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Die Strandbibliothek der Mörder 2017

Die Strandbibliothek der Mörder 2017

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Die Strandbibliothek der Mörder 2017

Länge:
1,765 Seiten
19 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 10, 2019
ISBN:
9781536591514
Format:
Buch

Beschreibung

Die Strandbibliothek der Mörder 2017

von Alfred Bekker, Peter Schrenk , Konrad Carisi & Horst Weymar Hübner

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1300 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende drei Krimis:

Alfred Bekker: Eis in den Bergen

Konrad Carisi: Sherlock Holmes und der Meister aus Syracus

Konrad Carisi: James Watson und der Mord ohne Leiche

Peter Schrenk: Ohne Obligo

Alfred Bekker: Grausame Rache

Horst Weymar Hübner: Schiffsreise in die Hölle

Alfred Bekker: Künstlerpech für Mörder

Alfred Bekker: Der Sniper von Berlin

Alfred Bekker: Der Hurenmörder von Berlin

Horst Weymar Hübner: Morgen muss Chicago sterben

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 10, 2019
ISBN:
9781536591514
Format:
Buch

Über den Autor

Über Alfred Bekker: Wenn ein Junge den Namen „Der die Elben versteht“ (Alfred) erhält und in einem Jahr des Drachen (1964) an einem Sonntag geboren wird, ist sein Schicksal vorherbestimmt: Er muss Fantasy-Autor werden!  Dass er später ein bislang über 30 Bücher umfassendes Fantasy-Universum um  “Das Reich der Elben” schuf, erscheint da nur logisch. Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten und wurde Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen.   Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', ‘Ragnar der Wikinger’,  'Da Vincis Fälle - die mysteriösen Abenteuer des jungen Leonardo’', 'Elbenkinder', 'Die wilden Orks', ‘Zwergenkinder’, ‘Elvany’, ‘Fußball-Internat’, ‘Mein Freund Tutenchamun’, ‘Drachenkinder’ und andere mehr  entwickelte. Seine Fantasy-Zyklen um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' ,die 'Gorian'-Trilogie, und die Halblinge-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt.  Alfred Bekker benutzte auch die Pseudonyme Neal Chadwick,  Henry Rohmer, Adrian Leschek, Brian Carisi, Leslie Garber, Robert Gruber, Chris Heller und Jack Raymond. Als Janet Farell verfasste er die meisten Romane der romantischen Gruselserie Jessica Bannister. Historische Romane schrieb er unter den Namen Jonas Herlin und Conny Walden.  Einige Gruselromane für Teenager verfasste er als John Devlin. Seine Romane erschienen u.a. bei Lyx, Blanvalet, BVK, Goldmann,, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt., darunter Englisch, Niederländisch, Dänisch, Türkisch, Indonesisch, Polnisch, Vietnamesisch, Finnisch, Bulgarisch und Polnisch.


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Die Strandbibliothek der Mörder 2017 - Alfred Bekker

BEKKER

Die Strandbibliothek der Mörder 2017

von Alfred Bekker, Peter Schrenk , Konrad Carisi & Horst Weymar Hübner

Der Umfang dieses Buchs entspricht  1300 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende drei Krimis:

Alfred Bekker: Eis in den Bergen

Konrad Carisi: Sherlock Holmes und der Meister aus Syracus

Konrad Carisi: James Watson und der Mord ohne Leiche

Peter Schrenk: Ohne Obligo

Alfred Bekker: Grausame Rache

Horst Weymar Hübner: Schiffsreise in die Hölle

Alfred Bekker: Künstlerpech für Mörder

Alfred Bekker: Der Sniper von Berlin

Alfred Bekker: Der Hurenmörder von Berlin

Horst Weymar Hübner: Morgen muss Chicago sterben

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Eis in den Bergen

Kurz-Krimi von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 18 Taschenbuchseiten.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Eine Villa in der Münchener Rauheckstraße, ein Ferienhaus mit Aussicht auf einen idyllischen Bergsee, nur eine halbe Stunde von der Großstadt entfernt... Dr. Anton F. Seidl fand, dass er es in den letzten Jahren zu einigem Wohlstand gebracht hatte. Und das, obwohl er keinesfalls Schönheitschirurg oder Zahnarzt war - sondern Tiermediziner. Und die standen normalerweise vom Einkommen her an unterster Stelle der medizinischen Zunft, es sei denn, sie hatten sich auf das Kurieren kleinerer Wehwehchen von millionenschweren Rennpferden spezialisiert. Aber zu diesen Kreisen hatten Seidl die Beziehungen gefehlt.

Er atmete tief durch, blickte über den mustergültig gepflegten Garten seiner Villa.

Hier war kein Grashalm an der falschen Stelle. Ein Gärtner kam regelmäßig dreimal die Woche, um alles in Ordnung zu halten und darüber hinaus die zahlreichen und häufig wechselnden gärtnerischen Sonderwünsche von Frau Seidl zu erfüllen.

Alles, was du hier siehst, wird dir vielleicht schon bald buchstäblich unter den Fingern zerrinnen!, ging es Seidl grimmig durch den Kopf. Der Puls schlug ihm bis zum Hals. Nein, du hast einfach zu lange dafür gekämpft, um jetzt aufzugeben! Jetzt musst du dir etwas überlegen, dich vielleicht sogar mit sehr harten Bandagen durchzukämpfen.

Seidl zuckte zusammen, als ihn von hinten eine Hand an der Schulter berührte.

Was ist?, drang die Stimme seiner zweiten Ehefrau Veronika in sein Bewusstsein.

Seidl drehte sich ruckartig zu ihr herum. Sie war Anfang dreißig, er Anfang fünfzig. Ihr Gesicht war feingeschnitten mit hohen Wangenknochen. Das dunkle Haar fiel ihr bis weit über die Schultern. Zwei feste Brüste pressten sich gegen den enganliegenden Stoff ihres Pullovers. Manchmal musste er aufpassen, um sie nicht mit 'Franziska' anzureden - dem Namen seiner ersten Frau. Im Grunde war Veronika eine Art verjüngte Ausgabe seiner ersten Frau.

Es ist nichts, behauptete Seidl.

Du schwitzt ja!

Ja, mein Gott...

Mei, du siehst ja ganz blass aus!

Eine der wenigen Dinge, die Seidl an seiner zweiten Frau störten war, dass sie unentwegt mei zu sagen pflegte. Während er selbst sich den niederbayrischen Dialekt, mit dem er aufgewachsen war, mühsam abgewöhnt hatte und spätestens seit seinem Studium in Hamburg nur noch 'nach der Schrift' redete, konnte Veronika ihre sprachliche Herkunft einfach nicht verleugnen.

Mei, warum sagst denn nix? Hängt das vielleicht mit dem Reporter zusammen, der vorhin hier war?

Seidl lächelte breit. Das war nur ein Wichtigtuer, meinte er. Der ist nur auf Skandale aus.

Skandale? Mei, was will er denn dann von dir?

Ach, du kennst das doch. Da ist irgendwo mal wieder hormonverseuchtes Fleisch aufgetaucht und jetzt wollte dieser Kerl meine Meinung dazu wissen.

Das war alles?

Ja, verdammt nochmal.

Geh, Anton! Nun hab dich doch net so! Man wird ja wohl mal nachfragen dürfen.

Seidl atmete tief durch. Mir geht es heute nicht besonders gut. Muss wohl am Fön liegen. Ich glaube, ich lege mich ein bisschen hin. Nachher habe ich nämlich noch einen wichtigen Termin...

Wollten wir heut' Abend net in die Oper?

Ja schon, aber...

Das wird also nix!

Nicht traurig sein. Geh ruhig allein hin oder nimm deine Freundin Karin mit, damit die Karte nicht verfällt!

Seidl ging an ihr vorbei, trat dann durch die Terrassentür ins Haus.

In seinem Hirn arbeitete es fieberhaft.

Ich lasse mir meine Existenz nicht zerstören!, hämmerte es in ihm. Um keinen Preis...

2

Zwei Stunden später wählte Seidl vom Anschluss im Schlafzimmer aus eine Handynummer, die er von einer Visitenkarte ablas.

Es war die Karte des Journalisten.

Hier Tom Dremmler, meldete sich eine sonore Stimme.

Tom Dremmler, freier Mitarbeiter verschiedener Boulevardblätter und neuerdings Erpresser, so ging es Seidl zynisch durch den Kopf. Aber in dem Job bist du ein Anfänger, Dremmler! Also sieh dich vor!

Ich bin's, Dr. Seidl, meldete sich der Veterinär.

Sie haben sich die Sache also überlegt, stellte Dremmler fest. Er lachte heiser. Seine Stimme war rau vom übermäßigen Alkoholgenuss. Auf den Parties, die er besuchte, nahm er beinahe jedes volle Glas mit, das ihm hingehalten wurde. Seine Leberwerte mussten entsprechend sein. Und die Zahl der abgestorbenen Hirnzellen hatte mit Sicherheit jenen Wert überschritten, der ihn noch hätte hoffen lassen können, dass aus ihm eines Tages doch noch ein seriöser Feuilletonist wurde.

Hören Sie, Dremmler...

Ich will eine Million! Darüber lasse ich auch nicht mit mir handeln. Andernfalls können Sie auf den Titelseiten Ihren Namen und Ihr Bild sehen. Vielleicht mit folgender Überschrift: DER HORMON-DOKTOR ENTLARVT! NEUER SKANDAL IN DER SCHWEINEMAST!

