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Die Wirtschaft zur Vernunft bringen: Sozialethische Grundlagen einer postkapitalistischen Ökonomie

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Die Wirtschaft zur Vernunft bringen: Sozialethische Grundlagen einer postkapitalistischen Ökonomie

Länge:
351 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
Oct 24, 2016
ISBN:
9783828865723
Format:
Buch

Beschreibung

Dass die kapitalistische Wirtschaftsweise in unserer Welt überwiegend zerstörerisch wirkt, wird heute von den meisten Menschen anerkannt. Zugleich aber herrscht eine große Ratlosigkeit, wie eine alternative Wirtschaft aussehen und funktionieren könnte. In diesem Buch werden die von der Akademie Solidarische Ökonomie erarbeiteten Konturen einer postkapitalistischen Ökonomie verständlich dargelegt. Mit den großen Denkern der Neuzeit und anhand etlicher Grafiken interpretiert Bernd Winkelmann die religiöse Suche der Menschheit und die Gottesfrage in Übereinstimmung mit naturwissenschaftlicher Erkenntnis und der Evolutionstheorie. Aus der Neuentdeckung von Transzendenz und Spiritualität auch in den Naturwissenschaften und einer säkular verstandenen Religiosität könnten Befreiungs- und Erneuerungskräfte gewonnen werden, mit denen die ökonomischen Fehlentwicklungen unserer Zivilisation überwunden werden und die Transformation zu einer zukunftsfähigen Wirtschafts- und Lebensweise gelingen könnte.
Freigegeben:
Oct 24, 2016
ISBN:
9783828865723
Format:
Buch

Über den Autor


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Die Wirtschaft zur Vernunft bringen - Bernd Winkelmann

Orientierung.

I.Die ökonomische Fehlentwicklung unserer Zivilisation

1Die Widersinnigkeiten kapitalistischen Wirtschaftens

Wieso soll das kapitalistische Wirtschaften widersinnig sein? Uns geht es doch sehr gut, uns in Deutschland und in den anderen führenden Industrienationen. In Deutschland besitzt mehr als jeder zweite Erwachsene ein Auto. Die Geschäfte und Märkte sind übervoll an erlesenen Nahrungsmitteln, modernsten Geräten sowie Konsum- und Luxusartikeln aller Art. In den Privathaushalten trifft man auf Fernsehgeräte, Kühlschränke, Computer, modernste Handys und Smartphones, die alle auf dem neusten technischen Stand sind. Hungern braucht keiner in unserem Land, im Gegenteil: 40 bis 50 Prozent der Menschen sind übergewichtig. Kleidung gibt es zu Spottpreisen.

Sicher gibt es die Hartz-IV-Empfänger und noch einige Arbeitslose. Aber das soziale Netz fängt in Deutschland doch noch jeden auf, der da hineinfällt, bietet also Sicherheit, wie sie sonst nirgendwo zu finden ist. Die übrige Welt? Nun ja, da gibt es mehr Armut als bei uns. Aber die Zahl der absolut Armen ist auf eine Milliarde Menschen gesunken. Was es da an Not, Hunger und Kriegen in der Welt noch gibt, wird genau mit den Mitteln besiegt werden können, die uns den Reichtum gebracht haben: mit den enormen Siegen der industriellen Revolution seit 200 Jahren, mit dem Siegeszug der digitalen Elektronik und Kommunikationstechnik heute und genau mit dem, was die kapitalistische Wirtschaftsweise betreibt: freie Märkte, Privatinitiative und Wettbewerb, Wachstum und fortlaufende Investitionen in neue Techniken und Unternehmen. Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist nicht gescheitert, sondern hat sich als Reichtums- und Fortschrittsmotor bestens bewährt.

Ja, so kann man es sehen, wenn man zu den Gewinnern dieser Wirtschaftsweise gehört. Doch diese Sicht ist blind für die eigentlichen Nöte und Gefährdungen in unserer Welt, blind für die tief greifende Widersinnigkeit unserer gegenwärtigen Zivilisation.

1.1Die Grundparadoxie unserer Zivilisation

Die Paradoxie und Widersinnigkeit unserer gegenwärtigen Zivilisation liegt in zwei gegenläufigen Entwicklungen:

•Einerseits erleben wir eine enorme Steigerung des Produktionspotenzials, des Geldvermögens und der Reichtümer, der wissenschaftlichen, auch ökologischen Erkenntnisse und der technischen Fähigkeiten – das alles in einem Tempo und auf einem Niveau, wie es das in der bisherigen Menschheitsgeschichte noch nie gegeben hat. Dafür nur drei exemplarische Zahlen: Das Weltsozialprodukt hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt, der Welthandel verdreifacht, und das Wissen der Menschheit verdoppelt sich alle ein bis zwei Jahre.

