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Smith: Mein Leben bis zur Tragödie der Titanic

Smith: Mein Leben bis zur Tragödie der Titanic

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Smith: Mein Leben bis zur Tragödie der Titanic

Länge:
645 Seiten
8 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Dec 14, 2016
ISBN:
9783743122352
Format:
Buch

Beschreibung

Schon als Junge träumt er davon, Kapitän zu werden.
Exotische Länder, fremde Menschen und abenteuerliche Tage auf hoher See erwarten den jungen, ehrgeizigen Seemann auf seinen ersten Reisen auf eindrucksvollen Segelschiffen.
Das Meer wird zu seiner Heimat und obwohl er weder Sturm noch starken Seegang fürchtet, respektiert er die Naturgewalten.
Man nennt ihn bald den Sturmkönig und Kapitän der Millionäre.
Auf den Überfahrten lernt er Schriftsteller, Schauspieler und andere bedeutende zeitgenössische Persönlichkeiten kennen.
Nur die Liebe zu seiner Familie ist größer als die zu den Meeren.
Er erlebt den gewaltigen Fortschritt im Schiffbau. Bei der White Star Line kommandiert er dann einige der größten Schiffe aller Zeiten.
Was in jungen Jahren als Abenteuer beginnt, endet auf dramatische Weise in einer Tragödie auf einem gigantischen Stahlriesen, dem seinerzeit größten Passagierdampfer der Welt: der Titanic.
Edward John Smith
Ein großer Mann
Eine große Geschichte
Herausgeber:
Freigegeben:
Dec 14, 2016
ISBN:
9783743122352
Format:
Buch

Über den Autor

Wolfgang Brunner wurde am 13. Dezember 1964 im bayrischen Freising geboren und verbrachte Kindheit und Jugend in München. 2001 zog er für 10 Jahre nach Berlin und lebt heute mit seiner Familie in Hamminkeln am Niederrhein. Schon in früher Kindheit beschäftigte sich Brunner mit Literatur und Sprache. Das Aufeinandertreffen mit dem bekannten Schriftsteller Michael Ende, dem Erschaffer der Unendlichen Geschichte, kann ohne weiteres als Auslöser für Brunners Entschluss, selbst Autor zu werden, gewertet werden. Wolfgang Brunner unterwirft sich, wie auch einst sein literarisches Vorbild, keinem festen Genre und schreibt daher Geschichten in verschiedenen Richtungen. Brunner ist Mitglied im FDA - Freier Deutscher Autorenverband (Schutzverband Deutscher Schriftsteller Landesverband Nordrhein-Westfalen e.V.) Zusammen mit anderen Schriftstellern ist er als Freelancer in der von Ralf Isau gegründeten Agentur für Texterstellung "Phantagon" tätig. Mehr Infos über Autor und Werke unter www.wolfgangbrunner.de


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„Ich eigne mich nicht wirklich

für eine spannende Geschichte."

Edward John Smith

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Im April 1888 übernahm ich das Kommando

Das Jahr 1891 war bereits zu einem Drittel

Alleine das Wissen, wieder ein paar Tage zu-

Die Jagd nach dem Blauen Band ging wei-

Im März 1901 war Mel fast drei Jahre alt.

Etwa Mitte des Jahres 1902 vernahm ich

Ein paar Monate, bevor die „Baltic" das er-

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Vanitas

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1910

Im letzten Jahr hatte ich leider nicht die Ge-

Im August 1911 hatte ich erwähnenswerte

Am Abend des 02. April, unmittelbar nach

Die Nacht vom neunten auf den zehnten

Der St.-George-Kanal ist eine Meerenge

Seit es auf Schiffen solch Annehmlichkeiten

Es ist sehr wohltuend, wenn man sich zu Be-

In der folgenden Nacht träumte ich seit lan

Durch einen leichten Ruck wurde ich aus

Mors certa, hora incerta – Der Tod ist gewiss, doch ungewiss seine Stunde

Nachwort

1. Buch

Matrose und Steuermann

Wenn ich den Erzählungen meiner Mutter

Glauben schenken darf, fegte an jenem Morgen, an dem ich ihren Schoß verließ, ein eisiger Wind über Hanley, der die aufsteigenden Schwaden der flaschenförmigen, immer auf Hochtouren arbeitenden Brennöfen der Töpfereien und Porzellanmanufakturen durcheinanderwirbelte. Es roch nach Qualm und die rauchigen Ausstöße der Fabrikschlote vermischten sich mit dem typisch englischen Nebel, der oft über den ländlichen Gegenden Englands lag.

Ein Tag wie jeder andere. Aber es war mein Tag.

Es war der 27. Januar des Jahres 1850, als ich das Licht der Welt erblickte und meine Reise ins Leben begann.

Mein Geburtsort war zum damaligen Zeitpunkt die bevölkerungsreichste Stadt in North Staffordshire. Mein Vater sagte später immer, das habe wohl daran gelegen, dass jemand, der damals Arbeit suchte, in Hanley auf jeden Fall eine fand. Unsere Stadt zählte nämlich zu den wichtigsten Handelszentren für Keramik. Hanley war eine von sechs Städten, die von den Einheimischen einfach nur „Potteries", also Töpfereien, bezeichnet wurde. Neben Hanley gehörten noch Burslem, Longton, Stoke, Tunstall und Fenton dazu.

Doch keine dieser Städte konnte der unseren das Wasser reichen und deswegen waren meine Eltern immer stolz darauf, in der bedeutendsten Stadt der Potteries zu leben.

Soweit ich weiß, lag meine Geburtsstunde in den frühen Morgenstunden, zumindest hat mir Joseph das einmal erzählt. Allerdings hat Joseph mir immer viel erzählt, wenn der Tag lang war und er von einer seiner Reisen zurückkam. Damals habe ich ihm so ziemlich jede Geschichte geglaubt, die zwischen seinen Lippen hervor sprudelte, aber später erkannte ich, dass er einfach gern und vor allem viel redete. Joseph ist übrigens mein geliebter Halbbruder. Er ist der erste Mensch, außer meinen Eltern natürlich, an den ich mich genauestens erinnern kann, wenn ich an meine Kind - heit zurückdenke.

Ich höre sein Lachen und den Klang seiner Stimme, wenn ich die Augen schließe und mich konzentriere. Wie oft hat er mir erzählt, das Schiff, auf dem er gerade angeheuert war, sei von gefährlichen Piraten angegriffen worden? Unzählige Male entwarf er Szenarien, die mir eine Gänsehaut verursachten, als ich ihnen gebannt lauschte.

Großer Bruder! Wie sehr ich ihn wegen seiner Reisen auf See beneidete. Es gab Tage, da dachte ich an nichts anderes, als an seine spannenden Geschichten und träumte, eines Tages so zu werden wie er. In meinen Tagträumen malte ich mir die Formen von exotischen Früchten aus, von denen Joseph manchmal erzählte. Ich sah mich an langen Tafeln sitzen, an denen fremde Speisen serviert wurden und die nach unbekannten Gewürzen rochen. Doch außer solchen Illusionen sah ich mich in Gedanken oft an der Reling eines erhabenen Windjammers stehen und über die unendliche Weite des Meeres starren.

