völker gestern waren oder unternahmen, halte sie zusammen, wie er immer wieder bemerkte, sondern was sie morgen gemeinsam machen werden. Denn Nationen seien Arbeitsgemeinschaften, die in die Zukunft wirken wollten, weil sie sich Ziele setzten, jeweils von den Herausforderungen des Tages dazu genötigt, um nicht unter dem Druck der Vergangenheit vom rechten Wege abgelenkt zu werden. Leben entwickele sich als Zusammenleben bei der Bewältigung gemeinsamer Aufgaben. Das gelte für Personen wie für Nationen und deren Austausch im gemeinsamen Europa.

Im staatlich-nationalen Rahmen hängt Ortega zufolge alles davon ab, ob die Eliten leisten, wozu sie bestimmt sind: die diffusen Energien zu bündeln und sie auf Zwecke auszurichten, welche die Gesellschaft dynamisieren und sie davor bewahren, in Routine zu erstarren, sowie das nationale Leben dauernd in Bewegung zu halten, ungestört durch unnützes Erinnern und vergeblichen Streit. Die Eliten vermitteln zwischen der Nation und dem Staat – so Ortega –, sie verdeutlichen der Nation ihren Willen und verhelfen dem Staat dazu, seinen Willen mit dem der Nation in Übereinstimmung zu bringen, so daß eine Nation sich konstituiert in der täglichen Bereitschaft, Herausforderungen gemeinsam anzunehmen und sich in dem, was alle angeht, nicht durch Sonderbestrebungen beirren zu lassen. In Spanien gab es schon vor der Niederlage von 1898 eine heftige Diskussion über Eliten, die ihrer Bestimmung, wie es hieß, nicht genügten, das authentische Spanien gar nicht kannten und eigennützig, korrupt und geistlos jede Lebensregung erstickten. Statt Spanien zu erneuern, nutzten sie dessen Schwächezustände zu ihrem Vorteil aus. Der junge Ortega kannte diese Vorwürfe.

In Der Aufstand der Massen übertrug er später die innerspanische Kritik auf europäische Zusammenhänge. Die Massen verbitterten ihn gar nicht so sehr. Ihn ärgerte vor allem die Unfähigkeit und der mangelnde Wille der Gelehrten, Journalisten, Politiker oder Unternehmer, der Leistungseliten oder Führungskräfte, sich über das Niveau des Durchschnitts zu erheben, was sie allein dazu befähigen würde, die unbestimmten Bedürfnisse der Massen zu domestizieren und zu rationalisieren, sie vernünftigen Zwecken dienstbar zu machen. Ortega verstimmte es, daß sich die Eliten in ihrer Mittelmäßigkeit von der Masse gar nicht unterschieden, vielmehr selber nur Teil von ihr waren und daher gar nicht geeignet zu politischer, geistiger und moralischer Führung. Er warf weniger den Massen vor, daß sie sich in den Vordergrund drängten und die Protagonisten der Handlung übertönten, als vielmehr den zur Führung Unfähigen, daß sie den Massen erst zu Bedeutung verhalfen, um dann deren Wünsche für ihre eigenen Absichten auszunutzen. Darin sah er die große moralische Krise, in die Europa, wenn es sie nicht überwand, die übrige Welt hineinziehen würde, weil diese gewohnt war, sich nach dem Beispiel Europas zu richten. Denn seit Jahrhunderten habe Europa der Welt Aufgaben und Pflichten zugeteilt und sie damit geordnet. Die Welt könne nur in Unordnung stürzen, sobald Europa sich unfähig erweise, seiner Rolle weiterhin zu genügen.

