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Stille in Bewegung: Tai Chi und Qi Gong - Mit Übungen für Körper und Geist

Stille in Bewegung: Tai Chi und Qi Gong - Mit Übungen für Körper und Geist

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Stille in Bewegung: Tai Chi und Qi Gong - Mit Übungen für Körper und Geist

Länge:
363 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 9, 2016
ISBN:
9783958831841
Format:
Buch

Beschreibung

Die heilsamen Wirkungen von Tai Chi und Qi Gong auf Körper und Geist sind auch bei uns längst unbestritten. Linda Myoki Lehrhaupt geht es jedoch in ihrem Buch um sehr viel mehr: um das Wesen, den Kern der Erfahrungen dieser Übungspraxis.

Die Autorin stellt eine Reihe elementarer Bewegungsformen aus dem Tai Chi vor und erläutert sie durch Betrachtungen, Anregungen und Geschichten, die Tai Chi und Qi Gong in ihrer Tiefe als meditative Wege erfahrbar machen. Ihr Buch bietet vielfältige Anregungen für Menschen, die "bereits auf dem Weg" sind oder sich "auf den Weg" machen wollen.
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 9, 2016
ISBN:
9783958831841
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Stille in Bewegung - Linda Myoki Lehrhaupt

Rhein.

1Vorbereitung

Die Bewegung

Vorbereitung scheint eine relativ einfache Bewegung zu sein, aber in Wirklichkeit ist sie äußerst schwierig durchzuführen. Sie ist nicht deswegen schwierig, weil die Bewegung kompliziert wäre, sondern weil sie von uns verlangt, völlig präsent zu sein, eingestimmt auf uns selbst und unsere Umgebung. Sie lädt uns ein, uns im Augenblick zu verwurzeln. Sie ermutigt uns, ohne jene Hetze zu beginnen, mit der wir schnell zum Ende kommen wollen. Sie ist ein Körpermantra, das uns darin unterstützt, ganz im Hier und Jetzt zu sein.

Wenn Sie die erste Bewegung einer Tai-Chi- oder Qi-Gong-Form lernen, die meistens damit beginnt, dass Sie still dastehen, bevor Sie anfangen, sich zu bewegen, bekommen Sie meistens Kommentare über die Haltung zu hören. Manche empfinden es als eine Art Drill, wenn die Lehrerin Dinge sagt wie »Steh da, als hingest du an einem goldenen Faden, der an deinem Scheitel befestigt ist. Die Schultern sind entspannt, der Kopf ist erhoben, die Nase befindet sich über dem Nabel, das Kinn ist leicht eingezogen. Das Brustbein ist leicht aufgerichtet, und der untere Rücken wird lang. Deine Füße stehen fest auf dem Boden, und die Zehen sind entspannt. Deine Augen schauen mit weichem Blick geradeaus.«

Wenn wir die Anfangshaltung einnehmen, ist es ratsam, sich in Erinnerung zu rufen, dass wir keine Maschinen, Kleiderpuppen oder Statuen sind. Wir können die Haltung oder Form nicht ein für alle Mal konservieren, aber wir können sie ständig neu erforschen. Die Haltung wird uns während unserer Praxis ständig lehren; sie wird uns gefallen, befriedigen, frustrieren, bezaubern und besiegen, alles zugleich oder eines nach dem anderen mit sämtlichen Variationen dazwischen. Sie können sie an keinem Punkt fixieren oder davon ausgehen, dass sie sich nicht mehr verändert. Vielleicht wünschen wir uns diese Sicherheit, aber zu wissen, dass sie nicht existiert, ist auch eine Art von Freiheit. Wenn wir das wirklich akzeptieren, nehmen wir eines der größten Geschenke an, welche die Haltung uns zu machen hat.

Lassen Sie sich also Zeit beim Einnehmen der Ausgangshaltung. Vor Ihnen liegt noch ein ganzes Leben mit der Praxis.

Sie beginnen mit dieser ersten Bewegung der Form, indem Ihre Fersen sich im Stehen berühren und die Füße ein V bilden. Ihre Arme hängen an den Seiten herab; die Handflächen zeigen zum Körper. Ihre Mittelfinger bilden eine Linie mit der Mitte Ihrer Oberschenkel. Die Hände sind leicht gewölbt. Diese Handhaltung lässt Raum zwischen den Fingern und bewirkt eine sanfte Dehnung der Handflächen. Meister William C. C. Chen beschreibt die Hände gern als »tanzende Handteller«, was ein Gefühl von der Leichtigkeit der Energie vermittelt, die durch die Form zum Leben erweckt und aktiviert wird.