•Andererseits erfahren wir keine Lösung, sondern eine massive Zuspitzung schwerwiegender gesellschaftlicher Probleme: die wachsende Schere von Arm und Reich, die Überproduktion an Nahrungsmitteln bei gleichzeitigen Hungerkatastrophen, die wachsende Fremd- und Selbstausbeutung im Arbeitsprozess, die Ausgrenzung aus Arbeit, aus ertragreichem Lohn und sozial-kultureller Anteilhabe, wachsende Umweltzerstörung, die Zunahme neuer kriegerischer Konflikte und des internationalen Terrorismus, der Zerfall von Staaten, Massenmigrationen …

Die Widersinnigkeit dieser Entwicklung liegt darin, dass die Menschheit im höchsten Maße das materielle, technische und intellektuelle Potenzial hat, um die Fehlentwicklungen zu überwinden – und dass genau dies gegen alle Vernunft nicht getan wird. Warum nicht? Hier gibt es wohl zwei Gründe: Es wird zwar über verschiedene Missstände in der Wirtschaft, über die Umweltzerstörung, über die sozialen Ungerechtigkeiten und das Versagen der Politik geklagt, aber die tiefere Unstimmigkeit in unserer gegenwärtigen Art zu leben wird kaum gesehen. Von daher wird die Ursachenfrage, wenn überhaupt, nur oberflächlich und in vordergründigen Details gestellt. Um beides zu tun, die tiefer gehende Unstimmigkeit unserer Zivilisation zu begreifen und ihre Ursachen zu erkennen, müssen die Einzelparadoxien genauer angesehen werden. Mindestens drei von ihnen haben exemplarischen Schlüsselcharakter: die Umweltparadoxie, die Parodie von Armut und Reichtum, die Wachstumsparadoxie.

1.2Die Umweltparadoxie

Die Widersinnigkeit der Umweltparadoxie liegt darin, dass wir Menschen mit unserem gegenwärtigen wirtschaftlichen Handeln das Ökosystem, von dem wir leben, schwer schädigen und damit unsere eigene Existenz gefährden. Dahinter steht das unbegreifliche Ignorieren einer unabänderlichen Tatsache, nämlich dass es in einer endlichen Welt kein unendliches Wachstum geben kann, wie es die Wirtschaft erwartet. Diese Fehlerwartung hat zum empfindlichen Überschreiten des ökologisch Tragbaren, zu einem zu großen ökologischen Fußabdruck geführt.

Der ökologische Fußabdruck meint den Umweltverbrauch in Nutzung und Belastung des Ökosystems und der natürlichen Ressourcen. Er lag Jahrtausende über bei einem Bruchteil des maximal verträglichen Maßes. Mit der industriellen Revolution stieg er steil an. Anfang der 1960er-Jahre lag er bei 50 Prozent der weltweiten Belastungsgrenze. Ende der 80er-Jahre überschritt die Menschheit das maximal verträgliche Maß von 100 Prozent (Faktor 1). Zwanzig Jahre später um 2011 lag der Umweltverbrauch im weltweiten Durchschnitt bei etwa 50 Prozent über dem für unsere Erde verträglichen Maß. In Deutschland liegt er heute bei dem Drei- bis Vierfachen, in den USA bei dem Acht- bis Zehnfachen. Das heißt: Wenn alle Menschen der Welt so leben wollten wie wir in Deutschland, brauchten wir drei bis vier Erden. Nach Berechnungen des Weltzustandsberichtes des WWF von 2014 wird 2030 der ökologische Fußabdruck der Menschheit doppelt so groß sein wie das für die Erde verträgliche Maß.⁵ Jede vernünftige Logik sagt, dass ein „Weiter so" in eine Katastrophe führt und dringend umgesteuert werden muss.

Das deutliche Überschreiten des ökologisch Verträglichen geschieht vor allem auf drei Ebenen: im Ausstoß klimaverändernder Gase (Klimawandel), im Verlust an Biodiversität, also der Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten, und im Raubbau an unwiederbringlichen Rohstoffen.