Ortega hatte nichts dagegen, unter Umständen Europa neuen Weltmächten und deren Eliten unterzuordnen. Aber er sah keine rettenden Mächte am Horizont. Die USA waren Ortega zufolge noch gar nicht in der Zeit, in welcher Geschichte sich entwickelt, angekommen, sondern nur damit beschäftigt, ihren Raum, eine vorgeschichtliche Sphäre, zu organisieren, sich in ihm zurechtzufinden. Die Amerikaner waren für ihn primitive, vor-zeitliche Wesen, trotz der Technik, die sie als europäische Maske gebrauchten, um ihre Kindlichkeit und Leidensferne, ihre Unerfahrenheit mit dem Leben nicht ungeschickt zu verbergen. Von Amerika war nichts zu erwarten und nichts zu befürchten. Es galt ihm nur als Widerhall der alten Welt und als Ausdruck fremder Lebendigkeit, soweit sich Leben dort überhaupt zu erhalten und zu steigern vermochte. Ganz in Übereinstimmung mit Hegel interessierte sich Ortega überhaupt nicht für die USA, die noch nicht in der Welt als Geschichte, in der sich die Vernunft entfaltet, angekommen waren. Die Europäer hatten genug damit zu tun, mit der Weltvernunft in Übereinstimmung zu bleiben, was sie der Mühe enthob, sich Gedanken über die Amerikaner zu machen.

Europa sei ganz auf sich selbst verwiesen, auf sein innerstes Leben, wie auch jedes Individuum bei der Bemühung, in der Vielfalt des Lebens das eigene zu realisieren und damit zu der Wirklichkeit zu gelangen, die sich ihm nur in seinem ureigenen Lebensdrama zu erkennen gebe. Ortega zweifelte nicht daran, daß die Existenz Europas in der großen Krise, die plakativ als Untergang des Abendlandes beschworen wurde, in äußerste Gefahr geriet. Ihn packte deshalb der Zorn über unwürdige Eliten, die vor den Ansprüchen der Zeit versagten. Zugleich aber betrachtete er die Krise – wie Goethe einst die Französische Revolution – als „Kinderkrankheit, die durchlaufen werden mußte. War sie überwunden oder überstanden, dann würde Europa nach manchen Veränderungen zu einer neuen und glücklichen Gestalt finden. Ortega, der davon überzeugt war, daß das Ende der Neuzeit angebrochen sei, erwartete deshalb in der „Post-Moderne die Metamorphose des Nationalstaates, des auffälligsten Erzeugnisses der Neuzeit. Die europäische Unruhe, in der sich nationale Nervositäten bis zur Hysterie steigerten, führte er darauf zurück, daß der Nationalstaat für die Europäer zu eng geworden sei. So weit fortgeschritten, wie sie nun einmal seien, wollten sie sich aus ihren beengenden Begrenzungen befreien, blieben aber vorerst ihren Nationen, die sie doch nur hemmten, weiter verhaftet, weil sie noch keine begeisternde, sämtliche Energien belebende Vorstellung von Europa besäßen.

Aus den fürchterlichen Wirren aber, in denen es sich zu verlieren drohe, werde Europa herausfinden und in der künftigen Union der europäischen Staaten die Nation erkennen. Dann werde es wieder den historischen Rang einnehmen, den ihm die Geschichte zugewiesen habe. Damit tröstete Ortega sich und seine Zeitgenossen 1938, nachdem er die spanische Republik verloren gegeben und sich in die »vorgeschichtliche Welt, nach Amerika, nach Argentinien, zurückgezogen hatte, um dann ab 1941 doch an der Küste Europas, in Portugal, während der weiteren Zusammenbrüche auszuharren, die er als Voraussetzung einer Metamorphose der Gesellschaften und Staaten auffaßte. Als er im Oktober 1955 starb, hatten sechs europäische Staaten den Weg hin zu einem künftigen Europa als einem Vaterland eingeschlagen, in dem die regionalen Vaterländer »aufgehoben waren. Ortega hatte also nicht vergeblich gelehrt und gelebt. Gerade in der frühen Bundesrepublik galt dieser spanische Europäer als Autorität, als Mut machende Kraft. Seine ungeduldige Ablehnung von behaglicher Mittelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit irritierte nicht sonderlich. Sie kam vielmehr sehr gelegen im Kalten Krieg, um den Westen und die Freiheit im Kampf gegen den Sozialismus und den nivellierenden Kollektivismus als überlegene Mächte präsentieren zu können.