Jetzt geben Sie Ihr Gewicht an das rechte Bein ab. Statt das Gewicht zu verlagern, wobei wir oft die Hüften zu stark bewegen, lassen Sie es eher nach unten sinken. Stellen Sie sich vor, Sie stehen an einem nassen Strand, und ohne sich zu bewegen, wollen Sie mit Ihrem rechten Fuß einen tiefen Abdruck im Sand schaffen.

Machen Sie einen Schritt mit dem linken Fuß und stellen Sie ihn so, dass er geradeaus zeigt und in schulterbreitem Abstand zum rechten Fuß steht. Das Gewicht ist noch immer auf dem rechten Fuß. Jetzt verlagern Sie es fast ganz auf den linken Fuß. Dann drehen Sie sich auf der Ferse des rechten Fußes so, dass die Zehen nach vorn zeigen und Ihr rechter Fuß parallel zu Ihrem linken Fuß steht. Gleichzeitig drehen Sie beide Hände, so dass die Handflächen nach hinten zeigen. Die Finger sind weiter leicht gewölbt. Unter den Achseln bleibt so viel Raum, dass Ihre Fäuste dort Platz fänden. Das Gewicht ist nun in der Mitte.

Die letzte Position von Vorbereitung, bei der die Füße parallel stehen, heißt Wu Chi. Diese Haltung ist sowohl im Tai Chi als auch im Qi Gong die grundlegende; mit ihr beginnen und enden viele Formen. Wu Chi verweist auf die taoistische Vorstellung vom Ursprung des Universums, die Augenblicke endloser Zeit, bevor sämtliche Elemente Gestalt annahmen. Wu Chi kann auch übersetzt werden mit »Mutter aller Möglichkeiten«. Es ist ein Augenblick mit einem enormen Potential, das in allen Zeiten und Räumen wartet und diese durchdringt.

Wu Chi verkörpert eine Haltung, welche die Grundlage unserer Praxis bildet: Wir sind aufmerksam für diesen Augenblick, lauschen zugleich nach innen und außen. Wir ruhen in der Stille und Bewegungslosigkeit und sind doch bereit, in der nächsten Bewegung ganz da zu sein.

Warten am Eingang

Eingänge oder Tore sind Orte, die oft Schwierigkeiten bergen. Sie haben vielerlei Gestalt: der Geburtskanal, die Dekompressionskammer eines Raumschiffes, das Loch im Eis, das die Inuit schlagen, damit die Geister der Tiere zu ihren Vorfahren zurückkehren können. Eingänge können zu Initiationshütten, Spielhallen, Kreißsälen oder Gemächern des Glücks führen. Während wir uns im Eingangsbereich aufhalten oder eine Tür durchschreiten, befinden wir uns zwischen den Welten. Victor Turner, ein großer Anthropologe unserer Zeit, hätte gesagt, wir sind »weder dies noch das«. Weder haben wir den einen Zustand ganz hinter uns gelassen, noch sind wir in dem neuen bereits zu Hause.

Das Warten am Eingang ist eine Zeit der Erwartung. Wir warten darauf, ein Kind zu gebären, zu einer mündlichen Prüfung vorgelassen zu werden, eine Eintrittskarte für ein heiß begehrtes Rockkonzert zu bekommen, die Zusage für einen Job zu erhalten, den letzten langen Atemzug eines sterbenden Menschen zu hören. Wenn wir durch ein Tor treten, wissen wir nie genau, was uns drinnen erwartet. Deswegen gelten Eingänge in allen Kulturen als gefährliche Orte. In sämtlichen Zeitaltern haben die Menschen Riten entwickelt, um den Durchgang sicher zu gestalten.