Der Ausstoß klimaverändernder Gase hat in den letzten 200 Jahren durch das Verbrennen fossiler Bodenschätze (Kohle, Erdöl und Erdgas) zum verstärkten Freisetzen von CO2 und weiterer klimaschädlicher Gase wie Methan und Lachgas geführt. So ist in den letzten reichlich hundert Jahren die Erddurchschnittstemperatur um ca. 1 Grad gestiegen. Wird der Ausstoß der klimaschädlichen Gase nicht drastisch gesenkt, wird bis Ende dieses Jahrhunderts die Erdtemperatur um 4 bis 6 Grad ansteigen – mit verheerenden Folgen: Abschmelzen des Polareises und der Gletscher, Anstieg der Meeresspiegel um bis zu vier oder mehr Meter, Versinken flachliegender Länder im ansteigenden Meeresspiegel, Ausbreitung der Wüstenregionen, Verlust an Ackerland, extreme Unwetterkatastrophen – und in deren Folge Hungerkatastrophen, Umweltmigration, Krieg um Ressourcen und Überlebensinseln in bisher nicht dagewesenem Ausmaß. Die UN-Klimakonferenz 2015 in Paris hat noch einmal unterstrichen: Wenn die schlimmsten Folgen verhindert werden sollen, müsste der Temperaturanstieg bis 2100 auf maximal 2 Grad, möglichst auf 1,5 Grad beschränkt werden. Dazu müsste in den nächsten 20 Jahren der industrielle CO2-Ausstoß pro Person im Jahr weltweit auf zwei bis drei Tonnen gesenkt und bis 2060 auf null zurückgefahren werden – er liegt in Deutschland gegenwärtig bei etwa elf Tonnen, in den USA bei 19 Tonnen. Die Beschlüsse der Pariser Klimakonferenz mit Zustimmung von 190 Vertragsstaaten waren sicher ein Durchbruch guten Willens. Doch eine gewisse Skepsis ist begründet. Denn entgegen der Beschlüsse der Weltklimakonferenz von 1997 in Kyoto ist der weltweite CO2-Austoß gegenüber 1990 nicht gesunken, sondern seitdem um 60 Prozent gestiegen. Fachleute weisen immer wieder darauf hin, dass das Zeitfenster, das uns bleibt, den Temperaturanstieg auf unter 2 Grad zu halten, nicht mehr als die nächsten 15 bis 20 Jahre umfasst.⁶ Das heißt, in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren müssten die wichtigsten Gegenmaßnahmen realisiert werden.

Mit und neben der drohenden Klimakatastrophe droht ein empfindlicher Verlust an Biodiversität. Dies geschieht vor allem durch die Versiegelung von Flächen, durch die Chemisierung der Landwirtschaft, durch das Abholzen von Wäldern, durch die „Vermüllung" der Meere und sonstigen Gewässer und der gesamten Welt. Diese Entwicklungen vergiften und zerstören den Lebensraum unendlich vieler Arten. Nach dem Weltzustandsbericht des WWF von 2014 sind in den letzten 40 Jahren in den Tropenwäldern der Erde über 50 Prozent der Tier-und Pflanzenarten durch menschliche Einwirkungen ausgestorben. Das ist das „größte Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier."⁷ Dieser Verlust an Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten ist darum so gefährlich, weil er zu einem empfindlichen Rückgang der Regenerationsfähigkeit der Natur und des Lebens führt.

Der dritte Faktor, der Raubbau nicht nachwachsender Ressourcen, hat ebenfalls verheerende Folgen. Es werden heute Bodenschätze abgebaut, die unwiederbringlich sind und kaum durch Ersatzstoffe kompensiert werden können. Neben den fossilen Bodenschätzen sind dies Metalle, seltene Erden, Phosphor und andere seltene Salze. Der Peak Oil, also der Punkt, von dem an weniger Öl neu erschlossen werden kann, als verbraucht wird, ist wahrscheinlich bereits heute überschritten. Darüber hinaus sprechen Niko Paech und andere Fachleute von einem Peak Everything: Nicht nur die Ölreserven sind in naher Zukunft erschöpft, sondern grundsätzlich alle nicht nachwachsenden Rohstoffe.⁸ Auch nachwachsende Rohstoffe wie Holz, Ackerland, Nahrungsmittel, Ressourcen der Meere u. a. betrifft der Peak Everything, wenn sie weiterhin so übernutzt werden wie bisher.⁹ Diese Lebensgrundlagen sind dann morgen nicht mehr da bzw. so erschöpft und so teuer geworden, dass sie kaum noch genutzt werden können. Bei einigen Bodenschätzen wird das schon in den nächsten Jahrzehnten der Fall sein, z. B. bei Phosphor, bei anderen wird es länger dauern, z. B. bei Kohle.¹⁰

