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Der Schatz der Mannheimer Hugenotten

Der Schatz der Mannheimer Hugenotten

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Der Schatz der Mannheimer Hugenotten

Länge:
348 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 26, 2016
ISBN:
9783864766381
Format:
Buch

Beschreibung

Tess hat die Nase voll, sie kann ihr Leben in der lieblosen Ehe nicht länger ertragen und setzt sich kurzentschlossen in einen Zug nach irgendwo. Aus einem unbestimmten Gefühl steigt sie in Mannheim aus und findet in der "Goldenen Gans" einen ersten Ankerpunkt. Schnell werden ihr Mannheim und seine zugänglichen Bewohner lieb und wert. Umso mehr, als sie an ihrer neuen Arbeitsstelle, einer Buchhandlung mit angeschlossenem Antiquariat in einem Mannheimer Vorort, eine alte Bibel findet, die Hinweise auf einen versteckten Schatz der ehemaligen Hugenottengemeinde in Friedrichsfeld enthält. Mit ihrem aktuellen Schatz, ihrem Freund Marcus, und ihrem Chef, dem Buchhändler Philipp Decreux, macht sie sich auf Spurensuche und erfährt eine Menge über die wechselvolle Geschichte der Hugenotten und der Kurpfalz kurz nach den Wirren der Reformation, ihre eigenen Gefühle und ihre Position im Leben. Und sie wird fündig.

"Der Schatz der Mannheimer Hugenotten" ist ein vielschichtiges Erstlingswerk, das Lokalkolorit mit subtiler persönlicher Entwicklung kombiniert.
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 26, 2016
ISBN:
9783864766381
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Der Schatz der Mannheimer Hugenotten - Dagmar Hafner

AUTORIN

FLUCHT NACH VORN

Tess saß von Gewissensbissen geplagt im fahrenden Zug. Sie fächelte sich nervös mit einer Zeitschrift Luft zu und zappelte unruhig auf ihrem Sitz hin und her. Ihr schlechtes Gewissen schlug in Wut um und in ihrer Magengrube begann es zu brodeln. Tess atmete tief durch und stieß einen lauten Seufzer aus.

Damit zog sie die Aufmerksamkeit ihrer Mitreisenden auf sich, einem älteren Ehepaar, das sie jetzt verwundert musterte. Beide waren vermutlich schon jenseits der Siebzig. Die Frau war verhältnismäßig groß, sehr korpulent mit einem riesigen Busen. Ihr schlohweißes, dichtes Haar mit altmodischen Wellen wirkte gepflegt, wie frisch vom Friseur. Auf ihrer Nase thronte eine goldene Nickelbrille mit munter blitzenden Augen dahinter und ihr rosiges Gesicht wirkte erstaunlich frisch. Ihr Mann jedoch, dessen Kopf von einem abstehenden, grauen Haarkranz gekrönt wurde, wirkte wie ein zerstreuter Professor. Er war bestimmt einen ganzen Kopf kleiner als seine Frau, recht faltig und dünn. Er wuselte im Zugabteil herum und probierte jeden Sitzplatz aus, um dann nörgelnd festzustellen, dass es überall furchtbar ziehe. Schließlich zog er seine Jacke an, knöpfte sie bis obenhin zu und stellte den Kragen auf, obwohl es ziemlich warm im Abteil war.

Tess schüttelte insgeheim den Kopf, denn das ständige Gejammer und Gewusel machte sie wahnsinnig. Die Wut in ihrem Bauch wurde heftiger, sie konnte spüren, wie sie sich langsam einen Weg nach oben bahnte und als Hitze im Kopf ankam.

Als unvermutet ihr Handy laut klingelte, schrak Tess zusammen, kramte ungeduldig in ihrer Handtasche, förderte es schließlich zutage und schaute verblüfft auf das Gerät. Auf dem Display stand, ausgerechnet, der Name ihres Mannes! Die Schrift verschwamm vor ihren Augen und in ihrem Kopf schien etwas zu explodierte. Einem inneren Impuls folgend, knallte sie ihr Handy mit solcher Wucht auf den Fußboden, dass dieses in alle Einzelteile zerbrach. Das Ehepaar schaute erschrocken zu ihr hinüber. Die Frau ließ einen kleinen Schrei fahren und Tess begann haltlos zu weinen und zu schluchzen.

