Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Nur $9.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Das Universum nach Landau: Roman in Dokumenten und Novellen

Das Universum nach Landau: Roman in Dokumenten und Novellen

Vorschau lesen

Das Universum nach Landau: Roman in Dokumenten und Novellen

Länge:
318 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 1, 2016
ISBN:
9783955560942
Format:
Buch

Beschreibung

Als unerwartet eine biologische Katastrophe losbricht, bei der die Pflanzenwelt auf der Erde völlig durchdreht, scheint das Ende der Menschheit gekommen. Aber sie überlebt.
Als eine geheimnisvolle Macht eine Welt nach dem anderen übernimmt oder auslöscht, gibt niemand mehr einen Pfifferling auf den Homo sapiens. Aber er macht weiter.
Auch wenn er von unbegreiflichen Lebensformen absorbiert wird, zum alles beherrschenden Raubtier umgewandelt oder von einer übermächtigen Zivilisation zur Ausrottung vorgesehen wird, es gibt ihn immer noch.
Selbst als die Kälte in ihrer reinsten Form ihn umzubringen versucht, widersteht er. Und auch, als sich das Universum selbst sich gegen ihn auflehnt, findet der Mensch einen Weg, ihm ein Schnippchen zu schlagen.

Nach den Romanen über den Regenplaneten - "Vilm. Der Regenplanet", "Vilm. Die Eingeborenen", "Vilm. Das Dickicht" - und dem Roman "Galdäa. Der ungeschlagene Krieg" entführt Karsten Kruschel, zweifacher Gewinner des Deutschen Science Fiction Preises, den Leser wieder in sein Universum. Es gibt viel Neues zu entdecken, vor allem aber den wichtigsten Verbündeten: Die Zeit.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 1, 2016
ISBN:
9783955560942
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Das Universum nach Landau

Ähnliche Bücher

Ähnliche Artikel

Buchvorschau

Das Universum nach Landau - Karsten Kruschel

Anmerkungen

1. Grün: Im Sternzeichen des Rasenmähers

Obwohl der alte Mann erst seit wenigen Stunden tot sein konnte, war bereits Gras über ihn gewachsen.

Eva Talman kniete neben dem Körper und betrachtete ihn im frischen Licht der Morgendämmerung. Ole Bernsens Füße und Beine waren vollständig von zarten Grashalmen überwuchert, ebenso die linke Hand und der größte Teil des linken Armes. Fingernagellange grüne Triebe, dicht an dicht. Den Rumpf des Leichnams hatte das emsige Unkraut nicht vollständig besiedeln können. Es mochte seine Wurzeln nicht durch Fleisch bohren, das noch warm war.

Ole Bernsen hatte in den letzten Sekunden seines Lebens versucht, den Schnitt in seiner Kehle mit seiner rechten Hand zuzuhalten. Eine zwar verständliche, aber völlig sinnlose Reaktion, wenn einem Luftröhre und Schlagader derart gründlich durchtrennt worden waren.

»Selbstmord können wir ausschließen«, sagte Eva und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf.

»Ach, wirklich?«, sagte Maximilian mit einem gezwungen spöttischen Unterton. Er stand ein paar Meter hinter der Bürgermeisterin, um nicht zu ihr aufblicken zu müssen. Sein Gesicht war kreidebleich; seine Augen flackerten aufgeregt, und er hatte offensichtlich alle Mühe, nicht hinter das nächste Gebüsch zu kotzen. Sein Kumpel Torbjörn, der den Toten gefunden und als erster Alarm geschlagen hatte, war weniger widerstandsfähig gewesen und würgte immer noch. Sein Mageninhalt lag neben ihm am Wegesrand und würde morgen für eine besonders üppig emporsprießende Pflanze an dieser Stelle sorgen. Oder ein absonderlich farbenfrohes Moos. Je nachdem, was er gegessen hatte.

Die Bürgermeisterin würdigte die beiden jüngeren Männer keines Blickes. Das Licht der aufgehenden Sonne zeichnete lange Schatten von Haus zu Haus, ausgehend von den überall aufragenden Reaktionstanks. Irgendwo in der Siedlung warf jemand den ersten Rasenmäher an.

