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Verschollene Spuren

Verschollene Spuren

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Verschollene Spuren

Länge:
289 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 6, 2016
ISBN:
9783886276998
Format:
Buch

Beschreibung

Der Pensionär, Kriminaldirektor Rudolf Meissner, kehrt in das Dorf seiner Kindheit zurück. Schon nach kurzer Zeit macht er sich an die Aufklärung eines ungelösten Kriminalfalls, der ihn seit seiner Kindheit nicht mehr loslässt. Damals verschwand ein reicher Fabrikantensohn 1963 spurlos. Bei seinen Nachforschungen im Dorf stößt Meissner auf massiven Widerstand und tappt zunächst im Dunkeln.
Erst als Meissner Dokumente zugespielt bekommt, die in die NS-Vergangenheit des Dorfes verweisen, findet sich möglicherweise eine Lösung.
Er wird auf den Ort Grafeneck und das „Hotel Silber“ aufmerksam, wo weit mehr als zehntausend behinderte Menschen im Rahmen der Aktion T4 umgebracht worden sind.
Abgesehen von der „Aktion T4“ und den Verbrechen in Grafeneck und dem „Hotel Silber“ markieren drei tatsächlich sich ereignete, bis heute allerdings nicht geklärte Schwerverbrechen in einem Dorf am Rande der Schwäbischen Alb die Basis für den Roman.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 6, 2016
ISBN:
9783886276998
Format:
Buch

Über den Autor

Harald Görlich ist im Kreis Göppingen geboren und arbeitet als Leiter eines Studienseminares seit vielen Jahren in der Lehrerbildung. Mit seinen Romanen will der Historiker den Menschen deutsche Geschichte nahebringen, eingebunden in eine fiktive Handlung. Die Idee zu Verschollene Spuren kam ihm bei einem Besuch der Gedenkstätte Grafeneck auf der Schwäbischen Alb.


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Buchvorschau

Verschollene Spuren - Harald Görlich

soll.

Gnadenlos

Endlich! Schrill durchschnitt das Klingeln des Telefons die beunruhigende Stille. Das Ehepaar zuckte zusammen, die Frau riss die Augen auf. Sie zitterte beim Abstellen des gut gefüllten Cognacglases. Ihr Mann wirkte beherrschter. Er wollte die Kontrolle behalten, sich die übergroße Nervosität nicht anmerken lassen. Dieses quälende Warten. Wochenlang war nichts geschehen. Nicht das Geringste. Kein Lebenszeichen, so lange Zeit. Kaum auszuhalten.

Dann endlich der graue Briefumschlag, der vor wenigen Stunden zugestellt worden war. Die Buchstaben einer offensichtlich nicht mehr korrekt funktionierenden Schreibmaschine gaben Anlass zur Hoffnung und zugleich zu äußerster Sorge.

Das Warten hat demnächst ein Ende.

Ich melde mich. Telefonisch. Alsbald.

Der Fabrikant wollte sofort zur Polizei damit. Seine Frau heulte und flehte.

»Bleib doch hier! Mein Gott, wer weiß, wann er anruft? Du kannst mich jetzt nicht allein lassen!«, kreischte sie geradezu hysterisch, von brutaler Angst gequält.

Die Angst plagte ihn nicht weniger als sie, doch nach außen konnte er den Schein wahren. Seine Gerissenheit als Geschäftsmann kam ihm dabei zugute. Er galt als knallhart, wusste seinen Einfluss zu nutzen, seine Ellbogen zu gebrauchen. Wer sich mit ihm einließ, musste nach seinen Regeln spielen. Wer ihm in die Quere kam, geriet nicht selten rasch in eine aussichtslose Position.

Der Erfolg gab ihm recht. Die Maschinenbaufirma, die er zu Beginn des Krieges von seinem plötzlich verstorbenen Vater übernommen hatte, expandierte. Bereits in den ersten Nachkriegsjahren gelangen ihm hervorragende Geschäfte mit den Amerikanern. Kaum eine Unternehmung im weiten Umkreis hatte Kunden in Übersee – für ihn waren Geschäftsreisen dorthin völlig normal.

