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Slow Motion: In 730 Tagen um die Welt mit Fahrrad, Zelt und Zeichenblock

Slow Motion: In 730 Tagen um die Welt mit Fahrrad, Zelt und Zeichenblock

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Slow Motion: In 730 Tagen um die Welt mit Fahrrad, Zelt und Zeichenblock

Länge:
331 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 20, 2012
ISBN:
9783768883511
Format:
Buch

Beschreibung

Zwei Jahre nimmt Jens Hübner sich Zeit für eine Fahrradreise, die ihn schließlich um die Welt führen wird – durch 42 Länder in fünf Kontinenten. Er ist Anfang 40, hat Design und Kunst studiert und eine Designagentur geführt. Ziel seiner Reise mit dem Fahrrad ist es, "die Intensität der Langsamkeit" zu erfahren und mit offenen Augen die Welt neu zu entdecken. Etwa 25000 Kilometer legt er dabei zurück, übernachtet meist im Zelt und verarbeitet seine Reiseerlebnisse in Tagebüchern und Zeichnungen.
In diesem Buch erzählt er von seiner spannenden Expedition mit dem Rad um die Welt. Seine Fotos, Zeichnungen und Aquarelle ziehen den Leser in ihren Bann.
Nach dem Einstieg in Osteuropa, wo Hübner sich an das Fahrradfahren und das Outdoor-Leben gewöhnen kann, führt seine Reise durch die Türkei, Syrien, Israel und Ägypten. Von dort Richtung Süden durchquert er Ostafrika. Unterwegs entstehen Zeichnungen, gern auf Material, das sich am Wegesrand findet, z.B. abgefallene Nummernschilder afrikanischer Trucks.
Indien ist die nächste Etappe der Tour; ein Höhepunkt dabei wird die Ausstellung von Hübners Aquarellen. In Australien wechselt er für eine Weile das Fahrzeug und bereist den "Roten Kontinent" auch per Motorrad. Es folgt eine aufregende Fahrradreise durch Südamerika und die Anden sowie eine Überfahrt durch die Karibik bis nach Panama per Segelyacht. Nordamerika bietet einen Kulturschock für sich, nach dem es dann wieder in Richtung Heimat geht.
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 20, 2012
ISBN:
9783768883511
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Slow Motion - Jens Hübner

Hübner

Abschied vom Euroland

(Deutschland / Polen / Tschechien / Österreich / Slowakei / Ungarn / Rumänien / Bulgarien)

Es war schon ein eigenartiges Gefühl, kein Schlüsselbund mehr zu haben, Briefe per Codewort aus dem Kasten zu holen und die nächtliche Ruhe vor unliebsamen Zweiund Vierbeinern durch einen geeigneten Lagerplatz und durch Selbstvertrauen zu sichern. Ich war unterwegs, seit zwanzig Tagen. Gesund und munter wie ein Fisch im Wasser – durch das Radeln körperlich und seelisch gestärkt.

Ein Glücksgefühl durchströmte mich, als ich abends in der Sächsischen Schweiz die tschechische Grenze überquerte. Am nächsten Tag radelte ich gleich durch drei Länder: Tschechien –Deutschland – Polen. So klein ist die Welt …

Langsam gewöhnte ich mich an das Reisen. Ich lernte täglich, mit all der Ausrüstung umzugehen, die jetzt doch sehr strapaziert wurde. Am Kocher zum Beispiel wäre ich ein paar Tage zuvor fast verzweifelt. Einen ganzen Abend lang hatte ich ihn auseinander- und wieder zusammengebaut und nicht verstehen können, weshalb sich so eine störrische Gummilippe immer wieder vom Benzinpumpenkolben löste. Es war zum Haareraufen. Letztendlich fand ich heraus, wie sie dazu zu bringen war, in ihrer Position zu bleiben. Es war wohl doch keine fahrlässige Fehlkonstruktion des amerikanischen Herstellers, wie ich vorher in meiner Verzweiflung angenommen hatte.

Als ich, nachdem ich das tschechische Mittelgebirge hinter mir gelassen hatte, in Brunn im Hostel unter der Dusche stand, war ich richtig überrascht, was mir doch für Muskeln an den Beinen gewachsen waren. Die kannte ich sonst nur vom Anatomieunterricht während des Studiums oder von Rembrandts Rötelzeichnungen.