Keine Schornsteine und kein Qualm, der den Himmel verdeckte wie hier in den Potteries. Einfach nur strahlend blauer Himmel und die Sonne, die eine sengende Hitze auf mich herab schickte. Mit jeder neuen Geschichte aus dem Mund meines Halbbruders verstärkte sich diese Sehnsucht nach Abenteuern in fernen Ländern und die mir behaglich erscheinende Einsamkeit des Meeres. Fernab vom Festland sah ich mich dann auf einem großen, imposanten Segelschiff stehen und in die untergehende Sonne blicken.

Meine Mutter Catherine liebte Joseph in der gleichen Intensität wie meine Halbschwester Thirza und mich. Sie widmete sich jedem von uns äußerst liebevoll und gab uns zu jeder Zeit das Gefühl absoluter Geborgenheit. Sie war eine einfache Frau, die sich in erster Linie um ihren Ehemann und ihre Kinder kümmerte. Als der Vater von Joseph und Thirza starb, zog meine Mutter von Tunstall nach Hanley, wo sie etwa ein Jahr später Edward Smith, meinen Vater, kennen und lieben lernte. Ich glaube, als die Mutter meines Vaters starb, war Catherine diejenige, die ihm am meisten Trost in dieser schweren Zeit gab. Wahrscheinlich war dieses intensive Miteinander auch der Grund, warum sie nur zwei Monate später heirateten. Es sei eine Liebesheirat gewesen, bekräftigte meine Mutter immer wieder, wenn sie über Vater sprach. Ich traute mich nie, nach ihrem ersten Ehemann, den Vater von Jo - seph und Thirza, zu fragen. So erfuhr ich erst durch Josephs Erzählungen, wie dieser war. Manchmal schien er ein wenig launisch gewesen zu sein und in sich gekehrt. Aber die meiste Zeit war er ein guter Ehemann, der sich um seine Familie fürsorglich kümmerte, indem er dienstbeflissen seinem Beruf als Töpfer nachging. Mehr wurde über den verstorbenen ersten Ehemann meiner Mutter nie gesprochen.

Meine Erinnerungen an die ersten Jahre meines Lebens sind, wie bei jedem Menschen, nahezu ausgelöscht. Nur vereinzelte Bilder flackern durch mein Gedächtnis, wenn ich an meine frühe Kindheit zurückdenke. Das Häuschen, in dem wir wohnten, lag in der Well Street, jenseits des Hügels, hinter dem noch unberührte Felder lagen. Erst später, als ich zehn oder elf Jahre alt war, wur - den sie von ihren Besitzern, fleißigen Farmern, bestellt.

Ich sehe noch die im gleißenden Sonnenlicht stumpf wirkenden, vom Qualm der Porzellanfabriken grauen Steine, aus denen unser Haus bestand. An manchen Stellen hatten sich die Steine sogar schon fast schwarz verfärbt. Im viktorianischen Stil erbaut, erinnerte es mich als Junge immer an ein kleines Schloss. Verspielte Verzierungen an den Fensterrahmen und am Dachrand ließen mich oft daran glauben, ich befände mich in einem Märchen.

Aber, wie so oft im Leben, übersieht man irgendwann die Schönheit der Dinge, wenn sie einen immerzu umgibt. Ich gewöhnte mich also irgendwann an den Charme dieses Hauses und nahm es als selbstverständlich hin, so ein wunderschönes Zuhause zu haben. Zu jener Zeit umfasste das Gebäude nicht nur unser Wohnhaus, sondern auch ein Geschäft und einen Hof. Die gute Stube an der Front unseres Anwesens wurde einfach zu einem Le - bensmittelladen umgebaut, den meine Mutter betrieb. Sie verkaufte dort Mehl, Käse und andere Lebensmittel. Und Haushaltswaren. Es war ein einfaches Geschäft, im Gegensatz zu einem La - den, der mitten im Zentrum von Hanley lag und ausgefallene Lebensmittel wie Gewürze und Tee aus der ganzen Welt anbot. Mutter jammerte oft, dass dieser Konkurrent sie mit seinen seltenen Waren ausstechen würde und ihr das Geschäftsleben schwer machte.

Als ich zwölf war, wollte ich wissen, warum ich die Namen Edward John trug. Zum damaligen Zeitpunkt nannten mich alle aus der Familie schon Ted oder Teddy.

„Den Namen Edward bekamst du zu Ehren deines Vaters, mein Junge. Und John war der Name meines ersten Mannes. Und es wäre der Name meines zweiten Sohnes gewesen, den ich leider vor fünfzehn Jahren verlor", gab sie zur Antwort.

„Verloren?, fragte ich erschrocken nach. „Ich habe also noch einen Halbbruder? Was ist passiert?

„Er wurde tot geboren", antwortete meine Mutter knapp und sah zur Seite, damit ich ihre Tränen nicht sehen konnte. Ich habe aber damals gesehen, dass sie weinte und fragte nicht weiter nach.

*

Kurz bevor ich in die Schule kam, nahm mich Joseph eines Tages mit nach Etruria, wo wir den Zügen nachsahen, wenn sie den kleinen Bahnhof verließen.

Ich kann mich noch daran erinnern, wie Mutter mich davon abzuhalten versuchte, Joseph zu begleiten.

„Teddy, lass deinen Bruder doch alleine nach Etruria gehen. Du bist erst sechs und er ist schon fast zweiundzwanzig Jahre alt und möchte bestimmt auch einmal ..."

„Mama, unterbrach mein Halbbruder ihren Redefluss und lächelte sie mit glänzenden Augen an. „Ich weiß, was du denkst. Aber solange ich nicht Kapitän eines Schiffes bin und meine Ehe - frau ernähren kann, habe ich kein Interesse an Mädchen. Ich bin so viel auf den Meeren unterwegs und müsste eine Freundin immer wieder für längere Zeit alleine zurücklassen. Viele Reedereien erlauben es einem Kapitän nicht einmal, seine Ehefrau auf das Schiff mitzunehmen. Kein Mädchen würde so ein Leben akzeptieren. Also, lass Teddy ruhig mit mir mitkommen. Wir werden Spaß haben.

Meine Mutter warf einen zweifelnden Blick auf Joseph und danach auf mich. „Also gut. Passt auf euch auf", sagte sie dann nur und begab sich wieder in die Küche, wo sie das Abendessen vorbereitete.

Während wir die dicken, schwarzen Rauchwolken eines aus Stoke ankommenden Zuges beobachteten, erzählte Joseph wieder einmal von Piratenangriffen und seiner Arbeit als Maat.

„Teddy, es gibt nichts Schöneres, als auf Deck eines Schiffes zu stehen und durch die Takelage in den blauen, wolkenlosen Himmel zu sehen. Das ist ein unglaubliches Gefühl. Und wenn du dann noch spürst, wie sich das Schiff unter deinen Füßen über das Wasser bewegt und ..."

„Aber die Piraten, unterbrach ich ihn. „Was ist mit den grimmigen Piraten, die euch auf jeder Fahrt angreifen?

Joseph lächelte mich an und betrachtete eine Weile die ein- und aussteigenden Reisenden. Sein Blick schweifte über den Bahnsteig und blieb dann auf meinem erwartungsvollen Gesicht hängen. „Weißt du, begann er zu erzählen. „Mittlerweile sind wir sehr geübt darin, ihre Angriffe abzuwehren. Sie versuchen es immer wieder, da hast du schon recht, lieber Bruder. Aber wir sind stärker und vor allem schlauer. Wenn wir sie anschreien, springen sie ins Wasser und schwimmen eingeschüchtert auf ihr Piratenschiff zurück.

„So einfach ist das? Ich zweifelte am Wahrheitsgehalt seiner Worte. „Ich dachte immer, dass du in Lebensgefahr bist, wenn ...

„So schlimm ist es nur selten, unterbrach er mich erneut. „Meistens sind diese Angriffe einfach nur spannend. Du wirst es eines Tages selbst erleben, lachte er und in diesen Momenten träumte ich mehr denn je davon, in seine Fußstapfen zu treten und ebenfalls mit einem Schiff auf dem Meer unterwegs zu sein.

„Aber du darfst auch nie vergessen, dass der Beruf des Seemanns ein hartes Geschäft ist, zerstörte er wenige Minuten später meine Illusionen. „Wenn es stürmt, wirst du nass bis auf die Haut. Die See kann rau sein und dann ist es kein Zuckerschlecken mehr.

Ich dachte über seine Worte nur kurz nach, entschloss mich dann aber sofort wieder, einfach nur an die guten Seiten dieses Berufs zu denken.

Später an diesem Tag besuchten wir auch die Werften am Grand Trunk Kanal, wo wir den Kähnen nachblickten wie vorher den Zügen.

„Ich werde bald wieder weg sein", murmelte Joseph nach einer Weile und sah mich mit traurigen Augen an. „Ich bin Zweiter Offizier auf der Hymen. Wir bringen 600 Tonnen Kohle nach Italien, erklärte er. „Das wird spannend. Aber du wirst mir fehlen, Teddy.

Ich gab zu, dass es mir genauso ergehen und ich ihn ebenfalls sehr vermissen würde.

„Aber ich habe dir doch einen Seemann aus Holz von der letzten Reise mitgebracht, erinnerte er mich an sein Geschenk. „Stell dir einfach vor, ich bin dieser Holzmann, schlug er vor und in meiner kindlichen Naivität barg diese Vorstellung einen Reiz, der mir den Abschied tatsächlich erleichterte, als der Tag von Josephs Abreise kam.

Es war der letzte Nachmittag, den Joseph bei uns verbrachte und er versuchte mit allen Mitteln, mich von dem drohenden Abschied am kommenden Morgen abzulenken. Das gelang ihm auch, in dem er anfangs ein wenig mit mir herumtollte und danach so tat, als würde er mich auf einem Schiff anheuern.

„Offizier Edward John Smith?", fragte er mich mit strengem Gesicht. „Sind Sie wirklich bereit, auf meinem Schiff, der Vulcan anzuheuern?"

„Ich bin kein Offizier, gab ich zur Antwort und versuchte ein Grinsen zu verbergen. „Ich bin Kapitän, verkündete ich voller Stolz, völlig in die Illusion meines Halbbruders eingetaucht.

„Oh, verzeihen Sie vielmals, Kapitän Smith", ging Joseph auf mein Spiel ein. „Dann ist das natürlich etwas ganz anderes. Möchten Sie dann vielleicht das Kommando über die Vulcan übernehmen?"

Jetzt konnte ich mein Grinsen nicht länger verkneifen. „Ja", antwortete ich knapp und beobachtete, wie Joseph eine Verbeugung machte, bevor er mich einlud, das Schiff zu betreten. Wir wollten bei unserem Spiel das breite Sofa dazu benutzen, die Vulcan darzustellen.

„Dann bitte ich Sie, an Bord zu kommen, Sir. Ich meine natürlich, Kapitän", schmunzelte er und wollte mir helfen, auf die Couch zu klettern.

„Nichts da", ertönte da die Stimme meiner Mutter, die unter der Küchentür stand und uns streng ansah. „Ihr werdet nicht auf unseren teuren Möbeln spielen. Ab in die Waschküche. Dort steht die Vulcan in Form eines Waschzubers für euch bereit."

„Dann wollen wir dort in See stechen", brüllte Joseph und ließ sich durch den missbilligenden Blick meiner Mutter nicht den Spaß verderben.

„Ich bin bereit", schrie ich euphorisch zurück und wir rannten schreiend in Richtung Waschküche. Und so heuerten wir im Waschbottich an und segelten gemeinsam auf den harten Planken der Vulcan durch die gischtende See unserer Waschküche.

In jener Nacht träumte ich von diesem Nachmittag und unser Spiel wiederholte sich in meinem Traum in einer fantastischen Kulisse, die ich bis kurz nach dem Aufwachen für Realität hielt. Erst nach einer Weile wurde mir am Morgen bewusst, dass der Tag angebrochen war, an dem Joseph mich verlassen würde. Meine Stimmung war gedrückt, als wir am Frühstückstisch saßen und gemeinsam aßen. Joseph versuchte natürlich, die Situation mit Witzen und Geschichten aus seiner Vergangenheit zu überspielen, aber es gelang ihm nicht. Weder bei mir noch bei seiner Mutter und seinem Stiefvater.

„Sag mir jeden Abend vor dem Schlafengehen, was du gemacht hast, sagte er zu mir, als er unser Haus in der Well Street verließ. „Erzähl es dem hölzernen Seemann und ich verspreche dir, dass ich jedes einzelne Wort von dir auf hoher See hören werde. Er zwinkerte mir aufmunternd zu und legte eine Hand auf meine Schulter. „Und wenn ich zurück komme, bist du schon wieder ein Stück größer. Dann bist du fast schon erwachsen."

Ich lächelte, weil mich seine Worte glücklich machten, verspürte aber gleichzeitig einen fürchterlichen Trennungsschmerz in mir, der mir Tränen in die Augen trieb.

*

Ich war fünfeinhalb, als ich in die Methodist British School im Nachbarort Etruria kam. Meine Eltern waren überzeugte Methodisten und lebten nach der Theologie des John Wesley und seines Bruders Charles. Damals verstand ich nicht viel von dieser Religion.

Nur so viel: Es ist nicht nur wichtig für unsere Erlösung, was Gott durch Christus für uns getan hat, sondern auch, was er tief in uns drin für uns tut. Ich nahm dieses Dogma einfach hin und war gedanklich meist auf hoher See bei meinem Halbbruder. Während die Lehrer uns also von religiösen Dingen und historischen Ereignissen erzählten und uns hartnäckig Lesen, Schreiben und Rechnen beibrachten, steuerte ich in meinen Gedanken Segelschiffe über die Weltmeere.

Die Methodist British School war eine sogenannte „Überwachungs-Schule. Sie wurde so genannt, weil wir aus Mangel an Lehrern von bezeichnenderweise „Überwachern genannten Vertretungslehrern unterrichtet wurden, die teilweise selbst nicht verstanden, was sie uns lehren sollten. Durch das Lehrerdefizit in Etruria stellte die Schule einfach Menschen ein, die einen gewissen Level an Allgemeinwissen hatten und denen vom Klassenlehrer Aufgaben in die Hand gedrückt wurden, die wir unter ihrer Aufsicht lösen mussten. Durch diese Methode musste zwar das Schulgeld für die Schüler nicht erhöht werden, aber die Vermittlung von Wissen litt sehr darunter.

Ich kann mich noch an den ersten Schultag erinnern, als wäre es gestern. Ich wurde einfach zusammen mit älteren Kindern aus der Stadt, die ich überhaupt nicht kannte, zur Schule geschickt. Es waren zwar nur etwa drei Kilometer Fußweg, die wir gehen mussten, aber mit sechs Jahren hatte ich Angst, mich zu verlaufen. Außerdem war es das erste Mal, dass ich ohne meine Eltern unterwegs war, von den Ausflügen mit Joseph einmal abgesehen, und ich absolut nicht wusste, was mich erwartete. Erst als ich dann einige Tage später William Jones, Vincent Simpson und Johnny Leonhard näher kennenlernte, die alle in meine Klasse gingen, durften wir den Schulweg in einer eigenen Gruppe selbständig gehen. Wir waren meistens ein gutes Dutzend Jungs, das dann die Mill Street entlang zur Etruria Road rannte, die direkt zum Schulgebäude führte. Anfangs säumten riesige Kornfelder die Straße, bis wir an eine Mautstelle kamen, wo ein riesiger uralter Baum stand. Diese Stelle wurde Etrurian Grove genannt. Danach mussten wir nur noch eine, von eng aneinander gebauten Häusern gesäumte, Straße entlanglaufen, um dann hinter der Etrurian Kapelle auf unsere Schule zu stoßen. Die Methodist British School war eine gemischte Schule. Wir hatten Klassen, in denen nur Jungs waren und welche, in denen sich nur Mädchen befanden. Nur ein paar wenige Klassen mussten gemischt werden.

Schulbeginn war für alle Klassen immer um neun Uhr morgens. Bevor die echten Schulstunden begannen wurde gebetet. Danach instruierte der Klassenlehrer die ahnungslosen Aufpasser, mit welchen Aufgaben sie uns beschäftigen sollten.

Es wurden Zettel verteilt, auf denen unsere Wortübungen standen, oder jemand hielt eine Tafel hoch, von der wir die Wörter und Sätze auf unsere Schiefertafeln übertragen mussten. Nach einer gewissen Zeit forderte der Aufpasser uns auf, die Hände von unseren Tafeln zu nehmen. Nachdem unsere Arbeit auf Fehler kontrolliert wurde, mussten wir die Tafeln wieder säubern, um erneut eine Lektion zu erhalten. Wir lernten lesen, schreiben und buchstabieren. Etwas später mussten wir auch laut von der Tafel ablesen, zum Beispiel das Alphabet immer wieder aufsagen oder bis 100 zählen.

Unser Schulleiter Alfred Smith erzählte uns immer wieder von dem Untergang der Birkenhead. Es handelte sich dabei um einen Truppentransporter der Royal Navy, der vierundsechzig Meter lang war und ein Gewicht von etwas mehr als 1.400 Tonnen hatte. Diese Zahlen beeindruckten mich außerordentlich und ich lauschte gebannt, als Smith von dem Schiffsunglück erzählte, das in der Nacht des 26. Februar 1852 in südafrikanischen Gewässern geschah. Die Birkenhead lief in jener Nacht auf einen, auf keiner Seekarte eingezeichneten, Felsen auf und wurde dadurch so schwer beschädigt, dass innerhalb kurzer Zeit die unteren Decks überflutet wurden.

Hunderte von Soldaten wurden im Schlaf überrascht und ertranken, während die übrigen Männer versuchten, kühlen Kopf zu bewahren. Smiths Schilderung der Geschehnisse war sehr bildhaft und bereits nachdem er uns das zweite Mal von diesem Schiffsunglück erzählte, sah ich die wiehernden Pferde, die ins Wasser getrieben wurden, damit sie das rettende Festland erreichen konnten, vor mir. Ich folgte in meiner Vorstellung ihrem verzweifelten Überlebenskampf, der damit endete, dass sie von Haien angegriffen wurden und den Tod fanden. Es waren auch Frauen und Kinder an Bord und Smith erzählte uns, dass die Birkenhead-Katastrophe trotz der vielen Todesopfer etwas Gutes hätte: Alle Frauen und Kinder, die sich an Bord befunden hatten, überlebten. Alexander Seton, ein Offizier, gab nämlich in jener Unglücksnacht das Kommando „Frauen und Kinder zuerst" aus, das schon wenig später als „Birkenhead-Regel" bezeichnet wurde und in Zukunft Frauen und Kinder das Recht verschaffte, als erste bei einem Unglück gerettet zu werden.

Ich war derart fasziniert von dieser Katastrophe, dass ich darin schon bald nicht mehr die Gefahren der Seefahrt, sondern den Edelmut eines Mannes sah, der sich darum sorgte, Menschenleben zu retten. Ich stellte mir vor, eines Tages solch ein guter Kapitän, ein Mann aus Eisen, zu sein. Fast alle Schülerinnen und Schüler waren von der spannenden Geschichte fasziniert. Aber ich war wahrscheinlich einer der wenigen, die sich auf die unzähligen Wiederholungen von Schulleiter Smith so richtig freuten, wenn er wieder von der Nacht erzählte, als die Birkenhead sank.

Das Schicksal der Birkenhead schmälerte also keinesfalls meine Begeisterung für die Seefahrt, sondern bewirkte das Gegenteil. Außerdem unternahmen wir zu jener Zeit Schulausflüge auf sogenannten Bargen, schwimmenden Transportbehältern ohne eigenen Antrieb und großer Besatzung. Mit ihnen wurde Grubenholz, einheimische Kohle aber auch Porzellanerde befördert und, wenngleich wir uns lediglich auf einem Kanal befanden, so konnte ich doch Seeluft schnuppern. Ich war auf dem Wasser und fühlte mich frei. Und ich war meinem Traum, Seemann wie Joseph zu sein, näher als jemals zuvor.

Wir sangen bei diesen Ausflügen kirchliche Lieder, wenn wir uns auf dem Kanal Richtung Barlaston bewegten, und weil ich die Texte auswendig mitsang, waren meine Gedanken woanders. In meiner Vorstellung hatte auf einem großen Segler angeheuert und befand mich, wie mein Halbbruder, auf hoher See und nicht auf einem unbedeutenden Kanal.

Aber zurück zum Schulalltag: Es gab eine Mittagspause von zwei Stunden, in der wir nach Hause gehen durften. Gegen Ende dieser Pausen, wenn wir uns schon wieder auf dem Schulgelände befanden, kam es oft zu Keilereien zwischen den Jungs. Oft war ich in solche Streitereien verwickelt und ich war zugegebenermaßen nicht immer unschuldig, sondern habe auch hin und wieder eine solche Auseinandersetzung provoziert.

William, Vincent und Johnny, mit denen ich mich immer gemeinsam auf den Schulweg machte, waren oft bei diesen Keilereien da - bei. Aber letztendlich war es Joe Turner, durch den ich am meisten Ärger mit den Lehrkräften bekam. Auch wenn wir immer so taten, als wäre alles nur Spaß, so waren unsere Kämpfe mit „Schwertern" aus dicken Ästen im Grunde genommen ernsthafte Rivalitäten. Umso verwunderlich war es, dass Joe später einer meiner besten Freunde wurde. Aber erst, nachdem ich ihn windelweich geschlagen hatte, als er mir einmal mit einem Stock so fest in den Nacken schlug, dass ich fast das Bewusstsein verloren hätte. Ich wurde daraufhin so wütend, dass ich mich selbst vergaß und so vehement auf Joe einprügelte, bis ich von meinen Freunden weggezogen und beruhigt wurde. Seit diesem Vorfall war die dicke Luft, die zwischen Joe und mir immer geherrscht hatte, plötzlich wie weggeblasen und wir wurden zu dicken Freunden.

Wahrscheinlich hatte ich mir durch meine Attacke gehörigen Respekt verschafft.

Oft frage ich mich, wie wir es schafften, unsere knapp bemessene Freizeit derart intensiv zu verbringen.

Obwohl die Schule, bis auf wenige Ausnahmen, immer erst gegen halb fünf nachmittags zu Ende war, sind mir die wenigen Stunden mit meinen Freunden, in denen wir spielten, besser in Erinnerung als die Schulzeit. Das lag wohl daran, dass wir es mit unserer unkomplizierten Sichtweise der Dinge zu Wege brachten, die kurze Zeit in unseren Gedanken so zu erweitern, als wäre sie der längere Teil eines Tages. Schule machte manchmal Spaß und manchmal nicht. Ich gehörte zu den eher mittelmäßigen Schülern, hatte aber bereits von Anfang an ganz klare Vorstellungen von meiner Zukunft. Wenngleich dieses Ziel ursprünglich nur auf Fantasievorstellungen basierte, die durch meinen Halbbruder ausgelöst worden waren, so nahm mein Verlangen, den Großteil meines beruflichen Lebens auf einem Schiff zu verbringen, schon in der zweiten Klasse konkretere Ausmaße an. Ich begann mich außerhalb von Josephs Erzählungen immer mehr für Schiffe zu interessieren und steckte mit meiner Vorliebe sogar Joe an.

Ich weiß nicht mehr, wie oft wir in unserer Vorstellung auf gigantischen Schiffen stürmische Meere bezwangen und uns gegenseitig Befehle zuschrien, um eine Katastrophe zu verhindern. Wahrscheinlich waren es genau diese Erlebnisse, die mich an meinem Plan, Seemann zu werden, konsequent festhalten ließen.

Joes Freundschaft half mir über die Trennung von Joseph hinweg und mit jedem Tag ertrug ich seine Abwesenheit leichter, wenngleich ich in Gedanken immer bei ihm war und dem hölzernen Seemann all meine Abenteuer erzählte, bevor ich einschlief.

Jeder Tag glich dem anderen: Schule, Träume von Schiffen und dem Meer, in Gedanken bei Joseph sein und schlafen. Und am nächsten Tag ging alles wieder von vorne los.

*

Das Bild, wenn mein Vater in der Küche saß und ein Buch las, hat sich schon früh in mein Gedächtnis eingebrannt und wurde zu einem festen Bestandteil aller Erinnerungen an meine Kindheit.

Ebenso wie Josephs Rückkehr im Juni 1856, die meinen Entschluss, selbst Seefahrer zu werden, plötzlich in Frage stellte. Die Hymen war nämlich von Piraten angegriffen worden. Das wäre an sich nichts Erschütterndes für mich gewesen, denn solcherart Geschichten hatte Joseph mir ja schon öfter erzählt. Aber dieses Mal hörte ich aus seiner Schilderung Angst heraus. Nichts war mehr übrig von seinem Humor, mit dem er seine Abenteuer bisher immer zum Besten gegeben hatte. In seinen Augen glomm Furcht, als er berichtete, wie die Seeräuber die Hymen enterten und die gesamte Crew samt Kapitän als Geiseln nahmen. Sie drohten den Gefangenen, sie als Sklaven in den Orient zu verkaufen. An anderen Tagen wollten sie Joseph und seine Freunde dazu zwingen, selbst Piraten zu werden und bei Angriffen unschuldigen Menschen das Leben zu nehmen. Immer wieder schüchterten die Piraten ihre Gefangenen mit anderen schlimmen Zukunftsaussichten ein und drohten ihnen sogar mit Mord. Fast vier Wochen war Joseph zusammen mit den anderen Seemännern in Gefangenschaft. Sie mussten viele Leiden über sich ergehen lassen und fürchteten nicht nur einmal um ihr Leben. In einer dramatischen Aktion wurden sie dann von der Royal Navy schließlich befreit und konnten den Heimweg antreten. Dass es dabei auch um Lösegeld und politische Ereignisse ging, blendete ich aus. Für mich war nur alles wichtig, was direkt mit Joseph zusammenhing. Seine Schilderungen klangen dieses Mal so dramatisch, dass ich das erste Mal am Wahrheitsgehalt seiner früheren Geschichten zweifelte.

Ich konnte seine Furcht förmlich spüren und sah das Meer schlagartig mit anderen Augen. Die Gefahren, von denen Joseph immer in Form von Abenteuern erzählt hatte, nahmen furchterregende Ausmaße an, die mir Angst einjagten.

Ich begann zu zweifeln und meine Träume, ein abenteuerliches Leben als Kapitän eines Windjammers zu führen, stürzten wie ein baufälliges Gebäude ein. Josephs Geschichte ging mir nicht mehr aus dem Kopf und ich träumte viele Nächte davon. Nur war in meinen Träumen ich derjenige, der von den grimmig dreinblickenden Piraten geschlagen und entführt wurde.

Zu dieser Zeit erfuhr ich von Joseph bei einem unserer Ausflüge nach Etruria auch, dass er ein Mädchen kennengelernt hatte. Joseph schwärmte euphorisch von ihrem Lächeln und ihren wunderschönen Haaren. „Sie hat mir ein Bild von sich gegeben erzählte er mir. „Damit ich sie immer sehen kann, wenn ich auf dem Meer bin. Sie vertreibt mir damit die einsamen Stunden. Er lächelte und zeigte mir die Fotografie kurz. „Und ich habe ihr im Gegenzug einen Knopf meiner Uniform abgerissen und geschenkt", flüsterte er, als hätte er damit ein Verbrechen begangen.

Bald geriet die Geschichte seiner Entführung in Vergessenheit und ich begann wieder, mich für das Thema Seefahrt zu interessieren. Das lag vor allem daran, dass Joseph davon berichtete, als Zweiter Offizier auf der David G. Fleming unter dem Kommando von Kapitän Hatfield anzuheuern und Auswanderer nach Melbourne in Australien zu bringen. Joseph war sichtlich stolz auf die - se Aufgabe und als dann auch noch wenige Tage danach ein Artikel in der Times erschien, in dem von dem Piratenangriff auf die Hymen berichtet wurde, ging er mit stolz geschwellter Brust durch Hanley.

Ich bewunderte meinen Halbbruder mehr denn je, schätzte seinen Mut und seine Beharrlichkeit, trotz der drohenden Gefahren auf den Meeren, weiterhin Seemann zu bleiben. Mein Entschluss, seinen Pfaden zu folgen, festigte sich wieder.

Als er mich dieses Mal verließ, verspürte ich nicht nur Trauer, sondern auch Angst um ihn. Immer wieder bekam man in den Zeitungen zu hören, dass ein Schiff in den „Hafen der vermissten Schiffe" eingelaufen war, was wohl soviel bedeutete, dass es entweder verschollen oder sogar untergegangen war. Oft fand man nach Wochen oder sogar Monaten nur noch Trümmerteile, so dass die Hoffnungen der Angehörigen, den Mann, Sohn oder Bruder noch einmal lebend zu sehen, zerplatzten.

Aber Joseph kam glücklicherweise immer wieder zu uns zurück und ich konnte seinen Geschichten lauschen, wenn er von seinen Erlebnissen auf hoher See erzählte. Mittlerweile war ich in einem Alter, wo Joseph mir nicht mehr alles für bare Münze verkaufen konnte wie anfangs. Ich wurde jetzt argwöhnisch, wenn mir eine Geschichte übertrieben oder unglaubwürdig erschien. Dennoch hörte ich ihm zu und genoss es, seinem Seemannsgarn zu folgen, wenngleich ich wusste, dass einiges von ihm erfunden war. Aber neben den erfundenen Abenteuern erzählte mein Halbbruder jetzt auch vom wahren Leben an Deck eines Schiffes.

Und das führte dazu, dass ich mich noch mehr für dieses Leben auf dem Wasser interessierte, denn plötzlich waren es nicht mehr gefährliche Piratenangriffe und Seeungeheuer, die mir den Atem raubten, sondern so alltägliche, reale Gefahren wie hoher Seegang oder der Ausbruch eines Feuers unter Deck. Nachdem ich nun wusste, dass diese Dinge, die Joseph mir erzählte, der Wahrheit entsprachen, erlangten seine Schilderungen eine völlig andere Bedeutung für mich.

Auch Mutter hörte ihm begeistert zu, wenn er von seinen Erlebnissen bei der Umrundung des Kap Horn erzählte. „Es herrscht ein unglaublich starker Wind dort, berichtete Joseph und legte seine Füße auf den Tisch. Er sah seine Mutter mit einem Lächeln an und nickte in Richtung seiner Füße. „Ich darf das jetzt, Mama. Es ist das Privileg eines jeden Kap Horniers, dass er daheim die Füße auf den Tisch legt, während er von seiner Umrundung erzählt.

Meine Mutter erwiderte nichts darauf und warf meinem Vater, der in der Küche saß, einen kurzen Blick zu, der wohl bedeutete, dass er ebenfalls nichts sagen sollte.

„Auf jeden Fall bläst dir da der Wind um die Ohren, dass dir Hören und Sehen vergeht", setzte er seinen Bericht fort.

Während Joseph mit übergeschlagenen Beinen Mutter und mir von seinen letzten Fahrten berichtete, saß mein Vater oft am Kü - chentisch und las ein Buch. Dieses Bild von ihm setzte sich wahrscheinlich schon seit Jahren tief in meinem Gehirn fest, so dass ich, sobald ich des Lesens mächtig war, ebenfalls zu Büchern griff.

*

Es geschah immer öfter, dass Joseph alleine einen Ausflug nach Etruria unternahm, wenn er nicht auf See war und bei uns wohnte. Anfangs machte ich mir keine Gedanken darüber, weil er sein Alleinsein damit erklärte, dass er über sein Leben nachdenken wollte. Aber nach ein paar Tagen wurde ich neugierig und beschloss, ihm nachzuspionieren. Ich war sieben Jahre alt und platzte vor Wissbegier.

So schlich ich ihm eines Tages an einem Sonntagnachmittag hinterher. Ich traute meinen Augen nicht, als sich Joseph gar nicht in Richtung Etruria auf den Weg machte, sondern schon am Ende der Straße in die Waterloo Street einbog. Die Botteslow Street passierte er lediglich, um auf der anderen Seite in die Harley Street zu gehen. Wir waren vielleicht vier Minuten unterwegs, als ich sah, wie er einem Mädchen zuwinkte, die an der Ecke Bethesda Street stand und den Gruß mit einem breiten Grinsen auf den Lippen erwiderte. Ich versteckte mich in einem Hauseingang und beobachtete, wie mein Halbbruder das lachende Mädchen in die Arme schloss. Es dauerte eine Weile, bis ich in ihr die junge Frau erkannte, von der mir Joseph vor etwa einem Jahr einmal ein Bild gezeigt hatte.

Ich erinnerte mich daran, wie er von ihr geschwärmt hatte und immerzu von ihr sprach. Joseph hatte sich also verliebt! Einerseits freute ich mich für meinen Halbbruder, andererseits spürte ich bereits jetzt schon eine Art Eifersucht in mir. Bestürzt von meiner Entdeckung rannte ich zurück zum Elternhaus, um darüber nachzudenken. Was würde geschehen, wenn ich Joseph an dieses Mädchen verlieren würde? Käme ich dann nie mehr in den Genuss, seinen Seefahrergeschichten zu lauschen? Zerstörte seine Freundin womöglich meinen Traum, selbst ein Mann des Meeres zu werden?

Ich war irritiert und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte, wenn Joseph zurückkam? Sollte ich zugeben, ihm gefolgt zu sein und sein Geheimnis zu kennen? Fragen über Fragen, die mich traurig machten.

Ich saß noch immer auf dem Sofa, als Joseph nach etwas mehr als zwei Stunden zurückkam und sich mit einem mitleidigen Lächeln auf den Lippen neben mich setzte. „Du bist mir hinterher gegangen, sagte er leise, so dass Mutter und Vater es nicht hören konnten. „Das ist nicht schlimm, Ted, beruhigte er mich, als ich sofort ein schlechtes Gewissen bekam. „Das ist das gleiche Mädchen, von dem ich dir vor einem Jahr erzählt habe. Erinnerst du dich noch?"

Ich nickte wortlos.

„Anna und ich werden heiraten, eröffnete mir Joseph nach einer Weile. „Wir lieben uns sehr.

„Hast du Mama und Papa schon gefragt?", erkundigte ich mich.

„Für mich ist nur Mamas Zustimmung wichtig, antwortete Joseph mit ernstem Gesicht. „Dein Vater, Teddy, ist nicht mein Vater. Er hat mir nichts zu sagen. Und ... Er hielt einen Moment inne, als müsse er über die nächsten Worte nachdenken. „Was kann jemand schon gegen die Liebe ausrichten? Selbst wenn Mama dagegen wäre, würde ich Anna heiraten. Ich bin vierundzwanzig Jahre alt, bald fünfundzwanzig … Sie kann es mir nicht verbieten, behauptete er mit fester Stimme. Er beugte sich in meine Richtung und flüsterte mir ins Ohr. „Sie heißt eigentlich Susanna, aber ich nenne sie lieber Anna. Ihr Vater ist Graveur. Er mag mich, genauso wie Annas Mutter.

„Aber dann werden wir uns nie wieder sehen", bemerkte ich in meiner kindlichen Naivität.

„Wie kommst du denn darauf?, lachte Joseph. „Wieso sollten wir uns nicht mehr treffen? Du hast doch selbst gesehen, wie weit Annas Zuhause von unserem Haus entfernt ist. Immer wenn ich hierher nach Hanley zurückkehre, werde ich dich besuchen. Und schon bald wird meine Frau mit dabei sein. Er lachte laut auf und ich sah in seinen Augen das pure Glück aufleuchten. Am 02. Juli 1857 heirateten Susanna Wrench und Joseph Hancock in der St. Peters ad Vincula Kirche in Hanley. Durch meine kindlichen Augen behielt ich lediglich die verschnörkelten Türmchen der Kirche, die sich über das gesamte Gebäude erstreckten, und die schön gefärbten Fenster des Altarraumes im Gedächtnis. Und natürlich das glückliche Brautpaar, das noch zwei Monate nach ihrer Vermählung zusammen verbringen konnte, bevor Joseph im September 1857 als Zweiter Offizier auf der Sovereign of the Seas anheuerte. Nach dieser Reise machte er den Befähigungsnachweis zum Ersten Offizier und zog für eine Weile bei den Brauteltern zu Anna in die Bethesda Street. So konnten wir uns tatsächlich, wie Joseph versprochen hatte, oft treffen und miteinander reden.

*

Am 24. Juli 1858 kam George John Hancock auf die Welt. Ich war ganz begeistert von Annas und Josephs erstem Kind. Ich wurde mit acht Jahren Onkel und fühlte mich ziemlich stolz dabei. Ich war kleine Kinder gewohnt, denn in unserer großen Familie gab es immer wieder Nachwuchs. Mein Onkel George hatte zum Beispiel jede Menge Kinder, die in unregelmäßigen Abständen zu Besuch bei uns waren. Doch Josephs Sohn bedeutete mir besonders viel, wahrscheinlich weil er von meinem Vorbild stammte.

Im Juni 1859, also fast ein Jahr nach George Johns Geburt, heiratete dann auch meine Halbschwester Thirza. Ihr Mann William Harrington beeindruckte mich, als ich ihn kennenlernte. Er bediente Dampfmaschinen und hatte anscheinend einen hohen Rang inne, soweit ich Thirza verstand. Sie schien mit William einen guten und wohlhabenden Ehemann gefunden zu haben. Ich freute mich für sie, nahm aber dennoch mehr am Leben von Joseph und seiner Anna teil.

Auch Thirza und William wohnten in unserer Nähe, so dass wir sie ebenfalls regelmäßig zu Gesicht bekamen. Unsere Familienmitglieder wohnten jetzt zwar in getrennten Häusern, lebten aber zumindest noch immer in der gleichen Stadt.

Nach Thirzas Heirat und Auszug wurde es zwangsläufig etwas ruhiger im Haus. Ich konnte mich dadurch wieder meinen Zukunftsplänen und dem Lesen widmen.

Den ersten Roman, den ich im Alter von zehn Jahren zu lesen versuchte, war „Oliver Twist" von Charles Dickens, einem Schriftsteller, der im etwa 300 Kilometer von unserem Hanley entfernten Portsmouth zur Welt gekommen war.

Ich verstand nicht viel von den Worten, genoss aber die bewundernden Blicke meines Vaters, wenn er mich beim Umblättern der Seiten beobachtete. Und so quälte ich mich durch die Geschichte eines Waisenjungen, der sich auf Taschendiebstähle spezialisierte, um meinen Vater zu beeindrucken. Der setzte sich dann oft zu mir an den Tisch, nickte mir mit einem liebevollen Lächeln zu und schlug ebenfalls ein Buch auf, um gemeinsam mit mir zu lesen.

Am Weihnachtsnachmittag des Jahres 1859 nahm er neben mir am Küchentisch Platz und legte mir eine Hand auf die Schulter. „Leg Oliver Twist mal zur Seite", sagte er und zwinkerte mir zu.

Meine Mutter stand am Herd, hielt die Hände vor ihrem Schoß gefaltet und beobachtete uns.

„Du liest wirklich gerne, habe ich recht?, fragte mein Vater und ich nickte bejahend.„Aber der gute Charles Dickens ist wohl ein bisschen schwierig für einen Jungen in deinem Alter.

Ich zuckte mit den Schultern, weil ich nicht zugeben wollte, dass er im Grunde genommen recht hatte, obwohl ich der Handlung durchaus, zumindest einigermaßen, folgen konnte.

„Dickens hat aber auch andere Geschichten geschrieben, sagte mein Vater und zog ein Buch hervor, das er die ganze Zeit hinter seinem Rücken versteckt hatte. „Und da heute Weihnachten ist ... Er sprach den Satz nicht zu Ende und hielt mir das Buch vor die Augen.

Ich betrachtete neugierig den hellbraunen Umschlag, auf dem in schnörkelhafter Schrift „Eine Weihnachtsgeschichte" stand. Darunter waren Charles Dickens' Name und Verzierungen, die sich wie kleine Äste umrankten, eingestanzt.

Mein Vater lächelte mich an und deutete auf das Sofa im Wohnzimmer. „Wie wäre es, wenn ich Dir den Anfang dieser Geschichte vorlese, während wir auf Joseph und Anna warten?"

Ich nickte begeistert und folgte ihm zum Sofa, während meine Mutter sich weiter um das Essen kümmerte. Weihnachten wurde bei uns nie besonders groß gefeiert, das behielten sich seit Jahren nur die reichen Leute vor. Wir sangen am Abend ein paar Lieder und wir Kinder packten am nächsten Morgen unsere Geschenke aus. Durch den Lebensmittelladen waren neben Kleidung oftmals auch Nüsse, Apfelsinen und Schokolade unter den Geschenken mit dabei. Dieses Jahr hatten sich Joseph angekündigt und ich konnte es kaum erwarten, bis er endlich wieder in meiner Nähe war. Da war mir eine Ablenkung, wie Vater sie mir gerade vorschlug, natürlich recht.

Anna würde natürlich auch mit dabei sein, ebenso wie Thirza und ihr William. Aber das Wichtigste für mich war, dass Joseph die Weihnachtstage mit uns verbringen würde.

Thirza war die erste, die sich zu uns gesellte. William wollte noch etwas am Haus reparieren und später nachkommen. Sie setzte sich neben mich und meinen Vater und wollte sich die Weih - nachtsgeschichte von Charles Dickens ebenfalls anhören.

Als wir es uns bequem gemacht hatten, schlug Vater die erste Seite auf und zeigte sie mir, wie zuvor den prunkvollen Umschlag.

Auf der linken Seite war ein farbiges Bild abgedruckt, auf dem ein tanzender Mann zu sehen war, Neben ihm stand eine Frau, die ihm bewundernd zusah, während sich im Hintergrund unzählige Menschen tummelten.

Es sah aus, als befänden sie sich auf einer Party und während der beleibte Mann sein Tanzbein schwang, waren im Vordergrund eine alte Frau mit zwei kleinen Kindern zu sehen, die amüsiert zu - sahen.

Auf der rechten Seite konnte ich in einer wunderschönen Schrift lesen:

Ein Weihnachtslied

in Prosa

oder

Eine Geistergeschichte zum Christfest

von

Charles Dickens

Mein Vater lehnte sich zurück und begann mit seiner angenehmen, tiefen Stimme vorzulesen. Ich schloss die Augen und seufzte leise, weil ich zum einen diese Art von Familienleben genoss und mich zum anderen sehr auf Joseph freute.

Thirza nahm meine Hand und drückte sie leicht, während wir meinem Vater lauschten, wie er von Ebenezers Scrooges erster Begegnung mit Marleys Geist erzählte.

*

Während der Weihnachtstage las uns Vater alle fünf Strophen von Dickens' Weihnachtsgeschichte vor. Selbst Mama saß bei meinen Halbgeschwistern und mir und hörte Papa zu. Dazwischen zeigte er uns immer wieder die wunderbaren Illustrationen eines gewissen John Leech, der damit die Worte des Schriftstellers zu Bildern umwandelte. Es waren wunderbare Tage, die aber wie im Flug vergingen und darin endeten, dass sowohl Thirza und William als auch Joseph und Anna wieder in ihr Leben zurückkehrten und ich alleine mit meinen Eltern blieb.

Für mich begann wieder der oftmals graue Schulalltag, dem ich lediglich durch die Treffen mit meinen Freunden etwas Farbe verleihen konnte. Im Februar 1860 begannen Joe Turner, William Jones, Vincent Simpson, Johnny Leonhard und ich, ein Baumhaus in einem nahegelegenen Waldstück zu bauen. Unsere Gruppe zersplitterte immer wieder. Mal war es William, der uns beleidigt die Freundschaft kündigte, mal Vincent oder Johnny. Nur Joe und ich stritten uns nie wieder, seit dem Vorfall auf dem Schulhof. Wir waren und blieben die besten Freunde, saßen in den Ferien oft stundenlang auf einer Anhöhe und blickten über die qualmenden, trichterförmigen Kamine der Potteries. Dabei erzählten wir von unseren Wünschen und Träumen für die Zukunft und schmiedeten Pläne, um dennoch für immer Freunde bleiben zu können.

Die Bild der Schlote von den Keramikbrennereien begleitete meine Kindheit und Jugend genauso wie der verqualmte Himmel über Hanley. Oft träume ich noch als erwachsener Mann von diesen kegelförmigen Flaschenkaminen aus meiner Geburtsstadt, wie sie ihren dunklen Atem in den Himmel stießen und dabei aussahen wie riesige rauchspeiende Ungeheuer aus der Urzeit. Und dann sehe ich in meinen Träumen immer wieder, wie ich mit Joseph von Hanley nach Etruria spazierte, um den Zügen nachzusehen.

Es gibt manche Augenblicke im Leben, die man nie mehr vergisst. Die Kamine von Hanley und die Ausflüge mit Joseph an den Bahnhof von Etruria sind zwei davon.

Interludium

Brief von Catherine Smith an ihre Mutter Rebecca Marsh

01. Februar 1860

Liebste Mutter,

nach langer Zeit konnte ich mich endlich wieder einmal dazu entschließen, Dir zu schreiben. Anlass ist eine Begebenheit, die Dich in höchstem Maße erfreuen wird. Es geht um Deinen Enkel Teddy, der wieder einmal unter Beweis gestellt hat, dass er es faustdick hinter den Ohren hat.

Ich muss im Nachhinein schmunzeln, wenn ich daran denke, was er angestellt hat, obwohl ich vor Wut hätte platzen können, als es passierte.

Du kannst Dich doch bestimmt noch an die freien Felder hinter dem Hügel erinnern, wo unser Haus steht? Teddy und zwei seiner Freunde - mir fällt nur der Name des einen ein: Joe Turner - laufen oft über diese Felder und kämpfen mit Ästen, als wären es Schwerter. Ich beobachte sie des öfteren, wenn ich eine kleine Pause mache, um etwas zu essen und mich Thirza im Laden vertritt.

Vor zwei Wochen kam Teddy nach Hause und verschwand sofort in seinem Zimmer. Ich habe anfangs keinen Gedanken daran verschwendet, dass er etwas angestellt hat.

Doch bereits am Abend sah ich die erste Maus durch unser Wohnzimmer huschen. Erschrocken bat ich Edward, das Tier aus dem Haus zu scheuchen, als auch schon eine zweite Maus unter unserem Sofa hervorkroch und mich neugierig beäugte.

Stell Dir vor, liebe Mutter: Teddy hat auf den Feldern fünf Mäuse eingefangen, ja fünf (!!!), und sie in seinen Jackentaschen mit nach Hause geschmuggelt. Wahrscheinlich wollte er nur mit ihnen spielen, aber sie konnten natürlich innerhalb kürzester Zeit entkommen und verbreiteten sich in unserem schönen Häuschen. Ich kann Dir gar nicht sagen, was ich in jenen Momenten fühlte.

Dem Herrn sei Dank, dass Edward alle fünf Tiere einfangen konnte und sie zusammen mit Teddy zurück auf die Felder brachte. Nur Unsinn hat er

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