Da sie heftig zitterte, griff sie nach ihrer Strickjacke, doch auch das half nicht gegen die Kälte, die von innen kam. Sie begann regelrecht mit den Zähnen zu klappern. Die Wut auf ihren Mann und auch auf sich selbst war nach ihrem Ausbruch verraucht und hatte einer inneren Zerrissenheit Platz gemacht. Ihre Gedanken rotierten. Die Tristesse ihrer erkalteten Ehe war ihr in den letzten Wochen in aller Schärfe schmerzlich bewusst geworden, deshalb hatte sie ihren Mann ohne ein weiteres Wort verlassen. Hatte sie richtig gehandelt, nach so vielen Ehejahren, und wie sollte es nun weiter gehen? Sie wusste es nicht.

Ihre großen, dunklen Augen spiegelten die innere Zerrissenheit und Trauer wider. Normalerweise lachte sie gerne und viel. Im Moment jedoch konnte sie die Tränen nicht unterdrücken.

Die ältere Dame reichte ihr ein Päckchen mit Papiertaschentüchern und fragte leise: „Können wir Ihnen helfen, junge Frau? Tess schaute verwirrt auf und sah in wache, lebhafte Augen, die sie mitfühlend ansahen. Sie nahm dankend die Taschentücher entgegen, wischte sich die Tränen ab und schüttelte traurig den Kopf. „Ich glaube nicht, antwortete sie mit zittriger Stimme. Sie putzte sich die Nase und blickte die beiden bedrückt an. „Jetzt beruhigen Sie sich erst mal, sprach die ältere Dame weiter sanft auf sie ein. „Vielleicht möchten Sie uns dann erzählen, was Sie bedrückt. Manchmal hilft es, wenn man völlig Fremden seinen Kummer erzählt. Wir heißen übrigens Franz und Gerlinde Wacker und reisen zu unserem Sohn und unseren Enkelkindern nach Hanau.

Herr Wacker nickte ihr aufmunternd zu. Tess tat sich Fremden gegenüber immer etwas schwer. Sie runzelte die Stirn und sah zu beiden hinüber. Intuitiv spürte sie, dass sie es gut mit ihr meinten. „Ich heiße Tess, eigentlich Theresa Maier. Tess nannte mich immer mein kleiner Bruder und später auch alle anderen, fügte sie hinzu. Nach einer langen Pause flüsterte sie leise: „Ich habe meinen Mann verlassen. „Franz, ich glaube, Frau Maier braucht erst einmal einen Kaffee. Würdest du einen holen gehen?", sagte Frau Wacker bestimmt und blinzelte ihm zu.

„Wenn es sein muss, sagte er gedehnt. „Im Flur zieht es bestimmt schrecklich, da brauche ich aber meinen Schal, jammerte er und erhob sich. Er fingerte seinen Schal aus der Reisetasche, wickelte ihn zweimal um den Hals und verließ das Zugabteil. Frau Wacker sah Tess aufmunternd in die Augen, ohne sie zu drängen. Tess begann stockend zu erzählen: „Unsere Ehe ist im Laufe der Jahre schrecklich lieblos und stumm geworden. Wir können schon lange nicht mehr miteinander reden. Mein Mann hat mir nie körperliche Gewalt oder ähnliches angetan. Nur hat unser gemeinsames Leben irgendwann begonnen, in unterschiedliche Richtungen zu laufen, haben sich Kälte und Lieblosigkeit eingeschlichen, dass man schon morgens beim Aufstehen Frostbeulen bekam. Und dann habe ich mich gefragt: Soll das nun die nächsten 20 oder 30 Jahre so weitergehen? Der einzige Grund, weshalb ich bei ihm geblieben bin, waren meine Kinder. Nun sind sie erwachsen und brauchen mich nicht mehr. Ich bin jetzt 51 Jahre und fühle mich alt und ausgebrannt. Ich habe das Gefühl, an einem Tiefpunkt angelangt zu sein."

Tess schossen wieder die Tränen in die Augen und Frau Wacker streichelte beruhigend ihre Hand. Schniefend fuhr Tess fort: „Heute habe ich meinen Mann verlassen, einfach so, ohne ein Wort. Er weiß es noch gar nicht, denn er ist noch bei der Arbeit. Und nun sitze ich hier von Zweifeln geplagt im Zug."