Das Erschreckende an all diesen Entwicklungen sind zwei Phänomene. Das eine ist die zeitliche Kürze und das Tempo dieser Prozesse. Ganz sicher hat es in der langen Evolutionsgeschichte des Lebens auf der Erde schon verschiedene Katastrophen wie Klimaerwärmungen und Massenaussterben von Arten gegeben, aber die gegenwärtigen Prozesse geschehen in äußerst kurzer Zeit, genauer in den letzten 150 und den kommenden 100 Jahren.

Das zweite Phänomen ist die eigentlich unbegreifliche Tatsache, dass alle Verantwortlichen um diese Dinge wissen und wissenschaftliche wie auch technologische Mittel vorhanden sind, die aufgezeigten Entwicklungen zu verhindern, ein wirkliches Umsteuern bisher aber nicht gelungen ist. Wir „verfeuern" heute wissentlich das, wovon unsere Kinder und Enkel in Zukunft leben wollen.¹¹

1.3Die Armuts- und Reichtumsparadoxie

Die Widersinnigkeit dieser Paradoxie liegt darin, dass die enormen Zuwächse an materieller Wertschöpfung und Reichtümern vor allem einer kleinen Minderheit zugutekommt, eine große Mehrheit aber kaum oder gar nicht an diesen Zuwächsen teilhat, sondern eher ärmer wird.

So ist das Gesamtvermögen in Deutschland in den letzten Jahrzehnten jährlich um etwa 7 Prozent gewachsen und lag 2013 bei über 11 Billionen €.¹² Die Grafik zur Vermögensverteilung zeigt zum einen die extreme Ungleichheit in der Teilhabe am Gesamtvermögen und zum anderen die auseinandergehende Schere zwischen den Superreichen und der unteren Hälfte der Bevölkerung: Das Vermögen der oberen 10 Prozent der Bevölkerung ist von 2002 bis 2014 um fast 10 Prozentpunkte von 57,9 Prozent auf über 67 Prozent des Gesamtvermögens in Deutschland gewachsen, während das Vermögen der unteren 50 Prozent im gleichen Zeitraum von 1,7 Prozent auf 1,2 Prozent des Gesamtvermögens gesunken ist. Noch deutlicher sind die Zahlen beim Vergleich der Nettoeinkünfte: Diese haben sich für die oberen 10 Prozent in zehn Jahren etwa um 10 bis 30 Prozent erhöht, während die Nettoeinkünfte der Lohnempfänger um 2 bis 3 Prozent gesunken sind. Exemplarisch für diese unglaubliche Ungleichheit sind die Löhne und Einkommen. So lagen die Einkommen der führenden deutschen Manager 2011 im Durchschnitt bei dem 200-Fachen des Durchschnittseinkommens eines Arbeitnehmers; das sind ca. 500.000 € im Monat oder 6 Mio. € im Jahr – mit Spitzengehältern bis zu 16Mio. € im Jahr (ehemaliger VW-Chef Winterkorn). Die Durchschnittseinkommen der Lohnempfänger liegen in Deutschland bei 2.000 bis 3.000 €, die Einkommen im Niedriglohnbereich für vier Millionen Vollzeitbeschäftigte unter 1.200 € brutto.¹³

Noch erschreckender ist die weltweite Entwicklung von Armut und Reichtum. Es ist zwar richtig, dass sich in den Schwellenländern eine Mittelschicht mit mittlerem Wohlstand entwickelt hat, doch insgesamt hat sich die Reichtums-Armuts-Schere weiter geöffnet. Nach der Oxfam-Studie 2016 besaßen 2010 die reichsten 388 Menschen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung; 2016 besitzen die 62 reichsten Einzelpersonen der Welt so viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Oder anders gezählt: Das reichste eine Prozent besitzt mehr als die restlichen 99 Prozent der Weltbevölkerung. Erschreckend sind das Tempo und das scherenartige Auseinandergehen der Reichtums-Armuts-Entwicklung.¹⁴

Diesem Reichtum steht eine für uns kaum vorstellbare Armut gegenüber, z. B. die Tatsache, dass mehr als eine Milliarde Menschen mit weniger als 1,25 Dollar Tageseinkommen in absoluter Armut leben. Dahinter stehen Menschenschicksale von vielen Millionen Kindern, die verhungern oder auf Müllhalden leben, von Frauen, die unter sklavenartigen Bedingungen in Fabrikanlagen arbeiten, von Männern, die aus Sinn- und Perspektivlosigkeit sich dem Alkohol ergeben oder dem Extremismus verschreiben.