Woher soll ich eine Million nehmen?

Beleihen Sie Ihre Villa oder verkaufen Sie Ihr Ferienhaus in den Bergen...

Sie sind gut informiert.

Vergessen Sie das nie, Dr. Seidl. Vergessen Sie das nie....

Angenommen ich zahle Ihnen eine Million. Wer garantiert mir, dass Sie nicht weitere Forderungen stellen.

Was haben Sie nur für eine schlechte Meinung von mir.

Ja wohl nicht ganz unbegründet, oder?

Seidl, Sie können von Glück sagen, wenn Sie aus dieser Sache mit einigermaßen heiler Haut herauskommen. Jahrelang sind Sie von Bauernhof zu Bauernhof gereist und haben Ihre illegalen Medikamentencocktails verkauft. Eine Art Dealer für Junkie-Schweine... Er kicherte. Ich kann alles belegen. Ich habe Unterlagen, Fotos, Proben...

Ich muss dieses Beweismaterial haben, wenn ich Ihnen eine derart große Summe zahle.

Dann legen Sie noch eine halbe Million drauf und wir sind handelseinig.

Sie sind unverschämt.

Ich kann rechnen, Dr. Seidl. Sie haben mit Ihren Wundermitteln in den letzten Jahren ein Mehrfaches davon eingenommen. Alles, was ich verlange ist ein gerechter Anteil.

Innerlich kochte Seidl.

Alles in ihm krampfte sich zusammen. Er bemerkte, dass seine Hand zu zittern begann. Wenn er jetzt vor mir stünde!, durchzuckte es ihn. Er hätte dann für nichts garantieren können... Durch regelmäßiges Atmen versuchte er, sich wieder zu beruhigen.

Er musste einen kühlen Kopf bewahren.

Eiskalt reagieren.

Nur dann hatte er eine Chance, den Hals aus der Schlinge zu ziehen.

Ich bin mit Ihren Bedingungen einverstanden, brachte er schließlich über die Lippen.

Freut mich, das zu hören.

Aber Sie dürfen mich nie wieder in meiner Villa an der Rauheckstraße besuchen! Haben Sie gehört?

Sorry, Doc. Tom Dremmler lachte heiser, hustete dann. Vermutlich Raucherhusten, diagnostizierte Seidl.

Wir müssen uns treffen. Sie bringen die Beweismittel mit und ich...

Die anderthalb Millionen, schnitt Dremmler ihm das Wort ab.

In bar, nehme ich an.

Wäre mir lieb.

Samstag in einer Woche. Vorher kriege ich das mit meiner Bank nicht zurecht.

Gut. Aber keinen Tag länger.

Nun zum Treffpunkt. Mein Ferienhaus in Kayserstein kennen Sie ja bereits.

Ja.

Kommen Sie nächsten Samstag gegen 17.00 Uhr dort hin. Dort sind wir ungestört.

Einverstanden.

3

Dr. Anton Seidl fuhr die schmale, in Serpentinen den Berghang hinaufführende Straße mit geradezu halsbrecherischem Tempo entlang. Es war Samstag Mittag. Veronika hatte etwas herumgemeckert, als er ihr offenbart hatte, dass er das Wochenende im Ferienhaus verbringen wollte. Schließlich war er sogar das Risiko eingegangen, ihr anzubieten, ihn doch zu begleiten. Das hatte sie während ihrer bislang vierjährigen Ehe nur ein einziges Mal getan und sich dabei schrecklich gelangweilt. Bergwandern und die stundenlange Angelei im nahegelegenen See - das war alles nicht ihr Fall. Ihrer dialektbeladenen, sich eher erdverbunden anhörenden Sprache zum Trotz war sie doch ganz eindeutig eine Stadtpflanze und kein Landei.

Aber Anton Seidl brauchte ab und zu diese Einsamkeit und Ruhe hier oben.

Er erinnerte sich noch ganz genau, wie er das Haus zum ersten Mal gesehen hatte. Er war auf dem Weg zu einem Kunden gewesen, dessen Viehbestand er mit einem Koffer voller wachstumsfördernder Mittel versorgt hatte. Für viele der Bergbauern war die Situation prekär. Mit den großen Agrarfabriken andernorts konnten sie nicht mithalten, weder im Preis noch in der Menge. So mussten die Tiere eben schneller wachsen und dabei immer noch nach Möglichkeit den Eindruck machen, als ob sie unter glücklichen Umständen ihr kurzes leben gefristet hatten. Verluste waren tabu. Es wurde gespritzt, was das Zeug hielt, beziehungsweise der Koffer des Hormon-Dealers hergab.

Von einem seiner Kunden, dem Wendinger-Klaus, dem einer der größten Höfe in der Umgebung gehörte, hatte Seidl seinerzeit den Tipp bekommen, sich das Haus mal anzusehen. Es hatte kurz vor der Zwangsversteigerung gestanden. Den Preis, den Seidl dafür hatte ausgeben müssen, war geradezu lächerlich, wenn man bedachte, dass die Gegend touristisch gut erschlossen war.

Seidl hing seinen Gedanken nach, blickte zwischendurch immer wieder nervös auf die Uhr.

Er hatte einen Plan.

Einen Plan, der mit Tom Dremmlers Tod enden würde. Aber bevor er das Ferienhaus erreichte, gab es noch einiges, was Seidl vorzubereiten hatte.

Plötzlich musste Seidl mit aller Gewalt in die Bremse seines champagnerfarbenen Mercedes SLK treten. Die Reifen quietschten. Von der Seite ergoss sich ein Strom von hunderten von Schafleibern auf die Fahrbahn. Sie blökten durcheinander. Einige wichen vor dem SLK erschrocken zurück und stießen dabei ihre Artgenossen um. Ein Chaos entstand. Mittendrin, wie ein Fels in der Brandung, stand der Schäfer mit hochrotem Kopf und wütendem Gesicht.

Er nahm seinen Filzhut ab, knitterte ihn in der Faust zusammen und brüllte Seidl wütend an. Da der Tierarzt das Verdeck seines SLK auf Grund des sonnigen Frühlingswetters zurückgeklappt hatte, konnte er jedes Wort verstehen. Und das, obwohl ein Hirtenhund andauernd dazwischen bellte.

Mei, was fällt Ihnen ein! Kruzifix noch einmal! Wie kann einer nur so narrisch sein und net aufpasssen, was über die Straße herüberkommt!

Hätten Sie nicht aufpassen können!, rief Seidl zurück.

Er kannte den Hirten.

Corbinian Anzengruber hieß er und war in der gesamten Gegend als eine Art Faktotum bekannt. Allerdings auch als Verbreiter von Neuigkeiten und Gerüchten.

Das hat mir gerade noch gefehlt, dass mir der über den Weg läuft!, ging es Seidl ärgerlich durch den Kopf. Dieser Quasselkopf würde überall herumerzählen, dass der allseits bekannte Tierarzt mal wieder in der Gegend war und das Wochenende in seinem Ferienhaus verbrachte.

Einige Sekunden lang dachte Seidl darüber nach, ob er das ganze Unternehmen nicht abblasen sollte.

Er dachte an die Polizei, an die Fragen, die sich zwangsläufig ergeben, wenn...

Nein, du stehst das jetzt durch!, forderte er sich dann selbst auf. So etwas wie absolute Sicherheit gibt es nicht, Anton Seidl! Auch für dich nicht! Du musst das Risiko eingehen, wenn du nicht sehenden Auges in den Abgrund springen willst!

Geht das nicht ein bisschen schneller?, schrie Seidl dem Hirten dann entgegen.

Dann hupte er, worauf die Schafe aufgeregt blökten und der Hirtenhund sich in seiner bis dahin unumstrittenen Autorität bedroht fühlte.

Ja, ist dieser großkopferte Herr Veterinär jetzt vielleicht vollkommen narrisch geworden?, brüllte der Anzengruber jetzt zurück. Macht mir die Tiere auch noch verrückt!

Ich hab's eilig!

Mei, das dauert halt ein bisserl!

Fast eine Viertelstunde dauerte es, bis alle Tiere endlich über die Straße gelangt waren.

Seidl ließ den Motor des SLK aufheulen und brauste davon. Wenig später erreichte er das schmucke Holzblockhaus. Er parkte den SLK und stieg aus.

Tief sog er die klare Bergluft in sich auf. Man hatte eine fantastische Aussicht von hier aus. Reste des Morgennebels hingen noch über dem leuchtend blauen See, auf den man von hier aus eine vollkommen freie Sicht hatte.

Ein Ort wie aus dem Paradies, dachte Seidl. Aus meinem Paradies. Und davon wird mir niemand etwas wegnehmen.

Er sah kurz auf die Uhr (er wusste selbst nicht mehr, zum wievielten Mal an diesem Tag schon) und griff dann zum Handy.

4

W o soll ich das Zeug hinbringen?, fragte der Eismann, der seinen Lieferwagen etwa eine Stunde später vor Seidls Ferienhaus geparkt hatte. Er wollte sich schon mit einer Eisstange in der Hand an Seidl vorbei zum Haus hinbewegen, aber Seidl schüttelte den Kopf.

Im Haus konnte er das Eis nicht gebrauchen.

Dort hinein!, forderte er und deutete dabei auf den Kofferraum seines SLK.

Der Eismann sah ihn ziemlich verdutzt an.

Ist das Ihr Ernst?

Mein voller!