Auf Initiative seiner amerikanischen Freunde, nachdrücklich unterstützt von der Landesregierung, hatte ihn das Auswärtige Amt vor drei Jahren sogar zum Honorarkonsul ernannt. Seither grüßten ihn die alteingesessenen Einwohner des Dorfes ehrfürchtig mit »Herr Konsul«, und seinen Mercedes zierte ein CC-Schild. Er gehörte zum Corps consulaire, das musste für jedermann sichtbar dokumentiert werden. Eigentlich stand einem Honorarkonsul so ein Schild gar nicht zu, genau genommen handelte es sich um einen Rechtsverstoß. Doch selbst die beiden Ortspolizisten salutierten, sobald sie seiner gewahr wurden.

Regelmäßig erwähnte er ganz beiläufig seine hervorragenden Kontakte in höchste politische Kreise der Landeshauptstadt. Er wusste bestens Bescheid, wie er seine Mitmenschen beeindrucken konnte. Hauptsache, sie kuschten und tanzten nach seiner Pfeife. In dem Dorf geschah nichts von Bedeutung, was er nicht abgesegnet hatte. Der Bürgermeister sah es als Ehre an, einmal im Monat zu ihm eingeladen zu werden. Er besprach dann alles Wesentliche mit ihm. Erzählte von den Gemeinderatssitzungen und von Ratsmitgliedern, die Dinge forderten, die nicht im Interesse des Fabrikanten sein konnten. Von kritischen Stimmen, die sich gegen ihn und seinen Einfluss richteten. Der Fabrikant hörte sich alles mit einem freundlichen Nicken an, und schon bei seinem nächsten Besuch konnte der Bürgermeister oft erleichtert berichten, alles habe sich zum Guten entwickelt. Man müsse sich wegen der Quertreiber keine Sorgen mehr machen.

Der Fabrikant verfügte über Mittel und Möglichkeiten, das wusste der Bürgermeister nur zu gut. Wie er es aber genau anstellte, jedes Mal seine Interessen durchzusetzen, das fragte er sich doch. Sicher, es gab Gerüchte, zuhauf sogar. Hinter vorgehaltener Hand wurde so manches gemunkelt, aber zum Schwur wollte es niemand kommen lassen. Eindeutig und öffentlich Stellung beziehen, nein, das hätte keiner gewagt.

Der Fabrikant genoss seine herausragende Position, und seine Frau stand ihm darin wenig nach. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit zeigte sie, wie sehr sie sich allen überlegen fühlte. »Frau Wichtig« oder »Madame Arroganz«, mit diesen Namen wurde sie im Dorf belegt. Natürlich niemals offen, sondern auch nur hinter vorgehaltener Hand.

Einmal wagte eine über Siebzigjährige in der Schreibwarenhandlung die Äußerung, die Frau des Fabrikanten habe keinen Anlass, so aufzutrumpfen; eher sollte sie sich schämen für ihre heimliche Sauferei. Noch am selben Tag wurde die alte Frau verhaftet. Der Vorwurf: Beleidigung, Verleumdung, üble Nachrede. Einen Tag später durfte sie die Gefängniszelle zwar wieder verlassen, und es kam auch nicht zu einer Anklage. Doch die Frau war kaum wiederzuerkennen, so verängstigt und eingeschüchtert wirkte sie.

Was sich abgespielt hatte, wie mit ihr verfahren worden war, wusste niemand genau. Wüste Spekulationen machten die Runde. Der Fabrikant freute sich darüber und fachte die Gerüchte mit der einen oder anderen wie zufällig fallenden Bemerkung über Wochen immer wieder aufs Neue an. Danach wagte nie wieder jemand ein abfälliges Wort.

Der sonntägliche Gottesdienstbesuch geriet für den Fabrikanten und seine Frau zum großen Auftritt. Mit ihrem CC-Mercedes fuhren sie bis fast vor die Kirche, was eigentlich verboten war. Selbst der Pfarrer ließ seinen alten Opel stets unten beim Pfarrhaus stehen. »Zum Herrgott muss man aufschauen. Wer zu ihm will, soll sich ruhig ein bisschen anstrengen« – so seine Worte, wenn jemand über den steilen gepflasterten Weg meckerte. Der Fabrikant dagegen steuerte seinen Mercedes über das Pflaster, und die Menschen traten beiseite. Er brauchte nicht zu hupen, musste nicht einmal seine Fahrt verlangsamen. »Er hat eine eingebaute Vorfahrt«, hieß es im Dorf, eine Redensart, in der sich Neid, Furcht und Bewunderung mischten.

Immer war die Frau des Fabrikanten vornehm und teuer gekleidet: ein extravaganter Hut, Schuhe aus bestem Leder, schick gearbeitet. Wer konnte da mithalten? Die meisten Kirchgänger waren einfache Leute. Ihre Röcke, Anzüge und Mäntel stammten teils noch aus der Kriegszeit. Zwar wurde die Kleidung sorgfältig gepflegt, der Sonntagsstaat wirklich nur zum Kirchgang getragen, aber die Jahre hinterließen eben doch ihre Spuren, und manchmal waren die gestopften Löcher unübersehbar. Geld für eine Neuanschaffung? Woher denn? Die meisten Familien waren froh, wenn sie einigermaßen über die Runden kamen. Ein Auto gar oder ein eigenes Telefon? Was für ein Luxus.

Für die Frau des Fabrikanten war beides eine Selbstverständlichkeit. Wie sie immer angab, wenn sie aus dem Auto stieg! Gönnerhaft winkte sie der einen oder anderen Bekannten zu und lächelte herablassend dabei. Nur sie allein wusste, wie viel Mühe sie diese Auftritte kosteten. Zwei, drei Schnäpse, eine halbe Stunde zuvor rasch hinuntergestürzt, gaben ihr den nötigen Halt. Ohne Alkohol hätte sie nicht die Überlegene spielen können.

Selbstbewusst geleitete ihr Mann sie die wenigen Schritte zum Hauptportal der Kirche. Den Eingang schmückte eine große Skulptur: Sankt Martin, der von seinem Umhang ein Stück abschnitt und es einem Bettler zu seinen Füßen reichte. Eine schöne Figur, dachte der Fabrikant jedes Mal gerührt. Auch er selbst zeigte sich gern großzügig. Wer nicht aufmuckte, sondern ihm zu Diensten war, durfte durchaus mit seiner Unterstützung rechnen. Gönnerhaft half er, wenn jemand unversehens in Not geriet. Und so gab es im Dorf etliche Familien, die größten Respekt vor ihm hatten, weil er teure Medikamente für ihr krankes Kind bezahlt hatte oder ihnen einen zinslosen Kredit gewährte, damit sie ihr Haus renovieren konnten. Ohne seine Spende hätte der örtliche Turnverein die Sporthalle nicht angemessen ausbauen können. Auch vieles andere wäre ohne seine Unterstützung nicht möglich gewesen. Deshalb ließen es sich der Musik- und der Gesangverein auch nicht nehmen, an seinem Geburtstag abends vor der Villa aufzumarschieren und ein mindestens halbstündiges Konzert zu geben. Danach durften beide Vereine sicher sein, dass er das gesamte Jahr über für sie sorgen würde.

Einen Moment lang ließ der Fabrikant die Hand über dem schrillenden Telefon schweben. Er zögerte.

»Nimm doch ab!«, kreischte seine Frau. Sie war ein einziges Nervenbündel.

Als der Apparat zum vierten Mal klingelte, griff der Fabrikant endlich nach dem schwarzen Hörer. Er räusperte sich, schluckte und führte den Hörer zum Ohr. Seine Frau, die neben ihm stand, neigte den Kopf in seine Richtung.

»Ja? Mit wem spreche ich?« Er bemühte sich, seine Stimme fest und energisch klingen zu lassen, wollte demonstrieren, dass er das Heft in der Hand hielt, dass man sich vor ihm in Acht nehmen musste. »Hallo? Hallo! Wer ist da?«

Keine Antwort.

»Wieso sagt er denn nichts?«, schrie die Frau wie von Sinnen. Ihr Mann schob sie zur Seite.

»Hallo? Hören Sie?«

Immer noch keine Antwort.

»Nun reden Sie doch endlich!« Seine Stimme klang schrill und viel zu laut. Das Feste, das Energische, das er ihr verleihen wollte, verflüchtigte sich.

Es knackste in der Leitung. Der Fabrikant hielt den Hörer von sich weg und starrte ungläubig auf die Sprechmuschel.

»Was ist?«, fragte seine Frau aufgeregt.

Immer noch den Hörer im Blick, sagte er leise: »Aufgelegt. Einfach aufgelegt.«

»Das kann nicht sein. Das gibt es nicht!«, kreischte die Frau völlig außer sich.

»Sei still! Ich kann doch nichts dafür«, versuchte er sich zu rechtfertigen.

»Warum hat er aufgelegt? Warum denn?« Die Fragen seiner Frau gingen in einem Weinkrampf unter. Er zuckte mit den Schultern.

Ratlos ging er im Wohnzimmer der großen, überaus vornehmen Villa auf und ab, die geschickt an den Hang gebaut war. Kein Gebäude weit und breit konnte mit dem Haus mithalten. Das riesige Panoramafenster, vor dem er gedankenverloren stehen blieb, gab bei Tag den Blick über das wunderschöne Tal frei. Jeden Besucher versetzte diese Aussicht in Erstaunen.

Jetzt, wo die Sonne schon vollständig untergegangen war, herrschte dort draußen Dunkelheit. Dazwischen funkelten die Lichter der Häuser unten im Dorf und die Laternen an der Hauptstraße. In der Ferne, in südlicher Richtung, dort wo auch der Bahnhof auszumachen war, konnte er seine mittlerweile vier Fabrikgebäude und das nagelneue Bürohaus erahnen, in dessen oberen Stockwerken ebenfalls noch Licht brannte.

Die Frau lag auf dem Sofa und weinte erbärmlich.

»Sei still! Ich kann nicht nachdenken.« Der Fabrikant zeigte Nerven. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal derart die Fassung verloren hatte. »Ruhe, mein Gott!«, herrschte er seine Frau an, die sich einfach nicht beruhigen wollte. Er ging zum Couchtisch und schob ihr, ganz gegen seine Gewohnheit, das Cognacglas hin. »Da, trink etwas. Nun mach schon!«

Voller Wut ballte er die Faust und schüttelte den Kopf, als ob er dadurch besser hätte denken können. Er fuhr sich mehrmals mit der Hand durch das nach wie vor dichte Haar. Sein Gesicht glühte. Er griff in die Hosentasche und zog sein Taschentuch heraus, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Doch bevor es dazu kam, klingelte erneut das Telefon.

Mit einem Stöhnen erhob sich seine Frau vom Sofa. Als er den Hörer ans Ohr führte, stand sie wieder dicht hinter ihm. Er roch ihren schlechten Atem und drehte sich ein wenig zur Seite.

»Ja? Wer spricht?« Seine Stimme klang viel zu leise, fast resignierend. Er merkte es selbst, konnte aber nichts dagegen tun.

Am anderen Ende der Leitung ein Räuspern. »Ich bin es. Auf diesen Moment musste ich so viele Jahre warten. So furchtbar lange. Verstehen Sie?«

Dem Fabrikant wurde noch heißer. Wie konnte das sein? Kaum drei Stunden hielten sie den Brief in Händen, da rief dieser Verbrecher auch schon an. Beobachtete er sie? War er irgendwo in der Nähe? Aber von wo sollte er anrufen? Die einzigen beiden Telefonzellen standen unten im Dorf.

In seinem Kopf drehte sich alles. Er suchte Halt an der Fensterbank.

»Was ist denn?«, rief seine Frau wieder. Er schob sie mit einer groben Handbewegung von sich.

»Ihr Sohn ist am 15. Oktober verschwunden. Und er ist jetzt zwanzig Jahre alt, nicht wahr?«

Der Fabrikant schluckte. Übelkeit stieg in ihm auf. »Dich mache ich fertig, du mieses Schwein! Ich weiß, wer du bist. Ich erkenne dich an der Stimme.« Die Übelkeit ließ nach. Endlich schien er sich wieder zu fangen.

Seine Frau starrte ihn verständnislos an. »Sag mir endlich, was los ist!«

Wieder wischte er das Geplärre rüde beiseite.

»Das Schwein sind eher Sie. Ich musste so viele Jahre warten, aber ich wollte es unbedingt erleben. Mitbekommen, wie Sie leiden. Damit ich ganz sicher sein kann, dass Sie wissen, wie sich das anfühlt.« Der Anrufer atmete tief durch. »Auge um Auge, Zahn um Zahn. Es ist vollbracht.«

»Was redest du denn da?«, schrie der Fabrikant in den Hörer. »Was hast du mit meinem Sohn gemacht?« Seine Stimme überschlug sich.

»Es ist vorbei«, gab der Mann seelenruhig zur Antwort. »Sie können zur Polizei gehen und mich anzeigen. Es ändert nichts mehr.«

Eine Weile lauschte der Fabrikant dem Anrufer wortlos. Dann verlor er die Beherrschung. »Was ist vorbei, du Dreckskerl?«, brüllte er.

Ein paar Sekunden Stille. Dann: »Ihr Sohn ist tot. Sie werden nie erfahren, was geschehen ist. Sie werden ihn auch nicht beerdigen können. Asche, verstehen Sie? Ich habe damals eine Urne mit Asche erhalten. Sie bekommen nicht einmal das. Zeigen Sie mich an. Bringen wir es zu Ende.«

Der Fabrikant hörte fassungslos zu. Als es erneut in der Leitung knackste, blickte er konsterniert den Hörer an.

»Nun sag endlich, was passiert ist!« Seine Frau ging mit Fäusten auf ihn los. Sie schlug ihm an die Brust, traf ihn im Gesicht.

Er warf den Telefonhörer auf die Gabel, packte die Frau und stieß sie aufs Sofa zurück. Eine Schwäche erfasste ihn. Er ging in die Knie. Wie paralysiert stierte er vor sich hin.

»Sag doch bitte, bitte etwas«, flehte seine Frau.

Er schüttelte ein wenig den Kopf. »Es ist vorbei«, murmelte er. »Vorbei.«

Ein heftiger Weinkrampf schüttelte die Frau. »Nein, bitte nicht! Sag, dass das nicht wahr ist. Bitte, bitte!« Sie flehte und flehte, doch er konnte nichts tun.

Der Fabrikant war am Ende. Der Anrufer … Das Datum … Kein Scherz … Kein Fünkchen Hoffnung … Seit Jahren hatte er nicht mehr an den Anrufer gedacht. Ein Fehler. Tödlich! Keine Chance mehr.

Es fiel ihm schwer, aber er musste aufstehen.

»Bitte, bitte«, hörte er zum wiederholten Mal seine Frau, die zusammengekauert auf dem Sofa saß.

»Moment. Warte. Ich bin gleich zurück.« Er sagte das so, als würde er nur kurz auf die Toilette gehen. Als würden sie gleich in Ruhe ein Gespräch fortsetzen. Seine Frau weinte leise vor sich hin.

Als er nach nicht einmal zwei Minuten das schöne, mit edlen antiken Möbeln ausgestattete Wohnzimmer wieder betrat, hörte sie ihn nicht kommen. Der teure Teppich schluckte seine Schritte. Als er abdrückte und die großkalibrige Kugel in ihren Hinterkopf drang, sah er sie noch vornüberfallen. Doch da schob er sich bereits die Pistole in den Mund und drückte ein zweites Mal ab.

Heimkehr

Die ausgiebigen Spaziergänge tun mir nach wie vor gut. Wie oft bin ich nun schon den Höhenweg im Dreiviertelrund um das Dorf gegangen, seit ich vor über einem Jahr mein Domizil wieder hier aufgeschlagen habe? »Höhenweg« ist ein wenig übertrieben, aber so nennen alle den schön angelegten Wanderweg, der in einigem Abstand oberhalb der letzten Häuser in weitem Bogen um das Dorf führt. Der höchste Punkt des Weges liegt bei etwas mehr als vierhundert Metern über Normalnull; am Rathaus, ziemlich genau in der Ortsmitte, ist ein Schild mit der Aufschrift »370 m ü. NN« angebracht. Keine große Differenz also, aber »Höhenweg« hört sich eben gut an.

Ich benötige etwa fünfzig Minuten für die Runde und dann noch mal fünfzehn Minuten bis zu meiner Wohnung. Manchmal verweile ich eine Zeit lang an einer Stelle, die eine besonders schöne Sicht in das weite Tal eröffnet, oder ich komme mit einem anderen Spaziergänger ins Gespräch. Dann kann die Tour schon mal eine halbe oder gar ganze Stunde länger dauern. Am liebsten gehe ich aber allein und hänge meinen Gedanken nach.

Ich liebe dieses Dorf, habe es nie richtig aus dem Sinn bekommen. Hier bin ich aufgewachsen, hier habe ich eine schöne Kindheit und Jugend verbracht. Als ich mit achtzehn Jahren zur Bundeswehr musste, sehr weit weg, in den Norden Deutschlands, spürte ich Heimweh; an manchen Tagen in der Kaserne in Schleswig-Holstein plagte es mich über alle Maßen. Hin und wieder bin ich dort am Wochenende mit meinen Kameraden nach Hamburg gefahren, obwohl ich der Großstadt nichts abgewinnen konnte. Nur ein Besuch in der »Honka-Stube« auf St. Pauli weckte damals mein Interesse. Ein Mann namens Fritz Honka hatte mehrere Prostituierte auf grausame Art umgebracht und zerstückelt. Im Sommer 1975 wurden die Leichenteile entdeckt, der Mörder war rasch überführt. Seine Stammkneipe »Zum Goldenen Handschuh« wurde im Volksmund fortan nur noch »Honka-Stube« genannt.

Ich glaube, in dieser Zeit begann ich mich für den Polizeiberuf zu erwärmen, doch ansonsten wäre ich lieber heute als morgen wieder in meinem schwäbischen Dorf gewesen. Für ein freies Wochenende lohnte der weite Weg nach Hause nicht. Nach Dienstende am Freitagnachmittag war ich ewig lange mit der Bahn unterwegs, kam mit dem letzten Zug kurz nach Mitternacht in der Kreisstadt an. Irgendjemand musste mich dort abholen und die letzten zehn Kilometer ins Dorf bringen. Oder ich musste mir ein Taxi nehmen, was unverschämt teuer war. Sonntags galt es dann bereits um zehn Uhr morgens wieder aufzubrechen, nach gerade mal einem Tag zu Hause! Und wenn ich Sonntagnacht wieder in meinem Bett in der Kaserne lag, war das Heimweh schlimmer denn je.

Nach der Wehrdienstzeit bin ich dennoch nur kurz in mein Dorf zurückgekehrt. Ich entschied mich endgültig für den Polizeidienst und landete zur Ausbildung zunächst bei der Bereitschaftspolizei in Göppingen – immerhin auch noch ein wenig Heimat, knapp siebzig Kilometer von meinem Dorf entfernt. Die Ausbildungszeit war nicht von Pappe, aber Heimweh hatte ich kaum. Ich fühlte mich gut, zweifelte keinen Tag an meiner Berufswahl. Nach der Ausbildung kam ich im ganzen Land herum, wurde immer wieder versetzt, besuchte Lehrgänge, auch außerhalb Baden-Württembergs. Meine Arbeit erledigte ich offenbar erfolgreich. Ich stieg auf und übernahm eines Tages meine erste leitende Position bei der Kriminalpolizei in Tübingen. Als ich einen Monat nach meinem zweiundvierzigsten Geburtstag vom Präsidenten der Landespolizeidirektion zum Gespräch eingeladen wurde, war mir etwas mulmig zumute. Doch keine vier Wochen später saß ich an einem Schreibtisch auf dem Stuttgarter Pragsattel, und nach einem Jahr wurde ich zum Kriminaldirektor befördert.

Ich habe nie geheiratet, bin kinderlos geblieben. Der Beruf war über Jahrzehnte mein Ein und Alles. Erst in der Nacht nach der ausgiebigen Feier zu meinem fünfundfünfzigsten Geburtstag kamen Gedanken anderer Art auf: Wie sollte es weitergehen? Was fehlte eigentlich? Sollte ich nicht noch dies oder jenes … Irgendwie änderte sich mein Wertesystem, anfangs unmerklich. Als bald darauf eine neue Landesregierung gewählt und eine umfassende Polizeireform in Angriff genommen wurde, wusste ich von Anfang an, dass meine Zeit bei der Polizei zu Ende ging. Mit gerade einmal neunundfünfzig Jahren nutzte ich die Möglichkeit, vorzeitig in Ruhestand zu gehen. Dass meine Beamtenpension wegen des frühen Ausscheidens um ein paar Prozent gekürzt wurde, störte mich nicht. Ich muss für niemanden sorgen, keinem Kind das Studium finanzieren, keine Raten für einen Baukredit zurückzahlen. Bis auf meine schöne Eigentumswohnung und zwei, drei Wochen Urlaub im Jahr leiste ich mir nichts, was mich überfordern würde. Mein 3er BMW ist schon neun Jahre alt. Bei jedem Besuch in der Werkstatt versucht mein Händler vergeblich, mich vom Kauf eines neuen Modells zu überzeugen. Ich muss schmunzeln, als ich jetzt daran denke. Mit einem Kunden wie mir kann man keine Geschäfte machen.

Das Frühlingswetter heute – ein wahrer Genuss! Es ist der erste Mai, und ich stehe an meiner Lieblingsstelle des Höhenwegs. Die Lücken zwischen den Baumgruppen vor mir geben den Blick auf das Dorf frei, das so friedlich daliegt an diesem frühen Sonntagmorgen: das Rathaus, die Kirche und im Süden der ehemalige Bahnhof, der, hervorragend saniert, seit einigen Jahren als Kulturzentrum dient. Die Einwohnerzahl hat sich seit meiner Kindheit mehr als verdoppelt. Die Neubaugebiete, die Ende der Sechziger- und dann wieder in den Achtzigerjahren erschlossen wurden, kann man von hier oben ohne Mühe vom alten Dorfkern unterscheiden, der längst ebenfalls saniert und gefällig hergerichtet wurde. Dort, in den alten Häusern, die seit Jahrzehnten an ihrem Platz stehen, hat sich alles abgespielt.

Heute noch kann ich mich als Vier- oder Fünfjährigen sehen, Anfang der Sechzigerjahre, als die Straßen im Dorf noch nicht geteert waren und mit Schlaglöchern übersät. Noch deutlicher sind die Bilder, die sich mir wenige Jahre darauf eingeprägt haben, als große Bagger anrückten und die Hauptstraße aufrissen, um den Ort zu kanalisieren. Stundenlang konnten wir Kinder fasziniert zusehen, wie die tiefen Gräben ausgehoben wurden, in die später riesige Betonröhren hineinkamen. Es dauerte einige Jahre, dann waren alle Häuser angeschlossen. Bis dahin kam in regelmäßigen Abständen ein Tankwagen,

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