Frau Wacker sah ihr mitfühlend in die Augen. Ihr sympathisches Gesicht war von Falten durchzogen und ihre Augen von einem faszinierenden, strahlend kräftigen Blau mit vielen Lachfältchen in den Augenwinkeln. „Sie armes Ding, begann sie vorsichtig, „und nun weinen Sie sich die Seele aus dem Leib. Ich finde es richtig, dass Sie für sich beschlossen haben, Ihren Mann zu verlassen. Ich hätte es bestimmt nicht so lange ausgehalten. Sie schluckte kurz bevor sie fortfuhr: „Allerdings hätten Sie vorher mit ihm darüber reden sollen."

Heftiger, als sie es wollte, entgegnete Tess: „Für mich war dieser plötzliche Ausbruch die einzige Möglichkeit, sonst hätte ich mich nie mehr getraut!"

Sie atmete tief durch. „Jetzt habe ich allerdings Bauchschmerzen, und stelle mir die Frage, ob ich alleine zurechtkommen kann, setzte sie leise hinzu. Einen Moment lang trat Stille ein, dann redete ihr Frau Wacker gut zu: „Natürlich können Sie das. Das Buch des Lebens hat verschiedene Kapitel und nun beginnt für Sie ein neues. Nur Mut! Tess sah sie dankbar an und putzte sich nochmals die Nase.

Sie blickte kurz aus dem Fenster in Richtung Himmel, wo die Sonne eine Wolkenlücke gefunden hatte. Die Düsternis war einer wohltuenden Helligkeit gewichen. Sie wandte ihr Gesicht erneut Frau Wacker zu und sagte gepresst: „Ich weiß allerdings nicht, wo ich mein neues Leben beginnen werde. Frau Wacker schüttelte ungläubig den Kopf: „Im Ernst, Sie wissen nicht, wohin Sie wollen? Tess nickte. „Ich bin im Hamburger Hauptbahnhof einfach einer jungen Familie mit zwei Kindern gefolgt und in denselben Zug gestiegen. Es hat mich irgendwie an früher erinnert, als meine Kinder noch klein waren. Wir sind oft mit dem Zug nach Bayern gefahren, um meine Eltern zu besuchen. Als der Schaffner vorbei kam, musste ich mich erst einmal erkundigen, wohin der Zug überhaupt fährt. Dieser sah mich total verwundert an und ich kaufte schnell eine Fahrkarte bis Stuttgart. Der Schaffner hat bestimmt gedacht, ich ticke nicht ganz richtig."

Tess schmunzelte ein wenig und ihr sorgenvolles Gesicht hellte sich etwas auf. Frau Wacker schüttelte den Kopf. „Da haben Sie, glaube ich, den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht. „Stimmt, meinte Tess. „Ich habe total unüberlegt reagiert. Ich hatte nur diesen einen Gedanken, so schnell wie möglich weg! Weg! Im Grunde ist es mir egal, wo ich lande. Dann fahre ich eben nach Stuttgart und suche mir erst mal eine Übernachtungsmöglichkeit. Alles andere wird sich finden!"

Sie hatte sich etwas beruhigt und fühlte sich mit einem Mal sehr mutig. Sie setzte sich aufrecht hin und hob den Kopf. In ihren dunklen Augen blitze eine starke Entschlossenheit auf. Frau Wacker bemerkte die Veränderung und sah sie überrascht an: „Weiter so! Sie schaffen alles, was Sie möchten. Sie sind stark!"

Herr Wacker öffnete gerade mit einer Hand die Tür des Zugabteils und mit der anderen Hand balancierte er vorsichtig ein Tablett, auf dem drei Tassen heißen, dampfenden Kaffees standen. „Im Flur hat es fürchterlich gezogen, ich hoffe, ich bekomme keine Erkältung, sagte er mit weinerlicher Stimme zu seiner Frau. Er reichte Tess eine Tasse Kaffee, die sie dankend annahm. Sie trank ihn langsam und genüsslich in kleinen Schlücken. Der Kaffee wirkte sofort belebend und Tess spürte die aufsteigende Wärme. „Vielen Dank nochmal. Der Kaffee wirkt wahre Wunder, begann sie, doch Herr Wacker winkte ab. „Hauptsache, es geht Ihnen dadurch wieder etwas besser", meinte er und wandte sich fragend an seine Frau.

