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Mordend kommt der Weihnachtsmann: Kriminelle Weihnachtsgeschichten aus Ostwestfalen-Lippe

Mordend kommt der Weihnachtsmann: Kriminelle Weihnachtsgeschichten aus Ostwestfalen-Lippe

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Mordend kommt der Weihnachtsmann: Kriminelle Weihnachtsgeschichten aus Ostwestfalen-Lippe

Länge:
226 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 29, 2016
ISBN:
9783954751440
Format:
Buch

Beschreibung

Vierzehn spannende, kuriose und besinnliche Weihnachtskrimis von dreizehn Autoren aus Ostwestfalen-Lippe: Rolf Düfelmeyer, Andrea Gehlen, Andrea Gerecke, Christiane Höhmann, Robert C. Marley, Meike Messal, Barbara Meyer, Karolin Neubauer, Joachim H. Peters, Jürgen Reitemeier, Wolfram Tewes, Uwe Voehl und Marcus Winter.
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 29, 2016
ISBN:
9783954751440
Format:
Buch

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Mordend kommt der Weihnachtsmann - Prolibris Verlag

www.prolibris-verlag.de

Robert C. Marley - Christingle - Paderborn

Westfalen-Blatt, 14. Dezember

PADERBORN – Britische und deutsche Familien feiern am kommenden Donnerstag gemeinsam den schon traditionellen vorweihnachtlichen Christingle-Gottesdienst in der evangelischen Abdinghofkirche. Eine mit Kerze und Süßigkeiten geschmückte Orange als Zeichen für die christliche Botschaft der Liebe wird allen Kindern am Ende des Gottesdienstes übergeben. Schüler der britischen Schulen John Buchan und Bishops Park und der deutschen Lutherschule singen Weihnachtslieder. Die international bekannte britische Militärkapelle des Adjutant General’s Corps wird die Abdinghofkirche wieder mit mächtigen Klängen erfüllen.

Der Schnee fällt in dicken, feuchten Flocken an diesem Sonntag und wird in Böen gegen die hohen Fenster geweht.

Als ich mich wieder anziehe, kann ich die Glocken der Abdinghofkirche läuten hören. Obwohl ich sie nicht sehe, weiß ich, dass die Besucher noch immer in die Kirche strömen; vermummt mit ihren Schals und Mänteln. Wir Mädchen haben oft genug unten am Eingang gestanden und ihnen die Liedzettel ausgeteilt. Erst um sechs werden alle Plätze besetzt sein.

So ist es jedes Jahr an diesem Tag.

Der britisch-deutsche Christingle-Gottesdienst ist hier bei uns in Paderborn schon immer etwas Besonderes gewesen. Und für meine Familie sowieso. Denn mein Vater war bei den britischen Streitkräften. Meine Mutter ist Deutsche.

Daddy fiel in Afghanistan, meine Schwester Sofie in Altenbeken.

Hier im Gemeindehaus ist es wieder still geworden. Das Klopfen und Schaben hat aufgehört. Aus dem Nebenraum kommt kein Laut mehr.

Die meisten Apfelsinen sind bereits mit roten Bändern versehen. Sie stehen für die Liebe und das Blut Christi. Ich stecke noch die Zahnstocher in die letzten, ehe ich die Bonbons darauf spieße und sie zu den anderen in die große silberne Schüssel lege.

Sofie und ich gehörten dem Vorbereitungsteam an, seit wir elf Jahre alt waren. Im März wäre sie 15 geworden – genau wie ich. Zusammen mit Julius leiteten wir die jüngeren Kinder an, erklärten ihnen, wie sie die Christingles zu schmücken hatten und sangen mit ihnen im Chor. Mama hat das immer unterstützt. Und Daddy spielte Bagpipes im General’s Corps.

Julius ist jetzt so um die fünfundzwanzig, glaube ich. Ich kenne ihn schon so lange, dass ich gar nicht mehr weiß, wie lange. Er hasst Spargel, genau wie Sofie. Sie übergab sich jedes Mal, wenn sie ihn als Kind essen musste. Julius ging es ebenso. Nichts Schlimmes, man muss ihn nur meiden. Einmal hat Sofie einen Kuchen für Julius gebacken. Das war kurz vor dem letzten Weihnachtsfest. In dem Jahr, als sie starb. Sie hatte ihn mit Nüssen und Liebesperlen dekoriert. Ich dachte, sie hat sich vielleicht ein bisschen in ihn verguckt. Das glaubte ich jedenfalls. Warum hätte sie sich wohl sonst eine solche Mühe machen sollen? Doch Julius flippte vollkommen aus. Fragte Sofie, ob sie ihn umbringen wolle. Ich erinnere mich noch gut an ihr trauriges, enttäuschtes Gesicht, als er ihr den Kuchen zurückgab. Nicht einen Bissen hat er davon genommen.

Sofie dagegen liebte Nüsse. In den letzten Wochen vor ihrem Tod hat sie kaum was anderes gegessen.

Und sie hat Bücher geliebt. Jede Art Bücher, genau wie ich. Ihr Gewicht, ihren Geruch, und das Geräusch, das die Seiten machen, wenn man sie über den Daumen rauschen lässt. Sooft wir konnten, trieben wir uns in der Buchhandlung Linnemann auf der Westernstraße herum, stöberten einfach in den Regalen, auch wenn wir kein Geld mithatten, um welche zu kaufen. Manchmal bekamen wir einen Apfel von Herrn Linnemann geschenkt. Er ist ein lustiger Kerl mit einem lebhaften, runden Gesicht. Ich mag ihn sehr. Bücher sind ihm wichtig. Das sieht man. Sofie sagte jedes Mal, er sei genau wie der weise Zauberer aus einem Fantasie-Roman. Aber ich habe vergessen, aus welchem.

Irgendwann ging ich nur noch allein hin. Sofie hatte keine Lust mehr auf Bücher.

An dem Tag, als sie starb, haben wir wieder Christingles für den abendlichen Gottesdienst vorbereitet. Sofie hatte sich in die Helferliste eingetragen, doch sie kam nicht. Ich weiß noch genau, wie Julius mich fragte, ob sie krank sei.

Später haben alle gesagt, Sofie habe den Zug nicht kommen hören. Sie haben gesagt, sie habe ein Selfie machen wollen.

Das kann mir keiner erzählen.

Wer fährt an einem Winterabend mit dem Zug von Paderborn nach Altenbeken, um dann auf dem Viadukt ein Selfie von sich zu machen?

Ich habe das letzte Foto gesehen, das sie geschossen hat. Ihr angespanntes Gesicht halb von der Dunkelheit verschluckt, ihre dürre Gestalt eingerahmt von den drei grellen Lichtern der Lok. Sofie ist weder taub noch blind gewesen.

Sie war todtraurig.

Ich stecke eine Kerze in die Orange und zünde sie an. Sie soll das Licht Jesu in der Welt darstellen und jenen Kraft schenken, die im Dunkeln wandern.

Sofie ist lange im Dunkeln gewandert. Nicht mal ich habe das damals begriffen. Sie wurde einfach immer stiller. Irgendwann sprach sie gar nicht mehr.

Die Leute sagen, Zwillinge seien sich so nahe, dass sie jede Gefühlsregung des anderen spüren. Doch das stimmt nicht. Heute frage ich mich, warum ich ihren Schmerz nicht gespürt habe. Warum ich nicht früher verstanden habe, weshalb sie sich dermaßen veränderte. Vielleicht habe ich aber auch deshalb nichts gespürt, weil Sofie einfach keine Kraft mehr für Gefühle hatte.

Das Licht der Kerze erhellt den Raum. Die Tische sind schlicht weiß. Der Fußboden ist mit kratzigem Teppich ausgelegt. Genau wie der Nebenraum. So kratzig, dass er einem den Rücken durchscheuert.

Auch meine Knie sind noch immer ganz rot.

Ich nehme die Schale mit den Christingles, schließe die Tür zum Nebenzimmer wieder auf, trage sie hinein und stelle sie auf den Boden.

Julius liegt auf dem Rücken, sieht mich schweigend an. Seine nackte Haut glänzt feucht im Licht der Kerze.

»Hier«, sage ich. »Das ist die Liebe Gottes«, und winde ihm die rote Schleife um den Kopf. »Hier«, sage ich. »Die Früchte der Erde«, und schiebe ihm die Zahnstocher mit den Süßigkeiten zwischen die geschwollenen Lippen. »Hier«, sage ich. »Das Licht der Hoffnung.« Das Wachs der Kerze verklebt sein dunkles Haar, läuft ihm in die geöffneten Augen und über das blaue Gesicht.

Die Kirche ist bis auf den letzten Platz besetzt, das weiß ich von all den vorherigen Jahren.

Die Christingles sind das Wichtigste an diesem Abend. Gleich ist es sechs, und jemand wird kommen und fragen, wo wir damit bleiben.

Es schneit noch immer, als ich das Gemeindehaus verlasse.

Von den Weihnachtsmarktbuden auf dem Domplatz dringen die Klänge von Last Christmas zu mir herüber, und der würzige Geruch von Glühwein und Rostbratwurst liegt in der Luft. Das Gewimmel dort kann ich jetzt nicht haben. Ich möchte allein sein.

Langsam gehe ich an dem Antiquitätenladen vorbei die Michaelstraße in Richtung Stadtbibliothek hinunter. Die Paderquellen sind um diese Jahreszeit verwaist. Der Schnee auf den eisigen, schlafenden Wiesen unberührt und jungfräulich.

Während ich die ersten Spuren hineintrete, höre ich in der Ferne das aufgeregte Martinshorn des Rettungswagens.

Es ist ein befreiendes Geräusch.

Ich kenne den Grund für Sofies Tod, seit Julius mir letztes Jahr zum ersten Mal zwischen die Beine gefasst hat. Und ich habe darüber geschwiegen. Auch über all das, was er später mit seiner Zunge machte.

Warum ich Mama nichts davon gesagt habe?

Vielleicht, um ihr nicht das Herz zu brechen.

Vielleicht, weil ich fürchtete, Julius könne davonkommen.

Vielleicht aber auch nur, weil ich Angst hatte, Mama könnte am Ende das Walnussöl vor mir verstecken, mit dem ich mich an diesem Abend eingerieben habe, ehe ich zu Julius ins Gemeindehaus ging.

~~~~~

Robert C. Marley

(Jg. 1971) lebt als Autor, Goldschmiedemeister, Kriminalhistoriker und Trainer für Selbstverteidigung in einer sehr alten Stadt in Ostwestfalen und besitzt ein eigenes Kriminalmuseum. 2015 wurde er für seine beliebte Krimireihe um den Scotland Yard Inspector Donald Swanson mit dem bronzenen HOMER in der Sparte historischer Kriminalroman ausgezeichnet.

Joachim H. Peters - Das Fest der Liebe - Detmold

Mit blechernem Scheppern fiel die Münze in die alte verbeulte Tabakdose, und eine heisere, von Nikotin und Alkohol gefärbte Stimme murmelte emotionslos: Danke. Der Boden, auf dem Harald Berger saß, war hart und kalt. Auch die mehrlagige Schicht aus alten Zeitungen konnte nicht verhindern, dass die Kälte in seine Knochen kroch. Und dabei war dieser Platz hier noch der beste. Windgeschützt, überdacht und direkt vor einem Kaufhaus, das ihn geflissentlich übersah und ihn gnädig unter dem Vordach aus Beton sitzen ließ. Berger bemühte sich, den Blick zu heben. Etwas, was ihm auch sonst schon schwerfiel, aber hier in Detmold besonders.

Den vielen Leuten, welche die Meinung vertraten, betteln sei einfach, man müsse sich nur in die Fußgängerzone hocken und die Hand aufhalten, hätte Berger gerne mal die Wahrheit gesagt. Wie schwer es war, sich so der Öffentlichkeit preiszugeben. Lief man als Obdachloser durch die Stadt, dann sah einen nur der ein oder die andere mal skeptisch an, aber sobald man unten war, sobald man auf dem Boden saß, glitten zum Glück viele Blicke über einen hinweg. Kaum einer von seiner Sorte schaffte es, den Leuten in die Augen zu sehen. Schon möglich, dass es bei einigen Lethargie und bei anderen der Alkohol war, der ihren Kopf senkte, doch bei den meisten, so wie auch bei ihm, war es blanke Scham. Scham, dass man es nicht geschafft hatte. Scham, dass man nun auf die Mildtätigkeit anderer angewiesen war.

Besonders schlimm war es, wenn Gefahr bestand, dass man dabei erkannt wurde. So wie jetzt und hier in der Fußgängerzone von Detmold. Aber er war viele Jahre nicht mehr hier gewesen und sein Aussehen hatte sich verändert. Der lange ungepflegte Bart, die ergrauten Haare, die längst nicht mehr den modischen Schnitt früherer Zeiten aufwiesen und die abgetragene und zusammengewürfelte Kleidung waren zwar eine Art Schutz, trotzdem konnte es sein, dass man ihn erkannte. Auf gar keinen Fall wollte er Leute aus seiner hiesigen Vergangenheit wiedertreffen. Denn dass er sich in dieser misslichen Lage befand, daran war er selbst schuld. Ebenso wie daran, dass er in Detmold festhing.

Eigentlich war er auf dem Weg nach Hannover gewesen und hatte gar nicht vorgehabt, die Kulturstadt am Teutoburger Wald, wie sich Detmold heute großspurig nannte, zu besuchen. Wäre nicht dieser unsägliche Unfall passiert, wäre er wie geplant über Lemgo getippelt, doch dann kam ihm dieser blöde Radfahrer in die Quere. Einer dieser jungen sportbesessenen Schönlinge, die mehr Wert auf die farbliche Übereinstimmung von Trikot und Fahrradrahmen legten, als auf die Straßenverkehrsordnung. Einer von denen, die meinten, überall Vorfahrt zu haben. Dass alle anderen zurückstehen müssten, wenn sie Sport machten. Einer von denen, die für Radwege, wie gut sie auch angelegt sein mochten, nur Verachtung empfanden.

Und weil Berger sich beim Überqueren der Straße mehr auf besagten Radweg statt auf die Fahrbahn konzentriert hatte, übersah er prompt diesen schmalärschigen Affen auf seiner fahrenden Rasierklinge. Das Ergebnis war, dass er sich beim Zusammenprall dermaßen am Finger verletzt hatte, dass man ihn in die Handchirurgie nach Detmold gekarrt hatte. Entgegen all seiner Proteste.

Drei Tage hatte man ihn dortbehalten, bis er nach langem Quengeln endlich auf eigene Verantwortung entlassen worden war. Und so stand er nun vor dem Detmolder Klinikum und musste feststellen, dass es schwer für ihn würde, nach Hannover zu kommen, denn er besaß kaum noch Geld.

Bislang hatte er sich jeden Tag sein Pensum zusammenbetteln können, doch die drei Tage in weißen Laken hatten seine Pläne durchkreuzt. So war ihm nichts anderes übrig geblieben, als in die verhasste Stadt zu laufen und dort sein Glück zu versuchen. Er hatte gehofft, dass die geizigen Lipper wenigstens zu Weihnachten etwas spendabler sein würden. Und sobald zwanzig Euro zusammengekommen wären, würde er sich wieder auf den Weg machen. Über Lemgo und dann immer weiter nach Osten.

Nun saß er schon zwei ganze Tage hier und hatte nicht einmal die Hälfte zusammen. Detmold war und blieb eben eine Stadt, die kein Glück brachte, zumindest kein dauerhaftes.

Und je länger er dort saß, das Kaufhaus im Rücken und die Blechdose vor sich, umso heftiger kehrten die schmerzhaften Erinnerungen an alte Zeiten zurück. Zunächst war alles rund gelaufen. Drei florierende Gaststätten, eine Diskothek und jede Menge angebliche Freunde. Die Art von Freunden, die man nur hatte, wenn genug Geld da war. Die aber sofort hinter dem Rücken redeten, wenn sie nicht mehr freigehalten wurden. Die Leute, die sich schon immer wie Parasiten an jeden Großen hängten und den Wirtskörper solange nutzten, bis er leergesaugt war. Bei dem Begriff Wirtskörper musste er nach langer Zeit endlich mal wieder schmunzeln. Aasgeier, Blutsauger, Speichellecker. Das hatte er erkannt, als er seine Kneipen, eine nach der anderen, hatte schließen müssen. Und als am Ende auch die Diskothek kein Geld mehr abwarf, da waren plötzlich alle weg. Auf Kosten des nächsten Opfers in die Sansibar auf Sylt oder was gerade so angesagt war.

Ihn hatten sie damals jedenfalls schnell fallengelassen. Das hatte er besonders deutlich gespürt, als er versuchte, sich die lächerliche Summe von zehntausend Mark zu leihen. Alle, die auf seine Kosten mit um die Dörfer gezogen waren, ließen sich plötzlich verleugnen oder ignorierten seine Anrufe. Fünf Jahre hatte es gedauert, sich so einen Hofstaat aufzubauen, aber nur drei Wochen, um ihn wieder zu verlieren.

Als Nächste kamen die Banken. Wer Geld braucht, ist dort immer willkommen, und wer Schulden hat, wird hofiert, doch wehe, wenn es dir mal schlecht geht, dann nagen sie wie Ratten in deinen Eingeweiden.

Verstohlen hob er den Blick und schaute die Fußgängerzone hinunter. Nein, bisher hatte ihn niemand erkannt. Aber wenn der Erlös seiner Bettelei nicht noch sprunghaft anstieg, dann musste er überlegen, wo er über die Feiertage einen Unterschlupf fand. Am besten außerhalb von Detmold. In die hiesige Obdachlosenunterkunft würde er auf keinen Fall gehen. Dann schon lieber auf einem Hochsitz schlafen oder in einer Feldscheune. Wie sehr sehnte er sich nach den Tagen zurück, in denen er sich beschwert hatte, wenn er nach erheblichem Alkoholkonsum mal in seinem Sportwagen hatte nächtigen müssen.

Einmal sogar zusammen mit Jürgen Volkerts. Sie hatten eine derartige Sause hingelegt, dass er kaum noch einen Meter hätte laufen, geschweige denn fahren können. Eine Party mit viel Alkohol und etlichen jungen Dingern. Volkerts hatte ihn dorthin mitgeschleppt, denn der hatte schon immer auf so junge Hühner mit knabenhaften Figuren gestanden.

Ihm hingegen waren Frauen mit üppigen Formen und großen Brüsten lieber gewesen. An diesem Abend gab es auch so eine. Ein Lächeln trat auf seine Lippen, als er an die heiße Nummer dachte. Die Party war so hammerhart gewesen, dass er am nächsten Tag einen regelrechten Filmriss hatte. Jaja, die Weiber waren immer schon wild auf ihn gewesen. Der coole Junggeselle mit dem schicken Wagen und der dicken Brieftasche. Aber alle hatten sich in dem Moment von ihm abgewandt, als er ihnen nichts mehr bieten konnte.

Berger seufzte. Er rutschte auf seinen Zeitungen hin und her und war so in Gedanken versunken, dass er fast verpasst hätte, sich zu bedanken, als ein Zwei-Euro-Stück in die Blechdose klimperte. Beiläufig nickte er und sah dann auf. Der Spender war ein älterer Mann, den Berger auf Ende achtzig schätzte. Er hatte seine Geldbörse noch in der Hand und blickte voller Mitleid auf ihn hinunter. »Das ist aber auch nicht leicht, oder? Vor allem so vor Weihnachten.«

Berger hatte keine Lust mit einem Mann, dessen Leben vermutlich immer störungsfrei und reibungslos verlaufen war, über seine momentane Situation zu diskutieren. Schön, dass er so großzügig war. Seine Spende musste ihm reichen, sich etwas besser zu fühlen, aber für zwei Euro gab es nur ein Dankeschön und keine Lebensgeschichte.

»Danke«, murmelte Berger, »sehr freundlich von Ihnen.« Er hoffte, der Mann würde weitergehen, doch der dachte gar nicht daran. Er steckte seine Geldbörse wieder ein und strich seinen Mantel glatt.

»Glauben Sie mir, ich kann mir gut vorstellen, wie Sie sich fühlen«, bedauerte ihn der Alte. »Viele Menschen wissen ja heutzutage nicht mehr, was es bedeutet, zu hungern oder zu frieren.« Einen Moment lang schwiegen beide. Berger, weil er kein Gespräch aufkommen lassen wollte, und der alte Mann, war in Erinnerungen versunken. Wohin sie ihn getrieben hatten, verstand man, als er sich den Mantel enger um den Leib wickelte und zu sprechen begann: »Russland war die Hölle. Ich war damals gerade mal achtzehn Jahre alt, als ich fünfundvierzig in russische Kriegsgefangenschaft musste.« Er lachte verbittert auf. »Einen einzigen Tag habe ich die Uniform

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