In das Radfahren hatte ich mich bald eingefuchst. Täglich kurbelte ich so zwischen siebzig und hundert Kilometer die tschechischen Berge rauf und runter und anschließend an der österreichischen und slowakischen Donau Richtung Südosten – oft gegen den Wind, ohne dass die Beine zu zittern anfingen. In den Bergen ging es häufig mit fünf Stundenkilometern den steilen Hang hinauf und mit über zehnfacher Geschwindigkeit wieder talwärts. Ab sechzig Stundenkilometern bremste ich auch bei übersichtlicher Strecke ab, denn die knapp drei Zentner ungefederter Masse konnten schnell zum Katapult werden, das mich in den Straßengraben befördern würde.

Mit dem Fahrrad war ich so weit ganz zufrieden. Einmal, an einem »Berg-Etappen-Tag«, wünschte ich mir nichts sehnlicher, als weniger Gewicht die Höhen heraufhieven zu müssen. »Wenn heute der heruntergefahrene, rissige Vorderradreifen seinen Geist aufgeben würde, wäre ich nicht böse«, dachte ich. »Da könnte ich einen der zwei neuen, ziemlich schweren Spezialreifen montieren und hätte weniger im Gepäck.« Mittags fing das Hinterrad an zu schlingern und signalisiertemir das baldige Ende des noch recht neuen, aber eben Nullachtfünfzehn-Mantels. Seither kutschierte ich nur noch einen Ersatzreifen in den Packtaschen durch die Weltgeschichte.

Der poröse Vorderradreifen versah weiterhin brav seinen Dienst. Ansonsten gab es täglich so unangenehme Kleinigkeiten wie die ungewollt springende Schaltung, knackende Pedalarme oder schleifende Bremsklötze. Ich wuchs innerlich immer ein kleines Stück, wenn ich das Problem richtig diagnostiziert und dann beseitigt hatte. Die Teilnahme am Fahrradreparaturkurs des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs hatte sich gelohnt. Uneingeschränktes Lob verdiente das Zelt. Egal ob es nachts im Gebirge empfindlich kühl wurde oder ich mir im Regen den Kaffee »indoor« kochen musste – es war praktisch, spartanisch und zuverlässig. Ich verließ mich voll darauf.

Eines Tages stellte ich es in einem ungarischen Sonnenblumenfeld auf. Als die Sonne untergegangen war und ich mich zum Schlafen legen wollte, stand plötzlich ein Jäger mit seinem Gewehr vor mir. Ich erschrak. Er sprach mich mit ernster Miene in der Landessprache an. Natürlich verstand ich kein Wort, lächelte ihn aber freundlich an und sagte: »Jó éjszakát!« Er nickte mir zu, antwortete mit »Jó éjszakát!« und ging. Ich war richtig verwundert darüber, dass er mich verstanden hatte. »Jó éjszakát!« heißt nämlich »Gute Nacht!«. Gut, dass ich während des Radelns etwas Ungarisch gelernt hatte.

Ein günstigerer Wind schob mich durch die ungarischen Mais- und Sonnenblumenfelder Richtung Südosten, und so konnte ich meinen eigenen Tagesrekord auf hundertfünfzig Kilometer pro Tag erhöhen. Bevor ich das Euroland mit den vertrauten Einkaufszentren von Lidl, Norma und OBI endgültig verließ, schlief ich auf einer tellerflachen Pusztawiese, die sich auch gut als Flugplatz geeignet hätte. Am nächsten Morgen überschritt ich an der Grenze zu Rumänien zum ersten Mal auf dieser Tour eine Zeitzone und bekam meinen ersten Einreisestempel.

Im Gegensatz zu den anderen Ländern, die ich bisher durchquert hatte, gibt es im Karpartenland noch uneingezäunte Pferde-, Kuh- und Schafherden. So manches Dorf mit all den Vierbeinern und dem Federvieh schien mir aus den russischen Märchenfilmen meiner Kindheit in die Realität versetzt worden zu sein: Pferdefuhrwerke, Ochsenkarren und sogar Schweinehirten gehörten zum Alltag, Ziehbrunnen waren in Benutzung und nicht touristische Dekoration. Klar, alle asiatischen und europäischen Autoproduzenten hatten neben dem einheimischen Hersteller Dacia auch ihre Produkte in Form von schicken, neuen Geländewagen und Mittelklasse-Limousinen übers Land verteilt, doch Pferde zu halten war hier noch nicht wie im Rest Europas zur kostspieligen Liebhaberei geworden.