„Hast du Nasentropfen, Fiebermittel und Magentabletten eingepackt? „Franz, jetzt mach mal einen Punkt! Von ein wenig Wind wird man doch nicht gleich krank. Außerdem fahren wir zu unserem Sohn und nicht nach Sibirien!, wies sie ihn zurecht und dabei bebte ihr großer Busen genervt. Sie holte demonstrativ ein Buch aus ihrer Reisetasche.

„Ich möchte jetzt lesen. Versuche doch, dich ein bisschen auszuruhen", fügte sie milder hinzu. Sie zwinkerte Tess zu und begann, sich in ihr Buch zu vertiefen. Herr Wacker setzte sich bequem hin, wechselte schnell nochmals den Sitz und schloss tatsächlich die Augen. Seinen Schal behielt er an. Tess verspürte eine gewisse Dankbarkeit gegenüber ihren Mitreisenden, die so viel Takt und Mitgefühl besaßen. Das Gespräch mit Frau Wacker hatte sie beruhigt und bestärkt. Sie kuschelte sich tiefer in ihren Sitz und schloss müde die Augen, doch der Schlaf wollte sich nicht einstellen. In Gedanken ließ sie die letzten Tage Revue passieren.

Nachdem sie beschlossen hatte, ihren Mann zu verlassen, begann sie, das ganze Haus heimlich auf den Kopf zu stellen. Sie suchte nach dem gemeinsamen Sparbuch, das Manfred immer sorgsam vor ihr versteckte. Zimmer für Zimmer ging sie akribisch durch. Im Schlafzimmer hinter seinem Nachttisch wurde sie schließlich fündig. Auf dem Sparbuch befanden sich 60.000 Euro! Sie konnte es nicht fassen, da sie immer mit allem hatte geizen müssen. Tess hatte nicht einmal eine konkrete Vorstellung davon, wieviel er eigentlich verdiente. Davon, so beschloss sie, gehörte ihr die Hälfte. Sie wollte schließlich nur das, was ihr zustand. Schnell steckte sie das Sparbuch wieder zurück in das Versteck. Als Manfred ihr ein paar Tage danach mitteilte, dass er in zwei Tagen länger als sonst arbeiten müsse, fand sie, das sei der perfekte Zeitpunkt, um ihn zu verlassen. Sie rief heimlich bei der Bank an und teilte mit, dass sie 30.000 Euro am übernächsten Tag in bar abheben möchte. Danach setzte sie ein Schreiben an ihren Arbeitgeber auf, mit dem Inhalt, dass sie fristlos kündige. Zwei Tage später war Manfred am frühen Morgen zur Arbeit gefahren und sie begann, sorgsam einen Koffer und eine Reisetasche zu packen. Tess fiel es schwer zu entscheiden, was sie mitnehmen und was sie da lassen sollte. So dauerte das Packen länger, als sie angenommen hatte. Als sie endlich alles Nötige beisammen hatte, durchwanderte sie noch einmal das ganze Haus. Jedes Zimmer und jedes Möbelstück war ihr so unendlich vertraut. Sie nahm von allem Abschied, denn sie wusste, sie würde nie mehr zurückkehren. Wie in Trance zog sie im Flur ihren Mantel über, nahm ihr Gepäck und eilte schnell zur Tür. Die Türklinke in der Hand dachte Tess einen Moment daran, ein paar Zeilen für ihren Mann zu hinterlassen. Doch nach kurzem Nachdenken entschied sie sich dagegen und zog die Tür zu. Vor dem Haus hielt sie kurz inne und sah wehmütig auf ihr Zuhause zurück, in dem sie die meiste Zeit ihres Lebens verbracht hatte. Dieses kleine, unscheinbare Haus mit dem gepflegten Vorgarten strahlte eine gewisse Geborgenheit aus, der sie sich schwer entziehen konnte.