Aber so unterschiedlich diese Riten auch sind, sie alle haben das gleiche Ziel: einen Menschen darin zu unterstützen, das Tor zu durchschreiten. Sie sollen uns weder abhalten noch die Schwierigkeiten aus dem Weg räumen. Die Erfinder dieser Riten wissen, dass sie der eintretenden Person die Macht nehmen würden, die ihr die Initiation verleiht, wenn sie ihr die Dinge erleichterten. Diese Macht liegt in der Zuversicht und dem Gefühl des Gelingens, das jemand empfindet, wenn er »angekommen« ist. Dieses Gefühl kennt jeder, der Neuland betreten hat, ob er nun einen Marathon gelaufen ist, einen Motor repariert, die Präsidentschaftswahlen gewonnen oder als Kleinkind seine ersten Schritte getan hat. Es ist lediglich eine Frage der Intensität.

Wenn Sie anfangen, Tai Chi oder Qi Gong zu praktizieren, sind Sie durch ein Tor getreten. Während die Wochen und Monate verstreichen, können die Dinge mit Leichtigkeit vorangehen. Wir haben das Gefühl, Fortschritte zu machen, vor allem, wenn wir uns dem Ende der Form nähern. Und dann plötzlich tut sich vor uns ein weiterer Eingang oder ein weiteres Tor auf. Das passiert oft an dem Punkt, wenn Sie eine Bewegung vielleicht zum zwanzigsten Mal geübt haben und sich immer noch unbeholfen fühlen oder vergessen haben, wie sie genau geht.

Plötzlich empfinden Sie das, was ein großartiges Unternehmen schien, als einen einzigen Schlamassel. Am liebsten würden Sie alles hinschmeißen! Jetzt ist das Tor ein Ausgang zu einem leichteren Leben, in dem Sie sich nicht damit quälen, eine idiotische chinesische Bewegungskunst zu lernen. Die einzige Bewegungsmeditation, die Sie jetzt gern machen würden, bestünde darin, ein Glas Wein an die Lippen zu heben, während Sie in einem französischen Café sitzen und beobachten, wie an einem strahlenden Sommernachmittag die Marktstände abgebaut werden.

In diesem Augenblick stehen wir vor einer Tür mit der Aufschrift »Ungeduld, Illusion und Frustration«. Können wir weiter am Eingang warten, ohne durch die Tür zu hetzen oder auf dem Absatz kehrtzumachen? Können wir die Einladung, die das Warten uns bietet, nämlich etwas über uns selbst zu erfahren, annehmen und alles, was geschieht, als Teil der Situation willkommen heißen, statt einiges zu akzeptieren und anderes abzulehnen? Halten wir es aus, nicht voranzustürmen, damit das Warten ein Ende hat, sondern es von Augenblick zu Augenblick anzunehmen?

John Tarrant schreibt in seinem Buch The Light Inside the Dark (Licht im Herzen der Dunkelheit) über die Macht des Wartens die eindrucksvollen Worte:

Wenn wir blockiert sind, wenn die Umstände nicht reif sind, müssen wir einen Weg finden zu akzeptieren, dass wir warten, dass wir voller Verheißung sind und nicht bloß schlafen. Ein Innehalten wie dieses ist der Kern der Praxis der Meditation. Wenn wir uns unserem Leben aufmerksam widmen, beginnt in den unterirdischen Strömungen, auch wenn nichts zu geschehen scheint, der Ausgleich, unsichtbar bis zu dem Augenblick, in dem er eintritt. Dieses Warten ist kein Bemühen darum, ein Problem zu bewältigen, noch geht es darum, ihm auszuweichen – vielmehr treten wir nur ein klein wenig beiseite, gerade so viel, dass es dem Universum möglich ist, das Problem zu erledigen.«³

Wir können die Macht des Wartens schwächen, wenn wir versuchen, es zu verkürzen, zu verlängern oder auf einen anderen Tag zu verlegen. Wenn wir wirklich bereit sind, einfach nur am Eingang zu warten, lernen wir, dass das Warten selbst der Eingang ist. Und wenn sich die Tür dann öffnet, gehen wir hinein und setzen uns. Wenn das Treffen vorbei ist, stehen wir auf und gehen. Es gibt keinen Unterschied zwischen Anfang und Ende der Form. Es sieht nur so aus.

Uns vorbereiten, aufmerksam zu sein

Es liegt nahe zu denken, dass wir uns mit Vorbereitung, der ersten Bewegung, bereitmachen, mit der Form anzufangen. Aber mir liegt die Vorstellung näher, dass wir uns mit dieser Bewegung vorbereiten, aufmerksam zu sein.

