Erfreu Dich an Millionen von E-Books, Hörbüchern, Magazinen und mehr

Nur $11.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Die Musik des Körpers: Integratives Stimmtraining

Die Musik des Körpers: Integratives Stimmtraining

Vorschau lesen

Die Musik des Körpers: Integratives Stimmtraining

Länge:
294 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
9. Nov. 2016
ISBN:
9783958831704
Format:
Buch

Beschreibung

Singen und Musizieren kann so leicht und gleichzeitig so schwierig sein. Romeo Alavi Kia, der seit vielen Jahren Menschen beim Finden ihrer Stimme begleitet, vermittelt in diesem Buch sehr klar, wie man sich über die Stimme oder über ein Instrument mit Kraft, Inspiration, Kreativität und Leidenschaft verbinden kann und so dem eigenen Potenzial Ausdruck verleiht. Anhand vieler Beispiele erfährt der Leser wie wichtig Harmonie, Offenheit und Freunde sind, wenn man sich selbst entdecken möchte. Dabei greift der Autor auf seine über viele Jahre hinweg angesammelten Erfahrungen aus dem Bereich Atem – Körper – Stimme und Instrument zurück.
Ein wunderbares Buch mit vielen Übungen, die uns helfen größeres Wohlbefinden zu erlangen.
Herausgeber:
Freigegeben:
9. Nov. 2016
ISBN:
9783958831704
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Die Musik des Körpers

Ähnliche Bücher

Buchvorschau

Die Musik des Körpers - Romeo Alavi Kia

Romeo Alavi Kia

Die Musik

des Körpers

Integratives Stimmtraining®

Romeo Alavi Kia:

Die Musik des Körpers

© Aurum in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld 2009

info@j-kamphausen.de

Lektorat: Regina Rademächers

Umschlag-Gestaltung, Typografie, Satz: Wilfried Klei

Covermotiv: fotolia

E-Book Gesamtherstellung: Bookwire GmbH, Frankfurt a. M.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN Print 978-3-89901-182-1

ISBN E-Book 978-3-95883-170-4

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Danke

Nikola Materne für Fachgespräche, Inspiration,

Querlesen und das viele Kochen.

Sabine Castringius, deren wissenschaftliche Arbeit

ich im Kapitel „Musiker – Vom Traum

zum Albtraum" gnadenlos geplündert habe.

Meinen Schülerinnen und Schülern,

die mir durch ihr Vertrauen immer wieder zeigen,

dass wir Ähnliches suchen.

Meinen Töchtern, die ihren Vater durch seine vielen Reisen

so häufig entbehren.

Sämtliche in Fallbeispielen verwendete Namen wurden geändert.

Danke

Über dieses Buch

Stimme – ein komplexes einfaches Ding

Primärfunktion des Vokaltrakts

Sekundärfunktion des Vokaltrakts

Sekundärfunktion versus Primärfunktion

Veronika

Alexander

Spiritualität

Demut

Eine flexible Geisteshaltung

Offenheit

Musikalität

Einen durchlässigen Körper

Sind Techniken damit sinnlos?

Phonation – Vokalisation – Artikulation

Phonation

Vokalisation

Artikulation

Übungen für Vokalisation und Artikulation

Übung 1: Spagetti mit den Lippen greifen

Übung 2: Zungenfixiertes Öffnen des Kiefers

Übung 3: Dehnung des Zungenbändchens

Übung 4: Affen- oder Bonbonmund

Übung 5: Zungenfixiertes Sprechen – „Liftel-Sprache"

Übung 6: Dehnen der hinteren Zungenregion

Übung 7: Sprechen mit gedehnter Zunge – „Affensprache"

Vokale

Luft- und Knochenleitung

Übung 8: Erhöhung der Innenresonanz durch den Nasal „m"

Übung 9: Obertondifferenzierbarkeit durch den Nasal „n"

Übung 10: Training des Zungenrückens durch den Nasal „ŋ"

Vokaleinstellungen

Übung 11: Von m nach u:

Kleiner Exkurs: Rückwärtstöne

Übung 12: Von n nach i:

Übung 13: Von ŋ nach ɑ

Übung 14: Der Unterschied zwischen ɑ und a

Übung 15: Von u: nach o:

Übung 16: Zwischen u: und o: liegt das u

Übung 17: Von ɑ nach ɔ

Übung 18: Vokale der Lippen – Kiefer – Schiene u: u o: ɔ ɑ

Übung 19: Von i: nach e:

Übung 20: Zwischen i: und e: liegt das i

Übung 21: Von e: nach ε

Übung 22: Von ɑ nach ε:

Übung 23: Das geschlossene, lange ü - [y:]

Übung 24: Von y: nach y, ø: und œ

Diphthonge

Vier-Stufen-Programm zur Arbeit mit Vokalen

Stufe 1

Stufe 2

Stufe 3

Stufe 4

Der Vokalausgleich

Konsonantentraining

Übung 25: Verschlusslaute p und b

Übung 26: Verschlusslaute t und d

Übung 27: Verschlusslaute k und g

Übung 28: Engelaute f und v

Übung 29: Engelaute s und z

Übung 30: Engelaut ∫

Übung 31: Engelaute j und ç

Übung 32: Seitlicher Engelaut l

Übung 33: Hauchlaut h

Übung 34: Nasale als Konsonanten

Du bist, wie Du klingst

Sprechtempo

Relative Sprechlage

Atem- und Geräuschanteile beim Sprechen oder Singen

Körperresonanz der Stimme

Der Grad an Vitalität

Authentizität

Der maskierte Kehlkopf

Entfremdung der Stimme durch Singen

Das Studium

Die Oper

Die Popmusik

Das Singen im Chor

Johannes

Ein neuer Song

Störungen der Sing- und Sprechstimme

Dysphonien, hypo- und hyperfunktionell

Atemwegserkrankungen

Phonationsverdickungen

Hormonell bedingte Stimmveränderungen oder -störungen

Entwicklungsbedingte Störungen der Stimme

Konstitutionelle Veränderungen

Externe Noxen

Reflux

Myofunktionale Störung

Schleim, der Feind in meinem Körper

Briefwechsel

Musiker – vom Traum zum Albtraum

Über das Instrument Singen – Beispiele aus der Arbeit mit Instrumentalisten

Cello

Klavier

Horn

Gitarre

Violine

Akkordeon

Klarinette

Üben im musikalischen Flow

Üben ist langweilig

Die Hände

Flow – der musikalische Fluss

Flow-Erfahrungen beim Singen

Die Musik des Körpers

Integratives Stimmtraining®

Literaturverzeichnis

Internet

Über den Autor

Index

Über dieses Buch

In den letzten Jahren hat sich auf dem stimmpädagogischen Markt ein gewaltiger Boom vollzogen. Während zu Beginn der 1990er-Jahre Bücher wie Stimme – Spiegel meines Selbst noch relativ einsam der Kategorie „Alternative Stimmbildung" diversen Buchhandlungsregalen zugeordnet waren, so strahlt heute dem singfreudigen Käufer ein äußerst vielfältiges Angebot an unkonventionellen und ultramodernen Singmethoden entgegen. Buch kaufen, CD einlegen und am besten gleich mitmachen, denn das nächste Popstar-Casting kommt bestimmt. Doch hat die Verfügbarkeit des Materials weder die Wahl der Mittel noch das Singen selbst erleichtert. Singen ist ein hochkomplexer Vorgang und gleichzeitig doch so einfach – wenn alles läuft. Man stellt sich hin und tut es, hat seinen Genuss daran und das Publikum hoffentlich ebenso. Das ist jedoch meist einfacher gesagt als getan.

Von Stimme als einem Medium, sich persönlich mitzuteilen, habe ich in Stimme – Spiegel meines Selbst geschrieben. Es war gewissermaßen mein Einführungsbuch. Es hat viele Menschen zu mir gebracht, und ich hatte dadurch reichlich Gelegenheit, weiterzulernen und meine Technik der Entwicklung der Stimme zu verfeinern. Vom Atem, als einem Medium, sich künstlerisch besser zu entfalten, handelt Sonne, Mond und Stimme. Die Differenzierbarkeit in Atemtypen stellt auch heute noch eine Bereicherung meiner Arbeit dar. Die Atemtypen, anfangs von vielen mit dem Finger an der Stirn kommentiert, haben mittlerweile eine breite Akzeptanz gefunden und dadurch die Stimmbildungsszene im gesamten deutschsprachigen Raum maßgeblich mitgestaltet.

Bei den Vorbereitungen und grundsätzlichen Überlegungen zu dem hier vorliegenden Buch wurde mir sehr schnell klar, dass es im Gegensatz zu seinen „Vorgängern" kein Übungsbuch in dem Sinne werden soll, wie es die anderen beiden sind. Auch wenn ich eine ganze Reihe von praktischen Übungen darstellen und erläutern werde, ist es doch meine Absicht, die verschiedenen am musikalischen Prozess beteiligten Faktoren näher zu beleuchten. Herauszuarbeiten, warum Singen und Musizieren so leicht und gleichzeitig so schwierig sein kann. Dabei beziehe ich mich in der Hauptsache auf meine über viele Jahre hinweg angesammelten Erfahrungen aus dem Bereich Atem – Körper – Stimme – Instrument. Dennoch lässt sich in der Beschreibung vielfältiger und meiner Meinung nach wichtiger Aspekte kein Anspruch auf Vollständigkeit erheben, können doch die am musikalischen Prozess beteiligten Faktoren möglicherweise niemals zur Gänze und in ihrer Komplexität erfasst werden.

Vor Jahren hatte ich eine junge Frau in einem meiner Seminare, die sich in etwa mit folgenden Worten vorstellte: „Ich heiße Maria Bauer*, bin 26 Jahre alt, Sängerin. Ich verdiene mir mein Geld mit Singen und kann sagen, dass ich meine Stimme hasse. Obwohl sie sich aller Stilmittel bedienen konnte, die sie als Musicalsängerin „draufhaben musste, darüber hinaus recht viel zu singen hatte, war in ihrem Wesen ein tiefes Unglück zu spüren. Selbstverständlich konnte die Thematik nicht an einem Wochenende bearbeitet werden, aber nach etwa eineinhalb Jahren regelmäßigen Arbeitens verabschiedete sich eine mit ihrer Stimme rundum glückliche Frau von mir.

In einem sehr ursprünglichen Sinne bedeutet Singen vielleicht: Glück für sich selbst zu schaffen und andere daran teilhaben zu lassen. Aber warum ist das so schwer? Unsere Stimme ist das Werkzeug, mit dem wir uns der Welt kundtun. Sie vermag darüber hinaus Dinge zu tun, über die wir uns kaum wirklich eine Vorstellung machen. Jedoch ist dazu ein Forschergeist notwendig, der über das Training stimmlicher Fertigkeiten hinausgeht und als solcher auch immer wieder ein gewisses Risiko in sich birgt, wenn es darum geht, erworbene Fähigkeiten und damit verbundene Kontrollstrukturen zu hinterfragen und gegebenenfalls auch wieder loszulassen.

Nach dem Abschlusskonzert eines Sommerkurses auf dem griechischen Pilion kam eine junge Pianistin zu mir, sie hatte mehrfach bei der Arbeit zugehört und bedankte sich für den Abend. Ich fragte, ob sie nicht auch etwas für uns singen möge. Sie zündete sich eine Zigarette an, lehnte sich an einen Schrank in ihrer Nähe und sang den Anwesenden die Tränen in die Augen. Ja, Singen kann so einfach sein und gleichzeitig so viel bewegen.

Wer mit der Stimme arbeitet, der begibt sich auf ein nahezu unerschöpfliches Feld. Immer wieder gibt es Aspekte und Details zu entdecken und zu erörtern. Kleinigkeiten scheinbar, die mit der Gesamtpersönlichkeit in einer Art und Weise verknüpft sind, dass sie – werden diese Details gestaltet, bekommen sie Form – die Gesamtperson in einer Art und Weise verändern können, die vorher möglicherweise wünschenswert, aber kaum vorstellbar erschien. Das geschieht zwangsläufig und einfach aus der Tatsache heraus, dass die menschliche Stimme einen Konzentrationspunkt sämtlicher Aspekte einer Person darstellt. Alle Anteile eines Menschen laufen in seiner Stimme zusammen, sind über seine Stimme hörbar. Und ob wir das nun anerkennen oder nicht – als Hörer reagieren wir immer darauf.

Ähnliches lässt sich ebenso für das Instrumentalspiel sagen. Während meiner langjährigen Erfahrung in der Arbeit mit Instrumentalisten durfte ich immer wieder erfahren, dass fast ebenso viele physische, psychische, mentale oder emotionale Aspekte auf das instrumentale Musizieren einwirken, wie es beim Singen der Fall ist. Der Mensch musiziert mit seinem gesamten Sein und strebt danach, den innersten Gefühlen entweder über das Singen oder über das Instrument Ausdruck zu verleihen. Und so mag sich dieses Buch mit den Aspekten befassen, die dem Streben nach Unmittelbarkeit im künstlerischen Ausdruck entgegenstehen können. Mit den Widersprüchen, die sowohl im Singen als auch im Instrumentalspiel offenbar werden. Und es mag als solches all jenen Anregungen geben, die sich selbst Fragen stellen, gestellt haben oder noch stellen werden. Einfache Fragen nach dem Warum, die aber für Musiker so unbedingt wichtig sind, weil nicht selten ihre gesamte Karriere davon abhängt.

Ich werde in diesem Buch von Sängern sprechen, von Instrumentalisten und von Musikern, denn das ist für mich das Gleiche. Über meine nunmehr fast dreißigjährige Berufspraxis als Stimmbildner und viele tausend Stunden praktischer Arbeit mit meinen Studenten bin ich an dem Punkt angelangt, wo ich sagen kann: Ich habe tiefen Respekt vor der Individualität einer jeden Stimme – vokal oder instrumental –, die in ihrer Einzigartigkeit nach einem Weg sucht, das in ihr Wesentliche als Qualität zu entfalten, verfügbar und für andere hörbar zu machen.

Romeo Alavi Kia

Im Sommer 2008

* Name geändert

Stimme –

ein komplexes

einfaches Ding

Der Gebrauch der Stimme ist für den Menschen heutzutage eine selbstverständliche Angelegenheit. Komplexe Vorgänge zwischen Atmung, Muskelspiel in Kehlkopf und Gesamtkörper, zwischen innerer und äußerer Haltung – von der Wissenschaft noch immer nicht vollständig erforscht – werden von uns benutzt, um den unterschiedlichen Alltagssituationen in Form stimmlicher Lautäußerung zu entsprechen. Die Entwicklung unseres Stimmapparats bedurfte jedoch vieler Millionen Jahre. Ob nun die „Urmenschen" Toumai, Orronin oder Lucy¹ einer differenzierten Lautgebung oder gar Sprache mächtig waren, wird wohl kaum je rekonstruiert werden können. Fest steht, dass für ein derart komplexes System, wie es unsere Sprache darstellt, in jedem Falle der aufrechte Gang erforderlich war.

Primärfunktion des Vokaltrakts

Die primäre Funktion des Vokaltrakts ist die eines Atem- und Nahrungsweges. Die Atemluft wird beim Durchtritt durch den oberen Atemtrakt, der aus der Nasenhöhle und dem Nasenrachenraum besteht, gereinigt und erwärmt. Der Atemtrakt überkreuzt sich im Rachen mit dem Verdauungstrakt, der an der Mundöffnung beginnt und über den Rachenraum in die Speiseröhre übergeht. Im Schluckakt wird der Kehlkopfeingang durch den Kehldeckel geschlossen; außerdem schließen sich die Stimmlippen und schützen damit die Luftröhre vor dem Eindringen von Fremdkörpern.²

Diese entwicklungsgeschichtlich vorrangige Funktion unseres Nasen-, Mund- und Rachenraumes garantiert seit jeher das Überleben des Menschen dadurch, dass Atmen, Essen und Trinken in einer geordneten und miteinander koordinierten Form möglich sind. Ein Mensch würde sicherlich schnell bemerken, dass eine Nichtkoordination zwischen Atmen und Schlucken unter Umständen blitzartig lebensbedrohliche Folgen haben kann. Das „Verschlucken" an einem großen Stück Nahrung kann durch einen Verschluss (Obstruktion) der Atemwege zum sofortigen Tod führen. Das heute als Bolustod bekannte Phänomen tritt im Unterschied zum Ersticken unmittelbar ein. Kann der Fremdkörper nicht ausgehustet werden, so führt eine vagale³ Reizung des Rachens oder Kehlkopfes zu reflektorischem Herzstillstand und Kreislaufversagen.

Bei Säuglingen stellt sich in den ersten Monaten ihres Lebens diesbezüglich eine andere Situation dar: Der Kehlkopf sitzt noch im oberen Rachenraum, wodurch ein gleichzeitiges Atmen und Schlucken beim Trinken gewährleistet ist. Erst nach einigen Monaten ändert sich das. Zwischen dem 5. und 7. Lebensmonat brechen die ersten Zähnchen durch und den Eltern wird empfohlen, frühestens ab dem 6. Lebensmonat mit einem Zufüttern von Brei zu beginnen. In diesem Stadium – die meisten Kinder können dann schon sitzen – senkt sich der Kehlkopf des Kindes allmählich ab. Die Atem-Schluck-Koordination ist jetzt möglich und auch erforderlich.

Sekundärfunktion des Vokaltrakts

Die sekundäre Funktion ist die eines Resonators und Artikulationsinstruments. Durch die Resonanzfunktion des Vokaltrakts erfährt der Primärklang, der im Kehlkopf entstanden ist, eine Veränderung. Bewegungen der Muskeln⁴ verändern die Resonanzbedingungen (Vokale und Klangfarbe) oder erzeugen im Zusammenwirken mit der Atemluft charakteristische Geräusche (Konsonanten), die je nach der gleichzeitigen Beteiligung der Stimmlippenschwingung stimmhaft oder stimmlos sind.⁵

Die sekundäre Funktion des Vokaltrakts – Stimme, in Form von Lautgebung, Gesang oder Sprache – hat sich evolutionär erst mit der Aufrichtung der Primaten entwickelt. Möglicherweise, um den Erfordernissen eines Zusammenlebens in Horden oder Gemeinschaften gerecht werden zu können – der Notwendigkeit und dem Bedürfnis nach Kommunikation untereinander. Japanische Forscher sprechen in Bezug auf die Absenkung des Kehlkopfes von einem Zwei-Stufen-Modell und stellen damit die bisherigen Modelle zur Evolution der Sprache in Frage. Als Stufe I bezeichnen sie die relative Absenkung des Kehlkopfes zum Zungenbein. Als Stufe II wird die Absenkung des Zungenbeins relativ zum Kiefer und zur Schädelbasis gesehen. Die Ergebnisse an von ihnen untersuchten Schimpansenkindern innerhalb der ersten drei Lebensjahre lassen vermuten, dass die geänderte Kehlkopfstellung (Stufe I) bereits bestanden haben dürfte, bevor sich die Stammeslinien von Mensch und Schimpanse trennten.⁶ Stufe II, die Absenkung des Zungenbeins, dürfte dann auf die Vorläufer von Homo sapiens beschränkt gewesen sein. Offenbar hat diese biologische Besonderheit schließlich zur Herausbildung einer komplexen Vokalisation geführt.

Sekundärfunktion versus Primärfunktion

Unser Körper kennt beide Funktionen des Vokaltraktes seit Millionen von Jahren. Sie sind verinnerlicht, in unserem Code gespeichert. Das Öffnen und Schließen innerhalb des Vokaltraktes tritt spontan und oftmals reflexartig auf. Ich öffne, um zu atmen, zu essen oder mich über meine Stimme zu vermitteln. Ich schließe, um zu schlucken, zu verstummen oder mich zu schützen. Für den Prozess der Stimmentwicklung ist es wesentlich, sich diese Vorgänge als möglicherweise schwer zu kontrollierende Ereignisse zu vergegenwärtigen. Denn sowohl Lehrer als auch Schüler werden hier immer wieder Überraschungen erleben. Geht es zum einen bei der Entfaltung der stimmlich-persönlichen Fähigkeiten um ein Öffnen, ein Durchlässigwerden und um eine Erhöhung der Schwingungsfähigkeit des gesamten Systems Mensch, so finden wir auf der anderen Seite immer wieder Spontanreaktionen des Körpers, die zu einem Verschluss, einem Sichzurücknehmen oder Stauen führen. Und dieses Zurückhalten der Ausdrucksenergie kann auf verschiedenen Ebenen geschehen. Auf Kehlkopfebene, im Bereich des Rachens, der Zunge, des Kiefers, der Lippen, des gesamten Muskelapparates, der Atmung oder des energetischen Potenzials eines Menschen. Als Stimmtrainer kann ich häufig Folgendes beobachten: Ich praktiziere mit einem Schüler Übungen zum Öffnen des Kiefers und stelle dabei fest, dass, je weiter der Kiefer aufgeht, der Schüler umso mehr die Zunge zurückzieht. Mache ich darauf aufmerksam, so höre ich, dass das automatisch geschieht. Stimmt genau, denn eine solche Situation bedeutet nichts anderes als ein Sieg der Primärfunktion. Öffnen versus Schließen. Hier liegen zwei Systeme miteinander im Clinch. Das kultivierte System der künstlerischen Lautmalerei, welches einer Öffnung in hohem Maße und auf

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Die Musik des Körpers denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen