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The Spooky Verona Freak show: Auf der Suche nach dem passenden Bassisten

The Spooky Verona Freak show: Auf der Suche nach dem passenden Bassisten

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The Spooky Verona Freak show: Auf der Suche nach dem passenden Bassisten

Länge:
306 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 1, 2012
ISBN:
9783942920674
Format:
Buch

Beschreibung

Kurz vor dem großen Durchbruch fehlt der Spooky Verona Freak Show nur noch eines: der richtige Bassist – denn ohne Bassist kein Auftritt auf dem Millyways, dem wichtigsten Festival des Untergrunds. Direkt nach der Bandgründung fangen die Probleme auch schon an: Im Proberaum riecht es nach Verwesung, der frisch angeheuerte Schlagzeuger Nico hat seine Hausschlappen, einen Sparkassenbeutel und seinen Hund, den kleinen Saalfeld, mitgebracht, nicht aber seine Sticks, und Vicky muss als Raummiete ständig ihren zehnjährigen Neffen Hauke betreuen, der sich hauptsächlich für Scharfrichter, Henker und das Übernatürliche interessiert. Und die wechselnden Bassisten sind auch keine Glücksgriffe. Der einzige Lichtblick ist Cristian, der transsylvanische Trompeter. Leider ist ein Trompeter jedoch kein Bassist, und so geht die Suche weiter…
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 1, 2012
ISBN:
9783942920674
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

The Spooky Verona Freak show - Bianca Stücker

Bianca Stücker

The Spooky Verona Freak Show

Impressum

1. Auflage September 2012

©opyright 2012 by Autor

Titelbild: Bianca Stücker

Umschlaggestaltung: [D] Ligo design + development

Bilder im Innenteil: Asmodeus und Bianca Stücker

Lektorat: Christian Ritter

Satz: Fred Uhde (www.buch-satz-illustration.de)

ISBN: 978-3-942920-17-9

Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder eine andere Verwertung ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags gestattet.

Hat Dir das Buch gefallen? Schreib uns Deine Meinung unter: 

info@unsichtbar-verlag.de

Mehr Infos jederzeit im Web unter www.unsichtbar-verlag.de

Unsichtbar Verlag | Wellenburger Str. 1 | 86420 Diedorf

Bianca Stücker

The Spooky Verona Freak Show

Mein Leben mit der Band, dem Ersten bis Neunten, dem kleinen Saalfeld und vielen anderen

Inhalt

Der unfreiwillige Nihil Valentine bringt Erstaunliches mit in den Proberaum 

Der Erste

Die Entschädigung 

Im Jugendzentrum 

Danke, Hauke

Donna Clara 

Die Spooky Veronas posieren hinter den Pforten der Hölle 

Frau Rennsiek kann ein bisschen Bass 

Das Experiment Peter kommt mit zum Elfenfest

Der Sechste, der Fremde und der Kellergeist

Interludium im Kuhstall

Nackt auf dem Hörnerfest

Nach dieser schrecklichen Episode

In Bed with the Trumpet Player

Der Neunte 

Der unfreiwillige Nihil Valentine bringt Erstaunliches mit in den Proberaum 

Ich finde, es geht auch ohne Bass, aber Scarlett ist dagegen. 

»Gut«, räumt sie ein, »bis jetzt war vielleicht noch nicht der Richtige dabei. Aber«, fährt sie fort und hebt mahnend einen Zeigefinger, »es geht ja nun mal nicht anders, wenn es noch was werden soll mit dem großen Durchbruch.«

Mit spitzen Fingern angelt sie einen Mohrenkopf aus der Schachtel und verzehrt ihn.

Ich will den Neunten immer noch nicht haben. Ich will ihn nicht einmal kennen lernen. Von mir aus kann sie sich ihren Neunten sehr gern dorthin schieben, wo es dunkel ist. Und das teile ich ihr natürlich mit, und zwar freimütig. Wir haben keine Geheimnisse voreinander, sonst würde man es schließlich eines Tages auch nicht wochenlang auf engstem Raum gemeinsam in einem Tourbus aushalten.

»Ach, Pillepalle«, widerspricht sie kauend, »ich meine: Firlefanz. Bei Nico warst du auch erst skeptisch.« Zierlich schlägt sie die Beine übereinander und knipst ihren Verstärker an. 

»Aus gutem Grund«, erinnere ich sie, »aus gutem Grund!«

»Quatsch«, lässt sie sich nicht beirren, »wären wir vielleicht so weit gekommen, wie wir jetzt sind«, fragt sie, »ohne ihn?«

Seit über einem Monat bestehen wir mal wieder leider nur aus uns beiden, dem transsylvanischen Trompeter und Nico, den wir sofort am Anfang gegen seinen Willen in Nihil Valentine umbenannt haben. Das ist inzwischen über ein Jahr her. Es war gerade Sommer, also Mai, danach wurde es schlagartig für den Rest des Jahres Herbst, aber das konnten wir da ja noch nicht wissen. Egal. Zurück zu Nico. 

»Morgen kommt der Schlagzeuger«, erklärte Scarlett während der Mittagspause, die wir immer im Café Krone verbringen, weil man dort niemals die Kollegen trifft, »er heißt Nico.«

»Und«, hakte ich neugierig nach, »was ist das so für einer?«

»Keine Ahnung«, gab Scarlett zu und betastete prüfend ihre original Vierzigerjahrefrisur. 

Sie passte gut in das Interieur, das sich aus plüschigen Sitzecken, schummrigen Jugendstillampen und einem wüst gemusterten Teppichboden zusammensetzte. Außer uns war um diese Zeit grundsätzlich nur eine ältere Dame anwesend, die in der Rauchernische Zeitung las. 

»Hm«, sagte ich, »na gut. Lassen wir uns also überraschen.«

Scarlett hatte gesagt: Ich kenn einen, der kennt einen, der spielt Schlagzeug. Schlagzeuger sind rar, da muss man nehmen, was kommt. 

»Er soll ein bisschen komisch sein«, ergänzte sie, »hat der Bekannte gesagt. Aber nett.«

Ein bisschen komisch traf es nur ungefähr. Exakt eine Viertelstunde zu früh stand Nico vor unserer Proberaumtür. Er trug filziges, langes Haar, einen zauseligen Bart, einen Sparkassenbeutel in der rechten Hand und einen dreibeinigen Hund auf dem Arm. 

»Wonach riecht das denn hier«, fragte er. 

»Das ist kein Asbest«, sagte ich. Auf dem Dachboden meiner Schwester roch es wirklich nicht gut, sonst hätte sie ihn vermutlich zum Wäschetrocknen benutzt. 

»Feuchte Wände«, glaubte Scarlett, »oder Schimmel. Aber kein giftiger.«

»Quatsch«, widersprach ich, »im Haus meiner Schwester gibt es keinen Schimmel.«

»Ach so«, sagte Nico. 

»Komm doch erst mal rein«, forderte Scarlett ihn auf, »du bist also Nico!«

»Genau«, sagte Nico, trat über die Schwelle und setzte behutsam den Sparkassenbeutel ab. 

»Vorsicht«, warnte ich ihn nachträglich, »da ist so ein Huckel. Da sind schon einige drüber gestolpert.«

»Ach so«, sagte Nico und sah sich um. Der Hund sah sich ebenfalls um und legte schüchtern die Ohren an. 

Scarlett breitete die Arme aus und präsentierte stolz unsere Wirkungsstätte. Den Boden hatten wir mit alten Teppichen ausgelegt, an der Längsseite standen unsere Verstärker, die Knochengirlande, der Styroporkopf und unsere übrige Bühnendeko, die wir bei unserem ersten Auftritt aufzufahren beabsichtigten. Rechts, im Halbdunkel, konnte man das Schlagzeug erahnen, das meine Schwester ihrem Mann vor vier Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte. Der Mann hatte jedoch nach nur wenigen Versuchen seine plötzlich entfachte Liebe zur Musik zugunsten einer ebenso plötzlich durchgeschlagenen Neigung zum Bau von Modellflugzeugen aufgegeben. Die einzige Beleuchtung bildete eine Stehlampe, auf deren Schirm rustikale Jagdszenen abgebildet waren. Fenster gab es keine. Die nachträglich eingezogenen Deckenbalken hingen so niedrig, dass Nico sich leicht ducken musste, weil er so groß war. 

»Das ist also der Proberaum«, erläuterte Scarlett die Szenerie, »und wir sind Verona Feldbusch & Verona Pooth.«

»Ah ja«, nickte Nico bedächtig und tätschelte dem Hund den Kopf, »und wer ist wer?«

»Nein, nein«, klärte ich das Missverständnis sofort auf, »so heißt die Band.«

»Ach so«, sagte Nico, »und wie heißt ihr?«

»Ja«, begann Scarlett mit der Vorstellung und strahlte, »das ist Victoria Secret«, sie zeigte auf mich, »und ich bin Scarlett Suicide.«

Nico schien das nicht weiter verwunderlich zu finden. 

»Okay«, sagte er. 

»Das sind natürlich Künstlernamen«, sagte ich vorsichtshalber. 

»Ja klar«, erwiderte Nico und zuckte die Schultern, sodass der Hund vorübergehend ein bisschen erschüttert wurde, »was denn sonst?«

Scarlett verzog beleidigt den Mund. Sie hoffte insgeheim, dass man sie tatsächlich für eine echte Scarlett Suicide hielt. Das hatte sie mir einmal nach dem Genuss mehrerer geistiger Getränke gestanden. 

Nico stellte den Hund auf den Boden, woraufhin er aufgeregt umherzuhinken begann. 

»Oh Gott«, rief Scarlett und schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund, »wie ist das denn passiert?«

»Rasenmäher«, sagte Nico ungerührt und zuckte wieder die Schultern. Er ist gewitzt, dachte ich, aber kein Mann der großen Worte. 

Scarlett schüttelte sich und rieb ihre Oberarme, als würde sie frieren. 

»Da kriegt man ja eine Gänsehaut«, bemerkte sie, »bei der Vorstellung.« 

Nico zuckte zum dritten Mal die Schultern. Wenn er das noch mal macht, dachte ich, hau ich ihm eine rein. 

»Man stellt es sich am besten nicht vor«, sagte er. Dann bückte er sich und entnahm dem Sparkassenbeutel ein Paar Hausschlappen. 

»Oh, äh«, dachte ich laut, »du hast deine Hausschlappen mitgebracht.« 

Nico sah auf. 

»Ja«, bestätigte er, »ihr habt doch gesagt, ihr probt in der Wohnung.«

»Wir«, fragte ich dämlich. 

»Sie«, korrigierte er und zeigte auf Scarlett. 

»Also – Wohnung ist jetzt vielleicht nicht der richtige Ausdruck«, fand ich. 

»Ich habe zu Markus gesagt, wir proben auf dem Dachboden«, erklärte Scarlett. »Markus«, fügte sie an mich gewandt hinzu, »das ist der Bekannte.«

»Auf dem Dachboden eines Einfamilienhauses«, erinnerte sich Nico ganz genau. 

»Ist ja jetzt auch egal«, beendete ich die allmählich ins Sinnlose abgleitende Diskussion, »du brauchst jedenfalls deine Schuhe nicht auszuziehen.«

»Ach«, sagte Nico, »das ist mir aber lieber.«

Scarlett legte die Stirn in Falten und den Kopf schief. Auf diese Weise ähnelte sie beängstigend einer strengen Mädchenschullehrerin von vor dem Krieg, was vor allem an ihrer Tracht, in zweiter Linie aber auch an ihrer Ausstrahlung lag. Wenn sie dich mal rausschmeißen im Callcenter, sagte ich immer, hast du gute Chancen, eine erfolgreiche Domina zu werden. 

Wir sahen Nico dabei zu, wie er sich die Turnschuhe aufschnürte und in die Hausschlappen schlüpfte. Der Hund umkurvte währenddessen zweimal den linken Knöchel seines Herrchens und begann mit heller Stimme zu bellen. Er war relativ klein, nicht ganz so klein wie die Hunde, die man in Handtaschen herumträgt, aber sehr viel größer auch nicht. Außerdem hatte er kurzes, braunes Fell. Nico richtete sich wieder auf, zumindest so weit, wie es möglich war. 

»Saalfeld«, rief er den Hund augenscheinlich beim Namen, »sitz!« Der Hund setzte sich. »So«, sagte Nico und lächelte uns zum ersten Mal an. 

Ich hüstelte verlegen. Saalfeld, dachte ich, Saalfeld und Hausschlappen, der hat sie doch nicht alle. 

»Dann würd ich sagen«, strahlte Scarlett, grundlos begeistert, wie ich fand, »wir legen einfach mal los, oder?«

Unternehmungslustig stöpselte sie ihre mintgrüne E-Gitarre ein, die äußerlich einer Fender Stratocaster nachempfunden war, aber leider nicht so klang. Das machte jedoch nichts, da es Scarlett hauptsächlich auf Lautstärke ankam. Ich griff nach dem Mikro, stellte es auf on und sprach »eins, eins«, hinein, weil ich nichts Besseres zu tun hatte, während Scarlett vorgab, ihr Instrument zu stimmen. Ich fühlte mich nicht speziell zur Sängerin berufen, doch da ich sonst nichts konnte, zumindest nicht im Bereich Musik, blieb mir keine andere Wahl auf dem Weg zum Ruhm. Mit dem Ruhm wurde es auch langsam mal Zeit, da wir stark auf die Dreißig zugingen. Scarlett sogar noch stärker als ich, denn sie war ein halbes Jahr älter. 

Nico ließ sich ächzend auf dem Schlagzeughocker nieder. 

»Wie alt bist du eigentlich«, erkundigte sich Scarlett aus heiterem Himmel. 

»Fünfundzwanzig«, antwortete Nico, rieb sich mit den Handflächen über die Oberschenkel und sah sich suchend um, »habt ihr vielleicht ein Paar Sticks?«

Saalfeld verharrte noch immer an Ort und Stelle und gähnte. 

»Fünfundzwanzig«, wiederholte Scarlett neidisch, »ich hätte dich aber älter geschätzt!«

»Das macht der Bart«, gab Nico emotionslos zurück. 

»Na ja«, seufzte Scarlett, »es wäre ja auch nicht schön, wenn du jünger aussehen würdest als wir.«

»Wieso hast du denn keine eigenen Sticks«, fragte ich ins Mikro, sodass Scarlett und Nico synchron zusammenzuckten. 

»Vergessen«, antwortete Nico.

Das fängt ja gut an, dachte ich. Hausschlappen ja, Sticks nein. 

»Na gut«, gab ich mich friedfertig, »guck mal da links neben dir, da steht so eine Kiste, da müssten noch welche drin sein. Ich weiß aber nicht, welche Stärke und so.«

Nico verschwand hinter dem Schlagzeug und kramte lautstark in der Kiste herum. Scarlett tappte ungeduldig mit dem Fuß, der in einem an Cinderella erinnernden Zierschuh steckte, auf den Boden und sah demonstrativ auf die Uhr, die über der Tür hing. Die Tür war mit Eierkartons beklebt, weiter waren wir mit der Schallisolierung nie gekommen. Zum Glück ist das Haus meiner Schwester freistehend. 

Ich tippte mir vielsagend mit dem Zeigefinger gegen die Stirn und machte ein verdrießliches Gesicht. Scarlett seufzte. 

»Hier«, sagte Nico und tauchte mit einem Paar Sticks wieder auf, das aussah, als hätte vor langer Zeit jemand daran mit einem Beil seine Aggressionen ausgelassen. 

»Gut«, erwiderte Scarlett, »dann spielen wir jetzt einfach mal einen unserer größten Hits und du experimentierst ein bisschen dazu.« Sie nickte mir zu und rief: »Eins, zwei, drei, vier!« 

Und schon ging es los. Wir spielten das Lied Morbid Nights, das aus zwei schleppend vorgetragenen Akkorden und wenig Text bestand. Gespannt warteten wir auf Nicos Einsatz. Nach nur wenigen Sekunden begann er bereits, im Takt mitzuwippen und zog konzentriert die Brauen zusammen. Ich war gerade bei der zweiten Strophe, als er plötzlich wild auf die Becken einschlug, dann ein bisschen auf den Toms herumpolterte und schließlich mit kräftigen Hieben alles niederlärmte. Gegen Ende des Liedes rang er sich endlich dazu durch, in den richtigen Rhythmus einzufallen. Es klang eigenartig, aber ohne Schlagzeug hatte das Lied auch schon immer eigenartig geklungen. 

Der kleine Saalfeld hechelte zufrieden vor sich hin. Vielleicht ist er taub, mutmaßte ich. 

Einen Augenblick lang herrschte Stille, und ich vernahm nichts als das Rauschen der Anlage und das Piepsen meiner eigenen Ohren. Dann war es mit dem Frieden aber auch schon wieder vorbei. 

»Alter«, jauchzte Scarlett, »das war ja sagenhaft!«

Sagenhaft bescheuert, dachte ich. 

»Ja«, fragte Nico verdutzt, »ich mach das noch gar nicht so lange.«

»Das merkt man«, bemerkte Scarlett, »es klang irgendwie – urwüchsig.« 

»Na ja«, relativierte ich die Angelegenheit ein wenig, »es klang zumindest … zumindest extravagant.«

»Extravagant«, nickte Scarlett und schnipste bekräftigend mit den Fingern, »genau! Ich würde sagen«, fuhr sie fort und sah mich erwartungsvoll an, »er ist drin, oder?«

»War das jetzt eine Suggestivfrage«, brummte ich angesäuert. 

»Selbstverständlich«, sagte Scarlett fröhlich. Ich stöhnte, aber nur ganz leise, ich wollte ja nicht unverschämt sein. Nico war zwar komisch, doch dafür konnte er schließlich nichts. Scarlett nahm auf ihrem Billigverstärker Platz, zupfte an ihrem Gitarrengurt und fixierte ernst den neuen Schlagzeuger. »Jetzt brauchst du bloß noch einen Namen«, beschloss sie.

»Wer sagt dir«, fragte Nico schlau und legte graziös die Sticks zur Seite, »dass ich überhaupt mitmachen will?«

»Meine Intuition«, erwiderte Scarlett. Es klang drohend. 

Ich fühlte mich ein bisschen übergangen. Doch dann fiel mir der Name ein. 

»Nihil Valentine«, sagte ich.

»Was«, fragten Scarlett und Nico im Chor. 

»Nihil Valentine«, wiederholte ich. 

Scarletts Miene hellte sich schlagartig auf. 

»Perfekt«, freute sie sich, »den nehmen wir!«

»Hm«, murrte Nico und rieb sich die Nase, »ich weiß nicht.«

»Doch, doch«, beharrte Scarlett und schlenkerte enthusiastisch mit ihrem Plagiat von Instrument herum.

»Ich meine«, warf ich nicht ohne böse Absicht ein, »du hast deinen Hund Saalfeld genannt, dagegen ist Nihil Valentine doch wohl total harmlos.« 

Nico rutschte auf seinem quietschenden Sitz hin und her und zeigte erstmals Anzeichen von Unbehagen. »Ich habe ihn nicht so genannt«, korrigierte er, »der hieß schon so. Ich hab ihn von einem Punkermädchen, das sich das Futter nicht mehr leisten konnte.«

»Oh«, sagte ich verstört. 

»Aber im Prinzip würd ich gerne bei euch mitmachen«, kam er auf den Punkt zurück, »nur vielleicht lieber als ich selber.«

»Kommt nicht infrage«, blieb Scarlett unerbittlich, »wie sieht das denn aus, wenn sie im Fernsehen sagen: Und jetzt live im Interview der Nico von den Veronas!« Sie schüttelte den Kopf. »Nee, nee«, setzte sie hinzu, »nee, nee.«

»Die Veronas«, sagte Nico, stand auf, stieß sich den Kopf, verzog das Gesicht und nahm wieder eine gebückte Haltung ein, »das hört sich lustig an.«

»So nennen uns unsere Fans«, wusste ich, »die zukünftigen.«

Saalfeld erhob sich und stieß ein vergnügtes Kläffen aus. 

»Dann wär das ja schon mal geklärt«, fand Nico, »aber meint ihr nicht, es fehlt irgendwie der Bass?«

»Doch«, stimmte Scarlett zu und warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu.

Ich hob abwehrend die Hände. »Ich habs versucht«, erinnerte ich sie, »ich kanns einfach nicht.«

»Wir dachten, Schlagzeug ist erst mal wichtiger«, erklärte Scarlett. 

»Hm«, sagte Nico, »ich hör mich mal um.«

Der Erste

»Wie weit genau«, frage ich und blicke Scarlett forschend an, »sind wir denn deiner Meinung nach gekommen«, ich lege eine dramatische Pause ein, »mit Nico?«

»Nun ja«, sagt Scarlett gedehnt und pfeffert die leere Mohrenkopfpackung zielsicher in den Mülleimer, den meine Schwester immer den amerikanischen Mülleimer nennt, weil er keinen Deckel hat, »immerhin hätten sie uns beinahe beim Milliways genommen.« 

»Das hatte aber nicht speziell was mit Nico zu tun«, wende ich ein und wickele mir eine bis zum Gehtnichtmehr blondierte Strähne um den Finger. 

»Ja nein«, sagt Scarlett, »aber ohne Schlagzeug wär das garantiert auch nichts geworden.« Sie wischt sich vornehm die Hände an ihrem dunkelblauen Bleistiftrock ab. 

Das Blöde war, dass es unter anderem auch deswegen nichts geworden ist, weil ich mich mit dem Auftrittsvermittler überworfen habe. Es ist natürlich von Anfang an eine seltsame Situation gewesen: Ich meine, wann kriegt man schon mal einen Auftritt vor zwanzigtausend Leuten auf einem wichtigen Festival von einem quasi Unbekannten angeboten? 

Nachdenklich betrachte ich mein gespenstisches Spiegelbild in der Glasscheibe vor dem gerahmten Ministry-of-silly-walks-Poster, das neben der Tür hängt. Mein Gesicht befindet sich genau auf der Höhe von John Cleese’ rechtem Knie. Heimlich wende ich mich mal zur einen, mal zur anderen Seite und studiere mein Dreiviertelprofil. Die Augen gehen, finde ich, zumindest mit viel Eyeliner. Die Nase könnte natürlich kleiner sein, aber da ist ohne Eingriff nichts zu machen. Mit meiner Haarfarbe hingegen bin ich sehr zufrieden, sie passt optimal zu den künstlichen Blumen und Schleifenbändern und Perlenkettchen, die ich mir zu besonderen Anlässen an den Kopf montiere. Irgendwie muss man schließlich auf sich aufmerksam machen, wenn man neben Scarlett bestehen möchte, die seit jeher sehr schön ist mit ihrer Divenfrisur und der ewigen Highheelstragerei. Ihre Schönheit, denke ich, muss Robin doch eigentlich auch aufgefallen sein, und in meiner Magengegend fängt es an zu ziehen, als hätte ich eine schlechte Nachricht bekommen. Robin ist übrigens der Mann, mit dem ich mich überworfen habe. 

»Also, ich persönlich bin fest davon überzeugt«, reißt Scarlett mich aus meinen Gedanken und verschränkt unterstreichend die Arme vor der Brust, »dass Nico Glück bringt.«

So langsam wird sie wirklich komisch, denke ich, das muss am Schnaps liegen. Der Schnaps zersetzt ihre Gehirnzellen. 

»Glück«, wiederhole ich, »wie ein vierblättriges Kleeblatt? Oder wie der Schornsteinfeger? Oder wie ein … ein«, ich denke so scharf wie möglich nach, obwohl ich leider auch schon etwas von dem Schnaps getrunken habe, »ein Dings, ein Schwein?«

»Genau«, grinst sie schief.

»Blödsinn«, erkläre ich.

»Kein Blödsinn«, bleibt sie störrisch und greift nach der Flasche mit ihrem selber erfundenen Cocktail aus Wodka, Absinth und einem Schuss Fanta. Wir nennen ihn Nahtoderfahrung. 

»An deiner Stelle würde ich für heute mal langsam mit dem Saufen aufhören«, gebe ich ihr einen guten Rat, »was macht das denn für einen Eindruck?«

»Ich habe nur genippt«, lügt Scarlett und rülpst leise, »außerdem bin ich sehr trinkfest. Hör mal«, fällt ihr noch ein Argument für ihre These ein, »ohne Nico hätten wir zum Beispiel nie im Leben Cristian kennen gelernt. Wo bleibt der eigentlich?«

»Nein«, stimme ich zu, nehme ihr die Flasche weg und kippe mir einen großzügigen Schluck hinter die Binde, denn mir ist es schließlich egal, was ich für einen Eindruck auf den Neunten mache, »aber uns wären auch der Erste und der Sechste erspart geblieben.«

Mit dem Ersten hatten wir nur einen Auftritt. Der Auftritt fand in Ahlen statt und die Veranstaltung hieß Pöttkes- und Töttkenmarkt. Wir waren Teil eines bunten Unterhaltungsprogramms. Als wäre das nicht schon schlimm genug gewesen, ging der Erste zu allem Überfluss auch noch mitten in der Darbietung von der Bühne, weil er dachte, er wäre nicht dran. Aber alles schön der Reihe nach. 

Auf dem Weg nach Ahlen las Nico aus einer Broschüre vor, was uns bevorstand. 

»Hier«, schrie er, um das Getöse des uralten Motors in Scarletts Ford Escort zu übertönen, das Gespräche während der Fahrt nahezu unmöglich machte, »hier steht: mit Streichelzoo und Modenschau. Die Besucher können die westfälische Küche probieren, allerlei Kurioses entdecken und an über zweihundert Verkaufsständen vorbei schlendern.« 

»Was«, schrie Scarlett zurück und drehte sich um, obwohl gerade eine Kurve vor uns auftauchte. Sie fährt grundsätzlich, als sei ihr die komplette Besetzung des Höllenschlundes auf den Fersen. Außerdem kurbelt sie zwanghaft noch vor dem Start ihr Fenster ganz herunter, egal bei welchem Wetter, um den Gestank der Zigarillos zu vertreiben, die sie immer während des Fahrens raucht. Eigentlich müsste ich mich längst daran gewöhnt haben, doch mir wird jedes Mal aufs Neue ein bisschen apokalyptisch zumute, wenn ich der Beifahrer sein und ihr die Wegbeschreibung vortragen muss, weil sie Navigationsgeräte kategorisch ablehnt. 

»Schlendern«, schrie Nico und schob seinen Schädel zwischen den verlaust wirkenden Kopfstützen hindurch, die er fest umklammert hielt. Sofort wehten mir seine Haare in die Nase. 

»Mir wehen deine Haare in die Nase«, schrie ich. 

»Was«, schrie Nico.

»Deine Haare«, schrie ich und fuchtelte mir veranschaulichend mit den Fingern vor dem Gesicht herum. 

»Oh«, schrie Nico und kramte umständlich ein Haargummi aus der Hosentasche, »Entschuldigung!«

Ich rückte meine Sonnenbrille zurecht und versuchte mich zu entspannen. Der Erste entspannte sich schließlich auch, es gab also keinen Grund, nervös zu sein. Er lungerte friedlich in seiner Ecke der Rückbank herum und kraulte Saalfeld den Bauch. Zwischen ihm und Nico türmten sich die Sachen, die nicht mehr in den Kofferraum gepasst hatten, unter anderem der Styroporkopf und Scarletts schrankartiger Gitarrenkoffer, in dem neben der nachgemachten Stratocaster locker noch ein bis zwei Leichen Platz gefunden hätten.

»Ich habe das Gefühl«, schrie Scarlett und drückte endlich den schlimm qualmenden Zigarillo aus, und zwar auf dem Armaturenbrett, »das wird eine ganz schreckliche Veranstaltung.«

»Ich auch«, pflichtete ich ihr bei. 

»Was«, schrie Nico. 

»Ich auch«, schrie ich. 

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