Zur Bekräftigung öffnete Seidl den Kofferraum. Der Eismann kam herbei und lud die Stange dort ab. Er wischte sich anschließend mit dem Ärmel über die Stirn. Die anderen auch in den Kofferraum?, vergewisserte er sich.

Seidl nickte kühl.

Ja.

Insgesamt drei, dicke, quaderförmige Stangen Eis brachte der Eismann dann noch in den Kofferraum des SLK.

Sie werden sich den Wagen damit verderben, prophezeite der Eismann.

Das lassen Sie mal meine Sorge sein, erwiderte Seidl kühl.

Der Eismann hob beschwichtigend die Hände. Ist ja schon gut, ich wollte Ihnen wirklich net reinreden, Herr Doktor...

Dann lassen Sie es bitte auch!

Mei, muss man denn da gleich so grantelig werden? Ich hab's ja nur gut gemeint.

Seidl schloss den Kofferraum und bezahlte dann. Der Eismann blickte nachdenklich auf den SLK. Sie haben 'ne Riesenparty vor sich, was?

Seidls Lächeln war dünn. Sein Mund wirkte in diesem Moment fast wie ein Strich. Ja, so könnte man es bezeichnen...

Warum haben Sie keine Getränke bei uns bestellt? Sie hätten dann Rabatt gekriegt.

Auf wiedersehen.

Augenblicke später fuhr der Eismann davon. Seidl sah dem Lieferwagen nach, bis er so weit die Serpentinen hinuntergefahren war, dass man ihn vorübergehend nicht mehr sehen konnte. Später, das wusste Seidl, würde er wieder auftauchen und man konnte seinen Weg dann noch eine ganze Weile beobachten.

Seidl griff zum Handy.

Er wählte die Nummer von Tom Dremmler.

Hier ist Seidl.

Nanu, wir waren doch erst später verabredet, wunderte sich der Journalist.

Ich weiß. Aber es hat sich einiges geändert. Wir müssen den Termin etwas vorverlegen. Und der Treffpunkt ist auch nicht mehr derselbe.

Wenn Sie glauben, Sie können mit mir irgendwelche Tricks versuchen, dann...

Das würde ich mir nie erlauben!, versuchte Seidl den Erpresser zu beschwichtigen.

Sie wissen, was dann passiert.

Natürlich.

Also?

Sie fahren nicht erst heute Abend um fünf zu mir in die Berge, sondern jetzt. Kurz vor Kayserstein befindet sich ein Parkplatz mit hervorragender Aussicht. Liegt etwas abseits. Aber wenn Sie nach dem Hinweisschild 'Kayserstein 7 Kilometer' die nächste links nehmen, kommen Sie direkt dort hin.

Gibt es kein Hinweisschild?

Nein.

Ich glaube nicht, dass ich schonmal dort war.

Wenn Sie Schwierigkeiten mit dem Weg haben, rufen Sie meine Handynummer an. Fragen Sie auf keinen Fall irgend jemanden. Ich bin in der Gegend bekannt wie ein bunter Hund.

Dremmler lachte.

Ich weiß.

Kommen Sie zum Treffpunkt. Ich werde Ihnen die anderthalb Millionen übergeben, sofern Sie das belastende Material bei sich haben. Aber beeilen Sie sich!

Gut, kam es nach einigem Zögern von der anderen Seite der Leitung.

Seidl triumphierte innerlich.

5

Anton Seidl war als erster auf dem Parkplatz. Er sah ungeduldig auf die Uhr. Das Eis machte ihm sorgen. Wenn Dremmler zu spät kam, wäre es geschmolzen. Aber das Eis spielte in dem Mordplan, den er sich zurechtgelegt hatte, eine entscheidende Rolle. Es gibt keinen anderen Weg!, sagte er zu sich selbst. Du hast es oft genug hin und her überlegt. Du oder er, das ist die Alternative. Nein, die Sache musste beendet werden. Ein für allemal. Seidl zog sich seine dünnen Lederhandschuhe an. Ein Motorengeräusch brauste auf. Das war Dremmler. Er parkte seinen roten Ford und stieg aus. Dremmler strich sich das etwas zu lange, fettig wirkende Haar zurück. Der Fotoapparat baumelte ihm am Hals. Er ging auf Seidl zu und kam gleich zur Sache. Wo ist das Geld?, fragte Dremmler.

Seidl ging ein paar Schritte auf ihn zu. Hören Sie, Dremmler..., begann er. Er hatte Dremmler fast erreicht, da erstarrte der Tierarzt mitten in der Bewegung. Er blickte abwärts in Höhe seines Bauches und bemerkte den blanken Lauf eines Kleinkaliber-Revolvers in Dremmlers rechter Hand. Der Reporter hatte die Waffe blitzschnell unter seiner Jacke hervorgezogen.

Offenbar war er misstrauisch geworden.

Bleiben Sie, wo Sie sind, sagte der Reporter.

Dremmler, was soll das? Wir wollten uns doch einigen!

Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme, Herr Dr. Seidl!, erklärte er mit hochrotem Kopf, wobei er das 'Herr Dr. Seidl' eigenartig betonte. Ich weiß, dass Sie mit allen Wassern gewaschen sind und Ihnen kein Trick zu schmutzig wäre...

Seidl lächelte schwach. Dremmler...

Keine Tricks! Ich will das Geld.

Es ist im Wagen!

Dann holen wir es jetzt... Dremmler bedeutete Seidl mit einem Handzeichen, sich umzudrehen. Mit Dremmlers Waffe im Rücken ging er dann vor dem Reporter her und fragte sich, was er tun konnte. Seidl hatte kein Geld für Dremmler und außerdem drohte sein ganzer Plan den Bach hinunter zu gehen. Seidl öffnete den Kofferraum seines Wagens. Dremmler stand hinter ihm und sah auf die Eisstangen.

Was soll das?, murmelte er.

Jetzt oder nie!, dachte Seidl. Diesen Moment der Überraschung nutzte er und wirbelte herum. Der Handkantenschlag traf Dremmlers Kehle und ließ ihn augenblicklich in sich zusammensacken. Die Waffe hielt Dremmler fest umklammert, aber er kam nicht mehr dazu, sie abzudrücken. Seidl sah zufrieden auf den Reporter herab. Er war tot. Ein zynisches Lächeln umspielte Seidls Lippen. Einer wie er, der sich seit Jahren mit Karate fit hielt, brauchte keine Waffe. Zumindest nicht, wenn er nahe genug an seinen Gegner herankam.

Jetzt durfte er keine Zeit verlieren.

Er durchsuchte den Wagen, fand eine Tasche, in der sich Fotomaterial und andere Unterlagen befanden.

Seidl sah es kurz durch.

Dremmler muss mich geradezu beschattet haben!, durchfuhr es ihn dabei.

In Zukunft musste er vorsichtiger sein, um etwas Ähnliches zu verhindern.

Seidl nahm das Material an sich, verstaute es im Handschuhfach seines SLK.

Und wenn der Hund noch mehr gesammelt und irgendwo anders deponiert hat?, überlegte er. Er musste davon ausgehen. Aber er würde deswegen nichts unternehmen. Mochte das Zeug irgendwo in Frieden auf einer Festplatte schlummern. Wenn Seidl anfing, danach zu suchen, würde er sich nur in Verdacht bringen.

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte Ihren Strafverteidiger!, dachte Seidl.

Es gab jetzt kein Zurück mehr.

Und das Risiko, dass das doch etwas von dem belastenden Datenmaterial an die Oberfläche gespült wurde, war vertretbar.

Wenig später packte Seidl Dremmlers Leiche und trug sie zu dessen Wagen.

Dann setzte er den Toten ans Steuer. Nun schob er den Ford an den Rand des Parkplatzes. Dort ging ein Hang recht steil hinab. Seidl schob den Wagen so weit es ging dorthin und zog die Bremse. Anschließend holte Seidl aus seinem Wagen die erste Eisstange. Er legte sie so unter die Vorderräder von Dremmlers Sportwagen, dass das Eis wie ein Bremsklotz wirkte. Die beiden anderen Stangen platzierte er ähnlich. Dann löste er sehr vorsichtig die Handbremse und lächelte. Das Eis würde schmelzen und der Wagen in die Tiefe rasen. Etwas weiter unterhalb kam ein Plateau und dann ging die Felswand fast senkrecht in die Tiefe. Der Wagen würde vielleicht explodieren und wenn nicht, dann würde man die Verletzung an Dremmlers Kehle als Unfallfolge deuten. Schließlich konnte die Kehle auch durch das Lenkrad eingedrückt worden sein.

Wahrscheinlich konnte man in der Umgebung den Aufprall weithin hören.

Gut so, dachte Seidl.

Denn wenn es so weit war, würde er sich viele Kilometer entfernt befinden und dafür sorgen, dass sich genügend Zeugen an ihn erinnerten... Seidl stieg in den Wagen und brauste davon.

6

Seidl überlegte, was er tun sollte. Vielleicht war es das Beste, jetzt einfach nach Hause zu fahren. Nach München. Warum sich länger als unbedingt notwendig in der Gegend aufhalten, zumal er in seinem Ferienhaus kein richtiges Alibi hatte.

Er war innerlich stark aufgewühlt, überlegte hundertmal, ob er nicht irgendeinen Fehler gemacht, irgend etwas übersehen hatte.