Das Skandalöse dieser Fakten liegt nicht erst in der Ungerechtigkeit gegenüber den Ärmeren, sondern in der skrupellosen Bereicherung der Superreichen. Es muss begriffen werden, dass der Reichtum der Reichen nur zum geringsten Teil auf eigenen Leistungen beruht, denn auch der tüchtigste Mensch kann nicht das Dutzend- oder Vielhundertfache einer Durchschnittsleistung erbringen. Diese Reichtümer sind vielmehr durch ausbeuterische Abschöpfungsstrategien auf Kosten der Ärmeren und der Natur erbeutet worden und darum als Raub anzusehen. Was ist das für eine Gesellschaft, die sich das gefallen lässt? Heiner Geißler stellte schon 2004 fest: „Die Gier nach Geld zerfrisst den Herrschenden ihre Gehirne." Und er fragt: „Wo bleibt der Aufschrei?" – der Aufschrei der Parteien, der Kirchen, der Verantwortungsträger?¹⁵

Neben der räuberischen Bereicherung der Reichen sind das Schweigen und die Tatenlosigkeit der Politiker das zweite Skandalöse. Den Politikern beim Weltwirtschaftsforum 2016 in Davos wurden die jüngsten Fakten der Oxfam-Studie vorgelegt – so auch die Tatsache, dass neun von zehn Großkonzernen große Teile ihrer Gewinne in Steueroasen verschieben und dadurch allein den Entwicklungsländern jährlich mindesten 100 Milliarden US-Dollar an Steuereinahmen verloren gehen. Politische Konsequenzen werden nicht gezogen. Warum nicht? Wohl darum, weil die Konzentration von Reichtümern in der Hand weniger eine ungeheure politische Macht entwickelt hat. Es ist tagtäglich zu sehen, dass die wirtschaftlichen Machtträger die Weltpolitik mehr steuern als alle demokratisch legitimierten Regierungen. Die geballte Macht der Superreichen hat den Primat der Politik gegenüber der Wirtschaft weitgehend ausgehebelt.

1.4Die Wachstumsparadoxie

Diese Paradoxie besteht darin, dass man die Folgen der kapitalistischen Wachstumswirtschaft wie Naturzerstörung, Armut, Arbeitslosigkeit und Ähnliches mithilfe weiteren Wachstums gleicher Art überwinden will. Dass dies in ständige Sackgassen führt, ist an folgenden Einzelwidersprüchen und Irrtümern zu sehen.¹⁶

Der erste Irrtum besteht darin, dass in der vorherrschenden Meinung Wohlfahrt und Wirtschaftswachstum verwechselt werden. Die Angaben zum Wirtschaftswachstum messen aber nicht die Wirtschaftsleistung und die Lebensqualität, sondern die jährliche prozentuale Zunahme der Produktion gegenüber dem Vorjahr (Wirtschaftsrate¹⁷).So ist z. B. die Wachstumsrate in Deutschland von 1951 bis 2011 von etwa 8 bis 10 Prozent auf etwa 1 bis 2 Prozent gesunken. Doch ist die Wirtschaftsleistung linear stetig gestiegen: Das Bruttoinlandprodukt (BIP) lag 1951 umgerechnet bei etwa 250 Mrd. €, um 2011 bei etwa 2.500 Mrd. €. Demnach ist die Wirtschaftsleistung bei fallender Wachstumsrate um etwa das Zehnfache gestiegen! Die Wirtschaftsleistung und das Wohlergehen der Gesellschaft können sich auch bei einem Nullwachstum der Wachstumsrate stabil weiterentwickeln.

Weiterhin wird nicht gesehen, dass in den hochindustrialisierten Ländern wie in Europa, den USA, Japan und anderen die Wachstumsfelder zunehmend erschöpft oder gesättigt sind. Das heißt, die natürlichen Ressourcen werden immer knapper, ihre Ausbeutung muss aus Kosten- und Umweltschutzgründen heruntergefahren werden. Zudem sind die Märkte mit den wichtigsten Gütern eher übersättigt, als dass es einen Mangel gibt – Bevölkerungswachstum und besondere neue Aufbauphasen gibt es in den entwickelten Ländern nicht.