Wir bereiten uns vor, indem wir uns zentrieren, zur Ruhe kommen und zulassen, dass der Aufruhr unserer üblichen Gedanken und Körperrhythmen sich legt, so dass wir auf einer tieferen Ebene still werden. Wir können die Standhaltung als Übung der Achtsamkeit benutzen, um mit unserer Aufmerksamkeit sorgfältig durch unseren Körper zu wandern und uns die Empfindungen in jedem Körperteil bewusst zu machen. Mit den Füßen beginnend, arbeiten wir uns schrittweise bis zum Scheitel hoch und trainieren damit die Fähigkeit zur sorgfältigen Aufmerksamkeit, die wir später beim Praktizieren der Form anwenden können. Wenn wir aufmerksam wahrnehmen, wie sich unsere Gefühle, unsere Konzentration, unsere Muskelspannung und unsere äußere Gestalt von Augenblick zu Augenblick verändern, werden wir uns nicht nur der eigenen Person, sondern auch der wundersamen Komplexität jedes Lebensfunkens bewusst.

Die Stehmeditation hilft uns, unsere Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen. Ich beschreibe diesen Prozess oft mit dem Bild von Sand, der auf den Boden eines mit Wasser gefüllten Glasgefäßes rieselt. Der Sand setzt sich Körnchen für Körnchen ab, von denen einige schwerer sind als andere. Schließlich befindet sich der ganze Sand am Boden des Gefäßes und bleibt dort auch liegen, es sei denn, wir wühlen ihn auf. Und das Gleiche passiert mit unseren eifrigen Gedanken. Auch sie legen sich, während wir dastehen.

In den klassischen Schriften aus der Tradition des Tai Chi und Qi Gong, die von den Lehrenden über die Jahrhunderte verfasst wurden, heißt es, dass wir uns in der Standhaltung vorstellen sollen, wir hingen an einer goldenen Schnur, die an unserem Scheitel befestigt ist. Dieses Bild soll uns helfen zu spüren, dass unser Körper leicht und natürlich ausgerichtet ist. Wenn wir uns die Wirbelsäule als Perlenkette vorstellen, die von oben gehalten wird, dann befinden sich sämtliche Wirbel wie die Perlen in natürlicher Ausrichtung übereinander, ohne nach unten auf den nachfolgenden Wirbel zu drücken.

Es braucht jedoch Zeit, diese Ausrichtung im Stand auf natürliche und entspannte Weise zu spüren. Manche Schülerinnen und Schüler fühlen sich anfangs unwohl in dieser Haltung. Die Beine können zittern, Schultern, Füße oder Waden sich verkrampfen. Die meisten dieser Probleme legen sich mit zunehmender Praxis, auch wenn sie wieder auftauchen oder andere Schwierigkeiten in den Vordergrund treten können.

Die frühen Phasen der Stehmeditation vermitteln uns eine wichtige Lektion. Sie bieten uns Gelegenheit, uns unangenehmen Empfindungen wie Langeweile oder sogar Schmerz zu stellen und zu lernen, damit zu arbeiten. Normalerweise wollen wir unangenehme Empfindungen loswerden oder sie in angenehme umwandeln. Allein diese Vorstellung erzeugt jedoch Aufruhr; sie verhindert, dass wir in dieser Haltung zur Ruhe kommen. Nehmen wir unsere Empfindungen hingegen aufmerksam wahr, erforschen wir sie und begegnen wir ihnen gar mit Neugier, dann sehen wir, dass sie gar nicht die feste Mauer von Schmerz oder Unwohlsein sind, die sie in unserer Vorstellung zu sein scheinen. Sie nehmen zu oder klingen ab, verstärken sich oder lassen nach, erzeugen Anspannung oder verlagern sich. Wir sind in Berührung mit dem Prozess der Veränderung, wie er sich von Augenblick zu Augenblick entfaltet. Das wiederum hilft uns, die Angst loszulassen, für immer im Schmerz gefangen zu sein. Wir sehen, dass eine Situation zwar schwierig, gleichwohl im Fließen begriffen sein kann.

Eine Erfahrung aus meinem eigenen Leben kann das, was ich meine, vielleicht verdeutlichen.