Ganz ruhig bleiben!, forderte er sich selbst auf. Du kannst jetzt nichts weiter tun, als abwarten, dass es irgendwo einen lauten Knall gibt. Nichts wird in deine Richtung deuten. Fahr nach München. Veronika wird fragen, warum ich so früh zurückkehre, sie wird sich etwas wundern und ich werde irgendeine Ausrede erfinden. Es wäre das erste Mal, dass sie an irgend etwas zweifelt.

Seidl drehte leise das Radio an, während er mit - wie üblich überhöhter Geschwindigkeit - die schmale Bergstraße entlangbrauste.

Er blickte kurz in Richtung des Sees. Das Sonnenlicht spiegelte sich darin, ließ ihn leuchend blau erscheinen. Dahinter die schneebedeckten Gipfel. Eine Postkartenkulisse.

Dann erreichte er die Tankstelle vom Krainacher. Eine kleine, freie Tankstelle, die sowohl von ihrer tatsächlichen Lage als auch von ihrer wirtschaftlichen Situation her nahe am Abgrund stand.

Die Tankanzeige zeigte an, dass der SLK eigentlich noch nicht wieder neuen Kraftstoff brauchte, aber Seidl kam der Gedanke, dass ein Besuch beim Krainacher eine gute Gelegenheit war, sich in Erinnerung zu bringen.

Für den Fall, dass es doch Ermittlungen gab, die ihn in den Kreis der Verdächtigen mit einbezogen.

Er fuhr vor die Zapfsäule, stieg aus, tankte den SLK bis oben hin voll.

Dann ging er zum Krainacher herein, der mit ölverschmierter Latzhose hinter der Kasse stand.  Seidl nahm noch eine Zeitung, damit die Rechnung nicht so lächerlich gering blieb.

Servus, Herr Doktor!, sagte der Krainacher. Sie sind schon wieder auf dem Rückweg?

Natürlich hatte der Krainacher mitbekommen, in welcher Fahrtrichtung Seidl unterwegs war. Schließlich bestand seine Hauptbeschäftigung darin, aus dem Tankstellenfenster auf die Straße zu blicken.

Ja, ja, murmelte Seidl.

Aber am Wetter kanns net liegen! Das ist doch heute ausgezeichnet für die Jahreszeit!

Ich brauche den Sonntag noch, um meine Steuersachen zu ordnen.

Mei, da woaß i, wovon Sie red'n!, nickte der Krainacher mitfühlend. Wenn Sie mich fragen, dann nimmt die Bürokratie auch wirklich überhand! Finden's net auch?

Sicher.

In diesem Moment fuhr ein Traktor vor eine der Zapfsäulen. Der Fahrer stieg ab, tankte nach.

Seidl verabschiedete sich vom Krainacher und ging hinaus.

Den Traktorfahrer kannte er. Es war der Bernrieder-Bauer.

Servus! Gut, dass ich Sie treffe!, rief der Bernrieder und kam auf ihn zu. Meine Mathilda steht kurz vom Kalben und ich hab das Gefühl, da stimmt was net...

Sie wissen, dass ich...

Ja, i woaß! Sie sind mehr für den medikamentösen Aspekt der Tiermedizin zuständig! Seidl zuckte zusammen. Der Krainacher sprach das aus, als handelte sich um eine ganz normale Dienstleistung. Schon Jahrelang sorgte Seidl dafür, dass das Vieh des Krainachers etwas schneller wuchs, als die Natur das eigentlich vorgesehen hatte.

Ich würde Sie net fragen, wenn der Huber da wär!

'Der Huber', das war der hiesige Tierarzt. Ein Mann mit Prinzipien und ein Tierarzt im klassischen Sinn. Dafür aber auch ein vergleichsweise armer Hund!, ging es Seidl durch den Kopf.

Ich sehe mir Ihre Mathilda an!, versprach Seidl.

Warum nicht?, überlegte er. Eigentlich müsste ich dem Krainacher dankbar sein - bietet er mir doch ein perfektes Alibi an.

7

Seidl blieb den ganzen  Nachmittag auf dem Krainacher-Hof. Mit der Kuh Mathilda war alles in Ordnung - es waren die Nerven des Bauern, die blank lagen. Aber Seidl sorgte dafür, das sein Aufenthalt auf dem Hof sich etwas in die Länge zog.

Zwischendurch war in der Ferne ein lauter Knall zu hören. Dann, kurze Zeit später ein weiterer.

Seidl horchte auf.

Einige der Kühe wurden unruhig.

Was war das denn?, fragte Seidl.

Mei, das muss aus dem Nachbartal kommen. Da wird seit kurzem nämlich Basalt abgebaut! Wir haben alle dagegen protestiert und sogar beim Landrat vorgesprochen, aber da war nix zu machen!

Auch am Samstag?

Die holen sich einfach eine Sondergenehmigung!

Seidl nickte verständnisvoll.

Hauptsache, er erinnert sich später noch an die Explosion, denn der Tierarzt war sicher, dass dieser Knall nichts mit dem Basaltabbau in der Nähe zu tun hatte.

Später saß Seidl noch bei einer Brotzeit in der guten Stube des Krainachers. Ich habe es geschafft!, dachte der Tierarzt. Das Alibi ist perfekt.

8

Es wurde spät und Seidl entschied sich dafür, doch nicht nach München zurückzukehren. Wozu auch? Ihm konnte nichts passieren, die gesamte Familie des Krainachers konnte bezeugen, dass er zu dem Zeitpunkt, da Dremmlers Ford in die Tiefe gestürzt war, sich auf dem Hof befunden hatte. Jetzt wollte er in der Nähe bleiben, um besser beobachten zu können, was sich tat...

Auf dem Rückweg zum Ferienhaus fror Seidl ganz erbärmlich, obwohl er sich den Mantel angezogen hatte.

Es war verflucht kalt geworden.

Schon während seines Aufenthalts auf dem Krainacher Hof war ihm der eisige Wind aufgefallen, der plötzlich von den Bergen blies.

Er kehrte erst spät in sein Haus in den Bergen zurück und war ziemlich überrascht, als jemand vor der Haustür auf ihn wartete. Ich bin Kriminalhauptkommissar Niedermayer , sagte der etwas beleibte Mann und zeigte Seidl seine Marke. Ich habe es schon einmal versucht, aber da waren Sie nicht zu Hause...

Kommen Sie herein, sagte Seidl und rieb sich die Hände. Es war ziemlich kalt geworden. Was ist denn passiert?

Kennen Sie Herrn Tom Dremmler?

Warten Sie, ich mache die Heizung an...

Er ist hier in der Nähe ermordet worden.

Ermordet?, fragte Seidl. Etwas musste schief gelaufen sein und er fragte sich verzweifelt, was es wohl war. Der Kommissar nickte. Von Ihnen, Herr Seidl. Sie hatten einen genialen Plan. Eigentlich hätte man von dem Eis keinerlei Spuren finden dürfen und wir hätten dann auch niemals bei den Eislieferanten der Umgebung nachgefragt, wer sich heute vier große Stangen hat liefern lassen... Wir wären nie auf Sie gekommen, Herr Seidl, wenn Sie das Wetter hier in den Bergen in Ihre Überlegungen mit einbezogen hätten. Drastische Temperaturschwankungen sind hier nichts Ungewöhnliches und heute hat es so einen Temperatursturz gegeben. Das Eis ist noch immer nicht geschmolzen... Sie sind übrigens verhaftet! 

ENDE

Sherlock Holmes und der Meister aus Syracus

von Konrad Carisi

Sherlock Holmes ist der berühmteste Detektiv seines Jahrhunderts, aber nicht der Einzige. Er erhält Besuch von seinem ebenfalls legendären Kollegen Auguste Dupin. Der Pariser Meisterdetektiv macht sich auf die Reise, um Sherlock Holmes zu besuchen und gemeinsam lösen sie einen Fall, der Scotland Yard bis dahin zum Verzweifeln brachte. Aus der Themse gefischte Leichenteile geben Rätsel auf. Anscheinend geht ein Serienmörder um...

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Kapitel 1: Ein längst überfälliges Treffen

„Was für ein Zimmer hätten Sie denn gerne?", fragt mich die freundliche Frau im engen Kleid. Es ist schon fast unschicklich eng, doch die Zeiten ändern sich. Ich werde alt. Nein, ich muss mich korrigieren: Ich bin alt.

„Ich habe reserviert. Telegrafisch, genaugenommen. Mein Name ist C. Auguste Dupin", stelle ich mich vor. In Paris wäre der Name etwas wert gewesen, hier nicht. Zugegeben, in Paris auch nur in gewissen Kreisen. Die Frau nickt ruckartig und sieht in ihrem kleinen schwarzen Büchlein nach. Es ist kein sehr teures Hotel, aber das Frisian Palace ist sauber und liegt zentral in London. Was will man mehr? Mein Weg war beschwerlich von Paris aus. Das hat aber weniger mit der Reiseweite zu tun, als mit etwas viel Banalerem: Ich werde auch nicht jünger. Wie ich es hasse, dass ich nun diesen Stock brauche, auf den ich mich stütze. Alles dauert einfach länger.

„Ismael bringt Sie herauf, Mister Dupin", sagt die Frau und winkt den dunkelhäutigen Pagen in seiner blassroten Jacke, die die Uniform dieses Hotels darstellt, heran. Er nimmt mir die Reisetasche ab und geht vor. Ich bemühe mich, Schritt zu halten. Ismael geht nicht besonders schnell. Ich bin mit dem dritten Bein nur etwas unsicher.