Überall in Osteuropa – wie hier in Rumänien – begegnen mir Menschen, die mit Pferd und Wagen durch die Lande ziehen; wie schon seit Generationen.

Das herrlich offene, weite Land mit den sich im Hintergrund ankündigenden Karpaten erinnerte mich an die kanadische Prärie bei Calgary, wo ich Anfang der 1990er-Jahre für ein Jahr studiert hatte. Einmal erlag ich der Versuchung, die Straße zu verlassen und einem ausgefahrenen Feldweg Richtung Süden durch das endlos scheinende Grasland zu folgen. So lernte ich schon an meinem ersten Tag in Transsilvanien die berüchtigten rumänischen Hütehunde kennen, denn der einsame Pfad endete an einem noch einsameren Anwesen. Ich sah Schweine, Hühner, Gänse und schloss daraus, dass dieses Gehöft bewohnt war.

»Wo in Rumänien Menschen sind, da sind auch Hunde«, schoss es mir noch durch den Kopf. Zu spät! Die Meute zottiger Hütehunde hatte mich entdeckt und stürzte bellend und zähnefletschend auf mich zu. Ich blieb wie angewurzelt stehen. Bevor der Größte des Rudels im Halbkreis um mich herumschleichen und sich in meine Radlerwaden vertiefen konnte, kamen zu meinem Glück Schäfer aus einer Hütte und pfiffen ihre vierbeinigen Wächter zurück. Wir stellten uns vor. John, der jüngere der beiden Männer, bewirtschaftete mit seinem Vater das Anwesen und hatte lange keine Gelegenheit gehabt, sein Schulenglisch praktisch anzuwenden. So begleitete er mich über Stunden und zeigte mir den Weg durch die Wiesen zum nächsten Dorf. Die Zeit verging schnell bei der Unterhaltung über die EU, Rumänien, unsere Familien. Zwei der kleineren Hunde, die er nach den beiden russischen Flüssen Wolga und Don benannte, folgten uns ausgelassen umhertollend.

Die kläffenden Vierbeiner hier fielen mir ziemlich auf die Nerven. Es gab kaum ein Dorf, in dem ich nicht von ihnen attackiert wurde. Manchmal war es eine ganze Meute von einem halben Dutzend bunt zusammengewürfelter Hundemischlinge, die mich wütend verfolgte. Deshalb hatte ich es mir zur Angewohnheit gemacht, vor der Einfahrt in kleine, abgelegene Ansiedlungen immer ein paar Steine für den Notfall bei mir zu haben.

Auf den Rat eines Bekannten hin besuchte ich einige Städte Siebenbürgens, wo zum Teil noch Deutsch gesprochen wird. In Hermannstadt, dem heutigen Sibiu, kaufte ich Ansichtskarten in der Friedrich-Schiller-Buchhandlung und erlebte ein beeindruckendes Mittelalterspektakel in der sanierten Altstadt. Bei der Annäherung an den Ort zeichnete sich das Respekt einflößende Fogarasch-Gebirge am Horizont ab, vor der Wende die ultimative Herausforderung für so manchen Trabbi-Fahrer, wie ein Freund mal bemerkte.

Nach einem entspannten Wochenende wollte ich meinen ersten wirklichen Pass auf dieser Reise in Angriff nehmen. 2047 Höhenmeter – ich war aufgeregt, konnte schlecht schlafen und wechselte noch einmal die verschlissenen Bremsbeläge. Da das linke Pedal trotz Öl nicht aufhören wollte, leichte Klick-Geräusche von sich zu geben, kaufte ich hochwertige Neuteile in einem der beiden sehr gut ausgestatteten Outdoor-Läden der Stadt. Die überaus freundliche, Englisch sprechende Verkäuferin war mir bei der Montage behilflich.

Tja, und dann brach ich im Morgengrauen, als in der Herberge noch alles schlief, auf. Der Junge an der Rezeption hatte mir am Abend zuvor noch geraten, bei der Bergrettung zu übernachten, falls ich in Schwierigkeiten geraten sollte. Mittags war ich am Fuß des Gebirges. Irgendwann begann es zu regnen. Ich radelte in den Wolken immer höher. Ein Schäfer, schon weit oben, zeigte auf mich und rief fragend: »German?« Ich nickte. Er schüttelte lächelnd den Kopf. Der kalte Regen wurde stärker. Da ich mich den Hang hinaufkämpfte und dabei emsig bewegte, fror ich nur wenig in meinen kurzen Radlerhosen und dem ärmellosen Trikot. Gegen sechs Uhr abends hatte ich unter der durch hochgehaltene Daumen gezeigten Bewunderung rumänischer Dacia-Fahrer den Pass erreicht.

Der darauffolgende Tunnel war durch die Nässe sehr rutschig, voller Schlaglöcher und vom spärlichen Licht der Fahrradlampe nicht zu erhellen. Ich versuchte, mich an den roten Lichtern vorausfahrender Fahrzeuge zu orientieren. Zum Glück war der Bergdurchbruch nur einen knappen Kilometer lang, und es ging bergab. Bei der Talfahrt aus über 2000 Metern Höhe und einer Temperatur um die sechs Grad Celsius wurden die Hände trotz übergestreifter Regenbekleidung vor Kälte bald steif. Es erschien mir zu riskant weiterzufahren. Deshalb entschloss ich mich, das Nachtquartier noch in der baumfreien Zone des Hochgebirges aufzuschlagen.

Mit der Aussicht auf ein fantastisches Panorama am kommenden Morgen und in der Hoffnung, dass die Wölfe und Bären, die es in den Karpaten zu Tausenden gibt, nachts eher im Wald umherstreifen würden, nahm ich die Packtaschen mit klammen Fingern vom Rad. Wenig später heizte der Benzinkocher das Zelt, und ich trank heißen Tee. Den abendlichen Regen löste ein nächtlicher Sturm ab, er bescherte mir eine unruhige Nacht. Zweimal prüfte ich mit der Taschenlampe im Dunkeln die Abspannung des Zeltes. Alles schien in Ordnung. Die Heringe steckten fest in der Grasnarbe, die Leinen zeigten keine Scheuerstellen, und auch die Nähte hielten dem Winddruck stand. Was würde ich machen, wenn mir der Sturm doch das Zelt zerriss? Wo war eigentlich die Bergwacht? Irgendwann schlief ich ein.

Als es dämmerte, ließ der Wind nach. Schnell packte ich alles zusammen, umins schützende Talzurollen. Plötzlichhörteichein Trommeln auf der Zeltplane. Doch ich konnte keine Regentropfen erkennen. Stattdessen weiße Eiskörner – Graupel! »Nichts wie weg hier, eh es mehr wird«, schoss es mir durch den Kopf, und ich schwang mich auf das Rad. Bald zeigte mein Fahrradcomputer eine Höhe von nur noch 1500 Metern an. Da sah ich von der Serpentinenkehre auf ein Hausdach mit einem aufgemalten roten Kreuz. Davor ein Hubschrauberlandeplatz. Die Bergretter hatten weit unter mir ihr Quartier. Ich winkte ihren erstaunten Gesichtern zu und sauste weiter ins Tal.

Von den Karpaten ging es durch die Erdölfelder in der Walachei, wo ich mich im Gras sitzend mit Zigeunern über das Woher und Wohin austauschte, nach Bukarest. Als ich ein paar Tage später an der Grenze zu Bulgarien einen Händler nach dem Weg zur Fähre über die Donau fragte, schenkte er mir zum Abschluss unseres kurzen Gesprächs eine Flasche Mineralwasser aus seiner Kühltruhe. Ich war sehr gerührt von diesem herzlichen Abschied. Von einem Land, das für uns in Deutschland doch eher mit nicht so positiven Dingen assoziiert wird.

In Varna, am Schwarzen Meer, mietete ich für zwei Nächte ein Zimmer bei einer sehr netten alten Dame. Ich wunderte mich nicht schlecht, als abends im engen Flur der Altbauwohnung zwei Mountainbikes standen. Am kommenden Morgen lernte ich Doris, eine frisch promovierte Biologin, und Stefan, einen Informatiker, kennen. Das Paar war auf dem Weg von Dresden nach Indien. Da wir in dieselbe Richtung wollten, beschlossen wir, bis Istanbul gemeinsam weiterzufahren.