1988 durchlebte ich eine der anstrengendsten Phasen meines Lebens. Ich rang um meinen beruflichen Weg, zog ein Kind groß, versuchte, eine Dissertation abzuschließen und unsere Familie zu ernähren, da mein Mann voll studierte. Ich war heftig im Konflikt mit mir, ob ich die Dissertation vollenden sollte oder nicht. Meine Unschlüssigkeit beruhte darauf, dass ich bereits beschlossen hatte, nicht im Bereich meiner akademischen Ausbildung zu arbeiten, sondern stattdessen Tai Chi und Qi Gong zu unterrichten.

Damals hielt ich mich eine Zeitlang im Gästehaus eines Franziskanerklosters in Süddeutschland auf. Ich brauchte ein paar Tage, um zur Ruhe zu finden, aber schließlich war ich so weit angekommen, dass ich mit dem Schreiben anfangen konnte. Aber ich kam nicht gut voran. Ich war mir immer noch im Unklaren darüber, warum um alles in der Welt ich diese Dissertation zu Ende bringen wollte.

In dem einen Monat, den ich dort lebte, wuchs der Druck ständig. Eines Nachts gegen ein Uhr hörte ich ein merkwürdiges Geräusch, einen hohen Pfeifton. Ich suchte das Zimmer ab, um herauszufinden, woher es kam, konnte aber nichts finden. Nach einer Weile hörte das Geräusch auf.

Doch plötzlich, gegen drei Uhr morgens, vernahm ich es wieder. Ich begriff, dass der Ton nicht aus dem Zimmer kam, sondern in meinem Kopf erklang. Ich verbrachte die restliche Nacht damit, jede mentale Technik und Entspannungsübung auszuprobieren, die mir einfiel, aber das Pfeifen verschwand nicht. Im Gegenteil – es wurde noch lauter.

Im Verlauf der nächsten Monate wurde das Geräusch in meinen Ohren immer schlimmer. Die Ärztin stellte die Diagnose Tinnitus, allgemein bekannt als Ohrensausen. »Sie werden lernen müssen, damit zu leben«, sagte sie. Aber ich weigerte mich. Monatelang versuchte ich in meinem Alltagsleben ständig, die Geräusche auszublenden. Diese Töne und mein angestrengtes Bemühen, sie abzustellen, beherrschten mein ganzes Leben.

Später in demselben Jahr trug ich die ganze Geschichte meinem Zen-Lehrer vor. Als ich geendet hatte, leitete er mich durch eine Meditation, bei der ich meine Aufmerksamkeit Schritt für Schritt auf mein Hören lenkte. »Hör einfach hin«, sagte er. »Blende die Geräusche nicht aus. Lass sie einfach zu.«

Es war mir möglich, seinen Anweisungen zu folgen und mich dem auszusetzen, was ich am meisten fürchtete. Die Geräusche wurden lauter, bis sie mir im ganzen Kopf dröhnten. Aber jetzt konnte ich ihnen ohne die Angst lauschen, die mich bislang dabei gepackt hatte. Als ich aufhörte, gegen die Töne anzukämpfen, waren sie nicht mehr der bedrohliche, massive Lärm, für den ich sie gehalten hatte. Am Ende der Meditation waren sie immer noch da, aber nicht mehr so störend wie zuvor.

Ich lernte an jenem Tag eine Lektion, die mich seitdem begleitet hat. Heute, mehr als zehn Jahre später, ist mein Tinnitus nicht verschwunden, hat aber einen Platz in meinem Leben gefunden. Wenn ich erschöpft bin oder mich zu sehr abhetze, werden die Geräusche lauter und bahnen sich ihren Weg zu meiner Aufmerksamkeit. Ich weiß dann, dass ich auf mich Acht geben muss. Statt also gegen die Geräusche anzukämpfen, höre ich auf sie. Und ich höre auf mich selbst.

In ähnlicher Weise sind die Schwierigkeiten, die bei der Stehmeditation auftreten können, eine Gelegenheit zu beobachten, sich zu öffnen und präsent zu sein für das, was hochkommt, was immer es sein mag. Wenn wir lernen, es nicht wegzuschieben, bemerken wir, dass es sich ständig verändert, verschiebt, ausdehnt. Wir begreifen, dass alles unablässig in Veränderung begriffen ist und Wohlsein oder Unwohlsein keine festen Zustände sind, sondern Polaritäten, zwischen denen wir uns fortwährend bewegen.

Dabei lernen wir nicht nur, im Stehen zu meditieren, sondern auch mit schwierigen Emotionen wie Angst positiv umzugehen. Wenn wir wirklich Angst haben und diese präsent sein lassen, lockert sie ihren Zugriff, der auf der Anspannung beruht, die wiederum zurückgeht auf unsere besessene Beschäftigung mit der Angst, unsere Sorge oder unseren Versuch, sie zu kontrollieren. Dann fühlt sich die Angst nicht mehr wie eine riesige, bedrückende Last an. Sie wird offener, weiter und fließender, was als solches bereits entspannend ist.

Ich möchte hier nicht den Eindruck erwecken, dass es leicht sei, sich für Angst, Krankheit oder Schmerz zu öffnen, besonders wenn wir mit schwerwiegenden chronischen Schmerzen, einer lebensbedrohlichen Krankheit oder einem psychischen Trauma konfrontiert sind. Manchmal brauchen wir therapeutische Begleitung, und es ist wichtig, sich diese Unterstützung zu holen, sollte das notwendig werden. Aber auch wenn es nicht leicht ist, sich für Angst oder Schmerz zu öffnen, heißt das nicht, dass wir nicht damit anfangen können. Ich möchte Sie einfach ermutigen, alle Dimensionen der Praxis von Tai Chi und Qi Gong als Möglichkeit zu erkunden, aufmerksam zu sein sowie sich selbst und das Leben in ganzer Fülle zu erfahren.

Die Stille vor Sonnenaufgang

Die Augenblicke unmittelbar vor Sonnenaufgang sind voller Magie. Ein schwacher Lichtschein erhellt den östlichen Himmel. Langsam aber stetig nimmt das Licht zu, während die Welt zwischen Nacht und Tag schwankt. Stille herrscht, erstreckt sich ins Unendliche. Makellos sind diese Augenblicke vor Tagesanbruch.

In vielen religiösen Traditionen gilt die Betrachtung des Sonnenaufgangs als heiliger Akt. Pilgerreisen zu geweihten Orten werden oft so geplant, dass die Gemeinschaft der Pilgerinnen und Pilger rechtzeitig einen hoch gelegenen Ort erreicht, um gemeinsam den Sonnenaufgang anschauen zu können. Die Besteigung des Fudschijama in Japan ist ein bekanntes Beispiel dafür. Die Pilgerinnen und Pilger beginnen ihren Aufstieg bei Nacht, um in der Morgendämmerung auf dem Gipfel einzutreffen. Ich sah einmal ein Foto von einem Pilger auf dem Fudschijama, der sich in dem Augenblick, in dem die Sonne am Horizont auftauchte, vor ihr verbeugte. Seine Verbeugung war eine Huldigung und eine Begrüßung; er brachte damit zum Ausdruck, dass er und die Sonne eins waren. Sich vor der Sonne verneigend, verneigte er sich auch vor sich selbst.

Meine Forschungen für meine Doktorarbeit über Pilgerreisen führten mich unter anderem dreimal auf den Gipfel von Croagh Patrick an der Westküste Irlands. Auch wenn dieser Gipfel das ganze Jahr über von katholischen Pilgerreisenden bestiegen wird, ist der Haupttag immer der letzte Sonntag im Juli, an dem zwischen 40 000 und 80 000 Menschen zum Gipfel wandern. Zum Zeitpunkt meiner Forschungen Mitte der achtziger Jahre begann die Pilgerreise nicht mehr wie seit Hunderten von Jahren um Mitternacht. Die Kirchenobersten hatten sich eingeschaltet, um den nächtlichen Pilgergang zu unterbinden, hauptsächlich aus Sicherheitsgründen. Bei meinen Interviews mit älteren Pilgerinnen und Pilgern bekam ich von fast allen zu hören, dass sie diesen Teil der Reise am meisten vermissten. Sie trauerten besonders dem Geist der Gemeinschaft nach, der entstand, wenn sie den Berg in der Dämmerung gemeinsam bestiegen, nur mit Kerzen oder Kerosinlampen ausgerüstet, die ihnen den Weg wiesen.

Es war ein überwältigendes Erlebnis, den Sonnenaufgang vom Gipfel des Croagh Patrick zu betrachten. Eine Pilgerin erzählte mir:

Nicht der Sonnenaufgang bewegte mich so sehr, auch wenn er wunderschön war. Es waren jene Augenblicke zuvor, als die Welt so still war. Vom Gipfel herabschauend, sah ich die ganze Westport Bay daliegen, sie war voller Leben: Die Vögel breiteten majestätisch ihre Schwingen aus, doch weil wir uns hoch oben auf dem Berg befanden, hörten wir sie nicht. Eine natürliche Stille lag über allem, als ob das Leben auf der Erde dem kommenden Tag einen schweigenden Tribut zollte. Jene stillen Augenblicke vor Sonnenaufgang waren voller Verheißung auf die bald einsetzende Aktivität. Ich habe nie zuvor einen solch magischen Augenblick erlebt.

Der Augenblick, in dem wir still dastehen, bevor wir mit der Form beginnen, birgt eine ebensolche Fülle wie die Momente vor Sonnenaufgang auf dem Croagh Patrick. Stille ist da, doch auch ein Gefühl von innerer Bewegung. Im Stehen können wir spüren, was die alten Taoisten instinktiv wussten: dass ein menschliches Wesen ein Kanal ist, der Himmel und Erde miteinander verbindet. Laut der taoistischen Philosophie treten die himmlische Energie des Yang und die Erdenergie des Yin durch den Kopf beziehungsweise durch die Füße in den Körper ein und begegnen sich im Tan Tien, dem Energiezentrum im Bereich des Nabels. Der Tanz und das Verschmelzen von Energien, die hier stattfinden, werden verkörpert durch das Symbol, das als Yin-Yang-Zeichen bekannt ist, dessen richtiger Name aber »Tai-Chi-Symbol« lautet.

Dieses stille Stehen am Anfang vieler Tai-Chi- und Qi-Gong-Formen ist eine Zeit der Zentrierung und Erdung. Wenn wir still dastehen, fließen die Spannungen des Tages, die sich in unserem Körper angesammelt haben, nach unten und in den Boden. Zugleich unterstützt die Erde uns, dazustehen wie ein großer Baum, dessen Zweige in den Himmel greifen. Es ist hilfreich, beim Stehen das Bild eines Baumes vor dem inneren Auge zu sehen und zu spüren, wie der Körper sich in die Länge dehnt, doch müssen wir darauf achten, diese Dehnung nicht zu forcieren.

Normalerweise gehen wir davon aus, dass Vorbereitung bedeutet, sich für ein Tun bereitzumachen. Aber wenn wir zum Kern dessen vordringen, was die Bewegung Vorbereitung wirklich heißt, sehen wir, dass es um das Gegenteil geht. Wir bereiten uns vor, indem wir nichts tun. Im Tai Chi und Qi Gong bereiten wir uns auf Bewegung vor, indem wir uns zunächst tief in die Stille sinken lassen.

Es ist nicht wichtig, wo Sie sich befinden, wenn Sie mit der Form beginnen. Vielleicht auf dem Gipfel eines hohen Berges oder auf einem Rasenflecken im Stadtpark. Wo immer Sie sind, seien Sie lebendig für das Vibrieren des Augenblicks. Wenn Sie dann beginnen, werden die Bewegungen sich endlos ausdehnen, in Bereiche jenseits von Raum und Zeit, wie es in einem buddhistischen Text heißt.

Auf eigenen Füßen stehen

Tai Chi und Qi Gong lehren uns, was es heißt, im Gleichgewicht zu sein und auf unseren Füßen zu stehen. Oft verlagern wir unser Gewicht von einem Bein auf das andere, von Ferse zu Zehen oder umgekehrt. Im Idealfall ist unser Körper ausbalanciert, und wir fühlen uns durch unsere Füße verwurzelt. In Wirklichkeit jedoch müssen viele von uns wieder lernen, was es heißt, sicher und zentriert zu stehen, so wie wir als Kleinkinder standen, unsere Mitte zum Boden ausgerichtet. Wenn eine Anfängerklasse mit der Verlagerung des Körpergewichts zu experimentieren beginnt, bewegen sich viele Schülerinnen und Schüler zunächst so, dass ihr Knie sich über den Fuß vorschiebt, der gerade vorn steht. Wenn sie dann ihr Gewicht auf das hintere Bein verlagern, ragt das Hinterteil oft über die Ferse des hinteren Fußes. Keine

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