Es geht glücklicherweise nur eine Treppe hinauf und dann einen Korridor entlang. Das Zimmer ist klein, sauber und ordentlich: ein alter Stuhl mit geflochtener Sitzfläche, ein niedriger dreibeiniger Tisch und dazu ein Bett mit Eisengestell, das eine echte Matratze enthält und nicht nur irgendeinen strohgefüllten Sack. So etwas gab es in meiner Jugendzeit noch häufiger, wenn es preiswert sein sollte. Das Zimmer geht zu einem Hinterhof hinaus, auf dem Leute ihre Wäsche aufhängen und Kinder spielen. Kurz schaue ich den Jungs zu, die mit Stöcken als Gewehren Räuber und Gendarm spielen. Im Leben bei etwas die Ernsthaftigkeit wiederfinden, die man als Kind so vielen Spielen entgegenbrachte ... das muss ein Schlüssel des Glücks sein. Ismael verschwindet nach einer tiefen Verbeugung und einem enttäuschten Blick. Vermutlich hat er irgendein Trinkgeld erwartet. Leider lässt nicht nur die Leistungsfähigkeit meines Körpers nach, auch die meiner Brieftasche lässt zu wünschen übrig. Ich ziehe mir die Reisekleidung aus und ein gutes Hemd an. Dann geht es wieder in das Durcheinander der Straßen von London.

Ich bin aus Paris natürlich so eine Menge an Menschen gewöhnt, aber mit dem dortigen Durcheinander bin ich eben vertraut. Es ist gewissermaßen meine natürliche Umwelt, mein Revier ist Paris. Das hier ist es nicht. Obwohl doch nicht so weit entfernt wie vielleicht Japan, ist mir doch alles fremd. Ich gehe hinunter auf die Straße, beobachte eine Weile die Menschen und sammle Eindrücke. Dann winke ich eine Droschke heran. Der Kutscher fragt mit breitem Akzent, wo es hingehen soll.

„Baker Street 225B", erwidere ich. Er nickt langsam. Dann leuchten seine Augen so, wie es nur das Wiedererkennen von etwas zu Stande bringt, oder das Erinnern an etwas.

„‘türlich, jetzt weiß ich, wo Se hin wollen. Hübsche Häuser da", stellt er fest. Ich steige ein und die Fahrt beginnt.

Durch ein Gewirr von Straßen fährt er mich, so dass ich mir Mühe geben muss, die Orientierung zu behalten.

ALS ICH ENDLICH VOR der unscheinbaren Tür stehe, bin ich ganz wieder ein kleiner Junge im Geiste. Ich klopfe dreimal energisch, doch nichts geschieht. Das kann doch nicht wahr sein, all der weite Weg und dann ist er wirklich nicht da?

Eine Geschichte oder ein Roman wäre da gnädiger, als es die Realität zuweilen ist.

Ich betrachte enttäuscht den Messingklopfer an der Tür.

„Verzeihen Sie die Verspätung", höre ich hinter mir jemanden sagen. Ich drehe mich um. Ich erkenne Sherlock Holmes sofort von den Zeitungsfotos wieder. Er ist etwas älter, natürlich und auch hagerer, gewiss. Doch die Adlernase ist unverkennbar. Sein Mantel ist gefüttert, denn es ist noch kalt und zudem ist er auch nicht mehr ganz jung. Ich weiß, wovon ich rede. Auch wenn ich es früher nicht geglaubt hätte: Im Alter lässt die Hitze der Jugend zusehends nach und man friert selbst jetzt noch im Frühjahr.

„Keine Ursache, Mister Holmes. Sie sind ja nur ein wenig zu spät", erwidere ich und deute dabei schelmisch lächelnd eine Verbeugung an, so gut es mit meinem Stock und einem schmerzenden Rücken geht.

„Auguste Dupin, zu Ihren Diensten."

„Ihre Briefe haben mir ein ums andere Mal Kopfzerbrechen bereitet. Dafür danke ich herzlichst", stellt Sherlock Holmes mir gegenüber fest. Auch er deutet eine Verbeugung an. Seit einigen Jahren korrespondieren wir und schicken uns oft kleine Rätsel. Manchmal berichten wir uns von unseren Fällen und versuchen, selbst eine Lösung zu finden, bevor wir sie lesen. Es ist selten, einen verwandten Geist zu finden.

„Ein verwandter Geist ist mir stets lieb und teuer", stelle ich fest.

Er nickt zustimmend.

„Ich empfand ihre Arbeit in jungen Jahren immer als inspirierend. Dieses Treffen ist auch lange überfällig, erwidert er. Dabei deutet er auf eine wartende Droschke. „Wie wäre es mit Tee und Gebäck? Oder auch was Sie sonst wollen, fügt er hinzu. „Leider ist niemand zu Hause, so dass ich Sie außer Haus bewirten möchte."

Ich nicke und wir fahren quer durch die Stadt. Im Theene Teehaus steigen wir ab und bekommen guten Schwarztee aus China gereicht.

„Ich verfolge Ihre Karriere schon lange", stelle ich fest. Sherlock Holmes lächelt und rührt mit dem kleinen silbernen Löffel in der blauweißen Teetasse vor sich herum.

„Das ist mir klar, doch Sie haben es stets in den Briefen vermieden, die einzig wirklich interessante Frage zu beantworten."

„Wieso?", erwidere ich. Das ist die Frage, die er nie stellte und ich nie beantwortete. Holmes nickt.

„Genau. Wieso habe ich einen Bewunderer in Ihnen? Jemanden der meine Karriere verfolgt."

„Was denken Sie?", frage ich. Er trinkt einen Schluck Tee, vielleicht um Zeit zu gewinnen.

„Ich habe Erkundigungen eingeholt, sie sind ein Bekannter Pariser Detektiv, Mister Dupin. Bis heute erzählt man sich von Ihren Fällen. Natürlich nur von denen, in denen Sie offiziell ermittelt haben."

Ich nicke. „Aber nur wenige wissen, wer ich bin. Ich suche mehr das Rätsel, weniger den Ruhm."

„Sie sind alt", stellt Holmes fest, ohne dabei unfreundlich zu klingen. Es ist eine Beobachtung.

„Auch Sie sind in dem Alter, wo Erfahrung wettmachen muss, was der Körper nicht mehr zu leisten vermag", erwidere ich und heben den Stock freundlich, wie zum Gruß. Es liegt genauso wenig Schärfe in meiner Stimme wie in seiner. Ich lehne mich hinterher wieder an die Lehne des weichen Sessels, in dem ich sitze. Vor uns ist ein Fenster, das zu einem bepflanzten Hinterhof hinausgeht.

„Dass die Augen nachlassen, davor habe ich auch immer die meiste Angst. Genauso wie der Verstand einen verlassen kann, gibt Holmes widerwillig zu. „Die meisten Menschen sehen zwar, sehen aber nicht richtig hin! Es ist wichtig, einen klaren Blick zu haben.

„Wo ist eigentlich Ihr Chronist?", wechsle ich das Thema mehr als oberflächlich. Ich mag nicht, wenn alte Menschen sich nur noch über ihre Gebrechen und Ängste unterhalten. Mir ist dabei leidvoll bewusst, dass ich ein alter Mensch bin.

„Ein tragischer Trauerfall in der Familie, deswegen ist er nun auf Verwandtschaftsbesuch. Ein nach Deutschland verheirateter Cousin verstarb. Doktor Watson ist für ein paar Wochen weg. Aber zurück zu Ihnen: Sie wollen einen verwandten Geist sehen, wieso? Ich denke, Sie wollen einen Nachfolger im Geiste sehen, da Sie keinen eigenen vom Fleisch und Blut Ihrer selbst haben."

Ich lächele traurig. Ich gebe nicht sofort eine Antwort. Ja, so in der Art ist es. Oder bin ich einfach nur einsam geworden?

„Vielleicht sehen Sie in mir einen Erben. Sie haben, denke ich, keine Kinder. Es war da nie eine Frau, die sie genug faszinierte", fügt Holmes hinzu und mustert mich. Dabei bemerke ich eine Vibration in seiner Stimme. Ich bin sicher, in Gedanken ist er bei diesen Worten bei einer bestimmten Frau. Einer Frau, die einen das Leben lang verzaubert und ein Mysterium bleibt. Jeder hat so eine Frau, eine Frau, die ihr ganzes Geschlecht für einen Mann immer dominieren wird.

„Ich wollte Sie kennenlernen, gebe ich zu, „sehen, wie gut Sie wirklich sind, Holmes. Ich lächle traurig. Ja, so ist es, ich bin ein einsamer alter Mann.

„Das trifft sich gut, auch wenn ich, nebenbei bemerkt, denke, Sie verheimlichen mir immer noch etwas, stellt Holmes fest. Kurz wundere ich mich, was er meint mit „es trifft sich gut.

Ich lache und sage: „Nein, das könnte ich nie. Etwas vor dem großen und einzigartigen Sherlock Holmes verheimlichen ...", lenke ich halbherzig vom Thema ab.

Ein Polizist errettet mich vor weiteren Nachfragen. Als ich bemerke, wie zielstrebig er auf uns zugeht, ist mir klar, was Holmes meinte mit „es trifft sich gut". Er hat ihn, da ich mit dem Rücken zur Tür sitze, zuerst gesehen und gleich die richtigen Schlüsse gezogen.