»Ja. Selbstmord können wir ausschließen. Es gibt nämlich keine Tatwaffe«, antwortete Eva Talman auf die Frage, die keine gewesen war. »Irgendwas verteufelt Scharfes war das, soviel steht fest.«

Die Schnittkanten, die sie hinter den mit geronnenem Blut verkrusteten Fingern des alten Mannes gesehen hatte, waren glatt und makellos. Die Wunde starrte genauso teilnahmslos in den blitzblauen Himmel wie die trüb gewordenen Augen von Ole Bernsen.

»Messer?«, brachte Maximilian hervor.

»Nicht unbedingt ein Messer. Heutzutage haben Messer viel Konkurrenz.«

»Binsenblätter?«, fragte Max, dessen jungenhaftes Gesicht langsam wieder Farbe annahm.

»Wäre möglich.«

Die großgewachsene, früh ergraute Frau dachte an die Sauergrasgewächse, die jeden morastigen Fleck und jeden Pfützenrand in kürzester Zeit überwucherten und sich mit ihren gezähnten Blattkanten, scharf wie Samurai-Klingen, zu wehren wussten. Man hatte bereits Hunde gesehen, die in so eine Pflanze gelaufen waren und dabei Pfoten oder gar ein Bein eingebüßt hatten.

Damals, als es noch Hunde gab.

»Hier kannst du nicht liegenbleiben, Ole«, sagte sie, stand auf und gab Anweisungen. Die Morgensonne ließ nach und nach, während sie höher stieg, die Farben der buntlackierten Biogastanks aufleuchten, die sich über und neben den Eigenheimen der Siedlung in den Himmel streckten.

Maximilian und Torbjörn zogen, so wie es die Bürgermeisterin angeordnet hatte, den Leichnam des alten Mannes auf eine dicke Plane, damit das Gras ihn nicht weiter überwuchern konnte. Die Wurzeln der Pflanzen wurden mit auf die dicke Plastikfolie gelegt, um die Wasserzufuhr zu stoppen, und die Plane mit dem Körper darauf in den tiefen Schatten des nächsten Gärtanks gezerrt, um das Wachstum der Triebe zu beenden.

»Nicht doch«, sagte Eva, als die beiden jungen Leute sich anschickten, die Wurzelsprossen aus dem Leib und den Beinen des Mannes zu zupfen.

Maximilian und Torbjörn blickten die Bürgermeisterin verwirrt an.

»Lasst es so, wie es ist«, sagte sie und machte eine Kopfbewegung in Richtung des Bahnhofes. »Mit dem Dienstagsmäher kommt der Polizist aus der Hauptstadt. Der möchte bestimmt den alten Ole nicht zerfleischt vorfinden.«

Sie wusste, dass die weitverzweigten Rhizome dieses Grases mittlerweile die Schienbeinknochen des alten Mannes mit einem zähen Geflecht umrankt hatten. Mindestens.

Die beiden Männer wichen zurück, als könnten die Pflanzen in Ole Bernsens erkaltendem Leib sie plötzlich anspringen.

»Diese Wurzeln können sehr lang sein«, erklärte Eva Talman, »und sehr widerstandsfähig.«

Sie musste lauter sprechen, weil das Knattern der Rasenmäher nun aus allen Richtungen kam. Die Siedlung war erwacht und lärmte herum wie jeden Morgen. Alle, die gehen konnten und denen ihr Leben lieb war, füllten den seit gestern frischvergorenen Treibstoff aus ihren Reaktionsgefäßen in die Rasenmäher um, und machten sich daran, die Stadt vom frischgewachsenen Unkraut der letzten Nacht zu befreien.

Das war einer der Gründe, die Binsen mit den mörderisch scharfen Blättern nicht auszurotten. Sie gaben prima Schneiden für die rotierenden Arbeitsmesser ab, und es war sehr praktisch für die tägliche Morgenarbeit, wenn die Ersatzklingen jederzeit ein paar Schritte entfernt wuchsen, griffbereit.

Heute war Dienstag.

Ich sollte zum Bahnhof gehen und den Polizisten darüber aufklären, dass er dieses Mal mehr Arbeit zu erledigen haben wird als sonst, dachte die Bürgermeisterin.

»Ähem«, sagte Maximilian.

Eva Talman blickte ihn überrascht an.

Hatte sie wirklich so schnell vergessen, dass er brav wie ein begossener Pudel neben der Plane mit dem teilbegrünten Ole Bernsen stand? Dann winkte sie ab. Sollte er sich trollen, wahrscheinlich wartete sein Pensum Rasenmäherarbeit auf ihn. Torbjörn hingegen hatte sich einfach verdrückt, wortlos. Wahrscheinlich füllte er inzwischen längst gehäckselte Biomasse in seine Gärtanks.

»Auf Wiedersehen, Ole«, sagte sie, blickte noch einmal auf den alten Mann herab und wandte sich ab.

Ole Bernsen würde hier auf sie warten, die steife Hand an seiner Kehle – teilweise grasbedeckt, auf seiner dicken Folie, durch die keine Triebe hindurchwachsen konnten.

Jedenfalls nicht im Laufe eines einzigen Tages.

Umschwirrt von den summenden, töffelnden und ratternden Klängen der Morgendämmerung ging die grauhaarige, große Frau die Hauptstraße hinunter in Richtung Bahnhof. Hier und da wurde sie gegrüßt; die meisten Leute waren jedoch zu sehr damit beschäftigt, das in der letzten Nacht emporgeschossene Pflanzenzeug zu stutzen. An manchen Stellen war es kniehoch, hier und da ragte es bis zur Gürtellinie eines ausgewachsenen Mannes hinauf. Zwischen den dünnen Grashalmen verbargen sich Distelstrünke und Stauden, die spotzende Hustenanfälle im Gedröhn der Rasenmäher verursachten, wenn die rotierenden Schneiden in ihre saftigen Stiele hineinhieben und sie entzweisägten.

Eva Talman rümpfte die Nase. In die vielfältigen Gerüche der emsig arbeitenden Rasenmähermotoren – jeder Gärtank produzierte seinen eigenen brennbaren Treibstoffcocktail – mischte sich hier und da der Gestank halbvergorener Pflanzenmasse. Nicht alle Biogasanlagen und Gärbehälter in der Siedlung waren hundertprozentig dicht. Je nachdem, was gerade in der Apparatur seine Erscheinungsform wechselte, konnte man unversehens das saure Aroma von Silage in die Nase bekommen oder die scharfen Ausdünstungen eines lange nicht gereinigten Tigerkäfigs.

Leider war der direkte Weg zum Bahnhof nach wie vor versperrt. Eva Talman musste die Hauptstraße verlassen und einen großen Bogen um die Pflanze machen, die sich im zerstörten Vorgarten der ehemaligen Tierarztpraxis breitgemacht hatte. Das immense Herkuleskraut war längst über dreißig Meter hoch und mindestens ebenso ausladend. Es versperrte die Straße in ihrer vollen Breite. Schon lange traute sich niemand mehr, Hand an dieses Gewächs zu legen. Seine Blätter und Dolden – und sogar die Stiele – waren mit mordsscharfen Nesselhaaren bedeckt. Das waren Nadeln, die durch Haut und durch Lederhandschuhe mühelos hindurchstachen. Die geringste Berührung dieser Pflanze genügte, um sich den Rest seines Lebens daran zu erinnern. Denn das heimtückische Kraut sonderte über seine Nesselhaare ein geruchloses, furchteinflößendes Teufelszeug ab. Furanocumarine, hatte der Doktor gesagt, ehe er an seiner eigenen Begegnung mit dem Kraut gestorben war. Eine tückische chemische Verbindung, die zu grässlichen Verbrennungen führte, eiternden Pusteln und zerstörten Hautpartien. Noch schlimmer war die Wirkung, wenn sie ans Freie gelangte und das Sonnenlicht ihre Giftigkeit explodieren ließ.

Die Bürgermeisterin schätzte den Winkel ab, in dem das Morgenlicht das Herkuleskraut beschien. Wenn es sehr warm war, gaste die Pflanze ihre höllischen Inhaltsstoffe gern in ihre Umgebung aus. Der Doktor hatte es damals eingeatmet, als er den unvorsichtigen Mechaniker gerettet hatte, und seine Lungen waren von innen heraus langsam verbrannt und zersetzt worden.

Das war kein schöner Tod gewesen. Deutlich hässlicher, als nach einem glatten Schnitt durch die Kehle zu verbluten.

Sie beschloss, den sicheren Weg außen herum zu nehmen. Dieser Sommer war zu heiß, um das Risiko des Trampelpfades einzugehen, der sich direkt an den quadratmetergroßen Blättern des Herkuleskrautes vorbeiquetschte. Und gemäht worden war dort schon ein paar Tage nicht mehr. Es könnte also mühsam werden, sich durch die Unkräuter zu wühlen, die inzwischen auf den Pfad emporgewuchert waren.

Unbedingt vormerken, dachte Eva und umrundete das verfallende Haus des Tierarztes in weitem Bogen. Die nächste Aktion mit unserem Flammenwerfer muss diesem ekligen Heracleum mantegazzianum gelten. Und zwar nachts. Wenn es nicht mehr so trocken sein würde wie derzeit.

Der Umweg blieb ohne Folgen: Der Dienstagsmäher hatte Verspätung.

Mattis Schmitz hob bedauernd und nur beiläufig die breiten Schultern, als er die weißhaarige, große Gestalt der Bürgermeisterin näher kommen sah. Dann fummelte er weiter in den Eingeweiden seines Rasentraktors herum. Er hatte rings um den Bahnhof sehr viel Fläche freizuhalten, und entsprechend häufig musste er frische Binsenblätter in den Sichelhalterungen seiner Maschine befestigen. Wegen der Hitze hatte er das Oberteil seines zerschlissenen Overalls um die Hüften gebunden, so dass die Ärmel bis zum Boden herab baumelten, und riskierte wieder mal einen Sonnenbrand. Das Licht des heißen Tages brannte auf seinen nackten Rücken.

»Wie lange?«, fragte ihn Eva Talman.

Mattis hörte auf, mit dem Werkzeug herumzuklappern. Dann sprang er fast ohne Anlauf zu dem stählernen Bahnsteig hinauf. Früher war der mal die Ladefläche eines Autotransporters gewesen. Von dort aus spähte der Mechaniker nach Osten, die Augen mit der Hand beschirmend. Es hatte Zeiten gegeben, in denen Arbeiterdenkmäler in genau solchen Posen aus Bronze gegossen worden waren, dachte Eva. Muskeln, eine angespannte Körperhaltung und der Blick in die Ferne. Die hatten jedoch nach einer lichten, glücklichen Zukunft Ausschau gehalten, nicht nach dem Zug.

Irgendwo dort hinten stiegen die Abgase des Dienstagsmähers in die Luft, der sich wie üblich mühsam vorankämpfte.

»Du hast Glück«, sagte Mattis und kam wieder herunter. »Nicht mal eine Stunde, denke ich. Die Trockenheit lässt all den grünen Dreck ein bisschen langsamer wachsen. Es muss ja auch mal gute Nachrichten geben.«

»Gab es denn so viele schlechte?«, erkundigte sich die Bürgermeisterin.

Der Mechaniker warf ihr einen ungläubigen Blick zu. »Es beunruhigt dich nicht, wenn unsere Nachbarstadt sich drei Wochen lang nicht meldet? Wenn niemand von dort bei uns auftaucht, wie sonst regelmäßig? Na, ich weiß ja nicht.«

Er hatte Recht, das wusste Eva. Sie hatte gedacht, dass das Verstummen der Gemeinde mitten im Wald nicht allgemein bemerkt werden würde. Nicht so schnell. Es gab genug andere besorgniserregende Neuigkeiten – das abrupte Verstummen des Verwaltungssenders in der Hauptstadt hatten ja nur die Bürgermeister mitbekommen, denn der Sender war verschlüsselt gewesen.

»Ich habe ihnen immer geholfen, ihren John Deere für die Rückfahrt fertigzumachen«, sagte Mattis und zeigte in die Richtung, in der die Waldgemeinde lag. Den riesigen amerikanischen Mähdrescher hatte man so umgebaut, dass man damit den Weg durch den irrsinnig gewordenen Wald zurücklegen konnte, denn Bahnanschluss gab es dort hinten nicht. »Das hat immer Spaß gemacht. Fast soviel, wie an meinen Armbrüsten zu bauen. Ich habe eine ganze Reihe davon, musst du wissen.« Er wollte sich wieder seinem kranken Traktor zuwenden.

»Ole Bernsen ist tot«, teilte Eva ihm mit.

Schmitz hielt kurz inne und kratzte sich die nackte Brust.