Eine Windböe streifte ihr Gesicht und ein paar Blätter flatterten vorbei. Die Sonne blitzte aus den dunklen Wolken auf und ließ das Haus in goldenem Licht erstrahlen. Dies dauerte nur einen kurzen Augenblick, bevor die Sonne wieder hinter dunklen Wolken verschwand. Abrupt drehte sich Tess um. „Jetzt bloß nicht sentimental werden, dachte sie und ging entschlossen weiter. Sie hastete zuerst zur Bank, um die Hälfte des Geldes abzuheben. Nervös und zittrig betrat sie die gepflegte Kassenhalle und schaute sich um. Sie war die einzige Kundin. „Gott sei Dank, es ist sonst keiner hier, dachte sie bei sich. Der Zweigstellenleiter im korrekten grauen Anzug begrüßte sie freundlich und fragte, was er für sie tun könne. Als Tess ihm mitteilte, sie wolle die bestellten 30.000 Euro vom Sparbuch abheben, war es mit seiner Freundlichkeit vorbei. Er versuchte sogar, sie davon zu überzeugen, das Geld lieber gewinnbringend anzulegen. Als er merkte, dass sie auf eine Barauszahlung beharrte, wollte er unverzüglich ihren Gatten kontaktieren. Tess erschrak zunächst und spürte, wie ihr heiß und kalt wurde. Doch nur für einen kurzen Augenblick, dann riss sie sich zusammen, machte den Rücken gerade und hob energisch das Kinn.

Was er sich denn anmaßen würde, das Sparbuch laufe immerhin auf die Eheleute Maier und was sie mit ihrem Geld vorhabe, das ginge ihn dreimal nichts an, machte sie dem Zweigstellenleiter deutlich. Inzwischen hatten einige Leute die Kassenhalle betreten. Verwundert und amüsiert schauten sie zu Tess hinüber. Dem Zweigstellenleiter war die Situation sichtlich peinlich. Schnell lenkte er ein und versuchte sich zu entschuldigen: „Es tut mir leid, ich wollte Sie nur gut beraten und… Weiter kam er nicht. Sie setzte sich kerzengerade auf, hob die Brust, bog die Schultern nach hinten. „Am besten, Sie sagen jetzt gar nichts mehr, sonst werde ich mich bei Ihrem Chef über Sie beschweren, sagte Tess langsam und deutlich in ruhigem Ton und fixierte seine Augen. Das zog. Wortlos zahlte er die 30.000 Euro aus. Tess verstaute alles sorgfältig in ihrer Handtasche, wünschte einen schönen Tag und verließ erhobenen Hauptes die Bank. Draußen blieb sie stehen und atmete tief durch.

„So, das wäre erledigt. Damit kann ich irgendwo einen Neuanfang wagen. Jetzt geht’s zum Bahnhof, nicht dass ich es mir doch noch anders überlege, dachte sie sich. Sie winkte einem Taxi und ließ sich zum Bahnhof fahren. Als sie dort ankam und das Taxi bezahlte, ging ihr auf, wie viel Geld sie einfach so in ihrer Handtasche mit sich trug. Verunsichert sah sie sich um. Ihr fielen sofort Erzählungen von Bekannten ein, die am Bahnhof oder im Zug bestohlen worden waren. Guter Rat war da teuer. Doch dann kam ihr eine zündende Idee. So schnell es ihr Koffer samt Reisetasche zuließen, strebte sie in Richtung Bahnhofstoilette. Diese fand sie glücklicherweise menschenleer. Dort verstaute sie die meisten Euroscheine erst einmal in ihrem BH. Tess musste kichern, als sie sich ihr T-Shirt wieder überstreifte. Schnell zog sie den Mantel darüber, damit es nicht so auffiel. Als sie vor die Tür der Toilette trat, streiften ihre Blicke die beiden Etagen der sogenannten Wandelhalle des Hamburger Hauptbahnhofs, auf denen sich Läden und mehrere gastronomische Betriebe befanden. Sie begann, an den Läden vorbeizuschlendern. Vor einem kleinen Ledergeschäft blieb sie schließlich stehen und betrachtete interessiert das Schaufenster. „Das ist genau das Richtige, dachte sie und betrat den Laden. Sie kaufte sich einen Brustbeutel und einen Gürtel, in dem man Geldscheine verstauen konnte. Flugs eilte sie danach wieder auf die Toilette und bestückte Brustbeutel und Gürtel mit Geld. Beruhigter strebte Tess nun zu den acht Fernbahngleisen, allerdings ohne zu wissen, wohin sie wollte. Sie schaute auf die Anzeigetafeln, ohne diese wirklich zu lesen und auf ihre Armbanduhr, ohne die Uhrzeit wahrzunehmen. Sie kam sich unendlich verloren vor zwischen all den Reisenden. Da fiel ihr eine Familie mit zwei kleinen Kindern auf, die sie an früher erinnerte, als ihre Kinder noch klein waren. Sie folgte ihnen, ohne zu wissen warum, bis sie in einen Zug einstiegen. Wie unter Zwang stieg auch sie ein.