Der Polizist trägt die typische dunkle Uniform der unteren Ränge.

„Mister Sherlock Holmes?", fragt der Polizist fast ehrfürchtig. Man merkt, dass Holmes schon das ein oder andere Mal der Polizei behilflich war.

„Ja, Mister Clarke, was kann ich für Sie tun?", begrüßt Holmes den Fremden. Mister Clarke freut sich sichtlich. Ein spitzbübisches Lächeln erscheint auf seinem Gesicht. Es lässt ihn jünger aussehen.

„Sie erinnern sich an meinen Namen, Mister Holmes?", stellt Mister Clarke das Offensichtliche fest. Holmes nickt nur und wartet, dass Mister Clarke sagt, was er zu sagen hat. Irgendein Anliegen wird ihn schließlich so zielstrebig zu uns geführt haben. Dieser bemerkt die unpassende Stille und räuspert sich geräuschvoll.

„Nun, also. Ja, richtig. Ich soll Sie suchen, Sir. Mister Holmes, meine ich. Also Superintendent Lestrade verlangt nach Ihnen. Es sei äußerst dringlich. Er hat Sie in der ganzen Stadt bereits suchen lassen!"

„Tatsächlich", erwidert Holmes trocken. Ob Spott in der Stimme liegt, kann ich nicht genau sagen.

„Ist es nicht Inspektor Lestrade?, frage ich. „Von dem habe ich in der Zeitung gelesen.

„Er wurde befördert. Dank meiner guten Ratschläge, wenn ich das so sagen darf, erklärte mir Holmes ohne falsche Bescheidenheit. „Er hat die ein oder andere gute Schlussfolgerung zwar auch selbst gezogen, aber einer seiner besten Entschlüsse war es immer, mich hinzuzuziehen.

„Was ja auch reicht, stelle ich fest. „Es ist wie in der Politik: Man muss nicht alles können, man muss nur klug und ehrlich genug zu sich sein, um sich Hilfe zu holen.

„Wenn die beiden Herren bitte entschuldigen, unterbricht der Polizist Mister Clarke. Ihm scheint die Unterhaltung nicht zu behagen. „Es eilt, sehr geehrte Gentlemen. Es eilt wirklich.

Holmes winkt die Bedienung heran und bezahlt für uns beide.

„Sicher, wir kommen, stellt er fest. An mich gewandt fügt er hinzu: „Das dürfte Ihnen gefallen. Dafür sind Sie doch hier, nicht wahr?

„Weswegen?", frage ich verdutzt.

„Mich in Aktion zu sehen", stellt Holmes fest und folgt dem Polizisten. Ich sehe, dass ich mit dem verdammten Bein hinterherkomme. Mein Knie schmerzt bei jedem Schritt.

Er führt uns zu einem Kollegen, der in einem Automobil auf uns wartet. Der Motor läuft noch, als wir uns auf die Rückbank setzen. Während wir durch die Stadt brausen, fragt Holmes mich: „Wissen Sie eigentlich, woher die Picadilly Street ihren Namen hat?"

„Dort rasen wir gerade?", spekuliere ich und merke, dass die Polizisten uns aufmerksam zuhören.

Er nickt. Ich schüttle den Kopf, schließlich war ich noch nie in London.

„Robert Baker erwarb als Schneider Reichtum. Er erfand einen steifen Kragen, den Picadil. Vom Geld, das er dadurch verdiente, als die Reichen und Schönen bei ihm ein- und ausgingen, baute er ein Haus. Das nannte er passenderweise Picadilly Hall. So kommt die dazugehörige Straße zu ihrem Namen", schließt er.

Selbst die Polizisten hören ihm aufmerksam zu. Der Wagen hält abrupt. Der Polizist, den Holmes als Mister Clarke angesprochen hat, führt uns in den Keller eines Gebäudes. Es erinnert mich an ein Krankenhaus. Dort gibt es oft Kellergewölbe, in denen die Anatomiestudenten an Leichen üben dürfen. Für einige ist das ein Frevel, für mich eher gutes Handwerk an totem Fleisch üben. Dann begreife ich, was der Zweck des Gebäudes ist: Es ist ein Leichenhaus, vermutlich die Gerichtsmedizin.

Ein kleiner Mann mit Rattengesicht erwartet uns. Es ist mir sofort klar: Das muss Lestrade sein. Mister Clarke nimmt Haltung vor dem Superintendenten an. Ich glaube, ich habe schon einmal eine Fotografie in der Zeitung mit ihm gesehen. Ich beziehe einige Zeitungen aus ganz Europa, um auf dem Laufenden zu bleiben.

„Mister Holmes", nickt Superintendent Lestrade ihm zu. Mich sieht er mit hochgezogenen Augenbrauen an. Er hat den Blick eines fantasielosen Menschen: jene, mit denen ich als Kind nicht so gerne spielte. Sie tun fast alles, was man ihnen vorschlägt, aber sie lösen nie selbst auf eigene Weise Probleme ihres Lebens. Sie machen nie gute Vorschläge.

„C. Auguste Dupin, enthusiastischer Rätsellöser aus Paris", stelle ich mich leicht spöttisch vor. Dabei verbeuge ich mich so gut es geht und ziehe meinen Hut.

„Er ist auf meine Einladung hier und vertritt gewissermaßen Watson", fügt Sherlock Holmes hinzu. Das scheint Lestrade zufriedenzustellen. Mit einem Ersatz-Watson kann er leben.

„Ich bin froh, dass Sie da sind, Holmes", beginnt Superintendent Lestrade und führt uns zu einer verschlossenen Kellertür. Er ist kühl hier unter der Erde. Hier werden sonst Leichen aufgebahrt und obduziert, doch es ist niemand hier, kein Personal, außer uns. Mir fällt gleich auf, dass der Mordfall, um den es hier geht, pikant sein muss. Mord ist es zweifelsfrei, da wir nun mal in ein Leichenhaus gerufen wurden. Pikant ist der Fall, weil der Raum auch noch gesichert ist. Vor einer eisenbeschlagenen Eichentür steht ein Polizist Wache und öffnet uns auf ein Nicken von Superintendent Lestrade. Auf einem dunklen Holztisch liegt in der Mitte des kleinen Nebenraumes ein Toter. Lestrade entzündet die Öllampen, die ringsherum an den Wänden hängen. Durch kreisrunde Spiegelchen hinter der Flamme wird ihr Licht noch verstärkt. Mein Blick fällt auf den Toten. Eine schreckliche Sekunde lang begreife ich nicht ganz, was ich sehe. Da liegen nur Einzelteile! Ein Kopf, der rechte Fuß und der rechte Arm fehlen. Der Rest ist in kleine Teile zerstückelt, aber vorhanden. Es sieht nicht allzu fachmännisch aus, wenn man die Schnittkanten betrachtet. Vom Schlachter kenne ich glattere Schnitte. Andererseits ist für das Schlachten eines Schweines bereits viel Kraft nötig, wie viel mehr dann erst für den Oberschenkelknochen eines Menschen?

„Das ist, nein, das war Lord William Fryfield, erklärt Superintendent Lestrade. „Er wurde an den Docks aus der Themse gefischt. Die Teile haben sich in einer illegalen Reuse verfangen. Wir denken, der Rest ist auch noch dort in der Themse. Die Suche gestaltet sich aber als kompliziert. Selbst an guten Tagen ist die Themse eine dreckige Brühe und die Parlamentarier im Westminster Palast haben schon die ein oder andere Sitzung beendet wegen des Gestanks.

„Weil es ein Lord ist, macht man Ihnen also Druck, stellt Holmes fest und sieht sich die Leichenteile näher an. „Doch was verunsichert Sie so, Lestrade?

Superintendent Lestrade schließt die Tür. Er sieht uns sehr ernst an. Der Gestank der Leiche nimmt nun stark zu, da kein Luftzug mehr besteht. Ich halte mir ein Taschentuch vor die Nase.

„Es liegt nun fast zwanzig Jahre zurück. Da wurde beim Old Scotland Yard, wie man unser altes Hauptgebäude ja inzwischen nennt, ein Stück einer Frauenleiche gefunden. Es war ein sauber abgetrennter Arm. Er wurde durch die Form der Hand als weiblich deklariert. Später kam ein Fuß an anderer Stelle in London dazu, im Great Western Hotel. Es liegt eine kleine Zugfahrt vom Stadtkern entfernt. Darüber hinaus fand sich ein nicht zugehöriges Bein in der Themse."

„Ich erinnere mich an einen Zeitungsbericht", stellt Sherlock Holmes fest und blickt nachdenklich wie in weite Ferne.

„Es war unangenehm, aber nicht mein Fall. Die Presse stürzte sich darauf. Der ermittelnde Detective löste den Fall aber zur allgemeinen Zufriedenheit, stellt Lestrade fest. Er wirkt dabei nicht so, als würde er das auch so sehen. Ich tippe auf einen ehemaligen Vorgesetzten. „Ich war damals bereits bei Scotland Yard.

„Die Lösung war?", frage ich wirklich interessiert. Immerhin sind derartige Funde schon befremdlich. Der Fall ist mir völlig unbekannt.

„Medizinstudenten waren es wohl. Die haben sich einen makaberen Scherz erlaubt. Die Teile waren willkürlich aus der Anatomie-Fakultät entwendet. Soweit zumindest damals das Ergebnis."

Ich hebe die Augenbrauen.

Sherlock Holmes fragt: „Gab es ein Geständnis der Studenten?"