»Kann kaum behaupten, dass mich das betrübt«, sagte er nach einer kleinen Pause. »Schließlich ist er ein Eierkopf. Äh, schließlich ist er ein Eierkopf gewesen. Hm. Womöglich einer der Eierköpfe, die uns diesen Schlamassel eingebrockt haben, oder?«

Dann beugte sich Mattis wieder in die dunkle Mechanik des Rasentraktors hinab. Auf seinem Rücken konnte Eva Talman die Narben sehen, die sich blassrot abzeichneten und ein wirres Muster bildeten. Als hätte ein urzeitliches Vieh versucht, dem Mann alles Fleisch von den Rippen zu reißen.

»Jemand hat Ole Bernsen den Hals durchgeschnitten«, teilte Eva mit.

Mattis erstarrte.

Dann wandte er ihr im zahnraddurchsetzten Halbdämmer der Maschinerie sein schweißnasses Gesicht zu und fragte, ohne sich aufzurichten: »Ach so? Schon eine Ahnung, wer’s war?«

»Nicht die geringste«, antwortete Eva und beobachtete Schmitz’ Reaktion.

Er grunzte kurz, als habe er so eine Antwort erwartet, und widmete sich wieder seiner Arbeit. Dabei murmelte er ein paar Worte vor sich hin, die man nicht verstehen konnte.

Eva ging sehr nah an den halb auseinandergeschraubten Mäher heran, so dass sie den Schweiß des Mechanikers riechen konnte. Dann fragte sie Mattis, ob er ihr etwas mitzuteilen habe.

Er schrak hoch und stieß sich den Kopf an der aufgeklappten Motorabdeckung.

»Au, verdammt! Was soll ich denn mitzuteilen haben? Was?«

»Wo du gestern Abend gewesen bist, beispielsweise«, sagte die Bürgermeisterin leise, sehr leise. Typen wie Mattis Schmitz hörten am besten zu, wenn man nicht halb so laut war, wie sie selbst üblicherweise herumpolterten.

Der Trick funktionierte immer wieder. Der halbnackte, schwitzende Mann überlegte. Er drehte dabei irgendein Werkzeug in seinen Händen wieder und wieder herum, und sprach langsam, während er sich an Einzelheiten erinnerte, die eigentlich unwichtig gewesen waren.

»Ich hab Maximilian geholfen, seinen Sekundärtank wieder hinzubekommen. Da waren ein paar Ventile festgegangen, und die ganze Straße stank nach saurer Milch. So Kleinkram halt. Nachbarn können allerdings ganz schön sauer werden wegen so was. Danach ... danach war ich in der Faulen Ameise, was trinken. Frau Lehmann hatte ihren neuen Whisky aufgemacht. Sie nennt es einen Single Cask Malt, ein sagenhaftes ganzes Jahr alt. Verkostung zum halben Preis.«

Schmitz schüttelte sich und grinste bei der Erinnerung an den Kneipenbesuch.

»War immer noch zu teuer, wenn du mich fragst.«

Er hatte recht. Eva Talman war ebenfalls dort gewesen und hatte gekostet, was Frau Lehmann in ihrer Baracke als Whisky ausgeschenkt hatte.

»Desinfektionsmittel«, sagte sie. Bei der Erinnerung an den Geschmack des Schnapses musste sie sich ein bisschen schütteln.

»Möglicherweise. Oder Abbeize. Sollte jeden Lack von der Kommode runterholen ... Warum fragst du das eigentlich?«

Beide vermieden die Gedanken daran, dass die Quellen des wirklichen Whiskys vor wenigen Monaten versiegt waren, als habe eine noch fürchterlichere Gewalt als die der entfesselten Pflanzenwelt sie hinweggewischt.

»Wie lange warst du in der Faulen Ameise?«, fragte Eva. »Als ich dort war, habe ich dich nicht gesehen.«

Mattis achtete nicht auf ihren forschenden Blick.

»Keine Ahnung«, erwiderte er. »Ich war ziemlich zugelötet. Stark war sie ja, Frau Lehmanns Batteriesäure. Ich bin dann wohl irgendwann nach Hause getorkelt. Habe ein wenig an einer Armbrust herumgeschraubt und bin darüber eingeschlafen.«

Eva schüttelte den Kopf. »Besoffen gewesen zu sein ist kein besonders gutes Alibi.«

Schmitz schraubte sich vor ihr zu seiner vollen Größe empor und starrte die grauhaarige Frau drohend an, was ein bisschen seltsam wirkte, denn er musste nach oben schauen dabei.