Zu dritt radelten wir entlang der bergigen bulgarischen Küste, kämpften uns gemeinsam die Steigungen hinauf und badeten im Meer. Nachdem wir die türkische Grenze passiert hatten, ging es Richtung Süden in der Hoffnung, dass der starke Gegenwind nachlassen möge und die endlosen Hügelketten einer flachen Strandstraße entlang des Marmarameeres weichen würden. Allabendlich, kurz vor Sonnenuntergang, schoben wir erschöpft unsere Räder durch Dornengestrüpp, hartes, gelbes Gras oder staubigen, grauen Sand hinter windgeschützte Büsche zum nächtlichen Lagerplatz.

Die Landschaft war geprägt vom Gelb und Ocker verblühter Sonnenblumen- und erntereifer Maisfelder. Ich fragte mich, ob es an dem vergehenden Sommer lag oder dies schon der Übergang vom europäischen Grün zu einem asiatischen Gelb war. Immer mehr Pflanzen bekamen Dornen, die sich leider auch durch meinen Zeltboden bohrten. Kletten und Stacheln blieben ständig an der Kleidung hängen.

Durch die asiatische Steppe

(Türkei)

Kurz vor Istanbul musste ich das Flickzeug aus der Werkzeugtasche holen. Zwei Dornen hatten die Panne verursacht. Rasch demontierte ich mit Stefans Hilfe das Rad und behob den Schaden. Während dieser ungewollten Pause kam ein junger Imbissbetreiber aus der Nähe zu uns herüber, staunte über die drei bepackten Räder und fragte nach dem Woher und Wohin. Dann verschwand er zu seinem Stand, um kurze Zeit später wiederzukommen, uns drei Sitzhocker zu bringen und Tee zu servieren, ohne im Entferntesten eine Gegenleistung zu erwarten. Diese Gastfreundschaft erlebten wir in der Türkei oft. Ob wir jemanden nach dem Weg fragten oder um Hilfe beim Kauf der richtigen Telefonkarte baten, immer nahm man sich Zeit, war höflich und freundlich.

Tagelang waren wir auf den autoverstopften Schnellstraßen der Vororte gegen den Wind gestrampelt, jetzt kamen wir endlich in das Zentrum der sich immer mehr ausbreitenden Großstadt Istanbul. Die Reiseführer schwanken in der Angabe der Einwohnerzahl zwischen zehn und sechzehn Millionen.

Vom Flughafen holte ich meine Freundin Nicole ab. Sie blieb eine Woche, um gemeinsam mit mir die Metropole am Bosporus zu entdecken und meinen Geburtstag zu feiern. Außerdem hatte sie spezielle Trinkflaschenhalter für die bevorstehende Syriendurchquerung im Gepäck.

Orte wie Istanbul sind so reich an Sehenswürdigkeiten, dass einige einfach zum Pflichtprogramm eines Erstbesuches gehörten, auch wenn ich eigentlich gar keine rechte Lust verspürte, sie zu besichtigen. Eines dieser unvermeidlichen touristischen Highlights ist der Große Basar. Auf diesem größten überdachten Marktplatz der Welt bieten Tausende Händler ihre Waren feil. Entsprechend viele Shuttle- und Reisebusse parkten rings um den 200 000 Quadratmeter großen Bau. Nach dem Durchschreiten eines der zwölf Eingangstore kam ich mir schnell vor wie auf der Cebit oder Hannover Messe, die ich aus geschäftlichen Gründen Jahr für Jahr besuchen musste.

Nicht, dass hier Highend-Elektronik oder der letzte Schrei des internationalen Maschinenbaus präsentiert wurde. Es waren vielmehr das Gedränge der Menschen und der permanente Versuch der Kontaktaufnahme zur Anbahnung eines Verkaufsgeschäfts, die in mir die Erinnerung wachriefen. Ich konnte einfach nicht in Ruhe das bunte, faszinierende orientalische Markttreiben beobachten. Ständig wurde mir der Blick von einem Sockenhändler, der seine Ware direkt vor mein Gesicht hielt, versperrt, oder es rief von hinten jemand: »Hello Sir, are you from Holland?« Natürlich verlief ich mich. Irgendwo hing an einer Säule ein abgewetzter Lageplan, auf dem die Himmelsrichtungen eingezeichnet waren, was mir in dem überdachten Markt wenig nutzte.