In seinen Augenwinkeln sehe ich leichte Belustigung, wenn ich mich nicht irre. Superintendent Lestrade schüttelt den Kopf. Sein Rattengesicht bekommt einen härteren Zug um die Mundwinkel als bisher.

„Es war niemand geständig. Aber wenn man alles Unmögliche ausschließt, ist das, was übrigbleibt, die Wahrheit. Das sagen Sie doch selbst immer, Mister Holmes!"

„Und was ist am wahrscheinlichsten in Anbetracht dieser Teile, oder sagen wir Leiche?", fragt Sherlock Holmes mit Blick auf die Körperstücke. Superintendent Lestrades Schultern sinken merklich etwas herab.

„Dass mein Vorgänger geschlampt hat bei seinen Ermittlungen. Der Fall war unangenehm und die Lösung bequem und schnell. Es könnte eine Verbindung geben."

Holmes nickt langsam.

„Eine Möglichkeit ist das, ja. Erzählen Sie mir von Lord Fryfield. Der Name ist mir nicht vertraut",  fordert Holmes nun. Er betrachtet die Stücke des Toten mit wachsender Neugier.

„Lord William Fryfield ist dreiundvierzig Jahre alt ... gewesen, ein bekannter Lebemann und Kunstsammler. Im Parlament steht, ich meine, stand er den progressiven Kräften vor. Man sagt, er unterstützte das Frauenwahlrecht und traf sich mit Sozialisten."

Holmes mustert Superintendent Lestrade dabei kurz.

„Sie wissen etwas, das Ihnen unangenehm ist", sage ich in das darauffolgende Schweigen. Es ist offensichtlich, dass es noch mehr gibt, das Lestrade unangenehm ist. Superintendent Lestrade nickt.

„Lord Fryfield ist ein in der City bekannter Lebemann, seine Frauengeschichten machen oft die Runde. Aber wer weiß, ob das alles so stimmt."

„Es ist immer mehr Rauch bei bekannten Persönlichkeiten als Feuer", stimme ich ihm zu.

„Also gibt es reichlich Motive", resümiert Holmes trocken.

„Er ist Parlamentarier, was liegt da nicht näher als ein politischer Mord?, fragt nun Superintendent Lestrade. „Ich lasse bereits überprüfen, über was als nächstes abgestimmt wird.

Sherlock Holmes schüttelt langsam den Kopf.

„Mein lieber Lestrade, Ihr Eifer in allen Ehren aber schließen Sie besser nicht frühzeitig eine Ermittlungsrichtung völlig aus. Man verrennt sich dann hinterher in eine völlig falsche Richtung. Können Sie uns zu seiner Witwe bringen?"

Superintendent Lestrades Augen springen von Sherlock Holmes zu mir und schließlich nickt er.

„Sicher", sagt er dabei und wendet sich zur Tür. Er öffnet sie und winkt einen der Polizisten heran, die davorstehen.

„Stower, bringen Sie die beiden Gentlemen zu einer Droschke."

Er reicht uns einen kleinen Notizzettel.

„Die Adresse des Verstorbenen", erklärt er dabei das Offensichtliche.

Draußen winken wir uns mit tatkräftiger Hilfe von Stower eine Droschke heran, keine der modernen pferdelosen Droschken, sondern eine der alten Einspännerkutschen. Die Kutsche hat nur eine Achse und der Fahrer sitzt erhoben hinter der Kabine. Die Kabine ist klein und muffig, dennoch mag ich es lieber als ein Automobil. Ob die sich wohl durchsetzen werden? Es wird die Zeit zeigen.

„Zu Lord Fryfields Anwesen bitte, Amuthon-Street 111", instruiert Sherlock Holmes den Fahrer, während ich bereits einsteige. Genaugenommen hieve ich mich herein, es ist nicht mehr ganz so leicht, diese kleine Stufe hinaufzukommen.

Der Fahrer fährt schnell und die Federung ist nicht mehr die neueste. Mein Bein schmerzt bei jedem Pflasterstein, den wir überfahren. Es schmerzt also beständig. Möglicherweise würde ich dem Automobil doch den Vorzug geben, wenn es denn besser gefedert wäre.

„Ein wirklich interessanter Fall", konstatiert Sherlock Holmes und notiert etwas in sein kleines ledernes Notizbuch.

„Zweifellos. Solche Brutalität ist selten. Jemanden so zu zerhacken ... befremdlich ist das", stimme ich zu. Holmes kratzt sich nachdenklich an seinem eckigen Kinn.

„Worunter leiden Sie?", fragt er mich unvermittelt. Er überrascht mich damit. Fast hätte er mich überrumpelt. Ich lächele nur verlegen und antworte nicht direkt.

„Ich leide, worunter wir alle mehr oder weniger leiden: das Alter, Mister Holmes, das Alter."

Wir versinken in Schweigen. Holmes fragt nicht weiter nach, worüber ich froh bin.

Kapitel 2: Das Leben des Lord William Fryfield

Etwas später erreichen wir das Anwesen der Familie Fryfield. Es ist ein fast kirchenartiger Bau am Rande Londons mit weiten Ländereien.

Das mittlere Schiff des Gebäudes ist höher als die Seitenschiffe und am uns zugewandten Eingang erkennt man, dass es ein Trikonchos-Bau ist. Es gibt drei deutliche namensgebende Auswölbungen. In einer echten Kirchen wären das Ausbuchtungen neben und hinter dem Altar. Es gibt klassischen Kirchen eine spezielle Kreuzform. Ob wir es hier mit einem Gläubigen oder einem Angeber zu tun haben?

Dieser sechsstöckige Bau ist aber keine Kirche, viele Details verraten, dass er als Wohnhaus konzipiert wurde. Abgesehen davon müsste eine echte Kirche anders ausgerichtet sein. Der Eingang ist stets im Osten, die Apsis im Westen. Dass Jerusalem so wie der Aufgang der Sonne im Osten lagen, dürfte die Baulogik klassischer Kirchen erklären. Hier aber ist es umgekehrt, ich nehme an, dass sich die Arbeitszimmer im Osten befinden. Möglich ist natürlich auch das Schlafzimmer, um sich ganz wie Ludwig der Vierzehnte von der Sonne wecken zu lassen.

Sherlock Holmes klopft an die schwarze Holztür. Ein ergrauter Diener im modischen und vor allem ziemlich neuen Frack öffnet uns. Er hat Augenbrauen dünn wie Striche und eine Hakennase.

„Sie wünschen?", fragt er mit unüberhörbarem französischem Akzent. Während er redet, bebt der leichte Kropf an seinem Hals. Seine Haltung ist dabei tadellos und sein Blick verrät, dass wir es hier mit einer Schlüsselfigur zu tun haben. Er ist gewissermaßen der Torwächter. Er misst uns mit Blicken und entscheidet, ob wir vorgelassen werden oder unwürdig sind. Zudem hat er den Blick eines Mannes, der um seine Macht weiß.

„Wir wünschen, Lady Freyfield zu sprechen, erklärt Holmes freundlich. „Wir beraten die Polizei bezüglich des bedauerlichen Mordes an ihrem Mann.

Der Diener nickt und ich sehe echtes Bedauern und Trauer in seinen Augen aufblitzen. Dann fängt er sich wieder und sein Gesicht wird zur distanzierten Maske, die sein Beruf verlangt.

„Bitte folgen Sie mir in den Naos, ich werde die Lady über Ihr Kommen unterrichten."

Er führt uns in einen Seitenraum, der mit römischen und griechischen Statuen gefüllt ist. Es ist letztlich nur ein protziges Wartezimmer. Die römisch-griechischen Statuen sind größtenteils aus Bronze, was dafür spricht, dass sie nicht echt sind. Die meisten glauben zwar, dass die Marmorstatuen, die wir kennen, die echten sind, doch das ist nicht ganz richtig. Die Griechen fertigten ihre Skulpturen gerne aus Bronze an, die Römer kopierten diese oft alten Originalstücke dann später gerne in Marmor und verkauften sie an eine breite Oberschicht des Römischen Imperiums. Allerdings gibt es heutzutage kaum echte Bronzestatuen, da sie sich viel zu leicht einschmelzen lassen, als dass sie erhalten bleiben.

Ich lasse mich zufrieden in einen der weichen Lederclubsessel fallen, die hier stehen. Gute Sitzmöbel sind eine echte Wohltat im Alter.

„Er nennt es ein Naos", stellt Sherlock Holmes leicht amüsiert fest.

„Einen Tempel, auf griechisch", stimme ich zu und schmunzle.

„Altertümliches ist hier wohl dafür gedacht anzugeben", resümiert Holmes und sieht sich die Statuen im Raum genauer an.

„Gentlemen", sagte eine Frau in den späten Dreißigern, als sie den Raum betritt und uns aufschreckt. Sie trägt ein dunkles Kleid, das ihre Figur betont aber gleichzeitig hochgeschlossen ist. Sollte etwas an den Gerüchten über Affären des Lords Fryfield dran sein, liegt es zumindest nicht am Aussehen seiner Angetrauten.

Es wird wohl dann ihr Verhalten sein, das ihn in die Arme anderer Frauen trieb. Oder die Freude am Jagen, das motiviert manche Männer auch. Einige Männer neigen ab einem gewissen Alter dazu, den eigenen Wert noch einmal versichert haben zu wollen. Sie versuchen, jüngere Frauen von sich zu begeistern und bekommen so die Bewunderung, die ihnen möglicherweise zu Hause fehlt. Letztlich suchen wir alle Anerkennung für das was wir tun, egal von wem wir sie letztlich bekommen. Ob diese jungen Frauen nur das Geld der Herren bewundern, ist dabei oft für den Mann zweitrangig oder nicht ersichtlich. Was ihn auch immer dazu brachte, überlege ich, das Aussehen seiner Frau ist es nicht, und verwerfe den Gedanken wieder. Man sollte sich nicht zu schnell auf eine Sichtweise festlegen.

Lady Fryfield hat jedenfalls ein hübsches etwas flaches Gesicht mit verquollenen Augen. Sie hat versucht es zu überschminken, doch es ist erkennbar, dass sie viel geweint hat.

„Sie wollten mich bezüglich des Todes meines Mannes sprechen." Ihre Stimme ist kalt und schneidend. Wir stören, das ist offensichtlich. Die Stimme steht auch im Kontrast zu ihren verweinten Augen. Sie bleibt stehen, also tut Sherlock Holmes das auch. Ich erhebe mich mit meinem Stock aus dem bequemen Sessel. Das Leder knirscht dabei in der Stille ungewöhnlich laut.

„Zuerst möchte ich unser Beileid aussprechen", sage ich höflich. Holmes nickt zustimmend.

Mit einem grazilen Nicken nimmt sie die Beileidsbekundungen an, sagt aber nichts.

„Wüssten Sie jemanden, der einen Grund hatte, Ihren Mann zu töten?, fragt Holmes unvermittelt. Er möchte sie damit vielleicht aus der Fassung bringen, ihr etwas entlocken. Das gelingt ihm nicht. Dafür gelingt es ihm, sie aufzubringen. Ihre Wangen werden rot, als sie mit keifender Stimme sagt: „Was glauben Sie? Er war ein Mitglied des Parlaments, er war ein Lord. Glauben Sie auch, dass er mich betrogen hat? Als diese widerwärtigen Gerüchte in der Presse ... Sie alle erfreuen sich doch nur am Leiden anderer. Dort wird das Eheleben anderer schamlos thematisiert und nichts kann man unter sich regeln. Er war mein Mann, meiner!

Beim letzten Wort bohrt sich ihr Zeigefinger in die Luft vor Holmes, und der Finger erinnert mehr an einen Dolch.

Sherlock Holmes hebt unbekümmert eine Augenbraue und mustert sie. Ich glaube, der Gefühlsausbruch dieser Dame ist ihm etwas unangenehm.

„Dann stelle ich die Frage anders, Lady Fryfield: Ihr Mann, der zweifellos Ihnen allein gehörte, hat er von Zeit zu Zeit das Vergnügen anderer Damen gesucht?"

Es blitzt in Lady Fryfields Augen auf. Egal, ob ihr Mann eine Liebschaft hatte oder nicht. Sie jedenfalls glaubt es oder traut es ihm zu. Das schließt sie als Täterin ein, weshalb ich auch Holmes nicht unterbreche. Sofern sie die Bedrohung durch andere Frauen als groß genug einschätzte, ist sie eine mögliche Täterin.

„Wann haben Sie Ihren Mann zuletzt gesehen?", frage ich dazwischen. Ich denke nicht, dass wir ihr auf diese Weise mehr entlocken können, ihr Gesicht ist wieder eine Fassade und sie hat sich unter Kontrolle. Er hat sie wütend gemacht. Hoffentlich verrät sie uns nun noch genug, was wir wissen müssen.

„Gestern, als er in der Frühe losfuhr, erwidert sie kurz angebunden. Sie mustert mich und Sherlock Holmes noch einmal. „Ich muss mir Ihre Anschuldigungen nicht anhören.

Der Diener betritt den Raum, abwartend ob er uns hinausgeleiten soll. Er scheint durch ihren Ausbruch alarmiert zu sein.

„Wohin wollte er?", fragt Holmes, ihre Bemerkung ignorierend.

„Das geht Sie nichts an, zischt sie und bedeutet uns mit einer Bewegung zu gehen. Ich frage mich, ob ich der einzige bin, der stattdessen hört „ich weiß es nicht.

Der Diener sieht erwartungsvoll zu uns. Lady Fryfields Gesichtsausdruck lässt mich vermuten, dass sie es gar nicht genau weiß und deswegen so gereizt ist. Dieses Ehepaar scheint schon länger mehr nebeneinander als miteinander zu leben.

„Guten Tag, verabschiedet uns Lady Fryfield und lässt uns einfach stehen. Sie hätte auch „hinaus rufen können, so wie sie es betont hat. Der Diener bringt uns derweil zur Tür, die krachend hinter uns ins Schloss fällt.

„Sie scheint schon länger nicht mit ihrem Mann geredet zu haben, stellt Holmes fest. „Zumindest nicht mehr als oberflächlich.

Ich nicke.

„Ihre Krähenfüße sprechen für Stress und einige wache Nächte, ihre abgekauten Nägel ebenso für Ärger im Haus. Ihre Augen sind sehr verweint, aber nicht erst seit heute. Zudem passt ihr Kleid nicht, bemerkt Holmes, während wir zurück zur Droschke gehen. „Sie hat mindestens fünf Pfund zugenommen. Frustrationsessen, denke ich. Ein Phänomen der gelangweilten gutverdienenden Schicht.

„Ihre Probleme werden ihr aber genauso dramatisch erscheinen wie die Frage des Arbeiters, am Ende des Monats mit wenig Geld über viele Tage zu kommen."

„Natürlich, ich meinte eher: Man muss genug Geld haben, um aus Frust zu essen, nicht aus Hunger."

„Finanziell steht es wohl gut, ja. Das Haus ist gut gepflegt. Mit Garten gibt es sicher, denke ich, mindestens neun Diener."

Wir gehen gemäßigt zurück zur wartenden Droschke. Der Kutscher raucht seine Pfeife und nickt uns zufrieden zu. Auch diese Wartezeit wird ihm immerhin vergütet. Plötzlich hält eine andere Droschke, ein Mann steigt aus. Er hat es eilig. Er hat einen abgetragenen braunen Tweedanzug an. Unter dem Arm hat er eine Aktentasche aus Leder. Sie ist, wenn auch hochwertig, schon einmal geflickt worden.

Er versucht nach mehr Geld auszusehen, als er besitzt, denke ich. Irgendein Aufgestiegener vielleicht, oder jemand in finanziellen Nöten?

„Guten Tag die beiden Gentlemen. Ich bin Patrick Lynche, Antiquitätenhändler", begrüßt er uns mit einem gewinnbringenden Lächeln. Er hebt dabei seinen Bowlerhut. Der Mann will uns etwas verkaufen, er hat diese besondere Körperhaltung ...

„Die Herren Holmes und Dupin", stellt Sherlock uns kurz vor und ergreift die dargebotene Hand.

„Sollten Sie wie die Fryfields große Begeisterung für die griechisch-römische Antike haben, kommen Sie doch mal in mein Geschäft in Whitechapel im East End."

Ich sehe Holmes‘ Augenbrauen hochschnellen, was Mister Lynche wohl auch nicht entgeht.

„Ich weiß, das ist keine gute Adresse, viele arme Arbeiter ... Aber Statuen und Fresken nehmen Platz weg, da habe ich ein sehr platzintensives Gewerbe. Und keine schlechte Nachbarschaft, seien Sie versichert."

Er zeigt ein gewinnbringendes Lächeln, das ihn wirklich fast sympathisch macht. Er hat ja auch allen Grund zu lächeln, immerhin will er unser Bestes: unser Geld.

„Sie brauchen sich nicht zu rechtfertigen", erklärt Holmes. Patrick Lynche reicht ihm seine Visitenkarte und wir verabschieden uns.

Mit der Droschke machen wir uns auf den Weg in die Baker Street. Ich verabschiede mich von Sherlock Holmes, denn es ist schon spät und der Mond geht auf, während die Gasflammen der Laternen entzündet werden. Dieses warme Licht von brennendem Gas erfreut, finde ich, das Auge jedes Mal.

Sherlock Holmes und ich wollen uns am nächsten Morgen beim Frühstück weiter beraten.

Als ich alleine in meinem Zimmer im Hotel Frisian Palace bin, lege ich mich auf das Bett und atme tief ein und aus. Der kleine Raum mit seinen weiß verputzen Wänden und den alten Holzdielen kommt mir nun sehr eng vor. Mein Bein schmerzt und das nicht als einziges. Nach einer Weile raffe ich mich auf und fülle mir eine Spritze mit Morphium. Die Nadel sticht durch meinen Arm und in meinen Blutkreislauf dringt süßer Nektar der Götter. Er macht den Tag erträglich, sobald die Arbeit einen nicht mehr auf Trab hält. Der Doktor hat mir von einer so weiten Reise wie nach London abgeraten. Sei es drum! Dieses eine Leben ist nun mal das meinige und ich beende es lieber dabei, etwas zu tun, das mir gefällt, als es zu verlängern in Langeweile und Ereignislosigkeit. Umso mehr das Morphium wirkt, umso mehr merke ich, wie ich müde werde. Der Schmerz weicht und lässt nur Müdigkeit zurück.

Ich versinke in traumlosen, gnädigen Schlaf. Als letztes muss ich daran denken, wie passend Morphium betitelt ist: Morpheus, Gott des Schlafes und Bruder von Thanatos, dem

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