»Alibi? Ich brauche ein Alibi?«, fragte er empört.

»Nicht nur du.«

Sie sah hinab, ihm in die Augen, kühl.

»Da sind eine ganze Reihe von Leuten, die ich nach einem Alibi werde fragen müssen. Der alte Mann war ja nun nicht gerade beliebt.«

»Aus gutem Grund«, knurrte Schmitz. »Ohne seine verfluchten Forschungen und seinesgleichen könnte unsere Welt womöglich noch richtig aussehen. Ich meine, so aussehen wie immer. Nicht so ...«

Er suchte nach einem passenden Wort.

»Nicht so grün.«

Eva Talman nickte und strich Mattis Schmitz in Gedanken von ihrer Liste verdächtiger Personen. Der Mechaniker war zu simpel gestrickt, als dass er hätte derart unbeteiligt bleiben können, wenn sie ihn mit ihrer Vermutung konfrontierte.

»Wenn Ole Bernsen und seine über den Globus verteilten Kollegen nicht so erfolgreich an diesem Glibberzeug geforscht hätten ...«, begann Schmitz.

»Du meinst das Komplex-Gibberellin ...«

»Ja, eben das ... Ich würde tun, was ich immer getan habe. Heckspoiler an Kleinwagen schrauben. Und Familienlimousinen tieferlegen. Bassbooster in Kofferräume montieren. Lachgaseinspritzer an viel zu kleine Motoren bauen. So Zeug eben.«

Er zuckte mit den Achseln und verzog ein wenig das Gesicht. Beinahe fürchtete die Bürgermeisterin, die rosa glühenden Narbenlinien auf seinem Rücken hätten sich wieder geöffnet.

Seitdem die unaufhörlich in immer neue Kräuter schießende Vegetation die Autobahnen und Fernstraßen in undurchdringliche Dickichte zurückverwandelt hatte, war der Bedarf an Kraftfahrzeugen auf nahezu Null gesunken. Es gab nichts, wo man hinfahren konnte, und vor allem gab es keine Straßen, auf denen man hätte ein Auto bewegen können – abgesehen von den paar Wegen hier in der Siedlung, die jeden Morgen gemäht werden mussten. Deswegen schraubten Leute wie Schmitz heutzutage an Rasentraktoren und Binsenklingen herum. Hin und wieder an einem John Deere. Oder an den wirklich großen Maschinen wie denen, auf die Talman gerade wartete, oder denen im Himmel.

Gab es eigentlich in den letzten Monaten wirklich immer weniger Zeppeline, oder bildete sie sich das ein?

Irgendwo weit hinten im Dschungel trötete ein Nebelhorn. Das musste der Dienstagsmäher sein, der sich auf seinem Weg durch die grüne Hölle bemerkbar machte. Irgendjemand hatte der Maschine einen dieser Schiffsheuler spendiert, einen Typhon, mit denen sich normalerweise Ozeanriesen im dichten Nebel auf hoher See voreinander warnten. Wenn dieses Geräusch auf dem Land erklang, mitten in einer vollkommen verwilderten Ebene, die von ausgeflipptem Grünzeug überwuchert war, hatte das etwas Unwirkliches.

»Der Dienstagsmäher«, sagte Mattis überflüssigerweise.

»Du bist doch oft genug in dieser Kaschemme«, sagte Eva Talman.

»Wenn ich nicht schrauben oder Gras und anderes grünes Gelump wegmachen muss, ja. Na klar. Viele andere Möglichkeiten gibt’s ja heutzutage nicht.«

Diesen blöden Satz beachtete die Bürgermeisterin nicht.

»Wenn da über das Gibberellin und über den alten Bernsen geredet wird ... wer schimpft denn so am lautesten? So richtig mit Pfeffer?«

Schmitz dachte nach, und seine linke Hand, die gerade kein Werkzeug gepackt hatte, wanderte langsam zur Hüfte, um wie unter Zwang an den Narben auf dem Rücken herumzupulen. Eva griff zu und stoppte die Bewegung.

»Nicht dran rumkratzen«, sagte sie. »Sei froh, dass du die Begegnung mit dem Heracleum halbwegs überstanden hast.«

Andere hatten nicht soviel Glück, setzte sie in Gedanken hinzu, andere nicht.