Ortega, der so oft mißverstanden worden war, mußte sich auch an dieses Mißverständnis gewöhnen. Er hatte den Sozialismus, den er in Deutschland zuerst kennenlernte, nie als notwendigerweise egalisierende, die unterschiedlichen Niveaus einebnende Macht betrachtet. Ihm imponierte vielmehr der sittlich-asketische Ernst der deutschen Arbeiterschaft und der Sozialdemokratie mit ihrer elitenbildenden Anspruchshaltung, die vom Begeisterten Verzicht, Disziplin, Sachgerechtigkeit, Solidarität und Treue verlangte. Denn mit solchen Sozialisten konnte man einen Staat machen, wie er ihn sich vorstellte, eine neue Ordnung schaffen, welche die Lebensenergien endlich freisetzen würde, die bislang in ihren Wirkungsmöglichkeiten eingeschränkt wurden. Zu den Enttäuschungen dieses Mannes, der die Republik nur als Mittel auffaßte, um eine ermattete Gesellschaft wiederzubeleben, gehörte, daß die spanischen Sozialisten in der Republik ab 1931 als Doktrinäre am Leben vorbei handelten und sich damit von der Idee, die sie verwirklichen wollten, ebenso entfernten wie von der Republik in der Realität. Denn Ideen lassen sich nicht eins zu eins auf die Wirklichkeit übertragen, wie Ortega unermüdlich betonte. In der Realität entfalte sich das Leben unzähliger Einzelner, die Wirklichkeiten schafften, welche wiederum die Bedingungen für das Entstehen neuer Wirklichkeiten darstellten. Konflikte könnten auftreten, wenn die Einzelnen verschiedene, nicht miteinander vereinbare Wirklichkeiten anstrebten. So entstehe mit dem Bemühen, Ideen „vernünftig" in die Praxis umzusetzen, gleichzeitig viel Irrationales.

Hier beginnt für Ortega die Unvernunft, vor der sich Europa hüten müsse, der Hort der Weltvernunft, die als zeitliche Macht ihren Raum in Europa finde und damit bekunde, wie Zeit zum Raum werde, die Geschichte an einem konkreten Ort zu ihrer Bestimmung komme – Überlegungen, die Schelling, Hegel oder Richard Wagner früher schon beschäftigt hatten. Europa blieb für ihn der Mittelpunkt der Welt und als Vorbild für diese unentbehrlich, wollte sie zu einer sittlichen Größe, zu einer freien Welt werden. Ortegas Enthusiasmus setzte allerdings eines voraus: daß die Europäer sich von allen Illusionen, Fiktionen und Utopien lösten, die ihre Lebenskraft schwächten und sie gegeneinander aufbrachten und in Kriege trieben. Das hieß für ihn, daß die Europäer zum Lebensernst zurückfinden müßten, zu Disziplin und hohen Ansprüchen an sich selbst, nicht um sich nach eigener Laune selbst zu verwirklichen, sondern um zur Freiheit innerhalb einer Ordnung zu gelangen, die notwendig wäre, um den Einzelnen in friedlicher Verbindung mit den Anderen zu halten. Denn von Natur aus sei der Mensch gerade kein geselliges Wesen.

Gesellig werde der Einzelne erst durch das Zusammenleben. Seiner radikalen Einsamkeit, der Grundbedingung seines Daseins, werde er sich bewußt im Zusammenstoß mit den Anderen. Dadurch gelange er zu einem Selbstbewußtsein, entdecke sein »Eigentum, das er gegen die selbstbewußten Energien der Anderen verteidigen müsse, um seine Freiheit zu behaupten. Damit beginne das Drama, das sich im Zusammenleben entwickele, ohne daß dessen Ausgang oder nur Fortgang sicher zu kalkulieren sei. Denn die Menschen blieben einander fremd, sie könnten nur Brücken zueinander bauen, die ihnen aber nicht dazu verhelfen könnten, den Anderen zu durchdringen und »zu verstehen. Der Mensch lebe in einer ihm auferlegten Einsamkeit. Sie werde gemildert durch Bräuche, Sitten oder Übereinkünfte, deren ursprünglicher Sinn dem Menschen in der Regel nicht mehr vertraut sei. Er folge und gehorche ihnen dennoch, weil diese sozialen Mechanismen, durch die überhaupt erst die Menschen sich allmählich zu einer

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