Da aber – wie wir im folgenden Abschnitt sehen werden – eine kapitalistische Wirtschaftsweise mental und systemisch bedingt ohne Wachstum nicht leben kann, versucht sie, mit allen erdenklichen Mitteln die begrenzten Wachstumsfelder nahezu gewaltsam neu aufzubrechen. Dies geschieht vor allem

•durch künstliche Entsättigung der annähernd gesättigten Märkte durch das Suggerieren neuer und größerer Bedürfnisse mittels psychologisch raffiniert eingesetzter, zum Kaufen verführender Werbung und Konsummarketing, die zur Werteverirrung des Konsumismus führen;¹⁸

•durch Produktivitätssteigerung, Rationalisierung, Arbeitsplatzabbau („Entlassungsproduktivität"), Drängen in Niedrigstlöhne und nicht reguläre Arbeitsplätze (Zeitarbeit u. Ä.), um durch billigere Produkte zum weiteren Kaufen zu animieren und zugleich Konkurrenten auszuschalten;

•durch Externalisieren (Abschieben) von ökonomisch verursachten sozialen und ökologischen Kosten auf die Allgemeinheit, den Staat, den Steuerzahler nach dem Motto „Gewinne privatisieren, Kosten sozialisieren";¹⁹

•durch die Eroberung neuer Märkte in weniger entwickelten Ländern und durch die Verlagerung von Produktion und Arbeitsplätzen in „Billiglohnländer", in denen die sozialen und ökologischen Standards wesentlich niedriger sind und teils unter sklavenartigen Arbeitsbedingungen sehr billig produziert wird;

•durch das Aufnehmen von Schulden (Verschuldungsökonomie) für Investitionen zur Ankurbelung der Wirtschaft;

•durch den Zusammenschluss transnationaler Konzerne, die kleinere Unternehmen vom Markt drängen und Politik und Wirtschaft in ihrem Sinne beherrschen können.

Damit versucht man genau mit den Mitteln die Wachstumskrise zu überwinden, die zu ihr geführt haben: mit dem weiteren Ausschluss und der Armut breiter Schichten, dem Engerwerden der Märkte, dem Ausschluss von Marktteilnehmern, dem Sinken der Kaufkraft, weiterem Raubbau an den natürlichen Ressourcen, der Verarmung der öffentlichen Hand usw.

Nun meint man, mit dem „Green New Deal aus diesen Widersprüchen herauszukommen. Der „Green New Deal strebt einen ökologischen Umbau der Industriegesellschaft an, der durch eine hohe Effizienzsteigerung der Technologien und durch eine Ökologisierung aller Prozess („Grüne Technologierevolution) ein weiteres Wirtschaftswachstum ermöglicht, ohne die ökologischen Grenzen zu überschreiten. Ernst Ulrich von Weizsäcker spricht hier von einem „Faktor fünf und meint damit, dass auf diesem Wege ein doppelter Wohlstand mit einem halbierten Naturverbrauch möglich sei.²⁰ Angestrebt wird eine „Entkopplung von Wachstum und Umweltverbrauch. Tatsächlich ist eine „relative Entkopplung möglich: Durch entsprechende effizientere Technologien kann das BIP schneller wachsen als der Umweltverbrauch, und in Teilen kann der Umweltverbrauch auch sinken. Allerdings ist eine „absolute Entkopplung" des Wirtschaftswachstums vom Umweltverbrauch, also ein stetes Sinken des Umweltverbrauchs bei bleibendem Wachstum – sprich bei einer weiteren Ausweitung der Produktion –, bisher nicht gelungen und wohl kaum möglich. Hier wirkt der sogenannte „Rebound-Effekt" (Rückpralleffekt, Bumerangeffekt): Die Einsparung von Ressourcen durch höhere Effizienz wird durch die Zunahme der Produktion oder durch den Gebrauch der entsprechenden Produkte wieder zunichtegemacht. Zum Beispiel ist der Kerosinverbrauch der Flugzeuge pro Personenkilometer in den letzten 40 Jahren um den Faktor drei gesunken, doch sind die geflogenen Personenkilometer um das Sechsfache gestiegen. Ähnlich verhält es sich bei allen in ihrer Effizienz verbesserten Produkten: den spritsparenden Autos, den energiesparenden Kühlschränken und sonstigen Geräten. Mit dem materiellen Rebound-Effekt gibt es den psychologische Rebound-Effekt: Das umweltschonende Auto beruhigt das Gewissen und wird häufiger

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