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Das europäische Alphabet Kyrilliza: 1100 Jahre Abenteuer einer Schrift

Das europäische Alphabet Kyrilliza: 1100 Jahre Abenteuer einer Schrift

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Das europäische Alphabet Kyrilliza: 1100 Jahre Abenteuer einer Schrift

Länge:
271 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 10, 2017
ISBN:
9783990470312
Format:
Buch

Beschreibung

Russisch würde man ja gern lernen, wäre da nicht dieses schreckliche Alphabet, kyrillisch (oder wie es heißt)... Weg mit diesem frequenten Selbstbetrug! Kyrillisch schreiben zahlreiche Nichtslawen (z. B. rumänische Moldover) und sechs slawische Völker, darunter unser EU-Partner Bulgarien, weswegen seit Frühjahr 2013 immer mehr Euro-Scheine mit drei Schriften kursieren: EURO (Lateinisch), EYPO (Griechisch) und EBPO (Kyrillisch). Kyrillisch verweist auf den Heiligen Kyrill (um 827-869), der zusammen mit seinem älteren Bruder Method von Papst Johannes Paul II. 1980 zum Schutzpatron Europas proklamiert wurde.

Kyrilliza (und ihr Vorläufer Glagoliza) sind reine "Retorten"-Schriften, mit Anfängen im Geschichtsdunkel, zumal von Kyrill und Method nichts Schriftliches überliefert ist. Natürlich hat der Heilige Kyrill direkt nichts mit dem Kyrillischen zu tun, da dieses erst 893 offizielle Schriftnorm wurde. Details breitet Wolf Oschlies in seinem jüngsten Wieser-Buch aus - zu Geschichte und Verbreitung der Kyrilliza bei Slawen und Nichtslawen, zu Reformen und Verirrungen dieser Schrift, zu ihrer Bedrohung (durch frühsowjetische Schriftengegner), Gefährdung (z. B. durch lateinisch codierte PC) und Wiederbelebung (durch Tourismus und Buchmessen), zur Situationskomik ihrer Verwendung, zu politischen Scherzen wie jüngst "Putins höfliches Alphabet" etc.

Von wegen "schweres" kyrillisches Alphabet! Oschlies sagt (aus jahrzehntelanger Lehrerfahrung) "Njet"! Sechs oder sieben kyrillische Lettern (/J/OMATEK) sind wie im Lateinischen, die anderen schön, dekorativ und kinderleicht zu lernen. Ausprobieren!
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 10, 2017
ISBN:
9783990470312
Format:
Buch

Über den Autor


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Das europäische Alphabet Kyrilliza - Wolf Oschlies

Auswahlbibliographie

Einführung

(in historische und politische Nebelfelder)

In Südosteuropa finden sich hundertfach ältere Ikonen und neuere Statuen, die die Gebrüder Kyrill (Konstantin, 826–869) und Method (Michael, 815–885) aus Thessaloniki zeigen. Die beiden wurden am 30. September 1880 von Papst Leo XIII. heiliggesprochen und 1980 (zusammen mit Benedikt von Nursia) von Papst Johannes Paul II. zu Schutzpatronen Europas erhoben. Wobei sich Slawen besonders angesprochen fühlen, auch die Lausitzer Sorben in Deutschland, die noch 60.000 Angehörige zählen. Seit 1862 besteht bei ihnen eine »Towarstwo Cyrila a Metoda (TCM)«, also ein »Cyrill-und-Method-Verein«. Kyrill und Method werden oft als »Slawenapostel« apostrophiert, was aber nach dem polnischen Slawisten Brückner unkorrekt ist: Die Brüder aus Thessaloniki waren keine gott-gesandten Himmelsboten (wie es »Apostel« sind), haben keine Slawen bekehrt und getauft, wohl aber »christliche Slawen gelehrt«, müssen also »Lehrer« genannt werden. Das ist auch so geschehen, wiewohl der Ehrenname »Slawenapostel« weiter in Gebrauch ist (auch in vorliegender Darstellung).

Vor langen Jahren habe ich einmal in einer TV-Sendung gefordert, dass man auch die makedonischen Schüler von Kyrill und Method, Kliment (um 840–916) und Naum (um 830–910) zu europäischen Ehren erheben sollte. Wichtig ist, dass man Kyrill und Method als Begründer slawischer Schriftkultur kennt und weiß, dass ohne Kliment und Naum aus ihrem Werk nicht viel geworden wäre. Was Erstere begannen, haben Letztere vollendet. Kliment und Naum konnten etwas den Geschichtsnebel lichten, der Kyrill und Method versteckt – ungeachtet der rund 10.000 Studien, die bislang über sie verfasst wurden. 1862 stellte der russische (deutschstämmige) Ethnograph und Linguist Aleksandr T. Gil’ferding (1831–1872) einige erhellende Fragen, die bis heute kaum beantwortet sind: »Wann wurde das slawische Alphabet erfunden? Wurde die Kyrilliza von Kyrill erdacht? Welches Verhältnis haben die gegenwärtigen Slawen zu Kyrill und Method?«

Natürlich gibt es nicht wenige aktenkundige Belege zur Existenz der Slawenapostel, bis hin zu Briefen der Päpste Johann VIII. und Stephan V., aber wir kennen kein einziges schriftliches Zeugnis von Kyrill und Method, nicht den kleinsten Autographen aus ihrer Hand. Demgegenüber verfügen wir über mindestens 30 Lehren, Predigten, Hymnen etc., die Kliment namentlich zweifelsfrei zugeordnet werden können, und noch einmal so viele, bei welchen die Experten seit Jahrzehnten um Kliments Urheberschaft streiten. Wenn wir von Naum nichts Vergleichbares haben, dann hat das Gründe politischer Vertraulichkeit, auf die ich weiter unten eingehe.

Alle Ikonen, Statuen etc., die Kyrill und Method mit Schriftrollen in den Händen zeigen, irren zweifach. Zum einen, weil von ihnen (wie erwähnt) nichts Schriftliches überliefert ist, und zum anderen, weil »schreiben« damals vor allem »abschreiben« bedeutete: In den Klöstern gab es Bibliotheken, »Scriptorien«, »Musterbücher« und Vorlagen, die klösterlichen Statuten verpflichteten die Mönche zum Schreiben, wobei die Aufträge von kirchlichen oder weltlichen Autoritäten kamen. Waren Kyrill und Method, Vertraute und Gesandte des Kaisers von Byzanz, solche Schreibknechte? Schließlich ist da noch ein dritter Irrtum, der die Groteske streift: Kyrill und Method werden mit Schriftrollen in kyrillischer Schrift abgebildet, z. B. auf ihrem Denkmal im Innenhof der Skopjer »Universität Kyrill und Method«! Diese Schrift gab es noch gar nicht, denn zu Zeiten der Slawenapostel und von ihnen wurde glagolitisch geschrieben. Kyrillisch wurde erst später »erfunden«.

Meine liebe Mutter hat zeitlebens (sie wurde nur 55 Jahre alt) ein »Familienbuch« geführt, in das sie alles eintrug, was ihr bedeutsam erschien, bis Anfang 1949 in »deutscher« oder »Sütterlin«-Schrift, danach in lateinischer Schrift. Ich erwähne das, um die geminderte Gewichtigkeit wechselnder Alphabete für ein und dieselbe Sprache zu dokumentieren. Natürlich macht es mir einige Mühe, die Eintragungen meiner Mutter in zwei Alphabeten zu lesen, aber selbstverständlich sind sie mir nach einer gewissen Eingewöhnung nicht mehr verschlossen. Glagolitisch und Kyrillisch sind gewiss noch viel weiter voneinander entfernt, aber nicht grundverschieden! Meine hier vorgelegte Studie gilt der Kyrilliza, aber dabei darf ich die Glagoliza nicht übergehen; ich kann es auch gar nicht, da beide Alphabete zuzeiten parallel gebraucht wurden, wie etwa an der »Ohrider Literaturschule« vom 9. bis 12. Jahrhundert zu erkennen ist. Ich mache mir nicht die (irrige) russische Ansicht aus den frühen 1950er Jahren zu eigen, dass es sich um zwei Benennungen für ein und dieselbe Schrift handle und »dass die von Konstantin-Kyrill geschaffene Glagolica früher, noch im 11. Jahrhundert, Kyrilliza genannt worden sei« (Lettenbauer).

Im Januar 2007 wütete mit ungezählten Sachschäden und Personenopfern ein grimmiges Sturmtief über Deutschland, das ein Ignorant (oder Zyniker) unter den Meteorologen mit dem Namen »Kyrill« benannte. Der Namensgeber kann kein Slawe oder Slawist gewesen sein, denn seit über 1.000 Jahren schreiben unsere Nachbarn und Partner in Europa in einer Schrift, die Kyrillisch oder Kyrilliza genannt wird. In der frühen Neuzeit nannte man sie auch »cyrulische Schrift«, eventuell abgeleitet von lateinisch »cirrus« (gekraust, gelockt, gefranst) und auf die verschnörkelten Formen des altslawischen Schrifttums bezogen. Dragoslav Andrić, der geistvolle Sammler und Analytiker serbischer Sondersprachen, behauptete 1975 in einem Wörterbuch, »ćirilica« sei in Serbien ein Synonym für »etwa ganz Simples« oder »für neukomponierte Volksmusik«. Wie das zusammenpasst, wissen die Götter. Bei uns Sterblichen besteht längst Einigkeit, dass Kyrillisch nach Kyrill benannt ist, wobei wir die näheren Umstände dieser Namensgebung nicht kennen, aber sie mit einiger Sicherheit dem Bulgaren-Zaren Simeon zuschreiben können – Details dazu später.

Die Kyrilliza ist die Fortsetzerin bzw. Nachfolgerin der Glagoliza (auf die gleich noch ausführlicher einzugehen ist), und beide Alphabete slawischer Sprachen sind in vielen Details mehr oder minder unaufgeklärt. Sie entstanden in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts, also etwa anderthalb Jahrtausende nach dem lateinischen Alphabet. Unter welchen Umständen wurden sie gebildet? Wer hat ihnen ihre Namen gegeben? Generell ist die slawische Schrift ein »Retortenprodukt«, eine »Missionarsschrift«, erdacht zur Niederschrift religiöser Texte in Graphemen, die vollauf zu den Phonemen der slawischen Sprache passten.

Glagoliza und Kyrilliza sind an das griechische Alphabet angelehnt, besonders die Kyrilliza. Von ihren 43 Buchstaben wurden 24 von griechischen Unzialbuchstaben (Majuskeln) abgeleitet, mindestens vier von der Glagoliza übernommen, drei weitere durch Ligaturen gebildet (z. B. I + Є = Ѥ), die restlichen sind Neubildungen. Die ältere Form der Kyrilliza heißt »Ustav«, was »aufrecht stehende Einzelbuchstaben« besagt. Ab dem 14. Jahrhundert bildete sich in Südosteuropa die »Poluustav« (Halbustav), die kleiner und rundlicher war, dazu mit Akzentzeichen, Abbreviaturen etc. versehen, typisch für eine Schriftnorm, die die Basis staatlicher Administration, kirchlicher Lehre, militärischer Kommunikation, literarischer Produktion etc. war.

Seit Frühjahr 2013 steht auf den 5-Euro-Scheinen, seit Juni 2014 auch auf den Zehn-Euro-Scheinen, neben dem lateinischen »EURO« und dem griechischen »EYPW« der slawischkyrillische »EBPO« – gesprochen »Evro« –, womit ein Herzenswunsch der Bulgaren erfüllt wurde, den sie schon unmittelbar nach ihrem EU-Beitritt im Januar 2007 durch ihren damaligen Finanzminister Plamen Orešarski in Brüssel vortragen ließen: Europa ist kulturell erst dann komplett, wenn Kyrillisch EU-offizielle Schriftnorm wird! Ist es das? 2013 brachte die Slowakei eine Zwei-Euro-Münze mit den Abbildern von Kyrill und Method heraus – in lateinischer Beschriftung!

Wer schreibt Kyrillisch? Da sind zunächst die historischen Sprachen, die keine kommunikative Rolle mehr spielen: Altslawisch (Altkirchenslawisch, Altbulgarisch), Rumänisch, Bosnisch (Bosančica). Sodann die slawischen und nichtslawischen Sprachen von Staaten, die Mitglieder in den Vereinten Nationen sind – slawische Sprachen: Belorussisch, Bulgarisch, Makedonisch, Montenegrinisch, Russisch, Serbisch, Ukrainisch, schließlich nichtslawische Sprachen: Kasachisch, Kirgisisch, Mongolisch, Moldavisch, Tadschikisch. Diese Einteilung kann morgen schon obsolet sein, wenn z. B. überfällige Wiedervereinigungen ablaufen, etwa Moldova mit Rumänien (womit das Zwangskonstrukt »moldavische Sprache« in kyrillischer Schrift entfiele), wenn zentralasiatische Länder die Kyrilliza ablegen, weil diese sie zu sehr an Russifizierungs- oder Sowjetisierungsdruck erinnert, was auch immer.

Der serbische Linguist Zoran Milošević hat im August 2011 eine Aufstellung der »Kyrilliza als eurasische Schrift« entworfen, die vorwiegend in folgenden Ländern in Gebrauch ist: Abchasien (für abchasische Sprache), Belarus, Bosnien-Hercegovina (für serbische Sprache), Bulgarien, Kasachstan, Kirgisien, Makedonien, Mongolei, Montenegro, Russland, Serbien, Süd-Ossetien (für ossetische Sprache) Tadschikistan, Transnistrien (russisches Sezessionsgebiet im Osten der Moldova, wo »Moldavisch«, also Rumänisch, in kyrillischen Buchstaben geschrieben wird), Ukraine. Daneben hat Milošević Dutzende weiterer Sprache ermittelt, die Kyrilliza verwenden, beispielsweise »Zigeunerisch« (ciganski) in Serbien und Russland, dann diverse Kaukasus- und Ural-Sprachen, Sprachen, für die kyrillische und lateinische Schrift gemeinsam genutzt werden, sodann 20 Turksprachen, die 2002 zum Lateinisch wechselten. Der Istzustand der Alphabete (Buchstabenzahl in Klammern) ist wie folgt:

¹ Wie J in »Journalist«,

² stimmh. S wie in »sagen«,

³ im Bulg. scht,

⁴ Härte-, Weichheitszeichen.

Hinter der Abkehr der zentralasiatischen Republiken vom kyrillischen Alphabet vermuten russische Kommentare »panturkische« Bestrebungen und einen »verstärkten Einfluss der Türkei«. Ob das zutrifft oder klassische russische Feindbildung ist, spielt keine Rolle. Die betreffenden Staaten haben schlechte Erfahrungen mit russischer Instrumentierung von Schrift und Sprache. In der Zwischenkriegszeit schrieben sie Persisch, dann ein türkisch modifiziertes lateinisches Alphabet, ab 1940 kyrillisch, von dem sie bei der ersten Gelegenheit wieder abrückten. Selbst die seit 1921 souveräne Mongolei musste 1940 das kyrillische Alphabet einführen.

Trotz allem: Kyrillisch lebt! Wenn ich mir das Signet der XXII. Olympischen und Para-Olympischen Winterspiele im subtropischen (sic!) Soči am Schwarzen Meer anschaute, dann kam mir der freundliche Verdacht, dass da russische Graphiker aus der Jahreszahl 2014 so etwas wie ein para-kyrillisches Symbol machten. Die Russen möchten gern die Kyrilliza zur Staatsschrift erheben. Anfang Dezember 2002 Unterzeichnete Präsident Vladimir Putin die Gesetzesnovelle »Über die Sprachen der Völker der R(ussischen) F(öderation)«, die »die Kyrilliza zur graphischen Grundlage der Sprachen aller Republiken festlegt, die in den Bestand der Föderation eingetreten sind«. Das empfand die Republik Tatarstan an der Wolga (67.863 km², 3,7 Mio. Einwohner) als »verfassungswidrige Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten«.

In gleichlautender Formulierung protestierte der »Weltkongress der Tataren«, der Klage erhob, dass das neue Gesetz die Verfassung Russlands verletze, die doch »das Prinzip der Gleichberechtigung der Völker proklamierte und die freie Entwicklung von Sprachen und Kulturen der Völker in Russland garantierte«. Man wolle das russische Verfassungsgericht und die internationale Gemeinschaft anrufen, was aber alles für die Katz’ war. Putins Gesetzesnovelle wurde vom Parlament verabschiedet! Die Tataren waren bereits im vorrevolutionären Russland eine der höchstgebildeten Volksgruppen: Die Volkszählung von 1897 ergab, dass im Reichsdurchschnitt 27 Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben konnten, bei den Tataren aber 87 Prozent!

Die Tataren müssen sich als Mitglieder der RF fügen, was anderen erspart bleibt. So hat etwa Nursultan Naserbajev, der Präsident Kasachstans, im Dezember 2012 angekündigt, dass sein Land ab 2015 die kyrillische Schrift komplett abschaffen wolle, was bis 2025 vollbracht sein soll. Warum dieser kulturelle Gewaltakt? Weil die kasachische Hauptstadt Astana 2017 Gastgeber der Expo ist und der Gebrauch der Kyrilliza auf ausländische Besucher nicht als Beleg kultureller Modernität wirkte.

Dabei ist Kasachstan noch zurückhaltend. Bereits in den 1990er Jahren schafften »Bruderrepubliken« wie Aserbaidschan, Turkmenien und Usbekistan das Kyrillisch ab, im engeren russischen Umkreis ging Tschetschenien zur lateinischen Schrift über. Unverkennbar war der Kampf gegen das kyrillische Alphabet ein getarnter Kampf gegen das sowjetische und/oder russische Imperium. Aber Vorsicht mit solchen Kämpfen, denn sie tragen häufig ein »Geschmäckle« von unfreiwilliger Komik! Oder ist es etwa nicht komisch, wenn Russen ernsthaft überlegen, »wie ein Denkmal für die russische Sprache auf dem Mond aussehen müsse«? Zur (leicht abwegigen) Begründung hieß es: »Man kann schließlich die Kyrilliza als das erste Alphabet der Welt ansehen, das von einem seiner Schreiber in den Kosmos getragen wurde.« Gemeint war der kleine Russe Jurij Gagarin, der am 12. April 1961 auf dem Raumschiff »Vostok« (russ. Osten) ins All vorstieß. »Diesen Namen, in Kyrilliza geschrieben, konnten die Engel sehen, als sie im Geleit des sowjetischen Sternenflugs flogen.« Am 21. Juli 1969 zogen die USA mit ihrer Mondlandung nach, »aber seltsam ist es schon, dass bis zur Gegenwart unseren Patrioten nicht in den Sinn kam, ein ewiges Zeichen slavisch-kirchlichen Schrifttums im Kosmos zu errichten«. Nach Gagarin ist längst ein Mondkrater benannt – einer auf der Rückseite des Mondes.

Serben, Bulgaren, Russen u. a. amüsieren sich darüber, dass schriftunkundige Ausländer vor einem Ladenschild РЕСТОРАН stutzen, weil sie nicht das kyrillisch-phonetische »Restaurant« erkennen. In Makedonien erzählt man gern die Schnurre von italienischen Kriegsgefangenen, die Ende 1944 durch das nordmakedonische Kumanovo gefahren wurden, den kyrillisch geschriebenen Stadtnamen KУМАНОВО so falsch auffassten, dass sie sich bereits irgendwo in China wähnten. Touristischer Hit bei deutschen Bulgarienbesuchern ist ein Café im Zentrum Sofias, geschrieben »Kaфe« in rechtsgeneigter Schreibschrift, wodurch das ф wie ein ck aussieht …

Kyrilliza direkt

Das kyrillische Alphabet, befand schon vor über 60 Jahren Wolfgang Steinitz (1905–1967), Deutschlands bester Didaktiker des Russischen, ist eine Sache, die selbst Kinder in kürzester Zeit bewältigen. Was zu beweisen war – von einem Dozenten, der uns Slawistik-Studenten um 1962 in die Phonetik des Russischen einführte. Im Hauptberuf war dieser begnadete Pädagoge Lehrer an einer Oberschule für Mädchen. Damals waren Oberschulen allein über Aufnahmeprüfungen nach der vierten Klasse zu entern, was alljährlich Massenchaos auslöste: Die Kinder hatten Angst, die Eltern waren nervös, die Lehrer gereizt – ein grauenhafter Zustand! Allerdings nicht bei unserem Phonetiker. Der stellte sich mit freundlichstem Lächeln vor die Kinder und erklärte, er habe eine »Geheimschrift« erfunden, die OMATEK heiße. Wobei er den Kindern nicht sagte, dass die Buchstaben O-M-A-T-E-K im kyrillischen wie lateinischen Alphabet identisch sind. Er malte Omatek an die Tafel, das russisch-kyrillische Alphabet, bei dem er nur die drei, vier schwierigsten Buchstaben ausließ, da diese im deutsch-lateinischen Alphabet keine Entsprechung haben, etwa Ж, das wie J in französisch »Journalist« zu sprechen ist. Mit den restlichen Buchstaben ließ er die Kinder herrlich spielen – »Schreibe mal deinen Namen in Omatek!« –, und ohne dass die es merkten, war die Aufnahmeprüfung vorbei, die Kommission hatte ihre Beobachtungen gemacht, die Eltern waren zufrieden und die Begutachtung der Kinder war absolut gerecht und zutreffend.

Als ich Jahrzehnte später selber Hochschullehrer für südslawische Sprachen war, erweiterte ich OMATEK zu JOMATEK, die ich bei schlendernden Spaziergängen durch Belgrad oder Skopje lesen und üben ließ. Das ging relativ einfach, obwohl es die eine umfassende Kyrilliza natürlich nicht gibt. In der serbischen Sommerschule in Novi Sad wurden einmal fünf Russen aus meiner Gruppe ausgesondert, da sie – anders als ich – nicht fähig waren, die Belgrader »Politika« (Политика) zu lesen. Und da meinten westliche Medien noch, dass Russen und Serben »dieselbe Schrift« hätten, eben das kyrillische Alphabet. Um die Irrigkeit dieser Behauptung zu demonstrieren, schrieb ich auf, wie verschieden der Staatsname »Jugoslawien« bei variierenden Kyrillisch-Usern geschrieben wurde – »ЮГОСЛАВИЯ« bei Russen und Bulgaren, die für die Laute »Ju« und »Ja« eigene Buchstaben besitzen, und »ЈУГОСЛАВИЈА« bei Serben und Makedonen. Und wenn das nicht wirkte, erzählte ich ein paar serbische und bulgarische Witze über Russen. Oder ich erwähnte die Trikotaufschrift sowjetischer Fußballteams СССР – kyrillisch für »Союз социалистических республик« (= Union der sozialistischen Sowjetrepubliken), die bei Russen endlose Witzeleien über Tse-Tse-Tse-Pe auslöste.

Die CCCP verschied am 26. Dezember 1991. Zwölf Jahre später schrieb, komponierte und sang Oleg Gazmanov ein Lied, das ihm den Titel »Nationalkünstler Russlands« eintrug, Moskau aber gewaltigen Ärger mit ex-sowjetischen Staaten schuf. 2003 wagt jemand zu singen: »Ukraine und Krim, Belarus und Moldova – das ist mein Land. Rurikiden und Romanovs, Lenin und Stalin – das ist mein Land.« Dann der mittlerweile bei Russen sprichwörtliche Refrain: »Я рождён в Советском Союзе, сделан я в CCCP« (Ich bin in der Sowjetunion geboren, ich bin gemacht (sic!) in der SSSR).

Viele Deutsche haben die Kyrilliza nach Kriegsende aus Wegweisern kennengelernt, im Ersten Weltkrieg in Ostpreußen, das ab August 1914 von zwei russischen Armeen angegriffen wurde, letztlich erfolglos, aber doch hinreichend, ostpreußische Städte wie Lyck mit altrussischer Kyrilliza in »Лыкь« umzuwidmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg brachten sowjetische Truppen in Berlin Wegweiser an, die zeigten, wo es zum »Rejchstag« oder »Lejpciger plac« ging. Als sich die ersten und chaotischen Anfänge legten, tauchten in ostdeutschen Städten Geschäfte mit kyrillischen Ladenschildern »Международная книга« (Internationales Buch) auf, in denen man russische, englische, französische und deutsche Bücher erwerben und aus Moskau sowjetische Zeitungen und Zeitschriften abonnieren konnte.

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