Mattis riss sich zusammen, entwand seinen Arm dem Griff der großen silberhaarigen Frau und nahm irgendeinen schwer und kompliziert aussehenden Schraubenschlüssel oder dergleichen in die freie Hand. Ein Engländer, ein Franzose? Die Bürgermeisterin kannte sich mit all dem Mechanikerkram nicht gut aus.

»Wenn es einmal wirklich hoch hergeht, dann sind alle wütend auf die Weißkittel und ihre saublöden Forschungen«, murmelte er und drehte die beiden Metallteile schnell hin und her. Seine Finger waren ölverschmiert. Die Muskeln in seinen Armen bewegten sich sichtbar unter seiner Haut; die Teile in seinen Händen mussten ein ordentliches Gewicht haben.

»Ich meine«, sagte er, »sie sollten doch bloß ein Wunderding basteln, irgendein Teufelszeug für die biologische Rettung der Menschheit, wie es genannt wurde, das Ende des Hungers auf der Welt ... und dann kommt so was dabei heraus. Ist doch idiotisch. Das Ende des Hungers auf ewig, ha, ha, ha.«

Er zeigte mit dem Schraubenschlüssel – oder wie auch immer dieses stählerne Dingens genannt wurde – auf den aus allen Nähten platzenden Pflanzenhaufen, den man selbst mit dem besten Willen keinen Wald mehr nennen konnte. Es war ein Ozean aus verschiedenen Grünschattierungen, so hoch wie ein fünfstöckiges Haus. In unregelmäßigen Abständen ragten rankenbehangene Säulen daraus in den Himmel, die man wohl als Bäume bezeichnen musste, obwohl sie hoch waren wie Kirchtürme, barock mit allerlei Flechten und Epiphyten besetzt. Ein langsamer Tsunami aus Flora.

Hin und wieder erklang das Tröten des Zuges mitten daraus hervor. Das gewaltige Herkuleskraut, das inmitten der Siedlung seine giftnadelstrotzenden Dolden in die Sonne streckte, beachtete Schmitz nicht. Wie üblich.

»Eigentlich schimpft jeder«, sagte er. »Auf die Weißkittel natürlich, auf die Eierköpfe. So im Allgemeinen. Auf alle.«

Mattis vertauschte die beiden Werkzeuge in seinen Händen, ohne hinzusehen.

»Auf den alten Ole im Besonderen schimpft eigentlich niemand. Na ja, Torbjörn hin und wieder. Wenn er die Zähne denn mal auseinander kriegt.«

Metall stieß klingend auf Metall, als der Mechaniker damit herumspielte, ohne es zu bemerken.

»Und Max natürlich. Der hätte heute einen schönen Posten in der Forschung. Und eine Karriere. Wenn nicht alles aus dem Ruder gelaufen wäre.«

Eva Talman erinnerte sich. Maximilian war Student gewesen und hatte kurz vor dem Abschluss gestanden, als das Komplex-Gibberellin die Welt mehr oder weniger über Nacht in ein pflanzliches Tollhaus verwandelt hatte. Der Junge hat sich seine Zukunft bestimmt anders vorgestellt, dachte sie, deutlich weniger Rasenmäher, und deutlich mehr Labor.

Der Mäher, den manche den Dienstagsdrachen nannten, beendete die angeregte kleine Plauderei ..., die Mattis so gut wie allein bestritten hatte. Der Zug brach aus dem Dickicht heraus wie ein Lindwurm, der sich verfahren hatte.

Ein Untier, das den Wald fraß, um sich durch ihn hindurch und vorwärts zu bewegen. Mit lautem Krachen und Knacken kippten die überdimensionierten Stauden des ausgeflippten Waldes um, als ihnen schneidenbewehrte Ausleger mit raschen Schnitten dicht über dem Boden die Haupttriebe kappten. Greifzangen wirbelten unaufhörlich durch die Luft wie die Scheren eines wahnsinnig gewordenen Gliedertieres. Sie zerrten all die pflanzliche Substanz, die der Zug sich selbst aus dem Weg räumte, in die rotierenden Walzen einer breiten Reißwolfbatterie. Die wiederum fütterte unaufhörlich

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Das Universum nach Landau denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen