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Conny Cöll - Feuerland

Conny Cöll - Feuerland

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Conny Cöll - Feuerland

Länge:
276 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
Nov 14, 2016
ISBN:
9783874116022
Format:
Buch

Beschreibung

Feuerland — ewige Heimat der Sturmvögel, Seelöwen und Pinguine, Eiland der Onas, die den weißen Eindringlingen mit unversöhnlichem Hass gegenüberstehen, Insel des Grauens, der stündlichen Gefahr, Pampa des Todes, über der die Faust des Teufels liegt, die keinen mehr aus den Krallen lässt, den sie gepackt.
Es hat einmal eine Zeit gegeben, die ein Fußfassen der Zivilisation auf Feuerland für unmöglich hielt, und vielleicht wäre die Insel ein weißer Fleck auf der Landkarte geblieben, wenn Jolson Porter nicht gewesen wäre, der mit einer Handvoll entschlossener Männer die Republik El Paramo und damit einen neuen souveränen Staat erstehen ließ.
Die Verfolgung eines gefährlichen Verbrechers verschlägt Conny Cöll ins Reich dieses tollkühnen Mannes, dessen ungewöhnliches Leben einmal eine ganze Welt aufhorchen ließ.
Die Geschichte Feuerlands ist spannend wie ein Abenteuerroman, sie ist es wert, erzählt zu werden ...
Freigegeben:
Nov 14, 2016
ISBN:
9783874116022
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Conny Cöll - Feuerland

Buchvorschau

Conny Cöll - Feuerland - Konrad Kölbl

Feuerland

Stan Lodge

Dichter Nebel lag über Chinatown, fraß sich in schmutzige Dächer, legte sich einer riesigen Giftwolke gleich auf fahlgelbe Hauswände, auf mit Morast bedeckte Straßen, die wie ausgestorben in der frühen Morgenstunde dieses schicksalhaften Tages lagen.

Chinatown –

Schrecken verbreitete dieses Wort unter den Bewohnern von San Franzisko, und die brave Bürgerlichkeit der Riesenstadt am Golden Gate hatte bereits einen unsichtbaren Gürtel um das Chinesenviertel, das gleich hinter der Barbarenküste begann, gelegt. Chinatown bedeutete Opium, Menschenschmuggel, Laster und Verbrechertum. Der Arm des Gesetzes war nicht stark genug, die Unterwelt von Barbary Coast aufzuspüren, die versteckten Spielkneipen, in denen nicht nur mit Karten und rollenden Kugeln gespielt wurde, sondern mit Menschenleben, mit Menschenschicksalen. Frisko hatte es nicht verdient mit Chinatown bestraft zu werden, aber diese mächtig aufstrebende Stadt lag am Tor zum Ewigen Westen, der für die Union erschlossen und kolonisiert werden musste. Man hatte Arbeitskräfte gebraucht, um die Weststrecke der Union Pacific Railway zu bauen. Man hatte Chinesen ins Land gerufen und damit die Gefahr, die an den Grundfesten Friskos zerrte. Chinesen vermehren sich wie Kaninchen. Wo einer dieser gelbhäutigen „Söhne des Reichesder Mitte" auftauchte, folgen bald Scharen nach. Die Regierung erließ eine Einwanderungssperre, doch diese Maßnahme erwies sich im Effekt als beinahe nutzlos. Tausende und Abertausende der schlitzäugigen Zopfträger wurden durch unterirdische Kanäle nach Frisko geschleust, die Mittelsmänner und Rädelsführer mussten in Chinatown sitzen. Sie sorgten für Nachschub, so eifrig, als sollte Frisko eine Stadt der gelben Rasse werden. Chinatown wuchs zusehends, die Straßen des Viertels waren gesäumt von typisch chinesischen Hausbauten, auf denen man kein englisches Wort mehr lesen konnte. Langgestreckte Schilder, Fahnen und bemalte Bretter zierten die schmutzigen Fassaden mit den Hieroglyphen des fernen Asiens, aus denen kein Yankee einen Sinn herauszulesen vermochte. Wie sollte das enden? Der ständigen illegalen Einwanderung musste ein gewaltsamer Riegel vorgeschoben werden, und obgleich die Behörden taten, was in ihrer Macht stand, wuchs Chinatown unaufhaltsam an, wie eine Sturmflut, die alles zu überschwemmen droht.

Der „China-Kai war ein Ort des Grauens. Tag für Tag wurden Leichen Ertrunkener an Land gezogen. Opfer der Opiumsucht? Oder aus welchen Gründen sonst in die nasse Tiefe gestoßen? Es gelang nicht, Licht in das geheimnisvolle Dunkel zu bringen. Es waren nicht nur Chinesen, die im übelriechenden Brackwasser der „Gelben City ihr frühes Ende fanden. Wie kamen Neger, Indianer, ja sogar Weiße in die Pesthöhle der schlitzäugigen Unterwelt? Alle Razzien, gründlichen Durchsuchungen, Leibesvisitationen führten zu keinem Ergebnis. Die Gelben schwiegen und grinsten ihr breites asiatisches, undurchschaubares „Nicht-Verstehen. Sie spielten die Gekränkten, die ewig Verfolgten, die natürlich so unschuldig wie neugeborene Hunde waren. „StanLodge, sagten sie mit höflichem Achselzucken, „Stan Lodge weiß alles."

„Wer ist Stan Lodge?", wurde gefragt.

„Wir nicht wissen – nur Stan Lodge wissen –"

„Unsinn! Verdammt –"

„Stan Lodge großer Mann … Stan Lodge kluger Mann …"

„Ein Weißer?"

„Nur ein Weißer, großer, kluger Mann … bestimmt ein Weißer! Wir nichts wissen."

„Wo lebt Stan Lodge?"

„Überall … nirgendwo …"

„Verdammt –"

„Er bezahlen gute Dollars für gute Dienste. Chinamänner arm … Chinamänner brauchen viele Dollars –"

„Wie sieht er aus?"

„Wir nichts wissen –"

Es war überall das Gleiche. Ein Heer von Polizisten war ständig unterwegs. Kriminalisten durchforschten die Gassen, die Häuser. Es roch nach Opium – aber es wurde keines gefunden. Das Fieber des Glücksspiels lag in der Luft – aber nicht eine einzige Spelunke wurde entdeckt.

Gestern war ein mit Tausend Chinesen besetztes Schiff im Hafen beschlagnahmt worden. Keine lebende Seele hatte das Deck verlassen dürfen, und heute sollte das Schiff wieder samt seiner gelbhäutigen Fracht aufs Meer zurückgetrieben werden. Schändliche Entdeckung am frühen Morgen: Der Schoner, der wie zum Hohn auf den Namen „Tausend Jungfrauen" getauft war, war leer. Die Chinesen waren von unbekannten Barken während der Nachtstunden an Land gesetzt worden, die Wachmannschaft, von den Hafenbehörden eingesetzt, wurde ermordet aufgefunden, darunter auch der Kapitän, der von weißer Hautfarbe war. Von den Chinesen aber konnte keine Spur entdeckt werden. Wie Regenwasser nach einem stürmischen Gewitter schienen sie in des Wortes wahrster Bedeutung in den Erdboden versickert zu sein. Sie waren tatsächlich die Ratten in diesem bunt gewürfelten Gemeinwesen, die plötzlich auftraten und bei Gefahr in Sekundenschnelle verschwanden, irgendwohin, und – bildlich gesprochen – nicht einmal mehr die Spitzen ihrer langen Schwänze waren zu sehen.

Das war eine bittere Lehre für Frisko; das nächste Mal würde man klüger vorgehen. Noch schärfere Maßnahmen wurden beschlossen, von denen man sich erhoffte, nun endlich mit dem gelben Problem fertig zu werden.

Und wie stand es um das Problem Stan Lodge?

Wohin man auch kam, wen man auch fragte, überall tauchte dieser Name auf. Wer war Stan Lodge? Ein Gangster? Oder der König von Chinatown? Der geheime Kopf, der das Ganze befehligte? Aber das war kaum anzunehmen. Ein Weißer konnte mit Chinesen wohl Geschäfte machen, aber niemals ihr Chef, ihr Beherrscher werden. Von Li-to-sung hatte man bis jetzt noch am meisten über Stan Lodge erfahren, obgleich seine Aussage nicht freiwillig erfolgt war. Ein paar resolute Detektive hatten mit Gewalt nachgeholfen. Das war zwar ein Übergriff, doch immer nur nach Bestimmungen und Gesetz gehandelt, hätte geheißen, das geheimnisvolle Inkognito dieses Namens niemals zu lüften.

„Wer ist Stan Lodge, zum Teufel … Wir machen ernst, du hast nicht mehr lange zu leben, Li-to-sung …"

„Ich weiß nicht …"

„Heraus mit der Sprache, du Ganove! Auf einen Chinesen mehr oder weniger im stinkigen Kaiwasser kommt es nicht an. Wer ist Stan Lodge?!"

„Ich weiß nicht … wirklich nicht."

Eine große Faust hatte Li-to-sung am Kragen gepackt, hochgerissen, ihn bedenklich nah gegen die Brüstung gedrückt, hinter der das Grauen lag.

„Rede, verdammter Zopf!"

„Stan Lodge sein Weißer …"

„Das wissen wir."

„Er … er …"

„Weiter, verdammt!"

„Er Gangster – großer Gangster – organisieren Bande, unterhalten Bordelle, Opiumhöhlen.–"

„Wo?"

„Alles noch im Entstehen. Heute hier – morgen dort. Wo Gefahr, das alles schnell verschwinden. Menschen und Tische – Pfeifen und Würfel. Stan Lodge zahlen gute Dollar–."

„Wofür?"

„Für gute Arbeit."

„Welche Arbeit?"

„Kleine Geschäfte in der City – Opiumpäckchen und so …"

„Also ein Opiumschmuggler. Und wozu die Morde?"

„Das alles sein Feinde von Stan Lodge, die nicht dichthalten – oder … oder …"

„Oder?"

„Oder wenn nicht mehr gebraucht werden … wenn gefährlich werden –"

„Und er findet immer wieder Dumme, dieser Bursche, wie?"

„Nicht alle dumm. Chinamann muss schweigen können – Schweigen sein Gold …"

Hätte Li-to-sung geschwiegen, hätte er vielleicht ein hohes Alter erreicht. So aber hatte man ihn kurze Zeit später aus dem gleichen Wasser gezogen, in das hineingestoßen zu werden er durch Geschwätzigkeit vermeiden wollte.

Stan Lodge schien mächtige und zahlreiche Freunde zu haben. Er verstand zu bestrafen und hatte offensichtlich an allen Ecken und Enden seine Spitzel. Einmal aber musste auch er einen Fehler machen, auch der klügste Bursche war gegen Dummheiten oder verhängnisvolle Gedankenlosigkeiten nicht gefeit. Einmal musste sich auch Stan Lodge eine Blöße geben, und dann war sein Schicksal besiegelt.

Der Nebel war dichter geworden. Der Hafen verschwand vor den Blicken des riesig gewachsenen Mannes, der gelangweilt an der Kaibrüstung lehnte, als wüsste er nichts von der großen Gefahr, die allein schon die bloße Nähe von Chinatown ausströmte. Er spuckte ins Wasser und betrachtete sinnend die Kreise, die sich in der schmutzigen Brühe bildeten, durch die darüberwogenden, weißen Nebelschleier. Wohl ein Matrose? Seine Langeweile war nur gespielt, seine Augen wanderten unablässig in die Umgebung. Hier … genau hier, an dieser Stelle hatte man gestern Abend zwei Neger aus den Fluten gezogen. Das Wasser stand still, mit seiner verhängnisvollen breiigen Tiefe. Vielleicht hatte der Mann Glück und der grausige Vorgang wiederholte sich heute wieder. Eine naive Vorstellung, aber der riesenhaft gewachsene Boy hatte mitunter seltsame Anwandlungen, er schwor auf den sprichwörtlichen Zufall, dass ihm das, was er sich wünschte zu sehen, wiederbegegnen würde, und er hätte sich auch tatsächlich nicht gewundert, wenn es plötzlich Wirklichkeit geworden wäre. Die über zwei Meter hohe Gestalt mit dem kraftvoll gewölbten Rücken eines jungen Büffels wollte sich gerade in Bewegung setzen; nahezu einhundertfünfzig Kilo lebendigen Gewichts dehnten und reckten sich. Der Brustkasten begann sich zu weiten, als habe er fünf Atmosphären Luft geschluckt. Die Nähte der blauen Matrosenjacke platzten ihm unter den Achseln und seine stahlharten Muskeln spielten geschmeidig unter dem dünnen Leinenstoff.

„Stinklangweilige Gegend, gähnte er, „und dabei hat mir Blondy eine Menge Abwechslung versprochen. Ich werde so hungrig bei diesem Herwarten, verdammt …

Plötzlich waren zwei Schatten im Nebel aufgetaucht, wurden größer: Vor dem einsamen Mann an der Brüstung machten sie halt.

„Was hast du hier zu spionieren, Yankee?", zischte eine Stimme.

Es war ein Chinese, aber nicht von kleinem Wuchs, denn es gibt Ausnahmen, besonders unter jenen, die im Hochland des riesigen „Reiches der Mitte geboren werden. Der gelbhäutige Bursche, der so unvermittelt vor dem Matrosen auftauchte, schien ein Prachtexemplar seiner Gattung zu sein, ein ausgesprochener Schlägertyp mit platter Nase im starkknochigen Gesicht und breiten Schultern, auf denen ein stiernackiger Schädel saß. „He, schrie er, und der Matrose konnte durch die Nebelschwaden hindurch deutlich die drohend tückischen Augen des brutalen Gesellen erkennen, „Was du hier zu spionieren hast, will ich wissen!"

„Ich suche meine Mutter, Langzopf –"

Langzopf? Das war eine Beleidigung.

„Hol noch einmal tief Luft, du Seewanze. Gleich wirst du schwimmen …"

„Aber nicht doch, Chink"[1], ich bin ausgesprochen wasserscheu. Der Matrose grinste. Na also. Blondy schien doch wieder einmal recht zu behalten, am Strand gab es tatsächlich Abwechslung für einen ausgeruhten Boy. Neben dem Chinesen stand ein Neger, der seinem Komplizen an Körpergröße und gewalttätigem Aussehen kaum nachstand. „Und das ist wohl der schwarze Kralbewohner, der dir helfen soll?, lachte der Blaue, „Wen hat mir denn da der gute Stan Lodge auf den Pelz gesetzt – eine gelbe und eine schwarze Laus … …"

Wütendes Schnauben und grimmiges Knurren. Die Zähne des Negers schlugen krachend aufeinander – ein zorniger Seelöwe, der drohend sein Gebiss klappern ließ.

„Stan Lodge …, ah …, …, grunzte der Chinese, „ein Spion, Mike – einer von der Polente. Hinweg mit ihm!

Die Faust des Chinesen sprang nach vorn, mit der Kraft eines stählernen Kolbens. Der Matrose sah den Hieb nicht kommen – der Nebel war Schuld an dieser Nachlässigkeit – und krachend landete der gewaltige Stoß an seiner Schulter. Über diesen Angriff kam der Chinese indessen nicht mehr hinaus: Der Hufschlag eines Pferdes musste ihn getroffen haben, denn seine Füße verließen plötzlich die Erde und zappelten in der Luft. Mit rumpelndem Getöse rammte sein breiter Rücken die starke Holzbrüstung, die ächzend in ihren Grundfesten erbebte und den aufprallenden Körper federnd zurückwarf. Indessen war der Neger nicht müßig gewesen. Er stürzte sich auf den Matrosen, mit einer Vehemenz und Gewalt, die imstande gewesen wäre, einen Baumstamm zu knicken. Aber der Riese im blauen Leinenrock stand wie ein Fels. Eine wahre Gigantenfaust prallte gegen den dunkelhäutigen Sohn des schwarzen Erdteils und stoppte seinen wilden Schwung, genau in dem Moment, als die ächzende Brüstung den Chinesen zurückwarf. Krachend schlug der feiste Körper des Negers, von der Faust des Matrosen zielsicher gelenkt, gegen den seinen. Mit einem erstickten Aufschrei umkrallte der Chinese das lebende Rammgeschoss, und beide Körper, durch die Wucht des Aufpralls eng ineinander verkrampft, brachen wie ein urweltlicher, erratischer Block gegen die hölzerne Schutzwandung …

Ein gellender Aufschrei – die Brüstung zersplitterte. Verzweifelte Hände wirbelten jählings in die Höhe, griffen ins Leere, verschwanden im Nebel, im Nichts. Deutlich klang das Aufklatschen der in die Tiefe fallenden Körper im öligen Wasser ans Ohr des Matrosen, der diesem rasanten Schauspiel mit einiger Verblüffung gefolgt war.

„Elendes Zeug, schimpfte er auf die Brüstung, „hält aber schon gar nichts aus. Und dann verklärte sich seine Miene. „Blondy, flüsterte er, „das war der Anfang. Aber du hast deinem Kameraden Ben Silver eine tolle Nacht versprochen. Dieser Stan Lodge ist okay, er scheint eine brauchbare Horde Boys zusammengetrommelt zu haben … Der Riese beugte sich über das geborstene Geländer.

„Sie werden bald wieder an die Oberfläche kommen. Ich werde sie erwarten … Liebevoll betrachtete er seine gewaltigen Fäuste: „Glaubʻ nicht, dass das schon alle gewesen sind, die mir was zeigen wollten … Wenn nur der Nebel nicht wäre, der verdammte Nebel … …

– – –

„Schwarzer, … hierher …"

Widerwillig gehorchte der Wolf. Das mächtige Tier hatte seinen Herrn eine volle Stunde durch die Straßen und Gassen dieser unheimlichen, großen Stadt geführt. Seinen Herrn? Der Ausdruck mochte nicht ganz stimmen. Schwarzwolf hatte keinen Herrn, sondern einen Kameraden, einen Kampfgefährten, der ihn ergänzte, wenn sein tierischer Instinkt versagte. Natürlich war der Mensch mit ganz anderen Gaben ausgestattet als der Wolf. Schwarzwolfs Stärke lag in der Fährtensuche. Vor einer Stunde hatte Conny Cöll die untrügbare Nase des Tieres auf eine frische Spur gesetzt: Ein Mann war ermordet worden. Ein Chinese, der vor kurzer Zeit noch Opium in seinen Gewändern verborgen hatte, wie der Westmann unschwer feststellen konnte. Die Polizei stand ratlos. Es waren keine Spuren vorhanden, keine Anhaltspunkte, keine Augenzeugen; kein sichtbares Indiz – außer dem Toten – lag für die Aufklärung vor. Aber dem bewährten Vierbeiner war es mühelos gelungen, die wie Gift schmeckende Witterung, die der Leiche anhaftete, aufzunehmen. Sie hing überall, am Boden, an dem erstarrten Körper, in der Luft. Freilich, die Nasen der Menschen taugten nichts; in diesem Punkt hatte Conny Cöll die Gedanken seines treuen Vierbeiners erraten können.

„Du bist der Beste, Schwarzer, flüsterte er, „zuerst du … und dann ich. Er klopfte zärtlich an seine beiden Waffentaschen, die ihm tief und schwer von den Hüften baumelten, „du wirst die Burschen finden, die das getan haben …"

Der Wolf stieß ein zufriedenes Brummen aus, er schien verstanden zu haben. Jetzt war er an der Reihe. Ihm fiel es nicht schwer, der Witterung nachzuspüren, und dann aber … dann …

Er wedelte freudig mit der buschigen Rute. Er liebte das Abenteuer noch mehr als das Fressen, und das wollte allerhand besagen, denn Schwarzwolf war kein Kostverächter. Sein Appetit war zu allen Tageszeiten beachtlich. Trotzdem – immer zuerst die Arbeit.

Der Weg führte zum Barbarenstrand, über die Grenze des Chinesenviertels, durch enge Gassen und Häuserschluchten. Conny Cöll musste mehrmals sein kurzes Pfeifen ausstoßen, da er wegen des dichten Nebels kaum folgen konnte. Schwarzwolf verlangsamte seinen Lauf, er kannte den leisen, vertrauten Ton dieser Pfeife. Ja, auch die Beine des Menschen waren nicht berühmt, sie konnten es mit Wolfsläufen nicht aufnehmen, sie waren zu schwach und ermüdeten bald. Schwarzwolf dagegen konnte stundenlang im gleichbleibenden Trab dahinspuren, ohne Anzeichen von Schwäche und Ermattung zu zeigen. So vieles war beim Menschen nicht vollkommen – zum Beispiel auch die Lungen nicht. Sie begannen schon nach kurzer Zeit zu kochen und waren ohne Kraft und Ausdauer. Als Schwarzwolf das Pfeifen hörte, stoppte er seinen schnellen Lauf und blickte zurück. Dies Geräusch war so fein erklungen, dass Menschenohren es nicht wahrgenommen hätten. Wolfslauscher waren unvergleichlich besser; also war auch in dieser Beziehung der Mensch ein recht unvollkommenes Wesen. Schwarzwolf vermochte dieses beinahe lautlose Pfeifen eine Meile weit zu hören, und so unglaublich es anmutet, Conny Cöll hatte dies Hundert Mal erfahren müssen.

„Nicht so schnell, Schwarzer, wer soll sich bei diesem Nebel zurechtfinden!"

Nebel? Ein unbekannter Begriff für Schwarzwolf.

Warum der Kamerad nur so langsam vorwärtskam? Schwarzwolf hatte bis heute immer das vortreffliche Auge des Menschen bewundert, das so viel weiter sah als das seine. Warum versagte es heute? Es war doch nicht Nacht.

Beißender Gestank lag in der Luft, dazwischen ein süßlicher, ihm unbekannter Geruch, der seine Sinne erregte. Die Witterung aber, die er nun schon seit einer Stunde verfolgte, war immer stärker geworden. Sie endete an einem Haus, das nur einen kleinen, schmalen Eingang hatte. Hier war auch der süßliche Geruch am stärksten. – –

– – –

Ben Silver schritt langsam die Uferbrüstung entlang. Seine Augen starrten angestrengt ins Leere –– Nebel überall. Das anbrandende Meer, obgleich im Dunst verborgen, lag mit dumpfem Brausen in der Luft. Irgendwo mussten die beiden klatschnassen Gestalten doch wieder an Land kommen, dachte er. Er erreichte die Brücke, deren Steinstufen nach unten führten. Vielleicht …?

Er wartete lang und geduldig, aber nichts rührte sich auf der Treppe. Das Glockenspiel der mächtigen St. Patricks– – Kathedrale schlug die vierte Nachmittagsstunde. Die Straße war wie ausgestorben, kein Mensch war dem „Kleinen Benjamin" begegnet, seit er das Vergnügen hatte, seine Fäuste zu beschäftigen.

Da – –

Ein Schatten tauchte auf, nicht über die Steinstufen … von der Straße her.

„Freund", hörte er eine Stimme sagen.

„Freund", rief Ben Silver mechanisch zurück.

Der Fremde kam näher. Ein Yankee.

„Verdammt, knirschte er, „Ich dachte …

„Was hast du gedacht, Bruderherz? Ben Silver fasste den verwirrten Mann, der sich offensichtlich in der Person geirrt hatte, beim Aufschlag seiner Lederweste: „Suchst du den Chinamann und den Neger, he?

„Lass los, verdammt!"

„Knabe, lächelte der Riese mitleidig, „du bist genau an der richtigen Adresse. Deine beiden Kumpane haben inzwischen ein Bad genommen. Die Hitze, Herzensbruder, die Hitze …

„Ein Bad? Der Mann bäumte sich unter den Fäusten des Riesen auf, ein Baby, gemessen an der Kraft Ben Silvers. „Ein Bad? Ich weiß nichts davon

Die Fäuste des

„Kleinen Benjamin" packten stärker zu.

„Hör zu, Boy, brummte er wie ein angriffslustiger Grizzly, „du wirst der nächste sein, der schwimmen geht, es sei denn, du gibst der Wahrheit die Ehre.

„Ich weiß von nichts!"

„So sagen am Anfang alle; alle Dummköpfe nämlich –"

„Lass los – aahh … ich ersticke!"

„Wo finde ich deinen Auftraggeber? Du weißt schon, wen ich meine …"

„Ich weiß von nichts!"

„Stan Lodge …"

„Noch nie gehört von ihm. Loslassen … Je - sus … loslassen!"

„Du wirst schwimmen, Boy, wenn du nicht Farbe bekennst! Wo finde ich Stan Lodge? Ich will ihm mal die Hand schütteln, hörst du, Herzensbruder – nur ein wenig Shakehands spielen will ich … sonst nichts –"

Während dieser Worte wurde die Gestalt, die als klägliches Bündel in der Faust des Riesen hing, jämmerlich hin und her geschüttelt. „Raue Zustände machen raue Sitten notwendig, fuhr der Kleine Benjamin fort, und er hielt den verzweifelt strampelnden Gesellen über die steile Uferbrüstung. Seine Gegenwehr erstarrte, Entsetzen hatte ihn ergriffen über dem grausigen Abgrund, obgleich er wegen des herrschenden Nebels am Barbarenstrand die schmutzige Tiefe nicht sehen konnte. Er wagte kein Glied seines Körpers mehr zu bewegen.

„Stan Lodge …, wiederholte Ben Silver so ruhig, als würde er eben sein Taschentuch über dem brodelnden Abgrund ausschütteln. Was bedeutete schon ein Zentnergewicht in seinen Gigantenfäusten? „Stan Lodge, …sagte er noch einmal. Er musste den Aufenthalt des gesuchten Gangsterführers erfahren. Rücksicht mit Verbrechern zu haben, war die gleiche verbohrte Dummheit wie der idiotische Glaube, mit wirren Gebeten und wundertätigen Mixturen einen Schwerkranken zu heilen.

„Eins …", zählte der Riese jetzt.

„Ich weiß von nichts …"

„Zwei …"

„Halt! Halt! Nicht loslassen – ich will sagen, was ich weiß! Nicht loslassen!"

Ben Silver dachte jedoch nicht daran, den über dem Abgrund hängenden Mann wieder ans sichere Ufer zurückzustellen. Zuerst das Geständnis, dann die Rettung.

„In der ,Laguneʻ … hat er sein Hauptquartier … in der Opiumhöhle, die man durch den schmalen Eingang im Hinterhaus erreicht … das ist die Wahrheit – so wahr ich Jim Stanly heiße …"

Die Wahrheit? Das konnte sie sein, wenigstens hatte es überzeugend geklungen. Eine Sekunde später hatte der zu Tode Geängstigte wieder festen Grund unter seinen Füßen. Er war starr und bleich und lehnte sich zitternd an die Brüstung, der Schrecken

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