Nachdem ich genug Teppiche, Samtpantoffeln und Marken-T-Shirts gesehen hatte, stieg ich in die Straßenbahn und musste erschrocken feststellen, dass mein Telefon aus der Hosentasche verschwunden war. Voller Ärger erinnerte ich mich an den Knirps im Markt, der an mir vorbeigehastet war und mich dabei scheinbar aus Versehen angerempelt hatte. Er musste mir ganz klassisch das Handy aus der Hosentasche geklaut haben. Ich versuchte mich damit zu trösten, dass das Gerät schon einige Macken hatte und das Guthaben auf der türkischen Prepaid-Card nur noch für ein paar SMS reichte.

Ein paar Tage später verließ ich die Metropole, überquerte die Brücke über den Bosporus und war in Asien. Immer in Richtung Südosten radelnd, durchquerte ich die zentralanatolische Steppe. Mir kam, während ich die Landschaft betrachtete, eine Anekdote in den Sinn, die ich irgendwo gehört hatte: Ein Entdecker beschrieb seinem Herrscher anschaulich die Gegend, aus der er just zurückkam, indem er ein Blatt Papier zu einer Kugel knüllte und danach wieder auf dem Tisch glatt strich. Das entstandene Faltenrelief veranschaulichte dem König eindringlich die Topografie der neu entdeckten Länder. So strampelte ich schwitzend täglich mehrere Hundert Höhenmeter die Straßen und Pisten im Landesinneren rauf und runter, kämpfte dabei um jeden Tageskilometer. Ab und an stoppte ein Überlandbus auf offener Strecke und wollte mich mitnehmen. Ich lehnte immer ab, hängte mich aber ein paar Mal an die mit Saatgut beladenen Anhänger von Traktoren.

Erstaunlich weit komme ich ohne Reifenpanne durch ganz Osteuropa. In der anatolischen Dornensteppe erwischt es mich umso mehr.

Abends war die Erschöpfung oft so groß, dass ich kaum das Zelt aufbauen mochte. Stattdessen setzte ich mich einfach hin, genoss erst einmal die abendliche Stille und hing meinen Gedanken nach. Ich nahm mir viel Zeit, um die Abendstimmung zu genießen. Immer wieder aufs Neue faszinierte es mich, wie die letzten Sonnenstrahlen die Bergkuppen in einen Goldton tauchten, bevor diese sich blau färbten – wie der Himmel sich von Orangerot zu Nachtblau änderte und die Sterne aufgingen. Vielleicht wohnte ich zu lange in der Großstadt, wo man so etwas kaum erlebt, da der freie Blick ständig durch die nächste hohe Häuserfront verstellt ist. Der volle Mond warf ein helles, kaltes Licht auf die nächtliche Steppe, und so kochte ich mir oft ohne Taschenlampe Nudeln oder Reis, gab Wurst, Tomaten, Zwiebeln und Knoblauch dazu und schlief nach dem Essen auf der Höhe ein. Dann störte mich weder das Schafglockengebimmel noch die irgendwo kläffenden Hunde.

Noch vor der Dämmerung wehte der Wind dann den Ruf des Muezzins vom Minarett einer weit entfernten Dorfmoschee über die baumlose Landschaft. Trotz der Morgenkühle kroch ich aus dem Schlafsack und zündete den Kocher an, um bei einem starken Kaffee wach zu werden. Unbedingt wollte ich das Tageslicht nutzen, um weiterzukommen. Trockene Grashalme, die ich in die Luft warf, zeigten mir an, ob ein Tag mit Gegenwind bevorstand.

Kam ich tagsüber durch kleine, abgelegene Orte und fragte nach dem Weg, scharten sich sofort die Männer des Dorfes um mich. Sie sprachen oft deutsch und gaben mir Brot, Tomaten und Wasser mit auf den Weg, wenn ich schon nicht bleiben wollte. Beinahe täglich wurde ich beschenkt. Mal waren es Straßenhändler, die fachmännisch eine Honigmelone aufschnitten und servierten, mal ein Tankwart, der mir kostenlos die Benzinflasche des Kochers füllte. Einladungen zum Essen und Tee lehnte ich meist ab, um die Gastgeber nicht in die prekäre Situation zu bringen, wegen mir den Ramadan, die Fastenzeit des Islams, zu missachten. Wenn jemand allerdings schon speisend an der

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