Der Zug ruckelte und Tess öffnete die Augen. „Hallo! Glücklicherweise sind Sie ja aufgewacht!, rief Frau Wacker. „Wir wollten Sie nicht wecken, aber wir würden uns gerne von Ihnen verabschieden. Wir sind in Hanau angekommen und müssen jetzt aussteigen. Ich wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft! Sie reichte Tess die Hand. Herr Wacker streckte ihr ebenfalls die Hand hin. An seine Frau gewandt bemerkte er: „Auf dem Bahnhof wird es wieder ganz schön ziehen, hast du nicht eine Kappe für mich? Frau Wacker zog wortlos eine Baseballkappe aus der Tasche und reichte sie ihm. Tess sah vom einen zum anderen. „Vielen lieben Dank für alles, sagte Tess leise. „Sie waren genau im richtigen Moment für mich da. Das ist heutzutage nicht selbstverständlich. Auf Wiedersehen und viel Spaß mit Ihren Enkelkindern. Die Eheleute nickten ihr noch einmal zu, dann verließen sie das Abteil und Tess blieb alleine zurück. Sie stand auf und öffnete das Fenster, von dem aus sie auf den Bahnsteig des Hanauer Bahnhofs sehen konnte. Reisende hasteten eilig vorbei, bepackt mit Koffern und Taschen. Herr und Frau Wacker drehten sich um und winkten ihr nochmals zu. Tess winkte zurück. Plötzlich sausten zwei Kinder auf die beiden zu. „Oma, Opa!, riefen sie wie aus einem Munde. Die Kinder wurden hoch genommen und im Kreise geschwenkt. War das ein Gejohle! Die Eltern der Kinder kamen dazu und umarmten beide zur Begrüßung. Tess wurde es ganz warm ums Herz bei dieser Szene, aber es kam auch ein bisschen Neid auf. Sie seufzte tief, dann schloss sie das Fenster und ließ sich auf den Sitz fallen. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung und verließ den Hanauer Bahnhof.

Die Tür des Abteils öffnete sich und eine blonde, junge Frau fragte: „Ist hier noch frei? „Ja, antwortete Tess.

„Tina! Tina!, brüllte sie auf den Gang hinaus. „Jetzt komm endlich her! Sie wuchtete zwei Reisetaschen ins Abteil und verstaute sie notdürftig. Ein kleines Mädchen von fünf oder sechs Jahren rannte wie ein kleiner Wirbelwind in das Zugabteil. Ihr Kopf war voller kleiner blonder Löckchen und sie hatte rosige Wangen. „Hallo, plapperte sie fröhlich. „Ich heiße Tina und das ist meine Mama. Wie heißt du denn? „Tina, sei nicht so aufdringlich, ermahnte sie die Mutter. „Ist schon in Ordnung, beeilte sich Tess zu sagen. „Ich heiße Tess. „Habe ich ja noch nie gehört, ist aber schön. Wir fahren zu meiner Tante Pia nach Frankfurt. Wohin fährst du?, fragte sie. Tess wand sich verlegen: „Ich… ich habe eine Fahrkarte bis Stuttgart und mache da Urlaub, beeilte sie sich zu sagen. Etwas anderes war ihr auf die Schnelle nicht eingefallen. Tinas Mutter lachte: „Jetzt hast du die Tante genug ausgefragt. Komm setze dich neben mich und wir schauen uns das neue Bilderbuch an. Tess lauschte eine Weile auf das Geplapper der kleinen Tina, dann blickte sie aus dem Fenster auf die vorbeirasende Landschaft. Der Regen hatte sich gelegt und die dunklen Wolken waren weiter gezogen. Wiesen und Felder wechselten sich ab mit kleinen Ortschaften. Tess schloss die Augen und dachte an ihre eigene Kindheit zurück.

Aufgewachsen war sie in einer bayerischen Kleinstadt, zusammen mit drei Geschwistern, zwei Brüdern und einer Schwester. Ihr kleinster Bruder, Matthias, nannte sie immer Tess. Theresa konnte er noch nicht aussprechen. Tess fand es lustig, alle anderen auch und so wurde sie bald nur noch Tess gerufen. Ihre Eltern führten einen kleinen Lebensmittelladen, einen richtigen „Tante Emma Laden". Alle vier Kinder wuchsen behütet auf und wurden streng erzogen. Jeden Abend wurde vor dem Einschlafen mit den Eltern gebetet. Im Radio durften sie keine Schlager hören, nur klassische Musik. Fernsehen war selten erlaubt, höchstens eine Tiersendung unter Aufsicht. Jeden Sonntag ging die Familie gemeinsam in die Kirche zum Gottesdienst. Tess und ihre Geschwister mussten die Eltern schon früh im Laden unterstützen, daher waren Kinobesuche oder Treffen mit Freunden selten. Im Sommer tobten sie gerne durch die saftigen Wiesen und unternahmen manchmal mit dem Vater weite Wanderungen auf die Berge, im Winter fuhren sie Ski und rodelten. Tess schmökerte gerne in Büchern, war gut in der Schule und außerdem musikalisch, weshalb sie Klavier spielen lernen durfte. Als sie älter wurde, war es ihr Wunsch, Bibliothekarin zu werden, doch sie musste eine Lehre als Einzelhandelskauffrau absolvieren, um weiter im Laden ihrer Eltern helfen zu können.

Plötzlich ertönte laute Musik und Tess öffnete erschrocken die Augen. Die kleine Tina hatte ihren CD-Player eingeschaltet. „Tina, mach sofort leiser und zieh deine Kopfhörer an!, schalt ihre Mutter. „Entschuldigen Sie, jetzt haben wir Sie geweckt, sagte sie zu Tess gewandt. „Ist nicht so schlimm. Ich wollte sowieso etwas essen gehen. Wären Sie so nett und würden ein Auge auf meinem Gepäck haben? fragte Tess. „Aber natürlich, gerne, lautete die Antwort. Tess nahm ihre Handtasche und machte sich auf den Weg in den Speisewagen. In den Gängen des Zugs war es drangvoll eng und sie musste sich durch Menschen und Gepäckstücke schlängeln. Der Speisewagen war ebenfalls proppenvoll und alle Tische besetzt. Sie blieb an der Tür stehen und ließ ihren Blick durch den ganzen Raum schweifen. In einer Ecke wurde gerade ein Einzeltisch frei, darauf steuerte sie zielstrebig zu. Sie winkte der Bedienung und bestellte ein Kännchen Kaffee und frische Waffeln.

Um sich die Wartezeit zu vertreiben, begann sie, sich im Speisesaal umzusehen. Am Nebentisch fiel ihr ein Paar mittleren Alters auf. Er trug einen recht konventionellen Anzug samt Krawatte, seine Begleiterin war ziemlich „aufgebrezelt. Die Dame trug grelle Kleidung und war über die Maßen geschminkt. Tess bemerkte, dass die „Aufgebrezelte sie geringschätzig von oben bis unten musterte. „Das kann ich auch, dachte sie und begann ebenfalls, sie auffällig zu mustern und außerdem sah sie ihr direkt ins Gesicht. Die Frau am Nebentisch wurde rot und drehte schnell den Kopf weg. „Ätsch, dachte sich Tess und schmunzelte. Sie sah sich weiter interessiert um. Zwei Tische weiter saßen vier junge Leute zusammen, die laut herumalberten. Die restlichen Tische waren von Familien mit Kindern besetzt. Die Bedienung brachte Tess ihren Kaffee und heiße, duftende Waffeln mit Kirschkompott und Sahne. Hungrig machte sie sich über die Waffeln her. Dazu trank sie langsam ihren Kaffee. Ihr fiel erst jetzt auf, wie hungrig sie war. Vor lauter Aufregung hatte sie heute glatt vergessen, etwas zu essen. Gesättigt lehnte sie sich dann zurück und ihr Blick streifte abermals über die vier jungen Leute. „So herrlich jung war ich auch mal und so voller Leben." Ihre Gedanken schweiften wieder in die Vergangenheit.

Nach ihrer Abschlussprüfung zur Einzelhandelskauffrau hatte sie sich entschlossen, ihre Freundin in der Großstadt zu besuchen, wofür sie auch die Zustimmung ihrer Eltern bekam. Sie war 18 Jahre alt und noch reichlich naiv, ein richtiges Landei eben. Freudig erregt fuhr sie mit dem Zug der Freiheit auf Zeit entgegen. Mit ihr im Zugabteil saß damals ein junger, stattlicher Mann. Er sah gut aus, vielleicht ein wenig zu gut. Mit seinem schwarzen Haar und dem dunklen Teint wirkte er wie ein Südländer. Sie bemerkte verwundert, dass er sie unverwandt lächelnd ansah. Sie lächelte schüchtern zurück und bekam heiße Ohren, das konnte sie genau spüren. Verlegen schaute sie aus dem Fenster auf die vorbeirasende Landschaft. Tess war es nicht gewohnt, Aufmerksamkeit zu erregen, aber sie genoss es. „Wie weit fahre Se denn?, fragte sie der junge Mann im schwäbischen Dialekt, den Tess spontan lustig fand. „Oh, noch ein ganzes Stück, bis Hamburg, antwortete Tess und spürte, dass jetzt auch ihre Wangen glühten. Es war ihr ein bisschen peinlich. Der junge Mann schien es nicht zu bemerken und meinte: „Schade, ich fahre nur bis Mannheim. Ich heiße übrigens Fred, Fred Springer. Ich finde es aber schön, dass wir doch noch ein gutes Stück zusammen fahren. Tess beeilte sich zu entgegnen: „Ja, das finde ich auch. Ich heiße Theresa Redlich, aber alle nennen mich Tess.

Er sah ihr tief in die Augen. „Tess, das passt zu Ihnen, es klingt so heiter und fröhlich. Sie haben so lustige Grübchen, wenn Sie lachen und außerdem eine Stupsnase! Erst zog Tess die Stirn in Falten, dann musste sie doch lachen. „Von wegen Stupsnase, protestierte sie. Die Bahnfahrt gefiel ihr immer besser. Sie unterhielten sich prächtig und alberten ausgelassen herum. Kurz bevor er aussteigen musste, tauschten sie die Adressen aus. Sie gab ihm die Telefonnummer und Adresse ihrer Freundin, zu der sie fuhr. Nach so kurzweiliger Gesellschaft war es Tess erst etwas langweilig, doch dann holte sie ihr Buch hervor und vertiefte sich darin.

Nach einer gefühlten Ewigkeit fuhr der Zug endlich in den Hamburger Bahnhof ein. Ihrer Freundin Maria stand strahlend auf dem Bahnsteig und umarmte sie zur Begrüßung stürmisch. „Hallo Tess, ich freue mich so, dass du mich endlich besuchst. Wir fahren am besten gleich zu meiner Wohnung, ich habe dir so viel zu erzählen. Auch Tess freute sich unbändig, Maria endlich wiederzusehen. Sie fand sie kein bisschen verändert seit ihrem letzten Treffen. Maria war klein, wie Tess, nur etwas rundlicher. Die dunklen Haare umrahmten ein herzförmiges Gesicht mit fast schwarzen Augen, die lustig funkelten. Sie und Tess stammten aus dem gleichen Dorf. Vor einem Jahr war Maria einfach so in die Großstadt gefahren und dort geblieben. Ihre Wohnung entpuppte sich als nicht besonders groß, aber urgemütlich. „Bring deinen Koffer in das Zimmer hier links, sagte Maria, „dann komm erst mal in die Küche. Ich habe Kaffee gekocht. Tess stellte ihren Koffer ab und ging in die Küche, die aus zusammengeschusterten Möbeln bestand. Trotzdem strahlte dieser Raum eine spürbare Wärme aus. Maria hatte den Tisch mit Blumen und Kerzen schön gedeckt. Die beiden Freundinnen plauderten ausgelassen, tranken Kaffee, scherzten und lachten. Es gab ja so viel zu erzählen. Tess erfuhr, dass Maria eine gute Stellung als Technische Zeichnerin gefunden und außerdem seit zwei Monaten einen festen Freund hatte. „Morgen wirst du Michael kennenlernen, sagte sie fröhlich. „Bleib solange du willst, schau dir alles in Ruhe an. „Würde ich gerne machen, meinte Tess stirnrunzelnd, „aber was werden meine Eltern dazu sagen, wenn ich länger als eine Woche bleibe? Tess wirkte auf einmal eingeschüchtert. „Du liebe Zeit, schließlich bist du volljährig!, warf Maria ein, „komm schon, entspann dich. „Du hast ja Recht, seufzte Tess und nahm sich vor, nicht mehr fortwährend an ihre Eltern zu denken.

Sie besichtigte in der darauffolgenden Woche ganz Hamburg und die Zeit verging wie im Flug. Aus einer Woche wurden vier und Tess wollte nicht mehr

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